All Das Hat Sinn - ADHS - Ralf H. Greulich - E-Book

All Das Hat Sinn - ADHS E-Book

Ralf H. Greulich

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Beschreibung

All das hat Sinn ist ein Sachroman über ADHS, der erklären, helfen und unterhalten möchte. Dieses Buch lädt dich auf eine spannende Reise in die Gedankenwelten neurodivergenter Menschen und in ein neues Verständnis von ADHS ein. Es beginnt dort, wo alles einmal Sinn machte: am Lagerfeuer der Jäger und Sammler. Inspiriert vom Hunter-Farmer-Modell des US-Autors Thom Hartmann entfaltet sich eine erzählerische Reise durch Geschichte, Gesellschaft und persönliche Innenwelten. Über Sir Richworlds Blick auf die Menschheit und den Dialog mit Alex führt sie zu Tom, einem Jungen, der als Jäger in einer Farmerwelt aufwächst. Ein Buch, das berührend, augenzwinkernd und gespickt ist mit Erfahrungen, Gedanken und zahlreichen konkreten Strategien für ein Leben mit ADHS. In diesem Sachroman geht es vor allem um ADHS verstehen und um Strategien im Alltag. Hierbei hilft es auch, von Erfahrungen aus Sicht eines Betroffenen zu berichten. Ralf H. Greulich verbindet Fachwissen aus Psychologie, Neurobiologie, Pädagogik und Evolutionsforschung mit persönlichen Erfahrungen und fiktiven Episoden zu einem Sachroman, der das vermeintlich "Gestörte" in einem neuen Licht zeigt: als wertvolle Gabe. Mit Humor, Herz und Tiefgang wirft er Fragen auf, erzählt von inneren Expeditionen, kindlicher Wildheit, Alltagsabenteuern und davon, wie es sich anfühlt, in einer Welt groß zu werden, die oft nicht für einen gemacht zu sein scheint. Ein inspirierendes, fantasievolles Buch für Betroffene, Angehörige, Fachleute und alle, die ADHS neu entdecken wollen. Vorsicht: Dieses Buch kann Perspektiven verändern. Den Sachroman gibt es auch als illustrierte Sonderausgabe.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dieses Buch ist für all die verletzten ADHS-Seelen – und für die, die zukünftig weniger verletzte Seelen hinterlassen möchten.

Inhaltsverzeichnis

Warum all das Sinn hat

Prolog

Auf zur Forschungsexpedition ‚ADHS‘

Kann ADHS tatsächlich eine Störung sein?

Was ist normal, gestört oder einfach nur anders?

ADHS: Nachfahren der Jäger und Sammler

Spurensuche – Mit ADHS bei den Jägern und Sammlern (Eine kleine Abenteuergeschichte)

Auf zu einem ‚fantastischen‘ Ort

Am Lagerfeuer zusammen mit Jägern und Sammlern

Aka der Jäger

Die weise Urte über das Leben

Mehr als nur jagen und sammeln

Der Kundschafter und ADHS

Der Wächter und ADHS

Rituale und Kunst bei den Jägern und Sammlern

Die Bedeutung des Sammelns und Bewahrens von Wissen bei den Jägern und Sammlern

Empathie, Sensibilität, Intuition und die Nähe zur Natur

Mit ADHS und Hochsensibilität ein Jäger und Sammler sein

Bei den Jägern und Sammlern zu Hause angekommen

Jägergeschichten am Lagerfeuer, die zu ADHS passen

Aka und der Bär

Die Gefahr vor Augen lässt keine Zeit für Angst

Als Jäger in der Neuen Welt – ADHS und Jägersein

Die Vorgeschichte

Einem Jäger gleich, vom Instinkt geleitet

Aka über Impulsivität, Flexibilität und Instinkt

‚Was in der Wildnis ist gut, bringt in der Schule viel Ärger und Wut‘

Resümee: Das Jägerleben von Urte, Aka und ihrem Stamm

Eine neue Geschichte beginnt

Sir Richworld erzählt die Geschichte der Menschheit weiter

Jäger und Sammler wie vor 10.000 Jahren

Die Hazda in Tansania

Ein Leben von der Hand in den Mund

Jeder ist sein eigener ‚Herr‘

Freiheit hat ihren Preis

Lebensstandard und Zufriedenheit

Was Adam und Eva möglicherweise wirklich mit der Menschheitsentwicklung zu tun haben

Sind Menschen mit ADHS womöglich wirklich wie Jäger?

Die Menschheit wird sesshaft

Der Wandel beginnt

Ackerbau und Viehzucht

Die Natur bezwingen – Der Alltag der Farmer

Alles braucht seine Ordnung – Das Dorfleben

Neue Wege und Möglichkeiten bringen neue Herausforderungen – Der Handel

Sicherheit und Enge – Das Leben hinter festen Mauern

Disziplin und Ordnung müssen her

Reizfilter ersetzt Reizoffenheit

Was der Wandel mit sich brachte

Die Jäger und Sammler sind heute als ADHSler noch da

Die Herausforderungen für Jäger und Sammler in dieser anderen Welt

Fragen suchen Antworten

Mit Chat GPT Antworten finden

Eine verstehende Sicht auf ADHS

Stärken und Bedarfe von Jägern und Sammlern – Bereicherung und Herausforderung

Unterschiede verstehen und neue Erkenntnisse gewinnen

Was haben Depressionen und dissoziales Verhalten mit ADHS zu tun?

Die Entstehung von Sekundärstörungen bei ADHS

Warum neu über ADHS nachdenken?

Mit Alex über die Geschichte der Menschheit und ADHS schnacken

Das Telefonat

Spaziergangs-Philosophie über die Geschichte der Menschheit

Make love not war – was wir von Affen über Konfliktlösung lernen können

Komplexes wird durch Vereinfachung erst anschaulich

Geschlechterrollen bei den frühen Jägern und Sammlern

Hüther und Hartmann – Gegensätze ziehen sich an

ADHS ist nicht gleich ADHS – zwei Perspektiven

Zwei Arten von ADHS – eine Hypothese

Genetisch – mit und ohne Entwicklungsstörung

Wie ADHS erst wirklich zu einer Störung wird

Beim Autofahren kann ich super denken

Gedanken über ADHS sortieren sich im Kopf

Die „Greuliche“ ADHS-Ausprägungsformel

Chat GPT bringt es auf den Punkt

Die Geschichte von Tom

Nichtsahnend fremd als Jäger in einer neurotypischen Welt

Toms Kindheit

Trotzig und schusselig

Kreativ den Trotzkopf zähmen

Spannung geht vor, „Pflicht ist blöd“

Toms Freund Philipp

Es geht auch anders

Toms Schulzeit

Schluss mit lustig

Ablenkung und Konzentration

Hausaufgaben

Strenge geht nach hinten los. Bei Toms Freund Philipp

Philipps und Toms Perspektive

Toms weitere Schulzeit

Nach der Schulzeit

Tom und ich

ADHS und Ich

Konzentrationsprobleme

Die Diagnose

Ein anderer Blick auf das faul sein

Kann faul sein auch schlau sein?

ADHS und Faulheit

Tom meldet sich zu Wort

Was brauchen Tom und andere Jäger und Sammler

Strategien für den Umgang mit ADHS. Eine kleine Auswahl.

Toms Geschichte geht weiter.

Zusammenfassung

Zusammenfassung und Ausblick für Betroffene

Zusammenfassung und Ausblick für Eltern, Lehrer, Helfenden

Zusammenfassung und Ausblick für neurotypische Menschen, die ADHS besser verstehen wollen

Schlusswort

Anhang

Was dich hier erwartet

Grundannahmen des NLP

Aus Thom Hartmanns ADHS als Chance: Die Prinzipien der Kindererziehung nach Alfred Adler

Literaturempfehlungen

Links

Weitere wissenschaftliche Erkenntnisse und Hypothesen

Omega 3 Fettsäuren und ADHS

Der Darm und ADHS – die Rolle des Darmmikrobioms

ADHS und PTBS – warum es wichtig ist, Trauma bei ADHS mitzudenken.

Exkurs zu HSP und ADHS

Eine nicht ganz ernst gemeinte provokante These

ADHS und Medikamente

Warum und für wen ADHS-Medikamente

Für wen

Abschließende Gedanken zur Medikation

Verschiedene Behandlungsarten

Die Arbeit mit ChatGPT

ChatGPT: hilfreich oder überbewertet?

Stärken von ChatGPT

Die Grenzen von ChatGPT

Chat GPT und Wahrheitsgehalt

ChatGPT als Ratgeber

ADHS – Fluch oder Segen?

Danksagung:

Last but not least

Warum all das Sinn hat

Das „all das“ – also die zahlreichen typischen ADHS-Besonderheiten – „Sinn hat“ und für etwas gut sein könnte, dürfte zumindest damals zugetroffen haben, als die Menschen noch als Jäger und Sammler umherzogen1. Selbst heute sind viele Eigenschaften, beispielsweise in kreativen Berufen, in der Kunst, in Comedy, in der Forschung und Wissenschaft sowie in pädagogischen Berufen, von großem Vorteil. Arbeitsfelder, in denen monotone, sich wiederholende, gleichbleibende Tätigkeiten zum Alltag gehören, beinhalten dagegen für Menschen mit ADHS schwer zu bewältigende Herausforderungen.

Leider entstehen auch heute noch oft Konflikte im Leben der Betroffenen und in ihrem Umfeld aufgrund von ADHS – besonders in der Schule. Ursachen sind meist fehlendes Verstehen, unpassende Lernstrategien, eine starke Defizit-Orientierung und eine mangelhafte Sicht auf die Stärken. ADHS wird nach wie vor primär als psychische Auffälligkeit betrachtet, die zwar einige Stärken mit sich bringt, insgesamt jedoch eine Beeinträchtigung beziehungsweise eine Störung darstellt. Allmählich setzt sich der Begriff „Neurodivergenz“ anstelle von „Störung“ durch. Der defizitäre Blick bleibt jedoch mehrheitlich erhalten.

Dieses Buch soll auf hoffentlich humorvolle, unterhaltsame und gleichzeitig informative Art Aufklärung und Informationen für alle Beteiligten (Betroffene, Angehörige und Helfende) bieten.

Ich habe zudem das Gefühl, dass mit der globalen Unruhe und einer generell abnehmenden Sicherheit – auch in Industrieländern wie Deutschland – Jägerdenken und Jägereigenschaften wieder bedeutsamer werden.

Es kann sein, dass es als übertrieben und nervend angesehen wird, dass ich bei der Betrachtung von ADHS andauernd die Parallele zu den Jägern und Sammlern bemühe. Diesbezüglich will ich deutlich sagen: Solange bei ADHS nahezu grundsätzlich von einer Störung gesprochen wird, werde ich nicht müde, immer und immer wieder diesen Vergleich und die Parallelen dazu anzubringen. Erst wenn es eine Selbstverständlichkeit wird, dass ADHS nur eine andere genetische Disposition ist, die im entsprechenden Kontext über riesige Ressourcen und Stärken verfügt, wird die Betonung der Analogie zu den Jägern und Sammlern überflüssig.

Das dürfte jedoch noch sehr lange dauern, da Veränderungen im Denken oft langsam vonstattengehen – insbesondere bei Menschen, die nicht im Jägerdenken zu Hause sind.

Hinzu kommt, dass die Vorstellung, möglicherweise ein Jäger und Sammler zu sein, einen Geruch von Abenteuer, Spannung, Action, Wildheit hat – was zur Mentalität eines Menschen mit ADHS besser passt als Routine, Langeweile und Alltagstrott. Ich empfinde es als ein äußerst ressourcenvolles Bild, das speziell bei Kindern ofthervorragend ankommt. Die meisten lieben Abenteuergeschichten, das Jäger-Sein und Ähnliches. Ich glaube, dass es auch bei Erwachsenen so ist, wenn sie das Kind-Sein mitunter wieder zulassen können.

Alles, was im Folgenden in diesem Sachroman zu lesen ist, ist wahr – und gleichzeitig Fiktion. Wichtiger als die Frage, ob etwas erdacht oder erfahren wurde, ist, dass es so sein kann – und die beschriebenen Modelle funktionieren. Sie bieten eine Perspektive für einen stärkenorientierten und positiven Umgang mit ADHS2. Der wiederum erhöht die Chancen, dass neurodivergente Menschen mit geringerem emotionalem Schmerz, Widerstand und Störungen durchs Leben gehen können. Gleichzeitig führt ein solcher Umgang und das Wissen über die Hintergründe der Neurodivergenz dazu, dass es für neurotypische Menschen leichter werden kann, mit den Betroffenen gute und neue Weg zu entdecken – was wiederum auch für sie selbst stressfreier ist. Und darum sollte es doch primär gehen, oder?

Im Idealfall soll dieser Sachroman also mit dazu beitragen, dass Menschen mit ADHS keinen unnötigen Schmerz erdulden müssen und sich so zukünftig Störungen und Auffälligkeiten wie beispielsweise Depressionen komplett vermeiden lassen.

Viele andere Bücher zu dem Thema gehen von ADHS als Störung aus. Selbst wenn sie es nicht tun, sind es in der Regel entweder reine Sachbücher oder persönliche Erfahrungsberichte. Dieses Buch ist eindeutig stärkenorientiert, sieht ADHS als eine genetische Variation und verbindet Sachinformationen mit autobiografischen Inhalten und erfundenen Romaninhalten.

Wo es sich in diesem Buch um persönliche Erfahrungen handelt, habe ich dies deutlich gemacht.

Die dargestellten Unterhaltungen zeigen mögliche Gedankenaustausche, die theoretisch auch mit dir als Lesenden hätten stattfinden können. Einige Gespräche fanden in meinem Kopf statt, andere mit realen Menschen – und manche mit einer KI (ChatGPT). Entscheidend ist nicht, wie sie entstanden sind, sondern welche Erkenntnisse sie vermitteln.

Ich verwende in diesem Buch das „Du“, weil es für ein persönliches Thema wie dieses meiner Ansicht nach am besten passt. Außerdem soll es sich an viele Altersgruppen richten. Ich habe weiterhin versucht, eine geschlechterneutrale Sprache oder zumindest die männliche und weibliche Form gleichsam anzuwenden. Wenn ich an manchen Stellen – wie bei der Bezeichnung Jäger und Sammler – trotzdem nur die männliche oder weibliche Form nutze, dann allein der Lesbarkeit wegen. Zudem werden auch so leider nicht alle Geschlechter angesprochen.

Ich hoffe diesbezüglich auf das Verständnis und auf eine breite Akzeptanz.

Und noch eine Sache: Ich habe mich bei Hinweisen und Quelleangaben bewusst gegen Endnoten und für Fußnoten entschieden, obwohl der Text dadurch gedrängter wirken kann.

Warum?

Weil ich es beim Lesen als äußerst stressig empfinde, hin und her blättern zu müssen. Ich denke, dass es dir möglicherweise ähnlichgeht. Klar, könnte man beim Lesen die Endnoten zunächst ignorieren. Bei mir funktioniert dies allerdings aufgrund meiner Neugierde nicht.

1 Warum ADHS wie Jäger und Sammler sind, wird im Laufe des Buches zunehmend dargestellt. Thom Hartmann hat diesen Vergleich wegweisend geprägt und ich finde laufend neue Bestätigungen bzw. Hinweise für die Sinnhaftigkeit dieses Modells.

Thom Hartman spricht in diesem Zusammenhang von Huntern, wobei durch seine Beschreibungen der Eigenschaften davon auszugehen ist, dass er diesen als Gattungsbericht für die Jäger und Sammler (Hunter-gatherer) verwendet und nicht ausschließlich nur die explizit Jagenden meint. Da ich die Bezeichnung Jäger und Sammler, bzw. Jäger, ebenfalls als Gattungsbegriff verwende, verzichte ich hier bewusst auf das Gendern.

2 Bei ADHS werden oft drei Ausprägungen unterschieden: der hyperaktive Typ, der introvertierte Typ (ADHS ohne Hyperaktivität) und der Mischtyp (eine Kombination aus beiden). Seit dem ICD 11 (Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 11. Version) wird für alle 3 Subtypen die Bezeichnung ADHS verwendet. Die Bezeichnung ADS findet hier keine Verwendung. Wenn primär der introvertierte Typ gemeint ist, wird dies in der Regel hervorgehoben und wenn es in diesem Sachroman um Hochsensibilität und ADHS geht, so bezieht sich dies vornehmlich auf den introvertierten Typus.

Prolog

Auf zur Forschungsexpedition ‚ADHS‘

Auf ins Abenteuer ADHS!

Denn mit ADHS zu leben ist in der Regel genau das: Ein großes Abenteuer – auch wenn es oft mit viel Leid verbunden ist.

Es ist bunt und aufregend – mal Komödie, mal Tragödie, mal Drama, nicht selten auch ein Actionfilm. Kopfkino pur: abwechslungsreich und wahnsinnig farbenfroh.

Langweilig ist es auf jeden Fall nicht, obwohl etwas weniger Action manchmal durchaus wünschenswerter wäre.

Was ist ADHS?

Dieses Buch wird mit Sicherheit nicht deine erste Begegnung mit diesem Thema sein. Wenn du selbst betroffen bist, wurdest du vermutlich bereits mit vielen Beschreibungen und Zuweisungen konfrontiert. Diese sind in der Regel nicht besonders schmeichelhaft. Die gängigen Diagnoseformulierungen dürften also bekannt sein.

Solltest du als Angehörige oder Angehöriger, Fachkraft, sonstige Bezugsperson oder einfach nur als interessierter Mitmensch deinen Weg zu diesem Buch gefunden haben, so gehe ich davon aus, dass auch du bereits über ein gewisses Vorwissen verfügst.

Die Frage ist in diesem Buch daher nicht: Was ist ADHS und was versteht man im Allgemeinen darunter, sondern es geht im Grunde um Folgendes:

Handelt es sich bei ADHS tatsächlich um eine Störung – oder gar um eine Krankheit?

Welche anderen Sichtweisen kann es geben?

Und genau hier beginnt unsere Reise.

Auf zu neuen Perspektiven. Auf zu anderen Blickwinkeln. Auf zu neuen, vertrauten und beinahe vergessenen Welten.

Kann ADHS tatsächlich eine Störung sein?

Nun liege ich hier auf meinem Sofa in meinem kuscheligen Atelier zwischen all meinen Öl- und Acrylbildern. Während – wie so oft – alle möglichen Gedanken durch meinen Kopf kreisen, mischt sich eine bestimmte Frage zum Thema ADHS dazwischen:

Ist man psychisch krank, sobald man anders ist als viele andere? Was ist mit den Stärken, wie Kreativität, einer hohen Begeisterungsfähigkeit oder Tierliebe?

In extremen Situationen reagieren wir oft blitzschnell, instinktiv richtig und können zahlreiche Dinge gleichzeitig im Blick behalten.

Ja, genau: Wir. Ich gehöre nämlich auch dazu. Das „H“ (Hyperaktivität) fehlt bei mir jedoch als auffälliges Merkmal. Diese Eigenschaft, gepaart mit einer starken Unruhe, tobt sich in meinem Falle unter der Oberfläche aus. Ich bin von jeher eher verträumt, verpeilt und mit den Gedanken überall und nirgends.

Und was ist mit den zahlreichen bedeutenden Persönlichkeiten, die Großes erschaffen und erdacht haben oder mit ihrem Humor und ihrer Fantasie zahlreiche Menschen begeistern und unterhalten?

und viele, viele weitere.

Bei einigen der Genannten ist es offiziell diagnostiziert und bei den anderen weist einiges darauf hin. Sarah Kuttner, Wolfgang Joop und Eckart von Hirschhausen bekennen sich selbst öffentlich dazu, ADHS zu haben. Oder sollte man besser sagen: ADHS zu sein?

Bei den historischen Persönlichkeiten kann man es nur aufgrund dessen, was man über sie weiß, vermuten. Bei Albert Einstein wird mal von ADHS und mal vom Asperger-Syndrom gesprochen.

Sollen diese Persönlichkeiten nun alle als krank oder gestört gelten?

Muss man gestört sein, um besondere Dinge vollbringen zu können?

Irgendwie ‚stört‘ mich dieser Gedanke.

Er stört mich sogar gewaltig!

Was ist normal, gestört oder einfach nur anders?

Anders muss man sein, um Besonderes vollbringen zu können. Ja, anders als die Masse. Anders als die Masse in unserer Gesellschaft3. Menschen mit ADHS sind anders. Das ist so. Anders zu sein bedeutet jedoch nicht unbedingt gleichzeitig, eine Störung zu haben, oder?

Was versteht man unter einer Störung, und was ist normal?4 Wer definiert, was „normal“ ist? Die Mehrheit der Gesellschaft?

Wie wäre es zum Beispiel, wenn die Masse gewaltverherrlichende und diskriminierende Ansichten hätte? Wären dann die Menschen mit friedlichen, sozialen Vorstellungen nicht normal? Gäbe es in einer Gruppe eine Mehrheit an schizophrenen Menschen, würde das somit als normal gelten? Was beispielsweise zu Zeiten des Dritten Reichs als normal und richtig galt, will ich mir – aufgrund seiner Schrecklichkeit – gar nicht weiter vorstellen müssen. Es ist jedenfalls schockierend, wie trügerisch dieser Begriff sein kann.

Die Gedanken drehen sich in meinem Kopf. Sie springen umher, drehen Pirouetten und laufen wild durcheinander.

Mir wird schwindelig.

Was bringen Diagnosen?

Was bewirken Stigmatisierungen, Definitionen von normal und gestört?

Wem bringen sie was, warum und wieso überhaupt?

Und, und, und …

Tausende von Fragen.

Stopp!!!

Pause!

ADHS: Nachfahren der Jäger und Sammler

Ich lege die Bücher mit den gängigen Diagnosen und Definitionen beiseite. Mittlerweile sitze ich auf meinem roten Sessel vor einem Stapel Bücher, die auf meinem kleinen roten Bistrotisch liegen.

Worum geht es bei Diagnosen? Auch wenn es zu Stigmatisierungen kommen kann, so sollte es im Kern darum gehen, auf Basis der Diagnose – also der Beschreibung und Definition des Problems – helfende Therapien und Medikamente zu entwickeln, zu finden und zu verordnen.

Allerdings – schießt es mir durch den Kopf – scheinen sich die wenigsten Menschen positiv zu verändern und gut zu entwickeln, wenn man ihnen immer wieder sagt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Kenne ich, oder kennst du ein Kind, einen Menschen, dem so etwas guttut? Manchmal wird damit argumentiert, dass sie gerade dadurch, zum Beispiel aufgrund von Trotz, zu Höchstleistungen auflaufen können.

Doch bei wie vielen ist das tatsächlich der Fall?

Einer von zehn?

Einer von hundert?

Weniger?

Mehr?

Und selbst wenn es mit der Hilfe von Trotz und „jetzt erst recht“ gelingt, sich durchzukämpfen – zu welchem Preis geschieht dies? Mit wie viel Schmerz, Verletzungen und zehrendem Kraftaufwand ist das unter Umständen verbunden? Was einen nicht tötet, macht einen nur stärker? Was macht das alles mit dem Selbstbewusstsein? Erklären sich so manche später vielleicht auftretende Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen? Fragen über Fragen.

Ich greife nach einem Buch, das anders aussieht als die anderen. Auf der Titelseite sieht man die Erde in Form einer Pyramide.

Der Titel:

„Eine andere Art, die Welt zu sehen.“

Der Autor:

Thom Hartmann. – „Thomas Carl ‚Thom‘ Hartmann (*7. Mai 1951 in Lansing, Michigan) ist ein US-amerikanischer Journalist, Autor und Radiomoderator“ – lese ich über ihn auf Wikipedia.

Er beschreibt die Menschen, die man mit der Diagnose ADHS versieht, quasi als Nachfahren der Hunter (Jäger und Sammler). Als die Menschheit zunehmend sesshaft wurde, entwickelte sie sich vom Hunter hin zu den Farmern (hin zur Agrar- und später Industriegesellschaft). Es sei wohl zunächst nur ein Betrachtungsmodell gewesen, berichtet der amerikanische Autor in seinem interessanten Buch. Bei Untersuchungen von heute noch existierenden Jäger- und Sammlergesellschaften deutet vieles darauf hin, dass es weit darüber hinausgeht, nur ein Modell zu sein. Unterschiedliche Lebensumstände scheinen unterschiedliche Fähigkeiten und neuronale Verknüpfungen erforderlich zu machen. Das klingt auf jeden Fall absolut einleuchtend.

Eigenschaften wie Impulsivität und Hyperaktivität können in einer Jäger- und Sammlerwelt viele Vorteile mit sich bringen. Ebenso die leichte Ablenkbarkeit. In der Schule stellt sie vielfach ein großes Problem dar. In der Lebenswelt der Jäger und Sammler jedoch war das Überwachen der Umgebung dagegen durchaus überlebenswichtig. Bin ich hier in Sicherheit? Nähert sich mir ein Raubtier? Es dürfte in deren Lebenswelt wichtig gewesen sein, dass man schnell auf wechselnde Impulse reagieren kann.

Wow. Ein fantastisches Modell. Es lässt viele Verhaltensweisen in einem anderen Licht erscheinen.

Wenig defizitär und sehr ressourcenorientiert. Viele Verhaltensweisen von Menschen mit ADHS bereiten diesen in unserer Gesellschaft oft Schwierigkeiten. In einem anderen Kontext jedoch können sie von großem Vorteil gewesen sein – und sind es auch heute noch.

Ich lege das Buch kurz zur Seite und greife nach meinem Smartphone. Neben dem Internet habe ich neuerdings ChatGPT für mich entdeckt.5 Zu meiner Jugend- und frühen Erwachsenenzeit musste man noch gefühlt Unmengen an Büchern lesen, um an Informationen für Recherchen zu gelangen. Das Internet hat bereits vieles erleichtert. Mit der KI ChatGPT, die auf riesige Mengen an Daten zurückgreifen kann, ist die Jagd nach gespeichertem Wissen nun noch leichter, schneller und effektiver.

Perfekt für einen Jäger und Sammler und infolgedessen perfekt für Menschen mit ADHS.

Mit großer Neugierde und dem Wunsch nach aufregenden und tiefergehenden Informationen, tippe ich meine Fragen und Interessen ein.

Wie relevant ist das „Hunter-Farmer-Modell“ von Hartmann?

Ist es wissenschaftlich fundiert?

Dass sein Modell funktioniert und eine hohe Praxisrelevanz hat, merke ich an mir selbst. Außerdem passt es hervorragend zu meinen Erfahrungen, die ich in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gesammelt habe.

Von ChatGPT erhalte ich unter anderem folgende interessante Antwort:

„Die sogenannte ‚Jäger-Farmer-Hypothese‘ wurde von Thom Hartmann in den 1990er Jahren entwickelt. Er stellte die Theorie auf, dass ADHS eine Anpassung an das Leben als Jäger und Sammler darstellt. Diese Idee ist kontrovers, aber sie hat sich als populär erwiesen, da sie einige ADHS-Symptome (wie Impulsivität und Hyperaktivität) als potenzielle Vorteile in einer jagenden und sammelnden Umgebung interpretiert.“

Es handelt sich somit um ein sehr stärkenorientiertes Modell. Zwischen Jägern und Sammlern und Menschen mit ADHS gibt es laut Hartmann viele Parallelen, die durchaus für eine genetische Verbindung zwischen beiden sprechen. Diese Sichtweise kann betroffenen Personen helfen, sich nicht so „falsch“ zu fühlen, was somit förderlich für die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins ist. Wären manche sekundären Probleme von Menschen mit ADHS gar vermeidbar, wenn man diese Perspektive stärker leben und anwenden würde? Eine spannende Frage.

Von ChatGPT erfahre ich zusätzlich Folgendes:

„Hartmanns Theorie ist keine etablierte wissenschaftliche Tatsache, sondern ein Modell, das auf verhaltenspsychologischen und evolutionären Überlegungen basiert. Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat sie kritisiert, da sie zu vereinfachend ist und keine ausreichenden Beweise für einen direkten Zusammenhang zwischen Jäger-Sammler-Gesellschaften und ADHS liefert. Dennoch bietet die Hypothese eine interessante Perspektive auf neurodivergentes Verhalten in der modernen Gesellschaft.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Hartmanns Theorie wertvolle Diskussionen angestoßen hat und möglicherweise zur Entstigmatisierung von ADHS beiträgt, aber bisher nicht vollständig wissenschaftlich belegt ist. Sie bleibt eine anregende Perspektive und kein definitiver Beweis für die Ursprünge und Auswirkungen von ADHS in der modernen Gesellschaft.“

Ich frage mich, ob etwas unbedingt bewiesen sein muss.

Ebenso wie die Frage danach, was „normal“ ist, kann man sich auch die Frage stellen, was wirklich ‚wahr‘ ist. Ich bezweifle ohnehin, dass es ‚die‘ Wahrheit gibt. Selbst die Wissenschaft kann nur nach aktuellem Kenntnisstand entscheiden, was sie als gegeben und faktisch korrekt erachtet. Für viele galt es lange als beobachtbare Wahrheit, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Man war davon überzeugt, die Erde sei eine Scheibe. Weiterhin kann ein Modell selbst dann erklärend hilfreich sein, wenn es wissenschaftlich nicht gänzlich richtig ist. Mir fällt da das Atommodell in der Chemie ein. Oder die Sache mit dem Licht in der Physik. Mal wird Licht als Welle, mal als Teilchen betrachtet. Beides scheint passend zu sein und erklärt teils das eine und teils das andere besser.

Allerdings habe ich im Bereich der Wissenschaften nur ein rudimentäres Halbwissen und verlasse lieber gedanklich dieses Gebiet.

Ich glaube, ich halte es mit dem Thema Wahrheit und wissenschaftlichen Beweisen lieber so, wie es die Begründer des NLP6 zu machen scheinen:

‚Alles, was wir im NLP machen, ist eine Lüge – aber es funktioniert.‘7

Diese Aussage ist für mich untrennbar mit NLP verbunden – auch wenn sie in dieser Form kaum eindeutig wörtlich hinterlegt ist.

Die Frage, was wahr ist, und wer was, wie und warum beweisen kann, macht mich ganz wuschig im Kopf.

Ist diese Frage tatsächlich wichtig?

Es ist doch wesentlich bedeutsamer, ob etwas funktioniert und hilfreich ist, oder?

Thom Hartmanns Modell scheint mir diesbezüglich außerordentlich bedeutsam zu sein.

Meine Gedanken beginnen – in das Modell – in die Welt von Jägern und Sammlern immer tiefer einzutauchen.

3 Ich beziehe mich primär auf die Gesellschaft, in der ich lebe, und das ist die westliche, europäische und ganz besonders die deutsche.

4 Anmerkung des Verfassers: Störung / krank meint in der Regel im psychischen Bereich, wenn man selbst leidet oder andere unter dem Verhalten bzw. den ‚Auffälligkeiten‘ leiden.

5 „Ganz vereinfacht gesagt ist ChatGPT ein Chatbot, der mit Hilfe von künstlicher Intelligenz Fragen beantworten kann.“ Quelle: https://digitaleprofis.de/kuenstliche-intelligenz/chatgpt/chatgpt-der-ultimative-leitfaden/

6 „NLP (Neurolinguistisches Programmieren) vermittelt Methoden, wie Menschen außergewöhnliche Fähigkeiten durch Modellieren von Erfolgsstrategien anderer entwickeln können, um effektiver zu lernen und in verschiedenen Bereichen ihre Leistungen zu verbessern.“ (Quelle: DVNLP www.dvnlp.de)

7 Der Autor dieses Sachromans, also ich, absolvierte eine NLP-Master-Ausbildung bei Thies Stahl, der als einer der Wegbereiter von NLP im deutschsprachigen Raum gilt. Ein zentrales Prinzip des NLP ist die Haltung: „Die Landkarte ist nicht das Gebiet“ (Alfred Korzybski). Entscheidend ist dabei nicht, ob etwas wahr ist, sondern ob es funktioniert – eine Grundhaltung, die das NLP-Modell prägt – so wie ich es in meiner Ausbildung bei Thies Stahl kennengelernt hat. Auf folgenden Internetseiten finden sich genauere Hinweise zu diesbezüglichen Aussagen von Grinder und Bandler (die Begründer des NLP): https://stangl-taller.at/paedpsych/INTERNET/ARBEITSBLAETTERORD/LEHRTECHNIKORD/Paulus-NLP94.html und https://nlp-core.ch/nlp_deutschland/nlp-bandler-grinder-luegner-wahrheit.html.

Spurensuche – Mit ADHS bei den Jägern und Sammlern (Eine kleine Abenteuergeschichte)

Auf zu einem ‚fantastischen‘ Ort

Wie ein Jäger folge ich in Gedanken der Spur der Hunter. Das Thema fesselt mich.

Ich bin hyperfokussiert und wie hypnotisiert. Die Welt um mich herum verschwimmt und verliert sich wie im Nebel. Es gibt nur noch mich und dieses Thema.

Was muss ein Jäger genau können?

Welche Eigenschaften sind für ihn wichtig?

Wow – da gibt es unzählige Parallelen zu Menschen, die ADHS sind.

Ich verliere mich in unzähligen Gedanken und Vergleichen.

Wie haben Jäger und Sammler gelebt?

Wie wäre es, in so einer Welt zu leben?

Was prägte ihren Alltag?

Ich rieche förmlich die Wälder und Wiesen, die vor meinem inneren Auge zu entstehen beginnen. Ich sehe die verschiedenen Grüntöne der Natur, die weiten Wiesen, die Bäume und Wälder. Ich rieche Wiesenkräuter und Wildblumen. Ein laues Lüftchen bewegt fein die Härchen auf meinem Arm.

Es ist wie ein Traum!

Blauer Himmel!

Sonne!

Eine Sonne, die langsam untergeht. Ein Blau des Himmels, das sich merklich verändert.

Rot-, Gelb- und Orange-Töne kündigen den Abend an.

In der Luft liegen Dunst und Feuchtigkeit.

Mitten in dem aufkommenden Dunkel vernehme ich ein Knistern und Knacken.

Wärme! Ich spüre eine angenehme Wärme, obwohl die Sonne bereits untergegangen ist und die Luft kühler werden müsste.

Kleine Funken, flackerndes Gelb, vermischt mit Orange und Rot. Ein weißer, blasser Lichtschein umgibt die Szene. Eine geheimnisvolle, reale und gleichzeitig irreale Stimmung breitet sich aus. Alles wirkt fremd und gleichzeitig so vertraut. Ich spüre die Wärme.

Zusätzlich zur Wärme rieche ich Rauch – einen angenehmen Rauch – wie von einem Lagerfeuer.

Es wirkt alles so diffus und schwer zu beschreiben.

Wo bin ich?

Was mache ich hier?

Wie komme ich hier her?

Am Lagerfeuer zusammen mit Jägern und Sammlern

Die Szene wird klarer. Ich sitze an einer Feuerstelle, zusammen mit einer Gruppe von Männern, Frauen und Kindern. Mir fallen in derGruppe besonders zwei Männer, eine alte Frau und zwei Kinder auf. Sie sehen aus wie aus einer sehr weit entfernten vergangenen Zeit. Sie tragen einfache Kleidung, die eher wie umwickelt und umgehängt aussieht. Es scheint sich um verarbeitete Tierhaut und Felle zu handeln. In dem gedämpften Licht sind nicht alle Details erkennbar. Ihre Haut ist gebräunt und den Erwachsenen sieht man ein Leben in der rauen Natur an. Ihr Leben verbringen sie vermutlich vornehmlich unter freiem Himmel. Die zwei Männer dürften etwa dreißig Jahre alt sein. Das Alter der alten Frau ist schwer zu schätzen. Sie hat eine runzelige Haut und ist von kleiner, gebückter Statur. Ihre Augen leuchten lebendig im Licht des Feuers. Sie strahlt ein hohes Maß an Weisheit aus. Sie scheint eine tiefe Verbindung zu den Kräften der Natur zu haben und im Einklang mit dieser und dem Leben zu sein. Das Alter der zwei Kinder, die mir besonders auffallen, schätze ich auf etwa 4 bis 6 Jahre. Ein Mädchen und ein Junge. Weitere Kinder und Erwachsene sitzen ebenfalls mit an der Feuerstelle. Die Behausungen, die ich im schwachen Licht erahnen kann, wirken eher provisorisch. Es handelt sich offensichtlich um Nomaden, die beizeiten weiterziehen werden. Vermutlich sind sie Jäger und Sammler.

Es ist früher Abend und die Sonne ist bereits untergegangen. Mittlerweile ist es kühler geworden. Der Mond wandert leicht hoch am Himmel. Er wirft sein zartes Licht auf die zunehmend nachtdunkle Landschaft und auf die Wolken in seiner unmittelbaren Nähe.

Das Feuer, an dem die Gruppe sitzt, spendet wohlige Wärme und ein angenehmes Licht. Der Klang von knackendem und knisterndem Holz in der Feuerstelle, sowie hörbare Essgeräusche, beleben die Szene. Ein Teil der Gruppe kaut genüsslich auf Fleischstücken herum.Kinder hocken dicht bei den Erwachsenen und kuscheln sich an. Die größeren sitzen neben ihnen auf dem mit Fellen bedeckten Boden. Mit großen Augen lauschen sie aufmerksam den Geschichten der Erwachsenen.

Aka der Jäger

Ein drahtiger und gleichzeitig kräftiger Mann, mit einem besonderen Charisma, wendet sich mit einem scharfen Blick der Gemeinschaft8 zu. Ich höre, dass man ihn Aka nennt. Auch ich hänge gespannt an seinen Lippen, als er mit ruhiger und stolzer Stimme von der vergangenen Jagd berichtet.

„Heute war es sehr knapp“, kommt es aus Akas Mund. Der flackernde Schein auf seinem Gesicht, der von dem Feuer ausgeht, und das Knistern des brennenden Holzes, lassen mich noch neugieriger an seinen Lippen hängen. „Als wir uns der Herde langsam näherten, hatte sie uns bereits gewittert.“

Gespannte Stille bei den Kindern. Auch ich ertappe mich dabei, wie ich gebannt an Akas Lippen hänge.

„Bevor die Tiere in Wurfweite waren, zogen sie weiter. Wir mussten tief ins Tal hinunter, bis sie endlich stoppten. Wir blieben auf Abstand und duckten uns, immer auf den Stand des Windes achtend. Vorsichtig erhob ich mich, spannte meinen Oberkörper an, den rechten Arm nach hinten und:

Zack!

Eine schnelle Bewegung und ein Zischen gingen durch die Luft.“ Aka macht eine kurze Pause.

„Mein Speer traf den großen Hirsch genau ins Herz. Ein prächtiges Tier.“ Aka beißt genüsslich ein Stück vom Fleisch ab, dankbar für die erfolgreiche Jagd und die Nahrung, die sie ihnen erbracht hat.

Oro, ein etwas kleinerer Mann mit markanten Gesichtszügen und braunem glattem, etwas wild aussehenden Haaren, lächelt breit und schüttelt den Kopf.

„Du und deine Speere, mein guter Aka. Manchmal scheint es mir, dass du die Beute schon siehst, bevor sie sich bewegt. Der Wind stand heute schlecht. Ich konnte es spüren. Du hast riesiges Glück gehabt.“

„Der Wind ist nicht immer gnädig mit uns. Die Geister des Waldes haben uns am heutigen Tag ein prächtiges Geschenk gemacht. Wir sollten ihnen danken, dass sie uns Nahrung gewähren. Respekt und Dankbarkeit sind wichtig für eine erfolgreiche Jagd“ spricht jemand mit ruhiger, langsamer und eindrucksvoller Stimme. Ich sehe eine kleine alte Frau, mit tiefen Falten und langen grauen, zum Zopf gebundenen Haaren. Sie war mir schon von Anfang an als besonders weise wirkend aufgefallen. Sie scheint die Stammesälteste zu sein. Die anderen nennen sie Urte. Urte genießt, wie ich schnell merke, aufgrund ihrer Weisheit, ihres Wissens und ihrer Lebenserfahrung, ein sehr hohes Ansehen in der Gruppe.

„Aka, woher weißt du, wohin du den Speer werfen musst?“, kommt es von der kleinen Kaska. Während sie dies sagt, schaut sie mit großen neugierigen blauen Augen zu Aka auf. „Ich könnte das nicht. Der Hirsch ist doch so unglaublich schnell.“

Aka lächelt. Er legt einen Arm um Kaskas Schulter. „Das wirst du lernen, Kaska.“ Er schaut nach oben in den dunklen Sternenhimmel und spricht weiter: „Es ist nicht allein nur die Geschwindigkeit.“ Er blickt wieder zu dem kleinen Mädchen mit den strubbeligen blonden Haaren. „Wichtig ist es auch, sich mit dem Tier zu verbinden. Du musst gedanklich eins sein mit ihm. Du spürst seinen Atem, tauchst in seine Gedanken ein und dann …“ Aka macht eine kurze Pause und stupst Kaska kurz mit der rechten Hand, während er weiterspricht „… und dann weißt du, wann du werfen musst.“ Kaska lächelt.

„Und es braucht viel Übung!“, sagt Oro und lacht. „So wie du es heute mit den kleinen Hasen hattest, Kaska. Du hast sie fast erwischt, obwohl sie durch die Gegend flitzten, wie der wilde Wind.“ Oro macht schnelle zackige Handbewegungen durch die Luft.

Die kleine Kaska streckt sich. Arme in die Hüften, fester Stand und dann strahlt sie stolz. „Ja! Heute waren sie zu schnell, aber das nächste Mal erwische ich sie!“ „Ja, eines Tages – bald – erwischst du sie bestimmt“, kommt es von Aka und Oro anerkennend mit einem Lächeln.

Die weise Urte über das Leben

Während die weise Frau das Feuer betrachtet, spricht sie mit klarem Blick, leise, fast flüsternd und doch mit fester Stimme zu Kaska, ohne sie direkt anzusehen.

„Bedenke Kaska, selbst der größte Jäger beginnt klein.“ Urte schaut mit gütigem Blick der kleinen Kaska tief in die Augen. Sie hebtdie Stimme an und spricht ruhig weiter: „Bei all deiner Leidenschaft und deinem Feuer für die Jagd, vergiss nie: Wir sind auch Sammler.

Die Beeren und Wurzeln, die wir heute fanden, sind genauso wichtig wie das Fleisch, das uns die Jagd beschert. Jedes Stück Nahrung hält uns am Leben, und alles in der Natur hat seine Bedeutung.

Denk auch an die Salben und Tinkturen, die wir aus den Kräutern und Pflanzen der Natur zubereiten.“ Die weise Frau zeigt auf Kaskas Knie. Es ist mit Blättern umwickelt, die Urte mit einer speziellen Heilsalbe bestrichen hatte.

Kaska richtet ihren Blick auf ihr Knie und lächelt. Bei der Jagd nach den kleinen Hasen war sie gestürzt und auf einen rauen Stein gefallen. Es hatte stark geblutet. Den Schmerz hatte Kaska zunächst gar nicht gespürt. Der Ärger über das entwischte Tier war wesentlich größer.

Oro nickt ernst und zustimmend. „Ja, das ist wahr, was unsere Stammesälteste Urte sagt. Die Jagd bringt uns Fleisch. Sie bringt uns Knochen für Werkzeuge, Messer und Speere. Sie bringt uns Felle und Häute für Kleidung und Zelte. Doch ebenso wichtig sind die Früchte und die anderen Reichtümer der Natur. Da ist unter anderem die heilende Kraft von Kräutern und Pilzen. Da ist das Wasser der Quellen und Bäche. Das Holz, die Äste, die wir für das Feuer oder den Bau unserer Zelte benötigen. Die Natur ist und spendet Leben und nimmt auch Leben. Sie birgt unzählige Gefahren, kann uns töten und gleichzeitig nährt sie uns.“

Urtes Blick verbindet sich tief mit den Flammen der Feuerstelle. In ihrer Stimme schwingt die Weisheit von vielen tausend Jahren mit. Eigenes sowie überliefertes Wissen früherer Generationen. „Die Füßeunseres Stammes wandeln seit vielen Generationen auf dieser Erde. Die Erde trägt uns. Alles, was sie uns schenkt, empfangen wir mit tiefem Dank. Nur indem wir Achtung, Dankbarkeit und Achtsamkeit zeigen, können wir im Einklang mit der Natur leben.“

Ich spüre auf einmal ein tiefes Gefühl von Verbundenheit. Es kommt mir vieles so nah und vertraut vor. Wie lässt sich das erklären, frage ich mich in Gedanken. Ist es vielleicht dieser ganzheitliche Blick auf die Welt und eine gewisse Spiritualität, die ich auch von mir ansatzweise kenne?

Mehr als nur jagen und sammeln

Urtes Blick wandert ruhig und gütig durch die Runde der Stammesmitglieder. Die Flammen werfen ein flackerndes Licht auf ihr Antlitz. Die weise Frau erhebt sich bedächtig. In leicht gebeugter Haltung streckt sie ihre Arme in die Höhe, dem leuchtenden Mond entgegen. „Neben der Jagd, dem Sammeln und der Kräuterkunde gibt es noch viele weitere wichtige Aufgaben, die zu unserem Stammesleben dazugehören.“ Die alte Frau setzt sich wieder hin und spricht mit ruhiger Stimme weiter, den Blick zu den Kindern gerichtet. „Und all diese Aufgaben sind wichtig für unser Leben und Überleben.“ Neben Kaska, die interessiert den Worten lauscht, hockt auch Mariko auf dem Boden. Auch er verfolgt Urtes Geschichte aufmerksam. Mariko ist ein kleiner Junge mit großen braunen Augen. Er hat wilde, zerzauste, dunkelblonde Haare, die mittellang sind. Zu ihnen gesellt sich nun ein weiteres Kind. Karika, ein etwa vier Jahre altes Mädchen. IhreAugen sind ebenfalls braun und die braunen langen Haare sind seitlich nach hinten zu Zöpfen geflochten. Alle drei hängen wie gebannt an Urtes Lippen. Sie lieben es, neben dem Spielen und Toben am Tage, den Geschichten der Erwachsenen zu lauschen. Im Spiel lernen und erproben sie wichtige Fertigkeiten. Sie lernen, zu jagen, Spuren zu lesen und sich im Dickicht zu verstecken. Im Spiel trainieren sie ihre Geschicklichkeit und Kraft. Beim Hören der Erzählungen erfahren die Kinder viel über die Bräuche und die Geschichte ihres Stammes. Sie erhalten wichtiges und nützliches Wissen über die Tiere und Früchte des Waldes und auch über die Aufgaben der Stammesmitglieder innerhalb der Gruppe. So wie es auch heute hier am Lagerfeuer der Fall ist.

Der Kundschafter und ADHS

„Da ist zum Beispiel Arabo. Sein Drang danach, Orte zu erkunden und Informationen an seine Stammesbrüder und Schwestern weiterzugeben, macht ihn zum idealen Kundschafter für unseren Stamm“, berichtet Urte, während sie zu Arabo blickt, der gerade einen Stock, an dessen Spitze ein Stück Fleisch steckt, in die Flammen hält. Arabo ist ein großer, schlanker Mann, mit langen Beinen. Er scheint der ideale Langstreckenläufer zu sein. Sein Blick wirkt klar und wachsam. Die Kinder schauen nun ebenfalls zu ihm, besonders Mariko, der gleichfalls von schlanker Statur ist. Der Junge wirkt sehr einfühlsam und im positiven Sinne sensibel. „Arabos Aufgabe ist es insbesondere“, so die weise alte Frau weiter, „die Umgebung zu erkunden: Wo