19,99 €
Wer sind die Menschen, die als Despoten in die Geschichte eingehen? Was treibt jemanden an, ein Selbstmordattentat oder Völkermord zu begehen? Woher kommt die Überzeugung, durch Gewalttaten das »Richtige« zu tun? In fünf Jahrzehnten der politischen Reportage begibt sich Erich Follath immer wieder direkt in die Höhle des Löwen, um einen Blick hinter die Fassade zu werfen und die Menschen hinter den beispiellosen Gräueltaten ganz persönlich kennenzulernen. So trifft er Muammar al-Gaddafi im Beduinenzelt, lauscht einer Gesangseinlage von Imelda Marcos, schlägt Menachem Begin beim Schachspiel und trinkt Tee mit dem Privatsekretär Pol Pots. Die Begegnungen lassen ihn zuweilen überrascht, erschüttert und frustriert zurück. Erich Follaths dreizehn Porträts folgen nicht nur den Tätern und den politischen Auswirkungen ihres Tuns. Er begibt sich auch auf die Spuren von Angehörigen, Weggefährten und Opfern und deren Einzelschicksalen. Und er erzählt, wie er einmal selbst im Gefängnis und auf der Anklagebank landete und damit rechnen musste, zum Tode verurteilt zu werden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 327
Veröffentlichungsjahr: 2026
Copyright © 2026 Picus Verlag Ges.m.b.H.
Friedrich-Schmidt-Platz 4/7, 1080 Wien
Alle Rechte vorbehalten
Grafische Gestaltung: Buntspecht, Wien
Umschlagabbildung: © wildpixel / iStockphoto
ISBN 978-3-7117-2169-3
eISBN 978-3-7117-5550-6
Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unter
www.picus.at
ERICH FOLLATH
Erlebnisse mit einigen der schlimmsten Tyrannen unserer Zeit
Redaktionelle Mitarbeit:
Marieanne Wolny-Follath
PICUS VERLAG WIEN
VORWORT Wie ich einmal zum Tode verurteilt wurde – und dreizehn Jahre nach der Befreiung mit dem dafür verantwortlichen Tyrannen ein Interview führen konnte Täter: Mobutu Sese Seko. Tatorte: Lubumbashi und Kinshasa, Kongo
I DER DIKTATOREN-CLAN Täter: Ferdinand, Imelda und »Bongbong« Marcos Tatorte: Manila, Philippinen und Honolulu, USA
II DER HOLOCAUSTLEUGNER Täter: Mahmud Ahmadinedschad Tatort: Teheran, Iran
III DER BESESSENE DER WÜSTE Täter: Muammar al-Gaddafi Tatort: Tripolis, Libyen
IV DER LUSTMÖRDER Täter: Jack Unterweger Tatorte: Wien, Los Angeles, Bratislava
V DER MENSCHENVERSENKER Täter: Ratko Mladić Tatorte: Srebrenica und Belgrad, Ex-Jugoslawien
VI DER KILLER SEINES BRUDERS Täter: Kim Jong-un Tatorte: Pjöngjang, Nordkorea, und Kuala Lumpur, Malaysia
VII DER FRIEDENSZERSTÖRER Täter: Jigal Amir Tatort: Tel Aviv, Israel
VIII FREIHEITSKÄMPFER ODER TERRORISTEN? Die schwierigsten Interviewpartner: Menachem Begin, Jassir Arafat, Benjamin Netanjahu Tatorte: Tel Aviv und Jerusalem, Ramallah und Gaza, Israel/Palästina
IX NAH, SO NAH AM PARADIES Die Geschichte von drei im letzten Moment gescheiterten Selbstmordattentäter*innen Täter*innen: Mahmud, Thaura, Badr Tatorte: Israel/Palästina
X DAS DUO INFERNALE Täter: Papa Doc und Baby Doc Duvalier Tatort: Port-au-Prince, Haiti
XI DER UNMENSCH Täter: Pol Pot Tatort: Kambodscha
NACHWORT Die Tops und Flops der Mörderstorys. Oder: Wie ich mich einmal an allen rächte und (als Krimiautor) selbst zum Mörder wurde
DANK
FOTOCREDITS
Die alte Welt liegt im Sterben. Die neueist noch nicht geboren. Es ist die Zeit derMonster.
AntonioGramsci
Wer von Monstern nicht lernt, den fressensie.
PhilippBovermann
LUBUMBASHI, REPUBLIK ZAIRE, IM APRIL 1977, STAATSGEFÄNGNIS FÜR SPIONE
Der Geheimdienstchef holt langsam seine Pistole aus der Schublade, lädt durch und sagt: »Wenn die Front näher kommt, und es sieht ganz so aus, dann werden alle Gefangenen hier erschossen. Und Sie zuerst. Also, es wäre besser, Sie gestehen Ihre Spionage, dann könnten wir Sie vielleicht noch retten.« Dann spielt er an seiner Waffe herum, tut so, als wollte er sie säubern. Immer ist der Lauf auf mich gerichtet, Psychoterror. Bei der gestrigen Vernehmung hat der Geheimdienstchef, auf dessen adrett gebügelter Uniform der Name »General Mwenza« steht, lange nur geschwiegen, dann zwei Kakerlaken vom Fußboden aufgehoben und sie genüsslich unter seinem Daumen zerquetscht. »So machen wir das auch mit unseren Feinden. Warum wollen Sie unser Feind sein?«
Will ich nicht. Aber ich habe auch nichts zu gestehen. Kopfschüttelnd lässt der Mann mich ein Stockwerk tiefer bringen, zurück zu meinem Freund und französischen Fotografen-Kol
legen Régis Bossu und den gut ein Dutzend afrikanischen Mithäftlingen. Noch ist es Vormittag und die schlimmsten Stunden liegen vor uns. Am unerträglichsten ist, was sich immer nach Sonnenuntergang abspielt, jenseits der Gitterstäbe, auf dem Gefängnishof, gut sichtbar, nicht überhörbar.
Joseph mit dem Kinderlächeln, den wir anfangs für den sanftmütigsten unserer Bewacher gehalten haben, Joseph, der einzige Katholik hier, Ausbund an Höflichkeit, der mit seiner Samtstimme immer säuselt, wenn im Verhörzimmer das Telefon klingelt, »A qui ai-je l’honneur?«, gibt sich die Ehre als Lustfolterer. Die auf den Hof geführten Häftlinge müssen niederknien, er presst ihre Finger in einen Schraubstock, bis die Schmerzensschreie zur Ohnmacht führen – alle fünfzehn Afrikaner werden so gequält, wir zwei Weißen bis auf Weiteres nicht. Man wartet in unserem Fall offensichtlich auf Anweisungen von ganz oben, vom »Big Man«, dem berüchtigten Präsidenten Mobutu Sese Seko, unumstrittener Herrscher des kongolesischen Riesenreichs, das er in »Zaire« umgetauft hat.
Es ist Krieg in der Mitte Afrikas in jenem Frühjahr 1977, Stellvertreterkrieg, in dessen Hintergrund die Weltmächte agieren. USA-Freund Mobutu, auch von Frankreich und der Bundesrepublik unterstützt, kämpft gegen die von Moskau bewaffneten und von DDR-Geheimdiensten beratenen Angolaner. Besonders erbittert und blutig sind die Kämpfe hier in der rohstoffreichen Südprovinz Shaba mit ihrer Hauptstadt Lubumbashi. Diktator Mobutu hat sich ausländische Beobachter ausdrücklich verbeten, Hilfsorganisationen wurden des Landes verwiesen, Journalisten erhielten keine Aufenthaltserlaubnis.
Der Stern, für den ich damals als Reporter arbeitete, wollte sich diesen Maulkorb nicht aufzwingen lassen, ermutigte meine Recherchen. Wir hielten es für wichtig, dass ein solcher Krieg, auch und gerade wenn er sich etwas außerhalb des zentralen Interesses der Weltöffentlichkeit abspielte, von unabhängigen Zeugen beobachtet wurde.
Ich begann damit in Belgien, der früheren Kolonialmacht Zaires, und lernte schwarzafrikanische Oppositionelle kennen, die gute Kontakte in die Provinz Shaba behalten hatten. Auf besondere Empfehlung eines kongolesischen Anwalts in Brüssel flogen mein Fotografen-Freund Régis und ich ins afrikanische Nachbarland Sambia und trafen den dortigen zairischen Botschafter. Der Diplomat betonte in unseren Gesprächen seine Skepsis gegenüber Mobutu und dessen brachiale Kriegspolitik – er deutete sogar an, seinen Posten aufzugeben und sich der Opposition anzuschließen. Auf jeden Fall hielt er eine »neutrale Abschätzung des aktuellen Geschehens« für notwendig – und händigte uns ein Visum für Zaire aus. Mit dem offiziellen Einreisestempel fühlten wir uns einigermaßen sicher und konnten dann auch problemlos die Grenze passieren. Wir bestiegen wie ein Dutzend andere Pendler auch einen Minibus, die Adresse von Gewährsleuten in der Stadt hatten wir uns eingeprägt. Doch kurz vor Lubumbashi wurden wir aus dem Wagen gezerrt, festgenommen und ins Gefängnis verschleppt. Offensichtlich hatte der zairische Geheimdienst einen Tipp bekommen, alles deutete auf eine Falle hin, die man uns gestellt hatte.
Nur wofür? Zur Erpressung von Geld, zum Austausch mit wem und wo? Und wie weit würde der Gewaltherrscher gehen, wenn er denn überhaupt präzis über unseren »Fall« Bescheid wusste und sich in den Kriegswirren um unser Schicksal kümmern würde?
Unsere Haftbedingungen sind, vor allem als Régis und ich in eine etwa fünfzehn Quadratmeter große Einzelzelle verlegt werden, einigermaßen erträglich. Man hat uns Gürtel und Armbanduhr sowie alle Toilettenartikel abgenommen, wir schlafen auf Pritschen, Stuhl oder Tisch sind in dem weiß gekalkten Raum nicht vorhanden. Zum Plumpsklo im Hof und zu einem Wasserhahn werden wir einmal am Tag geführt, verbunden ist das mit einem fünfminütigen Hofgang zur körperlichen Ertüchtigung. Den wässrigen Maisbrei, den uns Wärter zweimal täglich in die Zelle bringen, würgen wir tapfer hinunter. Hoffen, dass dieses Essen wie das gereichte Wasser nicht kontaminiert ist und wir keine Gesundheitsprobleme bekommen.
Die Tage vergehen, alles wird schreckliche Routine, auch die Folter, auch die Verhöre. »Wie nennt man es, wenn man in ein fremdes Land eindringt und die Menschen dort auskundschaften will?«, fragt mich der Vernehmungsoffizier und spielt wieder einmal mit seiner Pistole herum. Nein, das Wort »Spionage« darf nicht fallen, aus einem solchen »Geständnis« würden sie uns bestimmt einen Strick drehen. Also weise ich höflich darauf hin, dass ich mit einem gültigen Visum nach Zaire eingereist bin, nicht zum »Auskundschaften«, sondern nur zum »Beobachten«. Es ist offensichtlich das, was der Mann hören will. Immer wieder überlege ich in solchen Situationen, wie ich wohl reagieren würde, wenn sie mich auch foltern würden wie die afrikanischen Mithäftlinge, ob das wohl die nächste logische, unvermeidliche Stufe unserer Gefangenschaft sein müsste. Und dann das Urteil die ultimative Bestrafung.
Régis und ich schwören uns, nur gemeinsam zur Exekution zu gehen, wenn es denn so weit sein sollte – und ahnen, dass wir wahrscheinlich gegen den Willen unserer Richter nicht einmal dieses Versprechen einhalten können. Wir zählen die Tage und fragen uns, ab wann man in der Hamburger Redaktion nach uns suchen wird. Leider haben wir am Abfahrtstag in Sambia den Kollegen übermittelt, sie müssten wegen der Umstände etwa eine Woche auf einen Kontakt warten. Die Zeit ist nun bald herum. Aber was wird die Chefredaktion unternehmen, um unseren Aufenthaltsort herauszufinden? Und wie werden sie um unsere Freilassung kämpfen können?
Wir versuchen, über einen Häftling, der überraschend entlassen wird und den wir auf dem Hof kurz treffen können, in einer Streichholzschachtel Botschaften nach draußen zu schmuggeln. Wir haben mit einem Bleistiftstummel eine kurze Notiz mit unseren Namen abgesetzt: »Bitte informieren Sie westliche Diplomaten!« Am nächsten Tag werde ich im Verhör mit der Streichholzschachtel konfrontiert – offensichtlich war der Mithäftling ein Zuträger des Geheimdienstes und hat uns verraten. Ein Rückschlag, ein Stimmungstief für unsere Gemütslage.
Wir sind stundenlang so verzweifelt, dass wir mit dem Gedanken spielen, einen Ausbruchsversuch zu wagen. Suchen mit den Augen die gut drei Meter hohe, um das Gebäude gezogene Mauer auf mögliche Bruchstellen ab, beobachten die Wachen mit ihren Kalaschnikows und ihre gelangweilten Rundgänge. Aber selbst wenn wir eine ideale Minute erwischen würden – es wäre Wahnsinn. Wir entscheiden uns abzuwarten, in Ermangelung irgendwelcher Alternativen. Wir basteln aus herumliegenden Kartons ein Mühlespiel, diskutieren unsere liebsten Urlaubsreiseziele und die bevorzugten Restaurants in der Heimat nebst Lieblingsspeisen. Ansonsten versuchen wir, die Zelle sauber und frei von Kakerlaken zu halten. Eine nächtlich aus einem offenen Rohr auftauchende Ratte verscheuchen wir mit vereinten Kräften. Wir haben sie nach unserem Peiniger »General Mwenza« getauft.
Es wird immer deutlicher, dass die lokalen Größen hier in Lubumbashi nicht so recht wissen, wie sie mit uns Ausländern umgehen sollen. Dass sie nichts falsch machen wollen, auf ein Zeichen des großen Bosses in der Hauptstadt warten. Zwischen Verhör und Folterstunde ist genug Zeit, sich mit den für uns entscheidenden Fragen zu beschäftigen: Hätten wir voraussehen müssen, wie hoch unser Risiko war, als wir unsere Reportagereise antraten? Und vor allem: Was wissen wir über den Diktator Mobutu Sese Seko, über seine Herkunft, seine Prägung, seine Einstellung gegenüber dem Westen – und damit über unsere Überlebenschancen?
Ich gehe in Gedanken immer wieder das Archivmaterial über Mobutu durch, das mir die Redaktion zusammengestellt hat und das ich sicherheitshalber in Deutschland zurückließ; versuche, mir in Erinnerung zu rufen, was meine kongolesischen Informanten mir über den Gewaltherrscher erzählt hatten.
Eine Kindheit in Armut und voller Demütigungen unter den brutalen belgischen Kolonialherren. Der Aufstieg als Feldwebel in der Besatzungsarmee, sein Flirt als Journalist mit linksgerichteten Untergrundkämpfern. Seine taktische Kehrtwende, als er sieht, dass die USA mithilfe ihrer CIA-Agenten vor Ort nach der Unabhängigkeitserklärung des Kongo zu einem Putsch rechtsgerichteter, amerikafreundlicher Soldaten bereit sind, seine infame Rolle bei der Ermordung des populären Linksdemokraten Patrice Lumumba 1961, seine finale Machtübernahme 1965. Und wie er dann geschickt mit Angst und Anreizen spielte. Wie er als Führer einer Einheitspartei zum Superstar und Übervater seiner Landsleute wurde, überall und immer mit Leopardenmütze und geschnitztem Gehstock erkennbar, seine Männlichkeit auch mit einem selbst gewählten Beinamen demonstrierend: Mobutu Sese Seko Ngbendu Wazubanga, »der ausdauernde Krieger, der eine Eroberung an die andere reiht«, oder volkstümlicher übersetzt: »der Hahn, der keine Henne unbestiegen lässt«. Einundzwanzig Kinder soll er nach offiziellen Statistiken gezeugt haben, die wahre Zahl könnte weit höher liegen.
Doch eine Witzfigur ist er ganz und gar nicht. Washington mag ihn nach seinem von der CIA mitinszenierten Putsch als leicht steuerbaren Übergangspräsidenten gesehen haben, abhängig wie eine Marionette von Hilfsgeldern und Waffen, doch in Wirklichkeit begann Mobutu die Amerikaner zu manipulieren. Immer wieder drohte er damit, das kongolesische »Bollwerk gegen den Kommunismus« neu zu orientieren und sich dem Ostblock anzunähern – bis wieder Milliarden aus den USA flossen, die er weitgehend in die eigene Tasche steckte. In seinem Heimatort Gbadolite baute er sich einen rosafarbenen Palast samt computergesteuerten Wasserspielen, eine Art Urwald-Versailles mit eigenem Flughafen und verlängerten Start- und Landepisten. Seine Verschwendungssucht teilt er mit dem Familienclan. Besonders profitiert seine Lieblingsgattin, für die er öfter Einkaufsflüge nach Paris organisierte – in einer extra dafür angemieteten Concorde.
Die Stämme seines Landes hält der König aller Kleptokraten mit eiserner Hand zusammen. Seine Minister wechselt er in kurzen Abständen aus, keiner soll so viel Renommee oder Rückhalt erhalten, dass er ihm gefährlich werden könnte. Manche verschwinden in der Versenkung, andere dürfen in der Wirtschaft Karriere machen, wenige holt er nach einer Zwischenzeit in anderer Funktion wieder ins Kabinett zurück. »Politiker der Drehtür« nennt er das. Aufständische werden hingerichtet. Bei aller Brutalität wirkt er aber doch – nach allem, was wir wissen – wie ein zwar rücksichtsloser, aber rationaler Autokrat, nicht wie ein Lustkiller. Was verspricht er sich bloß von unserer Verhaftung, von einer möglichen Hinrichtung zweier Westeuropäer, die aus ihm politisch nahestehenden Staaten stammen?
KINSHASA, HAUPTSTADT ZAIRES, GERICHTSVERHANDLUNG IM MAI 1977
Der Tag fünfzehn bringt die dramatische Wende. Régis und ich werden aus der Zelle geholt, »es geht zum Prozess in die Hauptstadt«, sagt mit ernster Stimme der Vernehmungsoffizier Mwenza und händigt uns als einziges unserer Besitztümer die Pässe aus. Ein kurzer, bedrückender Abschied von den zurückbleibenden, wohl dem Tode geweihten schwarzafrikanischen Gefangenen. »Vergesst uns nicht!«, ruft einer, und dann einige zusammen: »Bonne chance!« Wir werden in vergitterten Polizeiwagen zum Flughafen gefahren. Dort wartet eine riesige Militärmaschine – und eine Überraschung. Neben uns besteigen noch fünf andere westliche Gefangene den Transporter. Wir tauschen uns schnell aus: Vier stammen aus Spanien und gehören zu einem Fernsehteam, ein Kollege ist aus Großbritannien, von der Londoner Times. Sie wurden auch in der Provinz Shaba aufgegriffen und verhaftet, nahe der Stadt Kolwezi.
Es ist ein unruhiger Dreistundenflug nach Kinshasa, draußen toben Tropengewitter. Ein letzter Blick auf die Stadt Lubumbashi, die wir nie kennengelernt haben, auf das Rostbraun der riesigen Kupferminen in der Region, um die da unten nach wie vor ein erbitterter Krieg geführt wird. Wolkenungetüme. Und dann reißt der Himmel wieder auf und wir sehen eine eindrucksvolle Dschungellandschaft, ein grünes Meer, so weit das Auge reicht.
Wir müssen keine Handschellen tragen, unsere Bewacher wirken uninteressiert und haben offensichtlich nichts gegen unseren Gedankenaustausch. Régis und ich haben die längste Haftzeit hinter uns, die Spanier und der Brite litten wohl in überfüllten Gemeinschaftszellen unter härteren Haftbedingungen. Unsere Kollegen sind optimistisch, träumen schon von einer Dusche und einem Bier in Freiheit. Ich bin da nicht so sicher, habe noch die Drohung unseres Vernehmungsoffiziers vom »Prozess« im Ohr. Aber ich mag die aufkommende Euphorie nicht dämpfen. Es tut gut, zu wissen, dass wir, was immer jetzt noch kommen mag, in einem größeren Kreis erleben werden. Die Ankunft in Kinshasa ist ernüchternd. Auf dem Rollfeld wartet ein vergitterter Polizeiwagen auf uns. Die Fahrt geht ins zentrale Gefängnis. Eine weitere Nacht in Haft.
Am Morgen werden wir zu einem großen Bürogebäude gefahren, wo uns Fernsehteams beim Eintritt filmen. Es folgt ein live im Staatsfernsehen übertragener, ebenso bizarrer wie kurzer Schauprozess – unter Anwesenheit der deutschen, französischen und spanischen Botschafter, die sich durch einen Zuruf zu erkennen geben. Man habe uns der Feindpropaganda überführt, sagt ein grimmig dreinblickender General namens Likulia Bolongo, der sich auf dem Podest in unsere Mitte gesetzt hat und das Urteil vom Blatt abliest. Wir seien ohne Visa und mit der Absicht der Spionage eingereist, sagt der Mann – und einen Augenblick zuckt es mich in den Fingern: Ich habe den Pass mit dem gültigen Einreisestempel, den ich in Lubumbashi zurückbekommen habe, in der hinteren Hosentasche. Aber dann verzichte ich auf eine heldenhafte Erwiderung, zu viel steht auf dem Spiel. Wir hätten die Todesstrafe verdient, verkündet der General weiter, sie würde aber nicht vollstreckt. Dank der unermesslichen Gnade des Präsidenten Mobutu Sese Seko würden wir »nur« des Landes verwiesen, aus Zaire abgeschoben. Mit sofortiger Wirkung.
Die Empörung über diesen Spruch, über diese ganze unwürdige Farce von einem Prozess, weicht schnell einer riesengroßen Erleichterung, dem Gefühl, ein neues, zweites Leben geschenkt bekommen zu haben. Im Militärjeep auf dem Weg zum Flughafen und in die Freiheit ist die Stimmung euphorisch. Übermütig tauft uns einer der Spanier »The Magnificent Seven«. Und Colin stimmt sogleich die von ihm selbst ernannte »Hymne der Glorreichen Sieben« an. Es ist ein Lied, das er auf Deutsch kann. »Vor der Laterne, vor dem großen Tor …«, tönt es auf den Straßen von Kinshasa, laut und angstfrei, was sollen uns die Wachsoldaten mit ihren Kalaschnikows jetzt noch anhaben. Und dann grölen wir Ex-Häftlinge alle zusammen den Refrain: »… wie einst Lili Marleen!«
Am Flughafen umarmen wir einander noch einmal, dann trennen sich unsere Wege. Madrid, London, Brüssel. Für uns hat die Redaktion zwei First-Class-Plätze in der Sabena-Maschine gebucht, die gleich Richtung Belgien abhebt. Régis und ich schaffen gerade noch einen Schluck Champagner, dann haben uns die bequemen Sitze überwältigt. Und wir schlafen so gut und so tief und so albtraumfrei wie lange nicht mehr.
KINSHASA, JANUAR 1990, INTERVIEW MIT PRÄSIDENT MOBUTU IN SEINER RESIDENZ ÜBER DEM FLUSS
Nach unserer Rückkehr nach Hamburg haben wir erfahren, wer sich alles für uns eingesetzt und eine angeblich geplante Hinrichtung im Fußballstadion der kongolesischen Hauptstadt verhindert hat: Bundeskanzler Helmut Schmidt, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, das Rote Kreuz, der Internationale Journalistenverband, sogar der Vatikan. Und wohl am wichtigsten: Mobutus Jagdfreund Franz Josef Strauß, nicht gerade ein Freund des »linken« Stern. Wir richteten ein persönliches Dankschreiben an den CSU-Chef, versuchten im Auswärtigen Amt zu ergründen, ob Lösegeld für unsere Freilassung bezahlt wurde, ob irgendwelche zusätzlichen millionenschweren Hilfsprojekte an Kinshasa (und damit in Mobutus Taschen) geflossen sind. Oder Waffen für den Krieg, der sich innerhalb der nächsten Wochen mehr und mehr zu einem Triumph für Mobutu entwickelte. Wir stießen auf eine Mauer des Schweigens. Das, fand ich, war ein sehr unbefriedigender Schluss meiner Mobutu-Beziehung.
Ich kontaktierte die Botschaft Zaires in Bonn mit der Bitte um ein Interview mit dem Präsidenten. Keine Antwort. Ich versuchte es genau ein Jahr später; diesmal eine freundlich formulierte Absage. Das Prozedere wurde zum Ritual: Alle zwölf Monate eine neue Interview-Anfrage, und immer wieder Nicht-Reaktion oder Absage. Ein Dutzend Mal, ein bisschen wie beim berühmten Sketch vom »Dinner for one«: Same procedure as every year.
Dann kam 1990, dreizehn Jahre nach meiner Verhaftung und dem Scheinprozess, plötzlich das Schreiben des neu akkreditierten Botschafters. Er würde ein solches Interview befürworten, ich solle mich bereithalten. Wenige Tage später kam das Okay aus Bonn, ein Visum für Zaire werde unverzüglich ausgestellt, die Gesprächszusage des Präsidenten liege vor. Und so flog ich, gespannt, aber durchaus mit gemischten Gefühlen, nach Kinshasa. Einziger Wermutstropfen: Régis war irgendwo am anderen Ende der Welt unterwegs, kein Nostalgietrip für ihn. Mit Bob Lebeck stellte mir die Redaktion aber einen der besten Fotografen der Welt an die Seite, bekannt für seine überaus gewinnende und ruhige Art auch in schwierigsten Situationen.
Wir steigen im Intercontinental ab, so luxuriös und beeindruckend, wie es nur geht. Wartezeit in einem der französischen Restaurants, am Swimmingpool. Der Präsident werde sich melden, hatte man uns bei der Ankunft gesagt. Wann genau, das wusste keiner, Mobutu ist immer noch Herr über alles, auch über die Zeit. Als die Tage so dahinschleichen, werde ich nervös: Will mich der Diktator ein zweites Mal vorführen? Bob besänftigt, zieht Stunde über Stunde seine entspannenden Bahnen im Schwimmbecken. Weil wir nicht wissen, wann der Anruf aus dem Präsidentenpalais kommt, verzichten wir auf eine Stadterkundung.
Und dann, am Tag Nummer fünf, ist es so weit. Wir werden kurzfristig informiert und dann mit einer Limousine abgeholt, Motorradeskorte bis zur Präsidentenvilla etwas außerhalb der Innenstadt, auf einem Hügel über dem großen Kongo-Fluss. Der Präsident wartet schon im Wohnzimmer, führt uns zur Veranda, wo Getränke gedeckt sind. Er stützt sich auf seinen geschnitzten Häuptlingsstock, trägt die charakteristische Leopardenmütze. »Schießen Sie los«, sagt er, nachdem ich mich auf einen der Korbstühle gesetzt habe, ein spöttisches Lächeln auf den Lippen.
Aber bevor ich die erste Frage stellen kann, muss Mobutu noch schnell ein Selbstlob loswerden. Er preist sich dafür, dass er aus seinem Land »ein Bollwerk gegen den Kommunismus« gemacht hat, dafür, dass er seinem Riesenreich der verschiedenen Stämme »Frieden, Ruhe und Ordnung« gebracht habe. »Wie viel größer, glauben Sie, ist mein Zaire als Ihre Bundesrepublik? Ich sag’s Ihnen: zwölfmal so groß, und alle Menschen hier sind zufrieden.«
Herr Präsident, im Westen sieht man Ihr Land ganz anders. Sie gelten als brutaler Gewaltherrscher. Würden Sie denn bestreiten, dass Sie Zaire diktatorisch regieren?
Die Frage gefällt ihm nicht. »Alles Verleumdungen!«, ruft er in erregtem Ton. »Kommen Sie mir jetzt nicht mit Ihren Vorstellungen von einer idealen Regierungsform. In Afrika bedarf es der harten Hand, westliche Demokratie passt nicht hierher. Sie ist der Totengräber des Kontinents.«
Sie gelten als einer der reichsten Männer der Welt, man nennt Sie auch König der Kleptokraten. Sie sollen sich laut Schätzung der unabhängigen Organisation Transparency International durch Griff in die Staatskassen ein Privatvermögen in der Höhe von etwa fünf Milliarden Dollar erworben haben …
»… ach was, ich bin der Garant gegen das Böse in der Weltpolitik. Meine Besitzungen in Europa und hierzulande sind weniger als fünfzig Millionen Dollar wert. Und das soll mir nach all diesen Jahren im Dienste meines Landes nicht zustehen?«
Bob fotografiert, mit stoisch ruhiger Hand. Doch bei dieser Antwort blickt auch er voller Erstaunen auf. Der Präsidentenberater – vielleicht ist es auch der Geheimdienstchef –, der sich zu uns gesellt hat und aufmerksam zuhört, rutscht etwas unruhig auf seinem Stuhl herum. Ich werfe einen kurzen Blick auf mein Tonband auf dem Tisch: Gott sei Dank, läuft. Wird alles festgehalten.
Mobutu im Gespräch mit dem Autor, Februar 1990, Kinshasa
Doch Mobutu möchte das alles jetzt nicht weiter ausführen. Er hat keine Lust mehr auf kritische Fragen. Schlägt einen Spaziergang durch seinen Park vor. Ein Bediensteter trägt auf einem Silbertablett Champagner und Baguette neben uns her. Der Präsident nimmt ein Glas, bietet mir, ganz zuvorkommender Gastgeber, das andere an. Wir trinken einen Schluck, keine Ahnung, wie das weitergehen soll. Aber nach einer kurzen Pause greift der Präsident nach dem Brot, bricht ein Stück ab und wirft es in einen Zierteich, der nach der Biegung des Weges in unser Blickfeld geraten ist. Ein fetter Fisch drängt die kleineren beiseite und schnappt sich den großen Brocken. »Gut so, die Starken müssen gewinnen«, sagt der Machthaber zufrieden, blickt mich triumphierend und forschend gleichzeitig an, als wollte er sagen: Begriffen, meine Parabel der Macht?
Zum Schluss noch meine Frage aller Fragen: Warum hat er uns damals in Lubumbashi so lange eingesperrt, warum dieser absurde Schauprozess? Und hat ihn wirklich erst sein Jagdfreund Franz Josef Strauß von einer öffentlichen Hinrichtung abgebracht?
»Ich habe entschieden, ganz souverän wie immer«, sagt Mobutu. »Und natürlich waren Sie schuldig. Sie wollten über den Krieg berichten, was ich ausdrücklich verboten hatte – Journalisten, die so etwas tun, sind Spione.« Das Glas in der einen Hand, den Häuptlingsstab mit dem eingeschnitzten Fetisch in der anderen, fügt der Präsident nach einer Pause hinzu: »Je länger ich überlege, alle Journalisten sind Spione.«
Wir verabschieden uns. Ein Händedruck, der erstaunlich schlapp ist. Überhaupt wirkt Mobutu Sese Seko lange nicht mehr so vital, so viril, wie wir ihn von früheren Auftritten im Fernsehen und auf öffentlichen Plätzen kennen. Auf dem Zenit seiner Macht, unangreifbar, so will er sich bei unserem Interview in seinem Palast Anfang 1990 darstellen. Aber ist er es noch, dreizehn Jahre nach seinem Sieg im blutigen, für mich persönlich so prägenden Sieg in der Provinz Shaba?
Wir nehmen uns noch drei Tage Zeit in Kinshasa. Und tatsächlich, in den Bars und an den Straßenecken des Armenviertels Matonge, da flüstern sie schon: Der große Häuptling hat seine beste Zeit hinter sich, seine Magie ist verflogen, seine Herrschaft endlich. »Nach ihm wird alles besser werden«, sagen die Menschen, machen sich Mut. »Weil es einfach nicht mehr schlechter werden kann, die Korruption, die galoppierenden Preise, die Gewalt auf den Straßen.« Auch die internationale Lage hat sich gewandelt: Mobutu war einer der Hauptprofiteure des Kalten Krieges, konnte Ost und West gegeneinander ausspielen, an der Heimatfront die einzelnen Stämme mit dem Entzug von Geldern disziplinieren und ihre Führer kleinhalten. Das gelingt ihm nun längst nicht mehr perfekt: Seine großen Förderer in Washington gehen auf Distanz, die Sowjetunion bricht zusammen, der Ostblock löst sich auf. Die Oppositionellen im Land sind so selbstbewusst geworden, dass sie Mobutu zum »multipartisme« zwingen können, zur Zulassung neuer Parteien. Und doch sollte es nach unserem Interview noch gut sieben Jahre dauern, bis er seine Macht verliert. Von seinen westlichen Partnern weitgehend im Stich gelassen, von politischen Gegenspielern zunehmend in die Enge getrieben und von einer Krebserkrankung geschwächt, gibt er auf und flieht ins marokkanische Exil. Dort stirbt Mobutu Sese Seko, vereinsamt und verbittert, am 7. September 1997.
DER »NEUE« KONGO – UND DIE SPUR MEINER PEINIGER AUS MOBUTU-ZEITEN
Auch nach dem Tod Mobutus kommt Zaire, das jetzt »Demokratische Republik Kongo« heißt, nicht zur Ruhe, der Mobutismus, die Ausbeutung des Landes, geht auch ohne den Mann mit der Leopardenmütze weiter. Eine Aufarbeitung der Gewaltherrschaft findet nicht statt, auch personell bleibt vieles beim Alten – oder sogar in der Familie. Nzanga Mobutu, einer der Söhne des Diktators, wird sogar Landwirtschaftsminister im »neuen« Kongo.
Offizieller Nachfolger des Tyrannen wird Laurent Kabila. Der neue Präsident verliert aber schnell die Macht im Nordosten des Landes an Rebellen aus den Nachbarstaaten Ruanda und Uganda. Er stirbt 2001 durch die Kugel eines Leibwächters. Nach dem Attentat auf seinen Vater übernimmt Kabilas Sohn Joseph die Regierung. Für einen dauerhaften Frieden reicht auch sein Einfluss nicht. Vorübergehend kontrollieren die Vereinten Nationen, auch mit dem Einsatz aus Deutschland ausgesandter Blauhelme, das Land so schlecht und recht. Seit 2019 herrscht Félix Tshisekedi als Staatspräsident; internationale Beobachter halten seine Wahlergebnisse aber für grobe Fälschungen. Die Stammesfehden haben sich unter seiner Regentschaft eher noch einmal verschärft. Und aus dem Nachbarland Ruanda dringen immer wieder die von der dortigen Führung finanzierten Rebellen der »M23« in den Nordosten ein, haben 2025 nicht nur ganze Landstriche, sondern sogar die Millionenstadt Goma in ihre Gewalt gebracht und die Zivilbevölkerung terrorisiert. Oft steht hinter dem Hass ein kaltes Kalkül: die Gier nach Gold und Diamanten. Der Rohstoffreichtum erweist sich für den Kongo zunehmend als Fluch. Einer extrem reichen winzigen Oberschicht steht eine breite Mehrheit völlig verarmter Schichten entgegen – das Prokopfeinkommen ist eines der geringsten der Welt.
Was Mobutus Milliardenvermögen und seine rechtmäßige Überführung an das kongolesische Volk angeht: auch das ein Trauerspiel. Der Diktator hat beste Beziehungen in die Schweiz gepflegt, flog in seiner Regierungszeit mehrfach nach Zürich, um sich bei den dortigen Ärzten durchchecken zu lassen – und um seine gestohlenen Gelder auf Nummernkonten zu verstecken. Gleich nach dem Tod des Diktators im Exil erhob der Familienclan Anspruch auf die Herausgabe der Vermögenswerte. Die Schweizer Behörden versuchten, das auf jeden Fall zu verhindern, und forderten die neuen Politikverantwortlichen in Kinshasa zu einem postumen Verfahren gegen den Kleptokraten auf. Doch dazu kam es nie. So sahen sich die Schweizer Behörden, nachdem sie nach eigenen Worten alle rechtlichen Mittel zur Blockierung der Gelder ausgeschöpft hatten, dazu gezwungen, die von Mobutu selbst offiziell bei Banken eingezahlten Beträge an dessen Erben zu überweisen. Es war freilich nur ein Bruchteil der auch von Berner Offiziellen auf Milliarden geschätzten Schwarzgelder.
Bis heute bleibt die Demokratische Republik Kongo ein Problemstaat. Auszug aus einer Reisewarnung des Auswärtigen Amtes in Berlin für den Kongo 2025, höchste Stufe 5: »Vor Reisen in die Ostprovinzen, in die Grenzregionen zur Zentralafrikanischen Republik und Südsudan, auch in die Hauptstadt Kinshasa wird gewarnt. Meiden Sie die Nationalparks Virunga und Kahuzi-Biega. Verzichten Sie grundsätzlich auf teuren Schmuck oder extravagante Kleidung, verhalten Sie sich unauffällig. Gehen sie nie alleine, sondern nur in kleinen Gruppen mit lokaler Begleitung aus.«
Der amerikanische Präsident Donald Trump versprach dann Anfang Dezember 2025 bei der Unterzeichnung eines Abkommens in Washington vollmundig einen »dauerhaften Frieden« in der Region. Die Menschen der Demokratischen Republik Kongo und Ruandas hätten »viel Zeit damit verbracht, sich gegenseitig zu töten, und jetzt werden sie viel Zeit damit verbringen, sich zu umarmen und an den Händen zu halten«. Zugleich kündigte Trump an, dass die Vereinigten Staaten mit beiden zentralafrikanischen Ländern bilaterale Verträge über den Abbau Seltener Erden schließen würden. Die USA seien bereit, einige ihrer bedeutendsten Unternehmen zu entsenden: »Wir alle werden viel Geld verdienen!« Die bei der Zeremonie anwesenden Präsidenten Tshisekedi (Kongo) und Kagame (Ruanda) äußerten sich viel zurückhaltender – und warfen sich, kaum in die Heimat zurückgekehrt, gegenseitig vor, die Waffenruhe gebrochen zu haben. Tatsächlich flammten dann Ende Dezember 2025 im Ost-Kongo die kriegerischen Auseinandersetzungen wieder in voller Schärfe aus.
Und was ist aus unserer Folterstadt geworden?
Lubumbashi heute: Das ist eine Vier-Millionen-Metropole mit riesigen Slums und Glitzerwolkenkratzern. Unser kleines Geheimdienstgefängnis ist nach Auskunft eines lokalen Reporters längst abgerissen, zugunsten hässlicher Wohnblocks. Und ganz in der Nähe ist ein Luxushotel entstanden. Das Grand Karavia, in der Route du Golf. Da trafen sich vor einigen Monaten die Geheimdienstbosse mit Militärs und besonders einflussreichen Geschäftsleuten aus den USA, Frankreich, Russland und China. Und wieder ging es um Bodenschätze, weniger um Kupfer und Kobalt wie früher, auch nicht so sehr um Gold und Diamanten; im Fokus standen Coltan und Uran, was man so für Handys, Laptops und Hightech-Waffen braucht. Alles im Überfluss vorhanden in diesem zum Anbeten schönen und zum Verzweifeln verkommenen Land.
Schwer zu recherchieren, wie es den Männern ergangen ist, die uns in Lubumbashi so brutal gequält haben. Die Spuren des sadistischen Folterers Joseph, des alerten Geheimdienst-Inquisitors Mwenza verlieren sich. Nur General Bolongo, der Verkünder unseres Todesurteils in Kinshasa, ist noch aufzufinden. Er hat Karriere gemacht, ist noch unter Mobutu kurzzeitig Premier geworden, bevor er dann mit ihm fliehen musste. 1999 aber kehrte der begnadete Opportunist aus dem französischen Exil nach Kinshasa zurück, diente sich dem neuen Herrscher an, der Mobutu entthront hatte – und wurde unter ihm Minister für Staatsunternehmen. Bolongo, ein Militär, ein Politiker, ein Jurist, offenbar Kongos Mann für alle Fälle, hat ein Buch über das Strafrecht in seinem Land geschrieben (»Le droit criminel zairois«), das ich mir gerne von ihm persönlich hätte signieren lassen. Es kam leider nicht dazu. Ich erfuhr zu spät, dass Bolongo Gast in Berlin gewesen ist – 1998 eingeladen von der Deutschen Industrie- und Handelskammer.
Gleich nach meiner Befreiung damals aus dem Gefängnis in Lubumbashi hat mich eine besorgte Chefredaktion gefragt, ob ich denn nicht andere als die »harten« politischen Themen machen wolle. Ich bin dann immer mal gern ausgewichen, in die Welt des Sports etwa, wo ich vor den Olympischen Spielen von Seoul Interviews mit der schnellsten Frau und dem schnellsten Mann der Welt führen durfte (leider stellte sich später heraus, dass Florence Griffith-Joyner und Ben Johnson ihre Fabelzeiten über hundert Meter wohl weitgehend dem Doping verdankten); ich konnte auch meiner Lieblingsfreizeitbeschäftigung journalistisch etwas abgewinnen, durch ein langes Gespräch und eine Partie mit dem norwegischen Schachweltmeister Magnus Carlsen.
Besonders gerne denke ich auch an meine Ausflüge in die Welt der Kultur zurück, an faszinierende Begegnungen mit John le Carré, dem Meister der Spionageromane, und an Salman Rushdie, dem genialen Fabulierer, gegen den das iranische Regime wegen der angeblich gotteslästerlichen »Satanischen Verse« ein Todesurteil ausgesprochen hat; und an Begegnungen mit Schriftstellerinnen wie Elfriede Jelinek, die spätere Literaturnobelpreisträgerin, und Jhumpa Lahiri, die gleich für ihren ersten Band von Kurzgeschichten mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Aber überwiegend bin ich doch der politischen Reportage treu geblieben.
Ich habe von 1975 bis 1995 für den Stern gearbeitet, dann schrieb ich zweiundzwanzig Jahre für den Spiegel, im Jahr 2017 bin ich zur Zeit gestoßen. Fünf Jahrzehnte, in denen ich immer wieder auch mit besonders schwierigen Politikern zu tun hatte (oder sie mir unbewusst als Gegenstand der Beobachtung und Beschreibung aussuchte). Die Interviews waren manchmal erhellend, oft erschütternd, gelegentlich auch frustrierend bis hin zum Scheitern. Verblüfft hat mich bei meinen Gesprächen die Selbstgerechtigkeit der Diktatoren, ihre oft triumphierend zur Schau gestellte Überzeugung, das Richtige zu tun, nicht nur für sich, sondern für »die Menschen«. So ist – bei Reisen in den Nahen und Mittleren Osten, nach Haiti, Nordkorea und auf die Philippinen, aber auch nach Serbien – eine Galerie von Gewalttätern entstanden, die einiges trennt, aber auch vieles verbindet: Alle meine Mörder.
Imelda Marcos hat nach dem Ende unseres Interviews im Herbst 1986 eine Überraschung parat. Sie greift in eine Schublade, holt ein Mikrofon mit einem goldenen Mundstück heraus, stellt Hintergrundmusik an. »Meine Zugabe«, sagt sie. Dann legt sie los, singt mit heller Stimme und der Gestik einer großen Diva »Sentimental Journey« und dann noch den anderen emotionalen Klassiker: »Feelings, oh, oh, feelings«. Während ich nach der Darbietung zögerlich klatsche – sie hat dann doch nicht alle Töne getroffen –, ruft es aus dem Hintergrund: »Bravo, bravo, da capo!« Es ist ihr Gatte, der sie da so bejubelt, der Mann, der beim Gespräch gerade erst den »drohenden Weltkrieg« beschworen hat, den er, nur er, verhindern könne. Zwei, die sich von ihrer sanften, menschenfreundlichen Seite zeigen wollen.
Dabei sind sie ein Diktatorenpaar wie aus dem Lehrbuch: Präsident Ferdinand Marcos war von Mitte der sechziger bis Mitte der achtziger Jahre auf den Philippinen zuständig für das Grobe, für die brutale Unterdrückung der Opposition, für Todesurteile und Folterbefehle; Manila-Gouverneurin und Ministerin für besondere Aufgaben Imelda Marcos kümmerte sich um das eher Feingeistige, um Filmfestspiele und internationale Tanzaufführungen, aber auch um das internationale Antichambrieren bei Präsident Nixon in Washington und beim Tête-à-tête mit dem Vorsitzenden Mao Zedong in Peking.
Ferdinand Marcos im Gespräch mit dem Autor, September 1986, Honolulu
Ferdinand, der äußerlich so Unscheinbare, verbreitete Grauen, Imelda, die strahlend Glamouröse, verbreitete Glanz. Und niemand war dem Herrscherpaar näher als die Schutzmacht USA, Washington gewährte dem fernöstlichen Inselreich Kredite in Milliardenhöhe und sicherte sich im Gegenzug mit Subic Bay und der Clark Air Base zwei seiner weltweit wichtigsten Militärstützpunkte.
Ferdinand Marcos kam schon in jungen Jahren mit der Justiz in Berührung: Er war angeklagt, einen Rivalen seines in der Lokalpolitik engagierten Vaters ermordet zu haben. Der Wortgewaltige, der sein Jurastudium in Manila als Jahrgangsbester abgeschlossen hatte, verteidigte sich selbst und konnte nicht überführt werden. Zielstrebig verfolgte er dann auch seine politische Karriere, wurde Abgeordneter und Senator. 1954 heiratete er Imelda Romuáldez, eine ebenso ehrgeizige wie blitzgescheite und skrupellose Frau, die ihm als Schönheitskönigin aufgefallen war.
1962 zog das Powerpaar nach gewonnener Wahl in den Präsidentenpalast. Doch bald mochten sich die beiden nicht mehr an demokratische Spielregeln halten, fühlten sich an nichts mehr gebunden und suchten die totale Macht. 1972 verhängte Marcos nach einem selbst inszenierten Putsch das Kriegsrecht. Der Westen nahm das eher uninteressiert zur Kenntnis, die Medien stürzten sich dafür gerne auf den »Thrilla in Manila«, den Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier 1975, und sie bewunderten all die Berühmtheiten, die sich bei den von Imelda Marcos ausgerichteten Jetset-Partys trafen.
Ich habe erstmals 1980 auf den Philippinen recherchiert, zu Beginn meiner Zeit als Fernostkorrespondent. Ich traf verzweifelte Menschen, Bürgerrechtler, die mir ihre Foltermale zeigten, Journalisten, die unter Todesangst im Untergrund arbeiteten. Präsident Marcos scharte ein Dutzend bedingungslos loyale Militärs und korrupte Geschäftsleute um sich, die er mit Millionengeschenken aus der Staatskasse versorgte, im Volk nannte man sie die »Rolex-12-Gruppe«.
Die First Lady, zum Kabinettsmitglied ernannt, feierte immer ausschweifendere Feste, »mein Volk will zu mir aufschauen, es braucht mich als Vorbild«, pflegte Imelda Marcos zu sagen. Ihre Sammlung von Designerkleidern und besonders ihr Hang zu kostbaren Schuhen – sie besaß 2700 Paar – machten die First Lady zur weltrekordverdächtigen Verschwenderin. Aber der »Eiserne Schmetterling« mischte eben auch in der internationalen Politik mit, man sah sie oft an der Seite ihres Mannes in den Welthauptstädten, gelegentlich schickte er sie zur Charmeoffensive auch alleine los. Oberst Muammar al-Gaddafi habe sie in Libyen dazu überredet, seine Unterstützung für die aufständischen Muslime im Süden der Philippinen aufzugeben, »der einzige Vertrag, an den sich Gaddafi je gehalten hat«, prahlte sie im Interview mit mir. »Dass ich beim Besuch in Kuba auch besonders gut mit Fidel Castro auskam und er mich höchstpersönlich durch die Straßen von Havanna kutschierte, ist wahr. Dass da mehr war als Sympathie, wie manche Journalisten uns andichteten, ist allerdings nur ein Gerücht.« Ein Gerücht, dessen Verbreitung sie offensichtlich genoss.
Imelda Marcos im Gespräch mit dem Autor, September 1986, Honolulu
Der politische Wendepunkt auf den Philippinen kam am 21. August 1983, als der prominenteste Marcos-Kritiker Benigno Aquino am Flughafen von Manila erschossen wurde. Niemand glaubte an die schnell vom Regime proklamierte Geschichte vom »Einzeltäter«. Unter Führung der Witwe des Ermordeten und unter der Symbolfarbe Gelb schlossen sich immer mehr Menschen Demonstrationen an. Der Widerstand der People’s Power wurde so stark, dass die Amerikaner ihren Schützling fallen ließen und ihn ins »ehrenvolle« Exil nach Hawaii abschoben. In seiner Abwesenheit wurde die Witwe Corazon Aquino im Februar 1986 zur Staatspräsidentin gewählt.
Es war dann wenige Monate später im hawaiianischen Exil, dass ich Ferdinand und Imelda Marcos zum Gespräch und gemeinsamen Gottesdienst traf und sie mir ein Ständchen brachte. Nicht nur deshalb eine bizarre Situation: Er war davon überzeugt, dass die amerikanische Regierung ihn zwar »verraten« hatte, aber wegen der »drohenden kommunistischen Gefahr, einem Weltkriegs-Szenario« bald wieder an die Macht bringen werde. »Das Weiße Haus hat mir einen Verbindungsoffizier an die Hand gegeben, der mir 24 Stunden am Tag zur Verfügung steht«, erzählte er, sein Comeback stehe bevor. Seine Frau beklagte sich derweil bitter über die ihrer Meinung nach »unzumutbaren« Asylbedingungen.
Aber kostete der Bungalow, in dem sie wohnten, den amerikanischen Steuerzahler nicht viertausendfünfhundert Dollar Monatsmiete?
»Jeder Volksschullehrer hier hat ein besseres Haus«, meinte sie. »Washington wird noch einmal der Zeit nachtrauern, als wir die Philippinen regierten. Und zwar sehr bald. Jetzt aber wissen wir manchmal nicht, woher wir am nächsten Tag die Milch nehmen sollen.«
Wenn die Marcos-Familie zu dieser Zeit wirklich so mittellos war, wohin waren dann all die Goldbarren, das Bargeld, die Kunstschätze verschwunden, die sie in der ganzen Welt zusammengerafft hatten? »Kunst haben wir immer nur fürs Volk gekauft, wer behauptet, wir hätten unser Land ausgeplündert, der lügt«, sagte sie.
Experten werden später schätzen, dass das Diktatorenpaar mehr als vier Milliarden Dollar aus der Staatskasse in die eigenen Taschen umgeleitet hat. Im New Yorker Privatappartement der Marcosens finden die Ermittlungsbehörden später an den Wänden Gemälde von Michelangelo, van Gogh und Picasso. Zum Schluss des denkwürdigen Treffens mit den Asylanten erster Klasse auf Hawaii wollte Imelda Marcos dann unbedingt noch einen Witz loswerden. »Wussten Sie schon, dass aus dem Malacañang-Palast von Manila inzwischen die Hälfte meiner schönen Schuhe verschwunden sind?« Nein, war mir neu. »Präsidentin Corazon Aquino hat festgestellt, dass sie dieselbe Schuhgröße hat wie ich.«
Die eklatanten Menschenrechtsverletzungen in Manila haben die Amerikaner nie gestört, aber ein politisches Comeback der beiden haben sie verhindert – sie kamen auch mit der Nachfolgeregierung gut zurecht. Am 28. September 1989 starb Ferdinand Marcos auf Hawaii – und selbst in den Stunden der Trauer dachte seine Frau vor allem taktisch. Sie lud Journalisten, unter anderem auch mich, dazu ein, sie und den Verblichenen im Flugzeug nach Manila zu begleiten. Als die Fotografen ein Bild der Leiche haben wollten, öffnete sie bereitwillig den Sarg, baute sich tränenreich neben ihm auf.
Und das alles war noch keineswegs das Ende der Familiensaga. Imelda hatte mit den heranwachsenden Kindern, dem Sohn Ferdinand und der Tochter Imee, noch Großes vor. Und die machtbewusste Manipulatorin wusste, dass sie, um eine Chance für die Fortsetzung der Dynastie zu erhalten, die Deutungshoheit über die jüngere philippinische Geschichte an sich reißen musste. Sie beschloss, mit dem Leichnam ihres Gatten zu pokern. Imelda Marcos verlangte ein Staatsbegräbnis in Manila, einen Platz auf dem Heldenfriedhof für ihren Gatten. Das konnte und wollte Frau Aquino nicht gestatten.
Wieder einmal bewies Imelda Marcos ihren politischen Instinkt und ihre Begabung für Theatralik. Ferdinand Marcos wurde zunächst in einen gläsernen Sarg gelegt, dann in einem mit Trockeneis versehenen Mausoleum auf dem Familiengrundstück seiner Heimatstadt Batac im Norden des Landes zur Schau gestellt – ein Wallfahrtsort für seine Anhän
