9,99 €
Der spanische Bestsellerautor hat Anfang der achtziger Jahre für zwei Jahre in Oxford gelebt und am All Souls College Spanische Literatur und Übersetzen unterrichtet. Seine Erfahrungen des englischen Wissenschaftsbetriebs und seine Beobachtungen der Egomanen, Spinner und Genies fließen in den Roman ›Alle Seelen‹ ein. Der Roman ist ein komisches Panoptikum schrulliger Figuren, seltsamer Gepflogenheiten und verstaubter Universitätsrituale. Vor diesem Hintergrund verliebt sich der Ich-Erzähler in die verheiratete Dozentin und Kollegin Clare Bayes. Die beiden sind voneinander fasziniert, wissen aber, dass sie in unterschiedlichen Welten leben, und es keine gemeinsame geben wird. Ein Campusroman voller Witz, Ironie und kluger Gedanken.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2012
Javier Marías
Roman
In den achtziger Jahren hat Javier Marías zwei Jahre Spanische Literatur und Übersetzung an der Universität Oxford gelehrt. Seine Erfahrungen des englischen Wissenschaftsbetriebs und seine Beobachtungen der Egomanen, Spinner und Genies fließen in den Roman ›Alle Seelen‹ ein. Der Roman ist ein komisches Panoptikum schrulliger Figuren, seltsamer Gepflogenheiten und verstaubter Universitätsrituale. Vor diesem Hintergrund verliebt sich der Ich-Erzähler in die verheiratete Dozentin und Kollegin Clare Bayes. Die beiden sind voneinander fasziniert, wissen aber, dass sie in unterschiedlichen Welten leben, und es keine gemeinsame geben wird. Unter diesen Ereignissen strömt als Kontrapunkt Javier Marías’ Gedankenfluss mit all seinen fesselnden Strudeln und Strömungen. Ein Campusroman voller Witz, Ironie und kluger Gedanken.
»Im Beschreiben des Begehrens und der Erwartung ist Javier Marías Meister.« Süddeutsche Zeitung
Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de
Javier Marías, 1951 als Sohn eines vom Franco-Regime verfolgten Philosophen geboren, veröffentlichte seinen ersten Roman mit neunzehn Jahren. Seit seinem Bestseller ›Mein Herz so weiß‹ gilt er weltweit als interessantester Erzähler Spaniens. Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Nelly-Sachs-Preis sowie dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Seine Bücher wurden in über vierzig Sprachen übersetzt.
Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de
Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg
Coverabbildung: plainpicture/Magali Nougarede
Die Originalausgabe erschien 1989 unter dem Titel
›Todas las almas‹ bei Editorial Anagrama, Barcelona
© 1989 Javier Marías
›Alle Seelen‹ erschien unter dem Titel ›Alle Seelen oder Die Irren von Oxford‹ 1991
erstmalig auf Deutsch beim Piper Verlag, München
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2012
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-401996-3
Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.
Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.
Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.
Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.
Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.
Für Eric Southworth, für meine Vorgänger Vicente und Félix und für Elide
Zwei der drei sind gestorben, seit ich Oxford verlassen habe, und das bringt mich auf den abergläubischen Gedanken, dass sie vielleicht gewartet haben, bis ich kam und meine Zeit dort zubrachte, um mir Gelegenheit zu geben, sie kennenzulernen und jetzt von ihnen sprechen zu können. Es mag daher sein, dass ich – im selben Aberglauben – gezwungen bin, von ihnen zu sprechen. Sie starben erst, als mein Umgang mit ihnen aufhörte. Wäre ich weiter in ihrem Leben und in Oxford geblieben (wäre ich weiter tagtäglich in ihrem Leben geblieben), dann würden sie womöglich noch leben. Dieser Gedanke ist nicht nur abergläubisch, sondern auch eitel. Aber wenn ich von ihnen spreche, muss ich auch von mir sprechen und von meinem Aufenthalt in der Stadt Oxford. Obwohl der, der spricht, nicht der Gleiche ist, der dort war. Er scheint es zu sein, aber er ist es nicht. Wenn ich mich selbst ich nenne oder einen Namen benutze, der mich seit meiner Geburt begleitet hat und durch den sich einige an mich erinnern werden, oder wenn ich Dinge erzähle, die mit Dingen übereinstimmen, die andere mir zuschreiben würden, oder wenn ich die Wohnung, die vorher und nachher andere bewohnten, ich jedoch zwei Jahre bewohnte, als meine Wohnung bezeichne, dann geschieht dies nur, weil ich lieber in der ersten Person spreche, und nicht, weil ich glaube, jemand bleibe allein kraft des Erinnerungsvermögens in verschiedenen Zeiten und Räumen dieselbe Person. Wer hier erzählt, was er sah und erlebte, ist nicht der, der es sah und erlebte, aber auch nicht seine Fortsetzung, sein Schatten, sein Erbe oder sein Usurpator.
Meine Wohnung erstreckte sich über drei Stockwerke und war pyramidenförmig, und ich verbrachte viel Zeit in ihr, da meine Verpflichtungen in der Stadt Oxford so gut wie bedeutungslos oder inexistent waren. Tatsächlich ist Oxford eine der Städte der Welt, in der am wenigsten gearbeitet wird; die Tatsache, dazusein, ist dort sehr viel entscheidender als die Tatsache, etwas zu tun oder gar zu handeln. In Oxford zu sein erfordert ein solches Maß an Konzentration und Geduld und der Kampf gegen die natürliche geistige Lethargie eine derartige Anstrengung, dass es unangemessen wäre, von seinen Bewohnern überdies auch noch Aktivität zu verlangen, vor allem in der Öffentlichkeit, obwohl einige Kollegen sich stets im Eilschritt von einem Ort zum anderen zu bewegen pflegten, um den Eindruck ständiger Zeitnot und äußersten Beschäftigtseins in den Pausen zwischen den Unterrichtsstunden zu erwecken, die indes in allergrößter Ruhe und Gelassenheit abgelaufen waren oder ablaufen würden, bildeten sie doch einen Teil des Daseins und nicht des Tuns und auch nicht des Handelns. So war Cromer-Blake, und so war der Inquisitor, auch der Schlächter und The Ripper genannt, dessen wahrer Name Alec Dewar lautete.
Wer sich jedoch der ganzen vorgetäuschten Betriebsamkeit entzog und dem statischen oder stabilen Charakter des Ortes Gestalt und Ausdruck verlieh, war Will, der alte Pförtner des Gebäudes (der pompös und lateinisch genannten Institutio Tayloriana), in dem ich in Ruhe und Gelassenheit zu arbeiten pflegte. Noch nie habe ich einen so reinen Blick gesehen (schon gar nicht in meiner Heimatstadt Madrid, wo reine Blicke nicht existieren) wie bei diesem kleinen, zierlichen Mann von fast neunzig Jahren, der unveränderlich mit einer Art Blaumann bekleidet war und dem man gestattete, viele Vormittage in seiner gläsernen Pförtnerloge zu sitzen und die eintretenden Professoren zu grüßen. Will wusste nicht genau, an welchem Tag er lebte, und so geschah es – ohne dass jemand das Datum seiner Wahl hätte voraussehen oder gar wissen können, durch was es bestimmt wurde –, dass er es jeden Morgen in ein anderes Jahr verlegte und nach seinem Willen, oder besser gesagt wahrscheinlich ohne seinen Willen, in der Zeit vor- und zurückreiste. Es gab Tage, an denen er sich weniger seinem Glauben nach als tatsächlich im Jahr 1947 oder 1914 oder 1935 oder 1960 oder 1926 oder in irgendeinem anderen Jahr seines sehr langen Lebens befand. Bisweilen konnte man an einem leichten Ausdruck von Furcht erkennen, dass Will sich gerade in einem schlechten Jahr eingerichtet hatte (er war ein zu reines Wesen, um die Sorge zu kennen, fehlte ihm doch jede Vorausschau in die Zukunft, die stets mit diesem Gefühl verbunden ist), aber dieser Ausdruck ging nie so weit, dass er seinen vertrauensvollen und heiteren Blick verdüstert hätte. Man konnte vermuten, dass ein Morgen des Jahres 1940 für ihn von der Angst vor den Bombardierungen der vorangehenden oder der kommenden Nacht beherrscht war und dass ein Morgen des Jahres 1916 ihn in leichte Niedergeschlagenheit versetzte wegen der schlechten Nachrichten, die von der Offensive an der Somme kamen, und dass er an einem Morgen des Jahres 1930 ohne einen Penny in der Tasche erwacht war, mit dem tastenden, schüchternen Blick dessen, der sich etwas borgen muss und noch nicht weiß, bei wem. An anderen Tagen war die fast unmerkliche Gedämpftheit seines gewaltigen Lächelns oder des Glanzes seines herzlichen Blickes völlig unentzifferbar – nicht einmal mittels phantasiereicher Vermutungen –, weil sie zweifellos durch Kummer und Verdruss seines Privatlebens bedingt war, das keinen Studenten oder Professor je interessiert haben dürfte. Bei diesen ständigen Reisen durch seine Existenz war für die anderen fast alles unergründlich (wie bei Porträts aus vergangenen Jahrhunderten oder einer vorgestern aufgenommenen Fotografie). Wie konnten wir wissen, an welchem trübseligen Tag seiner zahlreichen Tage Will lebte, wenn wir sahen, dass er uns statt mit dem freudigen Gesicht der fröhlichen oder auch neutralen Tage nur mit einem halben Lächeln begrüßte? Wie sollte man wissen, welchen melancholischen Abschnitt seines endlosen Lebensweges er gerade durchlief, wenn er beim Gutentagsagen nicht mit kindlicher Gebärde die Hand hob? Jene senkrecht erhobene Hand, die dir die Überzeugung vermittelte, dass es in jener ungastlichen Stadt jemanden gab, der sich wirklich freute, dich zu sehen, obwohl dieser Jemand nicht wusste, wer du warst, oder, besser gesagt, dich jeden Morgen für einen anderen hielt als am Tag zuvor. Nur einmal erfuhr ich dank Cromer-Blake, in welchem Augenblick seines gleichförmigen Lebens, das sich so viele Stunden hinter den Scheiben seiner Pförtnerloge abgespielt hatte, Will sich gerade befand. Cromer-Blake wartete an der Tür des Gebäudes, bis ich kam, und mahnte mich: »Sag was zu Will, ein paar tröstende Worte. Es scheint, er lebt heute den Tag im Jahr 1962, als seine Frau starb, und es würde ihn sehr schmerzen, wenn jemand von uns vorbeiginge, als wüsste er nicht Bescheid. Er ist sehr traurig, aber seine angeborene gute Laune erlaubt ihm, seine heutige Rolle gerade so weit auszuleben, dass er sein Lächeln nicht völlig verloren hat. Also bis zu einem gewissen Grad ist er auch entzückt.« Und dann, den Blick nicht mehr auf mich gerichtet, setzte Cromer-Blake hinzu, während er sich über das vorzeitig ergraute Haar strich: »Hoffen wir, dass er nicht auf den Gedanken kommt, täglich bei diesem Datum zu bleiben: Dann müssten wir die Schwelle jeden Morgen mit einer Beileidsbezeugung auf den Lippen überschreiten.«
Will trug eine schwarze Krawatte zu dem weißen Hemd unter dem Blaumann, und seine wasserhellen Augen wirkten noch durchsichtiger und flüssiger als gewöhnlich, vielleicht weil er eine Nacht in Tränen und im Anblick des Sterbens verbracht hatte. Ich ging bis zur Tür der Pförtnerloge, die offen stand, und legte ihm die Hand auf die Schulter. Ich spürte seine Knochen. Ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte.
»Guten Tag, Will, auch wenn es für Sie ein schlechter Tag ist. Ich habe es gerade erfahren, es tut mir sehr leid, was kann ich Ihnen sagen?«
Will lächelte sanftmütig, und einmal mehr leuchtete sein rosiges Gesicht auf, das so rosig war, dass es völlig glatt wirkte. Er legte seine Hand auf meine und gab mir ein paar kraftlose Klapse, als sei er es, der mich tröstete. Cromer-Blake, mit seinem Talar über der Schulter, beobachtete uns (Cromer-Blake trug seinen Talar immer über der Schulter und beobachtete immer).
»Danke, Mr. Trevor. Es stimmt, was Sie gesagt haben, der Tag könnte nicht schlimmer für mich sein. Sie ist gestern Nacht gestorben, wissen Sie? Heute früh. Sie war schon einige Zeit etwas krank, aber nicht sehr. Heute früh bin ich aufgewacht, und sie lag im Sterben. Sie ist sofort gestorben, ohne Vorwarnung, ganz plötzlich, vielleicht wollte sie mich nicht wecken. Ich sagte ihr, sie solle warten, aber sie konnte nicht. Sie hat mir nicht mal Zeit gelassen, aufzustehen.« Will verstummte einen Augenblick und fragte: »Wie steht mir die Krawatte, Mr. Trevor? Normalerweise trage ich ja keine.« Dann lächelte er und fügte hinzu: »Aber sie hatte ein gutes Leben, glaube ich wenigstens, und kurz war es auch nicht. Sie müssen wissen, sie war fünf Jahre älter als ich. Fünf Jahre hatte sie mir voraus, jetzt kann ich es ja sagen. Jetzt werde ich der Ältere sein, vielleicht. Ich werde weiter meinen Geburtstag feiern, und vielleicht werde ich älter, als sie je gewesen ist.« Er fingerte an seiner Krawatte herum. »Und außerdem: Auch wenn der Tag schlecht für mich ist, so gibt es doch keinen Grund, Ihnen nicht einen Guten Tag zu wünschen. Guten Tag, Mr. Trevor.«
Die Hand erhob sich von der meinen – von seiner eigenen Schulter – nicht so luftig wie andere Male, aber sie erhob sich doch zu ihrem senkrechten Gruß.
An jenem Morgen befanden wir uns im Jahr 1962, und deshalb war ich Mr. Trevor. Hätte Will sich in den dreißiger Jahren eingerichtet, dann wäre ich Dr. Nott gewesen, und wäre er in den fünfziger Jahren gewesen, dann hätte er Mr. Renner in mir gesehen. Während des Ersten Weltkrieges verwandelte ich mich in Dr. Ashmore-Jones, in den zwanziger Jahren war ich Mr. Brome, in den vierziger Jahren Dr. Myer und in den siebziger und achtziger Jahren Dr. Magill, und nur daran ließ sich erkennen, welchem Jahrzehnt Will, der Reisende in der Zeit, sich jeden Morgen zugeneigt und zugewandt hatte. Für ihn war ich jeden Tag ein Mitglied der Fakultät, das der Vergangenheit angehörte, wenn auch immer das Gleiche in jedem Zeitabschnitt, den sein Geist täglich auswählte, um in ihm zu leben. Und er irrte sich nie. In mir und in seinen reinen, zeitlosen Augen lebten noch einmal ihre eigene routinehafte Vergangenheit all die Dr. Magill und Dr. Myer und Mr. Brome und Dr. Ashmore-Jones und Mr. Renner und Dr. Nott und Mr. Trevor, von denen einige schon tot, andere pensioniert, wieder andere einfach versetzt oder verschwunden waren, ohne eine andere Erinnerung als die ihres Namens zu hinterlassen, oder sich vielleicht relegiert gesehen hatten aufgrund irgendeines schweren Vergehens, von dem der arme Will in seiner ewigen Pförtnerloge niemals die geringste Kenntnis erhalten haben dürfte.
Und merkwürdigerweise lebte in mir an manchen Vormittagen auch ein gewisser Mr. Branshaw, an den sich niemand erinnerte und von dem niemand etwas wusste, was mich jeden Morgen, wenn ich mich so nennen hörte – »Guten Tag, Mr. Branshaw« –, auf den Gedanken brachte, ob Wills Fähigkeit, sich in der Zeit zu bewegen, womöglich auch die Zukunft umfasste (vielleicht die unmittelbarste, die Zeit, die ihm noch zu leben blieb) und er aus der Sicht der neunziger Jahre jemanden grüßte, der noch nicht in Oxford eingetroffen war und, wo immer er sich auch befand, vielleicht noch gar nicht wusste, dass es ihm auferlegt sein würde, in der ungastlichen und in Sirup konservierten Stadt zu leben, wie sie vorzeiten einer meiner Vorgänger nannte. Jemand, den Will mit seinen verträumten, durchsichtigen Augen ebenfalls nicht wiedererkennen würde und dem er vielleicht meinen Namen gäbe – welchen er niemals vor mir aussprach –, wenn er ihn mit seiner feierlichen Hand am Eingang der Tayloriana grüßen würde.
Wie schon gesagt, waren meine Verpflichtungen in der Stadt Oxford minimal, was mir oft das Gefühl gab, eine dekorative Figur zu sein. Da ich mir jedoch bewusst war, dass meine bloße Anwesenheit schwerlich etwas dekorieren konnte, hielt ich es für angebracht, mir bisweilen den schwarzen Talar anzuziehen (der nur noch bei seltenen Gelegenheiten vorgeschrieben war), hauptsächlich, um die zahlreichen Touristen zufriedenzustellen, denen ich gewöhnlich auf meinem Weg von meiner pyramidenförmigen Wohnung zur Tayloriana begegnete, und in zweiter Linie, um mich verkleidet zu fühlen und etwas mehr gerechtfertigt in meiner Eigenschaft als Verzierung. In dieser Verkleidung traf ich daher bisweilen in dem Raum ein, in dem ich vor verschiedenen Gruppen von Studenten, die allesamt extreme Ehrfurcht und noch größere Gleichgültigkeit an den Tag legten, meine wenigen Unterrichtsstunden oder Vorlesungen hielt. Vom Alter her stand ich ihnen näher als den meisten Mitgliedern der Kongregation (wie im Gefolge der starken klerikalen Tradition des Ortes die Gesamtheit der dons oder Professoren der Universität heißt), aber es genügte, dass ich in den wenigen Stunden, in denen ich Blickkontakt mit ihnen herstellte, nervös auf einem Podium thronte, damit die Distanz zwischen den Studenten und mir nahezu monarchische Ausmaße erreichte. Ich saß oben und sie unten, ich hatte ein schönes Pult vor mir und sie gewöhnliche Bänke voller Einkerbungen, ich trug meinen langen schwarzen Talar (übrigens mit den Bändern von Cambridge und nicht von Oxford, zwecks größerer Zurückhaltung), und sie trugen keinen, und dies war schon Grund genug, dass sie nicht nur keinen Einspruch gegen meine tendenziösen Behauptungen erhoben, sondern mir nicht einmal Fragen stellten, wenn ich mich eine Stunde lang über die düstere spanische Nachkriegsliteratur ausließ, eine Stunde, die mir ebenso endlos erschien wie den Literaten die Nachkriegszeit (den ganz wenigen Regimegegnern).
Bei den Übersetzungsübungen hingegen, die ich mit wechselnden englischen Kollegen zusammen abhielt, stellten die Studenten sehr wohl Fragen. Die Texte, die meine Kollegen für diese Übungen aussuchten (deren Bezeichnung von einer Extravaganz war, dass ich sie vorläufig lieber verschweige, um nicht ein sinnloses und gewiss unbedeutendes Rätsel zu schaffen), waren derart weit hergeholt oder milieuverhaftet, dass ich oft falsche Definitionen für veraltete oder hermetische Wörter improvisieren musste, die ich nie im Leben gesehen oder gehört hatte und die natürlich auch die Studenten in ihrem Leben nicht noch einmal sehen oder hören würden. Es waren hochtrabende und denkwürdige (zweifellos von kranken Köpfen ersonnene) Wörter. So erinnere ich mich mit besonderer Begeisterung an praseodimio[1], jarampero[2], guadameco[3] und engibacaire[4] (auch briaga[5] habe ich nicht vergessen können, das in einer höchst eleganten Passage über Weinbau vorkam). Selbst auf die Gefahr hin, wie ein Dummkopf dazustehen, jetzt, da ich sie ins Englische übersetzt habe und sehr wohl weiß, was sie bedeuten, gestehe ich, dass mir ihre Existenz damals völlig unbekannt war. Noch heute wundere ich mich über ihre Existenz. Meine Rolle bei diesen Übungen war riskanter als bei den Vorlesungen, da sie darin bestand, als sprechende Grammatik und sprechendes Wörterbuch zu fungieren, mit der daraus folgenden Abnutzung meiner Reflexe. Die schwierigsten Fragen waren die etymologischen, aber nach kurzer Zeit, getrieben von Ungeduld und von dem Wunsch zu gefallen, hatte ich keine Bedenken, in aller Eile phantastische Etymologien zu erfinden, um mir aus der Klemme zu helfen, im Vertrauen darauf, dass kein Schüler und auch nicht der Kollege, der gerade an der Reihe war, je Neugier genug aufbringen würden, um später den Wahrheitsgehalt meiner Antworten zu überprüfen. (Und für den Fall, dass sie es täten, war ich überzeugt, dass sie auch Mitleid genug besäßen, um mir nicht am nächsten Tag meinen Aberwitz vorzuwerfen.) Angesichts von Fragen, die mir so heimtückisch und absurd erschienen wie zum Beispiel die Frage nach dem Ursprung des Wortes papirotazo[6], hatte ich daher keine Skrupel, Antworten anzubieten, die noch absurder und heimtückischer waren.
»Papirotazo, in der Tat. Dieser Schnipser mit dem Zeigefinger wird so genannt, weil man in dieser Weise die Papyrusrollen beklopfte, die zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in Ägypten gefunden wurden, um ihre Widerstandskraft zu prüfen und erste Anhaltspunkte für die Bestimmung ihres Alters zu finden.«
Und als ich sah, dass niemand heftig reagierte noch mit dem Einwand aufwartete, dass ein einziger papirotazo jeden dynastischen Papyrus in Konfetti verwandelt hätte, sondern die Schüler vielmehr Notizen machten und der englische Kollege – zweifellos betäubt vom groben Klang des Wortes und vielleicht berauscht von der plötzlichen Vision eines napoleonischen Ägypten – meine Erklärung guthieß (»Hören Sie? Papirotazo kommt von dem Wort papiro: pa-pi-ro, pa-pi-ro-ta-zo«), fühlte ich mich ermutigt, weiterzumachen und die Unwahrheit durch eine gelehrte Fußnote zu ergänzen: »Es ist daher ein ziemlich neues Wort, das sich dem älteren capirotazo assimilierte, wie man diesen schmerzhaften und beleidigenden Stüber ebenfalls nennt« – ich machte eine Pause, um die Vokabel mit einem Schnipser in die Luft zu veranschaulichen –, »denn diesen Schlag pflegte man auch den kapuzentragenden Büßern während der Karwoche auf die Spitze ihrer Kapuzen oder capirotes zu versetzen, um sie zu demütigen.«
Und mein Kollege stimmte immer zu (»Hören Sie? Ca-pi-ro-te, ca-pi-ro-ta-zo«). Der Genuss, mit dem einige der britischen Professoren ausgefallene spanische Wörter aussprachen, rührte mich immer wieder, und die größte Freude bereiteten ihnen die Wörter mit vier oder mehr Silben. Ich erinnere mich, dass der Schlächter ein solches Vergnügen empfand, dass er die Haltung vergaß, ein Bein anhob – dessen schneeweißes Schienbein sich aufgrund der zu kurzen Socken und der gefräßigen Schuhe entblößte –, es ungeniert und nicht ohne Anmut auf eine leere Bank legte und im Takt seines euphorischen Syllabierens mitwippen ließ (»Ve-ri-cue-to, ve-ri-cue-to[7]. Mo-fle-tu-do, mo-fle-tu-do[8]«). In Wahrheit musste ich später erkennen, dass der Beifall meiner Kollegen für meine imaginären Etymologien eine Folge ihrer ausgezeichneten Erziehung, ihres Solidaritätsgefühls und ihres Sinns für Amüsement war. In Oxford sagt nie jemand irgendetwas geradeheraus (Offenheit wäre der unverzeihlichste und auch der verwirrendste Fehler), aber ich verstand es so, als Dewar der Inquisitor mir bei meinem Abschied nach meinen zwei Jahren Aufenthalt unter anderen hochtrabenden Worten sagte: »Ich werde deine phantastischen etymologischen Kenntnisse vermissen. Sie haben mich immer ungemein verblüfft. Ich erinnere mich noch an mein Erstaunen bei deiner Erklärung, das Wort papirotazo käme von papo[9], weil es einen Schlag bezeichnet, den man dem Gegner unter das Kinn versetzt; ich war völlig baff.« Er hielt einen Augenblick inne, um sich vergnügt an meiner Verwirrung zu weiden. Dann schnalzte er mit der Zunge und fügte hinzu: »Die Etymologie ist eine faszinierende Wissenschaft, schade nur, dass die Studenten, diese armen Burschen ohne Urteilsvermögen, fünfundneunzig Prozent der Herrlichkeiten vergessen, die sie von uns hören, und dass unsere brillanten Entdeckungen sie nur ein paar Minuten lang fesseln, mehr oder minder bis zum Ende der Stunde. Aber ich werde mich daran erinnern: pa-pa-da, pa-pi-ro-ta-zo«, und er winkelte sein Bein leicht an. »Wer hätte das gedacht. Phantastisch.«
Ich glaube, ich wurde ziemlich rot, und sobald ich konnte, lief ich in die Bibliothek, um im Wörterbuch nachzuschlagen und zu entdecken, dass das berühmte Wort papirotazo in der Tat von dem Wort papo kam, der Stelle des Halses, wo man einst den schmachvollen Schlag erhielt. Ich fühlte mich mehr denn je als Hochstapler, aber ich sah mein Gewissen auch zum Teil beruhigt, da ich fand, dass meine verrückten Etymologien nicht sehr viel aberwitziger oder unwahrscheinlicher waren als die wirklichen. Diese zumindest erschien mir ebenso wunderlich wie die improvisierte. Und, wie The Ripper erklärt hatte, diese rein ornamentalen Kenntnisse hielten ohnehin nur wenige Minuten an, gleich, ob sie falsch, richtig oder halbwahr waren. Bisweilen erweist sich das wahre Wissen als bedeutungslos, und dann kann man es erfinden.
[1]
Praseodym (A.d.Ü.)
[2]
kleines Boot, das die Schmuggler in der Meerenge von Gibraltar benutzen (A.d.Ü.)
[3]
früherer Schmuck für Frauen (A.d.Ü.)
[4]
Kuppler (A.d.Ü.)
[5]
Rüstseil der Traubenpresse (A.d.Ü.)
[6]
Schnipser mit den Fingern (A.d.Ü.)
[7]
Unwegsamkeit (A.d.Ü.)
[8]
pausbäckig (A.d.Ü.)
[9]
Kropf, Doppelkinn (A.d.Ü.)
Ich bin endlos durch die Stadt Oxford gelaufen und kenne fast all ihre Winkel und auch die Außenbezirke mit ihren Namen, die auf der drittletzten Silbe betont werden: Headington, Kidlington, Wolvercote, Littlemore (Abingdon, Cuddesdon, die schon etwas weiter weg liegen). Ich lernte auch fast all ihre Gesichter der Zeit vor drei und zwei Jahren kennen, so schwierig es auch war, sie wiederzufinden. Die meiste Zeit lief ich ohne Plan und ohne ein bestimmtes Ziel, obwohl ich mich noch gut daran erinnere, dass ich etwa zehn Tage lang während meiner zweiten Vorlesungszeit dort (die Hilary heißt und acht Wochen zwischen Januar und März umfasst) mit einem wenig erwachsenen Plan herumlief, den ich mir, solange er dauerte, nicht einmal selbst eingestand. Es war kurz bevor ich Clare und Edward Bayes kennenlernte, und tatsächlich ergab sich die Unterbrechung oder die Aufgabe des Vorhabens (ja, es war eine Aufgabe) sicherlich auch aus der Bekanntschaft mit Clare Bayes und ihrem Mann und nicht nur daraus, dass der Plan an einem windigen Nachmittag auf der Broad Street zu ebendieser Zeit seine Verwirklichung und zugleich sein Scheitern erlebte.
Etwa zehn Tage, bevor Clare und Edward Bayes mir vorgestellt wurden und ich mit ihnen zu verkehren begann, fuhr ich – an einem Freitag – mit dem letzten Nachtzug, der gegen zwölf Uhr vom Bahnhof Paddington abfuhr, aus London zurück. Es war der Zug, den ich normalerweise jeden Freitag oder Samstag bei meiner Rückkehr aus der Hauptstadt nahm, wo ich keine Unterkunft besaß, es sei denn, ich ginge in ein Hotel, und das konnte ich mir nur hin und wieder leisten. Gewöhnlich kehrte ich lieber nach Hause zurück und fuhr, falls nötig, am anderen Morgen erneut nach London – eine knappe Stunde in einem direkten Zug –, wenn etwas oder jemand meine Anwesenheit dort erforderte. Der letzte Zug von London nach Oxford war jedoch nicht direkt. Die Umständlichkeit dieser Verbindung wurde dadurch wettgemacht, dass ich eine Stunde länger in den Genuss der Gesellschaft von William und Miriam kam, einem befreundeten Ehepaar, das in South Kensington lebte und mir seine Unterhaltung und Gastfreundschaft als Abschluss meiner Londoner Streifzüge anbot. Bei diesem letzten Zug um Mitternacht musste man in der Ortschaft Didcot umsteigen, von der ich nie mehr gesehen habe als ihren düsteren Bahnhof, noch dazu immer nach Einbruch der Dunkelheit. Bisweilen stand der zweite Zug, der uns mit unbegreiflicher Bedächtigkeit von dort nach Oxford brachte, noch nicht auf seinem Gleis, wenn wir sechs oder sieben Fahrgäste, die wir diese Verbindung benutzten, aus London eintrafen (die British Rail musste der Auffassung sein, dass wir Reisenden dieses allerletzten Zuges unverbesserliche Nachtschwärmer waren und sehr wohl noch etwas später ins Bett kommen konnten), und dann musste man auf diesem stillen, leeren Bahnhof warten, der, soweit man in der Dunkelheit die Umgebung erkennen konnte, von der dazugehörigen Ortschaft abgeschnitten und ringsum von freiem Feld umgeben zu sein schien, wie eine Geisterhaltestelle.
In England pflegen Unbekannte nicht miteinander zu sprechen, nicht einmal in den Zügen oder während der langen Wartezeiten, und die nächtliche Stille des Bahnhofs von Didcot ist eine der tiefsten, die ich je erlebt habe. Die Stille ist umso tiefer, wenn sie von einzelnen unregelmäßigen Stimmen oder Geräuschen unterbrochen wird, wie vom Scheppern eines Waggons, der sich plötzlich in rätselhafter Weise ein paar Meter fortbewegt und anhält, oder von den unverständlichen Rufen eines Bahnangestellten, den die Kälte aus seinem kurzen Schlaf weckt, um ihm einen schlechten Traum zu ersparen, oder vom dumpfen, entfernten Poltern einiger Kisten, die unsichtbare Hände grundlos zu verrücken beschließen, wo doch nichts drängt und alles aufschiebbar ist, oder vom metallischen Knacken einer Bierdose, die zusammengedrückt und in einen Papierkorb geworfen wird, oder vom bescheidenen Flug einer einzelnen Zeitungsseite oder von meinen eigenen Schritten, die sich nutzlos dem Rand der Plattform nähern, wie die Bahnsteige in England heißen, um die Zeit des Wartens zu verkürzen. Einige wenige Lampen, die im Abstand von mehreren Dutzend Metern angebracht sind, um auf diese Weise Verschwendung zu vermeiden, erhellen zaghaft die noch ungefegten Bahnsteige, die dem Boden am Ende eines billigen Straßenfests gleichen. (Sie werden erst am Morgen von Frauen gefegt, die jetzt im unbekannten Didcot träumen.) Es sind gerade nur die kurzen Abschnitte des Steinbodens und des Gleises sichtbar, die jede Lampe flackernd erhellt, und eine davon erhellt auch mein Gesicht, das aus einem marineblauen Mantel mit aufgestelltem Kragen herausragt, und weibliche Schuhe und Knöchel, deren Besitzerin im Dunkel bleibt. Ich sehe nur die Umrisse einer sitzenden Gestalt im Regenmantel und die Glut der Zigaretten, die sie, ebenso wie ich, während des Wartens raucht, das in dieser oder jener Nacht länger ist als gewöhnlich. Die Schuhe klopften verhalten einen Rhythmus auf dem Boden, als hätte ihre Trägerin noch immer die Musik in den Ohren, nach der sie vielleicht den ganzen Abend getanzt hatte, und es waren die Schuhe eines jungen Mädchens oder einer naiven Tänzerin, mit Schnalle und sehr niedrigem Absatz und abgerundeter Spitze. Englische Schuhe, ohne Zweifel, die meinen Blick nach rechts gewandt hielten und die reglose Stunde auf dem Bahnhof von Didcot erträglicher machten. Unsere jeweiligen Zigaretten vereinigten sich, in Kippen verwandelt, auf dem Boden: Ich warf die meinen mit einem urwüchsigen papirotazo zum Rand des Bahnsteigs, von dem sie nicht immer herunterfielen, sie die ihren in die gleiche Richtung, mit einer Armbewegung, wie sie jemand macht, der mit wenig Kraft einen Ball wirft. Und wenn die Hand diese Bewegung machte, trat sie in den Lichtkegel, und ich konnte ein paar Zehntelsekunden lang ein Armband sehen. Ab und zu stand ich auf, zum einen, um das Dunkel der Gleise in der Ferne auszuforschen, zum anderen, um zu versuchen, etwas mehr von der Frau zu sehen, die rauchte und mit ihren erleuchteten Füßen – die Beine abwechselnd übereinander geschlagen und nebeneinander – einen unbekannten Rhythmus klopfte. Ich tat zwei oder drei Schritte an ihr vorbei und kehrte zu meinem Platz zurück, aber das Einzige, was ich sehen konnte, waren die englischen Schuhe von vorne und die Knöchel, die im Halbdunkel makellos wirkten. Bis schließlich wenige Minuten, bevor zögernd und ermattet der verspätete Zug erschien, sie es war, die sich erhob und gemessenen Schrittes den Bahnsteig entlangging, während die getrübte und verstärkte Stimme eines indischen Eisenbahnangestellten, dessen Akzent so stark war, dass ein Ausländer nur erraten konnte, was er sagte, die Einfahrt des Zuges in Didcot und seine übrigen Halteorte ankündigte: Banbury, Leamington, Warwick, Birmingham. (Oder war es Swindon, Chippenham, Bath, Bristol? Ich möchte nicht auf die Landkarte sehen; in meinem Gedächtnis bewahre ich beide Reihen, vielleicht vermischt.) Sie stand schon bereit, mit einer kleinen Tasche in der Hand, die sie hin und her schlenkerte, während sie wartete. Ich öffnete ihr die Zugtür.
Ihr Gesicht habe ich völlig vergessen, wenn auch nicht ihre Farben (Gelb, Blau, Rosa, Weiß, Rot); dennoch weiß ich, dass sie die Frau ist, die mich in meinen jungen Jahren auf den ersten Blick am meisten bewegt hat, obwohl mir bewusst ist, dass diese Äußerung – so will es die Tradition der Literatur und der Wirklichkeit – nur für jene Frauen gelten kann, die die jungen Männer niemals kennenlernen. Ich erinnere mich auch nicht, wie ich sie ansprach oder worüber wir uns unterhielten während der knappen halben Stunde, die die Fahrt zwischen Didcot und Oxford oder ihren Bahnhöfen dauert. Vielleicht fingen wir gar keine Unterhaltung an, sondern wechselten nur drei oder vier einzelne Sätze. Dagegen erinnere ich mich, dass sie, wenn auch nicht jung genug, um Studentin zu sein, doch sehr jung war und folglich nicht sehr elegant und dass der Kragen ihres Regenmantels so weit offen stand, dass ich das Perlenkollier betrachten konnte (ob falsch oder echt, kann ich nicht sagen), das die gepflegtesten englischen Mädchen entsprechend der damaligen Mode gern trugen, obwohl sie sonst sehr ungezwungen oder scheinbar nachlässig gekleidet waren (sie war gerade nur sorgfältig gekleidet, nicht elegant). Ich erinnere mich auch, dass mir diese Frau mit ihrem Bubikopf und ihren heute vergessenen Gesichtszügen vorkam, als sei sie den dreißiger Jahren entstiegen. Vielleicht sah Will, der Pförtner, alle Frauen so an den Tagen, an denen er sich in diesem Jahrzehnt aufhielt. Was wir sprachen, war jedenfalls nicht persönlich genug, als dass ich etwas über sie erfahren hätte. Möglich, dass ihre hellen Augen vor Müdigkeit zufielen und ich nicht wagte, es zu verhindern. Möglich, dass während jener halben Stunde später Fahrt mein Wunsch nach Betrachtung sehr viel stärker war als meine Neugier oder mein Kalkül. Möglich auch, dass wir nur über Didcot sprachen, über seinen finsteren, kalten Bahnhof, der hinter uns lag und zu dem wir beide würden zurückkehren müssen. Sie stieg in Oxford aus, aber ich hatte nicht verstanden, das Terrain vorzubereiten: Ich bot ihr nicht einmal an, sie im Taxi mitzunehmen.
Fortan durchwanderte ich die Stadt Oxford etwa zehn Tage lang mit dem Plan oder der unbewussten Hoffnung, ihr wieder zu begegnen, was nicht allzu unwahrscheinlich war, wenn sie kein Besuch hierher geführt hatte und sie hier lebte. Ich verbrachte noch mehr Zeit auf der Straße als sonst, und jeden Tag verblasste ihr Gesicht mehr oder floss mit anderen zusammen, wie es mit den Dingen zu geschehen pflegt, an die man sich um jeden Preis erinnern will, mit all den Bildern, denen gegenüber die Erinnerung sich nicht respektvoll (das heißt passiv) zeigt. So ist es nicht verwunderlich, dass ich heute keinen ihrer Gesichtszüge vor mir sehe – es ist ein unvollendetes Bild, mit skizzierten, aber nicht ausgemalten Umrissen, mit bestimmten, wenn auch nur angedeuteten Farben –, obwohl ich sie mit Sicherheit ein zweites Mal und, wie ich glaube, ein drittes und vielleicht sogar ein viertes Mal wiedergesehen habe. Aber jenes sichere Mal – zehn Tage später – ging alles sehr rasch, und außerdem war es windig. Ich kam aus der Buchhandlung Blackwell’s und hatte nicht mehr genügend Zeit, um noch rechtzeitig zu einer meiner Übersetzungsübungen mit dem anspruchsvollen Dewar einzutreffen. Ich beschleunigte meine Schritte, den Blick nach vorn gerichtet, inmitten einer Windbö, die aufgekommen war, während ich bei Blackwell’s herumgestöbert hatte. Ich tat etwa zwanzig Schritte, und auf der Höhe des Trinity College kreuzte ich zwei weibliche Gestalten, die ebenfalls hastig daherkamen und die Köpfe gesenkt hielten, um dem Wind auszuweichen. Erst als ich vier oder fünf Schritte weitergegangen war (und ihr den Rücken zugewandt hatte), erkannte ich sie und drehte mich um. Was mich am meisten überraschte, war, dass auch sie und ihre Freundin, die ihrerseits vier oder fünf Schritte weitergegangen waren, seit wir uns gekreuzt hatten, stehen geblieben waren und sich umgewandt hatten. Auf diese Entfernung von acht oder zehn Schritten sahen wir uns wirklich. Sie lächelte und rief, eher um sich zu erkennen zu geben als weil sie mich erkannt hätte: »Im Zug! In Didcot!« Ich überlegte eine Sekunde, ob ich auf sie zugehen sollte oder nicht, und während ich zögerte, zog ihre Freundin sie am Ärmel und drängte sie, den Weg fortzusetzen. Ihr Rock und auch ihre kurzen Haare flatterten im Wind. Ich erinnere mich daran, weil sie sich während dieses kurzen Augenblicks, in dem sie in der Broad Street stehen blieb und rief »Im Zug! In Didcot!«, mit einer Hand das Haar aus der Stirn strich und mit der anderen den Rock gegen den Wind festhielt. »Im Zug! In Didcot!«, wiederholte ich und bestätigte ihr, dass ich sie erkannt hatte (während die Schöße meines blauen Mantels gegen meine Beine schlugen); aber da zog die widerliche, drängelnde Freundin, deren Gesicht ich nicht sah, sie schon in die Richtung davon, die der meinen zu Dewar und zur Tayloriana, der ich sogleich folgen würde, entgegengesetzt war. Ich habe sie während des übrigen Jahres nicht mit Sicherheit wiedergesehen, auch nicht während des folgenden, an dessen Ende ich Oxford verließ, wenn auch nicht – noch nicht –, um ganz nach Madrid zurückzukehren, wie ich es jetzt mit Gewissheit getan habe. Am meisten bedaure ich, dass ich bei diesem zweiten sicheren Mal weder auf ihre englischen Schuhe noch auf ihre Knöchel achten konnte, die der Wind in meinen Augen gewiss hätte zerbrechlich erscheinen lassen. Ich war zu sehr in Anspruch genommen durch den vereitelten Flug ihres Rocks.
Die Schuhe, die Clare Bayes trug, waren niemals englische, sondern immer italienische, und nie besaßen sie einen niedrigen Absatz oder eine Schnalle oder eine abgerundete Spitze. Wenn sie zu mir nach Hause kam (nicht sehr oft) oder wenn wir einmal gemeinsam zu ihr nach Hause gingen (noch weniger oft) oder uns in einem Hotel in London oder Reading oder sogar Brighton (ein einziges Mal) befanden, dann pflegte sie als Erstes ihre Schuhe abzustreifen, indem sie ihren Fußrücken spannte, um sie mit je einem Fußtritt gegen die Wand zu schleudern, wie jemand, der unzählige Paare besitzt und dem es nichts ausmacht, wenn sie kaputtgehen. Ich sammelte sie unverzüglich auf und stellte sie an einen Platz außerhalb unseres Blickfelds: Der Anblick leerer Schuhe bringt mich dazu, mir die Person darin vorzustellen, die sie getragen hat oder sie tragen könnte, und diese Person tatsächlich an meiner Seite zu sehen – außerhalb der Schuhe – oder sie überhaupt nicht zu sehen, erfüllt mich mit schrecklichem Unbehagen (deshalb ruft die Betrachtung der Auslage eines herkömmlichen Schuhgeschäfts in mir automatisch das Bild einer unbeweglichen, steifen und zusammengedrängten Menschenmenge hervor). Clare Bayes besaß die Angewohnheit – sie stammte anscheinend aus den Jahren ihrer Kindheit, die sie in Delhi und Kairo verbracht hatte –, auf Strümpfen auf jeder Art von Boden zu laufen (aber in England ist fast alles Teppichboden), und deshalb erinnere ich mich nicht so sehr – wie wohl so viele andere – an die leicht muskulösen und kräftigen Beine, die sie mit ihren hohen Absätzen hatte, sondern eher an die schlanken, in ihren Bewegungen fast kindlich wirkenden Beine, die sie hatte, wenn sie auf Strümpfen ging. Sie rauchte und redete stundenlang, während sie auf meinem Bett oder ihrem oder dem eines Hotels lag, immer im Rock, der daher immer hochgerutscht war und ihre Schenkel und den dunkleren Teil ihrer Strümpfe oder aber ihre bloßen Schenkel entblößte. Oft riss sie sich Laufmaschen in die Strümpfe, denn sie war nicht vorsichtig in ihren Bewegungen, und bisweilen entdeckte sie, dass sie durch das flüchtige, unmerkliche Entlangstreifen ihrer Zigaretten verbrannt waren, mit denen sie in einer in England ungewöhnlichen (vielleicht in den südlichen Ländern ihrer Kindheit erlernten) Gebärdensprache gestikulierte, begleitet vom Klirren der verschiedenen Armreifen, die ihre Unterarme schmückten und die sie nicht immer ablegte. (Kein Wunder, dass sie in rauen Mengen Flugasche um sich verstreute.) Alles an ihr war expansiv, exzessiv, nervöses Wesen, eines jener Wesen, für die die Zeit nicht gemacht ist, für die der bloße Begriff der Zeit und ihres Vergehens eine Beleidigung ist in ihrem Bedürfnis nach Fragmenten der Ewigkeit in allem oder, anders gesagt, nach ewigen Inhalten, mit denen sie die Zeit bis zum Überlaufen füllen wollen. Aus diesem Grund, dieser Verewigung wegen, die alles betraf, was wir begonnen hatten, liefen wir mehr als einmal Gefahr, dass Edward Bayes, ihr Ehemann, mit eigenen Augen die Außenseite oder die Spur dessen zu Gesicht bekäme, was er gewiss wusste und ständig abzutun oder vielleicht sogar zu vergessen suchte. Ich war es daher, der stets die endlosen Auslassungen von Clare Bayes unterbrechen musste, den eternisierbaren Inhalt jedes Augenblicks, ihre Kommentare oder ihren unendlichen Wortschwall, während sie auf dem Bett lag, rauchte, gestikulierte, predigte, die Beine übereinanderschlug, nebeneinanderlegte, anzog, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart verherrlichte oder verfluchte und von einem Plan für ihre unmittelbare Zukunft zum anderen sprang, ohne dass ein Plan jemals zur Ausführung gelangte. Ich war es, der den Wecker stellen oder die Uhr auf dem Nachttisch konsultieren und entscheiden musste, dass wir uns zu trennen hatten, oder der (in Oxford) auf die obsessiven Glockenschläge achten musste, die die vollen, halben und Viertelstunden angeben und zudem rücksichtslos bei Einbruch der Dämmerung bimmeln; und der sie drängen und die Schuhe suchen musste, die nach ihrer Ankunft in einem Versteck gelandet waren, und ihr den Rock glattziehen und zurechtrücken musste, der sie bitten musste, sie solle nicht den Regenschirm oder die im Teppich steckende Brosche oder den auf dem Waschbecken gelassenen Ring oder die Tüte mit den merkwürdigen Einkäufen vergessen, die sie immer, selbst an Sonntagen und wo immer wir uns auch trafen, bei sich trug (und der bei ihr zu Hause die Kippen fortwerfen und ihr beim Wechseln der Laken helfen und das Fenster öffnen und sein Glas auswaschen musste). Clare Bayes trug alles Mögliche mit sich herum, und alles breitete sie dort aus, wohin sie kam, als würde sie das ganze Leben dort bleiben, obwohl wir bisweilen noch nicht einmal über eine Stunde zwischen unserem jeweiligen Unterricht verfügten. (Am Ende behielt ich ein Paar Ohrringe von ihr zurück, die sie niemals aus meiner Wohnung zu schaffen vermochte.) Ein glücklicher Umstand – ihre Erziehung – hinderte sie daran, ungeschminkt auf die Straße zu gehen, und ihr Haar bestand aus einer künstlich verwilderten langen Mähne, der meine Liebkosungen oder das längere Liegen oder Plattgedrücktwerden auf einem Kissen nicht allzu viel anhaben konnten. Ich musste sie daher vor unserem Abschied nicht kämmen, wohl aber darauf achten, dass ihre während der Zeit unseres Zusammenseins gestiftete und bewahrte Ewigkeit von ihrem Gesicht verschwunden war, darauf achten, dass dieses nicht erhitzt und ihre Augen nicht verschleiert waren. Mich versichern, dass das Behagen sich verflüchtigt hatte (in Oxford sind die Entfernungen sehr kurz und lassen einem noch nicht einmal Zeit, ein anderes Gesicht aufzusetzen). Um das zu erreichen, musste ich nur rasch die geistige Übung mit ihr praktizieren, die der Ehebruch begünstigt: ihr helfen, lückenlose Geschichten für Edward Bayes zu erfinden, und dafür sorgen, dass sie sich nicht in Widersprüche verwickelte, wenn sie sie erzählte, obwohl sie diese Übung für unnötig hielt und sie ihr lästig fiel (ihre infolge meiner Beharrlichkeit beim Abschied stets verdüsterte Miene). Sie war nachlässig und leichtsinnig und unbeschwert und vergesslich, und wenn ich Edward Bayes wäre – dachte ich damals –, dann bedürfte ich keiner großen Kunstgriffe oder Anstrengungen, um jeden ihrer Gedanken und jeden ihrer Schritte in Erfahrung zu bringen. Aber ich war nicht Edward Bayes, und wenn ich es gewesen wäre, dann wären mir die Aktivitäten und Absichten von Clare Bayes vielleicht völlig undurchsichtig erschienen. Vielleicht hätte ich nichts von ihnen wissen mögen oder mich damit zufriedengegeben, sie mir vorzustellen. Jedenfalls war ich es, der nach ihrem kurzen, hitzigen Aufenthalt alles in Ordnung bringen und sie nahezu mit Gewalt aus meiner pyramidenförmigen Wohnung (jedes Stockwerk schmaler) oder aus dem Hotel befördern musste, in das wir gegangen waren, oder der sich ihrer im letzten Moment aufwallenden Anhänglichkeit (der Schmerz der abgelaufenen Zeit) entziehen und ihre Verwegenheiten neutralisieren musste, wenn ich es gewagt hatte, ihre Wohnung in Edward Bayes’ Abwesenheit zu betreten. (Ehebruch ist äußerst anstrengend.)
Clare Bayes besaß so gut wie keine Skrupel, aber wer sie kannte, konnte das auch nicht von ihr verlangen, denn ihr Charme bestand gerade in ihrer mangelnden Rücksicht den anderen und sich selbst gegenüber. Clare Bayes brachte mich oft zum Lachen, was ich am meisten schätze, aber ich weiß, dass ich niemals eine Schwäche für sie empfand – so wenig wie sie für mich, glaube ich –, die dauerhaft oder stark genug gewesen wäre, um mich in irgendeine Gefahr zu bringen (wenn ich nicht Edward Bayes war, so befand ich mich auch niemals in Gefahr, ihn zu ersetzen). Ich habe es immer für außerordentlich naiv gehalten, zu glauben, dass jemand – weil er uns liebt, das heißt, weil er allein beschlossen hat, uns eine Zeitlang zu lieben, und es uns danach mitgeteilt
