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Ein Stück Weltliteratur: »Dein Gesicht morgen« von Javier Marías Jaime Deza hat die Begabung, hinter den Gesichtern von Menschen ungeahnte Seiten zu erkennen, auch bei sich selbst. Der Spanier wird für den britischen Geheimdienst rekrutiert. Beim Entschlüsseln von Gesprächen und Gesten entdeckt er, dass unter der scheinbar friedlichen Oberfläche unserer Welt stets die Verführung zu Lüge und Gewalt droht, wie ein Gift, das uns langsam eingeflößt wird. Die Abgründe menschlicher Leidenschaft verbinden sich aufs Unheimlichste mit den gewaltsamen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Ursprünglich in drei Teilen erschienen, gilt dieser in jeder Hinsicht monumentale Roman als Gipfelwerk des Weltautors Javier Marías. »Ein großer Roman.« Denis Scheck, Druckfrisch
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Seitenzahl: 2249
Veröffentlichungsjahr: 2022
Javier Marías
Roman
Jaime Deza hat die Begabung, hinter den Gesichtern von Menschen ungeahnte Seiten zu erkennen, auch bei sich selbst. Der Spanier wird für den britischen Geheimdienst rekrutiert. Beim Entschlüsseln von Gesprächen und Gesten entdeckt er, dass unter der scheinbar friedlichen Oberfläche unserer Welt stets die Verführung zu Lüge und Gewalt droht, wie ein Gift, das uns langsam eingeflößt wird. Die Abgründe menschlicher Leidenschaft verbinden sich aufs Unheimlichste mit den gewaltsamen Katastrophen des 20. Jahrhunderts.
Ursprünglich in drei Teilen erschienen, gilt dieser in jeder Hinsicht monumentale Roman als Gipfelwerk des Weltautors Javier Marías.
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Javier Marías, 1951 als Sohn einer Lehrerin und eines vom Franco-Regime verfolgten Philosophen geboren, veröffentlichte seinen ersten Roman mit neunzehn Jahren. Seit seinem Bestseller ›Mein Herz so weiß‹ gilt er weltweit als beachtenswertester Erzähler Spaniens. Zuletzt erschien sein Roman »Berta Isla«; im Oktober 2022 erschien sein letzter Roman »Tomás Nevinson«. Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Nelly-Sachs-Preis sowie dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Seine Bücher wurden in über vierzig Sprachen übersetzt. Am 11. September 2022 ist Javier Marías in Madrid verstorben.
Elke Wehr, geboren 1946 in Bautzen, hat sich vor allem als Übersetzerin aus dem Spanischen einen Namen gemacht. Neben Javier Marías übersetzte sie Autoren wie Mario Vargas Llosa, Octavio Paz oder Rafael Chirbes. 2006 wurde sie mit dem Paul-Celan-Preis ausgezeichnet. Elke Wehr starb 2008 in Berlin.
Luis Ruby, geboren 1970 in München, übersetzt aus verschiedenen Sprachen u.a. Clarice Lispector, Hernán Ronsino, Eduardo Halfon und Niccolò Ammaniti. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Luis Ruby lebt in München.
Neuausgabe
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien in drei Bänden unter dem Titel »Tu rostro mañana« bei Alfaguara, Madrid: 1 »Fiebre y lanza« (2002), 2 »Baile y sueño« (2004), 3 »Veneno y sombra y adiós« (2007)
© 2002, 2004, 2007 Javier Marías
Covergestaltung: Agentur für kulturelle Kommunikation Gundula Hißmann und Andreas Heilmann
Coverabbildung: Dusica Paripovic/Arcangel Images
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ISBN 978-3-10-490918-9
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[Widmung]
[Inhalt]
I Fieber
Man sollte niemals [...]
Und dann ist [...]
Im Umgang miteinander, [...]
Ich habe es [...]
Meine Gabe oder [...]
Was Tupra betraf, [...]
So war und [...]
Tupra erwies sich [...]
De la Garza [...]
Doch bevor er [...]
Es sprechen die [...]
Wheelers Anmerkung – »Cf [...]
Und da war [...]
Meine Mutter war [...]
II Lanze
Man weiß nie [...]
Und doch ist [...]
Mir war nie [...]
Und ob ich [...]
Eines Abends in [...]
Ich wußte damals [...]
Ich begann die [...]
»Sie war sehr [...]
»Mir scheint, die [...]
»Haben Sie selbst [...]
III Tanz
Wollte Gott, daß [...]
Luisa verwickelte oder [...]
Auch die junge [...]
Sie redete unaufhörlich [...]
Bisweilen waren wir [...]
Und so kam [...]
Dort ließ ich [...]
O ja, man [...]
Ich beeilte mich, [...]
Dort hatte nun [...]
Ich verließ den [...]
Ja, mein Vater [...]
Jetzt sah ich [...]
Es war De [...]
Plötzlich hatte ich [...]
Ich bedankte mich [...]
IV Traum
»Davon abgesehen scheint [...]
Mir blieb nur [...]
In diesem Augenblick [...]
Er schnitt ihm [...]
Mein Vater verstummte [...]
Jetzt schwieg er [...]
Diese mickrige kleine [...]
Reresby kannte seine [...]
Wieviel ich von [...]
Trotzdem verging mein [...]
»Was hast du [...]
V Gift
»Man wünscht es [...]
Ich betrachtete Tupra [...]
»Was war mit [...]
Das hatten wir [...]
Die junge Pérez [...]
Vanni oder Vanny [...]
Doch Pérez Nuix [...]
Ja, das dürften [...]
Mir kam in [...]
Und ich dachte [...]
VI Schatten
Ich beeilte mich [...]
Hier, in Edinburgh, [...]
Tupra hatte im [...]
Obwohl ich mich [...]
Wenn man an [...]
Ich wartete und [...]
Ich verlor keine [...]
Und ich verlor [...]
Ich hatte von [...]
Ich wandte den [...]
VII Abschied
Manchmal weiß man, [...]
Ich weiß nicht, [...]
Tatsächlich war es [...]
Ich ließ den [...]
Doch eigentlich dachte [...]
Es war mir [...]
Das war das [...]
In der Nacht [...]
Er hatte recht. [...]
Wheeler hielt inne [...]
Er verstummte, sah [...]
Ich lebe immer [...]
Auch jenes Blut [...]
Danksagungen
Nachwort des zweiten Übersetzers
Für Carmen López M., die mir hoffentlich weiter zuhören will
And for Sir Peter Russell, to whom this book is indebted for his long shadow, and the author, for his far-reaching friendship
I
Fieber
9
II
Lanze
233
III
Tanz
489
IV
Traum
737
V
Gift
911
VI
Schatten
1131
VII
Abschied
1339
Danksagung
1625
Nachwort des zweiten Übersetzers
1626
Man sollte niemals etwas erzählen noch Angaben machen oder Geschichten beisteuern oder Anlaß dazu geben, daß die Leute sich an Menschen erinnern, die niemals existiert, die niemals ihren Fuß auf die Erde gesetzt oder die Welt durchschritten haben oder wohl gewesen sind, aber sich bereits halbwegs in Sicherheit befanden im unvollkommenen, ungewissen Vergessen. Erzählen ist fast immer ein Geschenk, sogar wenn die Erzählung Gift enthält und einträufelt, es ist auch ein Band und ein Vertrauensbeweis, und selten ist das Vertrauen, das nicht früher oder später verraten wird, selten das Band, das sich nicht verwickelt oder verknotet, und so drückt es am Ende, und man muß das Messer oder die Schneide ziehen, um es zu durchtrennen. Wieviel von meinem ist unversehrt, von dem Vertrauen, das einer geschenkt hat, der, wie ich, so sehr an seinen Instinkt geglaubt hat, aber ihm nicht immer gefolgt und zu lange naiv gewesen ist? (Schon weniger, schon weniger, aber so etwas verringert sich sehr langsam.) Unversehrt ist nach wie vor das Vertrauen, das ich in zwei Freunde gesetzt habe, die es noch immer besitzen, anders als das Vertrauen, das ich in weitere zehn gesetzt habe, die es verloren oder zerstört haben; das wenige, das ich meinem Vater geschenkt habe, und das schamhafte, das ich meiner Mutter geschenkt habe, einander sehr ähnlich, wenn nicht ein und dasselbe, das in meine Mutter gesetzte dauerte überdies nicht lange, sie kann es nicht mehr enttäuschen oder nur postum, wenn ich eines Tages eine böse Entdeckung machen und etwas Verborgenes nicht länger verborgen bleiben sollte; nicht erhalten ist das in meine Schwester oder irgendeine Freundin oder Geliebte oder vergangene, gegenwärtige oder imaginäre Ehefrau (gewöhnlich ist die Schwester die erste Ehefrau, die Kind-Ehefrau), es scheint unausweichlich zu sein, daß man das, was man weiß oder gesehen hat, am Ende gegen den geliebten Menschen oder Ehepartner benutzt – oder gegen den, der nur vorübergehend Fleisch und Wärme bot –, gegen den, der Enthüllungen machte und einen Zeugen für seine Schwächen und Kümmernisse zuließ und sich in Vertraulichkeiten erging oder einfach auf dem Kissen zerstreut mit lauter Stimme seinen Erinnerungen überließ, ohne auf die Gefahren zu achten oder auf das willkürliche Auge, das uns immer betrachtet, oder auf das selektive, heimliche Ohr, das uns zuhört (oft ist es nichts Schlimmes, ein nur häuslicher Gebrauch, defensiv und aus der Bedrängnis heraus, um sich, wenn man lange streitet, aus einem dialektischen Dilemma zu helfen, ein argumentativer Gebrauch).
Die Verletzung des Vertrauens ist auch das: nicht nur indiskret sein und Schaden oder Verderben damit verursachen, nicht nur auf diese unerlaubte Waffe zurückgreifen, wenn der Wind sich gedreht hat und nun dem ins Gesicht weht, der erzählt und Einblick geboten hat – der es jetzt bereut und jetzt leugnet und verwischt und trübt und es auslöschen möchte und schweigt –, sondern auch Vorteil ziehen aus dem Wissen, das man durch Schwäche, Unachtsamkeit oder Großzügigkeit des anderen erhalten hat, ohne den Weg zu respektieren oder zu berücksichtigen, auf dem man erfahren hat, was man jetzt ausspielt oder verfälscht oder auch nur ausgesprochen hat, das genügt, damit es entstellt im Raum steht: wenn es die Geständnisse einer verliebten Nacht oder eines verzweifelten Tages waren, einer schuldbeladenen Abenddämmerung oder eines trostlosen Erwachens oder der trunkenen Redseligkeit schlafloser Stunden: eine Nacht oder ein Tag, an dem jemand sprach, als gäbe es keine Zukunft über diese Nacht oder diesen Tag hinaus und als würde seine gelöste Zunge mit ihnen sterben, ohne zu bedenken, daß immer noch mehr kommt, immer etwas aussteht, ein wenig mehr, eine Minute, die Lanze, eine Sekunde, das Fieber, und noch eine Sekunde, der Traum – die Lanze, das Fieber, mein Schmerz und das Wort, der Traum – und auch die endlose Zeit, die nicht einmal nach unserem Ende zögert oder den Schritt verlangsamt und weiter hinzufügt und spricht, murmelt und nachspürt und erzählt, obwohl wir nicht mehr hören und verstummt sind. Schweigen, schweigen ist das hohe Ziel, das niemand erreicht, nicht einmal nach seinem Tod, und ich am allerwenigsten, der ich oft erzählt habe, noch dazu schriftlich in Berichten, der ich mehr noch schaue und zuhöre, dafür jedoch fast niemals mehr etwas frage. Nein, ich sollte nichts erzählen oder hören, denn es wird nie in meiner Macht liegen, daß es nicht wiederholt und gegen mich gewendet wird, um mich zu verderben, oder, schlimmer noch, daß es nicht wiederholt und gegen jene gewendet wird, denen meine Zuneigung gehört, um sie zu verdammen.
Und dann ist da das Mißtrauen, an dem es mir auch in keiner Weise gefehlt hat.
Es ist bezeichnend, wie das Gesetz darauf verweist, höchst seltsam, wie es uns schützt, sich die Mühe macht: Wenn jemand verhaftet wird, zumindest im Film, erlaubt man ihm, zu schweigen, denn »alles, was Sie sagen, kann fortan vor Gericht gegen Sie verwendet werden«, teilt man ihm sogleich mit. In dieser Warnung liegt die sonderbare – oder unschlüssige, widersprüchliche – Absicht, ein nicht ganz und gar schmutziges Spiel zu spielen. Das heißt, man informiert den Angeklagten, daß die Regeln fortan schmutzig sein werden, man verkündet ihm oder ruft ihm in Erinnerung, daß man ihn wie auch immer in die Enge treiben und seine möglichen Ungeschicklichkeiten, Widersprüche und Irrtümer ausnutzen wird – er ist kein Verdächtiger mehr, sondern ein Angeklagter, dessen Schuld man zu beweisen, dessen Alibis man zu zerpflücken trachten wird, er kann nicht mehr auf Unparteilichkeit rechnen, nicht zwischen heute und dem Tag, da er vor Gericht erscheint –, jedes Bemühen ist auf das Beschaffen von Beweisen für seine Verurteilung gerichtet, jedes Überwachen und Zuhören und Nachforschen und Ermitteln auf das Erlangen von Hinweisen, die ihn belasten, und den Entschluß, ihn zu verhaften, untermauern. Und doch bietet man ihm die Möglichkeit, zu schweigen, man drängt ihn förmlich dazu; jedenfalls unterrichtet man ihn über dieses Recht, von dem er vielleicht nichts wußte, und so bringt man ihn manchmal auf die Idee: nicht den Mund aufzumachen, nicht einmal zu leugnen, was man ihm zur Last legt, sich nicht der Gefahr auszusetzen, sich selbst zu verteidigen; Schweigen erscheint als das in jeder Hinsicht klügste oder wird als solches dargestellt, als das, was uns retten kann, sogar wenn wir uns schuldig wissen und schuldig sind, als einzige Möglichkeit, daß dieses angekündigte schmutzige Spiel wirkungslos bleibt oder kaum zum Zuge kommt oder zumindest nicht mit der unfreiwilligen, naiven Beihilfe des Angeklagten: »Sie haben das Recht zu schweigen«, man nennt es die Miranda-Formel in Amerika, und ich weiß nicht einmal, ob es in unseren Ländern eine Entsprechung dafür gibt, man hat sie einmal dort auf mich angewendet, vor langer oder nicht allzu langer Zeit, doch der Polizist sagte sie unvollständig, unvollkommen auf, er vergaß zu sagen: »vor Gericht«, als er den berühmten Satz herunterrasselte, »alles, was Sie sagen, kann gegen Sie verwendet werden«, es gab Zeugen für die Auslassung, und deshalb war die Festnahme nicht gültig. Dem gleichen sonderbaren Geist entspricht jenes andere Recht des Angeklagten, nicht gegen sich selbst auszusagen, sich nicht durch Worte mit seiner Erzählung oder seinen Antworten oder Widersprüchen oder seinem Gestammel zu belasten. Sich nicht erzählerisch zu schaden (ach, das kann ein großer Schaden sein); und daher zu lügen.
Das Spiel ist in Wirklichkeit so schmutzig und eigennützig, daß kein Rechtssystem mit derartigen Prämissen sich etwas auf seine Gerechtigkeit zugute halten kann, und vielleicht ist in diesem Fall keine Gerechtigkeit möglich, niemals, nirgendwo, die Gerechtigkeit eine Phantasmagorie und ein falsches Konzept. Denn was man dem Angeklagten sagt, läuft auf folgendes hinaus: »Wenn du etwas aussagst, das uns paßt oder unseren Absichten entgegenkommt, werden wir dir glauben und es berücksichtigen und es gegen dich wenden. Wenn du dagegen etwas zu deinen Gunsten oder zu deiner Entlastung vorbringst, etwas, das deiner Rechtfertigung dient und uns nicht paßt, werden wir dir nichts glauben, und die Worte werden in den Wind gesprochen sein, weil du das Recht hast zu lügen und wir davon ausgehen, daß jeder, das heißt, jeder Kriminelle, es für sich in Anspruch nimmt. Wenn dir eine Aussage entschlüpft, die dich belastet, oder du dich in krasse Widersprüche verwickelst oder offen gestehst, dann werden diese Worte ihr Gewicht haben und sich gegen dich auswirken: wir werden sie gehört haben, wir werden sie registrieren, zur Kenntnis nehmen, als gesagt betrachten, im Protokoll festhalten, sie in die Akte aufnehmen, und sie werden deine Anklage sein. Jeder Satz, der hilft, dich zu entlasten, wird dagegen leicht wiegen und verworfen werden, wir werden uns taub stellen und ihn überhören, er wird nicht zählen, er wird Luft sein, Rauch, Dunst und sich nicht zu deinen Gunsten auswirken. Wenn du dich schuldig bekennst, werden wir dies für wahr befinden und es ernst nehmen; wenn unschuldig, dann nur im Scherz und mit Vorbehalt.« Auf diese Weise setzt man voraus, daß sowohl der Unschuldige als auch der Schuldige sich als ersteres bekennen werden; also wird es keinen Unterschied zwischen ihnen geben, wenn sie reden, sie werden am Ende gleichgemacht oder nivelliert. Und dann fügt man hinzu: »Du kannst schweigen«, obwohl auch das sie nicht, nicht den Unschuldigen vom Schuldigen, unterscheiden wird. (Schweigen, schweigen, das hohe Ziel, das niemand erreicht, nicht einmal nach seinem Tod, und doch rät man es uns und drängt uns dazu in den schwersten Momenten: »Schweig, schweig und sag nichts, nicht einmal, um dich zu retten. Hüte deine Zunge, verbirg sie, schluck sie hinunter, auch wenn du daran erstickst, als sei sie dir abgefallen. Schweig, und rette dich so.«)
Im Umgang miteinander, im Leben ohne Angst und Schrecken, sind derlei Hinweise nicht üblich, und vielleicht sollten wir ihr Nichtvorhandensein oder Fehlen niemals vergessen, oder, was das gleiche ist, die stets implizite, drohende, korrekte oder verzerrte Wiederholung dessen, was wir sagen und reden. Die Leute gehen hin und erzählen unweigerlich, sie erzählen alles früher oder später, das Interessante und das Flüchtige, das Private und das Öffentliche, das Intime und das Überflüssige, das, was verborgen bleiben sollte, und das, was verbreitet werden soll, den Schmerz und die Freuden und das Ressentiment, die Beleidigungen und die Anbetung und die Rachepläne, das, was uns mit Stolz, und das, was uns mit Scham erfüllt, das, was ein Geheimnis zu sein schien, und das, was es sein wollte, das allseits Bekannte und das Uneingestehbare, das Entsetzliche und das Offenkundige, das Wesentliche – die Verliebtheit – und das Bedeutungslose – die Verliebtheit. Ohne es sich zweimal zu überlegen. Die Leute erzählen unaufhörlich und berichten, ohne sich überhaupt bewußt zu sein, was sie tun, ohne sich der unkontrollierbaren Mechanismen der Heimtücke, der Doppeldeutigkeit, des Chaos bewußt zu sein, die sie in Gang setzen und die verheerend sein können, sie reden pausenlos über die anderen und über sich selbst und auch über die anderen, wenn sie über sich selbst reden, und auch über sich selbst, wenn sie über die anderen reden. Dieses ständige Erzählen wird bisweilen als Geschäft wahrgenommen, auch wenn es sich immer erfolgreich als Geschenk verkleidet (denn es besitzt bei jeder Gelegenheit etwas davon) und oft eher eine Bestechung ist oder das Begleichen irgendeiner Schuld oder eine Verwünschung, die einem bestimmten Adressaten gilt oder vielleicht dem Zufall anvertraut wird, damit dieser leichtfertig Glück oder Unglück schmiede, oder die Währung, mit der man soziale Beziehungen, Gefälligkeiten und Vertrauen und sogar Freundschaft und natürlich Sex kauft. Und auch eine Liebe, wenn das, was der andere erzählt, uns unverzichtbar erscheint und die Luft wird, die wir atmen. Einige von uns hat man dafür bezahlt, für das Erzählen und Hören und das Ordnen und Erzählen. Für das Festhalten und Beobachten und Auswählen. Für das Ausforschen, Aufbereiten, Erinnern. Für das Interpretieren und Übersetzen und Anstiften. Für das Zungelösen und das Überzeugen und das Verdrehen. (Mich hat man bezahlt für das Erzählen dessen, was noch nicht war oder gewesen war, für das Erzählen des Künftigen und Wahrscheinlichen oder nur Möglichen – die Hypothese –, das heißt, für das Erahnen und Vorstellen und Erfinden; und für das entsprechende Überzeugen.)
Später vergessen die meisten, wie oder durch wen sie erfahren haben, was sie wissen, und es gibt Personen, die sogar glauben, es stamme von ihnen selbst, was auch immer es sei, eine Erzählung, eine Idee, eine Meinung, ein Klatsch, eine Anekdote, ein Trug, ein Witz, ein Wortspiel, eine Maxime, ein Titel, eine Geschichte, ein Aphorismus, ein Motto, eine Rede, ein Zitat oder ein ganzer Text, die sie sich selbstgefällig aneignen, überzeugt, ihre Erzeuger zu sein, oder vielleicht wissen sie durchaus, daß sie einen Diebstahl begehen, aber sie verbannen das aus ihren Gedanken und so verbergen sie es vor sich selbst. Dies geschieht immer öfter in unserer Zeit, als habe sie es eilig, alles in die Öffentlichkeit zu entlassen, ohne Urheberschaften, oder, weniger prosaisch gesagt, alles bloß in Gerücht und Sprichwort und Legende zu verwandeln, die von Mund zu Mund gehen und von Feder zu Feder und von Bildschirm zu Bildschirm, alles unkontrolliert und unbestimmt, alles ursprungs-, halt- und herrenlos, alles getrieben und scheu geworden und zügellos.
Dagegen versuche ich, mich immer ganz genau an meine Quellen zu erinnern, vielleicht eine Folge meiner vergangenen beruflichen Tätigkeit, die gegenwärtig geblieben ist, denn sie verläßt mich nicht (ich mußte die Erinnerung schulen, das Wahre vom Eingebildeten zu unterscheiden, das Geschehene vom Angenommenen, das Gesagte vom Verstandenen);und je nach ihrer Beschaffenheit versuche ich, meine Information und mein Wissen nicht zu benutzen, oder ich verbiete es mir sogar, jetzt, da ich mich diesen Dingen nur noch gelegentlich widme, wenn es stärker ist als mein Wille und ich es nicht vermeiden kann oder wenn Freunde mich darum bitten, die mich nicht bezahlen oder nicht mit Geld, nur mit ihrer Dankbarkeit und einem vagen Gefühl, in meiner Schuld zu stehen. Eine schlechte Bezahlung das, denn es kommt zuweilen vor, und vielleicht ist das nicht weiter seltsam, daß sie versuchen, dieses Gefühl auf mich zu übertragen, damit ich es bin, der darunter leidet, und wenn ich mich nicht hergebe für den Rollentausch und es mir tatsächlich nicht zu eigen mache und mich nicht verhalte, als verdankte ich ihnen das Leben, betrachten sie mich am Ende als ein undankbares Schwein und fliehen mich: viele Leute bereuen es, um Gefälligkeiten gebeten und erklärt zu haben, worin sie bestehen, und sich auf diese Weise allzu deutlich sich selbst erklärt zu haben.
Vor einiger Zeit bat eine Freundin mich nicht um etwas, sondern zwang mich, ihr zuzuhören, und weihte mich ohne großes Getue, vielmehr mit ehrlichem Erschrecken in ihre frische ehebrecherische Beziehung ein, obwohl ich enger mit ihrem Mann befreundet bin als mit ihr, oder längere Zeit. Ein Bärendienst, den sie mir da erwies, ich wurde monatelang von meinem Wissen gequält – das sie, von Mal zu Mal narzißtischer, theatralisch und egoistisch erweiterte und erneuerte –, in der Gewißheit, daß ich vor meinem Freund Schweigen bewahren mußte: nicht nur, weil ich mir das Recht absprach, ihn über das zu unterrichten, was er womöglich – wie konnte man das wissen – lieber weiterhin nicht gewußt hätte; nicht nur, weil ich die Verantwortung nicht übernehmen wollte, mit meinen Worten fremde Handlungen und Entscheidungen auszulösen, sondern auch, weil ich mir sehr genau bewußt war, auf welche Weise diese unbequeme Erzählung zu mir gelangt war. Ich kann nicht frei über etwas verfügen, das ich weder durch Zufall noch durch meine Mittel, noch in Erfüllung eines Auftrags oder einer Bitte erfahren habe, sagte ich mir. Wenn ich die Frau meines Freundes dabei überrascht hätte, wie sie sich anschickte, mit dem Liebhaber ein Flugzeug nach Buenos Aires zu besteigen, hätte ich mir vielleicht vornehmen können, diesen unfreiwilligen Anblick, diese interpretierbare, aber stets bestreitbare Tatsache (angefangen damit, daß ich ohne Kenntnis der Beziehung mit dem Mann war, es wäre Sache meines Freundes und nicht meine gewesen, sich um den Verdacht zu kümmern) auf neutrale Weise zu enthüllen, wenn ich mich auch wahrscheinlich als Verräter oder Eindringling gefühlt und mich in keinem Fall getraut hätte. Doch die Möglichkeit hätte bestanden, das sagte ich mir. Da ich jedoch wußte, was ich von ihr erfahren hatte, war es mir vollkommen verboten, es gegen sie zu wenden oder ohne ihre Zustimmung zu verbreiten, nicht einmal im Glauben, auf diese Weise zugunsten des Freundes zu handeln, und dieser Glaube verlockte mich sehr in Momenten größter Unruhe, zum Beispiel wenn ich mit beiden zusammen war oder wir zu viert zu Abend aßen (meine Frau der vierte Tischgast, nicht der Liebhaber) und sie mir einen Blick geheimen Einverständnisses und lustvoller Furcht zuwarf (und ich den Atem anhielt) oder er sich sorglos auf irgendeinen bekannten Fall der bekannten Affäre von jemandem bezog, dessen Ehepartner jedoch nichts wußte von diesem Fall. (Und ich hielt den Atem an.) Und so schwieg ich etliche Monate lang und hörte und erlebte fast, was mich wenig interessierte und mir sehr mißfiel, und das alles, dachte ich in meinen trübsten Augenblicken, um eines Tages, wenn das Unangenehme ans Licht kommt oder endlich erzählt wird oder gar breitgetreten und zur Schau getragen wird, als Verbündeter oder Komplize oder als Mitwisser, wenn man so will, von derjenigen angeprangert zu werden, deren Geheimnis ich bewahre und deren ausschließliche Verfügungsgewalt über die Materie ich stets anerkannt und respektiert habe, ohne jemandem etwas zu sagen. Ihre Verfügungsgewalt und ihre Urheberschaft, beides, obwohl in ihre Materie zumindest zwei weitere Personen verwickelt sind, eine, die es weiß, und die andere ohne die geringste Ahnung, oder vielleicht ist mein Freund trotz allem noch nicht verwickelt und wäre es nur, wenn ich es ihm erzählen würde. Dagegen kann es sein, daß ich derjenige bin, der durch sein Wissen verwickelt ist und weil er gehört und interpretiert hat – dachte ich –, darauf bringen mich meine lange Erfahrung und die lange Liste meiner Verantwortlichkeiten, die sich, wie ich täglich feststelle, jeden Tag, der vergeht, der sie verwischt und ferner rückt und bewirkt, daß sie mir bisweilen als nur gelesen oder auf dem Bildschirm gesehen oder als phantasiert erscheinen, nicht so leicht abschütteln, ja nicht einmal vergessen lassen. Oder die abzuschütteln oder zu vergessen überhaupt nicht möglich ist.
Nein, ich sollte niemals etwas erzählen und auch niemals etwas hören.
Ich habe es eine Zeitlang getan, zuhören und aufmerksam sein und interpretieren und erzählen, ich habe es in dieser Zeit als bezahlte Arbeit getan, aber ich hatte es seit jeher getan und tue es immer noch, passiv und unfreiwillig, ohne Anstrengung und ohne Entlohnung, es steht längst fest, daß ich es nicht vermeiden kann oder daß es meine Art ist, in der Welt zu sein, es wird mich bis zum Tod begleiten, dann werde ich mich davon ausruhen. Mehr als einmal hat man mir gesagt, es sei eine Gabe, die ich besitze, und so führte Peter Wheeler es mir vor Augen, der mich darauf aufmerksam machte, als er sie mir erklärte und beschrieb, die Dinge existieren erst, wenn man sie benennt, das weiß jeder oder ahnt es. Aber ich sehe diese Gabe bisweilen als Fluch, und dabei beschränke ich mich jetzt gewöhnlich auf die drei ersten Tätigkeiten, die stumm und innerlich sind und dem Gewissen verpflichtet und niemanden außer einen selbst zu betreffen brauchen, und erzähle nur, wenn mir nichts anderes übrigbleibt und man mich hartnäckig darum bittet. Denn in meiner beruflichen oder sagen wir entlohnten Etappe in London habe ich gelernt, daß das bloße Geschehen uns kaum betrifft oder nicht mehr als das Nicht-Geschehen, wohl aber seine Erzählung (auch die Erzählung des nicht Geschehenen), die zwangsläufig ungenau, verräterisch, annähernd und im Grunde nichtig ist und doch fast das einzige, das zählt, das Entscheidende, das, was uns seelisch verstört und uns in die Irre gehen läßt und unsere Schritte vergiftet und sicher das träge, schwache Rad der Welt in Bewegung hält.
Es ist nicht willkürlich, es ist keine Laune, daß im Bereich der Spionage oder bei Verschwörungen oder Verbrechen das Wissen, wie viele an einer Mission oder einem Anschlag oder einem Coup – im Untergrund, im Geheimen – beteiligt sind, diffus, partiell, fragmentarisch, verzerrt ist, daß jeder über seine Aufgabe informiert ist, aber nicht über das Ganze oder das letzte Ziel. Wir haben im Kino gesehen, wie der Partisan, der ahnt, daß er den nächsten Hinterhalt oder das Attentat, das er vorbereitet, nicht lebend überstehen wird, beim Abschied zu seiner Braut sagt: Es ist besser, daß du nichts weißt, dann wirst du beim Verhör die Wahrheit sagen, wenn du sagst, daß du nichts weißt, die Wahrheit ist einfach, sie besitzt mehr Kraft und ist glaubhafter, die Wahrheit überzeugt. (Es stimmt, daß die Lüge Fabulierungs- und Improvisationsvermögen und Erfindungskraft und ein eisernes Gedächtnis und komplexe Konstruktionen erfordert, alle praktizieren sie, aber nur wenige sind befähigt.) Oder wie der Kopf, der den großen Raub geplant hat, der ihn ausheckt und dirigiert, seinen Handlanger oder einen Schergen belehrt: Wenn du nur deinen Teil kennst, geht die Sache ihren Gang, auch wenn sie dich kriegen oder du versagst. (Es ist wahr, man kann immer zulassen, daß sich irgendein Glied aus der Kette löst oder etwas schiefgeht, das endgültige Scheitern kommt weder rasch zustande noch ist es so einfach, jedes Unterfangen, jede Aktion widersteht und liegt in letzten Zuckungen vor dem Ende und dem Zusammenbruch.) Oder wie der Chef des Geheimdienstes dem Agenten, den er verdächtigt und dem er nicht mehr traut, ins Ohr gleiten läßt: Dein Nichtwissen wird dich am meisten schützen, frag nicht weiter, frag nicht, es wird deine Rettung sein und dein Schutzbrief. (Die beste Art, Verrat zu vermeiden, besteht darin, daß nichts dazu taugt oder daß er aus Talmi besteht, sein Inhalt ohne Wert noch Gewicht, leere Hülse, ein Reinfall für den, der dafür zahlt.) Oder wie einer, der ein Verbrechen in Auftrag gibt, oder einer, der mit einem droht, oder einer, der seine Niederträchtigkeiten preisgibt und sich damit einer Erpressung aussetzt, oder einer, der heimlich kauft – mit hochgeklapptem Mantelkragen und das Gesicht immer im Schatten, zünd nie eine Zigarette an –, den Auftragskiller oder den Bedrohten oder den möglichen Erpresser oder die austauschbare, längst aus dem Begehren gelöschte Frau, für die man sich gleichwohl schämt, warnt: Du weißt Bescheid, von jetzt an hast du mich nie gesehen, du weißt nicht, wer ich bin, du kennst mich nicht, ich habe nicht mit dir gesprochen oder dir irgendwas gesagt, für dich habe ich kein Gesicht, keine Stimme, keinen Atem, keinen Namen, nicht einmal einen Nacken oder einen Rücken. Diese Unterhaltung und dieses Treffen haben nicht stattgefunden, was hier vor deinen Augen geschieht, hat sich nicht ereignet, passiert nicht, und auch diese Worte hast du nicht gehört, weil ich sie nicht ausgesprochen habe. Und obwohl du sie jetzt hörst, sage ich sie nicht.
(Schweigen und auslöschen, aufheben, ausstreichen und schon vorher geschwiegen haben: das ist das hohe, unmögliche Ziel der Welt, und deshalb sind die Surrogate so unzulänglich und ist es so kindlich, das Gesagte zurückzunehmen, so hohl, zu widerrufen; und deshalb erbittert – denn es ist das einzige, das Zweifel säen und wider alle Wahrscheinlichkeit bisweilen effizient sein kann – das kompromißlose Leugnen, leugnen, daß man das Formulierte und Gehörte gesagt hat, leugnen, daß man das Getane und Erlittene getan hat, es ist zum Verzweifeln, daß man rigoros und unbarmherzig ausführen kann, was die vorangehenden Worte ankündigen, die aus so vielen und so unterschiedlichen Mündern kommen können, aus dem Mund des Anstifters und des Drohenden, aus dem Mund dessen, der die Erpressung ahnt und dessen, der seine Lüste oder Erfolge verstohlen bezahlt, und auch aus dem Mund einer Liebe oder eines Freundes, und dann erfaßt uns mit ihnen die Verzweiflung, verleugnet zu werden.)
All diese Sätze, die wir im Kino gehört haben, habe ich gesagt oder man hat sie mir hingeworfen oder ich habe sie von anderen gehört im Verlauf meiner Existenz, das heißt, im Leben, das sehr viel enger mit dem Kino und der Literatur verknüpft ist als man gemeinhin zugibt und glaubt. Das heißt nicht, daß das eine das andere oder das andere das eine nachahmt, wie behauptet wird, sondern daß unsere zahllosen Einbildungen ebenfalls zum Leben gehören und dazu beitragen, es zu erweitern und zu komplizieren und es trüber und zugleich annehmbarer zu machen, wenn auch nicht erklärbarer (oder doch, sehr selten). Sie ist sehr dünn, die Linie, die die Tatsachen von den Einbildungen trennt und die Wünsche von ihrer Erfüllung und das Fiktive vom Geschehenen, denn in Wirklichkeit sind die Einbildungen schon Tatsachen und die Wünsche ihre Erfüllung, und das Fiktive geschieht, auch wenn nichts davon so ist für den gesunden Menschenverstand oder für die Gesetze, die zum Beispiel einen abgrundtiefen Unterschied zwischen dem Vorsatz und dem Verbrechen oder dem begangenen und dem versuchten Verbrechen machen. Doch das Bewußtsein hat die Gesetze nicht präsent, und der gesunde Menschenverstand interessiert es nicht und betrifft es nicht, nur jedes Bewußtsein sein eigenes Verständnis, und diese so dünne Linie verschwimmt nach meiner Erfahrung oft und trennt nichts mehr, wenn sie verschwindet, und so habe ich fürchten gelernt, was durch den Kopf geht, und sogar das, was der Kopf noch nicht weiß, weil ich fast immer gesehen habe, daß schon alles da war, irgendwo, bevor es in den Kopf kam oder durch ihn hindurchging. Ich habe daher nicht nur das fürchten gelernt, was man ausdenkt, die Idee, sondern das, was ihr voraufgeht oder vor ihr existiert. Und so bin ich mein eigener Schmerz und mein Fieber.
Meine Gabe oder mein Fluch ist nichts, was nicht von dieser Welt wäre, was auch heißen soll, daß sie weder etwas Übernatürliches, Außernatürliches, Widernatürliches oder Unnatürliches ist noch etwas mit außergewöhnlichen Fähigkeiten oder gar mit Wahrsagerei zu tun hat, obwohl etwas in der Art letztlich der Erwartung meines zeitweiligen Chefs oder des Mannes entsprach, der mich für eine Zeit unter Vertrag nahm, die sich endlos dehnte, mehr oder weniger die Zeit meiner Trennung von Luisa, als ich nach England zurückgekehrt war, um nicht länger in der Nähe meiner Frau zu sein, während sie sich von mir entfernte. Die Leute benehmen sich nicht selten idiotisch mit ihrer Neigung, an die Wiederholung von etwas zu glauben, das ihnen gefällt: wenn etwas Gutes einmal geschieht, dann muß es von neuem geschehen oder zumindest begünstigt werden. Ich brauchte also nur bei einer Gelegenheit, als es darum ging, eine Beziehung zu interpretieren, die für Herrn Tupra von (vorübergehender) Bedeutung war, ins Schwarze zu treffen, damit Mr. Tupra – wie ich ihn tatsächlich stets nannte, bis er mich bat, zu Bertram überzugehen und später zu Bertie, mir paßte das gar nicht – meine Dienste in Anspruch nehmen wollte, zuerst sporadisch und schon bald die ganze Zeit, mit theoretischen Aufgaben, die so vage wie variabel waren, darunter die des Verbindungsmannes oder gelegentlichen Dolmetschers bei seinen spanischen und lateinamerikanischen Sondierungen. Doch in Wirklichkeit – in der Praxis – interessierte ich ihn und sah er mich eher als Lebensdeuter, seinem feierlichen Ausdruck und seinen maßlosen Erwartungen zufolge. Es wäre besser, es bei Übersetzer oder Dolmetscher von Personen zu belassen: ihrer Verhaltensweisen und Reaktionen, ihrer Neigungen und Charaktere und ihrer Belastbarkeit; ihrer Lenkbarkeit und ihrer Unterwerfung, ihres matten oder festen Willens, ihrer Unbeständigkeit, ihrer Grenzen, ihrer Unschuld, ihrer Skrupellosigkeit und ihrer Widerstandskraft; des möglichen Grads ihrer Loyalität oder Niedertracht und ihres berechenbaren Preises und ihres Giftes und ihrer Anfechtungen; und auch ihrer deduzierbaren, nicht vergangenen, sondern künftigen Geschichten, die noch nicht geschehen waren und daher verhindert werden konnten. Oder angestiftet.
Kennengelernt hatte ich ihn in Oxford im Haus von Professor Peter Wheeler, dem herausragenden, bereits emeritierten Hispanisten und Lusitanisten, dem Mann, der in der Welt am meisten über Heinrich den Seefahrer weiß und zu denen gehört, die am meisten über Cervantes wissen, heute Sir Peter Wheeler und erster Träger des Nebrija-Preises von Salamanca, der den Geistesgrößen seines Faches oder Feldes bestimmt ist und – ziemlich überraschend im knausrigen oder verarmten Universitätsbereich – mit einer nicht zu verachtenden Geldsumme dotiert ist, was bewirkte, daß die verausgabten Augen seiner habsüchtigen oder bedürftigen internationalen Kollegen ein vorletztes Mal neidvoll auf ihm ruhten. Ich ging ihn von London aus ab und zu besuchen (eine Stunde Zugfahrt hin und eine weitere zurück), nachdem ich ihn viele Jahre zuvor kennengelernt und ein wenig Umgang mit ihm gehabt hatte, als ich – noch Junggeselle, jetzt lebte ich getrennt, immer allein in England – zwei Studienjahre lang den Posten eines Spanischlektors an der Universität Oxford innegehabt hatte. Wheeler und ich waren uns von Anfang an sympathisch gewesen, vielleicht aus Ehrerbietung für den, der uns seinerzeit vorgestellt hatte, Toby Rylands, Professor für englische Literatur, ein enger Jugendfreund von ihm, mit dem er außer dem Alter und dem daraus folgenden Status als Ruheständler wider Willen nicht wenige Charakterzüge teilte. Während ich mit Rylands recht häufig Umgang hatte, sah ich Wheeler erst am Ende meines Aufenthalts, denn damals lehrte er als emeritierter Professor in Texas während unserer Vorlesungszeit, und ich kehrte in den Ferien gewöhnlich nach Madrid zurück oder ging auf Reisen, wir trafen nicht zusammen. Doch nach Rylands’ Tod und meinem Weggang hielten Wheeler und ich an dieser Ehrerbietung fest, die, da sie seitdem einer Erinnerung oder einem wehrlosen Gespenst gilt, vermutlich unbegrenzt dauern wird: wir schrieben uns oder telefonierten dann und wann, und wenn ich nach London kam für einige Tage, versuchte ich, mir die Zeit zu nehmen und ihn allein oder mit Luisa zu besuchen. (Wheeler auch als Ablösung oder Nachfolger von Rylands oder als sein Erbe: es ist ein Skandal, wie wir die verlorenen Gestalten unseres Lebens ersetzen, wie wir uns bemühen, die Leere zu füllen, wie wir uns nie damit abfinden, daß der Bestand sich verringert, ohne den wir uns schlecht ertragen und uns kaum halten können, und wie wir uns zugleich dafür hergeben, stellvertretend die leeren Plätze einzunehmen, die man uns im Lauf der Zeit zuweist, denn wir begreifen diesen Mechanismus und haben Teil an ihm, an dieser ständigen, universalen Rotation, die alle und damit auch uns erfaßt, und so akzeptieren wir, daß wir Imitate sind und mehr und mehr von ihnen umgeben leben.)
Er amüsierte mich und lehrte mich viel mit seiner intelligenten und daher nie unbilligen Malice und mit seinem erstaunlichen sanften Scharfsinn, der so wenig ostentativ daherkam, daß man ihn oft in seinen scheinbar harmlosen, rhetorischen, belanglosen oder sogar fast kryptischen Bemerkungen und Fragen voraussetzen oder entziffern mußte, wenn man bereits gewarnt war: man mußte ihm »zwischen den Worten« zuhören, so wie man ihn manchmal in seinen Schriften zwischen den Zeilen lesen muß, obwohl seine indirekte Art ihn auch nicht daran hinderte, wenn ihm das stillschweigend Vorausgesetzte langweilig wurde oder er es plötzlich als Ballast empfand, so freimütig und sogar erbarmungslos zu sein – gegenüber Dritten oder dem Leben oder sich selbst, gegenüber seinen Gesprächspartnern gewöhnlich nicht –, wie ich es bei niemandem sonst erlebt habe oder allenfalls bei Rylands; oder vielleicht bei mir selbst, aber im Kielwasser und als Schüler beider. Und ich unterhielt ihn wahrscheinlich – etwas anderes wagte ich nicht zu denken – und schmeichelte ihm sogar mit meiner Gutwilligkeit und meiner leichten Zufriedenheit und meinem anerkennenden Lachen, das sich niemals hat bitten lassen vor Personen, die ich achte oder bewundere, und Wheeler verdient in meinen Augen beides. (Ich für ihn als Ablösung oder Nachfolger von niemandem oder von jemandem, der mir nicht bekannt ist und vielleicht seiner alten Vergangenheit entstammt, eine lange Zeit hinausgeschobene oder womöglich längst aufgegebene Ersetzung irgendeiner fernen Gestalt, auf deren Echo oder bloßen Schatten oder Abglanz er bereits verzichtet hatte.)
Und so besuchte ich ihn während meiner Zeit in London, als ich im Dienst von Radio BBC stand, bis Mr. Tupra mich dort herausholte, in seinem Haus in Oxford, am Cherwell-Fluß, wie das von Rylands, dessen Nachbar er auch gewesen war, ich tat es aus eigener Initiative oder gelegentlich auf seine hin, wenn er, aus welchem Grund auch immer, Zeugen für seine Auftritte oder heimlichen Inszenierungen wollte oder Gäste hatte, denen er ein Minimum an Vielfalt zu bieten wünschte – zum Beispiel einen Latino, der dem durchgekauten Universitätsambiente nicht mehr angehörte – oder über die er sich später, an einem anderen Tag, allein, gerne mit mir unterhalten würde. Ich hatte diesen Eindruck zwei- oder dreimal: es war, als bereitete Wheeler mit seinen mehr als achtzig Jahren die Gespräche vor, die ihn in naher oder für ihn noch absehbarer Zukunft unterhalten oder anregen könnten. Und wenn er voraussah, daß es ihn amüsieren würde, später mit mir über Tupra zu reden oder mir Indiskretionen über ihn zu erzählen, seine Laster und dunklen Seiten und komischen Züge, war es angebracht, daß ich Tupra zuvor kennengelernt hatte oder ihm zumindest eine Stimme und ein Gesicht zuordnen konnte und mir ein Bild von ihm gemacht hatte, so oberflächlich es auch war, damit er es mir dann bestätigen oder widerlegen oder sogar mit unnötigem Eifer streitig machen könnte, nur so hätte unsere Unterhaltung Witz. Er forderte seine Kontrapunkte, wenn er seine Reden schwang.
Ich frage mich, ob die rätselhafte, abgebröckelte Zeit des Alters darin besteht, daß, wer in sie einmündet und ihr gehört, in so paradoxer Weise genug von dieser abnehmenden Zeit haben wird, daß er nicht wenig davon auf die Verfertigung oder Komposition ausgewählter Augenblicke verwendet; oder seine zahlreichen leeren oder toten Zeiten gewissermaßen zu einigen wenigen vorgestellten Szenen und vorbedachten Dialogen hinführt, nachdem er seinen Part bereits memoriert hat: als würde die Zeit der Alten – die zugleich kurz und langsam ist, beschränkt und reichlich, die Zeit des schlauen Alten – von diesen sorgfältig und soweit wie möglich geplant und reguliert und gelenkt und als wären sie nicht mehr bereit – es ist genug, es reicht: kein Schmerz mehr und kein Fieber; weder Wort noch Lanze, nicht einmal Traum –, sie als Folge des Zufalls und des Unerwarteten und ihnen Äußerlichen zu akzeptieren, sondern versuchten, sie in ein Werk ihrer Machenschaften und ihrer Dramaturgie und des Kalküls zu verwandeln. Oder, was auf das gleiche hinausläuft, als bemühten sie sich, sie soweit wie möglich zu antizipieren und zu gestalten und ihren Inhalt auszuarbeiten; deshalb würden sie ihn gern diktieren, die einzig sichere Art und Weise, die ihnen noch verbleibende Zeit wirklich auszunutzen, die sehr langsam voranzuschreiten scheint, aber ihnen nur wie Schnee auf die Schultern fällt, glatt und sanft. Und der Schnee hört immer auf.
Was Tupra betraf, so hatte ich das sichere Gefühl, daß Wheeler wollte, daß ich ihn kennenlernte oder sah, denn er hätte sich darauf beschränken können, mich telefonisch einzuladen und mir zu sagen: »Es kommen ein paar Freunde und Bekannte zu einem kalten Abendessen, am übernächsten Samstag; komm doch auch, du bist so allein da in London.« Er wußte nicht, ob ich ein wenig oder sehr allein war oder zuviel Gesellschaft hatte, aber er pflegte den anderen seine eigene Situation zu unterstellen, seine Entbehrungen und auch seine Schwächen, eine List, denn wenn er den anderen zuvorkam, konnte ihn schwerlich jemand darauf aufmerksam machen oder seine Eigenarten gegen ihn wenden, es hätte wie fehlende Originalität auf seiten des Gesprächspartners, wie infantil gewirkt. Aber obwohl er mehr oder weniger diese Worte sagte, druckste er noch einen kurzen Moment am Telefon herum, als ich bereits dankend angenommen und Datum und Uhrzeit notiert hatte, und fügte mit gespieltem Zögern hinzu (ohne jedoch zu verbergen, daß er es spielte): »Na ja, du wirst sehen, es kommt dieser Typ, Bertram Tupra, ein ehemaliger Student von Toby.« (Fellow war das benutzte Wort, weniger abwertend vielleicht als »Typ«: wir sprachen unterschiedslos englisch oder spanisch oder bisweilen jeder in seiner Sprache.) Und bevor ich den unglaubhaften Namen in mir nachklingen lassen konnte, beeilte er sich, den Nachnamen zu buchstabieren und einzuräumen: »Ja, ich weiß, das klingt nach einem erfundenen Namen, das könnte sehr gut sein, aber wahrscheinlicher ist, daß Bertram falsch ist und nicht Tupra, ein solcher Nachname muß echt sein, russischen oder tschechischen Ursprungs, ich weiß nicht, oder womöglich finnisch, oder vielleicht liegt das nur daran, weil er ein bißchen wie Tundra klingt, nicht? Jedenfalls ist er ganz offensichtlich nicht englisch, sondern eindeutig ausländisch, wer weiß ob armenisch oder türkisch, der Mann hat es also vermutlich für klug erachtet, ihn mit einem Vornamen zu kompensieren, der unserer Theater würdig ist, du weißt schon, Cyril, Basil, Reginald, Eustace, Bertram kommen in allen angestaubten Komödien vor. Vielleicht hat er ihn deshalb geändert, er hätte sich hier nicht bewegen können, ohne Verdacht zu erregen, wenn er, was weiß ich, Wladimir Tupra oder Vaclav Tupra oder Pirkka Tupra geheißen hätte, stell dir vor, was für ein Unglück bis vor wenigen Jahren, er hätte nur im Ballett oder im Zirkus Karriere machen können, nehme ich an, natürlich unmöglich in seinem Bereich …« Wheeler lachte spöttisch auf, als wäre ihm Tupra, dessen Bild er kannte, einen Augenblick lang in engen Strumpfhosen und mit spitzem oder geschlitztem Ausschnitt vor Augen getreten, wie er mit kräftigen Schenkeln und kurz vor dem Platzen stehenden geäderten Waden auf einer Bühne herumhüpfte; oder mit dem Trikot und dem kurzen kleinen phosphoreszierenden Umhang des Trapezkünstlers. Und er machte noch eine Pause, bevor er erneut ansetzte, als erwartete er eine Unterstützung von mir oder sei unschlüssig, ob er erklären sollte oder nicht, was »sein Bereich« war. Ich sagte nichts, und so blieb er unschlüssig, ich merkte, daß ich nicht genau darauf achtete, was er hinzufügte, mir schien, als wartete er den richtigen Zeitpunkt ab, bis er sich entschließen würde, und als improvisierte er: »Ich frage mich, ob er sich nicht vielleicht von diesem legendären Buchhändler in der Nähe von Covent Garden hat inspirieren lassen, Bertram Rota, du kennst den Laden, ich glaube, sein vollständiger Name war Cyril Bertram Rota, bislang war mir nicht aufgefallen, wie exzentrisch sein Familienname für ein Lokal in Long Acre oder irgendwo dort ist, sicher spanischen Ursprungs, nicht? Kennst du irgendeinen Rota in Spanien, abgesehen von dem käuflichen kirchlichen Gericht? Natürlich könnte Bertram sein wahrer Name sein, ich rede von Tupra, und sein Vater, wenn der es war, der aus der Tundra oder der Steppe ausgewandert ist, konnte auf den Gedanken gekommen sein, den Sohn bei der Geburt zu britannisieren, um den barbarischen, fast anklagenden Effekt von Tupra abzumildern, in Spanien hätte er ihn aufgeben müssen, nicht?, er wäre Gegenstand grausamer Scherze mit dem Wort Stuprum gewesen. Aber diese dummen Sachen funktionieren, sieh dir nur den Fall Rota an, es war mir bislang nicht klar geworden, nach so vielen Jahren, in denen ich mein Vermögen untergrabe, indem ich ihm per Katalog seine teuren Bücher abkaufe; ich muß seinen Sohn Anthony fragen, ich glaube, er lebt noch …« Wheeler hielt abermals inne, beim Sprechen wägte er ab, er wollte mir etwas erzählen oder ankündigen oder eine Frage stellen oder auch nicht. »Und außerdem«, fuhr er gleich fort, »wird Bertram unserem Tupra erlauben, vertraulich Bertie genannt zu werden, was ihm das Gefühl geben wird, direkt einem Werk von Wodehouse entsprungen zu sein, wenn er unter Freunden oder mit seiner Freundin zusammen ist, sie wird übrigens auch kommen, eine neue Freundin, die er uns unbedingt vorstellen will, sicher wird ihn eher ihr Aussehen als ihr gewiß zu erwartendes Wissen mit Stolz erfüllen …« Er machte eine letzte Pause, aber ich war nicht kommunikativ oder hatte nichts einzuwerfen, und so setzte er zu einer weiteren Abschweifung an, um elegant zu enden, sie kam mir spannender vor als die vorherigen: »Natürlich spricht er englisch wie ein Einheimischer, Londoner Süden, halbgebildet, würde ich sagen. Und wenn man es recht bedenkt, dann ist er vielleicht englischer als ich, schließlich und endlich bin ich in Neuseeland geboren und erst mit sechzehn Jahren hierher gekommen, noch dazu mit geändertem Familiennamen, natürlich aus anderen Gründen, nichts von wegen patriotischem Wohlklang oder Steppe. Aber, na ja, das alles weißt du ja, und es steht in keinem Zusammenhang, ich halte dich zu lange auf. Ich rechne also mit dir für den besagten Samstag.« Und er verabschiedete sich in seinem besten herzlichen Ton, der seinen nie auszuschließenden Spott überdeckte: »Ich werde mit der größten Ungeduld auf dein Kommen warten. Du bist sehr allein da in London. Daß du mir ja nicht kneifst.« Den letzten Satz sagte er in meiner Sprache.
So war und ist Sir Peter Wheeler, dieser falsche Greis, ich meine, daß sich hinter seinem ehrwürdigen, sanftmütigen Äußeren oft energische, fast akrobatische Machenschaften verbergen und hinter seinen entrückten Abschweifungen ein beobachtender, analytischer, vorausschauender, deutender Geist, der ständig urteilt. Für die Dauer mehrerer endloser Minuten hatte meine Aufmerksamkeit diesem Bertram Tupra gegolten, auf den zu achten ich während des kalten Abendessens gezwungen sein würde, darum war es zweifellos hauptsächlich gegangen, daß ich auf ihn achten sollte. Aber letztlich hatte er nicht erklärt, warum, und in Wirklichkeit auch kein einziges beschreibendes oder informierendes Wort über den fraglichen Typen oder fellow von sich gegeben, nur, daß er Student von Toby Rylands gewesen war und daß er mit einer neuen Freundin kam, der Rest hatte aus überflüssigen Bemerkungen und müßigen Vermutungen über seinen absurden Namen bestanden. Er hatte sich nach seiner unausdrücklichen Unschlüssigkeit nicht einmal entschieden, zu spezifizieren, was »sein Bereich« war, das, wo er niemals reüssiert hätte, wenn sein Name Pavel oder Mikka oder Jukka gewesen wäre. Und am Ende hatte er mein mögliches Interesse sogar in andere Bahnen gelenkt, indem er zum ersten Mal vor mir auf seine neuseeländischen Wurzeln, auf seine nicht eben frühe Eingliederung in England und auf seinen geänderten oder apokryphen Familiennamen angespielt hatte, nicht ohne mich zugleich daran zu hindern, ihn etwas darüber zu fragen, da er sogleich hinzugefügt hatte: »Aber das alles weißt du ja, und es steht in keinem Zusammenhang«, während mir das alles bis zu jenem Augenblick gänzlich unbekannt gewesen war.
›Also eine weitere Parallele zu Toby‹, dachte ich, nachdem ich aufgelegt hatte, ›über den neben zahlreichen anderen Legenden das Gerücht umging, er stamme aus Südafrika; ein Grund mehr, daß sie in jungen Jahren Freunde wurden, ausländische oder nur eingebürgerte Briten, künstliche Engländer beide.‹ Rylands hatte mich nie über ein einziges dieser Gerüchte aufgeklärt, und ich hatte ihn auch nicht weiter über sie ausgeforscht, er hatte es nicht gern, seine Vergangenheit mit lauter Stimme zu memorieren, das sagte man, und so verhielt er sich mir gegenüber; und es erschien mir nicht respektvoll, der Sache nach seinem Tod auf eigene Rechnung nachzugehen, es war wie ein Verstoß gegen seine Wünsche, wenn er sie nicht mehr aufrechterhalten oder widerrufen konnte. (›Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen‹, zitierte ich innerlich aus dem Gedächtnis, ›und selbst den eigenen Namen wegzulassen.‹) Ich war unschlüssig, ob ich sofort Wheelers Nummer wählen sollte, damit er mir diese neuen Angaben über seine eigene Vergangenheit erweiterte und mir erklärte, warum zum Teufel er sich so lange über Tupra ausgelassen und meine Geduld strapaziert hatte. Denn gerade vor seinem Anruf hatte ich es mit der Nummer in Madrid probiert, die noch immer unter meinem Namen lief, aber nicht mehr meine war, sondern die Luisas und der Kinder, und sie war mit einer derartigen Hartnäckigkeit besetzt gewesen, daß ich es so rasch wie möglich erneut versuchen wollte, sei es auch nur, um die Dauer des Nicht-Gelingens zu ermessen. Deshalb rief ich Wheeler nach dem Auflegen nicht gleich an, ich hatte es eilig, weiter diese Nummer zu wählen, die ich verloren hatte oder die ich weglassen mußte, und unter der ich mich früher oft gemeldet hatte, wenn ich zu Hause war. Jetzt meldete ich mich nie, denn ich war nicht mehr zu Hause und konnte auch nicht zum Schlafen nach Hause kommen und war in einem anderen Land, und wenn auch nicht sehr allein, wie Wheeler glaubte, manchmal eben doch ein wenig, oder womöglich ertrug ich es schlecht, nicht immer in Gesellschaft und nicht immer betäubt zu sein, und dann lastete die Zeit auf mir oder ich behinderte ihr Vergehen, vielleicht fiel es mir deshalb nicht schwer, Wheeler zuerst aufmerksam bei ihm zu Hause zuzuhören und dann Tupras Vorschlag anzunehmen, denn wenn er mir zu etwas verhalf, dann zu ständiger Gesellschaft, obwohl sie gelegentlich nur eine gehörte und gesehene war, und auch zu Portionen von Betäubung.
Die Telefonnummer Luisas in Madrid war noch immer besetzt, es lag keine Störung vor, wie man mir beim Störungsdienst sagte, und beide weigerten wir uns, Handys zu benutzen, ein Instrument der Belagerung. Vielleicht surfte sie im Internet, ich hatte ihr dringend empfohlen, eine zweite Leitung legen zu lassen, um das Telefon nicht zu blockieren, aber sie brachte es nicht zustande, obwohl ich ihr angeboten hatte, sie ihr zu bezahlen, sie benutzte das Netz nur ab und zu, das stimmte, also war es unwahrscheinlich, daß es daran lag, so lange besetzt an einem Donnerstagabend, es war einer der Tage, die im Prinzip dafür vorgesehen waren, daß ich mit dem Jungen und dem Mädchen sprechen konnte, bevor sie schlafen gingen, es wurde allmählich zu spät, eine Stunde später in Spanien, dort nach zehn und hier nach neun, bestimmt hatten die drei vor dem laufenden Fernseher oder bei irgendeinem Video zu Abend gegessen, der Junge und das Mädchen wurden sich nicht so leicht einig in ihren Vorlieben, zu groß war der Altersunterschied, zum Glück war der Junge geduldig und beschützend zu ihr und gab oft nach, ich begann, um ihn zu fürchten, er war sogar beschützend zu seiner Mutter und, was weiß ich, sogar zu mir, jetzt, da er mich weit entfernt und verbannt wußte, Waise nach seinem Urteil oder seinem Empfinden, wer als Schutzschild fungiert, leidet viel im Leben, auch der Wächter mit seinem stets wachen Ohr und Auge. Bestimmt lagen sie schon im Bett, wenn sie auch noch einige Minuten lang das Licht eingeschaltet hatten, die Zeit, die wir, Luisa und ich, ihnen als Zugabe oder Verlängerung gewährten, damit auch sie etwas lesen konnten – einen Comic, ein paar Zeilen, eine Erzählung –, während der Schlaf ihnen auf der Spur war, es ist ein Unglück, die genauen Gewohnheiten eines Zuhauses zu kennen, in dem man plötzlich fehlt und in das man nur noch als Besucher und nach vorheriger Anmeldung und wie ein naher Verwandter und in großen Abständen zurückkehrt, man bleibt gefangen im Spinnennetz der Szenerie und der Rhythmen, die man konstruiert hat und die einen trugen und die unmöglich zu sein schienen ohne die eigene Beteiligung und die eigene Existenz, man ist ein Langzeitgefangener dessen, was man unzählige Male miterlebt und getan hat, und unfähig, sich vorzustellen, daß es zu Veränderungen kommt, obwohl man sich bewußt ist, daß nichts sie verhindert und daß es sie durchaus geben und man sie sogar erstreben kann, und lernt, sie abstrakt zu vermuten, was mögen das für Veränderungen sein, die in der eigenen Abwesenheit und hinter dem eigenen Rücken stattfinden werden, man ist nicht mehr dabei, man ist kein Teilnehmer mehr, nicht einmal mehr ein Zeuge, und es ist, als sei man aus der voranschreitenden Zeit vertrieben worden, denn diese Zeit ist in der widrigen Distanz zu einem eingefrorenen Bild oder zu einer eingefrorenen Erinnerung erstarrt.
Und man sitzt dem dummen Glauben auf, daß einem seltene Abwesenheiten erhalten bleiben, nicht im Wesentlichen, wohl aber im Symbolischen, als wäre es nicht unendlich leichter, Symbole zu zerstören statt vergangener und geschehener Tatsachen, sie lassen sich ohne allzu große Mühe abschaffen oder auslöschen, es genügt, entschlossen zu sein und die Erinnerungen in den Griff zu bekommen. Man glaubt nicht, daß Luisa nicht bald eine neue Liebe oder einen Liebhaber haben wird, man glaubt nicht, daß sie ihn nicht schon erwartet, ohne zu wissen, daß sie ihn erwartet, oder sogar schon sucht mit gerecktem Hals und wachem Blick, ohne zu wissen, daß sie sucht, auch nicht, daß das vorhersehbare Erscheinen desjenigen, der noch kein Gesicht und keinen Namen hat und sie daher alle in sich birgt, die möglichen und die unmöglichen, die erträglichen und die widerwärtigen, sie nicht mit passiver Freude erfüllt. Dagegen glaubt man unlogischerweise, daß Luisa diese neue Liebe oder diesen Liebhaber nicht mit nach Hause, zu den Kindern, bringen wird, auch nicht in unser Bett, das jetzt nur noch ihres ist, und daß sie ihn fast heimlich sehen wird, als würde die Achtung vor meinem noch frischen Andenken sie dazu zwingen oder es erflehen – ein Flüstern, ein Fieber, ein Stich –, als wäre sie eine Witwe und ich ein Toter, der Trauer verdient und den man nicht so rasch ersetzen kann, noch nicht, mein Liebling, warte, warte, es ist noch nicht deine Stunde, verdirb sie mir nicht, laß mir Zeit und laß sie ihm, diesem Toten, seine Zeit, die nicht mehr voranschreitet, gib sie ihm, damit er verblassen kann, laß ihn zum Gespenst werden, bevor du seinen Platz einnimmst und sein Fleisch vertreibst, laß ihn zu nichts werden, und warte, daß kein Geruch mehr an den Laken noch an meinem Körper haftet, laß das, was war, ungeschehen sein. Man glaubt, daß Luisa diesen Mann nicht einfach so in unsere Gewohnheiten und in unser Bild einläßt, daß sie nicht erlauben wird, daß plötzlich er es ist, der ihr bei der Zubereitung des Abendessens hilft – laß nur, die Tortilla mach ich schon – und sich neben sie und die Kinder setzt, um ein Video anzuschauen – nichts gegen Tom und Jerry – oder daß er es ist, der später auf Zehenspitzen – du bist todmüde, ich geh schon, bleib sitzen – hingeht und in den beiden Zimmern die Lampen löscht, nachdem er festgestellt hat, daß meine Kinder mit Tim und Struppi in den Händen eingeschlafen sind und das Buch sanft zu Boden geglitten ist, oder mit einer Puppe auf dem Kopfkissen, die in der winzigen Umarmung der schlichten Träume ersticken wird.
Doch man muß sich damit abfinden, daß es keine Trauer gibt und keinen Respekt für das eigene Andenken oder für das, was man jetzt verspätet zu Symbolen zu erheben beschließt, unter anderem weil Luisa keine Witwe ist und man nicht gestorben ist und ich nicht gestorben bin und man vielmehr nicht aufmerksam genug war und einem nichts geschuldet ist, und vor allem, weil ihre Zeit, die die Kinder einhüllt und fortreißt, jetzt eine ganz andere ist, ihre schreitet voran, ohne mich einzubeziehen, und ich weiß nicht so genau, was ich mit meiner tun soll, die ebenfalls voranschreitet, ohne mich einzubeziehen oder in die ich noch nicht einzutreten imstande war, vielleicht werde ich niemals mehr mit der Zeit Schritt halten und immer nur der Spur dieser meiner eigenen Zeit folgen. Bald wird es jemanden geben, der es übernimmt, die Tortillas zuzubereiten, und sich täglich vor ihr und den Kindern Verdienste erwirbt, er wird monatelang seinen Ärger darüber verbergen, daß er sie nicht zu jeder Stunde allein für sich hat, er wird den Geduldigen und den Verständnisvollen und den Solidarischen spielen und mit halben Worten und mit bemühten Fragen und lächelndem, rückblickendem Mitleid mein Grab, in dem ich schon begraben liege, noch tiefer graben. Das ist absehbar, doch wer weiß … Vielleicht ist er ein lockerer, heiterer Typ, der sie jeden Abend ausführt und nichts von den Kindern wissen oder unsere Wohnung nicht weiter als bis zur Tür betreten will, schon fürs Ausgehen gekleidet und mit den Fingern ungeduldig auf den Türrahmen trommelnd; der sie zwingt, sich von ihnen zu entfernen und sie zu vernachlässigen, und sie Gefahren aussetzt und zu ähnlich fröhlichen Exzessen schleppt, wie ich sie mir hier nicht selten gönne … Es kann aber auch ein despotischer, bösartiger Typ sein, der sie unterwirft und isoliert und ihr nach und nach seine Forderungen und seine Verbote einflüstert, verkleidet als Verliebtheit, Schwäche und Eifersucht, als Schmeichelei und Bitten, ein hinterhältiger Mann, der vielleicht in einer regnerischen, weltabgeschiedenen Nacht seine großen Hände um ihren Hals schließt, während die Kinder – meine Kinder – aus einer Ecke zusehen, an die Wand gepreßt, als wollten sie, daß sie nachgebe und verschwinde und mit ihr der böse Anblick und das unterdrückte Weinen, das sich Bahn brechen möchte, aber es nicht schafft, der böse Traum und das andauernde, seltsame Geräusch, das ihre Mutter im Sterben von sich gibt. Doch nein, dazu wird es nicht kommen, dazu kommt es nicht, ich werde dieses Glück nicht haben und nicht dieses Unglück (Glück in der Vorstellung und in der Wirklichkeit Unglück) … Wer weiß, wer uns ersetzt, wir wissen nur, daß man uns immer ersetzt, bei allen Gelegenheiten und unter allen Umständen und in jeder Funktion, in der Liebe, der Freundschaft, im Beruf und im Einfluß, in der Beherrschung und im Haß, der unser am Ende ebenfalls überdrüssig wird; in den Wohnungen, die wir bewohnen, und in den Städten, die uns dulden, an den Telefonen, die uns überzeugen oder uns geduldig zuhören mit dem Lachen am Ohr oder mit einem zustimmenden Gemurmel, im Spiel und im Geschäft, in den Läden und in den Büros, in der kindlichen Landschaft, von der wir glaubten, sie gehöre nur uns, und in den Straßen, die erschöpft sind vom ständigen Anblick des Vergehens, in den Restaurants und auf den Promenaden und in unseren Sesseln und zwischen unseren Laken, bis kein Geruch oder irgendeine Spur mehr an ihnen bleibt und sie zerrissen werden, um Streifen oder Tücher aus ihnen zu machen, und in unseren Küssen ersetzt man uns, und beim Küssen schließen sich die Augen, in den Erinnerungen und in den Gedanken und in den Tagträumen und überall, ich bin nur wie Schnee auf den Schultern, glatt und sanft, und der Schnee hört immer auf.
Ich schaue durch das Fenster meines Appartements, das irgendeine englische Frau, die ich nie gesehen habe, naiv möbliert hat, während ich auflege und abnehme und erneut wähle, ich betrachte die träge Nacht von London über den Square oder Platz hinweg, der allmählich leer wird von den tätigen Menschen und von den entschiedenen Schritten, damit ihn für eine Weile – ein Zwischenspiel – die untätigen mit ihrem erratischen Schritt einnehmen, der sie jetzt zu den Papierkörben und Abfalleimern führt, in die sie ihre aschfarbenen Arme versenken, um nach uns unsichtbaren Schätzen zu graben oder nach dem zufälligen Lohn ihres überlebten Tages, wenn es noch nicht tiefe Nacht ist, aber auch nicht mehr Tag, oder wenn es noch immer heute ist für diejenigen, die nach Hause zurückkehren oder sich zum Ausgehen anziehen, aber schon gestern für diejenigen, die
