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Ein von einer afrikanischen Lanze durchbohrtes Paar, eine Pornoschauspielerin, ein Butler, der in einem New Yorker Aufzug stecken bleibt - mysteriöse Ärzte, wollüstige Ehefrauen, Bodyguards und Gespenster, das sind die Helden in JAVIER MARÌAS' Erzählungen, die einem abwechselnd den Atem nehmen, einen in schallendes Lachen ausbrechen oder über die ein oder andere Lebensweisheit nachdenken lassen. »Keine Liebe mehr« vereint endlich Marías' gesammelte Erzählungen: neue und bereits erschienene.
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Seitenzahl: 644
Veröffentlichungsjahr: 2016
Javier Marías
Akzeptierte und akzeptable Erzählungen
Ein von einer afrikanischen Lanze durchbohrtes Paar, eine Pornoschaupielerin, Elvis Presley, der Spanisch lernen soll - mysteriöse Ärzte, wollüstige Ehefrauen, Bodyguards und Gespenster, das sind die Helden in Javier Marías Erzählungen, die einem abwechselnd den Atmen nehmen, in schallendes Lachen versetzen oder über die ein oder andere Lebensweisheit nachdenken lassen. Javier Marías ist ein Zauberer - »einer der besten europäischen Schriftsteller der Gegenwart.« J.M. Coetzee
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Javier Marías, 1951 als Sohn eines vom Franco-Regime verfolgten Philosophen geboren, veröffentlichte seinen ersten Roman mit neunzehn Jahren. Seit seinem Bestseller ›Mein Herz so weiß‹ gilt er weltweit als beachtenswertester Erzähler Spaniens. Sein umfangreiches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Die Erzählungen Böses Blut; Kameradschaftsgefühl; Ein riesiger Gefallen; In Ungnade gefallen; Leben und Tod des Marcelino Iturriaga; Begabung, ein Fluch; Das Ende des Landesadels; Am Hof von König Jorges; Nennen wir es Sehnsucht übersetzte Susanne Lange.
Der Nachtarzt; Das italienische Erbe; Auf der Hochzeitreise; Zerbrochenes Fernglas; Unvollendete Gestalten; Sonntag mit Fleisch; Als ich sterblich war; Alles Übel kehrt zurück; Geringere Skrupel; Lanzenblut; In der unterschiedenen Zeit; Keine Liebe mehr übersetzte Elke Wehr.
Santiestebans Abschied; Gualta; Das Lied von Lord Rendall; Eine Liebesnacht; Ein Treue-Epigramm; Während die Frauen schlafen; Was der Butler sagte; Der Spiegel des Märtyrers; Isaacs Reise übersetzte Renata Zuniga.
Erschienen bei FISCHER E-Books
Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel ›Mala índole. Cuentos aceptados y aceptables‹ bei Alfaguara, Madrid 2012
©Javier Marías, 2012 published by agreement with Casanova & Lynch Agencia Literaria S.L., Barcelona and Michi Strausfeld, Barcelona-Berlin
Die Erzählungen, übersetzt von Elke Wehr, sind 1999 auf Deutsch unter dem Titel ›Als ich sterblich war‹ bei Klett-Cotta, Stuttgart erschienen, die Erzählungen, übersetzt von Renata Zuniga, 1999 bei Verlag Klaus Wagenbach, Berlin
Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main
Coverabbildung: plainpicture/Kevin Mallia
Covergestaltung: hissmann/heilmann/hamburg
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Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-403565-9
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Akzeptierte Erzählungen
Santiestebans Abschied
Gualta
Das Lied von Lord Rendall
Eine Liebesnacht
Ein Treue-Epigramm
Während die Frauen schlafen
Was der Butler sagte
Der Nachtarzt
Das italienische Erbe
Auf der Hochzeitsreise
Zerbrochenes Fernglas
Unvollendete Gestalten
Sonntag mit Fleisch
Als ich sterblich war
Alles Übel kehrt zurück
Geringere Skrupel
Lanzenblut
In der unentschiedenen Zeit
Keine Liebe mehr
Böses Blut oder mit Elvis in Mexiko
Kameradschaftsgefühl
Ein riesiger Gefallen
In Ungnade gefallen
Akzeptable Erzählungen
Leben und Tod des Marcelino Iturriaga
I
II
III
Der Spiegel des Märtyrers
Begabung, ein Fluch
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
Isaacs Reise
Das Ende des Landesadels
Am Hof von König Jorges
Nennen wir es Sehnsucht
HInweis
Für Juan Benet,
mit fünfzehn Jahren Verspätung
Vielleicht war es wegen einer dieser Ungereimtheiten, an die der Zufall uns, trotz all seiner Beharrlichkeit, nicht zu gewöhnen vermag; oder vielleicht, weil das Schicksal mit einer Prahlerei aus Argwohn und Vorsicht die Voraussetzungen und Eigenschaften des neuen Lehrers in Zweifel zog und sich gezwungen sah, sein Eingreifen aufzuschieben, um nicht das Risiko einzugehen, am Ende selbst in Verruf zu geraten; oder vielleicht, schlussendlich, weil in südlichen Ländern wie diesen sogar die Tapfersten und Kühnsten der Gabe ihrer eigenen Überredungskunst misstrauen, fest steht jedenfalls, dass der junge Mr Lilburn erst zu einem Zeitpunkt Gelegenheit fand, herauszufinden, ob an diesen sonderbaren Andeutungen, die sein unmittelbarer Vorgesetzter Mr Bayo und andere Kollegen wenige Tage nach seinem Eintritt ins Institut ihm gegenüber gemacht hatten, etwas Wahres dran sei, als der Lehrgang schon weit fortgeschritten war und er Zeit gefunden hatte, ihre mögliche Bedeutung zu vergessen, oder wenigstens zu verdrängen. In jedem Fall aber gehörte der junge Mr Lilburn zu jener Sorte Menschen, die im Laufe ihres bislang wenig ereignisreichen Lebens ihre berufliche Laufbahn früher oder später zerstört und ihre felsenfesten Überzeugungen zugrunde gerichtet, zerschlagen oder gar der Lächerlichkeit preisgegeben sehen, wenn es sich um ein Vorkommnis, mit dem wir es hier zu tun haben, handelt. Es hätte ihm demnach auch nicht viel genützt, wenn er nicht einen einzigen Abend geblieben wäre, um das Gebäude abzuschließen.
Lilburn, der kurz vor seinem dreißigsten Geburtstag stand, hatte nicht die geringsten Bedenken, die Stellung, die ihm über Mr Bayo der Direktor des Britischen Instituts von Madrid angeboten hatte, anzunehmen. Vielmehr hatte er tatsächlich eine gewisse Erleichterung verspürt, und etwas, das der verschämten Ahnung, unausgereift und lautlos, sehr ähnlich war, die in derartigen Situationen nur jene Menschen zu fühlen imstande sind, die, obwohl sie von Positionen, von denen sie von vornherein annehmen, dass sie ihnen nicht zustehen, nicht einmal zu träumen wagen, dennoch ständig darauf hoffen, dass sich ihre Lage wie das Natürlichste auf der Welt verbessert. Und obwohl seine Arbeit am Institut an und für sich keinerlei Verbesserung, weder finanzieller noch sozialer Natur, verglichen mit seiner früheren Stellung, mit sich brachte, hatte der junge Mr Lilburn, als er seine Unterschrift unter den nicht eben gewöhnlichen Vertrag setzte, den ihm Mr Bayo während seines Sommeraufenthalts in London vorlegte, durchaus die Tatsache im Auge, dass, obwohl neun Monate im Ausland einer Einladung, als Person samt seinen Fähigkeiten im Umkreis seiner Geburtsstadt in Vergessenheit zu geraten, gleichkamen und den Verlust – andererseits nicht gänzlich unwiderruflich, wie er annahm – seiner bequemen, aber über die Maßen mittelmäßigen Anstellung im Polytechnikum, im Norden von London, bedeuteten, sie doch die nicht zu unterschätzende Möglichkeit nahelegten, mit Persönlichkeiten von höherem Rang innerhalb der Verwaltung und, vor allen Dingen, mit den angesehenen Mitgliedern des diplomatischen Korps in Kontakt zu treten.
Immerhin mochten ihm diese Beziehungen mit zum Beispiel (warum nicht?) einem Botschafter, wie sporadisch und oberflächlich auch immer, in irgendeiner Zukunft, die nicht unbedingt in weiter Ferne liegen musste, von großem Nutzen sein. So traf er also, Mitte September und mit jener Gleichgültigkeit, wie sie für wenig ehrgeizige Menschen charakteristisch ist, seine Vorbereitungen, schlug einen Nachfolger, mit geringerer Qualifikation als die seine, für den Posten, der durch ihn im Polytechnikum frei wurde, vor und fand sich in Madrid ein, bereit, tüchtig zu arbeiten, falls notwendig, um Anerkennung und Vertrauen seiner Vorgesetzten, soweit ihm solches in Zukunft nützlich sein würde, zu gewinnen und sich von der Biegsamkeit des spanischen Stundenplans nicht verführen zu lassen.
Schon bald gelang es dem jungen Lilburn, sein Leben in jenem fernen Land zu ordnen, und nach wenigen Tagen des Zögerns und einem gewissen Durcheinander, hervorgerufen dadurch, dass er sich gezwungen sah, in der Wohnung des betagten Mr Bayo und dessen Gemahlin abzuwarten, bis die vorigen Mieter aus einer kleinen möblierten Mansarde, die Mr Turol, ein anderer seiner spanischen Kollegen, ab Oktober in der Calle Orellana für ihn reserviert hatte, endgültig ausgezogen waren: Der Preis für die Miete überstieg die von Lilburn veranschlagten Kosten, war aber nicht hoch, wenn man in Betracht zog, dass es sich um eine zentrale Lage handelte, was den unvergleichlichen Vorteil hatte, dass sich die Wohnung ganz in der Nähe des Instituts befand, entwarf er ein peinlich genaues und – nach Möglichkeit für die Dauer des gesamten Kurses – gültiges Tagesprogramm, das er tatsächlich, und obgleich es nur bis zum Monat März war, unverändert einhalten konnte. Um Punkt sieben stand er auf und, nachdem er zu Hause gefrühstückt und, was er in jeder Unterrichtsstunde am Morgen vorzutragen gedachte, einer kurzen Wiederholung unterzogen hatte, begab er sich ins Institut, um seinen Unterricht abzuhalten. Während der einstündigen Pause plauderte er mit Mr Bayo und Miss Ferris über den beklagenswert disziplinlosen Zustand der spanischen Schülerschaft, und während des Mittagessens ließ er Mr Turol und Mr White gegenüber noch einmal die nämlichen Kommentare verlauten. Nach Tisch ging er die Lektionen für den Nachmittagsunterricht noch einmal durch, um sie anschließend vorzutragen, wobei er sich seine Kräfte besser einteilte als am Vormittag, blieb danach von sechs bis halb acht in der Bibliothek des Instituts, konsultierte ein paar Bücher und bereitete den Unterricht für den nächsten Tag vor. Dann begab er sich in die elegante Wohnung der Witwe Giménez-Klein, in der Calle Fortuny, um ihrer achtjährigen Enkelin eine Privatstunde Englisch zu geben (diese einfache und gut bezahlte Arbeit hatte ihm Mr Bayo, sein Gönner, verschafft), und kehrte schließlich gegen halb zehn, oder unwesentlich später, in die Calle Orellana zurück, gerade rechtzeitig, um die Nachrichten im Radio zu hören: Obwohl er am Anfang fast nichts verstand, war Lilburn davon überzeugt, dass dies die beste Methode sei, um die korrekte spanische Aussprache zu lernen. Dann nahm er eine leichte Abendmahlzeit ein, ging ein oder zwei Kapitel in einem Handbuch für spanische Grammatik durch, wiederholte eilig endlose Listen von Verben und Substantiven und ging pünktlich um halb zwölf zu Bett. Der Leser, der die erwähnten Straßen in Madrid kennt und sich erinnert, wo sich die Gebäude, in denen das Institut untergebracht ist, befinden, kann sich leicht vorstellen, dass das Leben von Lilburn gar nicht anders sein konnte als methodisch und geordnet, und dass seine Füße aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr als zweitausend Schritte im Verlauf eines Tages zurücklegten. Seine Wochenenden jedoch, mit Ausnahme des einen oder anderen Samstags, an denen er zu Abendessen oder Empfängen ging, die für Besucher britischer Universitäten, die sich vorübergehend in Madrid aufhielten, gegeben wurden (und, eine einmalige Gelegenheit, zu einem Cocktail in der Botschaft), blieben für seine Kollegen und Vorgesetzten ein Geheimnis, und sie vermuteten, indem sie sich einzig und allein auf die wenig aufschlussreiche Tatsache stützten, dass er an diesen Tagen niemals zum Telefon ging, dass er sie dazu nützte, um in die der spanischen Hauptstadt am nächsten gelegenen Städte kurze Ausflüge zu unternehmen. In Wahrheit, allem Anschein nach, zumindest aber bis zum Monat Januar oder Februar, verbrachte der junge Lilburn die Samstage und Sonntage eingesperrt in seiner Wohnung in der Calle Orellana und schlug sich mit den Launen und Schrullen der spanischen Konjugation herum. Und es ist anzunehmen, dass er auf diese Art und Weise auch die Weihnachtsferien zubrachte.
Derek Lilburn war ein Mann mit dürftiger Phantasie, gewöhnlichem Geschmack und unbedeutender Vergangenheit: einziger Sohn eines Ehepaares von mittelmäßigen Gelegenheitsschauspielern, die es während der ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs mit einem elisabethanischen und jakobitischen Repertoire, das Massinger, Beaumont & Fletcher und den jungen Heywood einschloss, das jedoch Autoren von größerem Gewicht wie Marlowe, Webster oder den eigentlichen Shakespeare peinlichst umging, zu einer gewissen Popularität (nicht aber zu Ruhm) gebracht hatten, der von seinen Eltern nichts geerbt hatte, dem ähnlich, was man in früheren Zeiten als Bühnentalent zu bezeichnen pflegte; wenngleich man sich fragen muss, ob der Geist seiner Erzeuger so etwas jemals beherbergt hatte: Am Ende des Krieges, als die Bühnengrößen, gierig nach Auftritten und hungrig nach Applaus, wieder mit Macht und Regelmäßigkeit auf die Bühnen zurückdrängten und das gemächliche Werk des Wiederaufbaus sowie die Heimkehr der Soldatenmassen aus London eine, wenn schon nicht beklemmendere, so doch unbequemere Stadt als während der Bombenangriffe, gemacht hatten, sagten die Lilburns, ohne Wehmut, wie es den Anschein hat, Hauptstadt und Bühne Adieu. Sie ließen sich in der Stadt Swansea nieder und eröffneten dort ein Kolonialwarengeschäft, vermutlich von dem Geld, das sie in den Jahren ansparten, die sie der niedrigen und undankbaren Schauspielkunst geopfert hatten. Von jenen gefahrvollen Zeiten blieb nichts als ein paar Plakate, die Philaster und The Revenger’s Tragedy ankündigten und das, was mich, indem ich von ihnen spreche, dazu veranlasst hat, ihren Streifzügen in das Drama ihrem wahren Talent als Händler den Vortritt einzuräumen: reine Anekdote. Weder Texte noch Belesenheit gingen mit der Kindheit des jungen Lilburn einher, und man darf sicher sein, dass er nicht einmal in den Genuss der einzigen Spur kam, die der Ausflug auf die Bretter, die die Welt bedeuten, bei den Krämern von Swansea spontan hätte hinterlassen können: eines emphatischen, ungestümen oder ausgesuchten Tonfalls bei banalen Unterhaltungen zu Hause.
Der Tod seines Vaters, als der junge Derek gerade achtzehn geworden war, gestattete es ihm, sich selbst um das Geschäft zu kümmern, und der seiner Mutter, einige Monate später, diente ihm als guter Vorwand, das Geschäft zu verkaufen, nach London zu übersiedeln und sich dort höhere Studien zu gönnen. Nachdem er diese, mit dem zweifelhaften Nimbus des Strebers, abgeschlossen hatte, übte er den Lehrberuf – ohne dass sich während dieser kurzen Zeit auch nur die geringsten Zweifel an seiner Berufung eingestellt hätten – einige Jahre lang an öffentlichen Schulen aus, bis er 1969, dank seiner oberflächlichen und berechnenden Freundschaft mit einem der Professoren des Zentrums, die Stellung im Polytechnikum bekam, die er jetzt zugunsten eines kurzen Aufenthaltes – eine Zeitspanne, die als Übergang vorgesehen war – im Ausland aufgegeben hatte.
Alle, die dort ein- und ausgegangen sind, sei es als Lehrer, als Schüler oder nur zum Zweck, die Bibliothek zu besuchen, wissen genau, dass die Tore des Instituts um Punkt neun Uhr abgeschlossen werden (eine halbe Stunde, nachdem die letzten Abendkurse zu Ende sind). Die Verantwortung dafür trägt der Pförtner, um ihm eine herkömmliche Berufsbezeichnung zu geben, da seine Aufgaben, und das ist in derartigen Unterrichtszentren fast immer der Fall, oft über die seines eigentlichen Berufes hinausgehen und eher große Ähnlichkeit mit denen eines Bibliothekars und eines Schuldieners haben. Dieser Mann muss das Kommen und Gehen von Personen, die nicht zum Gebäude gehören, überwachen, den unterschiedlichsten Befehlen, Aufträgen und Bitten der Lehrerschaft nachkommen, Tafeln löschen, die aus Nachlässigkeit oder Vergesslichkeit am Ende des Tages mit Ziffern, berühmten Namen und wichtigen Jahreszahlen vollgeschrieben sind, aufpassen, dass niemand die Bibliothek mit einem Buch verlässt, ohne dass diese Tatsache gebührend vermerkt worden wäre, und nicht zuletzt – und ohne einige andere Aufgaben von geringerer Bedeutung zu erwähnen –, sich vergewissern, dass das Gebäude um fünf vor neun leer ist, und, wenn das der Fall ist, die Türen bis zum nächsten Morgen abschließen. Fabián Jaunedes, der Mann, der diese mühsame Stelle eines Pförtners innehatte, als der junge Derek Lilburn nach Madrid kam, übte sie seit fast vierundzwanzig Jahren mit einer Perfektion aus, als hätte er seine Arbeitsstelle selbst erfunden. Deshalb kam es, als er Anfang März, mit einer gewissen Überstürzung und einiger Dringlichkeit, ins Krankenhaus eingeliefert werden und sich einer Grauer-Star-Operation unterziehen musste und als Folge davon seinen Aufgaben nicht nachkommen konnte, zumindest für die Dauer seiner Genesung (die in jedem Fall unvollständig oder nur teilweise sein und in jedem Fall länger dauern musste, als den Verantwortlichen des Zentrums recht war) im internen Ablauf des Instituts zu größeren Störungen, als man sich anfänglich vorstellen konnte. Der Direktor und Mr Bayo verwarfen schon zu Beginn die Möglichkeit, einen Ersatzmann einzustellen, denn auf der einen Seite dachten sie, dass es schwer sein würde, in kurzer Zeit jemanden zu finden, der über ausgezeichnete Referenzen verfügte und bereit wäre, sich nur für den Rest des Schuljahres anstellen zu lassen, um dann vielleicht seinerseits ersetzt zu werden (und obwohl sie nicht an eine baldige Genesung des alten Pförtners glaubten, hatten sie den Eindruck, dass die freie Stelle für länger als fünf Monate zu vergeben, den endgültigen Verzicht auf Fabians Dienste bedeutete und daher eine hässliche Geste der Untreue ihm gegenüber sei, der seinerseits so loyal gewesen war und ihnen während so vieler Jahre so gute Dienste geleistet hatte). Andererseits hingegen meinten sie, mit dieser Gabe oder dem undurchsichtigen Bedürfnis, das Menschen in einem gewissen Alter oder mit schwerfälliger Vorstellungskraft haben, die Kündigungen oder die belanglosesten Abschiedsgesuche mit Vorgängen wahrhaft epischen Ausmaßes zu verwechseln, dass angesichts dieser überraschenden Unannehmlichkeit, die sie eher als Unglück empfanden, es nicht zu viel verlangt sei, wenn ein jeder unter den Lehrern, die sehr gut die verschiedenen Aufgaben des abwesenden Pförtners unter sich aufteilen und so gleichzeitig ihre Opferbereitschaft dem Zentrum gegenüber unter Beweis stellen könnten, ein kleines Opfer brächte. Die Bibliothekarin wurde damit beauftragt, das Kommen und Gehen von Unbekannten durch den Haupteingang zu überwachen, den sie von ihrem Platz aus ganz leicht überblicken konnte; Miss Ferris, dafür zu sorgen, dass sich die Bekanntmachungen und Ankündigungen an den Anschlagtafeln beim Eingang nicht allzu sehr häuften; Mr Turol, alle paar Stunden den Zustand der Toiletten und der Warmwasseraufbereitungsanlage zu überprüfen; jenen Lehrern, deren Unterricht um halb neun endete, wurde dringend ans Herz gelegt, dafür zu sorgen, dass einer der Schüler vor dem Nachhausegehen die Tafel löschte; und schließlich wurde für jene Mitglieder des Personals, denen keine spezielle Aufgabe zugeteilt wurde, ein ausgewogener Bereitschaftsdienst ausgearbeitet: Jemand musste immer bis neun Uhr abends im Gebäude bleiben, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung war, und um die Türen zu verschließen. Und obwohl das für den strengen Stundenplan von Lilburn eine große Unannehmlichkeit bedeutete, blieb diesem nichts anderes übrig, als seine Verabredung mit der kleinen Giménez-Klein einmal in der Woche abzusagen und gemeinsam mit seinen Vorgesetzten und Kollegen für einen reibungslosen Ablauf im Institut zu sorgen und ab Anfang März jeden Freitag, wie es allgemein üblich war, bis neun Uhr in der Bibliothek zu bleiben.
Es war damals, am ersten Freitag, als er an der Reihe war, seiner neuen Verpflichtung nachzukommen, als ihm Mr Bayo wieder mit der gleichen Beiläufigkeit, die Lilburn damals, als er ins Institut eingetreten war, seltsam vorgekommen war und bei ihm die Frage aufgeworfen hatte, ob dieser Mann mit seinem ernsthaften Wesen und tadellosen Manieren möglicherweise einen Hang zur Sonderbarkeit haben mochte, den anfänglichen Hinweis, der damals ein gewisses Gefühl der Unruhe bei ihm ausgelöst hatte, neuerlich in Erinnerung rief:
»Heute Nacht«, sagte er zu ihm während der Pause, »Sie wissen schon: kümmern Sie sich nicht um das Gespenst. Ich glaube, dass ich es Ihnen seinerzeit ohnehin bereits erklärt habe, aber ich erinnere Sie noch einmal daran, für den Fall, dass Sie es vergessen haben sollten, da Sie heute mit dem Nachtdienst an der Reihe sind und die Geräusche von Señor Santiesteban Sie erschrecken könnten. Um Viertel vor neun werden sie hören, dass eine Tür aufgerissen wird, und sieben Schritte hin, und nach einer kurzen Pause, weitere acht retour hören. Daraufhin wird die Tür, die geöffnet wurde, weniger geräuschvoll natürlich, wieder zugemacht. Erschrecken Sie nicht und kümmern Sie sich überhaupt nicht darum. Das ist etwas, das seit wer weiß wie langer Zeit geschieht, auf jeden Fall schon länger, als das Institut seinen Hauptsitz in diesem Gebäude hat. Es hat daher auch gar nichts mit uns zu tun, und wie Sie sich vorstellen können, haben wir uns schon mehr als daran gewöhnt: Nein, sagen wir besser, der arme Fabian, der in der Regel der Einzige war, der sie hörte. Ich ersuche Sie nur, da Sie bis Montag die Schlüssel haben und daher an diesem Tag als Erster im Institut sein müssen, um aufzusperren, vergessen Sie nicht das Abschiedsgesuch von der Korktafel, direkt gegenüber von meinem Arbeitszimmer, zu entfernen. Tun Sie das gleich beim Hereinkommen, bitte. Obwohl alle über die Existenz des Señor Santiesteban informiert sind (niemand wird sie Ihnen verschweigen, glauben Sie mir, und auch niemand fühlt sich durch seine Anwesenheit, die ja eigentlich ganz diskret ist, gestört oder beunruhigt), sind wir dennoch bestrebt, dass sie auf das Leben der Schüler keinen besonderen Einfluss hat, die, da es sich um Kinder handelt, sensibler als wir auf derartige unerklärliche Vorkommnisse reagieren. Denken Sie also, wenn es Ihnen nichts ausmacht, daran, das Papier herunterzunehmen. Und werfen Sie es einfach in den nächstbesten Papierkorb. Stellen Sie sich vor, wir würden sie aufheben! Wir könnten schon ein ganzes Zimmer damit füllen. Wenn ich nur daran denke! Zu dumm! Nacht für Nacht, zur selben Stunde, derselbe Text; identisch, ohne dass ein einziges Wort, eine einzige Silbe geändert wäre. So etwas nennt man Ausdauer, finden Sie nicht auch?«
Der junge Lilburn gab keinerlei Kommentar und beschränkte sich darauf, mit dem Kopf zu nicken.
Aber bei Einbruch der Dunkelheit, während er in der Bibliothek einige Übungen korrigierte und darauf wartete, dass es Zeit wurde, das Gebäude abzuschließen und nach Hause zu gehen, hörte er tatsächlich, wie eine Tür so heftig aufgerissen wurde, dass ein paar Scheiben klirrten, und gleich darauf einige feste und entschlossene – um nicht zu sagen aufgeregte – Schritte, eine kurze Stille, die Sekunden dauerte, neuerlich eine Anzahl von Schritten, dieses Mal ruhiger und schließlich dieselbe Tür (so musste man annehmen), die leise zugemacht wurde. Er sah auf die Uhr, die von einer Wand des Zimmers hing, in dem er sich aufhielt, und sah, dass es acht Uhr und sechsundvierzig Minuten war. Eher irritiert als überrascht oder erschrocken stand er von seinem Stuhl auf und verließ die Bibliothek. Auf dem Gang blieb er stehen und war ganz still, in Erwartung, dass es noch mehr Geräusche geben würde, aber er hörte nichts. Er suchte das Gebäude nach einem Schüler ab, der zurückgeblieben war, oder einem Spaßvogel, dem er, mehr als alles andere, die Sinnlosigkeit seines Streiches vor Augen führen wollte, aber er fand niemanden. Es schlug neun, und so entschloss er sich zu gehen, ohne der ganzen Angelegenheit noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken; als er jedoch eben hinausgehen wollte, erinnerte er sich an eine der Beobachtungen – diejenige, die ihn vielleicht am meisten beeindruckte –, von der ihm Mr Bayo erzählt hatte: Er ging in den ersten Stock und näherte sich der Korktafel, die auf dem Gang vis à vis vom Arbeitszimmer seines Vorgesetzten hing. Er sah nur ein mit vier Reißnägeln befestigtes Prospekt, das er zur Genüge kannte und in dem eine Vortragsreihe über George Darley und andere aus dem Kreis der weniger bedeutenden romantischen Dichter, die ein Gastprofessor vom Brasenose College von April an zu halten gedachte, angekündigt wurde. Und es hing dort überhaupt nichts, das wie ein Abschiedsgesuch aussah. Ruhiger und auch zufriedener machte er sich auf den Weg in die Calle Orellana und dachte nicht mehr an den Vorfall, bis ihm Montagvormittag Miss Ferris zwischen zwei Schulstunden begegnete und ihm mitteilte, dass Mr Bayo ihn in seinem Arbeitszimmer zu sprechen wünsche.
»Mr Lilburn«, sagte der alte Geschichtslehrer, als er vor ihm stand, »erinnern Sie sich daran, dass ich Sie inständig gebeten habe, dass Sie heute Morgen, bevor Sie noch etwas anderes tun, nicht vergessen, die Abschiedsgesuche des Señor Santiesteban von der Korktafel da draußen zu nehmen?«
»Ja Señor, daran erinnere ich mich genau. Aber nachdem ich die Schritte, die Sie mir ankündigten, gehört hatte, ging ich noch am Freitagabend herauf, um ihren Auftrag auszuführen, und sah nichts auf der Korktafel. Hätte ich etwa heute Morgen noch einmal nachschauen müssen?«
Mr Bayo schlug sich sanft vor die Stirn, wie jemand, dem ein Licht aufgeht und antwortete:
»Oh natürlich, das ist wirklich meine Schuld, weil ich es Ihnen nicht gesagt habe. In der Tat, Mr Lilburn, Sie hätten nur heute Morgen nachschauen müssen. Aber das ist überhaupt nicht so wichtig, es ist auch nicht das erste Mal, dass das passiert. Aber merken Sie es sich für das nächste Mal: Der Brief erscheint im Morgengrauen, obwohl anzunehmen ist, dass der Geist des Señor Santiesteban ihn um Viertel vor neun an der Korktafel befestigt. Ja, ich weiß schon, dass das unwahrscheinlich klingt, aber ist das nicht auch die bloße Anwesenheit dieses Herrn? Gut, das war alles, Mr Lilburn; und machen Sie sich keine Sorgen: den Kindern wird ihre Aufregung bereits am Nachmittag schon wieder vergangen sein.«
»Den Kindern?«
»Ja, die von der Dritten haben mich darauf aufmerksam gemacht, dass die Gesuche noch immer dort draußen hingen. Ich hörte sie auf dem Gang herumlärmen, ging hinaus, um nachzuschauen, was los war, und erwischte sie dabei, wie sie die drei Blätter ganz aufgeregt in den Händen hielten.«
Lilburn machte jetzt eine Geste der Entrüstung und sagte:
»Ich verstehe gar nichts, Mr Bayo. In Wahrheit wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir jetzt auf der Stelle eine genaue und zusammenhängende Erklärung über die Vorgänge geben könnten. Was hat es zum Beispiel mit diesen drei Briefen für eine Bewandtnis? Was für eine Geschichte hat das Gespenst, wenn es denn wirklich existiert? Sie haben mir ständig von Abschiedsgesuchen erzählt, aber ich weiß noch immer nicht, wovon zum Teufel dieser Señor Santiesteban jede Nacht Abschied nimmt. Also, ich bin verwirrt und weiß nicht, was ich davon halten soll.«
Mr Bayo deutete ein wehmütiges Lächeln an und antwortete:
»Ich auch nicht, Mr Lilburn, und glauben Sie mir, dass ich nach all den Jahren, die ich hier bin, die Einzelheiten der zweifelsohne tragischen Geschichte des Señor Santiesteban nur zu gerne kennen würde. Aber wir wissen überhaupt nichts über ihn. Sein Name sagt uns nichts und erscheint natürlich auch in keinerlei Annalen, Wörterbüchern oder Enzyklopädien: Er war kein berühmter Mann, und er hat in seinem Leben nichts getan, das einer Erwähnung wert wäre. Vielleicht stand er in irgendeiner Beziehung zum früheren Besitzer des Gebäudes, dem Mann, der den Bau um 1930 in Auftrag gab, ich erinnere mich jetzt nicht an das genaue Datum. Es handelte sich um einen Herrn mit enormem Vermögen und großen künstlerischen und politischen Ambitionen; er war eine Art Beschützer für die linksgerichteten Intellektuellen in den Jahren der Zweiten Spanischen Republik und starb vollkommen verarmt. Aber wir wissen es nicht genau, und tatsächlich haben wir keine konkrete Information, die es uns erlauben würde, eine derartige Beziehung vorauszusetzen. Es könnte auch sein, dass seine enge Beziehung zum Gebäude von seiner … Bekanntschaft, Freundschaft, beruflichen Beziehung? mit dem Architekten herrührt, eine ebenfalls interessante Persönlichkeit. Seine Werke waren für jene Zeit sehr fortschrittlich, und er beging Selbstmord, indem er sich während einer Schiffspassage in noch relativ jungem Alter ins Meer stürzte. Aber auch hier gibt es keine Möglichkeit, Näheres herauszufinden. All das, Mr Lilburn, sind nichts als Vermutungen und Hypothesen, die ich aufgrund fehlender Fakten nicht einmal ganz auszuführen wage.«
»Höchst eigenartig und seltsam, das alles«, bemerkte Mr Lilburn.
»Das will ich meinen«, sagte Mr Bayo. »Und da ich Ihnen gegenüber schon einmal so ehrlich bin, gestehe ich Ihnen, dass vor langer Zeit, als ich etwas älter war als Sie jetzt sind und gerade ans Institut gekommen war, die mysteriösen Schritte des Señor Santiesteban in mir die Neugier weckten und mir für einige Monate den Schlaf raubten; ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass sie für mich fast schon zur Obsession geworden waren. Tatsache ist, dass ich meine Arbeit vernachlässigte und mich damit beschäftigte, Nachforschungen anzustellen. Ich besuchte mögliche Verwandte des früheren Besitzers und des Architekten und ich befragte sie über eine mögliche Freundschaft dieser beiden Männer mit einem gewissen Leandro P. de Santiesteban, aber sie hatten diesen Namen nie gehört; ich zog das Telefonbuch zu Rate, auf der Suche nach zum Beispiel irgendeinem Pérez de Santiesteban (denn ich weiß noch immer nicht, was dieses P. bedeutet: vielleicht den ersten Teil eines Doppelnamens, vielleicht einfach Pedro, Patricio, Placido, ich weiß es nicht), aber ich fand keinen; in meinem maßlosen Trachten, die Geschichte des Gespenstes zu erfahren, ging ich aufs Meldeamt, in der Hoffnung, irgendeine Geburtsurkunde ausfindig zu machen, die mich wenigstens auf eine Spur, wenn auch auf eine falsche, führen würde – einen ähnlichen Namen, auf den ich meine Nachforschungen konzentrieren könnte; aber ich bekam kein positives Ergebnis, sondern, im Gegenteil, Probleme mit den Beamten, die mich für verrückt hielten, und mit der Polizei, denn mein Verhalten in jenen dunklen Zeiten erschien ihnen sehr verdächtig; schließlich stattete ich allen Santiestebans der Stadt einen Besuch ab, und das sind ziemlich viele. Aber nie gab es innerhalb der betreffenden Familien jemanden, der Leandro gehießen hatte, und einige wollten mich nicht einmal empfangen. Schließlich war alles umsonst, und ich sah mich gezwungen aufzugeben, erfüllt von dem unangenehmen Gefühl, Zeit vergeudet und mich der Lächerlichkeit preisgegeben zu haben. Seither beschränke ich mich darauf, wie die anderen Personen, die im Institut arbeiten, die unbestreitbare Existenz des Gespenstes hinzunehmen und ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, in der Einsicht, dass das Gegenteil zu nichts führt und nur Kummer und Verdruss mit sich bringt. Deshalb, Mr Lilburn, kann ich Ihre Fragen auch nicht beantworten, und glauben Sie mir, dass mir das leidtut. Aber ich rate Ihnen, machen Sie es wie die anderen: Kümmern Sie sich nicht um Señor Santiesteban. Er stört nicht, er ist daher auch nicht gefährlich, und das Einzige, das er tut, ist, dass er jede Nacht ein Abschiedsgesuch hinterlässt, welches am nächsten Tag herunterzunehmen für uns überhaupt keine Mühe verursacht.«
»Genau darüber«, sagte Lilburn, »wollte ich noch einmal mit Ihnen sprechen. Dieses Abschiedsgesuch. Darin erklärt er doch etwas, nicht? Wovon nimmt er seinen Abschied? Und warum waren es heute, das haben Sie vorhin erwähnt, drei?«
Mr Bayo beugte sich zum Papierkorb hinunter, der neben ihm stand, und nahm einige zerknüllte Blätter heraus, die er vor dem jungen Lilburn glattstrich, während er sagte:
»Heute waren es aus dem einfachen Grund drei, weil heute Montag ist und wie immer am Wochenende niemand im Gebäude war, um das vom Freitag, das vom Samstag und das von gestern, Sonntag, herunterzunehmen. Sie hätten sie heute zeitig in der Früh von der Korktafel herunternehmen müssen, aber es war, wie schon gesagt, meine Schuld und nicht die Ihre, dass Sie es nicht so gemacht haben. Nehmen Sie.«
Lilburn nahm die Blätter aus ganz gewöhnlichem Papier und las sie aufmerksam durch. Sie waren mit der Hand und mit einer Füllfeder geschrieben, und der Text war in allen drei Fällen, ohne die geringste Abweichung, derselbe. Er lautete folgendermaßen:
Lieber Freund:
In Anbetracht der bedauerlichen Vorkommnisse während der letzten Tage, die aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht nur im Widerspruch zu meinen Gepflogenheiten, sondern auch zu meinen Prinzipien stehen, sehe ich für mich, obwohl ich mir der großen Unannehmlichkeiten, die Ihnen meine Entscheidung verursacht, bewusst bin, keine andere Möglichkeit, als meinen unwiderruflichen Abschied von meinem Posten zu nehmen. Außerdem erlaube ich mir, Sie wissen zu lassen, dass ich die Haltung, die Sie im Zusammenhang mit den genannten Vorkommnissen eingenommen haben, aufs Tiefste missbillige und verurteile.
Leandro P. de Santiesteban
»Wie Sie sehen«, sagte Mr Bayo, »erklärt das Schreiben gar nichts. Es macht vielmehr das Ganze noch unverständlicher, da dieses Gebäude ein Wohnhaus war und keine Kanzlei oder etwas Derartiges, also kein Ort, an dem es Menschen mit Ämtern, von denen sie zurücktreten konnten, gegeben hätte. Wir müssen uns damit zufriedengeben, das Rätsel zu beobachten, ohne zu versuchen, es zu lösen.«
Es vergingen die Monate März und April, und der junge Lilburn hörte jeden Freitag von der Bibliothek aus die immer gleichen Schritte des Señor Santiesteban im oberen Stockwerk. Er bemühte sich, den Rat von Mr Bayo zu befolgen und den mysteriösen Schritten keine Beachtung zu schenken, aber von Zeit zu Zeit ertappte er sich ganz unwillkürlich dabei, dass er über die Persönlichkeit und die Geschichte des Gespenstes nachdachte oder dass er mechanisch die Anzahl der Schritte in die eine und in die andere Richtung mitzählte. Diesbezüglich hatte er festgestellt, dass, so wie ihm sein Vorgesetzter bei einer Gelegenheit erzählt hatte, Señor Santiesteban tatsächlich zuerst sieben Schritte und dann, nach einer Pause, acht machte, um daraufhin die Türe zu schließen. Und es war während der Ferien in der Karwoche, die er in Toledo verbrachte, als ihm eine mögliche Erklärung für diesen Umstand einfiel. Diese kleine Entdeckung, in Wahrheit nicht mehr als eine Vermutung, deren Richtigkeit er nicht bestätigen konnte, regte ihn in einer Weise auf, dass er mit Ungeduld auf den Zeitpunkt seiner Rückkehr wartete, um sie Mr Bayo erzählen zu können.
Und tatsächlich, am ersten Schultag nach den Ferien bat der junge Lilburn, anstatt die Pause im Hof zu verbringen und sich mit Miss Ferris und Mr Bayo über das beklagenswerte Betragen seiner Schüler zu unterhalten, Letzteren, ihn an einen Ort zu begleiten, wo sie ungestört miteinander reden könnten, und als sie im Arbeitszimmer des alten Geschichtslehrers waren, erzählte er diesem von seiner Entdeckung.
»Meiner Meinung nach«, sagte er mit einer gewissen Nervosität, »macht Señor Santiesteban aus folgendem Grund zuerst sieben Schritte und dann, im Gegensatz dazu, acht: aufgeregt wegen der Vorgänge, auf die er sich in seinem Schreiben, bezieht, die es ihm, da er ein Mann mit Prinzipien ist, verbieten, sein Amt weiterhin auszuüben, geht er aufgebracht aus dem Zimmer, in dem er sich befindet, und macht sieben Schritte, oder besser gesagt, Riesenschritte zur Korktafel. Er befestigt sein Schreiben, und dann, schon ruhiger, weil er weiß, dass er seiner Verpflichtung nachgekommen ist, weil er mit dem Freund, der ihn hintergangen hat, fertig ist, weil sein Gewissen rein ist, geht er in das Zimmer zurück und macht acht Schritte, anstatt sieben, weil er nicht mehr so wütend oder aufgeregt ist, sondern vielleicht sogar mit sich selbst zufrieden. Ein Beweis dafür, Mr Bayo, ist außerdem die Tatsache, dass er anschließend die Tür leise zumacht, ohne die Wut, auf die das Aufreißen, als er sie öffnet, schließen lässt.«
»Das haben Sie sehr gut dargestellt, Mr Lilburn«, antwortete Mr Bayo mit unmerklicher Ironie. »Und Sie haben recht, glaube ich. Auch ich bin vor vielen Jahren zu diesem Ergebnis gekommen, als ich mich für die Angelegenheit interessierte. Aber damit, dass ich annahm, dass die unterschiedliche Anzahl der Schritte in die eine und in die andere Richtung auf eine leichte Veränderung im Gemütszustand von Señor Santiesteban zurückzuführen war, erreichte ich nichts. Hier stehe ich vor Ihnen, genauso unwissend wie am ersten Tag. Hören Sie auf mich. Das Rätsel des Institutsgespenstes ist wirklich ein Rätsel. Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, es zu lösen.«
Mr Lilburn war nachdenklich und von Mr Bayos kühler Antwort enttäuscht. Aber nach einigen Sekunden hob er den Kopf und fragte:
»Und kann man nicht mit ihm sprechen?«
»Mit ihm? Sie meinen mit Señor Santiesteban? Oh, nein. Schauen Sie: An den Freitagen um Viertel vor neun hören Sie, was Sie an jedem anderen Tag der Woche genauso hören würden, wenn Sie zu dieser Zeit hier wären, dass die Tür zu diesem Zimmer lautstark aufgerissen wird; dann hören Sie die Schritte und zuletzt die Tür, die zugemacht wird, ist es nicht so?«
»In der Tat.«
»Und wo pflegen Sie sich aufzuhalten, wenn das geschieht?«
»In der Bibliothek.«
»Nun gut, wenn Sie, anstatt in der Bibliothek, hier in diesem Zimmer wären oder draußen auf dem Gang, würden Sie genau das Gleiche hören, aber Sie würden auch sehen, dass die Türe überhaupt nicht aufgeht. Man hört, wie sie auf- und zugemacht wird, aber man sieht, dass sie weder auf- noch zugemacht wird; sie bewegt sich überhaupt nicht, es zittern nicht einmal die Scheiben, wenn sie das erste Mal aufgerissen wird.«
»Ach so. Und sind Sie vollkommen sicher, dass es diese Tür ist und nicht eine andere, die das Gespenst aufmacht?«
»Ja. Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass es diese Glastür hinter Ihnen ist. Ich habe es überprüft, glauben Sie mir. Als ich die Gewissheit hatte, dass es so war, legte ich mich einige Nächte lang auf die Lauer und beobachtete sie. Wie Sie vorhin gesagt haben, geht Señor Santiesteban hier hinaus bis zur Korktafel, befestigt sein Schreiben und kommt zurück. Das Schreiben erscheint jedoch nicht, während er das tut, sondern irgendwann während der Nacht, oder bereits im Morgengrauen, ich weiß es nicht. Die beiden einzigen Male, die es mir gelang wachzubleiben, ohne auch nur ein einziges Mal einzunicken, was Señor Santiesteban hätte ausnützen können, um sein Schreiben erscheinen zu lassen, hörte ich die Schritte so wie immer, aber das Schreiben erschien nicht. Das heißt, dass er mich sah (er sah, dass ich wach war, und deshalb erschien das Schreiben nicht). Aber er spricht nicht, oder er kann nicht sprechen. Nach diesen beiden Nächten, als ich begriffen hatte, dass ich meinerseits von ihm beobachtet wurde (oder besser gesagt, während ich ihn nicht einmal sehen konnte, er meine Bewegungen beobachtete), richtete ich bei verschiedenen Gelegenheiten und im unterschiedlichsten Tonfall das Wort an ihn: An einem Tag grüßte ich ihn respektvoll, am nächsten überfreundlich, und wieder am nächsten gereizt. Ich bin sogar so weit gegangen, ihn zu beschimpfen, nur, um zu sehen, ob er reagiert. Aber er hat nie geantwortet; alles war umsonst, und ich tat das Beste, was ich tun konnte: meine dummen und versponnenen Nachtwachen einzustellen und zu tun, was all die anderen Personen tun, die von seiner Existenz wissen und in Don Leandro P. de Santiesteban nichts anderes sehen als ›das einzigartige Gespenst des Instituts‹.«
Der junge Mr Lilburn wurde wieder für einige Augenblicke nachdenklich und sagte dann mit aufrichtiger Sorge:
»Aber, Mr Bayo … Wenn alles, was Sie mir da erzählen, stimmt, muss Señor Santiesteban in diesem Zimmer wohnen, und wenn das der Fall ist, hört er uns jetzt vielleicht zu, nicht wahr?«
»Möglicherweise, Mr Lilburn«, antwortete Mr Bayo.
»Möglicherweise.«
Von diesem Tag an sprach der junge Lilburn weder mit Mr Bayo noch irgendeiner anderen Person jemals wieder über das Gespenst des Instituts. Der alte Professor nahm mit einer gewissen Erleichterung an, dass er eingesehen hatte, dass jede Überlegung in dieser Angelegenheit reine Zeitverschwendung sei, und sich schließlich entschlossen hatte, seinem Ratschlag, der auf Erfahrung beruhte, Folge zu leisten. Dem war aber nicht so.
Der junge Lilburn hatte hinter dem Rücken seines Vorgesetzten und ein wenig überstürzt die Entscheidung getroffen, ganz alleine die Motive herauszufinden, die Señor Santiesteban dazu bewogen, jede Nacht seinen Abschied zu nehmen, und da er am Wochenende die Schlüssel für das Gebäude hatte und er daher an diesen Tagen kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte, ohne irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, hatte er damit begonnen, die Nächte von Freitag auf Samstag und von Samstag auf Sonntag im ersten Stock auf dem Sofa auf dem Gang zu verbringen, einem Ort, von dem aus er sogar im Liegen den ganzen, andererseits nicht gerade riesigen, Schauplatz der nächtlichen Spaziergänge des unsichtbaren Gespenstes überblicken konnte; genaugenommen waren das: die Tür von Mr Bayos Arbeitszimmer, die Korktafel vis à vis und natürlich der Abstand dazwischen.
Es waren drei Gründe – oder vielmehr, Gefühlsregungen –, die ihn dazu bewegten, seine Untersuchungen im Geheimen durchzuführen: das Misstrauen, die Anziehungskraft des Verbotenen und die Herausforderung. Die ausführliche Erzählung von Mr Bayo und die Lehren, die sich aus seinem Scheitern ziehen ließen, kamen ihm sehr zugute, aber gleichzeitig spürte er, dass, wenn er seinen Wunsch, das Geheimnis zu lüften, erfüllt sehen wollte, er nicht umhinkam, zumindest einige der Rückschläge, die die Phantasie seinem Vorgesetzten in der Vergangenheit gespielt hatte, selbst zu untersuchen. Andererseits entdeckte er während der langen Wachen das Vergnügen, das darin liegt, das Verbotene oder das, wovon der Rest der Menschheit nichts weiß, auszukosten. Und schließlich genoss er schon im voraus den Moment, wenn seine Anstrengungen von Erfolg gekrönt sein würden, der nicht nur in der Entdeckung und im ewigen Besitz der ersehnten Wahrheit bestand, sondern auch in der persönlichen Befriedigung – welche letzten Endes der Eitelkeit am liebsten ist –, die der Sieg über einen Gegner, der einem überlegen ist oder über größeres Wissen verfügt, mit sich bringt.
So geschah es, dass der junge Lilburn während der folgenden Monate, der letzten des Schuljahres, dieselben Rückschläge erlitt, die den alten Geschichtslehrer in seiner Jugend heimgesucht hatten. Er versuchte, ohne den geringsten Erfolg, mit Señor Santiesteban zu sprechen; er wartete ein ums andere Mal geduldig darauf, dass das Schreiben an der Korktafel erschien, aber in der Regel übermannte ihn der Schlaf früher oder später, gezwungen wie er war, stundenlang den Blick auf denselben Punkt zu richten; und bei den zwei oder drei Gelegenheiten, wo es ihm gelang, die Augen bis zum nächsten Morgen offen zu halten, erschien der Brief nicht.
Die Zeit verging wie im Fluge und die Gelegenheit, sein Ziel zu erreichen, schmolz dahin. Unzufrieden mit dem abscheulichen Betragen der spanischen Kinder und mit seiner Arbeit, die ihm nur wenig Möglichkeiten geboten hatte, seine Position kurzfristig zu verbessern, hatte er beschlossen, seinen Vertrag für das nächste Jahr nicht zu verlängern und am Ende des Schuljahres nach London und in seine Stellung am Polytechnikum zurückzukehren. Und je näher das Ende des Schuljahres rückte, umso mehr bereute Lilburn, diese Entscheidung getroffen zu haben. Nun, da er sein Rückflugticket in Händen hatte, war Umkehr nicht mehr möglich, und er beklagte ein ums andere Mal, vorschnell gehandelt zu haben, als er, ohne irgendeinen Grund, der dies gerechtfertigt hätte, selbstgefällig angenommen hatte, dass das Erreichen seines Zieles höchstens eine Frage von Wochen sei. Er sah schon den Tag kommen, an dem er abreisen musste, um wahrscheinlich nie wiederzukommen, und er verfluchte ohne Unterlass seine vorschnelle Entscheidung und die kalte Gleichgültigkeit von Señor Santiesteban, der ihm gegenüber genauso hochmütig war wie Mr Bayo und – das war es, was ihn kränkte – allen anderen Sterblichen gegenüber. In seinem Wahn, und als er zum x-ten Mal das Geräusch der Schritte auf dem Holzboden hörte, versuchte er das Gespenst zu packen, oder er schrie es an und nannte es Heuchler, Angeber, Feigling, Schurke; er überhäufte es mit Schimpfworten.
Aber es war bei einer dieser Gelegenheiten, als ihm ein eventuelles Mittel gegen seine Verzweiflung einfiel, eine Lösung für seine Unwissenheit. Er hatte gerade eine dieser peinlichen Szenen zum Besten gegeben, die ihm die Verbitterung eingab, und verzweifelt, ein Gefangener der hysterischen Wut, in die Situationen lang anhaltender Ohnmacht führen, hatte er sich mit dem Gesicht nach unten auf das Sofa auf dem Gang geworfen. Es war acht Uhr siebenundvierzig Minuten. Und plötzlich, inmitten seiner Verzweiflung, schien es ihm, als höre er, wie die Glastür von Mr Bayos Arbeitszimmer neuerlich geöffnet wurde und Señor Santiesteban noch einmal seine ewig gleichen fünfzehn Schritte machte, um sie gleich darauf in der üblichen Weise zu schließen. Überrascht richtete er sich auf und strich sich sein zerrauftes Haar glatt. Er sah zur Tür und gleich darauf zur Korktafel. Und in diesem Moment begriff er, dass er in Wirklichkeit beim zweiten Mal nichts gehört hatte, sondern dass, wie die Musik auf einer Platte, die man sich im Verlauf eines Tages unzählige Male anhört, sich die Schritte (ihr Rhythmus, ihre Intensität) in seinem Gehirn eingenistet hatten und sich wiederholten – wie eine eindringliche und komplizierte Stelle, an die man sich genau erinnert, die man aber trotzdem nicht wiedergeben kann –, ohne sein Zutun, ganz von selbst, in seinem Inneren. Er kannte sie auswendig, und obwohl er nicht einmal versuchen konnte, sie mit seiner Stimme wiederzugeben, konnte er es jedoch mit seinen eigenen Füßen tun. Voll neuer Hoffnungen und großer Erwartungen verließ er das Gebäude. Und an jenem Samstag im Juni schlief er, was schon seit vielen Wochenenden nicht mehr der Fall gewesen war, in seiner Wohnung in der Calle Orellana.
Mit einem Mal fühlte er sich wie der Schauspieler, der seit mehreren Monaten dasselbe Stück mit bemerkenswertem Erfolg spielt, und der um die Salve des Applauses, mit der das Publikum seine Darstellung belohnen wird, weiß und es überhaupt nicht eilig hat, die Bühne zu betreten und seine Rolle zu rezitieren, sondern der, ganz im Gegenteil, sich den Luxus leistet, sich hinter dem Vorhang herumzudrücken, und mit einigen Sekunden Verspätung auftritt, um das Publikum zu beunruhigen und seine Szenenkollegen zu verwirren. Das heißt, Lilburn fühlte sich seines Sieges wieder sicher und, anstatt seinen Plan sofort in die Tat umzusetzen, fand er, ohne zu erlauben, dass sich Zweifel einschlichen und ihn bedrückten, am Glück, das ihm das Schicksal, so vermutete er, zum Geschenk machen würde, Gefallen. Er verbrachte nur noch eine Nacht im Institut: den Abend vor seinem Treffen mit Señor Santiesteban, der gleichzeitig auch der seiner Abreise war. Er hatte sich tatsächlich entschlossen abzuwarten, bis der Unterricht und die Prüfungen zu Ende waren, um sein Experiment auszuführen, und er nahm an, dass das geeignetste Datum jenes seiner Abreise war, und zwar aus folgendem Grund: Wenn ihm etwas … Transzendentales zustoßen sollte, würde ihn niemand vermissen, und daher würden auch keine vielleicht komplizierten und heiklen Nachforschungen angestellt, da ihn alle, Mr Bayo eingeschlossen, in London wähnten und seine Abwesenheit niemandem seltsam vorkommen würde. Und obwohl an diesem Tag zwischen acht und halb zehn die alljährliche Theatervorstellung stattfand, die die Schüler des Zentrums traditionsgemäß aufführten, um das Ende des Schuljahres zu feiern, und er sich deshalb an diesem Samstag alles andere als allein im Gebäude befinden würde, dachte er, dass ihm dieser Umstand in Wahrheit nur zugutekommen würde (niemand würde ihn stören, denn um Viertel vor neun wären Eltern, Lehrer, Schüler und Putzfrauen im Festsaal versammelt, und außerdem wäre für den Fall, dass er überrascht würde, seine Anwesenheit während dieser Stunden im Institut mehr als gerechtfertigt), und er bekräftigte aufs Neue seinen Entschluss. Nichts überließ er dem Zufall: Ohne Schwierigkeiten erfand er einen Vorwand, damit ihm Mr Bayo in irgendeinem Moment den Schlüssel für sein Arbeitszimmer gab und er einen Nachschlüssel anfertigen lassen konnte; er stellte seine Uhr exakt ein wie die des Instituts und vergewisserte sich, dass weder die eine noch die andere vor- oder nachging; und wie vorhin schon gesagt, übte er die ganze Nacht vor dem nämlichen Datum, bis ihm eine in jeder Hinsicht vollkommene Imitation gelang.
Und es kam der Tag. Lilburn traf kurz vor acht ein und erntete viel Lob, weil er ins Institut gekommen war, um sich die Theateraufführung anzuschauen, obwohl sein Flugzeug in der selben Nacht um halb zwölf startete. Er nützte diesen Umstand, um darauf aufmerksam zu machen, dass er genau aus diesem Grund gezwungen sei, er bedauerte das sehr, in der Mitte der Aufführung zu gehen, und er fügte hinzu, dass er trotzdem sehr froh sei, vor seiner Abreise zumindest in den Genuss eines Teils der Aufführung zu kommen. Kurz bevor diese begann, verabschiedete er sich von seinen Kollegen und Mr Bayo, zu dem er sagte: »Sie werden von mir hören.«
Die Schüler führten in diesem Jahr eine gekürzte Fassung von Julius Caesar auf. Sowohl die Darstellung als auch die englische Aussprache waren entsetzlich, aber Lilburn, ganz in Gedanken versunken, nahm davon kaum Notiz. Exakt um zweiundzwanzig Minuten vor neun, zu Beginn des dritten Akts, stand er auf und verließ, bestrebt, keinen Lärm zu machen, den Festsaal, um in den ersten Stock zu gehen. Er sperrte mit seinem Schlüssel die Tür von Mr Bayos Arbeitszimmer auf und ging hinein.
Dort wartete er noch zwei Minuten und schließlich, als seine Uhr genau acht Uhr fünfundvierzig Minuten anzeigte, und man in der Ferne eine Kinderstimme hörte, die sprach »I know not, gentlemen, what you intend, who else must be let blood, who else is rank«, riss der junge Derek Lilburn ruckartig die Tür auf, dass die Scheiben klirrten, machte sieben entschlossene Schritte bis zur Korktafel vis à vis und befestigte dort mit einem Reißnagel ein Blatt gewöhnliches Papier, machte eine halbe Drehung, im Anschluss daran acht Schritte in die entgegengesetzte Richtung, betrat schließlich wieder das Arbeitszimmer und machte die Tür leise hinter sich zu.
Während des Sommers verlor der alte Fabián Jaunedes sein Augenlicht endgültig, und Mr Bayo und dem Direktor des Instituts blieb keine andere Wahl, als einen neuen Pförtner einzustellen. Als dieser sich am 1. September im Zentrum vorstellte, um seinen Dienst anzutreten, setzte ihn Mr Bayo von Señor Santiesteban und dessen Abschiedsgesuch in Kenntnis. Wie üblich, und in dieser Angelegenheit außerdem besorgt, dass der Neue erschrecken und kündigen könnte, war er bestrebt, ihr keine Bedeutung beizumessen und möglichst wenig auf Details einzugehen. Der neue Angestellte, der, außer dass er über die besten Referenzen verfügte, ein Mann mit sehr guten Manieren, der wusste, was sich gehörte, war, beschränkte sich darauf, respektvoll mit dem Kopf zu nicken und Mr Bayo zu versichern, dass er nicht einen einzigen Morgen versäumen würde, das Schreiben von der Korktafel abzunehmen. Der alte Geschichtslehrer atmete erleichtert auf und fand bei sich, die Inanspruchnahme der Dienste dieses Mannes sei ein Glücksfall. Daher war seine Überraschung riesig, als der neue Pförtner am nächsten Morgen sein Arbeitszimmer betrat und zu ihm sagte:
»Ich habe Ihren Auftrag, den Brief von der Korktafel herunterzunehmen, ausgeführt, Señor, aber ich wollte Ihnen sagen, dass die Information, die Sie mir gestern gegeben haben, nicht korrekt war. Gestern Nacht habe ich tatsächlich gehört, wie die Tür aufgemacht wurde sowie noch einige Schritte, aber ich habe auch ganz deutlich die Stimmen von zwei Personen gehört, die sich angeregt unterhielten. Und heute Morgen nahm ich das Schreiben, das Sie erwähnt haben, herunter. Aus Neugierde, die Sie mir hoffentlich verzeihen werden, habe ich es gelesen, und ich muss Ihnen außerdem sagen, dass es nicht nur nicht von einer Person, wie Sie mir gestern zu verstehen gaben, geschrieben ist, sondern dass es von zwei unterschrieben wurde … Bitte, sehen Sie selbst.«
Mr Bayo nahm den Brief und las ihn. Und während er das tat, nahm sein Gesicht den Ausdruck eines Meisters an, der eines Tages unverhofft feststellt, dass sein Schüler über ihn hinausgewachsen ist, und der sich, heimgesucht von einer eigenartigen Mischung aus Neid, Stolz und Angst, nur noch verwirrt die Frage stellen kann, ob er von dem, der von nun an das Regiment ausübt, in Zukunft gedemütigt oder erhoben werden wird.
(1975)[1]
[1]
Die Jahreszahlen beziehen sich auf das Entstehungsjahr
Bis zu meinem dreißigsten Lebensjahr lebte ich still und rechtschaffen und im Einklang mit meiner eigenen Biographie, und mir war nie die Vorstellung gekommen, dass in Vergessenheit geratene Figuren der Lektüre aus meiner Jugendzeit in meinem Leben auftauchen könnten, nicht einmal in dem der anderen. Natürlich hatte ich von vorübergehenden Identitätskrisen gehört, die in der Jugend entdeckte Namensgleichheiten auslösen können (zum Beispiel litt mein Freund Rafa Zarza unter Selbstzweifeln, nachdem ihm ein anderer Rafa Zarza vorgestellt worden war). Aber ich hatte weder erwartet, mich in einen blutleeren William Wilson, noch in ein entdramatisiertes Bild von Dorian Gray, noch in einen Jekyll, dessen Hyde nichts weiter als ein anderer Jekyll wäre, zu verwandeln.
Er hieß Xavier de Gualta, war Katalane, wie sein Name sagt, und arbeitete in der barcelonesischen Niederlassung des Unternehmens, bei dem auch ich arbeitete. Der Rang seiner Position (gehoben) war meinem in der Hauptstadt ähnlich, und wir lernten uns in Madrid anlässlich eines Abendessens kennen, das geschäftlicher Natur und gleichzeitig ein gemütliches Beisammensein war, der Grund, weshalb wir in Begleitung unserer jeweiligen Ehefrauen dort waren. Unsere Namen stimmten nur im ersten Teil überein (ich heiße Javier Santín), aber dafür war die Übereinstimmung in allem Übrigen vollkommen. Ich erinnere mich noch an das verblüffte Gesicht von Gualta (das zweifelsohne meines war), als der Maitre, der vorausging, ihnen unseren Tisch zeigte, zur Seite trat, und als er zum ersten Mal in mein Gesicht sah. Gualta und ich waren körperlich identisch, wie Zwillinge im Kino, aber nicht nur das: Wir machten auch dieselben Bewegungen zur selben Zeit, und wir verwendeten dieselben Worte (wir nahmen uns die Worte aus dem Mund, wie es umgangssprachlich heißt), und unsere Hände griffen stets unisono simultan nach der Weinflasche (vom Rhein), oder nach der vom Mineralwasser (ohne Kohlensäure), oder an die Stirn, oder zum Löffelchen von der Zuckerdose, oder zum Brot, oder stachen mit der Gabel auf den Boden des Fondues. Es war schwierig, nicht zusammenzustoßen. Es war, als würden unsere äußerlich identischen Köpfe auch zur selben Zeit dasselbe denken. Es war, als speise man vor einem Körper gewordenen Spiegel. Überflüssig zu erwähnen, dass wir in allem übereinstimmten, und dass – obwohl ich bestrebt war, nicht viel von ihm zu erfahren, so groß waren mein Ekel und mein Entsetzen – unsere Lebenswege, sowohl beruflich als auch privat, ganz gleich verlaufen waren. Diese außergewöhnliche Ähnlichkeit wurde natürlich von unseren Ehefrauen und von uns bemerkt und kommentiert (»Das ist außergewöhnlich«, sagten sie. »Ja, das ist außergewöhnlich«, sagten wir), aber da uns allen vieren, aufgrund dieser so überaus außergewöhnlichen Situation leicht verkrampft, bewusst war, dass an diesem Abend das Unternehmen, das uns zusammengeführt hatte, im Mittelpunkt des Interesses stand, übergingen wir nach anfänglichem Staunen den bemerkenswerten Umstand und taten, als sei alles normal. Wir widmeten uns eher dem geschäftlichen als dem gemütlichen Beisammensein. Das Einzige, worin wir nicht übereinstimmten, waren unsere Frauen (aber in Wirklichkeit sind sie kein Teil von uns, wie wir keiner von ihnen). Meine ist ein Superweib, wenn mir dieser Gemeinplatz gestattet ist, während die von Gualta, ein Mädchen aus gutem Haus, dagegen nichts als ein vorübergehend herausgeputztes und vom Erfolg ihres tollen Ehegatten aufgekratztes Mauerblümchen war.
Das Schlimme war aber nicht die Ähnlichkeit als solche (es gab Schlimmeres). Ich hatte mich, bis zu diesem Zeitpunkt, noch nie selbst gesehen. Ich möchte sagen, dass uns ein Foto bewegungslos macht und wir uns im Spiegel immer verkehrt sehen (ich trage zum Beispiel den Scheitel rechts wie Cary Grant, aber im Spiegel bin ich ein Individuum mit einem Linksscheitel, wie Clark Gable); und ich hatte mich auch noch nie im Fernsehen oder auf Video gesehen, da ich weder berühmt bin, noch jemals eine Leidenschaft für Filmkameras hatte. In Gualta sah ich mich deshalb zum ersten Mal sprechen, mich bewegen, Gesten machen, Pausen machen, lachen, im Profil, mir mit einer Serviette den Mund abwischen und mir die Nase reiben. Es war meine erste und vollkommene Personifizierung, etwas, woran sich nur jene erfreuen können, die berühmt sind oder Video haben, um damit zu spielen.
Und ich verabscheute mich. Das heißt, ich verabscheute Gualta, der mit mir identisch war. Dieses geschniegelte katalanische Subjekt fand ich nicht nur nicht gutaussehend (obwohl meine Frau – die ein steiler Zahn ist – mir später zu Hause sagte, dass sie ihn attraktiv fand, ich nehme an, um mir zu schmeicheln), sondern affektiert, maßlos übertrieben, ungerecht in seinem Urteil, gekünstelt in seinen Manieren, eingebildet auf seine Ausstrahlung (die Ausstrahlung eines Geschäftsmannes natürlich), menschenverachtend rechtsgerichtet in seinen Meinungen (beide wählten wir natürlich dieselbe Partei), aufgeblasen in seiner Sprache und skrupellos bei seinen Geschäften. Wir waren sogar Anhänger der konservativsten Fußballmannschaften in unseren jeweiligen Städten: er von Español, ich von Atletico. In Gualta sah ich mich, und in Gualta sah ich ein lästiges Subjekt, das zu allem fähig war, jemanden, der es nicht wert war, überhaupt gelebt zu haben. Wie ich bereits gesagt habe, ich hasste mich einfach.
Und es war seit dieser Nacht, dass ich – ohne sogar meine Frau in meine Absichten eingeweiht zu haben – damit begann, mich zu verändern. Ich hatte nicht nur entdeckt, dass in der Stadt Barcelona ein Wesen existierte, das gleich wie ich war und das ich verabscheute, sondern dass ich außerdem befürchtete, dass jenes Wesen in allen und jedem einzelnen der Lebensbereiche und während aller und jedem der einzelnen Augenblicke des Tages ganz dasselbe denken, tun und sagen könnte wie ich. Ich wusste, dass wir die selben Bürozeiten hatten, dass er – ohne Kinder – nur mit seiner Frau, so wie ich, lebte. Nichts hinderte ihn daran, dasselbe Leben wie ich zu führen. Und ich dachte, »Alles, was ich tue, jeden Schritt, den ich mache, jede Hand, die ich reiche, jeden Satz, den ich sage, jeden Brief, den ich diktiere, jeden Gedanken, den ich habe, jeden Kuss, den ich meiner Frau gebe, macht, reicht, sagt, diktiert, hat, gibt Gualta seiner Frau. Das darf nicht sein.«
Ich wusste nach diesem widrigen Zusammentreffen, dass wir uns in vier Monaten, beim großen Fest des fünften Jahrestages der Gründung des Unternehmens – amerikanische Filiale – in unserem Land, wiedersehen würden. Während dieser Zeit nun widmete ich mich der Aufgabe, mein Äußeres zu verändern: Ich ließ mir einen Schnurrbart wachsen, der sich Zeit ließ zu sprießen; ich begann damit, nicht immer eine Krawatte zu tragen, und ersetzte sie – das schon – mit eleganten Halstüchern; ich begann zu rauchen (englischen Tabak); und außerdem getraute ich mich, meine Geheimratsecken mit einer dezenten japanischen Haartransplantation auffüllen zu lassen (Koketterie und Unmännlichkeit, die sich weder Gualta noch mein früheres Ich jemals erlaubt hätten). Was meine Manieren anbelangt, so sprach ich lauter, ich vermied Ausdrücke wie »Konstellation der Zinssätze«, oder »Dynamik von Tafelgeschäften«, die Gualta und ich so sehr liebten; ich hörte damit auf, den Damen beim Abendessen Wein nachzuschenken, ich hörte damit auf, ihnen in den Mantel zu helfen; von Zeit zu Zeit fluchte ich.
Vier Monate später traf ich beim barcelonesischen Fest einen Gualta mit einem mickrigen Schnurrbart, der volleres Haar zu haben schien als in meiner Erinnerung; er rauchte eine JPS nach der anderen und trug keine Krawatte, sondern eine Fliege; er schlug sich beim Lachen auf die Schenkel, fuchtelte mit seinen Ellenbogen herum und sagte häufig: »Herrgott Sakrament«. Aber er war mir immer noch gleich verhasst wie früher. An diesem Abend trug auch ich eine Fliege.
Seit damals kannte der Veränderungsprozess meiner verabscheuenswerten Person keine Grenzen mehr. Mit Absicht suchte ich all jene Dinge, die ein so affektierter, verweichlichter, angepasster und pedantischer Typ wie Gualta (auch fromm) niemals hätte tun können, alles zu Zeiten und an Orten, von denen es in höchstem Grade unwahrscheinlich war anzunehmen, dass sich Gualta in Barcelona zu denselben Zeiten und an denselben Orten denselben Ausschweifungen hingeben würde wie ich. Ich fing an, später ins Büro zu kommen und es früher zu verlassen, meinen Sekretärinnen Grobheiten zu sagen, wegen jeder Kleinigkeit einen Wutanfall zu bekommen, das Personal, das mir unterstellt war, häufig zu beschimpfen, und sogar kleine, unbedeutende Fehler zu machen, die ein Mann wie Gualta dennoch niemals gemacht hätte, so vorsichtig und perfektionistisch wie er war. So viel zu meiner Arbeit. Was meine Frau betrifft, der ich immer treu war und die ich über alle Maßen verehrte (bis in die Dreißiger), gelang es mir mit List, sie nach und nach nicht nur davon zu überzeugen, dass wir unversehens und an dafür ungeeigneten Orten kopulierten (»Das traut sich Gualta sicher nicht«, dachte ich, als wir eines Nachts auf dem Dach eines Kiosks in der Calle Principe de Vergara – in aller Eile – den Beischlaf ausübten), sondern dass wir uns auf sexuelle Abweichungen einließen, die wir nur wenige Monate früher als sexuelle Qualen und sexuelle Grausamkeiten empfunden hätten, wenn wir den wenig wahrscheinlichen Fall annehmen, dass wir (über Dritte) davon gehört hätten. Wir haben Akte wider die Natur vollzogen, diese Schönheit und ich.
Nach weiteren drei Monaten wartete ich ungeduldig auf ein neuerliches Treffen mit Gualta, sicher, wie ich mir war, dass er sich jetzt stark von mir unterscheiden würde. Aber diese Gelegenheit kam nicht gleich, und so entschloss ich mich, für ein Wochenende, auf eigene Kosten und auf eigene Faust, nach Barcelona zu fahren, in der Absicht, das Eingangstor seines Hauses zu beobachten und mich von den möglicherweise stattgefundenen Veränderungen – wenigstens aus der Ferne – zu überzeugen. Oder, besser gesagt, um die Wirksamkeit der an mir selbst vorgenommenen Veränderungen zu überprüfen.
Achtzehn Stunden lang (verteilt zwischen Samstag und Sonntag) hatte ich mich in einem Cafe, von dem aus man das Haus von Gualta sehen konnte, verkrochen und wartete darauf, dass er herauskommen würde. Aber er tauchte nicht auf, und erst als ich mir nicht mehr sicher war, ob ich am Boden zerstört nach Madrid zurückfahren oder in die Wohnung hinaufgehen sollte, obwohl mich das verraten hätte, sah ich das Mauerblümchen aus dem Haustor kommen. Sie war mit einer gewissen Nachlässigkeit gekleidet, als ob der Erfolg ihres Ehemannes nicht mehr ausreichte, um sie künstlich zu verschönern, oder als ob die Wirkung nicht bis zum Wochenende hielt. Dennoch bot sich mir, als sie im Licht des dunklen Mondes, der mich verbarg, vorbeiging, der Anblick einer sehr viel begehrenswerteren Frau als der, der ich beim Abendempfang in Madrid und auf dem Fest in Barcelona begegnet war. Der Grund dafür war sehr einfach und genügte mir, um zu verstehen, dass meine Originalität weder ausreichend noch meine Maßnahmen effizient genug gewesen waren: An ihrem Gesichtsausdruck erkannte ich eine geile und sexbesessene Frau. Bei allem Unterschied hatte sie den gleichen leicht schielenden (so verführerisch) aufregenden und bedrohlich amutenden Blick wie mein Superweib.
Ich kehrte nach Madrid zurück, überzeugt davon, dass wenn Gualta das ganze Wochenende lang sein Haus nicht verlassen hatte, dieser Umstand darauf zurückzuführen war, dass er an jenem Wochenende nach Madrid gefahren war und in La Orovata, dem Cafe vis à vis von meinem Haus, stundenlang auf der Lauer gelegen und mein mögliches Herauskommen beobachtet hatte, welches nicht erfolgte, da ich in Barcelona auf das seine wartete, das nicht erfolgte, weil er in Madrid auf meines wartete. Es gab keinen Ausweg.
