Alleine bist du nie - Clare Mackintosh - E-Book

Alleine bist du nie E-Book

Clare Mackintosh

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Beschreibung

Zoe Walker führt ein komplett durchschnittliches Leben in einem Londoner Vorort: Sie ist geschieden, hat zwei Kinder und einen langweiligen Job. Eines Tages entdeckt sie auf dem sonst so ereignislosen Heimweg ein Foto von sich in der U-Bahn, daneben eine ihr unbekannte Telefonnummer. Bloß eine harmlose Verwechslung? Zoe ahnt, dass es hier um mehr gehen muss. Doch noch weiß sie nicht, in welcher Gefahr sie schwebt - und wie bald sie alles zu verlieren droht, was sie liebt ...

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Cover

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Zitat

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Epilog

Danksagung

Über die Autorin

Clare Mackintosh arbeitete zwölf Jahre bei der britischen Polizei und brachte es bis zum CID. Während ihrer Elternzeit sehnte sie sich nach neuen beruflichen Herausforderungen und begann eine erfolgreiche Karriere als freie Journalistin, u.a. für den Guardian. Außerdem gründete sie 2012 das Chipping Norton Literaturfestival, das nur wenige Jahre nach seiner Gründung Besuchermassen anzieht. Zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in den Cotswolds. Ihr erster Roman MEINE SEELESOKALT war 2015 das erfolgreichste Thrillerdebüt in Großbritannien.

Clare Mackintosh

ALLEINE BISTDU NIE

Psychothriller

Aus dem britischen Englisch vonSabine Schilasky

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Deutsche Erstausgabe

Für die Originalausgabe:Copyright © 2016 by Clare MackintoshTitel der Originalausgabe: »I See You«First published in Great Britain in 2016 by Sphere,an imprint of Little, Brown Book Grou

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, KölnTextredaktion: Stefanie Kruschandl, HamburgTitelillustration: © getty-images/PiccellUmschlaggestaltung: Mediabureau di Stefano, Berlin

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-2966-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für meine Eltern,

Du tust jeden Tag das Gleiche.Du weißt genau, wohin du willst.Ich auch.

1

Der Mann hinter mir steht nahe genug, dass sein Atem mich feucht im Nacken trifft. Ich bewege mich wenige Zentimeter nach vorn, sodass ich gegen einen grauen Regenmantel stoße, der nach nassem Hund riecht. Es kommt einem vor, als hätte es den ganzen November noch nicht aufgehört zu regnen. Dünne Dampfschwaden steigen von den warmen, zusammengedrängten Körpern um mich herum auf. Die Kante einer Aktentasche schneidet mir in den Oberschenkel. Als die Bahn durch eine Kurve rumpelt, werde ich einzig von den Menschen um mich herum aufrecht gehalten und muss mich kurz an dem grauen Mantelrücken abstützen. In Tower Hill speit der Wagen ein Dutzend Pendler aus und schluckt weitere zwei Dutzend, die allesamt dringend nach Hause ins Wochenende wollen.

»Nutzen Sie bitte den gesamten Wagen!«, fordert eine Lautsprecheransage.

Keiner rührt sich.

Der graue Mantel vor mir ist weg, und ich rücke auf seinen Platz, wo ich endlich die Haltestange erreiche und mir nicht mehr die DNA eines Fremden in den Nacken geblasen wird. Meine Handtasche ist nach hinten gerutscht, und ich ziehe sie wieder nach vorn. Zwei japanische Touristen tragen gewaltige Rucksäcke vor ihren Bäuchen, die so viel Raum wie zwei weitere Leute einnehmen. Eine Frau auf der anderen Seite des Wagens bemerkt, dass ich zu den beiden blicke. Sie sieht mich an und zieht eine Grimasse, um ihre Solidarität zu bekunden. Ich halte den Augenkontakt nur flüchtig, bevor ich zu Boden blicke. Die Schuhe um mich herum variieren: große, blanke Herrenschuhe unter Nadelstreifenaufschlägen; bunte Damenpumps mit zehenquetschenden Spitzen. Und mittendrin eine blickdichte schwarze Feinstrumpfhose, die in grellweiße Turnschuhe mündet. Die Trägerin kann ich nicht sehen. Ich stelle sie mir aber in den Zwanzigern vor, mit einem Paar hochhackiger Ersatzschuhe in einer geräumigen Handtasche oder in einer Schublade im Büro.

Ich habe noch nie tagsüber hohe Schuhe angezogen. Schließlich war ich kaum aus meinen Clark’s-Schnürschuhen raus, als ich mit Justin schwanger wurde, und in der Kassenschlange bei Tesco oder mit einem Kleinkind auf der Straße bieten sich hohe Absätze weniger an. Mittlerweile bin ich zu alt, um mich in solche Dinger zu quälen. Eine Stunde Bahnfahrt zur Arbeit, eine Stunde zurück nach Hause, dazwischen defekte Rolltreppen, die es zu erklimmen gilt, und Buggys und Räder, die einem über die Füße rollen. Und wofür? Für acht Stunden hinter einem Schreibtisch. Da spare ich mir meine schicken Schuhe für Feiertage und Urlaub auf. Ich kleide mich freiwillig uniform: schwarze Hosen und eine Auswahl an Stretch-Tops, die nicht gebügelt werden müssen und gerade schick genug sind, um als Bürokleidung durchzugehen. In der untersten Schublade meines Schreibtisches ist eine Strickjacke für besonders geschäftige Tage, wenn dauernd die Tür aufgeht und die Wärme drinnen mit jedem potenziellen Klienten schwindet.

Die Bahn hält, und ich drängle mich hinaus. Von hier aus nehme ich die S-Bahn. Die ist zwar auch oft voll, aber ich mag sie lieber. Unter der Erde fühle ich mich einfach nicht wohl, kann nicht richtig atmen. Mein Traum wäre eine Arbeitsstelle, die ich zu Fuß erreichen kann, aber das wird ein Traum bleiben. Die einzigen lohnenden Jobs befinden sich in Zone eins, die einzigen bezahlbaren Hypotheken in Zone vier.

Ich muss auf meine Bahn warten und nehme mir eine Ausgabe der London Gazette aus dem Gestell neben dem Fahrkartenautomaten. Die Schlagzeilen sind dem Datum – Freitag, der 13. November – entsprechend düster. Die Polizei hat wieder mal einen Terroranschlag verhindert, und auf den ersten drei Seiten häufen sich Bilder von Sprengstoff, den sie in einer Wohnung in Nordlondon beschlagnahmt haben. Ich blättere durch die Fotos von bärtigen Männern, während ich zu dem Riss im Belag des Bahnsteigs gehe, wo sich die Wagentür öffnen wird. Von dieser Position aus kann ich direkt zu meinem bevorzugten Platz gelangen, bevor sich der Wagen füllt: am Ende der Reihe, wo ich mich an die Glasabtrennung lehnen kann. Der Rest des Wagens füllt sich schnell, und ich sehe zu den Leuten, die noch stehen, wobei mich eine beschämende Erleichterung überkommt, weil keiner von ihnen alt oder offensichtlich schwanger ist. Trotz der flachen Schuhe tun mir die Füße weh, da ich fast den ganzen Tag an den Aktenschränken gestanden habe. Eigentlich ist die Ablage nicht meine Aufgabe. Dafür ist ein junges Mädchen eingestellt, das die Immobilien-Exposés kopiert und die Dokumente in die Ordner sortiert; aber sie ist für zwei Wochen auf Mallorca, und wie ich heute festgestellt habe, kann sie seit Wochen keine Ablage mehr gemacht haben. Ich fand Wohn- zwischen Gewerbeimmobilien, Mietverträge zwischen Verkäufen. Und ich war so blöd, es zu erwähnen.

»Dann sortieren Sie das mal lieber, Zoe«, sagte Graham. So kam es, dass ich, statt Besichtigungstermine abzusprechen, im zugigen Korridor vor Grahams Büro stand und wünschte, ich hätte den Mund gehalten. Der Job bei Hallow & Reed ist nicht schlecht. Früher war ich einen Tag pro Woche dort, um die Buchhaltung zu machen. Dann ging die Büroleiterin in den Mutterschutz, und Graham bat mich einzuspringen. Ich bin Buchhalterin, keine Sekretärin, aber die Bezahlung war anständig, und da ich gerade einige Mandanten verloren hatte, ergriff ich die Chance. Mittlerweile sind drei Jahre vergangen, und ich bin immer noch dort.

Bis Canada Water hat sich die Bahn merklich geleert, und die einzigen Leute, die noch stehen, tun es freiwillig. Der Mann neben mir sitzt so breitbeinig da, dass ich meine Beine zur Seite lehnen muss, und als ich zur gegenüberliegenden Reihe sehe, bemerke ich, dass zwei andere Männer genauso sitzen. Machen die das mit Absicht? Oder ist es eine Art angeborener Drang, sich größer als andere zu machen? Die Frau direkt vor mir bewegt ihre Einkaufstasche, und ich höre das unverkennbare Klimpern von Flaschen. Wein vermutlich. Ich hoffe, Simon hat nicht vergessen, Wein in den Kühlschrank zu stellen. Es war eine lange Woche, und ich möchte mich nur noch aufs Sofa legen und fernsehen.

In der London Gazette bin ich auf einer Seite angekommen, auf der sich ein früherer X-Factor-Finalist über den »Stress des Berühmtseins«, beklagt, gefolgt von einer Diskussion über den gesetzlichen Schutz der Privatsphäre, die einen Großteil der Seite einnimmt. Ich lese, ohne den Text richtig aufzunehmen. Vielmehr sehe ich die Bilder an und überfliege die Schlagzeilen, um zumindest halbwegs auf dem Laufenden zu sein. Ich erinnere mich nicht, wann ich das letzte Mal eine Zeitung von vorn bis hinten gelesen oder die Nachrichten von Anfang bis Ende gesehen habe. Meistens sehe ich morgens Bruchstücke von Sky News beim Frühstück oder lese die Schlagzeilen bei anderen mit.

Der Zug hält zwischen Sydenham und Crystal Palace. Von weiter vorn im Wagen höre ich ein frustriertes Stöhnen, aber ich sehe nicht nach, von wem es kommt. Es ist schon dunkel, und als ich zum Fenster blicke, ist da nur mein Spiegelbild, blass und verzerrt vom Regen. Ich nehme meine Brille ab und reibe die Druckstellen an meiner Nase. Aus den Lautsprechern erklingt eine solch verknackste und verrauschte Ansage, die überdies mit einem derart starken Akzent durchgegeben wird, dass unklar ist, was gesagt wurde. Es könnte alles sein – von einem Signalausfall bis hin zu einer Leiche auf den Gleisen.

Ich hoffe, dass es keine Leiche ist, und denke an mein Glas Wein und Simon, der mir die Füße massiert. Prompt bekomme ich ein schlechtes Gewissen, weil mein erster Gedanke meinem eigenen Wohl gilt und nicht irgendeinem verzweifelten Selbstmörder. Nein, sicher ist es keine Leiche. Leichen fallen montags morgens an, nicht freitags abends, wenn die Arbeit glorreiche drei Tage entfernt ist.

Es gibt ein lautes Knirschen, dann Stille. Was immer der Verspätungsgrund ist, es wird eine Weile dauern.

»Das ist kein gutes Zeichen«, sagt der Mann neben mir.

Ich gebe ein neutrales »Hmm« von mir und blättere weiter in meiner Zeitung. Sport interessiert mich nicht, und danach kommen hauptsächlich Anzeigen und Theaterkritiken. Wenn das so weitergeht, werde ich nicht vor sieben zu Hause sein. Das heißt, dass wir eher etwas Einfaches essen werden, nicht das Brathähnchen, das ich geplant hatte. Unter der Woche kocht Simon, und ich übernehme es freitags und an den Wochenenden. Da würde er es auch machen, wenn ich ihn bitte, aber das kann ich unmöglich annehmen. Es käme mir falsch vor, wenn er uns – meine Kinder – jeden Abend bekocht. Vielleicht hole ich auf dem Weg auch ein Takeaway.

Ich überfliege den Wirtschaftsteil und sehe mir das Kreuzworträtsel an, habe jedoch keinen Stift bei mir. Also lese ich die Anzeigen, ob ich vielleicht einen Job für Katie entdecke – oder für mich, obwohl mir klar ist, dass ich Hallow&Reed niemals verlassen werde. Sie zahlen gut, und ich weiß, was ich tue, inzwischen jedenfalls. Abgesehen von meinem Boss ist der Job perfekt. Die Kunden sind größtenteils nett, normalerweise Start-ups, die Büroräume suchen, oder bereits etablierte Firmen, die sich vergrößern wollen. Viele Wohnimmobilien vermakeln wir nicht, ausgenommen die Wohnungen über den Läden für Erstkäufer und Leute, die sich verkleinern wollen oder müssen. Mir begegnen relativ viele frisch Getrennte, und manchmal, wenn mir danach ist, sage ich ihnen, dass ich weiß, was sie durchmachen.

»Wie sind Sie damit klargekommen?«, fragen die Frauen dann immer.

»Es war das Beste, was ich je getan habe«, antworte ich, denn das wollen sie hören.

Ich finde keine Jobs für eine neunzehnjährige Möchtegernschauspielerin, aber ich knicke die Ecke einer Seite ein, auf der eine Büroleiterin gesucht wird. Es schadet ja nicht zu wissen, was sich sonst noch bietet. Für einen Moment male ich mir aus, wie ich in Graham Hallows Büro spaziere, ihm meine Kündigung reiche und ihm sage, dass ich es mir eben nicht gefallen lasse, wie ein Fußabtreter behandelt zu werden. Dann sehe ich das Gehaltsangebot in der Anzeige und erinnere mich, wie mühsam ich mich in eine Position hochgearbeitet habe, von der ich tatsächlich leben kann. Und wie heißt es noch so schön? Hat man die Wahl, entscheidet man sich lieber für das Übel, das man kennt.

Auf den letzten Seiten der Gazette sind nur noch amtliche Forderungsanzeigen und Finanzwerbung. Die Kreditanzeigen meide ich absichtlich – bei diesen Zinssätzen müsste man entweder irre oder verzweifelt sein. Also sehe ich mir die Kontaktanzeigen ganz unten an.

Verheiratete Frau sucht diskrete Abwechslung.Für Bilder SMS an ANGEL 69998 schicken.

Ich rümpfe die Nase – eher über die astronomischen Preise pro SMS als über die angebotenen Dienste. Wer bin ich, dass ich verurteilen könnte, was andere Leute tun? Ich will schon weiterblättern und doch die Ergebnisse des gestrigen Fußballspiels studieren, als mir eine Anzeige direkt unter »Angel« auffällt.

Für einen Moment denke ich, dass meine Augen übermüdet sein müssen. Ich blinzle, doch das ändert nichts.

Mich beschäftigt das, was ich sehe, so sehr, dass ich gar nicht merke, wie die Bahn wieder anfährt. Weshalb ich bei dem Ruck prompt zur Seite kippe und unwillkürlich eine Hand ausstrecke, die auf dem Schenkel meines Nachbarn landet.

»Entschuldigung!«

»Schon gut, kein Problem.« Er lächelt mich an, und ich zwinge mich, das Lächeln zu erwidern. Pochenden Herzens starre ich auf die Anzeige. Sie enthält dieselben Hinweise auf die SMS-Kosten wie die anderen, und oben steht eine 0255-Nummer. Es ist auch eine Webadresse angegeben: www.findtheone.com. Finde die Eine? Aber was mich am meisten erschüttert, ist das Foto. Es ist eine Nahaufnahme vom Gesicht, aber man kann noch blondes Haar und den Ausschnitt eines schwarzen Trägertops sehen. Die Frau ist älter als die anderen, die hier ihre Waren anbieten, auch wenn das Bild viel zu körnig ist, um das Alter genau zu schätzen.

Muss ich sowieso nicht, weil ich weiß, wie alt sie ist. Vierzig.

Denn die Frau in der Anzeige bin ich.

2

Kelly Swift stand in der Mitte des Central-Line-Wagens und lehnte sich zur Seite, um die Kurvenbewegung des Zugs auszugleichen. Zwei Jugendliche – nicht älter als vierzehn oder fünfzehn – stiegen an der Bond Street zu und fluchten um die Wette. Für die außerschulischen Club-Veranstaltungen waren sie zu spät dran, und draußen war es bereits dunkel. Kelly hoffte, dass sie auf dem Heimweg waren, nicht für den Abend loszogen, denn dafür waren sie definitiv zu jung.

»Scheißpsycho!« Der Junge blickte auf und wurde verlegen, als er Kelly sah. Vermutlich hatte sie die gleiche Miene aufgesetzt wie ihre Mutter früher so oft. Die Teenager verstummten, wurden sehr rot und drehten sich weg, in Richtung der zugleitenden Türen. Tja, dachte Kelly. Wahrscheinlich war sie sogar alt genug, um die Mutter der beiden zu sein. Sie zählte von dreißig rückwärts und stellte sich vor, wie es sein musste, einen vierzehnjährigen Sohn zu haben. Mehrere ihrer alten Schuldfreundinnen hatten Kinder, die fast genauso alt waren. Auf Kellys Facebook-Seite tauchten immer wieder Fotos von stolzen Familien auf, und sie hatte sogar schon Freundschaftsanfragen von einigen der Kinder bekommen – eine todsichere Methode, um sich richtig alt zu fühlen.

Kelly bemerkte den Blick einer Frau gegenüber, die einen roten Mantel trug. Die Frau nickte ihr zu, als wolle sie ihr gratulieren, diese Wirkung auf die Jugendlichen zu haben.

Kelly erwiderte den Blick lächelnd. »Einen guten Tag gehabt?«

»Jetzt ist er besser, weil er vorbei ist«, antwortete die Frau. »Auf ins Wochenende, was?«

»Ich arbeite und habe erst am Dienstag frei.« Und selbst da nur einen Tag, dachte sie und stöhnte innerlich. Die Frau wirkte entsetzt, doch Kelly zuckte mit den Schultern. »Einer muss es ja machen, nicht?«

»Ja, ist wohl so.« Als der Zug zum Oxford Circus hin verlangsamte, schritt die Frau auf die Türen zu. »Hoffentlich wird es ruhig für Sie.«

Ein frommer Wunsch, der sich jetzt bestimmt nicht erfüllen würde. Kelly sah auf ihre Uhr. Noch neun Stationen bis Stratford: ihren Kram abliefern, dann zurück. Zu Hause gegen acht, vielleicht halb neun, und um sieben Uhr morgen früh wieder im Dienst. Sie gähnte, wobei sie sich nicht mal die Hand vor den Mund hielt, und fragte sich, ob sie etwas zu essen im Haus hatte. Kelly teilte sich ein Haus in der Nähe von Elephant and Castle mit drei Mitbewohnerinnen, deren volle Namen sie nur von den Mietschecks kannte, die monatlich zur Abholung an der Pinnwand vorne steckten. Das Wohnzimmer hatte der Vermieter ebenfalls zu einem Schlafzimmer umgebaut, um seine Einnahmen zu maximieren, sodass einzig die kleine Küche als Gemeinschaftsraum blieb. Darin fanden nur zwei Stühle Platz, aber die Arbeitszeiten ihrer Mitbewohnerinnen hatten zur Folge, dass sie manchmal tagelang keine von ihnen sah. Die Frau mit dem größten Schlafzimmer, Dawn, war Krankenschwester. Sie war jünger als Kelly, jedoch sehr viel häuslicher, und stellte ihr hin und wieder etwas Gekochtes neben die Mikrowelle, mit einem leuchtend pinken Post-it versehen: Bedien dich! Bei dem Gedanken an Essen grummelte Kellys Magen, und wieder sah sie auf die Uhr. Nachmittags war mehr los gewesen, als sie erwartet hatte; nächste Woche müsste sie einige Überstunden einlegen, sonst würde sie den Berg niemals abgearbeitet bekommen.

Eine Handvoll Geschäftsleute stieg ein. Auf den ersten Blick sahen sie mit ihren kurzen Haaren, den dunklen Anzügen und den Aktentaschen fast identisch aus. Aber der Teufel steckt im Detail, schoss es ihr durch den Kopf. Sie registrierte das ausgeblichene Nadelstreifenmuster, den Titel des Buches, das achtlos in eine Tasche gestopft war, die Brille mit dem Metallgestell, bei dem ein Bügel verbogen war, und das braune Lederarmband der Uhr, das unter einer weißen Baumwollmanschette hervorlugte. All die Eigenheiten, die sie aus einer Reihe nahezu identischer Männer heraushoben. Kelly beobachtete sie unverhohlen. Sie übte bloß, sagte sie sich, und ihr war egal, dass einer von ihnen aufsah und ihren kühlen Blick bemerkte. Eigentlich rechnete sie damit, dass er wieder wegsehen würde, doch stattdessen zwinkerte er ihr zu und lächelte selbstbewusst. Ihr Blick wanderte zu seiner linken Hand. Verheiratet. Weiß, gut gebaut, circa einen Meter neunzig groß mit dunklen Bartstoppeln an Kinn und Wangen, die vor einigen Stunden noch nicht dort gewesen sein dürften. Ein vergessenes gelbes Reinigungsetikett blitzte innen an seinem Mantel hervor. So gerade, wie er dastand, war er vermutlich früher beim Militär gewesen. Alles in allem hatte er nichts Auffälliges, dennoch würde sie ihn wiedererkennen, sollten sie sich noch einmal über den Weg laufen.

Zufrieden richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die nächsten Fahrgäste, die in Holborn zustiegen und zu den letzten freien Sitzplätzen strebten. Fast jeder hatte ein Smartphone in der Hand, war in ein Spiel vertieft, hörte Musik oder umklammerte das kleine Gerät, als sei es mit seiner Hand verwachsen. Am Ende des Wagens hielt jemand sein Telefon in die Höhe, und instinktiv wandte Kelly das Gesicht ab. Sicher ein Tourist, der Eindrücke aus der Londoner U-Bahn festhalten wollte. Die Vorstellung, als Hintergrund für die Urlaubsfotos anderer Leute zu fungieren, war allerdings schlicht zu schräg.

Bei der nächsten Bewegung spürte Kelly, wie ihre Schulter schmerzte – an der Stelle, an der sie gegen die Mauer geprallt war, als sie in Marble Arch eine Kurve zur Rolltreppe zu eng genommen hatte. Sie war Sekunden zu spät dran gewesen, und es nervte, dass sie sich ganz umsonst einen Bluterguss am Oberarm zugezogen hatte. Nächstes Mal würde sie schneller sein.

Der Zug fuhr in die Station Liverpool Street ein, wo eine Menschentraube ungeduldig auf dem Bahnsteig darauf wartete, dass die Türen aufgingen.

Kellys Puls beschleunigte sich.

Da, mitten in der Menge und halb versteckt in seiner zu großen Jeans, der Kapuzenjacke und der Baseballkappe, war Carl. Sofort zu erkennen und – so dringend sie auch nach Hause wollte – unmöglich zu ignorieren. So, wie er sich in die Menge duckte, war offensichtlich, dass er sie einen Moment früher gesehen haben musste und ebenso wenig begeistert von dieser Begegnung war. Jetzt musste sie schnell sein.

Kelly sprang aus dem Wagen, als die Türen schon zischend hinter ihr zuglitten. Zuerst dachte sie, sie hätte ihn verloren, aber dann entdeckte sie seine Baseballkappe ungefähr zehn Meter weiter vorn. Er lief nicht, bewegte sich aber zügig durch die Masse der Leute, die vom Bahnsteig nach oben gingen.

Wenn Kelly eines in den letzten zehn Jahren bei der U-Bahn gelernt hatte, dann war es, dass einen Höflichkeit keinen Schritt weiterbrachte.

»Vorsicht!«, rief sie, lief los und drängte sich zwischen zwei japanischen Touristen mit Rollkoffern durch. »Aus dem Weg!« Sie mochte ihn heute Morgen verloren und sich dabei einen blauen Fleck an der Schulter eingefangen haben, aber nochmal würde sie ihn nicht davonkommen lassen. Flüchtig dachte sie an das Abendessen, auf das sie gehofft hatte, und überschlug, dass dies hier ihren Tag um mindestens zwei Stunden verlängern dürfte. Aber es nützte ja nichts. Und sie könnte sich auf dem Heimweg noch einen Kebab besorgen.

Carl lief die Rolltreppe hinauf. Anfängerfehler, wie Kelly wusste, die stattdessen die Treppe nahm. Dort waren weniger Touristen, denen man ausweichen musste, und man war schneller, weil das ungleichmäßige Geruckel des Rolltreppenmechanismus wegfiel. Allerdings brannten ihre Muskeln, als sie auf einer Höhe mit Carl war. Er warf ihr einen Blick über die linke Schulter zu, als sie oben waren, und schwenkte nach rechts. Oh verflucht nochmal, Carl, dachte sie. Ich hätte längst Dienstschluss!

Mit einem letzten Sprint holte sie ihn ein, als er gerade über die Ticketsperre setzen wollte, packte mit der linken Hand seine Jacke und zog mit der rechten seinen Arm auf den Rücken. Carl unternahm einen halbherzigen Versuch sich loszureißen, was sie vorübergehend aus dem Gleichgewicht brachte, sodass ihre Mütze zu Boden fiel. Während sie mit Carl beschäftigt war, nahm sie aus dem Augenwinkel wahr, wie jemand die Mütze aufhob. Hoffentlich würde er nicht damit wegrennen. Sie hatte sowieso schon Stress mit der Materialstelle, weil sie neulich bei einem Gerangel ihren Schlagstock eingebüßt hatte – und sie brauchte wirklich nicht noch einen Anpfiff.

»Nicht eingehaltene Termine mit dem Bewährungshelfer«, sagte sie, wobei ihre Worte von schnappenden Atemzügen akzentuiert wurden, denn in der dicken Schutzweste fiel ihr das Luftholen schwer. Sie griff an ihren Gürtel, löste die Handschellen, legte sie Carl an und testete, ob sie richtig fest saßen. »Das war’s, Freundchen.«

3

Ich sehe dich. Aber du siehst mich nicht. Du bist in dein Buch vertieft; ein Taschenbuch mit einer jungen Frau in einem roten Kleid auf dem Cover. Ich kann den Titel nicht lesen, aber das macht nichts; die sind alle gleich. Wenn es kein Junge-trifft-Mädchen ist, ist es Junge-stalkt-Mädchen. Junge-tötet-Mädchen.

Welche Ironie!

Beim nächsten Halt nutze ich den Schwall neu Zusteigender als Vorwand, näher zu dir zu rücken. Du hältst dich an einer Schlaufe in der Mitte des Wagens fest und liest einhändig, blätterst geübt mit dem Daumen um. Wir sind uns so nahe, dass sich unsere Mäntel berühren, und ich kann die Vanille-Basis deines Parfums riechen; dieser Duft wird längst verflogen sein, wenn du von der Arbeit kommst. Manche Frauen verschwinden in der Mittagspause auf dem Klo, wo sie ihr Make-up auffrischen und sich neu Parfum aufsprühen. Du nicht. Wenn ich dich nach der Arbeit sehe, ist die dunkelgraue Schminke auf deinen Lidern zu müden Schatten unter den Augen geronnen; die Farbe auf deinen Lippen hat sich auf unzählige Tassen Kaffee übertragen.

Aber hübsch bist du, sogar nach einem langen Tag. Das will eine Menge heißen. Nicht dass es immer um Schönheit geht; manchmal sind es exotische Züge oder große Brüste oder lange Beine. Manchmal sind es Klasse und Eleganz – maßgeschneiderte dunkelblaue Hosen und hohe hellbraune Schuhe – und manchmal ist es ordinär. Nuttig sogar. Vielfalt ist wichtig. Selbst das beste Essen wird langweilig, wenn man es dauernd isst.

Deine Handtasche ist überdurchschnittlich groß. Normalerweise trägst du sie über der Schulter, aber wenn die Bahn voll ist – wie immer, wenn du unterwegs bist –, stellst du sie auf den Boden zwischen deine Beine. Sie ist ein wenig aufgeklafft, sodass ich hineinsehen kann. Ein Portemonnaie aus weichem braunen Kalbsleder mit einer vergoldeten Schließe. Eine Bürste, in deren Borsten blonde Haare verfangen sind. Eine sorgsam zusammengerollte Einkaufstasche. Ein Paar Lederhandschuhe. Zwei oder drei braune Umschläge, alle aufgerissen und mitsamt Inhalt in die Tasche gestopft: Die Post, die du nach dem Frühstück von der Fußmatte aufgesammelt und auf dem Bahnsteig durchgesehen hast, während du auf deinen ersten Zug wartetest. Ich recke den Kopf ein wenig, damit ich sehen kann, was auf dem obersten Umschlag steht.

Jetzt kenne ich also deinen Namen.

Nicht dass es eine Rolle spielt. Du und ich werden nicht die Art Beziehung haben, bei der Namen nötig sind.

Ich ziehe mein Telefon hervor und wische nach oben, um die Kamera einzuschalten. Dann drehe ich mich zu dir und zoome mit Daumen und Zeigefinger, bis nur noch dein Gesicht im Bild ist. Sollte mich irgendwer bemerken, würde derjenige bloß denken, dass ich eine Aufzeichnung von meiner Fahrt bei Instagram oder Twitter hochlade. Hashtag Selfie.

Ein leises Klicken, und du bist mein.

Als der Zug in eine Kurve geht, lässt du die Halteschlaufe los und bückst dich zu deiner Tasche, immer noch auf dein Buch konzentriert. Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, dass du meinen Blick gesehen hast und deine Sachen außer Sichtweite bringst. Aber das ist es nicht. Die Kurve bedeutet schlicht, dass wir uns deiner Station nähern.

Du genießt dieses Buch. Sonst hörst du schon viel früher auf zu lesen; wenn du ein Kapitelende erreichst, schiebst du die Postkarte zwischen die Seiten, die du als Lesezeichen benutzt. Heute liest du sogar noch, als der Zug in den Bahnhof einfährt. Sogar als du dich zu den Türen durchdrängelst, wobei du ein Dutzend Mal »Verzeihung« und »Entschuldigung«, murmelst. Du liest immer noch, als du zum Ausgang gehst, und blickst nur sehr flüchtig auf, damit du niemanden anrempelst.

Immer noch liest du.

Und immer noch beobachte ich.

4

Crystal Palace ist die Endstation. Andernfalls wäre ich vielleicht auf meinem Platz geblieben und hätte weiter die Anzeige angestarrt in der Hoffnung, ihr einen Sinn abringen zu können. So bin ich die Letzte, die aussteigt.

Der Regen ist zu einem Nieseln abgeflaut, trotzdem bin ich kaum aus dem Bahnhof, da ist die Zeitung durchgeweicht und hinterlässt Spuren von Druckerschwärze an meinen Fingern. Es ist schon dunkel, aber die Straßenlaternen sind eingeschaltet, und die Neonschilder über zig Takeaways und Handy-Läden in der Anerley Road lassen mich alles klar und deutlich sehen. Grellbunte Lichterketten baumeln zwischen den Laternenpfählen, in Vorbereitung für das große Anschalten durch einen Z-Promi am Wochenende. Für mich ist es zu mild und zu früh , um schon an Weihnachten zu denken.

Ich starre weiter auf die Anzeige, als ich nach Hause gehe, und nehme den Regen kaum wahr, der mir die Ponyfransen an die Stirn klebt. Vielleicht bin ich das gar nicht. Vielleicht habe ich eine Doppelgängerin. Ich bin wohl kaum die erste Wahl für eine Sex-Hotline: Man sollte meinen, dass sie sich eine Jüngere, Attraktivere aussuchen, keine Frau in mittleren Jahren mit zwei erwachsenen Kindern und einem kleinen Ersatzreifen um die Hüften. Fast muss ich laut lachen. Ich weiß, dass in diesem Markt alles vertreten ist, auch wenn mein Typ Frau eher in einer der Nischen gefragt sein dürfte.

Zwischen dem polnischen Supermarkt und dem Schlüsseldienst ist Melissas Café. Eines von Melissas Cafés, korrigiere ich mich. Das andere ist in einer Seitenstraße von Covent Garden, wo die Stammkunden schlauerweise vorher telefonisch ihre Mittags-Sandwiches bestellen, um nicht anstehen zu müssen, und die Touristen an der Tür zögern und überlegen, ob ein Panini die Wartezeit lohnt. Man sollte meinen, dass ein Café in Covent Garden eine Gelddruckmaschine ist, aber die hohen Mieten dort bedeuten, dass Melissa seit fünf Jahren kämpft, um in die schwarzen Zahlen zu kommen. Dieses Café hier hingegen, mit den schäbigen Wänden und den eher schlichten Leuten in der Gegend, ist eine Goldgrube. Und das seit Jahren, lange bevor Melissa übernahm und ihren Namen über der Tür anbrachte. Es ist einer dieser Geheimtipps, die man manchmal in Stadtführern sieht. , steht in dem fotokopierten Artikel, der an die Tür geklebt ist.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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