Alleine war gestern - Beatrice Meier - E-Book + Hörbuch

Alleine war gestern E-Book

Beatrice Meier

4,5
9,99 €

Beschreibung

WG mit Anfang 60 – kann das gut gehen?

Ein herrlich skurriler, anrührender Roman über fünf Anfang Sechzigjährige, die ihrem Leben noch einmal einen neuen Dreh geben wollen. Sie heißen Ricarda, Philip, Uschi, Harry und Eckart. Sie sind allesamt Anfang bis Mitte sechzig, haben keine Lust alleine zu leben und gründen eine WG. Philip war über dreißig Jahre Arzt in Afrika, sein alter Studienfreund Harry fährt immer noch Taxi, Ricarda hat Probleme mit ihrer Tochter, Uschi verkauft Wurst und gute Sprüche, und Eckart hat den Grabstein seiner Frau dabei. Mit all ihren Macken, Hoffnungen und dem Kopf voller Pläne raufen sie sich zusammen. Doch dann hat ausgerechnet die flotte Uschi einen Schlaganfall. Mitten in der WG ein Pflegefall? Jetzt, wo der Spaß am dritten Lebensabschnitt gerade losging? Vorbei die weinseligen Doppelkopfrunden, fortan heißt es Teamgeist, Disziplin und vor allem: Nicht den Humor verlieren. Wunden reißen auf, Ideale zerplatzen, echte Freundschaften wachsen. Und mittendrin werden Ricarda und Philip mit voller Wucht von lang vergessenen Gefühlen getroffen ...

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Seitenzahl: 296

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Inhalt

TitelMotto1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. Kapitel64. Kapitel65. Kapitel66. Kapitel67. Kapitel68. Kapitel69. Kapitel70. Kapitel71. KapitelEpilogBuchAutorImpressum

The trick is to keep breathing.

– Garbage –

1.

»Sechs Monate?!«, fragte Ricarda.

»Mindestens«, nickte der dicke Handwerker im Blaumann. Seine freundlichen Augen wanderten über die weiß lackierten Deckenbalken des Wohnzimmers. Zwei waren leicht gebogen. »Wie’s aussieht, sind bis jetzt drei Stockwerke befallen. Das wird ne Komplettsanierung.«

»Komplettsanierung?«

»Hausschwamm ist das Schlimmste, was einem Gebäude passieren kann. Eigentumswohnung?«

Ricarda nickte verzweifelt.

»Wird Sie einiges kosten.« Er vergewisserte sich, dass seine Haarsträhnen, die einmal quer vom linken zum rechten Ohr über den kahlen Kopf führten, das Glätzchen auch schön bedeckten. Seine akkurate Geste wollte nicht recht zu seinem bulligen Körper und den dicken Fingern passen, aber es schien ihm wichtig zu sein, dass die Haare gut lagen.

Ricarda blickte von der Halbglatze zum Schimmelfleck neben dem Holzbalken ihres hellen, lichtdurchfluteten Wohnzimmers. Über die Kosten hatte der Verwalter sie schon ansatzweise informiert, aber dass sie sechs Monate aus ihrer Wohnung ausziehen musste, davon hörte sie zum ersten Mal.

»Ja und wo soll ich solange hin …?«

»Na, das weiß ich auch nicht. Ich bin nur auf Schimmelflecke spezialisiert«, sagte der Mann mit der Strähnchenfrisur. Er nahm seinen Werkzeugkasten und ging zur Tür. »Ich würd Sie ja gerne bei mir unterbringen, Frollein, aber meine Frau fände das wahrscheinlich nicht so lustig.« Er reichte ihr die Hand, und mit einem charmanten Grinsen war er draußen.

Ricarda wusste nicht, worüber sie sich zuerst aufregen sollte: über den Hausschwamm, seine komplette Gleichgültigkeit oder … das Frollein.

Frollein?

Hallo?

Sie schaute zur Uhr, es war Viertel nach neun, sie war spät dran. Sie schnappte sich ihre Handtasche und warf noch einen letzten Blick in den Wandspiegel. Man sah ihr ihre einundsechzig Jahre nicht an. Ihr Gesicht war noch ziemlich knitterfrei, ihre Haare färbte sie kastanienbraun, mit Pilates und Schwimmen hielt sie sich fit. Natürlich hatten sich die Jahre in den Körper genagt. Aber Ricarda managte das weg. Und im Großen und Ganzen gelang ihr das auch. Sie beschloss, in diesem ganzen Wahnsinn zumindest das Frollein als Kompliment anzusehen.

Sie trat auf die belebte Straße. Die Morgensonne blendete. Links ragte der Dom in den Frühsommerhimmel. Sechs Monate? Mindestens. Wo sollte sie nur hin in der Zeit? Eine Weile könnte sie sich vielleicht bei Stella einquartieren. Ihre Tochter hatte für drei Monate einen Dolmetscherauftrag bei einer Firma in Granada angenommen. Oder hatte sie ihre Wohnung untervermietet?

Ricarda suchte in ihrem Handy nach Stellas Nummer. Anrufbeantworter. Sie schaute noch mal auf die Uhr, in zwanzig Minuten kam ihr erster Termin. Sie eilte die Straße entlang. Ihre Psychotherapiepraxis lag auf der anderen Domseite. Sie stieg die Stufen zur Domplatte hoch, der Wind fegte ihr unter den Rock.

Sie könnte auch Berthe fragen. Mit Berthe teilte sie sich die Praxis. Aber abends dann auch noch Zeit mit der geschwätzigen Kollegin verbringen? Nein, dann wohl doch lieber eine kleine Wohnung auf Zeit anmieten und …

»Ricarda?« Eine Männerstimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um. Der hochgewachsene Mann in weißem T-Shirt und Jeans blickte überrascht zu ihr runter. Sie brauchte eine Weile.

»Philip …?«

Es war tatsächlich Philip.

»Wo kommst du denn her?«, fragte sie.

»Ich bin wieder in Köln.« Seine klaren, grauen Augen blinzelten, er war genauso erstaunt wie sie.

»Nicht mehr in Mali?«

Er schüttelte den Kopf. Sie schauten sich einen Moment zu lange an. Dann lachte er auf.

»Na, das ist ja ’n Ding«, lachte Ricarda zurück.

Sie hatten zusammen studiert. Philip war der beste Freund ihres damaligen Freundes Herbert gewesen, den sie später geheiratet hatte. Nach dem Studium war Philip für Ärzte ohne Grenzen nach Mali gegangen. Er kam nur sporadisch nach Köln, Herbert hatte ihn zwei-, dreimal in Afrika besucht, aber über die Jahre hatten sie sich aus den Augen verloren.

Während Philip erzählte, dass er die Zelte in Mali abgebrochen habe, erkundete sie verblüfft sein Gesicht. Es war, als wäre Philip eine andere Person. Und dann auch wieder nicht. Sie hatten sich ja mal in- und auswendig gekannt. Seine feinen Züge waren mit dem Alter markanter geworden. Die Haare trug er jetzt etwas länger, der Dreitagebart gab ihm etwas Cooles, Nachlässiges. Grau war er geworden, stand ihm aber gut.

»Und du«, fragte er, »wie geht’s dir?«

»Oh, ich … Frag nicht!« Haspelig gab sie ihre Story vom Hausschwamm zum Besten. Jetzt erkundete er ihr Gesicht. Sie strich sich die Haare weg, die ihr der Wind von hinten ins Gesicht pustete, und versuchte, den Rock unten zu halten. »Sechs Monate! Stell dir vor! Wo soll ich denn solange hin? Und dann nennt der mich auch noch Frollein!«

Philip grinste. Er schaute sie schon wieder zu lange an. Sie blickte auf die Uhr.

»Philip, ich muss weiter, lass uns doch …«

»Zieh zu mir.«

»Wie bitte?«

»Du kannst zu mir ziehen, wenn du willst.«

»Ja wie? Zu dir ziehen?« Sie konnte doch nicht einfach zu einem Mann ziehen, mit dem sie irgendwann mal studiert und den sie Jahre nicht gesehen hatte.

»Es ist ne WG.«

»Wie? Ne WG …?«

WG. Die zwei Buchstaben katapultierten sie unversehens in eine Zeit, die sie wer weiß wie langenicht mehr auf dem Schirm hatte. WG, das schmeckte nach verqualmten, durchdiskutierten Nächten, verstopfter Dusche, vollen Aschenbechern, wackeligen Stühlen, Geschirrbergen in der Spüle, nicht eingehaltenem Putzplan, Rotwein aus Senfgläsern, Tränen und Lachanfällen, Prüfungsstress, Liebeskummer …

»Ja«, nickte Philip, »ein Zimmer ist noch frei.«

»Noch frei? Wie meinst du das?«

»Na frei eben!« Er lachte.

»Du bietest mir hier gerade ein Zimmer in deiner WG an?«

»Ja.«

»Ja, wie … wie genial ist das denn? Dich schickt der Himmel!«

»Sieht so aus«, grinste Philip.

Ricarda konnte das gerade alles gar nicht fassen.

Was für ein unglaublicher Zufall.

2.

Ralf war mal wieder schwierig. Philip zog ihn die Treppe hoch. Keuchend schrammelte Ralf mit seinem Bauch über die dunklen Holzstufen im blassgelb getünchten Jugendstiltreppenhaus. Nach fünf Stufen hatte Philip Erbarmen. Er hob Ralf auf den Arm und trug ihn hoch.

Ricarda … Was spielte ihm das Schicksal hier zu? Seit er zurück in Köln war, schwirrte sie ihm durch den Kopf. Er hatte sich bei ihr melden wollen, hatte den Anruf aber Tag für Tag vor sich hergeschoben. Die alte Geschichte saß ihm immer noch in den Knochen. Da reichten auch fünfunddreißig Jahre Mali nicht.

Als sie da plötzlich mitten auf der Domplatte vor ihm stand, war ihm tatsächlich kurz der Atem gestockt. Der Wind zauste an ihren Haaren. Sie hatte kleine Fältchen um die Augen, aber ihr Blick, ihr lebendiger Blick, war genau wie früher.

Sie sprach von ihrer Kollegin Berthe, bei der sie vielleicht unterkommen könnte, ihrer Tochter Stella, die vor sieben Jahren ausgezogen sei, aber ihre Wohnung wohl untervermietet habe, vom Hausschwamm, vom Handwerker … Sie wirkte gefasst, aber in ihr herrschte ein einziges Chaos. Das wusste er. Schon damals musste bei Ricarda alles nach Plan laufen. Und wenn etwas nicht nach Plan lief, sorgte sie dafür, dass es ganz schnell wieder nach Plan lief.

»Zieh zu mir … Mensch Ralf, hab ich tatsächlich zieh zu mir gesagt?« Ralf hob müde den Kopf. Das Flurlicht ging aus, Philip drückte erneut den Schalter und stieg die letzte Etage hoch.

Die Wohnung seiner Mutter lag im dritten Stock. Elfriede Kreuzer war vor drei Wochen gestorben. Mit neunzig Jahren. Als der Anruf kam, war Philip mitten in einer OP. Es war seine letzte Operation im Busch. Drei Monate zuvor hatte er den Entschluss gefasst, nach Deutschland zurückzukehren, um sich um seine Mutter zu kümmern. Und nun war sie gestorben. Einfach so. Drei Tage bevor er heimgekommen ist. Wie sagte sein alter Freund Harry so treffend, als er ihm kondolierte? »Da sterben die Leute so planlos vor sich hin.«

Was blieb, war, einen Sarg auszusuchen, Mutters Bekannte ausfindig zu machen und zur Beerdigung einzuladen, die Papiere auseinanderzuklamüsern, die Verwaltungsgänge hinter sich zu bringen.

Und Ralf. Mutters geliebter Dackel, mit dem er gerade eine Runde um den Block gedreht hatte und den er jetzt unterm Arm geklemmt die Stufen hochtrug.

Philip mochte den Hund. Aber irgendwie auch nicht. Dieser dicke braune Langhaardackel mit den treuen Augen hatte mehr Zeit mit seiner Mutter verbracht als er. Er war da, als es ihr von Tag zu Tag schlechter gegangen war. Er war da, als sie für immer einschlief. Ralf – das personifizierte schlechte Gewissen auf vier Beinen. Auf vier viel zu kurzen Beinen.

Die Holzstufen knarzten. Philips Herz schlug einen Takt schneller. Nicht nur wegen der drei Etagen.

Er konnte immer noch nicht glauben, mit welcher Geistesgegenwart er reagiert hatte. Als Ricarda von ihrem Wohnungsproblem zu erzählen begann, hatten sich irgendwelche magischen Schalter in seinem Kopf umgelegt, und seine Stimme hatte wie von selbst gesagt, sie solle zu ihm ziehen. Kaum ausgesprochen, hatte er es bereut und gedacht: Was redest du denn da? Als sie dann zwar spontan zurückgewichen war, aber auch nicht schreiend die Flucht ergriffen hatte, hatte seine Stimme forsch hinterhergeschoben, dass es sich um eine WG handle. Ricarda hatte gestutzt und überlegt und schließlich tatsächlich gesagt, sie sei dabei. Und in ihren braungrünen Augen hatte es aufgeflimmert. Wie früher! Wie früher, wenn sie die Idee für eine Demo hatten, oder eine Aktion, um die Welt zu verändern.

Und genau das tat Philip gerade. Er veränderte die Welt. Er konnte es selbst nicht fassen.

Einziger Haken an der Aktion: Die WG war gerade mal fünfundfünfzig Minuten alt und existierte bislang nur in seinem Kopf.

Denn eigentlich war er auf dem Weg zum Immobilienmakler gewesen, um ein Appartement am Rhein zu besichtigen und die große Altbauwohnung seiner Mutter zum Verkauf anzubieten.

Philip war oben vor der Wohnungstür angekommen. Er lächelte noch mal über seine kleine Spontanlüge. Eigentlich war das nicht ganz okay, aber egal, Hauptsache das Ergebnis stimmte. Er setzte Ralf ab. Zum Dank strullte ihm der auf die Fußmatte. »Fühlen Sie sich wie zu Hause« stand dadrauf.

Na bitte. Passt ja.

Ralf schaute kurz hoch. Und wieder weg. Wie Hunde eben so gucken, wenn sie was gemacht haben, was irgendwie nicht ganz okay war.

Philip schloss die Tür auf und ging in die Wohnung. Die vollgepinkelte Matte musste warten. Jetzt brauchte er erst mal ein paar Mitbewohner.

3.

Timmi stellte sich gut an. Er friemelte das trockene Gras in das dünne Zigarettenpapier, leckte vorsichtig den Klebestreifen ab und klebte die Tüte zu. Liebevoll beobachtete Harry seinen Enkel, während er seine vom Kaffee vergilbte Peace-Tasse, zwei Teller und die olle Teekanne seiner Mutter in den Umzugskarton packte. Timmi wird mir fehlen, dachte er. Das war aber auch alles. Er strich sich mit der Hand über das schüttere Haupthaar zum grauen Zopf und ließ seinen Blick durch die spärlich eingerichtete Einliegerwohnung schweifen, die seine Tochter ihm im Souterrain ihres Hauses eingerichtet hatte. Schwarze Ledergarnitur mit Beistelltisch, ein Regal, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen; hinter dem Fernseher führte eine Terrassentür nach draußen. Sonst war der weiß gekachelte Wohnraum leer.

Seit sein alter Kumpel Philip ihn vor zwei Monaten angerufen hatte, um zu fragen, ob er »spontan« Lust auf eine WG habe, hatte Harry spontan Lust auf eine WG.

Zuerst hatte er gesagt: »Boah Phil, sind wir nicht aus dem Alter raus?« Aber dann war sein Blick in den Garten gefallen, wo Micha, der neue Lover seiner Tochter, zwischen den Tomatenstauden rumhampelte.

»Okay. Wann?«, hatte er gefragt. Er wollte nicht mal wissen, wer noch dabei sei. Hauptsache, raus hier.

Harry nahm Timmi den Joint aus der Hand, rollte ihn kritisch zwischen seinen rissigen, rauen Fingern und nickte. »Gut gemacht, Compañero«, raunte er im Westernton und wuschelte durch Timmis dunkles, fluffiges Haar. Timmi lächelte stolz seine Schneidezahnlücke frei.

Die Gartentür flog auf. Die beiden Cowboys blickten zur Tür. Ein Mann näherte sich ihrem Saloon. Das Tageslicht blendete. Harry kniff die Augen zusammen. Die Silhouette von Micha stand schmal im Türrahmen. Vor sechs Monaten hatte seine Tochter den Soziologen kennengelernt, vor drei Monaten war er in Brittas Reihenhäuschen eingezogen. Nägel mit Köpfen.

Für Harry war Micha der Sargnagel. Denn mit Micha war für Harry in der Einliegerwohnung Schluss mit Peace. Und wenn Harry eins nicht vertrug, dann war es jede Art von Bevormundung. Und wenn er etwas noch weniger vertrug, dann war es Bevormundung, die mit weicher Weltverbessererstimme rüberkam.

»Timmi ist sechs«, sagte die Weltverbessererstimme weich.

»Siehste mal. Früh übt sich«, nickte Harry und nahm seinen Taxischlüssel. Lieber Leute durch die Gegend kutschieren, als mit einem schmalschultrigen Soziologen über Kindererziehung zu diskutieren. In der Tür stieß er mit Britta zusammen, die Klein Timmi mit Oppas Joint am Tisch hocken sah.

»Papa, das geht echt zu weit!«

»Kommt runter«, brummte Harry, während er durch den kleinen Ökogarten zum Taxi ging, »morgen seid ihr mich ja los.«

4.

»Meinst du nicht, es wäre besser, Harry mit seiner Prostata nah am Klo zu haben, also das erste Zimmer links?«, fragte Philip über Freisprech und riss den Klebestreifen vom Umzugskarton. Seine Stimme hallte von den kargen Wänden wider. Bis auf einige Stücke wie den Ohrensessel seiner Mutter und den Schreibtisch seines Vaters hatte er die Wohnung komplett räumen und renovieren lassen. Das Zimmer roch noch nach frischer Farbe. Das ausgeleierte »Ärzte ohne Grenzen«-Shirt schlabberte ihm über der Jeans.

Seit zehn Minuten telefonierte er mit Ricarda, um über die letzten Punkte zu sprechen, bevor es morgen endlich losging.

»Links? Da wird er sich freuen!« Es raschelte in der Leitung. Ricarda hatte ihr Handy offensichtlich an der Schulter eingeklemmt. Philip hörte das quietschende Abrollen eines Paketklebestreifens.

»Hauptsache links!«, imitierte Ricarda kehlig Harrys Stimme. Philip musste grinsen. Ricarda und Harry hatten sich schon während des Studiums immer gekebbelt.

»Du und Harry, da bin ich ja echt noch mal gespannt.« Philip nahm die geschnitzte Frauenfigur, die ihm der Dorfälteste zum Abschied geschenkt hatte, aus seinem Karton und stellte sie auf den alten Eichenschreibtisch.

»Ich auch!« Ricarda holte noch mal tief Luft.

Ein fürchterliches Scheppern knallte gegen Philips Trommelfell. Er riss sich den Ohrstöpsel raus. »Scheiße!«, tönte es metallen aus dem kleinen Kopfhörer. Er setzte sich das Ding wieder ein. Es raschelte und knirschte.

»Alles klar?«, fragte er vorsichtig.

»Sag mal«, kam es zögerlich aus der Leitung, »das alte Service von deiner Mutter, hast du das zufällig doch noch nicht weggegeb…«

»Ric. Es ist alles weg. Du wolltest die komplette Haushaltsauflösung.«

»Aah …«

»Bei fünf Leuten wird es bestimmt nicht an einem Service mangeln.«

»Hm …«

Philip hörte, wie die Porzellanscherben über die nackten Fliesen schrappten. Er lächelte. Ricarda und ihr Organisationswahn. Zerschellt auf dem Boden der Tatsachen. Das musste wehtun. Er sah sie vor sich, wie sie missmutig das zerbrochene Geschirr mit dem Fuß zusammenschob.

Philip ließ sich in den buntgeblümten Ohrensessel fallen, fuhr mit den Händen über die abgewetzten Satin-Armlehnen und schaute über den Flur ins leere Zimmer gegenüber.

»Ich freu mich«, sagte er sanft.

»Ich mich auch.«

Er hörte, dass sie lächelte.

5.

Ricarda schob noch eine halbe Tasse zum Scherbenhaufen. Eigentlich hatte sie das Service schon länger nicht mehr gemocht. Aber trotzdem. Den Kartonboden nicht zusammenstecken! Wie blöd war das denn? Im Flur stapelten sich beruhigend die bereits gepackten säuberlich beschrifteten Kartons. Morgen war der Umzug, und in der Woche drauf startete die Komplettsanierung des Hauses.

»Ich freu mich.« Wie er das gesagt hatte. Ricarda holte den Besen aus der Kammer – oje, die musste sie ja auch noch ausräumen – und kehrte die Scherben zusammen.

Es war unglaublich, was man über die Jahre alles in einer Wohnung ansammeln konnte. Vor vier Wochen hatte sie entschieden, nicht nur übergangsweise, sondern komplett und definitiv in die WG zu ziehen. Seit Herbert vor fünf Jahren völlig überraschend und furchtbar schnell an Krebs gestorben war, fühlte sich die 120-qm-Wohnung eh viel zu groß an.

Ricarda hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, die Wohnung zu vermieten und sich was Kleineres zu suchen, war aber aus Zeitmangel nie wirklich dazu gekommen.

Philips WG kam wie gerufen. Ironie des Schicksals. Nicht nur einmal hatten sie damals rumgesponnen, mit Philip und Herbert: Irgendwann, wenn die Kinder aus dem Haus sind, ziehen wir zusammen, rauchen Zigarren, trinken Whiskey und machen da weiter, wo wir im Studium aufgehört haben. Sie musste lächeln. Sie waren schon ein lustiges Trüppchen gewesen.

Die Wohnung selbst war ein Traum. Sie lag zentral, im Agnesviertel, in einer ruhigen Straße mit altehrwürdigen, knorrigen Platanen. Fünf große Zimmer, doppelverglaste Fenster mit Oberlichtern, hohe Decken, manche mit Stuck, Holzdielen, und von der großen Wohnküche führte ein wunderschöner steinerner Balkon nach draußen.

Auch die Mitbewohner mochte sie. Da war die burschikose Uschi, die sich ein bisschen um Philips Mutter gekümmert hatte, der pensionierte Sparkassenbeamte Eckart, der früher die Konten der Kreuzers betreut und den Philip bei der Beerdigung wiedergetroffen hatte, und Harry natürlich, Philips alter Schulfreund, der damals gepflegt für Soziologie eingeschrieben war, das Soziale aber vorzugsweise direkt in der Wirtschaft – um die Ecke! – pflegte. Er hatte sich nicht die Bohne verändert. Derselbe Krakeeler wie früher. Hart, aber herzlich. Ausschlaggebend für ihre Entscheidung war aber natürlich Philip gewesen.

Sie hatten sich noch für denselben Abend in einem Brauhaus zum Essen verabredet. Anfangs waren sie fast schüchtern gewesen. Alle beide. Als würden sie sich kaum kennen. Aber das Kölsch hatte ihre Zungen gelockert. Alte Geschichten kamen auf den Tisch, Anekdoten von der Uni, die nicht totzukriegende Story von Professor Drissen, der – wie Professor Hastig aus der Muppet Show – doch tatsächlich bei einem seiner Vorträge einmal selbst eingenickt war. Sie redeten und redeten und lachten viel. Vor allem darüber, dass sie jetzt – dank eines Hausschwamms – tatsächlich das taten, wovon sie früher mal geträumt hatten.

Denn ohne den Ärger mit dem Hausschwamm wäre Ricarda nicht wie eine Bekloppte zur Praxis gehetzt, und dann wäre sie nicht Philip über den Weg gelaufen. Sie stießen mit ihren Kölschstangen an und beglückwünschten sich noch mal gegenseitig zu diesem grandiosen Zufall. Im Kerzenlicht sah Philips Gesicht fast so jungenhaft aus wie früher. Dieselben ironisch funkelnden Augen.

Es war merkwürdig, Philip mit Falten zu sehen. Und das war es vielleicht, was anfangs diese eigenartige, winzige Distanz zwischen ihnen geschaffen hatte – keine zwischenmenschliche, aber eine, die die Zeit gegraben hatte. Wie kleine Leitplanken, die es einem unmöglich machten, über die vergangene Zeit hinwegzusehen. Die einen trotz der Vertrautheit – und die war mit aller Macht sofort wieder da! – daran erinnerten, dass man sich Jahrzehnte nicht gesehen hatte. Dass man im Grunde keine Ahnung hatte, was der andere in diesen ganzen Jahren und Monaten und Tagen erlebt hatte.

Vor zehn Jahren waren sie sich noch mal kurz über den Weg gelaufen. Weihnachten, in einer Wirtschaft in der Südstadt. Harry hatte den Abend in seinem alten Seminarraum – sprich seiner alten Stammkneipe – organisiert. Es waren bestimmt zwanzig alte Studienfreunde da gewesen.

Herbert und sie hatten eine Weile mit Philip geredet, er erzählte von seiner Krankenstation im Busch, es war hoch spannend, aber er musste schnell wieder los, er hatte seiner Mutter versprochen, mit ihr zu Abend zu essen. Als er weg war, merkte Ricarda, dass sie gerne länger mit ihm gesprochen hätte. Er fehlte irgendwie. Sie hatte vergessen, wie angenehm er war und wie sehr sie ihn mochte. Sie war vor die Kneipe getreten und hatte sich bei einem alten Kommilitonen eine Zigarette geschnorrt.

Ein paar Jahre später erkrankte Herbert dann plötzlich an Leberkrebs. Er litt fürchterlich, die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. Sie linderten seine Schmerzen, Ricarda war jeden Tag an seinem Bett, und zum Glück wurde er – wenigstens das – schnell erlöst. Binnen weniger Monate war ihr komplettes Leben umgeworfen. Sie versuchte, den Kopf oben zu halten, was ihr – wie immer – auch halbwegs gelang.

Zur Beerdigung hatte sie auch Philip eingeladen, er ließ einen wunderschönen Kranz liefern. »Meinem alten Freund« stand auf dem lindgrünen Band. Ricarda hatte damals insgeheim gehofft, dass er doch noch käme; der Spruch hatte die alten Erinnerungen – und so etwas wie Sehnsucht – in ihr geweckt. Aber er kam nicht.

Zwei Wochen später fand sie einen Brief von ihm mit bunten afrikanischen Marken im Briefkasten. Er war nicht weggekommen aus Mali, er konnte seine Krankenstation im Busch nicht so ohne Weiteres im Stich lassen. Er hatte ihr viel Kraft gewünscht.

Ricarda beugte sich runter und schob die Scherben auf die Kehrschaufel.

»Ich freu mich.« Sie murmelte seine Worte noch mal vor sich hin und lächelte. Anfangs hatte sich ein kleiner Zweifel in ihr festgesetzt. Sie fragte sich zuweilen, ob ihm das WG-Angebot im Überschwang des Wiedersehens nur rausgerutscht war – und einmal ausgesprochen, hatte er es schlecht wieder zurücknehmen können. Er druckste rum, als sie bei ihrem ersten Abendessen im Brauhaus nach den Mitbewohnern fragte, und zögerte es hinaus, sie ihr vorzustellen. Vielleicht lag es auch daran, dass er die anderen ja erst fragen musste, ob sie genehm sei.

Schließlich trafen sie sich zehn Tage später im Museumscafé. Lustig war es schon. Da kam einer aus Afrika zurück und bot vier mehr oder weniger Gestrandeten ein Zimmer in der von seiner Mutter geerbten Wohnung an, die für ihn alleine »eh zu groß sei«, wie er sagte. Typisch Philip. Schnell war klar, dass sie ein ziemlich bunter Haufen waren, aber die Stimmung war sehr angenehm. Und die zusammengewürftelte Komponente gab dem Ganzen sofort eine gewisse Leichtigkeit, ja fast eine jugendliche Unbekümmertheit. Es war für alle ein unerwarteter Neuanfang, keiner hatte bestimmte, vorgefertigte Erwartungen. Sie fühlten sich in diesem coolen Café fast wie in einem afrikanischen Dorf, und ihr Stammesoberhaupt teilte ihnen die Hütten zu.

Kurz nach diesem ersten Zusammentreffen waren sie, um sich besser kennenzulernen und abzuschätzen, ob sie wirklich zusammen leben könnten, zu zwei Wochenenden an der Nordsee aufgebrochen, und nach dem zweiten Wochenende hatte Ricarda dann entschieden, komplett in die WG zu ziehen.

Sie kippte die erste Scherbenschaufel in den Mülleimer und schaute zum Rest des Haufens.

Wie machte sie das jetzt nur mit dem Service?

Sie beugte sich über ihre Listen auf dem Küchentisch, ihr Finger fuhr über die verschiedenen Rubriken und Namen. Sie griff ihr Handy und tippte auf Fröhlich Eckart.

6.

Der schmale hohe Grabstein ruckelte in der dunklen, feuchten Erde hin und her. Aus der Tiefe orgelte gedämpft Bachs Fuge in g-Moll. Während Eckart sein Handy aus der braunen Manchesterhose friemelte, hebelte der Gärtner den Granitstein aus der Erde. »Lotte Fröhlich, geborene Penzer. 1949–1995« – die Bronzebuchstaben hatten über die Jahre einen leichten Grünstich angesetzt. Das hatte Eckart nicht verhindern können.

Der Gärtner schob den Stein in der Schubkarre durch den gepflegten Garten zur Straße.

»Das Service habe ich jetzt der Gemeinde geschenkt«, antwortete Eckart ins Handy und folgte dem Gärtner, »du wolltest doch nicht alles doppelt …«

»Ich weiß, ich weiß. Ich fragte mich nur, ob du es zufällig noch hast«, sagte Ricarda am anderen Ende der Leitung.

»Leider nein«, erwiderte Eckart und schloss dem Gärtner den Kofferraum auf, »aber sag mal, dieses … wie heißt das noch mal, dieses Raclettegerät? Soll ich das jetzt … Nicht? Drei? Ah ja. Nein, das ist ne Menge. Gut, ja, bis morgen, Ricarda.« Er drückte Ricarda weg. Der Gärtner hievte ächzend den Stein aus der Schubkarre und wandte sich gekrümmt Richtung Kofferraum.

Eckart beugte sich zu ihm runter.

»Sagen Sie, hätten Sie Verwendung für so ein … Raclettegerät? Sie wissen schon, mit diesen kleinen Pfännchen und den Holzschabern …«

»Ähhh … jetzt – nicht –«, keuchte der Gärtner. Eckart schluckte. Sein dunkelblauer Passat sackte mit Lotte im Kofferraum ein paar Zentimeter nach unten.

Als der Gärtner, ohne Raclettegerät, fort war, stand Eckart noch eine Weile im Garten und schaute zu seinem hübsch verklinkerten Einfamilienhaus. Er hatte es vor fünfundzwanzig Jahren mit Lotte gebaut. Mark für Mark hatten sie sich damals dafür abgespart. Als sein Sohn Christoph ihm vor drei Monaten eröffnet hatte, dass er seiner Freundin nach Neuseeland folgen wolle, um Kiwis anzupflanzen, hatte er schweren Herzens beschlossen, es zu verkaufen. Christoph brauchte Geld für seinen Neuanfang, und das Haus hatte eh seinen Sinn verloren. Die Menschen, für die er es mal mit viel Liebe und Aufopferung gebaut hatte, waren nicht mehr da. Lotte wollte damals unbedingt ein eigenes Häuschen. Das war ihr Traum vom Glück, ihr Traum von einem schönen Leben. Letztlich hatte sie nicht mal fünf Jahre hier gewohnt. Er schaute auf die Uhr. Es war Zeit. Christophs Flug ging in drei Stunden.

In drei Stunden.

7.

»Auch gut! Hauptsache links!« Harry lachte kehlig. War ihm herzlich egal, welches Zimmer sie ihm zuteilten. Er telefonierte über Freisprech mit Philip. Die Ampel schaltete auf Gelb, Harry gab dem Pedal einen kleinen Tritt und steuerte sein Taxi bei Tieforange über die Kreuzung. Er spürte den Blick der jungen Frau auf der Rückbank, auf dem Armaturenbrett vor ihm schüttelte der Dackel stoisch den Kopf und das Hawaiimädchen wiegte sein Baströckchen.

»Mit Eckart morgen geht übrigens klar«, fuhr Harry fort, »seine Packer haben noch Platz im Laster. Echt ’n netter Typ. Nee, hab ja eh nicht viel, Bett, Regal, die Platten. Ja, bis morgen, Phil.«

»Ziehen Sie um?«, fragte die Frau von der Rückbank freundlich.

»WG«, nickte Harry.

»Ach, wie schön.« Die Frau lächelte gutmenschig aus dem Fenster.

»Was?«, fragte Harry.

»Diese Senioren-WGs sind doch eine feine Sache«, nickte die Frau. »Gestärkt in den dritten Lebensabschnitt. Füreinander da sein, wenn einer Hilfe braucht. Gemeinsame Unternehmungen, gemeinsam kochen, Theater, Kino, Sport …« Sie beugte sich freundlich nach vorne. »Was war denn Ihre Motivation?« Mit zusammengekniffenen Clint-Eastwood-Augen taxierte Harry sie im Rückspiegel.

»Altersarmut«, schob er zwischen den Zähnen hervor, als hätte er eine Kippe im Mund. Sein Handy meldete sich erneut. Morricones »Zwei glorreiche Halunken« pfiff einsam durchs Taxi, er drückte auf Freisprech.

»Ja?« Aus dem Augenwinkel checkte er kurz die Reaktion der freundlichen Frau auf der Rückbank. Er liebte es, Leute zu provozieren.

»Service?? --- Nee. --- Jau, bis morgen Ric.«

8.

»Ich hab nicht reingepasst«, sagte Uschi und drehte das Rindfleisch durch den Wolf. »Wie? Du hast nicht reingepasst?«, fragte Kollegin Hedwig, die mit Uschi hinter der Fleischtheke stand.

»Meine Hüfte war zu breit«, nickte Uschi und wandte sich in ihrer grasgrünen »Delikatessen nur von Flessen«-Schürze mit dem Durchgedrehten in der Hand der Kundin zu.

»Darf’s etwas mehr sein?«

»Wo rein?«, fragte die Kundin.

»Frau Müller hat heute Nacht geträumt, dass sie nicht in ihren Sarg gepasst hat«, erklärte Hedwig der Kundin.

Die Kundin schaute verwirrt zur Wurstfachverkäuferin ihres Vertrauens.

»Meine Hüfte war zu breit. Passte nicht«, nickte Uschi freundlich und schwenkte mit entsprechender Reinquetsch-Mimik ihre runden Hüften. Die waren leider kein Traum.

»Ich dachte, du wolltest verbrannt werden?«, fragte Hedwig.

»Was kann ich denn dafür, wenn ich mich im Traum nicht daran erinnere, dass ich verbrannt werden will«, sagte Uschi. Und das war doch auch gar nicht der Punkt. Der Punkt war, dass sie beim Probeliegen nicht reinpasste. Wegen der Hüfte.

»Ist ja füchterlich, Frau Müller«, sagte die Kundin, »was träumen Sie denn da?«

Da sagen Sie was, dachte Uschi. Aber was kann man schon für seine Träume? Also die Träume in der Nacht.

»Meinst du, das ist wegen der Altersteilzeit?«, fragte Hedwig.

Der Gedanke war gar nicht so dumm. Seit der Filialleiter Uschi vor drei Monaten forsch die Altersteilzeit verkündet hatte, schlief sie schlecht. Besonders nachts fraß sich seine knarzende Stimme immer wieder in ihr hoch: Na, Frau Müller, da haben Sie dann doch endlich etwas mehr Zeit für sich!

Was fiel dem ein? Uschi wollte nicht mehr Zeit für sich. Uschi liebte ihre Arbeit, ihre Teewurst mit feinstem Cayennepfeffer, ihre Mortadella mit gerösteten Pistazien, ihre Koteletts, ihre Kunden.

Die Suche nach einer kleinen, günstigeren Wohnung saß ihr immer noch in den Knochen. Und der Traum von heute Nacht war nichts gegen die sieben Einzimmerwohnungen, die sie besichtigt hatte. Winzig klein. Allein die Vorstellung, hier ihr restliches Leben verbringen zu müssen, hatte ihr sogar die Tränen in die Augen getrieben.

Und plötzlich hatte vor zwei Monaten der Sohn von Frau Kreuzer im Laden gestanden und ihr dieses Mitwohn-Angebot gemacht. Ein Geschenk des Himmels. Seitdem ging es ihr wieder besser, aber vielleicht war ihr Traum mit dem schmalen Sarg ja tatsächlich noch Ausdruck ihrer Angst vor einer kleinen engen Wohnung.

Zärtlich wickelte sie das Gehackte ins Feinkostpapier.

Egal. Umso besser. Wenn man was träumt, was einem mal Kummer bereitet hat, verarbeitet man das auf diese Weise. Davon war sie felsenfest überzeugt. Also man träumt das quasi weg.

»Weißt du, was dieser Traum auch bedeuten kann?«, sagte Hedwig und schaute mal wieder schlau. »Dass du davor noch abnehmen musst.«

»Vor was?«, fragte Uschi.

»Na, bevor du stirbst«, nickte Hedwig und schien selbst ganz glücklich über ihre Interpretation.

»Na dann …«, kicherte Uschi, »her mit der Sahneschnitte!«

Die Damen lachten. Und schon waren die düsteren Gedanken verflogen. Schlechte Träume oder Omen waren eben dazu da, gut gedeutet zu werden. Das war die ganze Kunst im Leben. Sonst hatte das Leben ja eh keinen Sinn.

Das Telefon schrillte. »Für dich.« Hedwig reichte Uschi den Hörer. Die lange Telefonschnur baumelte über der hübsch dekorierten Wursttheke.

Es war Ricarda. Uschi lauschte ihr eine Weile und beobachtete, wie der Kleine von den Beckmanns sehnsüchtig auf die Mortadella schielte. Uschi lupfte mit ihrem Gäbelchen eine Scheibe vom Stapel, rollte sie und reichte sie dem Jungen über die Theke. Dann lächelte sie und unterbrach Ricarda stolz: »Türlich hab ich noch mein Service.«

9.

Am Düsseldorfer Flughafen herrschte ein einziges Chaos. Anzeigetafeln, rasant rotierende Buchstaben und Zahlen, herumeilende Menschen, fremde Sprachen, Lachen, Schreie, Hektik. Die Reize überforderten Eckart komplett. Er hatte Mühe, mit Christoph mitzuhalten. Zielstrebig steuerte sein mit zwei Rucksäcken bepackter Sohn zum Check-in. Auf der Anzeigetafel stand Sydney. Von dort flog er weiter nach Neuseeland.

Eckart versuchte Schritt zu halten und gleichzeitig, das hochsteigende Gefühl runterzudrücken. Es fühlte sich fast nach Panik an. Ja, am liebsten wäre Eckart weggelaufen. Weggelaufen vor dieser Situation, die er nicht erleben wollte. Fünfunddreißig Jahre war sein Sohn in seiner Nähe gewesen.

Als Lotte vor zwanzig Jahren gestorben war, hatte er versucht, alles in ruhige Bahnen laufen zu lassen, hatte gewissenhaft seinen Beruf als Sparkassenbeamter erledigt, nie wieder geheiratet, war – bis Christoph 18 war – nie in ein Flugzeug gestiegen, hatte versucht, Christoph Vater und Mutter zugleich zu sein.

Seit er vor einem Jahr in Rente gegangen war, wurde es schwieriger. Die Tage wollten nicht recht vergehen in dem großen leeren Haus. Er organisierte sich kleine Rituale, wie das morgendliche Zeitungkaufen plus alle zwei Tage ein Croissant, in Ruhe frühstücken – das Frühstück war ihm der liebste Moment am Tag –, Wirtschaftsteil lesen, Kreuzworträtsel lösen, die Nachrichten hören, den Garten in Schuss halten, Nickerchen machen, Feuilleton lesen und eine Kleinigkeit fürs Abendessen einkaufen, das er dann alleine auf der Sitzbank in der Küche zu sich nahm. Danach Fernsehen oder einen alten Film gucken. Er mochte alte Filme. Gute Western oder die Klassiker des Film noir, und mehr und mehr auch »schwierige« Filme, von Bergman oder Fassbinder. Mit dem Alleinsein wuchs sein Gefallen an schwierigeren Filmen. Das Leben war eben eine komplexe Angelegenheit. Vorm Schlafengehen dann noch ein kleiner Cognac und die 23-Uhr-Nachrichten im Radio.

Natürlich war das alles nicht die Welt und auch nicht wirklich schön, aber auch daran hatte sich Eckart mit der Zeit gewöhnt. Die Rituale gaben ihm den nötigen Halt. Er stellte ihre Nützlichkeit nie infrage, er erledigte sie, absolvierte sie. Er funktionierte. Wie vorher am Schalter.

Eckart hatte sich in seiner Einsamkeit eingerichtet.

Einmal in der Woche kam Christoph.

Vor gut zwei Monaten war er dann nach der Beerdigung von Frau Kreuzer kurz mit ihrem Sohn ins Gespräch gekommen. Eckart hatte sich bis zu seiner Pensionierung um Frau Kreuzers Konten gekümmert. Er mochte die alte Dame. Eckart hatte gerade einen Käufer für sein Haus gefunden und war dabei, eine kleine Wohnung zu suchen. Philip fragte, ob er ihm einen Immobilienmakler empfehlen könne, um die Wohnung seiner Mutter zu verkaufen. Sie hatten in der Folge zwei-, dreimal telefoniert, und zwei Wochen nach der Beerdigung fragte Philip ihn plötzlich, ob er sich – statt der kleinen Wohnung – nicht auch vorstellen könne, in eine WG zu ziehen.

Im ersten Moment konnte sich Eckart das überhaupt nicht vorstellen, aber als er Christoph davon erzählte, ermunterte ihn sein Sohn sofort, sich das Ganze doch wenigstens mal anzuschauen.

Das sei doch genau das Richtige für ihn. Er müsse unter Leute. Was er denn in einer kleinen Wohnung wolle? Er selbst sei bald weg. Eckart habe doch niemanden. Was, wenn er mal weniger fit sei? Da käme dann sofort das Altersheim. Wenn, dann müsse er jetzt etwas ändern. Noch mal durchstarten. Noch mal durchstarten – als wenn das mit 64 so einfach wäre.

»Pass auf dich auf, Papa. Und in der WG, das wird bestimmt richtig nett, das wird dir guttun, wirst schon sehen.« Christophs Stimme riss Eckart aus seinen Gedanken. Sicherheitskontrolle. Christoph umarmte ihn. Eckart hatte gar nicht gemerkt, dass sie schon an der Kontrollschleuse angelangt waren.

Jetzt hieß es Abschied nehmen. Jetzt flog sein Sohn tatsächlich auf die andere Seite des Globus. Für immer. Auf jeden Fall fühlte es sich jetzt gerade nach »für immer« an.

»Das Geld müsste nächste Woche auf dem Konto sein, dann überweise ich dir …«

Er brach ab. Eckart versuchte, die mit einem Mal hochkriechende Leere mit Formalien zu füllen, aber seine Worte schaufelten das Loch nur noch tiefer. Seit Wochen hatte er diesen Moment gefürchtet, vielleicht auch heimlich gehofft, dass er doch nicht eintreten werde. Aber nun stand Christoph vor ihm, mit seinen kurzen, blonden Haaren, seinem ernsten Gesicht, seiner türkisen Outdour-Jacke und seinem grauen Rucksack. Eckart versuchte, sich jedes Detail einzuprägen. Wie damals, als er Lotte in der Totenhalle ein letztes Mal gesehen hatte. Der Sicherheitsbeamte winkte energisch.

»Papa, ich muss«, sagte Christoph in die Leere hinein, »mach’s gut, ja? Versprichst du mir das?«

»Mach dir um mich keine Sorgen«, sagte Eckart, »und du, du meldest dich, wenn was ist, hm? Ich bin immer für dich da, das weißt du, ja? Egal, was passiert. Ja?«

Christoph nickte, klopfte ihm noch mal kurz auf die Schulter, setzte seinen Rucksack aufs Kontrollband, zog seinen Gürtel aus und schritt durch den Metalldetektor.

Eckart senkte den Kopf. Er kämpfte gegen die Tränen. Als er wieder aufschaute, war sein Sohn in der Menge verschwunden.

Er war weg.

10.

»Man weiß nie, wann man jemandem wieder über den Weg läuft, Justus.« Ricarda schaute den blinden Jungen sanft an. In der kleinen Korbflechterei stapelten sich Körbe, Sitzflächen, Rückenlehnen. Etwas weiter saßen fünf andere Korbflechter. Justus zog einen Halm durchs Löchlein.