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Drei Spiele vor Saisonende steht dem TSV das Wasser bis zum Hals. Der Abstieg droht. Trainer Uwe fordert spielerische Raffinesse. Doch die Sprüche von Stürmer Dölli sind schärfer als sein Rechtsschuss, Flasher muss nach dem Training seinen Vater vom Tresen kratzen, und am Sonntag zappelt der Ball doch wieder im eigenen Netz. Kuhlhoff und Behnisch kennen die Leidenschaft und den heiligen Ernst in der Kreisliga – und spüren den ultimativen Fragen nach: Warum spielen wir, bis wirklich nichts mehr geht? Warum glauben wir auch in der Kreisliga an die Viererkette? Und wann wirft der Fußballgott endlich Talent vom Himmel?
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Veröffentlichungsjahr: 2018
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An alle Fußbälle dieser Welt:Sorry, dass wir euch das jede Woche antun.
ISBN 978-3-492-97963-4© Piper Verlag GmbH, München 2018Covergestaltung: Rothfos & GablerCovermotiv: Marc JahnenDatenkonvertierung: psb, BerlinSämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten.Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.
0. Anpfiff
1. Die dritte Halbzeit gehört uns
2. Der Star ist die Mannschaft
3. Gottes grüne Wiese
4. Vorbereiten wie Maradona, spielen wir Schwarzenbeck
5. Das kann man nicht trainieren, nur üben
6. Ein guter Schiri ist mehr als eine Pfeife
7. Das Spiel ist immer das nächste
8. Ich als Verein muss handeln
9. Der Trainer steht teilweise voll hinter mir
10. Jeder kann sagen, was ich will
11. Da geht er, ein großer Spieler. Ein Mann wie Steffi Graf!
12. Wenn wir schon nicht gewinnen, treten wir ihnen wenigstens den Rasen kaputt
13. Quält euch, nicht uns
14. Das Problem liegt meist zwischen den Ohren
15. Im Fußball bist du entweder Gott oder Bratwurst
16. Abpfiff
ANHANG
I. Wörterbuch »Kreisligatrainer – Deutsch/Deutsch – Kreisligatrainer
II. Wörterbuch »Kreisligaspieler – Deutsch/Deutsch – Kreisligaspieler
III. Medizin: Physiologische Grundlagen der Amateurfußballverletzungen
Wir sind nichts. Wir sind viele. Wir sind alles.
Wir sind die Hartgesottenen, die sich sonntagmorgens im Bindfadenregen auf ihr Fahrrad schwingen, um pünktlich beim Treffpunkt zu sein, weil jede Minute Verspätung 50 Cent kostet.
Wir sind die Taschenmessies, die zwar vier Paar Socken dabei haben, aber nie ein Handtuch. Wir sind die Drecksäcke, die dem Gegner in die Achsel zwicken, damit er uns eine runterhaut und vom Platz fliegt.
Wir sind die Unschuldslämmer, die nach einer Blutgrätsche entschuldigend die Arme hochreißen, obwohl wir es genau so gemeint haben. Wir sind die Eisenkörper, die direkt aus der Kneipe auf den Platz stolpern und sich nicht aufwärmen, weil der Restalkohol den Schmerz betäubt.
Wir spielen schön, beschissen, hoch und weit. Wir laufen viel, selten oder nie. Wir stehen da, wo man nicht stehen sollte, und nie da, wo es nötig wäre. Wir sind immer anspielbar und doch gedeckt. Wir lieben den Ball und können dennoch nicht zärtlich zu ihm sein. Wir stoppen die Kugel so, wie andere sie schießen, und laufen in Räume, die keine sind. Wir reden von Viererkette und heben das Abseits auf. Wir schimpfen, fluchen und liegen uns schnaufend in den Armen. Wir schieben raus, rücken rein, treten fest. Und manchmal kommen wir viel zu spät. Dann tut es richtig weh.
Wir sind Daniel, Steffi, Murat. Wir sind Kathy, Ewald und Björn. Wir sind Steini, Presskohle, Analdinho. Wir sind Captain Hässlich, Bumsi und Chancengroth. Wir sind Dampfhammer, Feingeister, Ersatzspieler. Wir sind Trainingsweltmeister, stinkfaul oder verletzt.
Wir sind Trainer, Manndecker, Sturmtanks. Wir sind das Spiel, das diese Welt zu einer besseren macht. Zumindest, solange sie zwischen weiße Kreidelinien gepackt ist. Zumindest für neunzig Minuten. Plus Nachspielzeit.
Wir spielen in 25.000 verschiedenen Vereinen. In 160.000 Mannschaften. Wir sind 7.000.000 Menschen mit Pass und unzählige ohne. Wir sind Deutsche, Iraner, Rumänen. Unser Spielfeld hat keine Grenzen. Nur Tore. Und die stehen meist offen. Wir bezahlen Jahresbeiträge, um Fußball spielen zu dürfen, und kassieren keine Millionen, um Fußball spielen zu müssen. Wir haben Jobs. Fußball ist unser Hobby. Unser Leben.
Wir sind die Trashtalker, die zu jedem Spruch den passenden Konter parat haben, weil man auf dem Rasen und in der Kabine nicht klein beigibt. Wir sind die Irren, die ihre Freizeit einem Spiel opfern, das sie nicht im Ansatz verstehen oder gar beherrschen.
Wir sind die Fantasten, die da rausgehen und sich aus drei Metern Entfernung in jeden Vollspannstoß werfen, auch wenn es 2:8 steht. Wir sind die Wahnsinnigen, die zum Training rennen, obwohl wir wissen, dass sich eh nichts ändert. Wir sind die Verpeiler, die schnell noch den Satz Trikots trocken föhnen, weil wir vergessen haben, die Waschmaschine auszuräumen. Wir sind die Ersthelfer, die ausgerenkte Kniescheiben wieder reindrehen, bevor der Notarzt kommt. Wir sind Eisspray, Ibuprofen und kaltes Bier.
Wir kaufen uns vor jeder Saison neue Trainingskleidung. Wir tragen rote, goldene, schwarze Schuhe. Wir stehen vor dem Spiel fünfzehn Minuten vorm Spiegel, nur um dann kurz vor Anpfiff noch schnell in die nächste Hecke zu pinkeln. Wir flanken hoch, wir köpfen weit und schießen meist über das Ziel hinaus. Wir können vergessen, was misslungen ist. Aber wir werden nie vergessen, wo wir waren, als der Ball dieses eine Mal perfekt in den Winkel einschlug. Das Geräusch, wenn der Ball das Netz küsst. Swoosh.
Wir pfeifen auf die Schiris, wenn sie gegen uns sind, und spendieren ihnen ein Pils, wenn sie mal ein Auge zudrücken. Wir wissen, sehen und können alles besser als der Gegner. Und wenn nicht, ist der Gegner ein Arschloch. Wir sind Helden, wir sind Lügner, wir sind heute nur auf der Bank. Wir fragen uns, warum wir uns den Scheiß antun, und packen dann doch wieder unsere Tasche, öffnen wieder die Kabinentür, ziehen wieder die Stutzen hoch. Wir machen Liegestütze im Schnee, Intervallläufe in sengender Hitze und kotzen hinter das Tor. Dann wischen wir uns den Mund ab. Dann sind wir glücklich. Dann machen wir weiter. Immer weiter.
Wir sind das Herz und die Niere des Fußballs.
Wir sind am Puls der Nachspielzeit.
Wir leben für das Spiel. Wir leiden für das Spiel.
Wir sind Chris, Flasher, Schnecki.
Wir sind Kai, Hünemann, Martin.
Wir sind Uwe, Hotte, Riu.
Wir sind Dölli.
Bierbäuche aller Klassen, vereinigt euch!
Wir sind der Fußball. Wir sind Idioten. Wir sind die Geilsten.
Wir sind alles Amateure.
Sonntag, 14:18 Uhr: Der Regen nieselt sanft auf Waschbetonplatten. Von der Bierbude strömt das Murmeln der letzten Ausharrer in Richtung Kabinentrakt. Dreizehntes Heimspiel, zehnte Niederlage, achtes Bier, es wird nicht besser, aber muss ja. Aus dem offenen Oberlicht der Gästekabine quillt die Euphorie. In der Heimkabine sammelt sich der TSV. Fußball trifft Fußpilz, jeder Vereinsmythos landet irgendwann auf dem gekachelten Boden der Tatsachen. Mittendrin: Verteidiger Chris.
Wenn jetzt noch einer diesen einen Satz sagt, drehe ich durch. Mein Blick schweift durch den Raum. Über zusammengeknüllte Stutzen, müde Augen. An Harrys Stirn klebt ein Grashalm. Mitten in die Stille knallt Schnecki eine Wasserflasche in seine Sporttasche. »Scheiße«. Seine Wut verhallt in den Gesichtern der Jungs, denen das Motto unserer Seuchensaison unsichtbar auf die Stirn geschrieben steht: »Es ist nicht so, dass wir nicht wollen – aber …«
Noch zwei Spieltage, noch zwei Heimspiele, Vorletzter der Kreisliga C, sechs Punkte fehlen zum Klassenerhalt. Sechs Punkte bis zum rettenden Ufer.
Das Spiel ist aus, und wieder hocken wir in unserer Kabine und hoffen, dass es für immer still bleibt. Dass keiner den einen Satz sagt, der alles noch unerträglicher macht. Dölli verzweifelt über den Taperesten an seinem Stutzen, reißt sich schließlich die Socken vom Fuß und wirft sie in den Mannschaftskoffer. Alles Ballast, alles weg. Hünemann ist in sein Smartphone abgetaucht. Das blaue Leuchten des Bildschirms macht sein Gesicht nur noch blasser. Unser Trainer Uwe schüttelt seit drei Minuten pausenlos den Kopf. Links, rechts, links, rechts, als hoffte er, dass ihm vielleicht irgendwann eine rettende Idee aus den Ohren fällt. Wird nicht passieren. Die Zeit dehnt sich wie ein Bungee-Seil. Die Stille nach dem Schlusspfiff.
Uwe räuspert sich. Wären wir auf einem Familienfest, würde er nun mit dem Messer gegen seine Bierflasche schlagen, damit auch der letzte Ochse versteht: Jetzt kommt eine staatstragende Rede. »Leute, ganz ruhig. Wir müssen das Positive aus dem Spiel ziehen. Gegen all die Widerstände haben wir es gar nicht schlecht gemacht. Wir standen gut in den Pressingzonen, haben konsequent verschoben, nur das Vertikalspiel war zu überhastet. Aber die wichtigste Lektion für uns heute ist: Wir gewinnen als Mannschaft, und wir verlieren als Mannschaft. Jeder sollte sich an die eigene Nase fassen, bevor er auf andere losgeht.« Olesteckt den Kopf aus der Dusche: »Ähh, kann mir jemand ein Handtuch leihen?« Uwes Rede ist damit bereits vergessen, bevor sie überhaupt auf den Punkt gekommen ist. »10 Euro für die Mannschaftskasse sind notiert«, kontert Hünemann und wirft Flasher ein Handtuch zu. Ordnung muss selbst im größten Chaos sein.
Trotzdem wieder Uwe: »Das Ergebnis liest sich natürlich heftig. Aber eigentlich ist alles gut. Im Endeffekt machen wir hier neunzig Minuten lang das Spiel und kriegen fünf dumme Konter. Ich muss das jetzt erst mal dem Kerl von der Kreiszeitung erklären. Kopf hoch, Jungs.«
»Genau, Trainer.« Martin hat ein Gespür für Geschleime. »Zwei Spiele bleiben uns noch, beide zu Hause. Das sind sechs Punkte. Das reicht, um da unten rauszukommen. Wir sind nicht schlechter als die anderen.« Jeder klopft jetzt irgendwie aufmunternd auf seine Bank. Einige wahrscheinlich sogar aus Überzeugung. Uwe schlurft zur Tür. Es scheppert. Dann ist es ruhig.
»Schaaaaalalala-Schalalalalalala«, jetzt wabern aus der Nachbarkabine auch noch die Siegesgesänge zu uns rüber. Die Derbysieger, wir Loser. Kai knallt die Tür zu und tritt gegen die Bank. Harry scheppert das gekippte Fenster zu. Es ist übertrieben, diese kleine Öffnung in der Ecke überhaupt Fenster zu nennen. Durch jahrelange konsequente Nichtbeachtung bei Renovierung und Reinigung fallen durch dieses Rechteck so viel Licht und Frischluft in den Raum, als hätte man es irgendwann zugemauert. Die Fugen zwischen den Fliesen haben sich schwarz verfärbt. Ich muss an Fußpilz denken. An nässende Eiterwunden zwischen den Zehen. Trotzdem bleibt mein Blick daran kleben. Als stünden dort aufmunternde Worte. »Das wird schon. Kopf hoch.« Doch da steht nichts. Da ist nur Dreck. Es ist zum Kotzen. Habe ich Badelatschen dabei?
Ich hätte ahnen können, dass das Wochenende unter keinem guten Stern steht. Spätestens, als mich mein Chef am Freitag kurz vor Feierabend zu sich rief.
»Was sagst du denn dazu, Chris?«, spuckte er am Ende eines endlos langen Monologs über Motivation, Sorgfalt als Zahntechniker und Firmenphilosophie in den Raum.
Ich antwortete: »Wozu genau?«, weil ich eben nicht wusste, was er von mir wollte. Weil ich eigentlich immer gedanklich aussteige, wenn jemand mehr als sechs Sätze aneinanderreiht, die nichts mit Fußball zu tun haben.
»Wo bist du nur immer mit deinen Gedanken?« Er klang durchaus besorgt. So wie mein Vater, als ich in der siebten Klasse die dritte Fünf in Mathe mit nach Hause gebracht hatte. Seine Angst, dass mein Abitur damit in weite Ferne rücken und ich bei Aldi an der Kasse enden würde, legte sich in Falten auf seine Stirn. Im Subtext schwang schon damals genau das mit, was mir mein Chef insgeheim mitteilen wollte: »Ich bin nicht sauer auf dich, einfach nur wahnsinnig enttäuscht.«
Ich guckte geläutert auf seinen Schreibtisch und verließ das Büro mit einer Abmahnung. Ab ins Auto, Mucke auf volle Lautstärke, runter vom Parkplatz. Kopf aus, Feierabend, Wochenende. Dabei hätte ich meinem Chef am liebsten noch hinterhergerufen: »Wo ich mit meinen Gedanken bin? Natürlich in der Kabine. Sonntag ist Derby.« Doch ich habe geschwiegen, weil er sowieso nicht verstanden hätte, was mir Fußball in der Kreisliga bedeutet. Er spielt Golf.
Jetzt ist Sonntag, das Derby vorbei, ich sitze in der Kabine und bin nicht sauer, sondern einfach nur enttäuscht. Von mir, von uns, vom Fußballgott. Dabei liebe ich diesen Ort, an dem der Maurer Kai seit sechs Jahren neben dem Anwalt Lutz hockt und hitzig über das Vertikalspiel diskutiert, das in der Zeit vor Uwe bei uns noch »Langholz« hieß. An dem es keine Rolle spielt, ob Harry Deutscher oder Riu Vietnamese ist oder ob der A-Jugendliche, dessen Namen sich keiner merken kann, heimlich davon träumt, doch noch von einem Bundesligascout entdeckt zu werden. Jeder weiß, dass Martin mal wieder von seiner Freundin betrogen wird und Hünemann Teile der Mannschaftskasse im Spielautomaten versenkt. Na und? Hier kann jeder sein, wie er will. Hier muss man niemandem Zucker in den Arsch pusten, um weitermachen zu dürfen. Hier darf man sogar manchmal ein Arschloch sein. Zumindest für drei Stunden. Es nimmt einem keiner übel. Bei uns will keiner wissen, wie der Tag so war. Keiner fragt, was in letzter Zeit eigentlich los sei. Hier stellt sowieso niemand Fragen. Außer vielleicht die eine, unvermeidliche: »Hat noch jemand ein zweites Paar Schienbeinschoner?«
Wir haben 1:5 verloren. Das ist nicht egal. Das tut weh. Körperlich irgendwie, aber auch seelisch. Warum eigentlich? Lutz erklärte mir mal, echte Liebe gebe es nur unter Freunden. Das war nach dem neunten Bier auf der letzten Weihnachtsfeier. Und da Lutz schon achtunddreißig ist und sicherlich mehr vom Leben weiß als ich mit einundzwanzig, glaube ich das, bis jemand den Gegenbeweis erbringt.
Jetzt sitze ich mit fünfzehn Freunden in einem Zwanzigquadratmeterraum voller Muff und Hoffnung. Von den Bänken blättert die grüne Farbe ab, in der Lüftungsanlage ist seit Jahren so viel Leben wie in dem Plastik, aus dem sie gemacht ist. Jedes Mal, wenn ich hier reinkomme, schießt mir der gleiche Geruch in die Nase. Dieses Gemisch aus feuchten Trainingsjacken und notdürftig gereinigten Sanitäranlagen. Süßlich und doch beißend. Fünfundzwanzig Jahre Schweißfüße lassen keine Fliese kalt. Fünfundzwanzig Jahre hat hier keiner mehr mit heißem Wasser durchgewischt. Seit fünfundzwanzig Jahren sagt der Vereinsvorstand, dass man die Kabinen renovieren müsse. Ist klar.
Aber es ist das Aroma, das in mir den Schalter umlegt. Es ist das Aroma, das mir sagt: »Fußball.« Es ist das Aroma, das mich heute vor dem Spiel zurückversetzte zum ersten Training nach der Winterpause. Schon da standen wir ganz unten drin und hatten doch noch große Pläne. Uwe hatte überraschend einen Cooper-Test anberaumt. In kurzen Hosen quälte ich mich durch den Schneeregen. Immer um die Hütchen herum. Noch eine Runde und noch eine Runde. Die Zeit im Nacken. Angetrieben von der Scham, mal wieder der Langsamste zu sein. Mit brennenden Oberschenkeln, schreienden Gedärmen und unappetitlichen Schimpfwörtern auf den Lippen schleppte ich mich als Vorletzter ins Ziel. Ich sank auf den nassen Rasen, die Kälte kroch langsam in meinen Körper. Und während der Rest der Mannschaft Richtung Kabine trottete, blieb ich noch ein paar Minuten liegen. Nach und nach gingen die Flutlichter über mir aus. Ich lag im Dunkeln, die Feuchtigkeit hatte auch die letzte Faser meiner Trainingsklamotten erobert. Ich war nass, mir war kalt, ich wollte ins Bett. Und ich lag einfach da und grinste wie ein Breitmaulfrosch. Weil ich glücklich war. Weil ich in diesem Moment nirgendwo lieber sein wollte als auf diesem Stück Rasen. Weil ich daran glaubte, dass sich die Quälerei lohnen wird. Dass wir es schaffen können, wenn wir die Gegner nicht ausspielen, sondern sie einfach überrennen, bis ihre Knie weich werden. Weil wir über neunzig Minuten fitter, galliger, williger auf den Ball und den Sieg sind.
Und plötzlich war es wieder da, dieses Gefühl. Die Nase lag im Rasen. Das Blut pochte durch meine Adern. Die Feuchtigkeit stieg in die Schuhe. Das Wasser stand uns bis zum Hals. Ich war glücklich.
Dann roch ich den Restalkohol in der Kabine, sah Flashers dicke Augenringe, hörte, dass Ole kurzfristig abgesagt hatte, weil seine Oma Geburtstag hatte. Zum vierten Mal in diesem Jahr. Und plötzlich wuchsen in mir die Zweifel, ob das wirklich gut geht. Zweifel, die immer wiederkehren. Wenn die Niederlage zweistellig ausgefallen ist. Wenn ich nach sechs Wochen Verletzungspause und dem ersten Torschuss wieder aufhören muss, weil die verdammte Wade zwickt. Wenn ich bei 28° im Schatten den schwitzigen Schnecki auf dem Rücken zur Strafraumkante schleppen muss, weil General Uwe uns mit Übungen aus den Achtzigern quält. Aber heute fragte ich mich tatsächlich das erste Mal vor einem Spiel: »Schaffen wir das wirklich?«
»Du bist ganz eng dran an der Neun«, sagte Uwe bei der Besprechung zu mir, und ich musste mir schon verkneifen, den unweigerlich folgenden Halbsatz laut mitzusprechen: »Und wenn er aufs Klo geht – gehst du hinterher.«
Seit vier Jahren spiele ich in der Ersten, und genauso lange sagt er das schon zu mir. Jedes einzelne Wochenende. Wie gerne würde ich meinem Gegenspieler einfach mal zum Pinkeln folgen, nur um zu sehen, wie Uwe reagiert. Bestimmt würde er mich als leuchtendes Beispiel für Willen und Hingabe verkaufen – und keiner würde es ihm abnehmen.
Und als Uwe in der Halbzeit noch versuchte, uns mit einem lauten »Jetzt haben wir sie da, wo wir sie haben wollten« zu motivieren, blickte die ganze Mannschaft reflexartig zu Boden. Weil wir uns das Grinsen verkneifen mussten. Weil eine Kabinenregel besagt: Beim Stand von 1:4 wird nicht gegrinst. Da schaut man ernst, wütend, bereit zur letzten Grätsche. Weil das Spiel gedreht werden muss. Weil es alles bedeutet. Oder einen verdammten Scheißdreck. Endstand 1:5. Vorletzter Platz. Noch zwei Spiele. Hauptsache, niemand sagt diesen einen verdammten Satz.
Und während in der Nachbarkabine bereits die Bierflaschen klirren und das Gelächter immer lauter wird, blicken wir an diesem Sonntagnachmittag in den Abgrund namens Kreisklasse. Noch sagt keiner ein Wort. Und das ist gut so. Weil in der Kabine ohnehin zu viel geredet wird. In den seltensten Fällen hilft es jemandem weiter. Jeder braucht mal Zeit zum Durchatmen. Oder eben Ruhe. Ist ja nicht böse gemeint. Fast alle sind hier auf irgendeiner Ebene befreundet. Freundschaft ist in der Kabine ein dehnbarer Begriff. Natürlich werfe ich mich für dich in jeden Schuss, aber morgen beim Umzug helfen? Puh, der Rücken. Lutz saniert regelmäßig Döllis Vorstrafenregister, Kai repariert Harry regelmäßig den Golf. Und keiner ist dem anderen böse, wenn er mal Nein sagt.
Und dann passiert es doch. Jemand sagt den einen Satz, den keiner braucht: »Wie soll man bei dem Schiri auch gewinnen?« Martin. Natürlich Martin. Kapitän, Dienstältester, kurze Zündschnur. Er schlägt mit der Faust gegen die Wand. Das soll wütend aussehen, sieht aber traurig aus. Weil er das in dieser Saison bei bisher achtundzwanzig Spielen schon neunzehnmal gemacht hat. Neunzehnmal haben wir verloren. Und weil er wieder so dasteht, wie er immer dasteht – nur in Stutzen bekleidet, kleines Bäuchlein, das Resthaar von Schweiß und Regen verklebt. Wie eine Statue des kleinen Mannes, der immer alles ausbaden muss, was die da oben verbocken. Am liebsten würde ich ihn anbrüllen. Doch ich bleibe still, weil ohnehin jeder von uns weiß, dass die Wand an unserer Situation so viel Schuld hat wie der Schiedsrichter. Aber das spielt jetzt keine Rolle. Die Logik hat heute mal wieder spielfrei. Martins wöchentliche Schirischelte ist der Anpfiff für das immer gleiche Nachspiel namens Spielanalyse.
»Der Sechser war ein Weichei. Den brauchte man nur aus zehn Metern Entfernung anzugucken, schon lag der winselnd auf dem Boden!« Kai will Martin offenbar zur Seite springen und macht dabei gleich ein ganz neues Fass auf.
»Der Achter auch«, ergänzt Schnecki und verstärkt seine These mit einem beiläufigen Griff in die Hose. Das zeigt überraschenderweise Wirkung, denn auch Harry fällt plötzlich ein: »Es läuft einfach immer beschissen. Wie letzte Woche: dieser Rasen! Eine totale Katastrophe. Ich habe gehört, dass die extra nicht gemäht haben, damit wir unsere spielerischen Stärken nicht entfalten können.«
»Welche spielerischen Stärken?« Habe ich das gerade wirklich gesagt? Flasher grinst mich kurz an, ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich mal wieder laut gedacht habe. Aber sonst nimmt niemand Notiz von meiner deprimierenden Analyse unseres aktuellen Leistungsniveaus. Wir sind ein Team, das sich in vielen Situationen schlichtweg überschätzt. Wir reden wie Profis, trainieren wie Amateure und spielen am Wochenende meist wie Volleyballer. Aber wer bin ich, das jetzt laut auszusprechen?
An den Wänden unserer Kabine kleben die Phrasen aus mindestens dreißig Jahren Spielanalyse. Verbaler Gilb aus den glorreichen Jahren des Vereins. Kreismeister 1972 und 1975, Bezirksmeister 1981 und 1992, Kreispokalsieger 2001. Geschichten von großen Duellen, vom ausverkauften Sportpark, von ganzseitigen Zeitungsberichten im Lokalsport. Geschichten, die ich schon in meiner Kindheit aufsaugte, wenn sie mal wieder jemand im Vereinsheim über den Tresen posaunte. Wenn ich in meiner Fanta rührte und auf Papa wartete, der zum dritten Mal nur noch ein Bier trinken wollte. Oder eine Zigarette rauchen.
»Weißte noch.«
»Nee, das war so.«
»Früher war eh alles besser«, sagt er manchmal.
Heute ist so ein Tag, an dem ich ihm das glauben will.
»Wie soll man den Scheißflatterball überhaupt ordentlich halten? Was war das überhaupt für eine Gummikugel?« Lutz durchsiebt die Ruhe mit seinem Lieblingswort: Flatterball. Oder noch besser: Scheißflatterball. Das Synonym für jeden Ball, der ihm mehr als einmal pro Spiel über die Fäuste rutscht. Also eigentlich jeder Ball. Das kann diesen durchaus liebenswerten Mann zum Psychopaten machen. Dann ist er mit Vorsicht zu genießen. Wenn unserem Torwart und Vizekapitän erst mal die Sicherung durchbrennt, fliegen meistens persönliche Beleidigungen durch den Raum – und nicht selten Gegenstände hinterher. Legendär ist sein Ausraster vor knapp zwei Jahren, als er unserem Betreuer Wölfi einen Stollenschuh an die Stirn pfefferte, weil er in der Halbzeit erwähnte, dass unsere Ecken relativ ungefährlich in den Strafraum segelten. Die Platzwunde wurde noch in der Halbzeit fachmännisch von Riu verarztet. Rettungssani-Ehre. Seitdem haben wir übrigens keinen Betreuer mehr.
»Genau so ein Ei brauchen die für ihr Spiel. Die hauen die Kugel lang nach vorne und schicken ein Gebet hinterher. In so einer Mannschaft könnte ich nicht spielen. Da stehe ich lieber unten drin und versuche zumindest, Fußball zu spielen.« Kai ist in seinem Element. Der Gegner kann nichts und zieht uns auch noch runter. Und er ist irgendwas zwischen Maradona und Franz Beckenbauer.
»Wie soll überhaupt Spielfluss aufkommen, wenn der Schiri jede Kleinigkeit abpfeift.« Martin lässt nicht locker. Der Schiri ist der Schuldige. Nicht der Restalkohol, nicht unser durchschaubares Aufbauspiel, nicht sein Antritt, der selbst eine Wanderdüne wie Usain Bolt aussehen lässt. »Außer die beiden Abseitstore von denen. Da hat er wohl gerade seine Pfeife poliert.«
»Ich glaube, das erste war kein Abseits.« Ich zucke zusammen. Ist Riu lebensmüde? Nein, aber er ist herzensgut. Kein van Bommel, eher Bimmelbammel. Kein Tiger, eher Hauskatze. Nicht selten kutschiert er nach Mannschaftsabenden die komplette Truppe nach Hause. Und wenn ihm schon keiner in den Wagen kotzt, dann findet er garantiert drei Wochen später die Gurken eines Cheeseburgers zwischen den Rücksitzen. Ein Gag, der noch nie lustig war.
»Natürlich war das Abseits!«, grummelt es aus allen Ecken.
»Nee, sorry. Ich stand am langen Pfosten. Sorry.«
»Lass das, Riu. Entschuldige dich nicht auch noch nach dem Spiel in der Kabine«, das will ich sagen. Aber ich starre weiter auf die Fugen und hoffe, dass das alles bald vorbei ist.
»Und jetzt stehen die da nebenan, feiern sich ab und duschen uns auch noch das warme Wasser weg. Ich kotze.« Schnecki schmeißt seinen Schienbeinschoner an die Wand und stampft auf den Boden wie ein trotziges Kind, dem gerade jemand das letzte Snickers weggefuttert hat.
Da merkt man, dass der Mann im neunten Semester VWL studiert. Er hat den Blick fürs große Ganze. Oder einfach keinen Bock, als marodierender Mob mit Mistforken und Fackeln in Richtung Schiedsrichterkabine zu rennen. Also greift er eine Bierknolle aus der Kiste, schlägt den Kronkorken mithilfe der Fensterbank vom Glashals und stürzt die Gerstenkaltschorle in einem Schluck runter. Mund abputzen. »Noch wer ’ne Granate?«, fragt er und rülpst. Manchmal bedarf es keiner Antwort.
»Dann geh ich jetzt schnell duschen, ich muss zur Taufe von meinem Neffen.« Ein Klassiker von Flasher. So viele Neffen, wie der hat, haben andere nicht mal Unterhosen. Ich kenne Nick Flatostilakis, Spitzname Flasher, seit der vierten Klasse. Aber nicht mal mir hat er erzählt, warum er immer als Erstes vom Spiel und vom Training abhaut. So bildet sich jeder seine Meinung über den Kabinenfunk. Vater im Knast, Mutter ein Flittchen, Bruder verschiebt Autos. Wenn nur die Hälfte davon der Wahrheit entspricht, ist es ein Wunder, dass aus Flasher so ein korrekter Kerl geworden ist.
Die Diskussion ist vorbei. In unserer Kabine wird nicht relativiert, eingelenkt oder gar logisch gedacht. Schon gar nicht nach schmerzhaften Pleiten. Wer hier mit Argumenten kommt, kann gleich zum Voltigieren gehen. Es muss ein Schuldiger her. Womit wir bei der Mutter aller Kabinenregeln wären: Bei uns ist alles überragend! Alle anderen spielen schlecht und/oder unfair. Und der Schiri ist immer gegen uns. So ist es doch nun mal. Oder?
Egal, in der Kabine lässt man die Dinge einfach laufen und stellt keine Fragen. Man glaubt alles, was man selbst verzapft. Spült den Frust über den eigenen Verfall mit einem Schluck Bier runter. Und zehn Minuten später kann man auch schon wieder über das Luftloch aus der 41. Minute lachen. Erst heimlich, dann lauthals. Weil es so viel Spaß macht. Einmal die Woche, einmal im Monat, die ganze Saison über, die ja irgendwie unser Leben ist.
»Hab ich es doch gesagt. Alles arschkalt!« Schnecki kommt aus der Dusche. Er quetscht sich in die schlecht sitzende Jeans, streift den Pullunder über und pfeift so die dritte Halbzeit an. Ab in die Dusche.
1:5 verloren. Noch zwei Spieltage. Vielleicht steigen wir diesmal ab. Und doch bleiben wir für immer drin. In unserer Kabine.
Sonntag, 16:04 Uhr: Wenn die Lichter scheinbar ausgehen im Klub, glüht wenigstens im Vereinsheim noch der Zapfhahn. Einen Kurzen und ein Langes, so flankt der gemeine Kiebitz sich heute nach dem fußballerischen Elend ins Glück. Der Lokalreporter drückt seine Zigarette aus und gibt die letzten Zitate an seine Redaktion durch. Neben ihm schiebt sich Flasher hastig zum Tresen durch.
»Eine Spezi bitte!«
»Flasher! Da will sich aber einer so richtig den Frust runterspülen«, sagt Archie und schiebt nach: »Mit oder ohne Kohlensäure?«
Unterhaltungen mit dem Wirt unserer Vereinskneipe sind wie Tischtennis – man sollte immer einen Konterschlag parat haben.
»Einer muss ja nüchtern bleiben in dem Puff hier«, sage ich also, und Archie hebt den Kopf, zieht anerkennend seine linke Augenbraue hoch.
»Nicht schlecht, Flasher. Aus dem kleinen Hosenscheißer wird noch ein richtiger Mann.« Archie und seine Frau Gitte: Das sind für viele die einzigen echten Konstanten in diesem Verein. Und im Grunde habe ich in den vergangenen fünfzehn Jahren selten mehr als zehn Sätze am Stück mit ihnen geredet. Und der erste davon war meistens: »Eine Spezi bitte!«
»Apropos nüchtern, Gitte hat deinen Alten nach Hause gebracht. Der war drüber!« Archie stellt mein Glas auf den Tresen und nickt mir zu.
»Danke«, sage ich. Nach jedem Heimspiel hetze ich ins Vereinsheim, um meinen Vater vom Tresen zu kratzen. Weil er einfach kein Limit kennt. Das ist so peinlich. Ich versuche alles, damit die Mannschaft meinen alten Herrn nicht im Vollrausch erlebt. Ich weiß, dass Archie und Gitte das auch irgendwie für mich machen. Ich verstehe nicht mal, warum.
Einmal habe ich Archie auf dem Schützenfest getroffen. Es war schon ziemlich spät, und ich bin zusammengezuckt, als er mir plötzlich entgegenkam und mich gut gelaunt grüßte. Ich habe mich ewig gefragt, warum ich mich dabei so erschrocken hatte. Und dann fiel es mir ein: weil er plötzlich Beine hatte. Ich kannte ihn bis dahin nur vom Oberkörper aufwärts. Er könnte ohne Hose hinterm Tresen stehen, und keiner würde es merken. Wahrscheinlich macht er das manchmal. Nur zum Spaß. Zutrauen würde ich es ihm, denn er hat leicht einen an der Klatsche. Natürlich. Das muss er auch als Kneipenwirt im Vereinsheim.
»Schon gut, Junge. Auf uns kannst du dich verlassen«, sagt Archie und zapft die Pilstulpen voll. Die Tür geht auf, und die Mannschaft kommt rein. Wieder mal geschafft.
»Hakhakhakhakhak«, am anderen Ende des Raums donnert sofort das verbale Maschinengewehr los. So nennen wir Döllis Dauerfeuerlache. Er lehnt an der Wand, Kippe im Mundwinkel, Pils in der Hand. So ballert er seine Lachsalven raus. Vor ihm bildet die halbe Mannschaft einen Halbkreis. Ein sicheres Zeichen dafür, dass Dölli lautstark von seinen erotischen Abenteuern der vergangenen Woche prahlt. »Und dann habe ich erst mal schön das Massageöl rausgeholt. Bin ja ein Gentleman, ganz alte Schule«, höre ich ihn döllern. Zu laut zum Weghören, zu leise, um jedes Wort zu verstehen. Und dann »Hakhakhakhakhak«.
Wenn man es so döllern hört, könnte man meinen, der Typ habe Tinder durchgespielt. Es ist jedes Mal ein absurdes Theater. Alle lachen, stacheln ihn weiter an. »Ach komm, Dölli. Massage oder was? Du weißt doch nicht mal, wie man einen BH aufmacht, du Proll«, gibt Schnecki Kontra. Weil er genau weiß, dass es dann noch besser wird. Dass Dölli dann immer noch einen drauflegt.
Ende der Leseprobe
