Alles beginnt im Geist - Thomas M. Waldmann - E-Book

Alles beginnt im Geist E-Book

Thomas M. Waldmann

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Beschreibung

In diesem Buch beschreibt Thomas M. Waldmann seine Erfahrungen mit tiefen Bewusstseinszuständen und die Erkenntnis, dass unser alltägliches Wachsein nur ein begrenzter, traumähnlicher Zustand ist. Die wahre Befreiung – das "Große Erwachen" – liegt darin, aus diesem Zustand zu erwachen und in das volle Bewusstsein einzutreten. Thomas M. Waldmann lädt dazu ein, Illusionen zu durchschauen und das Leben in Klarheit und innerem Frieden zu erfahren.

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Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Thomas M. Waldmann

Alles beginnt im Geist

Durch Selbstbefreiung zum großen Erwachen

1. Auflage 2025

eISBN 978-3-941664-94-4

© 2025 Novalis Verlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Umschlag: Florian von Wissel, Köln., Umschlagmotiv: © Thomas M. Waldmann

Autorenfoto: © Salome Waldmann

Satz und Layout: Red Cape Production, Berlin

Bei Fragen und Anmerkungen zum Produkt wenden Sie sich bitte an: [email protected]

Gutenbergstr. 33, 50823 Köln

INHALT

VORWORT

EINLEITUNG

A ᛁ GEIST

Geist oder Bewusstsein?

Was ist Geist?

Geist erschafft das Universum – Vorschau

B ᛁ WACHSEIN UND TRÄUMEN – EIN VERGLEICH

Die Unterschiede von Wachsein und Träumen

Die Gemeinsamkeiten von Wachsein und Träumen

Erwachen im wörtlichen und im übertragenen Sinn

Klartraum (erwachen im Traum)

Das Große Erwachen I (erwachen im Wachsein)

Das Problem des Vergessens

Geist und Gehirn

Die »Lösung« (das Große Erwachen II)

C ᛁ SELBSTBEFREIUNG

Lineares Denken und seine Folgen

Der performative Widerspruch

Die Grundgewissheit

Alles ist kreisläufig

Selbstführung

Selbstüberwindung

Selbstbefreiung

Selbstbehinderung

Das Postulat des offenen Geistes

Wie wir den Zustand der Täuschung erkennen

Das Große Erwachen III

Die systematische Erforschung aller Geisteszustände

Liebe

D ᛁ WIE GEIST DAS UNIVERSUM ERSCHUF

Geist erschafft das Universum I – Erschaffung aus dem »Nichts«

Vor dem Anfang – etwas oder nichts?

Geist erschafft das Universum II – der Sprung von der Einheit in die Zweiheit

Die Entstehung von Zeit und Raum – Zeit ist kreisläufig

Geist erschafft das Universum III – Warum nur?

E ᛁ WIE ICH ZU MEINEN ERKENNTNISSEN GELANGTE

Ein Überblick

Die neunmonatige Reise

Das erste Gipfelerlebnis

Vom Hoch zum Tief: Krebs

Krebs zum Zweiten

Persönlichkeitsarbeit

Geschafft – Das Buch ist fertig

Die sich häufenden Zufälle auf Kreta

Das zweite Gipfelerlebnis

Umzug nach Kreta

Das zweite Buch ist binnen eines Monats geschrieben

Das dritte Buch

SCHLUSSWORT

DANK

ANHANG

Die Gottesformel (Rückschau auf das erste Buch)

Die kosmologische Wende (Vorschau auf das dritte Buch)

LITERATURVERZEICHNIS

Bücher

Internet

DER AUTOR

PUBLIKATIONEN DES AUTORS

Bücher

Webseiten

Publikationen in Vorbereitung

Für Salome und Amadea

VORWORT

Dieses Buch hat drei Ziele. Erstens will ich den Geist ins rechte Licht, das heißt ins Zentrum des Interesses, rücken (Teil A). Der moderne Mensch erkennt nämlich die Bedeutung des Geistes nicht oder nicht mehr. Geist ist aber in jeder Hinsicht das entscheidende Medium. So sind nicht nur die Antworten auf alle Fragen über Sinn und Zweck oder Ursache des Daseins im Geist zu finden. Geist ist auch der »Motor« der Welt und der Hervorbringer unserer aktuellen Welt, was auch Zivilisation und Technik beinhaltet. Nicht zuletzt ist er auch der Erschaffer der Welt an sich, des Universums – alles beginnt im Geist.

Zweitens will ich deutlich machen, dass wir, wenn wir meinen, wir seien wach, einer Täuschung unterliegen, die schwer zu erkennen ist. In Wirklichkeit befinden wir uns in einem Traumzustand. Wir können jedoch aus diesem Zustand der vermeintlichen Wachheit genauso erwachen – ich nenne es das »Große Erwachen« –, wie jeden Morgen aus dem nächtlichen Schlaf (Teil B). Ich habe dieses Große Erwachen erlebt und kann darum aus erster Hand davon berichten. In unserem normalen Wachzustand sind, ähnlich wie in den nächtlichen Träumen, unsere geistigen Fähigkeiten eingeschränkt, und wir täuschen uns in vielem, jedoch bemerken wir dies oft nicht. Das ist der Hauptgrund für viele Probleme und für unsere Schwierigkeiten, diese zu lösen. Das Große Erwachen ist der beste Weg zu deren Lösung, weil wir dabei schlagartig die Täuschungen unseres Traumes erkennen.

Als Drittes möchte ich zeigen, dass wir uns selbst aus diesem vermeintlich wachen Traumzustand befreien und erwachen können (Teil C). Niemand kann das verhindern, außer wir selbst. Wir sind von niemandem abhängig, der uns den Weg zeigt. Wir brauchen auch nicht darauf zu warten, dass das Schicksal uns eine Chance dazu einräumt. Wir müssen nur erkennen, dass es überhaupt möglich ist und dass jeder Mensch dieses Potenzial hat. Dann kann uns nichts und niemand mehr aufhalten, diesen Weg zu beschreiten – außer eben wir selbst. Wir müssen nur noch herausfinden, ob und wie wir uns selbst behindern. Dann können wir diese Selbstbehinderung überwinden und uns schrittweise von ihr befreien. Das nenne ich »Selbstbefreiung«. Auf diesem Weg können wir so lange weitergehen, bis wir das Große Erwachen erreichen.

In Teil D zeige ich, wie der Geist das Universum erschuf. Vieles davon ist äußerst einfach, läuft aber unseren gewohnten Vorstellungen zuwider. Wir erhalten darum viele Beispiele für unsere alltäglichen Täuschungen vorgeführt.

Das Große Erwachen war zu allen Zeiten und in allen Kulturen verschiedenen Menschen widerfahren. Wie viele es insgesamt waren, lässt sich nicht bestimmen, weil nicht alle darüber berichteten. Offenbar waren es nur wenige, denn das Wissen um die Möglichkeit des Großen Erwachens ist bis heute kein Allgemeingut. Es wurden verschiedene Ausdrücke dafür verwendet wie »Erleuchtung«, »Mystik«, »Samadhi«, »Satori« usw. Alle diese Begriffe haben den Nachteil, dass sie einen religiösen Bezug haben und dass wir sie nicht direkt verstehen können. Wir können darum nur falsche Vorstellungen davon haben, wie z. B. der Glaube, wir würden dabei etwas Neues, Unbekanntes erleben oder dieses Erlebnis sei nur wenigen Menschen vorbehalten. Es ist aber, so wie jeder Mensch regelmäßig schläft, träumt und wieder erwacht, jedem Menschen jederzeit möglich, in diesem Sinne zu erwachen. Und beim Erwachen erleben wir natürlich nichts Neues, sondern wir kehren in einen altbekannten Zustand zurück. Darum ziehe ich Begriffe vor, die neutral sind und die jeder kennt. Die Begriffe »Erwachen«, »Geist« und »Befreiung« kennt jeder aus dem Alltag und kann sie deshalb verstehen. Darum gehe ich davon aus, dass sich jeder prinzipiell vorstellen kann, was das Große Erwachen sein könnte.

Ich habe meine Einsichten schon einmal ausführlich, fundiert und sachlich in einem Buch auf über 600 Seiten dargelegt. Ich hatte diesem Buch den Titel »Die Gottesformel« gegeben. Der Begriff »Gott« im Titel schien viele abzuschrecken. Also sollte das vorliegende zweite Buch kürzer und leichter zu lesen und von vorbelasteten Begriffen weitgehend frei sein. Es sollte sich auf das Wesentliche konzentrieren, weniger Zitate und Literaturverweise und dafür neues Material enthalten. Hatte ich im ersten Buch noch das Schwergewicht auf meine Erkenntnisse gesetzt und kaum Hinweise darauf gegeben, wie das Große Erwachen selbst erreicht werden kann, so ist es im vorliegenden Buch gerade umgekehrt. Geist und Großes Erwachen stehen im Vordergrund, und meine Erkenntnisse wurden auf das Notwendige reduziert. Ein neuer, ausführlicher Vergleich von Wachsein und Träumen soll erkennen lassen, dass diese beiden Zustände viel mehr Ähnlichkeiten haben, als uns üblicherweise auffällt. Damit beginnt dann auch die Möglichkeit des Großen Erwachens aufzuscheinen.

Im ersten Buch hatte ich persönliche Erlebnisse weitgehend ausgeklammert. Ich wollte mich als Person nicht in den Vordergrund stellen. Das will ich auch jetzt nicht. Ich wurde jedoch immer wieder gefragt, wie ich zu meinen Erkenntnissen gelangte. Wenn ich dann aus dem Stehgreif von meinem Erlebnis des Großen Erwachens erzählen wollte, gelang mir das nur mit Schwierigkeiten und führte häufig zu Missverständnissen. Ich äußerte mich darum nur ungern mündlich. Mir wurde aber klar: Die Leser haben ein Recht zu erfahren, wie ich zu meinen Einsichten gelangte. Also fügte ich dem vorliegenden Buch eine Schilderung meiner Erlebnisse bei (Teil E). Die Leser haben aber auch ein Recht zu erfahren, wie sie selbst zu dieser Erfahrung gelangen können. Das eigene Erleben des Großen Erwachens ist nämlich die einzige Möglichkeit, »die Wahrheit« zu erkennen. »Die Wahrheit« ist nicht in Worte fassbar und kann darum so nicht vermittelt werden. »Die Wahrheit«, das ist der voll erwachte Zustand des Geistes.

Ich beschreibe also zuerst das Große Erwachen an sich und gebe dann Anregungen, wie jeder selbst dahin gelangen kann (Teil A – C). Als Zugabe schildere ich meine persönlichen Erlebnisse (Teil E), wobei natürlich mein eigenes Großes Erwachen den herausragenden Höhepunkt meines Lebens darstellt. Da mit diesem Höhepunkt mein Leben eigentlich erst begann, soll auch das vorliegende Buch damit beginnen. Ich stellte die Schilderung meines Großen Erwachens an den Anfang des Buches (Einleitung). Der »Vater« der Humanistischen Psychologie, Abraham Maslow, hatte für solche Höhepunkte den Begriff »Gipfelerlebnis« (peak experience)1 geprägt. Er macht uns sehr viel Hoffnung, wenn er ausführt, »dass Gipfelerlebnisse weitaus häufiger vorkommen, als ich jemals erwartet hatte … Praktisch jeder berichtet von Gipfelerlebnissen, wenn er auf sie angesprochen und befragt und in der richtigen Weise ermutigt wird.«2 Natürlich ist nicht jedes Gipfelerlebnis auch ein Großes Erwachen. Aber die Kenntnis und die Erfahrung, dass unser Geist außergewöhnliche Erlebnisse haben kann, ist offenbar weiter verbreitet, als es den Anschein macht.

Die beim Großen Erwachen gewonnenen Einsichten sind durch Nachdenken nicht zu erlangen. Es gibt allerdings zwei Themen, die uns jetzt schon erkennen lassen, dass wir uns in vielem täuschen: die Situation der Erde insgesamt sowie einige weltanschauliche Behauptungen, die auf fehlerhaften logischen Schlüssen beruhen.

Sowohl das ökologische (natürliche) wie das ökonomische (wirtschaftliche), auf Geld basierende System drohen weltweit zusammenzubrechen. Bei einem Wirtschaftssystem, das in einer begrenzten Welt auf unbegrenztem Wachstum beruht, sollte das eigentlich niemanden erstaunen. Aktuell betragen die weltweiten Schulden das Sechsfache des Geldes, das überhaupt vorhanden ist3. Beim Zusammenbruch der natürlichen Systeme durch Übernutzung einerseits und Verschmutzung andererseits, kurz »Ökokollaps« genannt, droht sogar, dass sich die »Menschheit«, wie es der Physikprofessor Harald Lesch formuliert, »selbst abschafft«4. Irgend etwas stimmt nicht mit dem Menschen bzw. dessen Bewusstseinszustand, und zwar unabhängig davon, ob diese drohenden Entwicklungen richtig eingeschätzt werden oder nicht. Wenn die Einschätzung richtig ist, dann fragt sich: Wieso unternimmt der Mensch nicht mehr, um diese Entwicklungen abzuwenden? Wenn sie falsch ist, dann fragt sich: Wie kommt der Mensch auf solch verrückte Voraussagen? Diese schizophrene Situation lässt uns erkennen, dass der Mensch sich im Zustand der Täuschung befindet. Ich habe diesem Thema darum ein eigenes Kapitel gewidmet (C-10). Ervin Laszlo, Stanislav Grof und Peter Russell kommen in ihrem Buch »Die Bewusstseins-Revolution« zum Schluss, dass die Menschheit einen Bewusstseinssprung brauche, um sich und den Planeten zu retten5. Das Große Erwachen, das ich im vorliegenden Buch vorstelle, ist das Mittel der Wahl, um diesen Sprung zu erreichen.

Es gibt die Möglichkeit, unseren Zustand der Täuschung durch das Erkennen von logischer Wahrheit zu durchschauen. Besonders interessant sind dabei jene populär-provokativen Behauptungen wie z. B. »alles ist relativ«, die wegen des Selbstbezugs zu einem Widerspruch führen und sich selbst widerlegen (siehe Kap. C-2). Dank ihnen besteht schon vor dem Großen Erwachen eine Chance, der Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. Das soll das Interesse am eigenen Großen Erwachen wecken und fördern.

Ich wünsche allen Lesern viel Anregung und Spaß mit meinem Buch!

thomasmaxwaldmann

basel, januar 2024

  1Abraham H. Maslow: Jeder Mensch ist ein Mystiker, S. 18

  2Maslow, ebd., S. 19

  3Detaillierte Quellenverweise siehe Kap. C-10 »Wie wir den Zustand der Täuschung erkennen«

  4Harald Lesch & Klaus Kamphausen: Die Menschheit schafft sich ab

  5Stanislav Grof, Ervin Laszlo & Peter Russell: Die Bewusstseins-Revolution

EINLEITUNG

Wenn ich schreibe: »Alles beginnt im Geist«, so gilt das in einem gewissen Sinn auch für mein Leben. Dieses hatte nämlich eines Tages mit einem unerwarteten, besonderen geistigen Erlebnis, dem »Großen Erwachen«, erst wirklich begonnen. Ich hatte dabei nicht nur grundlegende Einsichten und Erkenntnisse gewonnen, sondern auch die Klarheit, was ich beruflich tun wollte: Es war der Beginn meines Lebens als Autor. Was das Große Erwachen ist und wie es erreicht wird, erläutere ich ab Kapitel 1. Zunächst beginne ich jedoch mit der Schilderung, wie ich es erlebte, vorerst ohne jede Erklärung. Bis zu dem Zeitpunkt nämlich, als es mir passierte, wusste ich auch nicht, dass soetwas überhaupt möglich ist, noch was es bedeutet, oder was noch alles kommen würde.

Ich saß zuhause im Sessel, es muss im September 1985 gewesen sein. Das genaue Datum weiß ich nicht mehr, ich führte damals kein Tagebuch. Ich hatte bis zum August einen befristeten Aushilfsjob gehabt. Im November würde ich dann eine Ausbildung zum Programmierer beginnen. Ich hatte also einige Wochen frei. Ich war allein. Es war ruhig. Ich hatte gerade nichts zu tun, und die Stimmung war okay. Auch hatte ich keine Pläne oder Vorhaben, und es war in letzter Zeit nichts Bewegendes passiert, weder Positives noch Negatives. Es war also nichts da, was mich gedanklich beschäftigte, weder Freuden noch Sorgen noch sonst etwas. Ich hatte keine besonderen Gedanken – wahrscheinlich gar keine. So genau kann ich das heute nicht mehr sagen. Würde ich meinen Geist im damaligen Zustand mit dem Ozean vergleichen, so würde ich sagen, er war spiegelglatt, nicht der leiseste Hauch einer Welle war auszumachen. Mehrere günstige Umstände ermöglichten also das Eintreten des folgenden geistigen Ausnahmezustandes.

Ich saß wie gesagt im Sessel. Aus heiterem Himmel passierte da etwas in meinem Geist, was ich zunächst nicht kannte. Von Anfang an war ich mit einer besonders klaren Wahrnehmung innerhalb meines eigenen Geistes anwesend und sah zu, was da vor sich ging. Die folgenden Beschreibungen sind teilweise sinnbildlich, also gleichnishaft, da diesen Erlebnissen in meinem bisherigen irdischen Leben nichts Vergleichbares vorausging. Ich verfüge also über kein Vokabular, welches alles genau beschreiben würde.

»Ich ›erwachte‹ in einen Bewusstseinszustand, in eine Weise des Erkennens, die zugleich neu und doch altbekannt, aber lange vergessen war. Es war ein Zustand des unbeschreiblichen Glücks, der totalen Freiheit und Klarheit, ein Zustand, der umfassender und intensiver war als alles, was ich bisher kannte.«6

In meinem Geist senkten sich eine Art Mauern, die um mich herum gewesen waren und verschwanden schließlich ganz. Diese Mauern hatten mir bisher den wahren Blick in die wahre Welt dahinter verwehrt, was mir aber nie aufgefallen war. Nun fiel es mir wie Schuppen von den geistigen Augen. Ich erkannte, was dahinter verborgen gewesen war: das vielleicht größte Geheimnis der Welt – ich selbst, mein Geist oder einfach: Geist. Und dies war kein gewöhnliches »Sehen«, es war ein direktes Sehen, ein Sein. Ich erlebte in einer kaum beschreibbaren Weise, dass ich als erkennendes Subjekt nicht nur in mir drin bin, sondern auch »draußen«, ja überall. Da es so unglaublich klingt, möchte ich es nochmals betonen: Ich sah mich nicht nur draußen, ich war auch draußen, auch außerhalb des Körpers, wobei ich zugleich innerhalb und außerhalb des Körpers war, überall. Draußen und Drinnen waren eins geworden. Der Begriff »außerkörperlich« wäre für dieses Erlebnis darum irreführend, weil er »nur draußen« bedeutet. Diese Sichtweise hatte jetzt keine Gültigkeit mehr. Es war ein rein geistiges Erleben. Der Körper spielte in diesem Moment absolut keine Rolle, genauso wie das ehemalige Innen. Das war nämlich, im Vergleich zum Außen, zu einer unwesentlichen Bagatelle zusammengeschrumpft. Jetzt war es sogar umgekehrt. Das ehemalige Außen war unermesslich viel größer als vorher das Innen – es war das »Große Zuhause«, die wieder gefundene »Heimat«, das wahre, das ewige Innen, wo es kein Außen mehr gibt, und das darum auch nicht mehr »Innen« genannt werden kann. Es war einfach nur noch das, was ist. Da wir uns üblicherweise als Person mit dem Innen identifizieren, könnten wir das Erlebnis »transpersonal« nennen. Die Mauern hatten vorher in meinem Geist das Innen vom Außen getrennt. Mit ihrem Verschwinden war nun auch diese Trennung verschwunden; jetzt war alles nur noch ein einziger Bereich, alles war eins geworden. So hatte ich auch das Gefühl, als Subjekt alles von irgendwo im ehemaligen Außen wahrzunehmen.

Ich konnte von draußen in dieses Wesen, das ich sonst als mich selbst bezeichne, »hineinsehen«, es war nun sozusagen transparent geworden. Doch dieses Wesen war nur noch ein unerheblicher Teil des Ganzen, eine unbedeutende Randerscheinung. Der Geist dieses Wesens, also das ehemalige Innen, war nun einfach ein Teil des gesamten Geistes. Der Körper dieses Wesens, sozusagen mein Transportmittel auf Erden, war nun einfach ein Teil der Welt, dem aber nicht mehr Bedeutung zukam als der restlichen Welt. Und die Welt – das war einfach eine Erscheinung im Geist. Alles zusammen war nur eines, und dieses Eine, dieses Ganze, das war ich selbst. Das war der Moment der wahren Selbsterkenntnis. Ich erkannte mit mir selbst zugleich auch die Welt, was die Welt in Wahrheit ist. Und damit eben das Ganze, das Ungeteilte, die ursprüngliche Einheit, die Wirklichkeit, den Geist, das Eine, denn das alles bin ich selbst. Und in Wahrheit ist es nur eines; die Teile sind nur Schein. Ebenso gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich das alles schon kannte, dass ich das nicht neu entdeckte, dass ich das bloß vergessen hatte – jetzt war ich aufgewacht und erinnerte mich wieder. Jetzt war mir auch wieder klar, dass alle Macht des Wirkens im Geist gründet, dass ich darum alles erreichen kann, was ich will, und dass mir, der ich wirklich bin, nichts geschehen kann.

Es war keine Eins-«Werdung«, sondern ein Wieder-Entdecken, ein Wieder-Erleben, ein Wieder-Erinnern, dass alles eins ist und schon immer eins war. Das war ein gewaltiger Moment. Mir war klar: Das ist es – das ist die Wirklichkeit! Ich hatte bisher, ohne mir darüber bewusst zu sein, geträumt und erkannte nun diesen Traum in dem Moment, wo ich erwachte. Mir liefen die Tränen runter, an andere körperliche Symptome kann ich mich nicht erinnern. Der Zustand war weiter gekennzeichnet durch eine natürliche Selbstverständlichkeit. Hier gab es nichts zu erklären. Es war alles so klar, so einfach und zugleich so gewaltig. Und es war ein Zustand der fantastischen Liebe. In Tat und Wahrheit war es ein unbeschreiblicher Zustand.

Die Mauern, die sich in meinem Geist gesenkt hatten, befanden sich tatsächlich innerhalb meines Geistes. Im ersten Moment schienen sie am Rande, am Horizont meines Geistes zu sein. Doch das war eine Täuschung, die ich erst erkannte, als ich das »Dahinter« »sah«. Bisher hielt ich »meinen« Geist für meinen persönlichen Geist, so wie es alle anderen Menschen wohl auch empfinden. Ich empfand ihn als von eher endlicher Ausdehnung, ohne dass ich je eine Grenze gesehen hätte und ohne dass ich über die Größe oder Ausdehnung oder Begrenzung meines Geistes nachgedacht hätte. Diese Grenzen, diese »Mauern«, hatte ich erst dann wahrgenommen, als sie sich zu senken begannen. In diesem Moment erkannte ich auch, dass »mein« Geist oder jetzt eben korrekter der Geist viel größer ist als jener individuelle Bereich, den ich bisher benützte. Es gibt also tatsächlich ein Außerhalb dieses gewohnten alltäglichen geistigen Feldes, mit dessen Inhalt wir uns normalerweise identifizieren. Doch dieses Außerhalb ist ebenfalls geistig, und es ist derselbe Geist wie innerhalb meines persönlichen Bereiches. Außerhalb und Innerhalb sind zusammen nur ein Einziges.

Es gibt nur einen Geist, einen einzigen Geist, genauso wie es nur ein einziges Subjekt, ein einziges Ich gibt. Geist und Ich sind dasselbe; das Ich ist sozusagen überall im Geist verteilt, ohne Grenzen, eins mit allem eben. Jetzt erkannte, erlebte und erinnerte ich all das wieder. Im Alltag hatte ich das bisher nicht erkannt, weil die beiden Bereiche, innen und außen, eben durch solche unsichtbaren »Mauern« getrennt waren. Und ich hatte mich nicht daran erinnert, weil ich in einem Traumzustand war, wo diese Erinnerungen blockiert waren. Was ich im Alltag als Innenraum, als »meinen« Geist erlebe, ist bloß ein Teilbereich des einen Geistes, an dem alle anderen Individuen ebenfalls teilhaben. Was ich im Alltag als mein »Ich« empfinde, ist dasselbe eine und einzige »Ich«, das auch alle anderen Subjekte als ihr »Ich« empfinden. Dieses Ich bzw. dieses Subjekt gibt es nur einmal. Der Geist ist das Ur-Eine, die Einheit. Die Welt an sich ist eine Vorstellung in diesem ureinen Geist. Weil der Geist und das Ich identisch sind und das Ich sozusagen überall und darum nicht lokalisierbar ist, entsteht mit der individuellen Abgrenzung innerhalb des Geistes automatisch ein individuelles »Ich«. Dieses individuelle Ich ist in dieser Vorstellung in einen Körper eingefaltet, mit dem es sich dann im Alltagswachtraum identifiziert.

Soviel zu meinem direkten Erleben. Es gab natürlich noch eine Vorgeschichte, eine neunmonatige Reise, die dazu führte, dass ich vieles, wenn nicht sogar das allermeiste, losließ und mich dadurch in einem weitgehend befreiten Zustand befand, der das Eintreten des beschriebenen geistigen Ausnahmezustandes überhaupt erst ermöglichte. Diese Vorgeschichte schildere ich zum Abschluss des Buches in Teil E. Ebenfalls erzähle ich in diesem Abschlussteil die Nachgeschichte, denn die »Geschichte«, also mein eigentliches Leben, begann wie erwähnt erst mit dem Großen Erwachen. Sie bescherte mir außer dem anfänglichen Höhepunkt einige Höhen und Tiefen wie z. B. die Erkrankung an Krebs sowie die Erfahrung, dass Krebs überwunden werden kann, oder 25 Jahre später einen weiteren geistigen Ausnahmezustand, der dazu führte, dass ich das vorliegende (zweite) Buch schrieb.

Und dieses Buch möchte ich nun im folgenden 1. Kapitel beginnen mit dem Hauptthema: der Geist und das Großen Erwachen.

  6Thomas M. Waldmann: Die Gottesformel, S. 13 (Vorwort)

A ᛁ GEIST

In Teil A befassen wir uns zuallererst mit dem meiner Meinung nach Wichtigsten, was es überhaupt gibt: Dem Geist, der in jedem von uns tätig ist.

Geist oder Bewusstsein?

Der moderne Mensch hat den Geist aus den Augen verloren. Er weiß nicht oder nicht mehr, was Geist ist. Der Philosophieprofessor Michael Pauen gibt in seinem Buch »Die Natur des Geistes« gleich als Erstes zu:

»Die Entdeckung der Natur des Geistes ist eine der letzten großen wissenschaftlichen Herausforderungen.«7

Genau genommen ist sein Buchtitel »Die Natur des Geistes« irreführend. Er spricht nämlich meist nicht von »Geist«, sondern von »Bewusstsein«, wie es heute üblich ist. Wenn wir uns den Unterschied zwischen »Geist« und »Bewusstsein« klarmachen, so wird auch das Problem an der heutigen Sicht des Geistes klar.

Geist ist eine Sache. Bewusstsein jedoch ist gemäß Pauen, »eine Eigenschaft, die einen Träger benötigt«.8 Bewusstsein ist also keine Sache, sondern eine Eigenschaft einer Sache. Insofern ist der Begriff »Bewusstsein« im doppelten Sinne widersprüchlich. Erstens: Als Substantiv (Dingwort) gaukelt er uns vor, für ein Ding, eine Sache, eine Substanz zu stehen (»Substantiv« ist von »Substanz« abgeleitet). Zweitens: Der Begriff »Bewusstsein« ist gar kein echtes Substantiv, sondern ein Verb (»sein«), das zusammen mit dem Adjektiv »bewusst« substantiviert wurde.

Erkennen Sie den Unterschied zwischen einer Sache und einer Eigenschaft? Eine Sache ist etwas Selbstständiges, Konkretes. Eine Eigenschaft, die einen Träger benötigt, ist nichts Selbstständiges, nichts Konkretes. Sie ist etwas Abhängiges. Und genau das ist der springende Punkt. Es geht um die Frage: Ist Geist etwas Selbstständiges oder etwas Abhängiges? Etwas, das aus sich heraus existiert, oder eine Eigenschaft oder ein Produkt des Körpers? Früher wurde der Geist als »eigenständige mentale Substanz«9betrachtet. Heute wird Geist nur noch als »physische Eigenschaft«10 gesehen.

Aber: Geist ist etwas Selbstständiges, Unabhängiges. Geist wird nicht von etwas anderem erzeugt. Geist braucht keinen Träger. Geist existiert aus sich heraus, ohne etwas anderes zu benötigen. In diesem Sinne können wir sagen, Geist ist eine Sache. Andere Begriffe wie »Substanz« oder »Ding« eignen sich für den Geist eher nicht, da sie für materielle Gegenstände verwendet werden. Der Begriff »Sache« passt jedoch ausgezeichnet zum Geist, da es die dazugehörenden Begriffe »Hauptsache« (»Haupt-Sache«) und »Ursache« (»Ur-Sache«) gibt. Geist ist nämlich nicht einfach nur eine Sache unter anderen Sachen. Geist ist die Hauptsache und die Ur-Sache von allem. Und: Geist ist sogar die einzige Sache, die es gibt, wie wir noch sehen werden.

Geist ist etwas Selbstständiges. Bewusstsein ist wie gesehen etwas Abhängiges, eine Eigenschaft, ein Zustand, oder wie es die moderne Kognitionsforschung formuliert, ein Prozess, der v. a. in den kreisläufigen Strukturen der Selbstorganisation geortet wird11. Das bestätigt uns, dass der moderne Mensch die Bedeutung des Geistes nicht erkennt. Eine Sache ist etwas. Eine Eigenschaft oder ein Prozess ist nichts. Geist ist also etwas, doch Bewusstsein ist nichts. Diese Sichtweise verdeutlicht wohl dramatisch, wie extrem die moderne Forschung an der Wirklichkeit des Geistes vorbeigeht, diesen eben aus den Augen verloren hat.

Die Einstufung des Geistes als abhängig seiend, als »eine Eigenschaft, die einen Träger benötigt«, was durch die Verwendung des Begriffes »Bewusstsein« unterstützt wird, ist eine der modernen Täuschungen, die auf der unzutreffenden Annahme beruht, der Geist werde durch die Materie bzw. das Gehirn hervorgebracht. Geist ist jedoch nicht nur selbstständig, das heißt, er braucht keinen (insbesondere materiellen) Träger. Es verhält sich sogar genau umgekehrt: Geist ist der »Träger« von allem. Geist ist das Fundament von allem. Alles beginnt im Geist. Ja sogar: Alles geht aus dem Geist hervor. Das will ich in diesem Buch zeigen.

Der Grad der Bewusstheit bzw. der Wachheit ist eines der Merkmale, anhand dessen sich verschiedene Geisteszustände unterscheiden lassen. Es ist das entscheidende Merkmal, welches für meine weiteren Ausführungen eine Rolle spielt. »Bewusst« (wach), »unbewusst« (bewusstlos oder im traumlosen Tiefschlaf) und »teilbewusst« (träumend) sind jene drei Zustände des Geistes, die jeder kennt. Wachsein und Träumen sind jene zwei Zustände, die ich als Erstes miteinander vergleichen will. Dieser Vergleich wird uns entscheidende Hinweise liefern, dass wir, wenn wir meinen wach zu sein, uns in Wirklichkeit in einem Traumzustand befinden, aus dem wir erwachen können.

Die moderne Einschätzung des Geistes als abhängig, nicht selbständig, ist also falsch. Der Begriff »Bewusstsein« kann zwar nicht als falsch bezeichnet werden, da Worte keine absolute Bedeutung haben (mehr dazu beim »Problem der Sprache« in Kap. B-8). Aber er ist ungeeignet und einer präzisen Kommunikation abträglich. Er trübt sozusagen den klaren Blick auf den Geist. Darum bevorzuge ich das Wort »Geist«. Ich komme trotzdem nicht darum herum, den Ausdruck »Bewusstsein« manchmal zu verwenden, z. B. durch Begriffe wie »Selbstbewusstsein« oder »Unterbewusstsein«, die sich eingebürgert haben und nicht sinnvoll durch neue Worte zu ersetzen sind. Außerdem ist »Bewusstsein« doppeldeutig. So gibt es einerseits das »Bewusstsein an sich«, das eben Geist entspricht und das Gefäß oder das Medium meint. Andererseits gibt es auch ein »Bewusstsein von etwas«, was gleichbedeutend ist mit »sich etwas bewusst sein«, »etwas wissen«, was mehr den Inhalt des Gefäßes beschreibt. Dazu gehört, neben dem erwähnten Selbstbewusstsein, auch das »neue Bewusstsein«, von dem wir heute ab und zu lesen. Es bedeutet soviel wie ein neues Denken, eine neue Weltsicht, eine neue Einstellung oder Haltung usw. Dabei ist »neu« ein zu wenig differenzierendes Wort, denn neu heißt bloß »anders als bisher«; es heißt nicht a priori »besser«, obwohl in der Regel genau das gemeint ist: besser. Es sollte dann, der Präzision zuliebe, eher von einem fortschrittlicheren, umfassenderen, tieferen oder höheren Bewusstsein gesprochen werden.

Was ist Geist?

Ich war ursprünglich davon ausgegangen, dass jeder weiß, was Geist ist, weil jeder Geist hat. Wenn ich vom Geist erzähle, werde ich jedoch immer wieder gefragt, was genau ich mit »Geist« meine. Ich musste mich also eines Besseren belehren lassen. Gemäß Pauen gibt es in der Wissenschaft »noch keine halbwegs auf Dauer angelegte Einigung darüber, was wir sinnvollerweise unter dem Phänomen des Bewusstseins verstehen können«12. Das bedeutet: Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von »Geist« bzw. »Bewusstsein«.

Diese Unklarheit, was das Bewusstsein oder eben den Geist betrifft, bestätigt, dass der moderne Mensch den Geist aus den Augen verlor. Ich versuche darum zu beschreiben, was ich im normalen Alltag unter »Geist« verstehe. Das soll keine Definition sein, ich möchte nur die Verständlichkeit meiner Ausführungen erhöhen. Besondere Eigenschaften des Geistes, die ich aufgrund meiner Erfahrungen im erwachten Zustand erkannte, folgen dann im Verlaufe des Buches.

Alles beginnt im Geist, als Idee, als Vorstellung, als Gedanke. Sei es das Planen und Bauen ein Hauses, eine Reise, eine Ausbildung oder sonst ein Vorhaben. Auch den täglichen Verrichtungen wie dem Zubereiten einer Mahlzeit, dem Einkaufen oder Sich-anden-Arbeitsplatz-begeben geht eine geistige Aktivität voraus, die wir »Denken«, »Überlegen« usw. nennen. Da wir nur über etwas nachdenken oder es in Worte fassen können, das wir zuvor erkannt haben, geht dem Denken immer ein Akt des Erkennens voraus. Denken und Erkennen sind geistige Tätigkeiten. Denkvermögen und Erkenntnisvermögen sind die entsprechenden Fähigkeiten des Geistes.

Wir können uns vor unserem geistigen Auge Bilder oder Abläufe vorstellen. Die entsprechende geistige Fähigkeit ist das Vorstellungsvermögen. Was hier so schnell und einfach beschrieben ist und auch so einfach klingt, ist in Tat und Wahrheit ein absolut einzigartiger und unglaublich mächtiger Vorgang, was wir uns im Alltag wahrscheinlich meist gar nicht bewusst sind. Wenn wir uns in Gedanken etwas vorstellen, z. B. einen Baum, so ist der Baum aus dem Nichts plötzlich in der gewünschten Größe da. Er muss nicht zuerst heranwachsen, wie wir das von der Natur kennen. Das ist wohl die eindrücklichste Fähigkeit des Geistes: Er kann etwas aus dem Nichts heraus erzeugen. Und er kann es in null-komma-nichts, das heißt ohne Zeitverlust erzeugen. Solche geistigen Bilder können neu sein. Sie sind dann erschaffen oder entworfen und werden Ideen, Fantasien, Vorstellungen usw. oder einfach Gedanken genannt. Sie können auch alt sein, dann handelt es sich um Erinnerungen oder Gedanken, die wir schon früher hatten. Die entsprechende geistige Fähigkeit ist das Erinnerungsvermögen. Auch Fähigkeiten wie Intelligenz, Intellekt, Verstand, Vernunft, Ratio usw. sind dem Geist zuzuordnen. Geistige Tätigkeiten laufen täglich so oft in uns ab, dass wir sie wahrscheinlich meist gar nicht mehr bewusst wahrnehmen.

Erkennen, Erinnern, Denken und Vorstellen sind geistige Tätigkeiten. »Geist« ist also das, womit wir denken, wie auch der »Ort«, wo wir denken und unsere Vorstellungen und inneren Bilder betrachten. Wenn ich von »Ort« spreche, so meine ich damit den Geist, nicht den Kopf oder das Gehirn. Geist ist der Ursprungsort des Geschehens. Der Körper spielt in meinen Ausführungen keine Rolle.

Denken und innere Bilder betrachten: Jeder kann das, jeder macht das. Kurz: Jeder hat Geist. Darum müsste eigentlich jeder wissen, was »Geist« im alltäglichen Sinne ist. Weil jeder Geist hat, kann er die folgenden Ausführungen nachvollziehen und an seinen bisherigen Erfahrungen überprüfen oder in neuen Erfahrungen bestätigen. Der Geist und seine Fähigkeiten und Erlebnisse in verschiedenen Zuständen sind nämlich das Hauptthema dieses Buches.

Geist erschafft das Universum – Vorschau

Eine der zentralen Erkenntnisse, die ich zeigen möchte, ist: Geist ist die erfahrbare Wirklichkeit, nicht die Welt um uns herum. Geist ist das, was alles hervorbringt. Hervorbringen ist Wirken. Geist ist also das, was wirkt oder wirken kann. Und: Geist ist das Einzige, was wirken kann. Nur das, was wirkt oder wirken kann, ist wirk-lich. Was bewirkt ist, die Wirkung bzw. das Werk, kann selber nicht wirken und ist in diesem Sinne unwirklich. Geist ist also die einzige Wirklichkeit – Geist ist die Lösung des »Welträtsels«. Und: Es gibt nur einen einzigen Geist. Alle Menschen haben teil an diesem einen Geist. Jeder Mensch benützt sozusagen seinen persönlichen, individuellen Bereich dieses Geistes.

Wurden wir uns einmal gewahr, dass im Alltag praktisch alles im Geist beginnt, so ist die Vorrangstellung des Geistes gegenüber der Materie unschwer zu erkennen. Der Geist ist der wahre Motor der Welt, die einzige Wirklichkeit, eben das, was alles hervorbringt. Der Geist ist der Urheber jener Welt, die wir hervorgebracht haben, was Zivilisation, Technik, Politik, Religion, Wissenschaft usw. umfasst. Der Geist ist auch der Urheber jener Welt, die wir im Inneren hervorbringen. Die Welt im Außen, die Welt an sich, ist uns ja nicht direkt zugänglich, sondern nur durch unsere Wahrnehmung (was schon Kant erkannte). Was wir für die Welt halten, ist in Tat und Wahrheit bloß unser Bild der Welt. Dieses ist, wie früher geglaubt wurde, jedoch kein direktes Abbild, das uns unsere Sinnesorgane vermitteln, sondern ein indirektes Bild, welches der Geist in jedem Menschen aus den Daten zusammenstellt, die die Sinnesorgane als elektrische Impulse ans Hirn übermitteln. Dieses Bild ist rekonstruiert, sofern die Daten aus unserer Wahrnehmung der Welt selbst stammen, und neu konstruiert, sofern die Daten aus fremden Quellen bzw. Informationen über die Welt stammen (Schule, Beruf, Freunde, Zeitungen, Radio, Fernsehen und heutzutage v. a. das Internet usw.). Unser Bild der Welt ist also eine Vorstellung in unserem Geist. Die Folgerung, die zwar nahe liegt, aber Mut und geistige Flexibilität verlangt, lautet: Der Geist ist nicht nur der Urheber der Welt, die wir im Innen und im Außen hervorbringen. Der Geist ist auch der Urheber der Welt an sich, das heißt, das Universum ist eine Erschaffung des Geistes.

Der Geist hat am Anfang der Zeiten mittels seines Vorstellungsvermögens die Welt bzw. das Universum schlagartig aus dem »Nichts« erschaffen, genauso, wie er das heute noch im Menschen im Kleinen macht: Er erschafft Beliebiges »auf einen Schlag« aus dem »Nichts« durch eine Vorstellung vor seinem geistigen Auge. Das erzähle ich an dieser Stelle erst einmal als Vorschau. Es stellt unser ganzes Denken auf den Kopf, ist an sich äußerst einfach und doch so revolutionär, dass wir erst noch einiges über den Geist wissen müssen, bevor wir uns näher anschauen, wie das vor sich ging (siehe Teil D).

Hier möchte ich einmal fragen: Wenn der Geist das Universum erschuf, wieso muss ich das überhaupt erzählen? Warum weiß das nicht schon jeder? Wenn es unser Geist war, der die Welt erschuf, wieso können wir uns nicht daran erinnern?

Die Antwort ist einfach. Weil wir uns in einem verminderten Bewusstheitszustand befinden. Genauer gesagt: weil wir träumen und weil beim Träumen üblicherweise die Erinnerungen weitgehend unzugänglich sind. Und weil wir uns nicht bewusst sind, dass wir träumen. Es ist ja typisch für das Träumen, dass wir nicht merken bzw. erkennen, dass wir träumen – wir halten uns für wach. Das dürfte unser zentraler, fundamentaler Irrtum sein, auf dem alle anderen Irrtümer aufbauen: Wir meinen, wir seien wach. Tatsächlich sind wir aber nicht vollständig wach, wir sind nur teilweise wach. Das, was wir für unsere wache Alltagsbewusstheit halten, ist in Wahrheit ein teilbewusster Traumzustand, aus dem wir genauso aufwachen können, wie jeden Morgen aus den nächtlichen Träumen. Um es zu betonen: Das ist ein echtes, ein richtiges Erwachen und keins im bloß übertragenen Sinn, wie es einige Autoren verwenden, z. B. beim »Erwachen aus der Alltagstrance« (siehe Kap. B-3).

Da die Folgen dieser Erkenntnis umwerfend sind, will ich – bevor ich einige von ihnen aufzeige – Träumen und Wachsein ausführlich miteinander vergleichen. Dieser Vergleich soll uns hauptsächlich darauf aufmerksam machen, dass das sogenannte Wachsein in vielerlei Hinsicht dem Träumen ähnlicher ist, als wir üblicherweise annehmen.

  7Michael Pauen: Die Natur des Geistes, S. 7

  8Pauen, ebd., S. 12

  9Antje Zoller: Phänomenales Bewusstsein, S. 6

 10Zoller, ebd., S. 6

 11Siehe hierzu Gregory Bateson: Geist und Natur, Erich Jantsch: Die Selbstorganisation des Universums, Fritjof Capra: Lebensnetz, sowie Thomas M. Waldmann: Die Gottesformel, Kap. 8.5 Selbstorganisation und Kap. 8.6 Geist und Materie – eins oder zwei? In diesen beiden Kapiteln zeige ich die Denkfehler in den Selbstorganisations-Modellen auf.

 12Michael Pauen: Die Natur des Geistes, S. 121

B ᛁ WACHSEIN UND TRÄUMEN – EIN VERGLEICH

In Teil B geht es darum, dass wir, wenn wir meinen, wir seien wach, in Wahrheit in einem Traumzustand verweilen, aus dem wir erwachen können. Wenn wir das erleben, dann ist es die alles entscheidende Entdeckung, die buchstäblich die Welt verändert, weil sich unsere bisherigen Vorstellungen von der Welt und von uns selbst als Täuschungen eines Traumes entpuppen. Ich vergleiche Wachsein und Träumen miteinander, um die Möglichkeit dieses »Großen Erwachens« erkennbar zu machen.

Da wir heute mit Sicherheit wissen, dass jeder Mensch träumt, gehe ich davon aus, dass jeder Wachsein und Träumen kennt und darum meine Ausführungen nachvollziehen kann. Wer meint, nicht zu träumen, erinnert sich nur nicht daran. Das Erinnern von Träumen kann aber geübt werden. Alleine schon das Interesse an Träumen führt in der Regel zu einer verbesserten Erinnerung. Am besten ist es, beim Schlafengehen Papier und Schreibzeug neben das Bett zu legen und beim Erwachen den Traum sofort aufzuschreiben, wenn er erinnert wird. Auf diese Weise wird sich das Traumgedächtnis laufend verbessern.

Wir wollen uns zuerst die Unterschiede von Wachsein und Träumen ansehen. Dabei geht es um die Vorgänge auf der geistigen Ebene. Jene auf der körperlichen Ebene sind hier nicht von Belang.

Die Unterschiede von Wachsein und Träumen

Sowohl im Wachsein als auch beim Träumen sind wir bewusst und zur Wahrnehmung fähig. Aber nur im Wachsein wissen wir um beide Zustände und können sie unterscheiden. Dann erinnern wir das Träumen als einen Zustand, in dem unsere geistigen Vermögen des Erkennens, Denkens und der Erinnerung im Vergleich zum Alltag vermindert sind. Im Traum sind wir nur teilweise bewusst, ohne dass wir das bemerken bzw. erkennen. Dieser teilweise bewusste Zustand ist Ursache von allerlei Täuschungen, die wir nicht bemerken: Wir halten uns für wach, wir halten die Traumwelt für real usw. Andere Fähigkeiten, v. a. jene des Traumkörpers, sind erweitert im Vergleich zum irdischen Körper. So sind wir im Traum schmerzfrei, können fliegen, durch Wände gehen, uns unter Wasser oder im Weltraum aufhalten. Dies ist jedoch im Folgenden nicht von Bedeutung, da es um die geistigen Fähigkeiten in diesen beiden Zuständen geht.

Wie sehr unsere geistigen Fähigkeiten im Traum eingeschränkt sind, zeigt sich eindrücklich beim Beginn eines Traumes. Es beginnt mit dem Einschlafen – wir bemerken es nicht. Wenn ein Traum beginnt, so ist das ein kleines Erwachen – doch auch das bemerken wir nicht. Wir sind plötzlich da, irgendwo, irgendwann, mitten in der Gegenwart, mitten im Geschehen. Es gibt kein Davor, keine vorausgehende Handlung, keine Anreise, nichts. Eigentlich müsste uns das auffallen, und wir müssten uns fragen: »Wie bin ich hierher gekommen? Was hab ich grade eben gemacht, bevor ich hier ankam?« Wären wir normal wach, so würden wir uns solches oder Ähnliches fragen. Wir sind aber nicht normal wach, nur teilweise wach, in einem Traum eben, wo uns das alles nicht auffällt, wo unsere Erkenntnisfähigkeit stark vermindert ist und wir uns eben deswegen in vielem täuschen, ohne es zu bemerken.