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Haben Sie manchmal das Gefühl, dass sich Teile von Ihnen im Krieg befinden? Sie essen Doughnuts, wenn Sie abnehmen wollen. Sie kämpfen mit Gefühlen und Verhaltensweisen, die Ihnen eigentlich verhasst sind, wenn Sie in der Freiheit leben wollen, die Ihre spirituellen Überzeugungen versprechen. Willkommen in der Conditio Humana! Wir alle leben mit Teilen von uns im Konflikt. Jeden Tag fühlen und tun wir Dinge, die wir nicht mögen, besonders in stressigen Zeiten. Seien wir ehrlich – dieser Krieg fordert sein en Tribut. Wenn all unsere richtigen Antworten und besten Bemühungen nicht funktionieren, fühlen wir uns frustriert, verwirrt und beschämt. Vielleicht sind wir von uns selbst und unserem Glauben zutiefst enttäuscht. Sogar von Gott. In Altogether You integriert Jenna Riemersma nahtlos spirituelle Wahrheiten und die revolutionären Erkenntnisse des Therapieansatzes des Internen Familiensystems, um zu zeigen, wie unsere sich gegenseitig bekriegenden Teile tatsächlich versuchen, uns zu helfen, selbst wenn das, was sie tun und fühlen, nicht hilfreich ist. Die gute Nachricht ist, dass unsere widerstreitenden Teile nicht das sind, was wir sind. Unser wahres Selbst ist das Gottesbild in unserem Kern, das diese streitenden Teile willkommen heißen und heilen ka nn. Der erste Schritt zu einer dauerhaften Veränderung besteht darin, jeden Teil aufrichtig willkommen zu heißen. Wenn Sie es leid sind, sich so viel Mühe zu geben, wenn Sie nicht wissen, wie Sie mit negativen Gefühlen umgehen sollen, oder wenn Sie in dest ruktiven Mustern feststecken, dann ist dieses Buch genau das Richtige für Sie. Willkommen bei Altogether You , einer 2 bahnbrechenden Erfahrung von Selbsterkenntnis, spiritueller Erneuerung und persönlicher Transformation.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Copyrigth © 2020 by Jenna Riemersma, LPC www.JennaRiemersma.com Originally published in English under the title:
“ALTOGETHER YOU”.
Experiencing personal and spiritual transformation with Internal Family System therapy
Published by Pivotal Press, Marietta, Georgia
ISBN 978-1-7349584-0-9 (softcover)
ISBN 978-1-7349584-1-6 (ebook)
Library of Congress Control Number: 2020907414
© 2022 Fountain Voice Audio
Mulchlingerstrasse 153,
CH-8405 Winterthur
e-mail: [email protected]
Internet: www.audio-book.eu
In Zusammenarbeit mit Free at Heart Schweiz www.freeatheart.ch
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Christian Rendel.
Lektorat: Esther Middeler – www.middeler.com
Satz: Design Ryba, Samuel Ryba, Trnava, Slowakei
Cover: Spoon design, Olaf Johannson, Langgöns, www.spoondesign.de
Bibelzitate sind, falls nicht anders gekennzeichnet, entnommen aus: BasisBibel. Altes und Neues Testament. © 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Weitere Bibelübersetzung: Luther: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.
Alle Hervorhebungen in den Bibelstellen erfolgten durch die Autorin.
ISBN 978-3-906904-06-1 (Taschenbuch)
ISBN 978-3-906904-07-8 (E-Book)
ISBN 978-3-906904-08-5 (Hörbuch)
Liebe Leser der deutschen Ausgabe
Mit großer Freude heiße ich Sie willkommen zu «ALLES DU» und bete, dass Sie auf diesen Seiten wirklich erfahren und erleben, dass "Alle Teile von Ihnen willkommen sind!" Die Übersetzung dieses Buches ins Deutsche entstand aus der liebevollen Initiative einiger Männer, deren Leben von der Botschaft dieses Buches berührt worden ist.
Ich bin zutiefst dankbar für dieses Team von engagierten Menschen, die ihre Herzen und Talente geteilt haben, um «ALLES DU» in die deutschsprachige Gemeinschaft zu bringen. Ich heiße Sie von ganzem Herzen willkommen und bete, dass dieses Buch Ihnen hilft zu erkennen, wie sehr Sie geliebt werden und wie gut Sie wirklich sind!"
Jenna Riemersma
Geistliche Appelle und Ambitionen bleiben kraftlos, wenn Selbstannahme und Liebe – die Grundsätze, die Jesus lehrte – auf der Strecke bleiben. Jenna Riemersma macht Mut zu tiefgreifender Veränderung, die bei uns selbst beginnt. Nicht, indem wir verdrängen, was unser Wachstum bremst, sondern indem wir den leidenden und verletzlichen Teilen in uns besondere Aufmerksamkeit schenken. Was die Autorin beschreibt, erinnert mich an die japanische Reparaturtechnik Kintsugi. Zerbrochene Keramik wird repariert, indem die Scherben mit Goldpigmenten zu einem überaus wertvollen Kunstwerk zusammengefügt werden. Das ist es, was der lebendige Gott durch seinen Geist in uns bewirken möchte: Dass die Bruchstücke unseres Wesens zu einem einzigartigen Ganzen zusammengefügt werden, das von Gottes Liebe, Schönheit, Kraft und Frieden durchdrungen ist. Praktische Beispiele und Übungen machen dieses Buch zu einem wertvollen Begleiter mit lebensveränderndem Potenzial.
Dr. Debora Sommer, Theologin,
Autorin und Referentin
Das Konzept der inneren Familie ist ein ermutigender Ansatz, eigene Denk- und Verhaltensweisen wertschätzend zu erforschen und mehr und mehr zu unserem eigentlichen Wesenskern vorzudringen. Jenna Riemersma integriert auf wunderbare Weise die christliche Spiritualität in das Konzept der inneren Familie, so dass diese eine befreiende Ressource wird und nicht eine Bürde darstellt, die es zu tragen gilt.
Free at Heart Schweiz
Inhalt
VORWORT
EINFÜHRUNG
Was tatsächlich in uns vor sich geht
WARUM STECKEN WIR FEST
Was geht tatsaechlich in mir vor?
Wo stecken wir fest?
Mehr Wissen und andere wenig hilfreiche Lösungen
Alles Schlechte wird weggebetet
Die kranke Katze von Cousine Myrtle
Meine Wege sind nicht eure Wege
Sie sind eingeladen
Fragen zum Weiterdenken
DAS GANZE IST GRÖSSER
Einer von vielen
Das Gottesbild: Unser Kern
Die Verbannten
Beschützer
Oreo-Kämpfe
Gott der Teile?
Auf der Schwelle
Fragen zum Weiterdenken
WO IST GOTT IN MEINEM CHAOS?
Wie weit weg ist Gott, wenn ...?
Gott bei uns im Chaos
Heil: Die gelebte Erfahrung der Liebe Gottes
Die 8 Cs und die Frucht des Geistes
Tiefer gehen: Wie Sie den Zugang zu Ihrem Gottesbild finden
Aus innerstem Wesen
Fragen zum Weiterdenken
AUF UNSERE VERBANNTEN HÖREN
Auf das Geschenk des Schmerzes hören
Ein Verbannter muss leiden
Wenn eine Dauerwelle nicht die Lösung ist
Auf Ihre Verbannten zugehen
Was Verbannte nicht erkennen
Einen Verbannten kennenlernen
Tiefer gehen: Einen Verbannten kennenlernen
Fragen zum Weiterdenken
BEGEGNUNG MIT UNSEREN MANAGERN
Zwei vom gleichen Schlag
Die Manager – das proaktive Team
Der Perfektionist
Der Macher
Der Denker
Der Kontrolleur
Der Passive
Der Selbstsaboteur
Der Pessimist
Der Pleaser/Diener
Mehr Mitgefühl für die Helfer
Fragen zum Weiterdenken
ENTLASTUNG FÜR UNSERE MANAGER
Kritiker/Richter
Der Spiritualisierer
Es gibt keine schlechten Teile, nur schlechte Rollen
Unbeladene Teile
Annas Kritiker kommt zum Vorschein
Tiefer gehen: Einen Manager kennenlernen mithilfe der 6 Fs
Fragen zum Weiterdenken
BEGEGNUNG MIT UNSEREN FEUERBEKÄMPFERN
Helden in raucherfüllten Räumen
Sich kleinmachen
Dissoziation
Wut/Aggression
Essen/Essstörungen
Alkohol
Drogen
Sexuelle Ausschweifungen
Geld ausgeben
Ritzen/Selbstverletzung
Suizidgedanken
Mordgedanken. 204
Mitgefühl mit unseren „Monstern“
Fragen zum Weiterdenken
WILD GEWORDENE FEUERBEKÄMPFER
Wie man Brände vermeidet
Tiefer gehen: Einen Feuerbekämpfer bei einer kurzen Begegnung kennenlernen
Tiefer gehen: Einen Feuerbekämpfer aus einer engen Beziehung kennenlernen
Hilfe für den Feuerbekämpfer
Tiefer gehen: Einen eigenen Feuerbekämpfer kennenlernen
Wenn Feuerbekämpfer träge reagieren
Alle Teile sind willkommen
Fragen zum Weiterdenken
UNBELADENER GLAUBE
Wattebausch-Glaube
Erster Krisenpunkt: Fragen stellen
Zweiter Krisenpunkt: Leiden
Wachstum erfordert Veränderung
Der M und M-Beweis
Heiliges Yoga
Dieselbe Bibel, eine neue Einsicht
In der Zwickmühle
Die Hierarchie der Sünde: Das Heilige Maßband
Wer sitzt am Ruder?
Einen Spiritualisierer kennenlernen
Tiefer gehen: Einen Spiritualisierer kennenlernen
Mehr Mitgefühl, mehr Einsicht
Fragen zum Weiterdenken
Das verändert alles
EINE NEUE BRILLE
Fragen zum Weiterdenken
BESSERE BEZIEHUNGEN: ICH ZU MIR
Tiefer gehen: Eine Ich-zu-mir-Übung
BESSERE BEZIEHUNGEN: ICH ZU GOTT
Tiefer gehen: Eine Ich-zu-Gott-Übung
BESSERE BEZIEHUNGEN: ICH ZU ANDEREN MENSCHEN
1. Bewegung darauf zu, nicht dagegen oder weg davon
2. Eine Kehrtwende machen
Tiefer gehen: Eine Kehrtwende machen. 313
Tiefer gehen: Ein Teil ist nicht das Ganze. 322
GRUPPEN ZU GRUPPEN UND KULTUREN ZU KULTUREN
Tiefer gehen: Eine Gruppe-zu-Gruppe-Übung
SCHLUSSGEDANKEN
GLOSSAR
IFS-RESSOURCEN
WEBSITES
DANKSAGUNGEN.. 352
ÜBER DIE AUTORIN
Vor dreißig Jahren hätte ich mir nicht träumen lassen, einmal ein Vorwort zu einem Buch wie diesem zu schreiben. Mein Vater war Wissenschaftler und brachte uns bei, die Religion sei die Wurzel vieler Konflikte und Gewalttaten in der Welt. Diese skeptische Haltung gegenüber allem Spirituellen bewahrte ich mir, bis ich anfing, mich mit der inneren Landschaft meiner Klienten zu beschäftigen und ihrem Selbst begegnete. Das Vorhandensein dieser unbeschädigten, heilsamen Essenz – auch bei Menschen, die schon früh in ihrem Leben furchtbar misshandelt worden waren und schreckliche Traumata erlitten hatten – ließ sich durch die psychologischen Theorien, die ich studiert hatte, nicht erklären.
Dieses Buch hat mein Herz zum Singen gebracht, als ich es las. Mit Scharfsinn, schonungsloser Offenheit und packender Sprache macht Jenna mein Lebenswerk für Christen zugänglich. Dabei beleuchtet sie auch, wie die Bibel oft in gut gemeinter, aber wenig hilfreicher Weise gebraucht wurde, um Leute zu gutem Benehmen zu animieren, und bleibt dabei selbst fest in der Heiligen Schrift gegründet.
Vor etwa zwanzig Jahren wurde ich eingeladen, Studierende am Reformed Theological Seminary in Jackson, Mississippi, – damals wie heute ein entschieden evangelikales, konservatives Institut – mit meiner Therapiemethode namens Internes Familiensystem (IFS) bekannt zu machen. Einigermaßen beklommen machte ich mich auf den Weg nach Jackson. Dort war es in der Tat schwierig, in allen Fragen auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, doch dann kam der Moment, in dem einer der Teilnehmer begeistert ausrief: „Jetzt wird es mir klar! Sie helfen Leuten, in ihrem Innern das zu tun, was Jesus in der äußeren Welt getan hat: zu den verbannten Teilen in uns hinzugehen und sie zu lieben, genauso wie er die Aussätzigen, die Armen und die Ausgestoßenen liebte!“ In diesem wunderbaren Moment klickte etwas auf beiden Seiten. Bis heute wird am Reformed Theological Seminary die IFS-Therapie unterrichtet.
Nach diesem Erlebnis war mein Interesse an Jesus und den Parallelen zwischen seiner Lehre und dem IFS erwacht. Darum habe ich dieses Buch mit solcher Begeisterung gelesen. Jenna hebt nicht nur diese und viele weitere Parallelen hervor, sondern bestückt das Buch auch mit Beispielen, die uns allen etwas sagen. Dabei beschreibt sie das IFS auf einfache und überzeugende Weise.
Dies ist ein bahnbrechendes und mutiges Buch. Es fordert Christen überall zum Nachdenken darüber heraus, wo die Art und Weise, wie sie ihren Glauben lehren, sie unversehens wegführt von Selbstannahme und Liebe – weg von genau den Grundsätzen, die Jesus lehrte.
Ihr Umgang mit Ihren eigenen Teilen spiegelt sich darin wider, wie Sie mit anderen Menschen umgehen, die diesen Teilen ähnlich sind. Wenn Sie z. B. einen zornigen Teil in sich selbst hassen oder fürchten, werden Sie es schwer haben, einer zornigen Person in Ihrem Leben mit Barmherzigkeit und Vergebung zu begegnen. Wie Jenna zeigt, ist der Versuch, andere zu lieben, während wir uns selbst beschimpfen, nicht nur aussichtslos, sondern auch völlig unnötig. Jesus will nichts lieber, als dass wir sowohl uns selbst gegenüber als auch in unseren Beziehungen zu anderen mehr Liebe aufbringen.
Mit großer Freude lade ich Sie ein, die erhellenden und bereichernden Wahrheiten auf diesen Seiten zu entdecken. Willkommen zu einer neuen Art der Liebe, gegründet auf der Heiligen Schrift.
Dr. Richard Schwartz Boston, Massachusetts
Haben Sie je empfunden, dass jeder Teil von allem, was Sie ausmacht, Ihnen wirklich willkommen ist? Nicht nur das in Ihnen, was Dinge richtig macht und höflich ist und positive Gefühle hat, sondern auch die Teile von Ihnen, die versagen, die falsche Dinge sagen, und sich einsam, ängstlich und beschämt fühlen?
Und mit willkommen meine ich nicht etwa, dass diese schwierigen Seiten an Ihnen geduldet werden, bis Sie sich irgendwann besser im Griff haben. Nein, ich meine akzeptiert, angenommen und wertgeschätzt – genauso, wie Sie selbst es sind.
Wenn Sie diese Frage mit „Ja“ beantwortet haben, sind Sie ein seltener Glückspilz. Bei den meisten von uns lautet die Antwort auf diese Frage „Nein“.
Die Wahrheit ist, dass es in unseren Familien, Nachbarschaften, Gemeinden, Schulen, Kollegenkreisen und Beziehungen oft nicht ungefährlich ist, authentisch wir selbst zu sein. Vielleicht ist es für uns nicht einmal in uns selbst ungefährlich. Wenn wir Mist bauen, etwas Falsches sagen oder schwierige Gefühle empfinden, kann es sein, dass wir uns selbst dafür verurteilen, beschimpfen und heftig kritisieren. Und vielleicht glauben wir, dass Gott es genauso mit uns macht.
Vielleicht hängen wir deshalb so an unseren Hunden. Egal, was wir getan haben oder was wir empfinden, sie freuen sich immer, uns zu sehen, und erwarten uns an der Tür, wenn wir nach Hause kommen. Sie verurteilen uns nicht. Sie wollen uns einfach nur lieben. Können wir nicht alle mehr davon gebrauchen?
Die verbreitete Erfahrung, uns nicht ganz und gar willkommen zu fühlen und uns von Teilen von uns selbst distanzieren zu müssen, bringt jede Menge Leid, Versteckspielen und Scham mit sich. Sie führt dazu, dass unsere Beziehungen seicht bleiben, und treibt unsere Süchte und Leiden an. Sie ist das, was im Garten Eden passierte (ob allegorisch oder tatsächlich überlasse ich Ihnen), als sich dort die Sache zum Schlechten wandte. Als wir uns bloßgestellt und beschämt fühlten, fingen wir an, Feigenblätter zusammenzunähen, um uns voreinander und vor Gott zu verstecken. Aber Feigenblätter, die groß genug sind, um all das zu verdecken, wofür wir uns schämen, muss man erst einmal finden.
In meiner Kindheit habe ich mich die meiste Zeit hinter solchen Blättern versteckt. Ich bin ein Einzelkind aus einer Militärfamilie, und ich fand es wichtig, alles „perfekt“ zu machen. Wir zogen so häufig um, dass ich nie recht wusste, wo mein Zuhause war. Zum Glück hatte ich liebevolle, fürsorgliche Eltern. Aber das Leben bringt trotzdem immer wieder Schmerzen und Verletzungen mit sich, und wenn ich es nicht schaffte, alles perfekt zu machen, fing ich an, mein wirkliches Ich zu verstecken.
Ich versuchte, durch Höchstleistung dahin zu kommen, dass ich mich gut fühlte. Immer schön beschäftigt sein, damit bloß diese ekligen Gefühle nicht an die Oberfläche dringen. Wenn ich die Leute um mich her bei Laune halten konnte, so dachte ich, würde ich mich immer wertvoll und sicher fühlen.
Kein Wunder, dass ich Therapeutin geworden bin. Mein Job als Therapeutin besteht darin, mich auf die Gefühle und Bedürfnisse anderer Leute zu konzentrieren und ihnen zu helfen, sich gut zu fühlen. Diese Rolle war mir also ziemlich vertraut. Weil ich eine gute Therapeutin sein will, habe ich auch viel an meiner eigenen Heilung gearbeitet. Auf diesem transformativen Weg stieß ich auf das Therapiemodell, um das es in diesem Buch geht: das Interne Familiensystem (IFS). Und zum ersten Mal konnte ich es spüren und erleben, dass alle Teile von mir willkommen waren. Dass ich meine Feigenblätter fallenlassen konnte. Dass ich nicht dauernd Erfolge und Leistungen erzielen und alle Teile von mir dazu bringen musste, „es richtig zu machen“, bevor ich ohne Furcht vor Verurteilung mein authentisches Selbst sein konnte. Ich erlebte die Wirklichkeit der Gnade.
So kam ich dahinter, dass diese säkulare Therapie mir tatsächlich half, meinen christlichen Glauben noch wirksamer zu erleben, als es selbst bei den Leuten in meiner Glaubensgemeinschaft der Fall war. Im IFS-Modell entdeckte ich überraschende Parallelen zum Evangelium der Hoffnung und Gnade, mit dem ich aus den geliebten Seiten der Bibel auf meinem Nachttisch seit jeher vertraut war – die Hoffnung und Gnade, nach der ich mich immer gesehnt, die ich aber nur selten wirklich erfahren hatte.
Ich habe dieses Buch geschrieben, damit auch Sie diese Hoffnung und Gnade erfahren können. Wenn Sie es leid sind, sich zu verstellen und zu verstecken, wenn Sie erfolglos versucht haben, sich zu verändern, wenn Sie von dem Glauben Ihrer Kindheit enttäuscht sind, Ihr Glaube ins Stocken geraten ist oder Sie ihn gleich ganz infrage stellen, dann ist dieses Buch mein Geschenk an Sie.
Sie sollen wissen, dass Sie auf den Seiten dieses Buches sicher sind, und dass Sie willkommen sind. Mit allem, was zu Ihnen gehört. Genau so, wie Sie sind. Jeder Teil von Ihnen ist willkommen, nicht nur geduldet, bis Sie sich zusammenreißen und aufhören, Schlechtes zu tun und zu fühlen. Wie Brennan Manning sagte:
„Du bist geliebt, genau so, wie du bist. Nicht, wie du sein solltest. Denn du wirst nie so sein, wie du sein solltest.“
Jenna Riemersma
Atlanta Center for Relational Healing
Atlanta, Georgia
Warum liegen wir im Streit mit uns selbst?
„Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue.“
Wir alle stecken fest.
Und wir wissen nicht, wie wir uns aus diesem Feststecken befreien können.
Als Therapeutin erlebe ich diese Realität jeden Tag. Ich darf mich mit allen möglichen mutigen Menschen zusammensetzen und mir von ihnen irgendeine Version der immer selben Klage vortragen lassen: „Ich tue (oder fühle) Dinge, die ich nicht tun (oder fühlen) will.“ Aufgrund dieses inneren Kampfes fühlen sie sich mangelhaft und schwach. Sie tun Dinge, die sie nicht tun wollen, fühlen Dinge, die sie nicht fühlen wollen, und kommen nicht dahinter, wie sie den Karren aus dem Dreck ziehen können.
Das kenne ich nur zu gut. Sie wohl auch, vermute ich.
Wir wollen abnehmen, futtern aber Oreos. Ein ganzes Paket. Auf einmal.
Wir wollen fit sein, aber wir kriegen einfach den Fuß nicht über die Schwelle des Fitnessstudios.
Wir wollen großartigen Sex mit dem Menschen, den wir lieben, aber stattdessen greifen wir immer wieder zu Pornos.
Wir wollen Frieden, schaffen es aber nicht, lange genug mit dem Tun aufzuhören, um zur Ruhe zu kommen.
Wir wollen die Beziehung zu unseren Kindern pflegen, starren aber beim Abendessen dauernd nur auf irgendwelche Bildschirme.
Wir wollen unser inneres Leben stärken, vernachlässigen aber unsere persönlichen geistlichen Übungen.
Wir wollen großzügig sein, geben aber dauernd Geld aus, bis wir in den roten Zahlen sind.
Wir wollen respektiert werden und respektvoll sein, aber wir explodieren und wüten herum.
Wir wollen Romantik, kommen aber nicht über die Fehler unseres Partners oder unserer Partnerin hinweg.
Wir wollen Hoffnung und Motivation spüren, finden aber nicht die Kraft, um aus dem Bett aufzustehen.
Wir wollen tiefe Freundschaften, aber Angst und Scham bringen uns dazu, uns einzumauern.
Wir wollen nüchtern sein, aber „nur noch einem Gläschen Wein“ können wir nicht widerstehen.
Offenbar gehört dieses Feststecken zum Menschsein dazu. Wir alle wissen, wie es ist, wenn man versucht, sich zu ändern, nur um dann doch wieder in ein allzu vertrautes Muster zurückzufallen.
Aber es gibt Hoffnung, und die Antworten liegen tatsächlich viel näher, als wir denken. Denn der Schlüssel zur Veränderung verbirgt sich in einem Wort, das wir ohnehin schon gebrauchen, um unsere Schwierigkeit zu beschreiben. Dieses Wort lautet Teil.
Die unerwartete Wahrheit, die mir in meiner jahrelangen Erfahrung als Therapeutin aufgegangen ist, lautet, dass jeder aus demselben Grund feststeckt: Ein Teil von uns will das eine, während ein anderer Teil von uns etwas anderes will.
Mit anderen Worten, unsere Teile liegen im Widerstreit miteinander.
Auf den folgenden Seiten werde ich Ihnen verstehen helfen, warum wir so sehr im Streit mit uns selbst und miteinander liegen und was wir dagegen tun können. Mein Ansatz beruht auf der Arbeit von Dr. Richard Schwartz, der ein Therapiemodell namens Internes Familiensystem (IFS) entwickelt hat. Schwartz war der Erste, der Menschen als zusammengesetzt aus einem Kern-Selbst und vielen verschiedenen Teilen beschrieben hat. Mit anderen Worten: Er hat gezeigt, dass wir nicht als eine einzige, innerlich stimmige Persönlichkeit durchs Leben gehen, die zu allen Zeiten in sich einheitlich ist. Eher sind wir eine Allianz verschiedener Teile, die jeweils ganz unterschiedliche Aspekte dessen repräsentieren, was wir für „das wahre Ich“ halten.
Internes Familiensystem (IFS): Ein von Doktor Richard Schwartz entwickeltes Therapiemodell, das Menschen als zusammengesetzt aus einem Kern-Selbst (in diesem Buch als Gottesbild oder Imago Dei bezeichnet) und vielen verschiedenen Teilen versteht.
Das hört sich vielleicht anfangs ein wenig seltsam an. Ist es aber nicht. Es wird Ihnen einleuchten, wenn Sie ein paar Seiten weitergelesen haben, das verspreche ich Ihnen.
Interessanterweise wenden Therapeuten die Einsichten von Schwartz auf eine große Bandbreite von Fragen an – von PTBS, Suchterkrankungen und Angststörungen, Leadership, Paartherapie und Suizidvorbeugung bis hin zu globalen Konflikten. Was den Fokus dieses Buches angeht, habe ich zu meiner Freude entdeckt, dass das IFS-Modell sich sehr gut mit biblischen Einsichten ergänzt und uns Werkzeuge an die Hand gibt, um eine authentische Spiritualität zu leben, die Christus ehrt. Wenn Sie ein gläubiger Mensch sind, bin ich mir sicher, dass Sie das auch merken werden.
Vorausgesetzt, das Wort Teile verschreckt Sie nicht gleich.
Ein Teil ist einfach ein Aspekt von Ihnen. Eine Unterpersönlichkeit, wenn Sie so wollen.
Teile: Einzigartige Aspekte unserer Persönlichkeiten (Unterpersönlichkeiten), die ihre eigenen Gedanken, Gefühle, Empfindungen und Absichten haben. Alle Menschen werden mit vielen unbeladenen Teilen geboren, die zusammen ihre einzigartige Persönlichkeit ausmachen. All diese Teile wollen etwas Positives für die Person. Durch negative Erlebnisse werden manche Teile mit Schmerz (oder mit Strategien zur Schmerzbewältigung) beladen.
Es hilft, sich in Erinnerung zu rufen, dass wichtige Gestalten der Bibel von einer Innenwelt sprechen, die aus widerstreitenden Teilen besteht. Denken Sie an den Apostel Paulus. Von ihm stammen die berühmten Sätze: „Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue.“[1] Oder David. Er erzählt durch das ganze Buch der Psalmen vom Kampf seiner Teile. An einem Tag heißt es: „Ich vertraue dir ganz und gar, Gott!“ Und am nächsten: „Ich komme hier um! Wo bist du, Gott?“ Und denken Sie an den Apostel Jakobus. Er scheint auf dieselbe Dynamik zu verweisen, wenn er fragt: „Woher kommen die Kämpfe unter euch und woher die Streitigkeiten? Kommen sie nicht aus euren Leidenschaften, die in eurem Innern miteinander streiten?“ (Jakobus 4,1).
In den Jahrhunderten seither haben Augustinus, Luther und unzählige weitere christliche Denker von den Kämpfen ihrer Teile berichtet. Ihre Bekenntnisse in Verbindung mit manchen wichtigen neueren Erkenntnissen der Humanwissenschaften geben mir Hoffnung, dass die Geschichte nicht damit enden muss, dass wir feststecken.
Falls Ihnen das Wort Teil zunächst unbehaglich ist, ersetzen Sie es einfach mit einem anderen Wort, etwa Komponente, Aspekt oder Unterpersönlichkeit. Wichtig ist nicht, wie wir es nennen, sondern dass wir erkennen: Wenn ich etwas fühle oder tue, was ich nicht fühlen oder tun will, bin ich kein schlechter Mensch. Ich habe einfach Teile, die miteinander streiten.
Mit dieser kleinen Veränderung des Blickwinkels ergeben Verhaltensweisen und Gefühle, mit denen die meisten von uns seit Jahren hilflos ringen, auf einmal einen Sinn. Wenn es Ihnen so geht wie mir und Tausenden anderen, werden Sie merken, dass Sie sich selbst, andere Menschen und Gott auf eine neue, handfeste und oft tiefe Art lieben können. Ihre engsten Beziehungen werden heilen und aufblühen. Sie werden hilfreiche Einsichten zu häufigen emotionalen Problemen finden – von Depressionen, Ängsten und Essstörungen zu Suchtverhalten und Untreue. Sogar Ihr Verständnis anderer Kulturen und politischer Parteien wird sich radikal verändern.
Skeptisch? Gut! Ich hoffe, Sie sind skeptisch genug, um das auszuprobieren, was Sie hier entdecken … und die Veränderung am eigenen Leib zu erleben.
Vielleicht fällt Ihnen sofort ein, wo Sie feststecken. Es kann aber auch sein, dass Sie Mühe damit haben, Zugang zu den Punkten in Ihrem Leben zu finden, wo Teile von Ihnen miteinander im Streit liegen. Manchmal sind uns unsere inneren Kämpfe so vertraut, dass sie außerhalb unseres bewussten Radars ablaufen.
Im Folgenden finden Sie einige Stellen aufgezählt, an denen Leute häufig feststecken. Kommt Ihnen die eine oder andere bekannt vor? Denken Sie einen Augenblick über Ihre Antwort nach. Wie hat sich dieses Feststecken für Sie ausgewirkt? Seien Sie mutig und ehrlich. Keine Verurteilung. Keine Scham. Nutzen Sie einfach diesen sicheren Raum, um Ihre Wahrheit auszusprechen.
Gefühle
Angst
Depression
Furcht
Sorge
Panik
Verzweiflung/Hoffnungslosigkeit
Einsamkeit
Isolation
Scham
Selbsthass
Zorn gegen Gott
geistliche Krise
Bitterkeit/Groll
Stolz/Arroganz
geistliche Leere
geistliches Feststecken
Gier/Anspruchshaltung
Eifersucht/Neid
Denk- und Verhaltensmuster
negative Selbstgespräche
zu viel essen/Essen als Trost
zu wenig essen/Essen einschränken/wiederholte Diäten
übermäßiges Arbeiten/zwanghaftes Geschäftigsein
zu wenig arbeiten/Faulheit/Mangel an Einsatz
zu viel Geld ausgeben/Schulden
Horten/übertriebene Sparsamkeit/Geiz
obsessive Gedanken
zwanghaftes Verhalten
zu wenig Bewegung/Trägheit
zu viel Bewegung
zu viel Schlaf
zu wenig Schlaf/Schlaflosigkeit
Trinken zur Schmerzlinderung oder Rauschtrinken
Betäubung mit Drogen
sexuelle Ausschweifungen (Pornografie, Affären usw.)
sexuelle Verklemmung (Vermeidung, Vergleichen usw.)
Dissoziation/innerliches Ausklinken
Marathon-Fernsehen
Kontaktvermeidung/Isolation
Verleugnung
Hinauszögern
Beziehungsmuster
Zorn/Jähzorn/Wutausbrüche
Verharren in toxischen Beziehungen
Sabotage wichtiger Beziehungen
Ausreden finden
Schuldzuweisungen
Lügen/Vertuschen/Verdrehen der Wahrheit
andere retten wollen
anderen gefallen wollen
Wenn es Ihnen so geht wie mir, dann haben Sie in dieser Liste ein paar Haken gesetzt, bei denen es Ihnen nichts ausmacht, sie aufzuschreiben, und ein paar andere, die Sie lieber niemanden sehen lassen wollen. Es ist gut, unsere Wahrheit auszusprechen. So fangen wir an, uns selbst genau dort zu sehen, wo wir sind, mit all den Punkten, wo wir feststecken. Das ist der Punkt, an dem die Veränderung beginnt.
Manchmal denken wir: Wenn ich nur mehr wüsste, könnte ich mich bessern. Dabei setzen wir voraus, wir hätten ein Informationsproblem. Aber stimmt das? Wir wissen, dass wir weniger Geld ausgeben sollten, als wir einnehmen. Wir wissen, dass wir uns reichlich und bewusst Zeit für unsere Kinder nehmen sollten. Wir wissen, dass wir keine Seitensprünge machen sollten. Wir springen von einem Selbsthilfe-Podcast zum nächsten, immer auf der Suche nach der neuesten und besten Experteneinsicht.
Aber nur, weil wir schlauer sind, verhalten wir uns noch lange nicht anders.
Die meisten von uns würden Paulus zustimmen müssen. Wir wissen ganz genau, was gut ist und was wir wollen. Aber irgendwie kriegen wir es nicht immer hin, das auch zu tun. Und wenn mehr Wissen meistens nicht ausreicht, dann tun viele andere allzu einfache Lösungen es auch nicht.
Wie z. B. dieser altehrwürdige Spruch: Hör einfach auf!
Hör auf, Zucker zu essen.
Hör auf, so ängstlich zu sein.
Hör auf, Pornos zu gucken.
Wenn es mit dem Einfach-Aufhören nichts wird, lautet die nächste Alternative oftmals: Gib dir mehr Mühe! Hört sich ja auch so einleuchtend an. „Wenn du dir nur mehr Mühe geben würdest (nur Pampelmusen zu essen, besser zu beten, dem Laptop zu widerstehen), dann wärst du nicht so eine Niete.“
Also geben wir uns Mühe. Und wenn sich dann doch wieder nichts ändert, leiden wir fürchterlich unter dem Rest der Botschaft: „Wenn du nicht damit aufhörst … bist du ein Versager. Und wenn wir mitkriegen, dass du nicht damit aufhören kannst, werden wir dich mit Schimpf und Schande überhäufen.“
Schande über dich, dass du dick bist (und für jede Frau auf diesem Planeten definiert sich „dick“ nach ihrer augenblicklichen Konfektionsgröße). Dass du trinkst. Dass du deine Ehe auseinanderbrechen lässt. Dass du depressiv bist. Oder ängstlich. Oder dass du Suizidgedanken hast.
Wir beschimpfen Leute sogar für Dinge, die sie gar nicht unter Kontrolle haben: Schande über dich wegen der Sexsucht deiner Partnerin oder deines Partners. Oder Schande über dich wegen der Rebellion deines Kindes.
Unweigerlich geht die Botschaft Schande über dich in ihre noch tödlichere Version über, die sich gegen uns selbst richtet: Schande über mich.
Schande über mich, dass ich dick bin, Depressionen habe, dass meine Beziehung gescheitert ist, dass ich Schulden habe, dass ich zu viel trinke, dass ich nicht genug bete.
Kommt Ihnen das schmerzhaft bekannt vor?
Nun ist es ja so, dass jede dieser „Antworten“ sich vollkommen richtig und wahr und naheliegend anhört. Eigentlich müssten wir doch in der Lage sein, „einfach aufzuhören“, oder? Und es müsste doch eigentlich etwas bringen, wenn wir uns mehr Mühe geben. Und meine Güte, die ganze Selbstkasteiung ist so eine Quälerei, das muss uns doch dazu bringen, uns zu verändern.
Tatsächlich bringt es ja auch manchmal etwas, wenn wir „mehr lernen“, „aufhören“ oder „uns mehr Mühe geben“. Für eine Weile. Deshalb sind diese Lösungen so verlockend. Aber wenn es dabei bleibt, hören sie irgendwann auf, uns weiterzubringen. Denn dann beschäftigen wir uns nur mit dem Symptom, nicht mit der Ursache. Deshalb fliegen Neujahrsvorsätze meistens bis zum 10. Januar in die Tonne, und die Stammgäste im Fitnessstudio haben wieder reichlich Platz bei den Hanteln.
Für gläubige Menschen sind solche Niederlagen umso niederschmetternder, weil sie dem siegreichen Leben widersprechen, das die Bibel und die Gemeindekultur verheißen.
In einer perfekten Welt müssten Glaubensgemeinschaften die Orte auf der Welt sein, wo wir uns am ehesten gefahrlos dazu bekennen könnten, dass wir als Menschen alle irgendwo feststecken. Zum Glück ist das oft auch so. Aber manchmal geraten wir in Versuchung, in unseren Glaubensgemeinschaften unsere wenig hilfreichen menschlichen „Patentrezepte“ einzuführen. Wo das geschieht, wird ausgerechnet die Gemeinde zum letzten Ort, wo wir ehrlich dazu stehen können, was uns schwerfällt und worunter wir leiden.
Leider verschärfen manche Glaubensgemeinschaften das Problem noch, indem sie einfach die altbekannten Rezepte vergeistlichen. Ich zeige Ihnen, wie ich das meine.
Die geistliche Version von „mehr Wissen“ sagt mir, wenn ich mehr Zeit damit verbringe, die Bibel zu lesen und auswendig zu lernen, werde ich mit meinen Schwierigkeiten fertig.
Die geistliche Version von „Hör auf“ sagt mir: Tu Buße! Und nagle deine Sünde ans Kreuz.
Die geistliche Version von „Gib dir mehr Mühe“ fordert mich auf, mehr zu beten. Mehr Hingabe zu haben. Mir diese und jene Bibelverse einzuprägen. Sie an den Badezimmerspiegel zu kleben.
In verschiedenen Glaubenstraditionen wird das unterschiedlich ausgedrückt. Aber dahinter steckt wahrscheinlich, manchmal auch ausdrücklich, immer dieselbe Verheißung: Du brauchst nur eine geistlichere Haltung einzunehmen, und schon verschwinden die negativen Gefühle, und du tust diese schlimmen Dinge nicht mehr. Deine Schwierigkeiten haben ein Ende.
Nun sind ja alle diese geistlichen Maßnahmen an sich nichts Schlechtes. Es sind gute und oft sehr wirkungsvolle Dinge. Das Problem entsteht dann, wenn wir versuchen, eine geistliche Lösung zu erzwingen, ohne zuerst nach dem Warum zu fragen und uns darum zu kümmern. Warum bin ich depressiv? Warum ängstige ich mich? Warum trinke ich zu viel? Warum esse ich zu viel oder zu wenig? Warum scheitern immer wieder meine Beziehungen?
Solange wir nicht wissen, warum wir diese Gefühle haben oder uns so verhalten, wie wir es tun, haben wir keine Ahnung, wie wir das eigentliche Problem angehen können oder wo überhaupt der Punkt ist, an dem wir Gottes Heilung brauchen. Wir stellen uns einfach nur auf die Seite des Teils von uns, der all diese Dinge nicht fühlen oder tun will, und gegen den Teil, der genau das will. Und schon bricht in uns ein Krieg aus.
Noch schlimmer wird es, wenn wir uns einreden, wir müssten das „Schlechte“, das unsere „schlechten“ Teile tun oder fühlen, loswerden und durch schiere Willenskraft zermalmen oder ausschalten, bevor wir uns als gute, gläubige Person qualifizieren. Denn manchmal haben wir diese verrückte Erwartung, wenn wir wirklich so lebten, wie Christen leben sollten, würden wir all dieses Schlechte einfach nicht mehr tun oder empfinden.
Ich glaube, das macht Gott sehr traurig. Die Bibel stellt uns einen Gott vor, der uns Mut macht, zu ihm zu rufen[2] und „bis zum Morgengrauen“ mit ihm zu kämpfen.[3] Auch David, der größte Klagedichter Israels, wird in der Bibel als Mann nach dem Herzen Gottes beschrieben.[4]
Ich glaube, Gott sagt zu unserem Leid und Schmerz und unserem verkorksten Leben: „Bring mir das, mein Kind. Bring es her zu mir. Ich bin mitten in alledem ganz nah bei dir.“
Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in diesem Dilemma zugebracht, immer irgendwo festzustecken. Ich bin in einer christlichen Gemeinde aufgewachsen und habe mit Anfang zwanzig Gott gebeten, das Ruder in meinem Leben zu übernehmen. Von da an bemühte ich mich ernsthaft darum, alles über meinen Glauben zu lernen. Ich habe akademisch orientierte, ehrgeizige Teile in mir, die gern lernen und Dinge „richtig machen“. Diese Teile von mir blühten auf in traditionellen Bibelkreisen und im Umfeld der Gemeinde, wo ich etwas aus der Bibel vorlesen und die „richtige“ Antwort geben und um Gebete für die kranke Katze meiner Cousine Myrtle bitten konnte.
Im Kopf sammelte ich eine Menge Wissen über Gott an, und ich kannte alle möglichen guten und richtigen Antworten.
Außerdem hatte ich die besten Absichten und machte auch eine Menge Dinge „richtig“. Das verhalf mir zu dem Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein. Ich brachte sogar anderen Dinge bei. Ich ging zur Ferienbibelschule. Ich ging auf Missionseinsätze. Ich kochte sogar Essen für kranke Leute, obwohl ich nicht besonders gut koche und sie von meinen Eintöpfen wahrscheinlich noch kränker wurden.
Alles war in bester Ordnung, bis ich lange genug gelebt hatte, um ein paar schwere Erlebnisse durchzumachen – Dinge von der Art, über die man nicht so gern spricht, wenn in einer kleinen Gruppe netter, lächelnder Leute, die augenscheinlich ihr Leben wunderbar im Griff haben, Gebetsanliegen ausgetauscht werden. Bei der Gebetszeit beschränkte ich mich immer auf die kranke Katze meiner Cousine Myrtle. Meine Wahrheit blieb in meiner geheimen Dunkelheit verborgen, denn ich hatte keine Lust, mit irgendeiner geistlichen Version von „Hör auf“ oder „Gib dir mehr Mühe“ traktiert oder verurteilt zu werden.
Manchmal wünschte ich mir sogar, ich hätte irgendwelche gesundheitlichen Probleme statt der Probleme, die ich tatsächlich hatte. Hätte ich im Krankenhaus gelegen, dann hätten sie wenigstens Gebetsketten für mich organisiert und meiner Familie Eintöpfe gebracht.
Lassen Sie mich das noch einmal anders sagen.
Ich wünschte mir, Krebs zu haben, damit ich in der Gemeinde ehrlich sein konnte.
Ich konnte nicht authentisch sein, und das machte mich fertig. Nicht, dass ich meinen Glauben über Bord geworfen hätte. Im Innern sehnte ich mich nach wie vor nach der Beziehung zu Gott. Doch viele Leute wenden sich in solch entscheidenden Momenten tatsächlich von ihrem Glauben ab. Oder sie setzen sich die Plastik-Fantastik-Maske eines unaufrichtigen Lebens auf. Angesichts des rapide nachlassenden Kirchenbesuchs vermute ich, dass das viel häufig er geschieht, als wir uns eingestehen möchten.
Das Leben ist immer wieder schwierig. Diesseits des Himmels werden wir keine Vollkommenheit erreichen. Wir werden immer Sachen haben, die uns zu schaffen machen. Sachen, die uns angetan werden, Sachen, die wir erleben, und Sachen, mit denen wir selbst zu kämpfen haben.
Jesus selbst hat uns das prophezeit.[5] Doch wenn wir stattdessen dem verdrehten Gedanken verfallen, wenn ich nur richtig gläubig bin, dann habe ich gar keine richtigen Probleme, dann müssen wir uns hinter der Maske des geistlichen Perfektionismus verstecken. Eine andere Wahl haben wir nicht, wenn es das ist, was wir glauben. Dann werden wir sehr vorsichtig in unseren Beziehungen, damit unsere „Macken“ bloß nicht sichtbar werden. Lieber erzählen wir von Myrtles kranker Katze – und gehen dabei innerlich langsam zugrunde, weil wir nicht echt sein können.
Wie schon oft auf meiner Glaubensreise hat Gott mir in seiner Barmherzigkeit einen Weg gezeigt, an dieser Zurückhaltung vorbei zu ihm durchzudringen. Im Modell des Internen Familiensystems entdeckte ich eine völlig neue Art, mit meinem Feststecken umzugehen, die sich nahtlos in meine tiefsten Glaubensüberzeugungen einfügte. Sie war praktisch anwendbar und führte sofort zu einer Veränderung meines Umgangs mit mir selbst und anderen. Sie half mir, mich über Verurteilungen, Scham und Verzweiflung hinwegzusetzen und anzufangen, in Barmherzigkeit, Respekt und Gnade zu leben. Sie machte mich neu mit einem größeren, besseren Gott bekannt – dem Gott, auf den ich irgendwo in mir mein ganzes Leben lang gehofft hatte.
Mir gefällt der Gedanke, dass sie mir dazu verholfen hat, all den Teilen in meinem Innern und auch den Menschen um mich herum wie Jesus zu begegnen.
Das Gegenteil von dem zu tun, was wir glauben, tun (und fühlen) zu müssen, ist ein Thema bei Gott, der uns zusichert, dass seine Wege nicht unsere Wege sind. Schließlich stellte Jesus, als er auf der Welt erschien, die Gottesvorstellungen der Leute völlig auf den Kopf. Er stellte die Erwartungen infrage, wie ein gesundes geistliches und emotionales Leben aussehen und wie es sich verhalten müsste – und zwar jedenfalls nicht so, dass man jederzeit und überall alles im Griff haben müsste. Er gab sich mit Vorliebe mit den Leuten ab, die am wenigsten zu bieten hatten, und sparte sich seine härtesten Worte für die glänzenden Hüter der geistlichen Großartigkeit auf, die glaubten, immer das Richtige zu tun und zu sagen. Die Experten für „Hör auf“ und „Gib dir mehr Mühe“.
Um neu sichtbar zu machen, wie Gott wirklich ist, verbrachte Jesus lieber Zeit mit gewöhnlichen Leuten. Mit denen, die sich danebenbenahmen, den Kaputten, den zwielichtigen Gestalten, den Gescheiterten-aber-Ehrlichen, konnte er am meisten anfangen. Wie Sie wahrscheinlich wissen, waren das die Leute, unter denen er sich seine engsten Freunde und Anhänger suchte.
Um noch deutlicher zu machen, wer Gott ist, erzählte Jesus auch Geschichten. Von einem Hirten zum Beispiel, der sich auf die Suche nach einem einzigen dummen Schaf macht, das auf Abwege geraten ist. Oder von einem Vater, der seiner absoluten Niete von einem Sohn mit wehenden Rockschößen entgegenrannte.
Das ist es, was es uns bringen kann, die Wahrheit darüber zu erfahren, wer wir im Innern sind. Es kann uns zeigen, dass alle unsere Teile willkommen sind, dass Heilung möglich ist und dass mitten in uns ein starker, transformativer, von Gott geschaffener Kern lebt und gedeiht – unser Gottesbild.
Schauen wir uns gemeinsam die Schlüsselbegriffe dieser neuen Lebensweise an. Ich werde Ihnen von meinen eigenen Erfahrungen erzählen, wichtige Einsichten mit der Bibel und anderen Quellen untermauern und Ihnen zeigen, wie Sie diese Dinge persönlich so umsetzen können, dass Sie Veränderung erfahren.
Dieses Buch ist für alle, die Mühe damit haben, aus ihrem inneren Widerstreit schlau zu werden.
Für die unter uns, die Dinge tun, die wir nicht tun wollen und von denen wir uns hinterher wünschen, wir hätten sie nicht getan. (Ganz im Ernst, die Oreos lagen da und starrten mich an.)
Für die unter uns, die sich verängstigt, einsam, sorgenbeladen, verärgert, verletzt oder deprimiert fühlen. Und sich dann dafür schämen, weil es sich doch für einen „gläubigen Menschen“ nicht gehört, solche Gefühle zu haben.
Am Ende dieses Buches werden Sie die Möglichkeit haben, für sich selbst die Heilung zu realisieren, der die meisten Leute jahrelang vergeblich nachjagen.
Willkommen. Ich hoffe, Sie fühlen sich völlig zu Hause. Sie sind nicht allein, und Sie müssen nicht weiter feststecken. Sie sind ein Mensch. Und alle Teile von Ihnen sind willkommen.
Die Fragen zum Weiterdenken sind als PDF zum Ausdrucken unter https://audio-book.eu erhältlich. ©
In welchen Bereichen Ihres Lebens stecken Sie fest?
Wenn ein Teil von Ihnen das eine und ein anderer Teil etwas anderes tun will, ist das ein Zeichen, dass Ihre Teile im Widerstreit miteinander liegen. (Ausschlafen oder Zeit mit Gott verbringen. Oreos essen oder abnehmen.) Wie reagieren Sie meistens, wenn Sie Teile in sich haben, die sich gegenseitig zu bekämpfen scheinen?
Hatten Sie je Angst, ehrlich über Ihre Kämpfe zu sprechen? Welche Eigenschaften einer Person oder einer Umgebung nehmen Ihnen die Angst, in Bezug auf Ihre Schwierigkeiten ehrlich zu sein?
Haben Sie in einem geistlichen Zusammenhang die Er-mahnungen „Du musst mehr Bibellesen!“, „Hör auf!“ oder „Gib dir mehr Mühe!“ zu hören bekommen? Wie kamen diese Botschaften bei Ihnen an?
Sind Sie bereit, Ihre menschliche Denkweise von Gott auf den Kopf stellen zu lassen? Was reizt Sie an dieser Möglichkeit?
Wir verändern uns anders, wenn wir verstehen, aus welchen Teilen wir gemacht sind
Falls Sie sich angesichts dieser ganzen Aufzählung von Teilen fragen, ob Sie vielleicht multiple Persönlichkeiten haben, so lautet die Antwort … nun … ja. Die haben Sie. Die haben wir alle. Es ist völlig normal, dass wir verschiedene Seiten oder Aspekte unserer Persönlichkeit haben, die zusammenwirken, um uns in unserer Gesamtheit auszumachen.
Das ist uns auch ganz intuitiv klar und zeigt sich darin, wie wir reden.
„Hallo Rahel, danke für die Einladung zu der Party am Freitag! Teils möchte ich wirklich gern kommen, aber die Woche war so lang, dass ich teils nur nach Hause und früh ins Bett will. Macht es dir was aus, wenn ich nur für ein Stündchen vorbeischaue?“
Manchmal ist unser verborgener „Teile-Krieg“ verhältnismäßig einfach, wie bei der Frage, ob wir am Freitag Lust auf die Party haben oder nicht. Manchmal aber geht es um ernsthaftere und beunruhigendere Dinge, etwa darum, wie wir mit einer Sucht oder einem anhaltenden Kampf mit Angstzuständen oder Depressionen umgehen. Aber wo auch immer unsere widerstreitenden Teile in diesem Spektrum liegen – das IFS kann uns hilfreiche Einsichten über unsere Teile und unser Kern-Selbst vermitteln.
Wir haben bereits gesehen, wie die traditionellen Versuche, unsere Teile miteinander zu versöhnen, dazu führen können, dass wir uns beschämt, verurteilt und minderwertig fühlen. Als gläubige Menschen fragen wir uns, ob wir in Sünde leben oder Gott von uns enttäuscht ist. Das liegt daran, dass weder „Hör auf“ (Donuts zu essen), noch „Gib dir mehr Mühe“ (geistlich disziplinierter zu werden) in der Regel auf Dauer Erfolg bringen.
In diesem Kapitel beschäftigen wir uns mit Gedanken über das Selbst, lernen unsere Teile kennen und gehen der Frage nach, wie wir von da, wo wir jetzt stehen, dahin kommen, wo wir sein wollen. Zunächst möchte ich Ihnen die faszinierende Geschichte erzählen, wie diese Art und Weise, uns selbst zu verstehen, zustande kam.
In den 1980er Jahren war Dr. Richard Schwartz ein junger Therapeut in Chicago, der in einem Therapiemodell namens „Family Systems“ ausgebildet war. Diesem Modell zufolge sind Menschen von dem komplexen Gewebe der primären Beziehungen in ihrem Umfeld geprägt. Um Fortschritte bei den Schwierigkeiten einer Person zu machen, musste man mit den anderen Leuten in dem größeren Ökosystem arbeiten. Family Systems hilft uns z. B. zu verstehen, dass man bei einer alkoholgefährdeten jugendlichen Person, die zudem von ihrem Vater verbal misshandelt wird, nicht nur das Alkoholproblem des Teenagers behandeln muss, sondern auch die verbale Grausamkeit des Vaters und die Vermeidungsstrategie der Mutter, um dem Problem zu begegnen. Man kann Symptome oder Personen nicht isoliert behandeln.
Aber dieser Ansatz hat seine Grenzen. Therapeuten stellten fest, dass die Symptome sich oft auch dann, wenn Probleme innerhalb der Familie angegangen wurden, hartnäckig hielten. An diesem Punkt gelangen Schwartz einige bemerkenswerte Durchbrüche.
Er erkannte, dass Systeme oder Schlüsselbeziehungen nicht nur außerhalb der Klienten bestanden (Eltern, Onkel und Tanten, konkurrierende Geschwister, streitlustige Nachbarn), sondern auch in ihrem Innern. Und auch diese internen Systeme waren heilungsbedürftig.
Konkret fiel Schwartz auf, dass seine Klienten regelmäßig ihre Probleme als Folge heftiger Konflikte zwischen verschiedenen Teilen von ihnen beschrieben. Eine Klientin mit einer Essstörung sprach von einem Teil von ihr, der das Essen einschränken wollte, damit sie schlank sein, ihr Leben unter Kontrolle bringen und Anerkennung finden könnte, während ein anderer Teil von ihr unbedingt essen wollte, weil sie hungerte und sich Sorgen um ihre Gesundheit machte. Diese beiden Teile lagen buchstäblich im Krieg miteinander, und vom Ausgang dieses Krieges hing es ab, ob die Klientin überleben würde oder nicht.
Schwartz wurde neugierig und prüfte nach, ob auch bei anderen Klienten solche Teile im Konflikt miteinander lagen. Und er wurde fündig. Wenn er sich selbst unter die Lupe nahm, musste er zugeben, dass es auch in seinem Innern ein solches Schlachtfeld gab. So wurde das Interne Familiensystem (IFS) als Therapiemodell geboren.
