ALLES FAKE!? Mit Fiona generative KI entdecken - Doris Schuppe - E-Book
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ALLES FAKE!? Mit Fiona generative KI entdecken E-Book

Doris Schuppe

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Beschreibung

Die junge Münchnerin Fiona wird Opfer einer hinterhältigen Mobbingkampagne. In einer Welt, in der Künstliche Intelligenz Realität und Fiktion verschwimmen lässt, droht ein täuschend echt wirkendes Video ihre Karriere und ihren erfolgreichen Podcast zu zerstören. Doch Fiona lässt sich nicht unterkriegen. Gemeinsam mit ihr tauchen wir in die Welt der Künstlichen Intelligenz ein. Wie kann sie beweisen, dass das Video gefälscht wurde? Es wird immer schwieriger zu unterscheiden: Was ist authentisch, was ist Fake … Ein spannungsreicher Sachroman über generative KI zum ›Lernen im Vorbeilesen‹.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Doris Schuppe

 

ALLES FAKE !? Mit Fiona generative KI entdecken

 

 

 

 

 

 

 

Zum Buch

Die junge Münchnerin Fiona wird Opfer einer hinterhältigen Mobbingkampagne. In einer Welt, in der Künstliche Intelligenz Realität und Fiktion verschwimmen lässt, droht ein täuschend echt wirkendes Video ihre Karriere und ihren erfolgreichen Podcast zu zerstören. Doch Fiona lässt sich nicht unterkriegen. Gemeinsam mit ihr tauchen wir in die Welt der Künstlichen Intelligenz ein. Wie kann sie beweisen, dass das Video gefälscht wurde? Es wird immer schwieriger zu unterscheiden: Was ist authentisch, was ist Fake … Ein spannungsreicher Sachroman über generative KI zum ›Lernen im Vorbeilesen‹.

Zur Autorin

Doris Schuppe (DoSchu) steht für ›Digitalien & KI einfach verstehen‹. Sie stärkt digitale Kompetenzen, damit Berufstätige den Anschluss an digitale Arbeitstechniken nicht verpassen und generative KI für ihre Workflows entdecken. Vernetzen ist ihre Superkraft – neben der klassischen Vernetzung in Interessenverbänden bringt sie Menschen in Barcamps, Coworking, Lean Coffees, Learning Circles oder Online-SchreibClubs zusammen. Neben Blogs schreibt sie Bücher: 2023 erschien ihr New Work-Buch »Heiter bis wolkig in Digitalien«, 2024 als Co-Autorin der »lernOS KI Leitfaden«. Doris Schuppe arbeitet als freie Trainerin, Mentorin und Moderatorin.

 

Doris Schuppe

ALLES FAKE !? Mit Fiona generative KI entdecken

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

COWOXU Mallorca

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

1. Auflage ISBN 9783759280404

© 2025 Doris Schuppe alle Rechte vorbehalten.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Der Verlag behält sich nach § 44b UrhG Text und Data Mining vor. Die Autorin nutzte die KI Gemini für einzelne Chatverläufe, die im Buch entsprechend gekennzeichnet sind.

Umschlaggestaltung, Illustration: Doris Schuppe mit Canva und Element, das mit Canva Magic Studio generiert wurde.

Editor: COWOXU Mallorca S.L., Pl. Porta Murada 2, 07650 Santanyí, Baleares, Spanien

Website: cowoxu.eu

Veröffentlicht über tolino media

 

Vorbemerkung

Dieses Buch richtet sich an Selbstständige, Angestellte, Führungskräfte, Solopreneure sowie Privatpersonen. An Menschen, für die das Thema Digitalisierung eine Herausforderung darstellt. Die sich mit der aktuellen Technikrevolution schwertun, aber generative Künstliche Intelligenz (KI) verstehen wollen, die als größte technologische Veränderung seit der Erfindung des Internets betrachtet wird. Menschen, die Zusammenhänge und Auswirkungen auf ihre Lebens- und Arbeitswelt frühzeitig erkennen möchten.

Dazu führt dieses Buch auf unterhaltsame Weise in das Wissen rund um generative KI ein. Die Romangeschichte präsentiert das Knowhow praxisnah in angenehm zu verarbeitenden ›Häppchen‹.

Eine Rezensentin bezeichnete meinen Stil als »Lernen beim Vorbeilesen«. Eine Mischung aus packender Geschichte und fachspezifischen Sachinformationen.

Die Kapitel dieses Buches laden ein, mit einer jungen Münchnerin die Höhen und Tiefen der generativen KI auszuloten. Die Geschichte vermittelt ›nebenbei‹ einiges zu Podcasts als Kommunikationskanal in der Unternehmenskommunikation, über Workation und viele Aspekte rund um Künstliche Intelligenz.

Wer mein Buch »Heiter bis wolkig in Digitalien« gelesen hat, darf sich auf ein Wiedersehen mit einigen Personen freuen. Keine Panik: Die vorliegende Erzählung schildert eine eigenständige Handlung. Sie ist unabhängig vom Mallorca-Roman, in dem uns die Führungskraft Hanna Köhler auf ihre zweiwöchige Arbeits- und Lernreise in den Südosten der Ferieninsel mitnimmt. Was die Bücher verbindet, sind der Stil und einige fiktive Personen, die in beiden Geschichten eine Rolle spielen.

Weder für die beschriebenen Figuren noch für die fachlichen Themen sind Vorkenntnisse erforderlich.

Genau darum dreht es sich in meinen Büchern: Sie schaffen eine Basis, um neue technologische Entwicklungen in der digitalen Welt zu verstehen und persönlich einschätzen zu lernen. Konkrete Anwendungen oder Tools nenne ich daher nur in Einzelfällen, schließlich ändern sich diese mit der Zeit. Das gilt besonders für einen Markt, der so in Bewegung ist wie derzeit rund um generative KI. In der umfangreichen Quellensammlung gebe ich reichlich konkrete Ansatzpunkte zur weiteren Vertiefung.

Alle im Buch beschriebenen und handelnden Figuren sowie die geschilderte Handlung sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder Ereignissen ist rein zufällig und nicht beabsichtigt. Aufgeführte oder erwähnte Markennamen sind Eigentum der jeweiligen Markeninhaber/in. Für die Erwähnung von Unternehmen, Organisationen oder Betrieben und deren Leistungen oder Produkte erhalte ich weder Bezahlung noch anderweitige Zuwendungen.

Nun wünsche ich viel Vergnügen und Erkenntnis mit der Hauptfigur Fiona Balser im charmanten München, das mir zwanzig glückliche Jahre schenkte.

#allesFakeFionaKI

Inhaltsverzeichnis

Prolog

1 • Der Podcast

Wichtige Begriffe

2 • Die Workation-Folge

Wichtige Begriffe

3 • Das Neue

Wichtige Begriffe

4 • Das Geheimnis

Wichtige Begriffe

5 • Die Wundermaschine

Wichtige Begriffe

6 • Der Code

Wichtige Begriffe

7 • Das Donnerwetter

Wichtige Begriffe

8 • Die Spur

Wichtige Begriffe

9 • Die Jagd

Wichtige Begriffe

Epilog

Lernen neu angehen

Peer Learning

KI-Power für Frauen

Loslegen. Jetzt.

Danke

Die Autorin

Inspirationen & Quellen

Generative KI

Generative KI • Deepfake & Fake

Generative KI • Diskriminierung

Generative KI • Info-Podcasts

Generative KI • Kompetenzaufbau

Generative KI • Nachhaltigkeit

Generative KI • Tools

Generative KI • Urheberrecht

Generative KI • Ethik, Regulierung & Verantwortung

KI-Verordnung • EU AI Act

Bayern & München

Podcasting

Workation

Meine Tools & KI-Assistenz

Manifest der ›Liga der vegetarischen Superfoodies‹

Business Novels

Leseprobe »Heiter bis wolkig in Digitalien«

 

Prolog

November 2023

»What?!«, rief Fiona. Mit zitternden Händen nahm sie ihre Brille ab und rieb sich die brennenden Augen. Doch selbst die geschlossenen Lider konnten die verstörenden Bilder des Videos nicht verdrängen. Ihr war klar, dass es eine Fälschung war. Und dennoch ließ sie die verblüffend realistische Darstellung erschauern.

»Was ist das für ein Albtraum?«

Sie stürzte ins Bad und würgte. Ohne Frühstück kam nur saurer Magensaft. Sie öffnete den Wasserhahn und trank gierig das Wasser aus der Handfläche.

Die gefälschte Aufnahme zielte direkt auf sie ab, sollte ihren Ruf zerstören. Fiona war sowohl im privaten als auch beruflichen Umfeld bekannt als überzeugte Vegetarierin und Tierschützerin. Daher traf sie diese perfide Täuschung bis ins Mark. Wer das Video zu sehen bekam, würde ihr nie wieder Glauben schenken, all ihre Überzeugungen als Heuchelei abtun. Sie schrieb eine Nachricht auf dem Smartphone an ihren engsten Freund und Mitbewohner Lukas.

Fiona lief rastlos durch ihre Altbauwohnung im Münchner Dreimühlenviertel und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Als Softwareentwicklerin war ihr nur zu gut bekannt, welche Macht die neuesten KI-Tools besaßen. Solche Deepfakes in dieser bestehend real wirkenden Qualität waren inzwischen erschreckend leicht zu erstellen. In ihrer Firma, einem Anbieter für individuelle Softwarelösungen, arbeiteten genügend Experten, die das technische Knowhow dafür besaßen. Ihre Gedanken rasten. Von wem kam dieser Seitenhieb? Was ging im Kopf dieser Person vor, die solche gefälschten Videoaufnahmen anfertigte?

»Was habe ich dir nur getan?«, fragte sie schließlich und sah aus dem Fenster. Sie presste ihre erhitzte Stirn an das kühlende Glas. War das alles nur ein böser Scherz? Wem war ich auf die Füße getreten, um eine derart heftige Reaktion auszulösen?

Oh, was hatte sie mit anderen darüber gelacht, als dem Papst eine dicke Daunenjacke angezogen wurde. Solche Fälschungen kannten inzwischen alle aus Social Media und den berichtenden Medien. So etwas betraf berühmte Leute. Und leider unfassbar viele Menschen hielten die nachsynchronisierten Videoinhalte für echt, hatte Fiona gelesen.

Ob sie dieses gefälschte Video mit einer ihr verdammt ähnlich klingenden Stimme genauso für bare Münze nahmen? Es gelang ihr nur mit Mühe, ihren Atem zu beruhigen. Sie schlang die Arme um ihren Körper. Warum meldete sich Lukas nicht? Wo steckte der wieder? Sie ballte aufgebracht die Fäuste. Sie fragte sich, ob sie ihre Eltern anrufen sollte. Helfen konnten sie ihr nicht. Ihre Mutter würde sich Sorgen machen. Und ihr Vater? Der würde in dem Ganzen nur die Bestätigung sehen, wie viel besser sie in einer Ehe mit Kinderschar auf dem Lande aufgehoben war.

»Ich habe weder Prominenz- noch Influencer-Status! Wer bist du? Wieso investierst du deine Zeit und Energie darauf, dir eine derartige Unterstellung einfallen zu lassen?«, fragte Fiona mit Blick auf ihr Smartphone.

Dann hielt sie inne. Zeit und Energie? Sie schlug sich vor die Stirn.

Sie selber hatte erst vor wenigen Monaten verblüfft lernen dürfen, was neueste Software-Tools dank generativer Künstlicher Intelligenz in kürzester Zeit zustande brachten. Im November 2022 öffnete ein bahnbrechendes KI-basiertes Tool sein Chat-Fenster kostenfrei für jede und jeden mit Internetanschluss. ›ChatGPT‹ der Firma OpenAI eroberte die Welt und wurde rasch von 100 Millionen Menschen genutzt.

Auch Fiona profitierte davon. KI verkürzte deutlich ihren Zeitaufwand für die Podcast-Erstellung, die sie für die Firma produzierte. Ihr neues ›Wunder-Tool‹ war ihr in einer Online-Community rund um Podcasts empfohlen worden. Und es hielt, was die Kommentare versprachen. Die Anwendung arbeitete lokal auf ihrem Computer und verfasste auf der Basis einer eingegebenen Sprachdatei wie eine Podcastaufzeichnung passende Texte. Das war ihr wichtig, denn obwohl keine Firmengeheimnisse besprochen wurden, beachtete sie das Gebot ihrer Firma, keine unveröffentlichten Daten in Systeme, die mit KI arbeiteten, einzuspeisen. Was für eine Arbeitserleichterung, wenn zu einer aufgezeichneten Episode im Handumdrehen begleitende Texte und Zusammenfassungen entstanden. Für Fiona entfielen damit die lästigen Pflichtaufgaben rund um die Bereitstellung der Podcasts im internen Blog der Firma. Lieber arbeitete sie schon an den nächsten Folgen. Diese von der KI-Software generierten Texte, die als ›Shownotes‹ bezeichnet wurden, veröffentlichte sie nach geringfügiger Überarbeitung.

Für den Podcast interviewte Fiona Kolleginnen und Kollegen oder lud externe Gäste ein. Zunächst war es ein Lernprojekt und eine Liebhaberei. Inzwischen war es ein Teil ihrer beruflichen Tätigkeiten in der Firma.

Dabei war ihre erste Reaktion auf generative künstliche Intelligenz für Podcast-Produktionen eher resignierend: »Jetzt kann ich wohl meinen coolen Job als Podcast-Host bald an den Nagel hängen!« Waren KI-Anwendungen demnächst in der Lage, ihre Themenplanung samt Interviewfragen zu übernehmen? Konnte eine KI mit synthetischer Stimme eine Podcastfolge tragen? Fiona blieb nach ersten Experimenten zuversichtlich, dass die Zeit noch nicht reif war dafür. Besonders weil ihren Interviews und Gesprächen gewisse Dynamiken innewohnten. Ein Fragengerüst war für Fiona selbstverständlich für die Vorbereitung, und doch durfte sich eine Folge im Laufe der Unterhaltung in eine andere, unvorhergesehene, aber hochinteressante Richtung entwickeln. Könnte das eine KI-Anwendung leisten?

Apropos Experimentieren: Fiona dachte an ihre Kollegen und Kolleginnen, die in ihrem beruflichen Umfeld die Möglichkeiten der neuen KI-Anwendungen erkundeten. War dort die Person zu finden, die dieses schreckliche Video als Testballon erstellt hatte?

Ach, wenn nur Luki da wäre, dachte Fiona. An einem Samstagmorgen nach durchfeierter Nacht schlief ihr Mitbewohner und bester Freund seit Kindheitstagen häufig in fremden Betten. Sie öffnete das Fenster und ließ frische Novemberluft in die gemütliche Wohnküche, um ihr erhitztes Gesicht zu kühlen.

Sie sah aus dem zweiten Stock in den im Erdgeschoß des Hauses liegenden Garten. Das Viertel war im Studium ihre neue Heimat geworden. Sie lebte gerne hier und wunderte sich oft, dass Bekannte keine Ahnung von diesem angenehm entspannten Teil Münchens hatten. Nach dem beliebten Glockenbachviertel nahmen die meisten südlich der Kapuzinerstraße lediglich den Großmarkt und das imposante Heizkraftwerk wahr. Fiona fühlte sich außerordentlich wohl hier, denn sie gelangte zügig in die Innenstadt und noch rascher in die Natur.

Die Isar ersetzte ihr hier im Süden der Stadt Münchens den Pilsensee, an dem sie und Lukas aufgewachsen waren. Per Fahrrad oder zu Fuß war sie flink am ›Flaucher‹, wie die weitläufige Auenlandschaft mit den hellen Kiesbänken genannt wurde. Der perfekte Ort für eine Erfrischung, wenn im Sommer zwischen den Häusern die Hitze flimmerte. Hier an der Isar wurde gesonnt, gebadet, gegrillt. Der namensgebende Biergarten auf dem westlichen Isarufer war ein weiteres attraktives Ausflugsziel.

Ach, wann wird es endlich wieder Sommer? Fiona schloss das Fenster. Der Winter stand erst vor der Tür, und doch sehnte sie sich bereits nach warmen Frühlingstagen. Sie schnappte sich ihr Smartphone und schrieb rasch eine weitere Nachricht.

# # #

1 • Der Podcast

»Work as hard and as much as you want to on the things you like to do the best. Don’t think about what you want to be, but what you want to do.« ― Richard Feynman

Juni 2022

Ein öffentlicher Podcast für die Firma – brauchen wir so etwas? Das war die erste Reaktion im Kreis der Führungskräfte, als Fiona Balser ihnen und der Geschäftsführung des Unternehmens für individuelle Softwareentwicklungen ihre Idee vorgestellt hatte.

Die junge Frau Ende zwanzig war groß gewachsen und schlank. Lange, fast schwarze Haare rahmten ihr schmales Gesicht ein. Ihren Pony trug sie gerade und kurz. Im nachtschwarzen Rollkragenpullover zur gleichfarbigen Stoffhose wirkte Fiona auf den ersten Blick streng, ihren Look rundeten schwarzlackierte Fingernägel ab. Während der Präsentation ließ sie ihre nervösen Hände eine Brille halten, die sie nur zum Lesen oder Arbeiten am Computer benötigte.

Vor diesem wichtigen Termin hatte sie sich mit ihrem Kollegen Jerry im Café in der Königinstraße getroffen. Ihr Lampenfieber blieb ihm nicht verborgen, dazu kannte er Fiona zu gut. Die beiden arbeiteten nicht nur zusammen, sie verband auch privat eine tiefe Freundschaft.

Jerry flößte ihr einen wohltuenden Kräutertee ein und ließ sie ihre Atmung beruhigen. Der Vortrag vor Geschäftsführung und anderen Führungskräften war eine außergewöhnliche Herausforderung für die junge Softwareentwicklerin. Sie tranken schweigsam und blickten auf das beruhigende Grün der Bäume vor dem Café, das alle nur liebevoll die ›Königin‹ nannten.

Wie das Lokal lag die Firma, für die Fiona arbeitete, an der gleichen Straße gegenüber dem Englischen Garten. Den Standort fand Fiona perfekt. Sie konnte zur Arbeit radeln und war nahe dieser weitläufigen Parkanlage. Während des Tages oder am Abend tauchte sie im Handumdrehen in eine der schönsten Grünflächen Münchens ein. Den Park mit hohen Bäumen und großen Grasflächen durchzogen einige Bäche. Auf dem Kleinhesseloher See fuhr sie zusammen mit anderen hin und wieder Tretboot in der Mittagspause. Das stillte ihre Sehnsucht nach Wasser, das sie seit ihrer Kindheit am Pilsensee magisch anzog.

Nach der Entspannung im Café war Fiona in Topform: Eva und Peer, die gemeinsam die Geschäftsführung in der Firma ausübten, waren von der präsentierten Idee begeistert. Andere Führungskräfte stimmten ihnen zu. Nur David, der Marketing, PR und Kommunikation für das Unternehmen verantwortete, bohrte in dem Meeting mit Fragen nach.

»Wir haben doch schon ein gedrucktes Magazin, ein Blog und zwei Newsletter! Wer bitte hat denn die Zeit, das alles zu verarbeiten?«, wiederholte David im Anschluss an die Besprechung seine Meinung zu dem Thema vor seinem Team. Die Kundschaft und interessierte Öffentlichkeit schob er nur vor. In Wahrheit störte ihn, dass dieses ›Mädel‹ ihm, dem erfahrenen Kommunikator, seinen Job erklären wollte. Gar nicht zu sprechen von der zusätzlichen Arbeit für seine drei Mitarbeiterinnen.

»Kann nicht mal jeder einfach den Job erledigen, für den man eingestellt wurde?«, poltere David anschließend im vertraulichen Kreis seines Teams. »Das ist eine Softwareentwicklerin, die entwickelt gefälligst Software passgenau zum Anforderungsprofil unserer Kundschaft. Basta!«

Die ganze Besprechung über hatte er es geschafft, sich im Griff zu halten. Gegenüber den Führungskräften und der Geschäftsführung hatte er eine freundliche Miene zur Schau getragen. Die Entwicklerin sollte schließlich nicht bemerken, wie sie ihm mit ihrer Idee zusetzte.

»Wo kommen wir bitte hin, wenn jetzt alle meinen, sie könnten mit der kontinuierlichen Weiterbildung im Unternehmen mal eben von einer Abteilung in die andere springen? Peer und Eva haben echt Nerven, so was den Leuten zu signalisieren!«

Seiner Meinung nach war Peer diesem Projekt gegenüber viel zu wohlwollend aufgetreten. Innerlich brodelte es in David, und vor seinem Team hatte er kein Problem, seiner Laune Luft zu machen.

»Diese Fiona sieht aus wie eine erwachsene – wie hieß die Tochter dieser ›Addams-Family‹ noch gleich? Diese Serie da, auf die alle so abfahren?« Hilfesuchend schaute er seine Mitarbeiterinnen an.

»›Wednesday‹ ist das wohl«, assistierte Kim. Sie nahm mit Erstaunen zur Kenntnis, wie aufgebracht ihr Chef war. Normalerweise bildete er einen stabilen Fels in der Brandung, war die Ruhe selbst.

»Genau wie eine erwachsene – im wahrsten Sinne des Wortes erwachsene, nämlich wie eine Bohnenstange hochgewachsene ›Wednesday‹.« David räusperte sich mit einem verzerrten Grinsen und freute sich seines Wortspiels über die hochaufgeschossene Statur der Kollegin, »Und dieses Mädel meint, mir meinen Job erklären zu können! Ganz schön unverschämt.« Er nahm sich vor, schleunigst mit Peer unter vier Augen zu sprechen.

@ @ @

Podcasts waren Fionas Thema in ihrer wöchentlich vereinbarten Zeit für Weiterbildung. Ihre Firma arbeitete mit dem so genannten ›4+1‹-Arbeitszeitmodell. Einen Tag in der Woche nutzten alle möglichst zur Fortbildung nach eigenem Gusto. Die Zeit stand frei zur Verfügung für das Erlernen einer Fremdsprache, einer neuen Programmiersprache, von Soft Skills oder die Entwicklung einer Smartphone-App.

In dieser Bildungszeit festigte Fiona zunächst ihre Fähigkeiten zur Präsentation und damit verbunden ihr Selbstvertrauen. Dann arbeitete sie sich mit wachsender Begeisterung in das Thema Podcasts ein. Sie belegte Online-Workshops und schloss sich bald einer passenden virtuellen Community an. Dort holte sie sich Tipps für die erforderliche Technik, um hochwertige Podcastaufnahmen anzufertigen. Nach ersten kleinen Schritten stellte sie im Oktober 2021 ihr Projekt und die Idee eines internen Podcasts vor.

Fionas Lieblingskollege Jerry wurde ihr erster Fan. Sie spielte ihm Probeaufnahmen vor, die er mit hilfreichen Hinweisen kommentierte. Es war seine Idee, Helen den Pitch für eine regelmäßig erscheinende Podcastserie vorzutragen. Denn beiden war aus Erfahrung klar: Die als Scrum Master tätige Kollegin konnte weder Podcasts noch Hörbüchern oder gar Sprachnachrichten etwas abgewinnen. Das machte sie in Jerrys Augen zur perfekten Testkandidatin für Fionas Projektidee. Unverhofft war diese restlos begeistert! Helen sah in einem Podcast ein ausgezeichnetes Format, um diejenigen der Belegschaft zu erreichen, die ihre Arbeitszeit vorwiegend bei der Kundschaft verbrachten. Sie lobte Fionas Ansatz, wie sie in ihren Podcasts unterhaltsam Praxiswissen und Perspektiven zu aktuellen Themen der Softwareentwicklung zum Abhören unterwegs anbot. Für Helen stand fest, dass ein derartiger Podcast die interne Kommunikation bereicherte.

Beflügelt von dieser Rückmeldung ging Fiona den nächsten Schritt. Und heute war es endlich so weit. Sie präsentierte ihre Podcastidee vor dem Führungskreis der Firma. Eines ihrer Argumente für den Podcast war die gestiegene Arbeitszeit im Homeoffice. Sie überzeugte in der Besprechungsrunde neben der Firmenleitung auch den für die Kommunikation verantwortlichen David, der besonders skeptische Nachfragen und Vorbehalte äußerte. Dagegen ließen sich Eva und Peer als Geschäftsführung euphorisch darüber aus, wie perfekt der Podcast zum Firmen-Spirit passte. Gemeinsam wurde sodann in Abstimmung mit Fionas Team eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Kommunikationsteam auf Probe vereinbart. Den Qualitätsansprüchen des Unternehmens entsprechend erhielt Fiona ein Budget, mit dem sie ein verbessertes Equipment anschaffte. Im Gegenzug sicherte sie verbindlich zu, einmal im Monat intern auf Sendung zu gehen.

Binnen eines Quartals avancierte Fionas Podcast zum inoffiziellen ›Firmenradio‹, wie viele den Kanal liebevoll nannten. Ihre Anfragen zu Interviews wurden dadurch deutlich wohlwollender aufgenommen. In ihr E-Mail-Postfach flatterten unaufgefordert Themenvorschläge, gelegentlich bereits bestückt mit Kontaktdaten relevanter Personen.

Nach der erfolgreichen Probezeit für ihr Podcastprojekt stand nun an, ihre berufliche Karriere in neue Bahnen zu lenken. Ihr Entwicklerkollege Jerry bestärkte seine Lieblingskollegin darin, die Chance zu nutzen, obwohl sie ihre aktuelle Tätigkeit so liebte wie er. In wenigen Tagen trafen sich alle Beteiligten, um darüber zu befinden, in welcher Rolle die junge Podcasterin künftig im Unternehmen tätig sein würde.

Fiona hätte nie im Traum daran gedacht, etwas anders zu tun, als Software zu entwickeln. Da war sie genau in ihrem Element, um Probleme der Kundschaft mit passenden Softwareanwendungen zu lösen. Sie fühlte sich nicht als geborene Präsentatorin, daher überließ sie diese Aufgabe weiterhin gerne anderen wie ihrer Kollegin Helen.

Gegensätzlicher konnten die beiden Frauen nicht sein. Fiona maß 1,92 m, daran kam die zierliche Helen kaum heran. Selbst dann nicht, wenn sie im morgendlichen ›Daily Standup‹ auf ihr Fußbänkchen stieg.

Fionas Größe wirkte auf andere Gesprächspartner oft einschüchternd. Das war einer der Gründe für sie gewesen, sich hinter ein Mikrofon zu setzen und auf eine Videokamera zu verzichten. Ihre wohltuend warme und tiefe Stimme tat dann das Übrige dazu, dass ihr viele ausnehmend gerne zuhörten.

@ @ @

Als wenn ich mich mit Videos nicht auskennen würde. Das ist doch reine Zeitverschwendung. Peer hat echt eine Meise, so darauf zu pochen. ›4+1‹ – bla, bla, bla. Ja, wer vielleicht im Job nichts reißt, der braucht das wohl! Ich bin tagtäglich herausgefordert, wieso zählt das nicht? Mögen ja die ganzen Software-Knobler nur was von Computern und Code verstehen. Daraus darf doch keine Vorgabe für alle anderen in der Firma abgeleitet werden. Nur weil die sich im Leben nicht auskennen und mit dem fortlaufenden Weiterbilden endlich mal was lernen, muss das ja nicht für andere Bereiche notwendig sein.

War vielleicht nicht so genial, das klipp und klar zu sagen. Hoffentlich trägt Peer mir das nicht nach. Der ist auch so einer von diesen harmoniesüchtigen Chefs. Faselt von einer Lerngruppe, ›Peer Learning‹. Ja, logisch: Mit so einem Vornamen wie seinem kann er das ja nur cool finden. Nee, nix da. Und dann setzt der mir dieses Mal doch glatt das Messer auf die Brust! Mir!

Egal. Mach ich halt diese lächerliche Fortbildung, wenn es ihn glücklich macht. Sitze ich es eben ab und gut ist. Er ist es zufrieden, und ich habe erst mal wieder für einige Zeit meine Ruhe vor seinen spinnerten Ideen.

@ @ @

Fiona fühlte sich in ihrer aktuellen Firma ausgesprochen wohl und anerkannt. Das war im Laufe ihres Studiums und dann in ihren ersten Berufsjahren anders gewesen.

Ständig stellte jemand infrage, ob ihre Qualifikationen ausreichten. Ihr Aussehen wurde ungefragt kommentiert, selten wohlmeinend. Einige Leute verspotteten unverfroren ihre zukünftigen Kinder, da sie als Mutter bereits fast zwei Meter groß war. Solche Erfahrungen waren für sie als junge Frau schockierend, und sie suchte nach einem Weg, damit umzugehen. Oft dachte sie sogar über einen Wechsel des Studienfachs Informatik nach, besonders als ihr langjähriger Freund aus Kindertagen Lukas die Universität verließ, um Schreiner zu werden. Zum Glück blieb er in München und bewohnte weiterhin mit Fiona die gemütliche Zweizimmerwohnung im Dreimühlenviertel. Seit sie auf der Welt waren, machten und teilten sie alles miteinander. Lukas war für Fiona ›der Kleine‹, da sie am 30. April und er am 1. Mai geboren wurde. Die Eltern wohnten seit Familiengründung nebeneinander in Seefeld am nördlichen Ufer des Pilsensees. In der gemeinsamen Zeit der Schwangerschaft entwickelten insbesondere die Mütter ein enges Verhältnis zueinander. So wuchsen deren Kinder miteinander auf und waren immerzu im Doppelpack anzutreffen. Wenn sie etwas angestellt hatten, dann zusammen. In ihren Familien wurden Fiona und Lukas daher nur ›die Twins‹ genannt. In der Schule versuchten die Kinder sie als ›das doppelte Lottchen‹ zu hänseln. Dem setzte der wie seine ›Zwillingsschwester‹ hochgewachsene Lukas bald ein Ende. Der Spitzname fiel nur noch hinter vorgehaltener Hand oder im Flüsterton. Dass sie gemeinsam in die große Stadt zum Studieren gehen, war ausgemachte Sache. Weder Fiona noch Lukas konnten sich ein Leben ohne die Nähe des anderen vorstellen. Das war für die jeweiligen Liebesbeziehungen der beiden schwer auszuhalten und oft der Trennungsgrund. Zu Fionas Erleichterung fand Lukas eine Werkstatt für seine Schreinerlehre in München. So blieb die vertraute Gemeinschaft der ›Zwillinge‹ bestehen.

Anders als Lukas war Fiona gerne Studentin an der Technischen Universität München. Sie freute sich auf ihre berufliche Zukunft als Softwareentwicklerin und behauptete sich auf ihrem Weg dahin. Denn mit ihr studierten nur wenige Frauen an der TU. Unsachliche und geschmacklose Kommentare versuchte sie nach Möglichkeit zu ignorieren. Ihre dabei oft als Zielscheibe gewählte Körpergröße war schließlich von Vorteil. Vor dem Spiegel übte sie mit Lukas’ Hilfe einen Blick, der deutlich signalisierte, was sie von unpassenden Bemerkungen hielt. Lieber wurde sie für arrogant und unnahbar gehalten, als zuzulassen, dass andere bemerkten, wie verletzend sie unfaire Behandlung empfand. Sie zog sich aus dem sozialen Miteinander zurück und konzentrierte sich auf ihr Studium.

Wie anstrengend und kräftezehrend ein derart toxisches Umfeld war, erkannte Fiona binnen Kurzem in der ersten Firma, bei der sie nach der Universität eine Anstellung fand. Hier umgaben sie tagein, tagaus die gleichen Personen mit Ansichten, die nur selten mit ihren Vorstellungen übereinstimmten. Die wenigen Tage mit direktem Kontakt zur Kundschaft, für die Software entwickelt oder gewartet wurde, zählten zu ihren Highlights. Erschüttert stellte sie fest, dass die Handvoll Frauen aus ihrer Studienzeit ähnliche Erfahrungen machte. Deren Konsequenz bestand darin, nach den widrigen Erlebnissen im Berufsleben eine Tätigkeit außerhalb des technischen Bereichs zu suchen. Aufgeben oder wie Lukas ins Handwerk wechseln – das entsprach nicht Fionas Zukunftsbild von ihrer beruflichen Laufbahn.

Im Coworking Space eines früheren Studienkollegen gab sie in ihrer Freizeit ab und zu Computerkurse für Mädchen. Hier fand sie Bestätigung und gewann die mentale Stärke, ihr Jobdebüt nicht gleich wieder dranzugeben. Es lag ihr, sich in neue Aufgabengebiete einzuarbeiten und mit innovativen Technologien vertraut zu machen. Mit Freude gab sie diese Begeisterung an die Kinder und Jugendlichen weiter.

Während einer IT-Konferenz fiel ihr im Herbst 2019 an einem Stand ein Team ins Auge. Frauen und Männer, alle gekleidet in Firmen-Polo und schwarzer Jeans, warben um Kundschaft und Talente. Im Gespräch wurde Fiona klar, wie viel näher die agile Arbeitsweise in dieser Firma ihren eigenen Vorstellungen entsprach.

Im Pandemiejahr konnte sie erfolgreich zum Unternehmen wechseln. Im neuen Kreis der Kolleginnen und Kollegen spürte Fiona erstmals Anerkennung für ihre Leistungen. Sie war glücklich, endlich ein Umfeld zu haben, in dem sie sich sowohl beruflich als auch persönlich gesund entwickeln konnte.

Mit dem Firmenwechsel begann sie nun in der Praxis, nach agilen Prinzipien zu arbeiten. Während in ihrem ersten Job von ihr verlangt wurde, das zu tun, was ihr von einem Vorgesetzten vorgegeben wurde, stellte Helen klar, dass die agile Arbeitsweise von ihr als Mitarbeiterin Selbstbewusstsein und Selbstorganisation erwartete. Zu Beginn der Zusammenarbeit war Helen in ihrer Funktion als Scrum Master sofort aufgefallen, dass Fiona mit eigenen Einschätzungen hinterm Berg hielt, bis andere ihre Ansichten zu einem Thema geäußert hatten. Sie sprach die junge Kollegin darauf an und forderte diese auf, für ein berufliches Miteinander auf gleicher Augenhöhe an ihrem Selbstvertrauen zu arbeiten.

»Ich habe das Gefühl, in deinem ersten Job nach der Uni wurden dir die Flügel gestutzt«, hatte Helen erklärt. »Die müssen wir unbedingt nachwachsen lassen.«

Sie wurde Fionas Mentorin, die sie im ersten Job so vermisst hatte. Mit ihr konnte sie über ihre Unsicherheiten und bisherigen Erfahrungen sprechen, die ihr Selbstvertrauen angeschlagen hatten. Anfangs konnte Helen kaum glauben, dass sie als zierliche Person entschieden mehr natürliche Autorität ausstrahlte als ihre hochgewachsene Kollegin.

Mit ihren Empfehlungen legte sich Fiona in der Zeit zur freien Weiterbildung ins Zeug und gewann Stück für Stück an Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit. Sie begrüßte die Herausforderung, sich zu beweisen, als sie nach Einarbeitung ins Podcast-Thema innerhalb der Firma auf Sendung ging.

Sieben interne Folgen hatte Fiona produziert. Dann fragte Helen im Auftrag der Geschäftsführung, ob sie bereit wäre, ihren Podcast weiterzuentwickeln, um diesen jenseits des Unternehmens zu veröffentlichen. Fiona konnte es kaum fassen: Aus ihrer Begeisterung für ein Thema war ein Projekt entstanden, das unternehmensweit Beachtung fand. Und nun sollte für die weitere Entfaltung mit neuer Außenwirkung sogar ihre Arbeitszeit aufgeteilt werden zwischen Software Development und dem Kommunikationsteam der Firma. Die junge Softwareentwicklerin zögerte aufgrund der ungewohnten Verantwortung. Sie fragte sie sich zudem, ob das andere Team sie wie eine geschätzte Kollegin oder wie einen Fremdkörper behandeln würde. Kommunikationschef David spürte ihre Unsicherheit und bot ihr in einem vertraulichen Gespräch an, ihre ›Vorarbeiten‹, wie er es nannte, weiterzuführen, falls es die Entwicklerin vorzog, in ihrem bisherigen Aufgabengebiet zu bleiben.

Von den vielen Fragen rund um die Veränderungen und neuen Optionen schwirrte Fiona der Kopf. Sie handelte aus, zunächst die erste öffentlich verfügbare Podcastfolge als Testballon zu produzieren.

# # #

Wichtige Begriffe

▪ Agile Softwareentwicklung • Agilität in der Softwareentwicklung ermöglicht flexiblere und anpassungsfähigere Planungen. Agile Prozesse strukturieren Aufgaben in kurze Zeitabschnitte. Dadurch können kontinuierlich Erkenntnisse gewonnen werden, die in die Planung der nächsten Abschnitte einfließen.

▪ Generative Künstliche Intelligenz • Neueste Entwicklung in der Künstlichen Intelligenz, die mit Neuronalen Netzen und Algorithmen des Maschinellen Lernens auf der Basis von trainierten Daten neue Inhalte – Texte, Fotos, Sounds, Videos, 3D-Modelle – entwickeln können.

▪ Künstliche Intelligenz / KI / Artificial Intelligence / AI • Technologie, die versucht, Denkprozesse des Menschen mit Computern und Software zu simulieren.

▪ Künstliche Neuronale Netze • Die dynamischen Verknüpfungen der Nervenzellen in Neuronalen Netzen tierischer Organismen werden technisch nachgeahmt.

▪ Maschinelles Lernen / Machine Learning • Technologie, die elektronischen Systemen ermöglicht, selbstständig Informationen zu analysieren und Regelmäßigkeiten sowie Regeln zu erkennen. Hier drei wichtige Strategien. Beim ›Überwachten Lernen‹ oder ›Supervised Learning‹ wird ein System mit vorbereiteten Trainingsdaten auf ein bestimmtes Ziel hin trainiert. Zum Beispiel zur Erkennung von Details wie in der medizinischen Diagnostik. Im ›Unüberwachten Lernen‹ oder ›Unsupervised Learning‹ entdeckt das System eigenständig Muster, Strukturen und Regelmäßigkeiten in den Trainingsdaten.• Das ›Bestärkende Lernen‹ oder ›Reinforcement Learning‹ ahmt das Lernverhalten in der Natur nach. Das System lernt aufwändig durch Erkennen, Versuch und Irrtum, was belohnt oder gemaßregelt wird.

▪ Podcast • Das Kunstwort wurde aus den Begriffen ›iPod‹ und ›Broadcast‹ gebildet. Es handelt sich dabei um eine Serie von Audio- oder Video-Dateien, deren Episoden wie ein Newsletter abonnierbar sind. Ein Podcast kann auch ein Livestream sein, bei dem in Echtzeit mit dem Publikum interagiert wird.

2 • Die Workation-Folge

»Freiheit bedeutet, dass man nicht unbedingt alles so machen muss wie andere Menschen.« — Astrid Lindgren

Oktober 2022

Fiona stellte schwungvoll den roten Aufsteller ›Achtung Aufnahme‹ vor dem Zimmer ab. Dann schloss sie sorgsam die Tür. Mit einigen Schallabsorbern, Teppichfliesen und dem neuen Equipment für die Aufnahme hatte sie einen eher unbeliebten Meetingraum der Firma zum improvisierten Aufnahmestudio umgestaltet. Für ihre Zwecke war der kleine Raum in einem wenig genutzten Bereich des Firmengebäudes perfekt. In zwei Rollkoffern bewahrte sie die für die Firma angeschaffte Ausstattung auf. Damit war sie flexibel für Reisen zu anderen Standorten des Unternehmens.

Auf dem Tisch standen drei Mikrofone, ein kleines Mischpult und ein Laptop. Sie setzte sich zu ihren beiden Gästen für die neue Podcastfolge.

»Habt ihr noch Fragen?« Fiona schaute Helen und Jochen erwartungsvoll an. Nach einem kurzen Vorbereitungsgespräch waren nun alle bereit loszulegen.

Für das Thema Workation war Fionas Mentorin Helen ihre erste Wahl. Das Kunstwort stand für Arbeiten und Reisen, work und vacation. In ihrer Firma gehörte es zu einer Normalität, dass die Mitarbeitenden einige Wochen im Jahr jenseits der Unternehmensstandorte tätig sein konnten. Dafür stand eine Liste mit zuvor recherchierten Orten in Deutschland und anderen Ländern zur Auswahl. Neben diesen individuellen Workations verbrachten die Angestellten gerne gemeinsame Zeit für intensive Zusammenarbeit im Projekt. Für viele Softwareentwickler bot genau diese Option für Workations den Anreiz für die Annahme einer Position im Unternehmen.

Helens erste Reaktion auf die Anfrage ihrer jungen Kollegin, »über Workation zu plaudern«, war eine Absage. Sprachlos schaute Fiona ihre Mentorin an. Das brachte Helen zum Lachen und sie erklärte, dass ihr zum Plaudern einfach die Zeit fehle. Fiona lief rot an und entschuldigte sich für ihre etwas zu flapsige Anfrage, dann führte sie anhand einer Mindmap zum Thema aus, was sie sich von dem Gespräch für die Podcastfolge als Nutzen für die anderen Kollegen und Kolleginnen erhoffte.

Damit holte Fiona ihre Mentorin für das Interview erfolgreich ins Boot. Sie vereinbarten, im Gespräch für den Podcast zusätzlich das Thema für externe Kräfte zu beleuchten. In den Teams arbeitete Helen häufig mit selbstständigen Spezialistinnen und Experten zusammen, einige begleiteten Gruppen auf deren Workations. Perfekt passend zu dem Plan, diese Podcastfolge in Abstimmung mit dem Kommunikationsteam erstmalig öffentlich zugänglich zu machen. Das alles steigerte Fionas Anspannung enorm, die sie im Vorfeld jeder Aufzeichnung befiel. Mit Helen an der Seite fühlte sie sich in jeder Hinsicht vorbereitet. Ihre Mentorin brachte den zweiten Gesprächspartner ins Spiel: Freelancer Jochen, der erst kürzlich von einem längeren Workation-Aufenthalt zurückgekehrt war.

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Routiniert zählte Fiona von drei herunter und begann nach einem kleinen Moment des Innehaltens mit der Begrüßung. Dann stellte sie die aktuelle Podcastfolge vor.

»Heute im Studio sind meine beiden Gäste Helen und Jochen zum Thema Workation: Wer keine Ahnung hat, was sich hinter dem Kunstwort verbirgt, ist hier goldrichtig. Nach dem Podcast weißt du, was eine Workation bringt und auf was du dich einstellen kannst. Wer bereits davon gehört hat und plant, bald zur Workation aufzubrechen, bekommt wertvolle Tipps für die konkrete Umsetzung aus erster Hand.«

Oft sprach Fiona die Ansage nach der Aufzeichnung noch einmal neu. Das hing davon ab, ob sich aus dem Gespräch ansprechende Aspekte für die Ankündigung der Podcastfolge ergaben. Trotzdem mochte sie es, zur Einstimmung der Runde am Tisch eine kurze Einführung im Beisein der anderen aufzunehmen.

»Klären wir zunächst, worüber wir reden. Workation ist ein Wort, das vor einigen Jahren erfunden wurde, um eine neue Möglichkeit des Arbeitens zu bezeichnen. Konkret geht es um eine überschaubare Zeit, die an anderer Stelle als in der Firma oder im Homeoffice gearbeitet wird. Meist ein Ort, der auch als Urlaubsziel durchgeht: ein Wandergebiet, ein Badeort am Meer oder eine coole Stadt. Der Mix aus Arbeiten, also work, mit vacation, dem Verreisen, ergibt ›Workation‹. Inzwischen schreiben sogar Tageszeitungen über den Trend, der durch die beschleunigte Digitalisierung mit Homeoffice-Option enormen Aufwind erhielt.«

Für die breite Öffentlichkeit, die diese Podcastfolge später hören konnte, stellte Fiona in wenigen Sätzen das Unternehmen vor. Dann fokussierte sie sich auf ihre beiden Gäste am Tisch.

»Hier bei mir im Podcaststudio begrüße ich herzlich Helen, Scrum Master in einem der Teams unserer Firma. Herzlich willkommen, Helen!«

»Danke, liebe Fiona. Cool, dass du mich eingeladen hast!«

Helen lächelte die Podcast-Moderatorin an, neben der sich immer feenhaft winzig vorkam. Sie arbeiteten jetzt schon viele Monate zusammen, auch das Hören der Podcastfolgen gehörte inzwischen zu ihren Routinen. Und doch fühlte es sich neu und ungewohnt an, mit Fiona in dieser Studiosituation zu sein. Die souveräne Art der Mitarbeiterin im Umgang mit Technik und Gästen imponierten ihr.

»Und weil wir häufig mit freien Kräften zur Unterstützung von Entwicklung und Design unserer Softwareprojekte arbeiten, haben wir heute Jochen mit an Bord. Herzlich willkommen!«

»Hi! Super Idee von euch, unsere Situation als Freelancer in der Podcastfolge anzusprechen! Vielen Dank dafür.«

Jochen war überrascht, als Fiona ihn einlud, um seine Erfahrungen und Perspektive einzubeziehen. Ohne Nachdenken sagte er zu, denn das Miteinander in der Zusammenarbeit mit Helen und ihren Teams lief für ihn stets optimal. Schnell kamen sie überein, dass insbesondere die gemeinsame Erfahrung von Helen und Jochen aus zusammen verbrachten Workations der perfekte Rahmen für den Talk war. Nun saß Jochen der Podcast-Moderatorin gegenüber und dachte die ganze Zeit daran, dass sie mit ihren langen, fast schwarzen Haaren verdammt attraktiv aussah. Ihre unfassbar tiefe Stimme hatte es Jochen schon im ersten Telefonat zur Podcastfolge angetan. Ihre äußere Erscheinung jetzt im Studio setzte seiner anfänglichen Bewunderung noch eins drauf.

Fiona wandte sich mit ihrer nächsten Frage an Helen, die neben ihr saß. Darüber war Jochen erleichtert. Er hatte das Gefühl, einen Kloß im Hals sitzen zu haben. Wenn es nach ihm ginge, sähe er für den Rest der Aufnahme der Moderatorin bewundernd zu. Er kniff sich unauffällig in den Unterarm und dachte intensiv an Merrit und wie er sich darauf freute, seiner Freundin am Wochenende Köln zu zeigen, die Stadt, in der er aufgewachsen war und zwischen seinen Reisen lebte.

»Helen, in Blogs und Zeitschriften tummeln sich inzwischen viele Artikel zu Workation. Ihr habt sicher einiges von diesen begeisterten und genauso den ernüchternden Erfahrungsberichten mitbekommen. Wie erlebst du es?«

In vielen Beiträgen der etablierten Medien überwog ein erhobener Zeigefinger aufgrund ungeklärter rechtlicher Fragestellungen. Fiona empfand diese oft als vorgeschobene Argumente, um der Belegschaft – anders als in ihrem Unternehmen – bloß keine Freiheiten einzuräumen. Sie wollte dieses Thema nur am Rande streifen.

»Es klingt so verführerisch! Und doch gibt es einige rechtliche Rahmenbedingungen, die zu beachten sind. Für manche hört sich Workation ja nach Freizeit pur gewürzt mit ein paar Arbeitsstunden an. Doch hier gelten weiterhin die getroffenen Vereinbarungen zu ›Remote Work‹. Hinzu treten Aspekte wie Sozialversicherung und Steuerpflicht, um die wichtigsten Stichworte zu nennen.«

Fiona wartete kurz, ob ihre Kollegin dazu etwas ausführen wollte. Dann wandte sie sich der nächsten Frage zu.

»Helen, für was bist du in unserer Firma genau zuständig? Wann kam bei dir Workation auf die Agenda?«

»Einige der Zuhörenden kennen mich schon aus der Zusammenarbeit in einem Sprint oder Projekt. Mit meiner Expertise in agiler Softwareentwicklung leite ich zwei Scrum-Teams. Dabei bin ich dafür zuständig, dass agile Methoden innerhalb der Projekte angewendet und gelebt werden. Die Workation ergab sich in meinem Fall mehr zufällig. Unsere Teams sind an verschiedenen Standorten in Deutschland und Europa tätig. Lange vor dem Hype um den Begriff arbeiteten bei uns Gruppen für konzentriertes Miteinander wochenweise auf Mallorca. Da reisten und reisen die meisten bequem und zu überschaubaren Kosten hin.«

»Mallorca?! Da werden sich viele fragen: Ist da in der Praxis produktives Arbeiten überhaupt möglich?«, hakte Fiona nach.

»Perfekter Einwurf! Mallorca erscheint vielen nur wie ein Ferienparadies. Sie lassen außer Acht, dass es die größte Insel einer eigenständigen Region in Spanien ist. In Palma liegt der Sitz der Universität der Balearen, und damit verknüpft tummelt sich eine rege Start-up-Szene rund um Mallorcas Hauptstadt. Dazu finden zahlreiche Kongresse und Konferenzen wie die in unserer Branche bekannte ›Web Engineering Unconference‹ in Palma statt. Die Teilnahme daran verknüpfte ein Team mit weiteren Tagen für gemeinsame Projektarbeit im Hotel. So nahmen die Workations auf Mallorca ihren Anfang.«

»Für Informatikbegeisterte ist es gleichzeitig eine Reise back to the roots – Ramon Llull stammt aus Mallorca. Dieser im 13. Jahrhundert geborene Universalgelehrte ist eine bemerkenswerte Figur in der Geschichte der Computerwissenschaft.«

Helen schmunzelte. So oft waren sie achtlos an der Statue des Gelehrten in Palma vorbeigelaufen. Umtost vom Verkehr der Avinguda de Gabriel Roca stand eine Steinskulptur von Ramon Llull mit Blick aufs Meer. Eines Tages schlenderten sie mal wieder auf dem Weg von Mallorcas imposanter Kathedrale ›La Seu‹ zur früheren Seehandelsbörse ›Lotja de Palma‹, um deren Gewölbedecke und die Palmen nachempfundenen Säulen zu bewundern. Da war einer Kollegin die Statue aufgefallen.

»Na, das braucht jetzt eine nähere Erläuterung, Jochen!«, forderte ihn Fiona auf.

»Claro, äh, gerne. Meine Wochen in Spanien hinterlassen ihre Spuren! Viele zählen Ramon Llull zu den Ersten, die Systeme für Logik und logisches Denken entwickelt haben, das von Maschinen genutzt werden kann. Schon im späten 13. Jahrhundert hielt er seine Ideen zu einer Denkmaschine fest, um die Geistesarbeit zu mathematisieren und zu mechanisieren. Inzwischen sagen viele, der Mallorquiner legte mit seinen Überlegungen den Grundstein für die moderne Forschung zu Künstlicher Intelligenz. Das ist schon wahnsinnig beeindruckend!«

Fiona hakte nach: »Okay, also Computer und Mallorca, das passt schon mal. Läuft denn das Arbeiten auf der Sonneninsel problemlos? Wie steht es da mit der Internetversorgung oder dem Mobilfunkempfang?«

Helen erzählte von den ersten Versuchen in Hotels in Palma, den Aufenthalten in abgelegenen Landhäusern, den so genannten Fincas. Dort war das mobile Internet eine Stütze, brachte sie aber häufig zum Verzweifeln. Für das Arbeiten mit leistungsfähigerer Onlineanbindung begab sie sich gemeinsam mit Eva auf die Suche nach einem Coworking Space. Das Konzept der zeitweiligen Nutzung einer passenden Büroinfrastruktur war zu ihrem Erstaunen selbst jenseits der Inselhauptstadt vertreten. Sogar im Südosten Mallorcas, der für seine urwüchsige Naturküste bekannt war. Sie entdeckten einen Platz fürs Coworking, dessen Betreiberpaar Deutsch, Englisch und Spanisch sprach.

Tja, da war ich noch nie dabei, dachte Fiona. Ihr fehlte die Erfahrung einer gemeinsamen Reise mit dem Team. Der Eintritt in die Firma war damals geprägt von der Situation in den Pandemie-Jahren. Sie war schon etwas neidisch auf die begeisterten Schilderungen anderer Teams.

»Klingt nach unmittelbarem Wohlfühlen, oder?« Fiona schaute Helen an und wollte am liebsten gleich ihren Koffer packen.

»Ja, genau. Das trifft es perfekt«, bestätigte Helen. »Es spart Zeit in der Vorbereitung und gibt uns vor Ort die optimale Unterstützung, weil die Gastgeber im Coworking Space ganzjährig vor Ort leben. Sie sind ideal vernetzt und finden für jede Freizeitidee eine Lösung. Darüber hinaus sind wir sprachlich bestens aufgehoben, denn wir haben bisher nur selten Leute dabei, die Spanisch sprechen. Hier liegt unser Fokus rasch auf dem Austausch miteinander und genießen die wohltuende Umgebung.«

»Wie erlebst du so eine gemeinsame Workation als Freelancer, Jochen? Stell dich dabei gerne den Zuhörenden kurz vor, damit sie ein besseres Bild von dir gewinnen«, forderte Fiona ihren zweiten Gast im Podcaststudio auf.

Jochen hing an Fionas Lippen, mit seinen Gedanken war er etwas abgedriftet. So verpasste er seinen Einsatz.

»Jochen …?«, formte Fiona lautlos seinen Namen.

Sein Gesicht lief rot an, er hatte den beiden zugehört und fühlte sich nun beim Anschwärmen ertappt. Helen lächelte leise in sich hinein. Sie erlebte den ruhigen und bedachten Jochen erstmals wie einen verschüchterten Teenager. Selbst als er sich vor einiger Zeit im Coworking Space auf Mallorca mit der dort arbeitenden Merrit anfreundete, wirkte er stets souverän, als könne ihn nichts und niemand aus der Ruhe bringen.

»Megacool«, lautete Jochens Fazit in der Kürze, und ordnete seine Gedanken. Dann beschrieb er seine Faszination für das Licht auf der Baleareninsel, das jedes Teamfoto mit dem Smartphone fast schon mit der Qualität eines Fotoshootings gelingen ließ. »Wer mich nicht kennt: Ich arbeite als freier Softwareentwickler und bin Backend-Spezialist. Das bedeutet, ich habe in der Entwicklung die Server und Datenbanken im Blick. Ich war von der ersten Workation mit Helens Team vor zwei Jahren so begeistert, dass ich oft ein bis drei Wochen persönliche Zeit für Arbeiten und Ferienfreizeit anhänge.«

Fiona stellte sich vor, dass es ein krasser Wechsel war, wenn nach einer gemeinsamen Woche mit der Gruppe alles allein zu erledigen war. »Warst du da dann furchtbar einsam, nachdem das Team abgereist war?«

Helen unterdrückte ein Auflachen und grinste breit. Sie dachte an die Menschen im Coworking Space auf Mallorca und war sich sicher, das Jochen hier insbesondere auf Merrit mit dem roten Lockenkopf anspielte. Nach der gemeinsamen Woche auf Mallorca arbeitete das Team damals weiter virtuell mit Jochen zusammen. Ihr wurde ganz warm ums Herz, als er ihr irgendwann in einer Videokonferenz verlegen anvertraute, dass Merrit und er ineinander verliebt sind. Die junge Frau war Helen im Coworking Space neben der roten Lockenpracht durch ihre herzliche Art aufgefallen. Sie hatte von ihr erfahren, dass sie während eines Besuchs einer Freundin im Südosten der Insel so begeistert war, dass sie am liebsten für immer auf Mallorca leben wollte. Zufällig traf sie am Strand eine Frau, die sich als virtuelle Assistentin vorstellte – und auf der Suchen nach Kooperationsmöglichkeiten war, um die zahlreichen Anfragen zu bewältigen. Das war genau das, was Merrit ersehnt hatte – eine Alternative zu ihrer Anstellung als Team-Assistentin in Stuttgart. Sie war unzufrieden und frustriert mit der Zusammenarbeit dort und nahm das Angebot zu ortsflexiblem Arbeiten mit großer Freude an. Seither genießt sie als freie Virtual Assistant mit Schwerpunkt Recherche viele Freiheiten und erfährt gleichzeitig deutlich mehr Wertschätzung durch ihre Kundschaft.

»Das ist der Vorteil, wenn die Workation da stattfindet, wo es eine Coworking Community gibt. Ich habe dort Anschluss gefunden, und mehr als das.«

Helen grinste breit. Bevor Fiona den armen Jochen mit weiteren Nachfragen in Verlegenheit brachte, schaltete sie sich ein.

»Mit der Hilfe des Coworking Spaces sind wir arbeitsfähig, sobald wir ankommen. Egal, ob auf der Finca der Strom ausgefallen oder das Mobilfunknetz mit vielen weiteren Gästen um uns herum überlastet ist. Im Coworking haben wir eine wunderbare Unterstützung. Hier finden wir Antworten für unsere beruflichen Fragen und genauso zu möglichen Freizeitaktivitäten wie Tauchen, Wandern oder ein Paella-Kochen auf der gemieteten Finca.« Die Erinnerung an die köstlichen Tapas zogen durch ihre Gedanken. »Sie lassen uns von ihren Erfahrungen im täglichen Leben auf der Insel profitieren mit Tipps zum Einkaufen oder Restaurants.«

»Wie bekommt ihr das hin, dass die Workation produktiv bleibt? Dass ihr euch nicht in den Genüssen der Inselküche verliert?«

Für Helen war das ganz klar die Vorbereitung mit einer zeitlichen Planung, die flexible Reserven für unvorhersehbare Entwicklungen vorsah. Sie erzählte, wie die ersten Team-Workations kaum Spielraum in der Tagesplanung hatten. Das führte zu Frustrationen auf allen Seiten. Die Teams an den Firmenstandorten erwarteten einen Arbeitsrhythmus wie bei ihnen. Die reisenden Gruppen hatten das Gefühl, zu wenig mitnehmen zu können von dem Ort, an dem sie waren.

»Ganz besonders wenn sie viel zu viel Zeit drauf verwenden mussten, um passende Geschäfte für den Einkauf erst mal aufzustöbern«, schloss Helen ihren Bericht.

»Das klingt nach einem wichtigen Gedanken, die Erwartungshaltung der betroffenen Teams zu klären und am besten aufzuschreiben, oder?«

»Kommunikation ist auch hier das A und O.« Helen erklärte, wie sie das Arbeitspensum für die Workations im Vorfeld mit allen Beteiligten abstimmte. Sie vereinbarte Zeiten, zu denen bei Bedarf auf jeden Fall die reisenden Kollegen und Kolleginnen erreichbar waren.

»Insgesamt ist das bei uns zum Glück selten erforderlich, zeitnah und direkt via Telefon oder Meeting miteinander zu sprechen. Unsere Kommunikation hat sich verändert. Und doch erleben wir immer mal wieder Menschen, die eine E-Mail versenden und dann erwarten, dass diese sofort beantwortet wird.«

Fiona nickte. »Oh ja! Diese Erwartungshaltung ist in unserer Firma fehl am Platz. Das lernte ich fix in meinen ersten Wochen. Benötige ich eine unmittelbare Rückmeldung, dann ist E-Mail das falsche Format. Dafür sind Chats und im Zweifelsfall ein Anruf auf dem Smartphone besser geeignet. Der größte Anteil unserer Kommunikation läuft glücklicherweise asynchron, also zeitversetzt jeweils zu den individuell am besten passenden Zeiten.«

»In den Teams haben wir für die gegenseitige Abstimmung ja unsere täglichen kurzen Treffen, die ›Daily Standups‹. Das bringt Klarheit in die Gruppe«, ergänzte Jochen.

Fiona warf rasch eine Erklärung dieses für agile Entwicklungen kennzeichnenden Meetings ein, welche die Projektteams jeden Morgen fünfzehn Minuten lang veranstalteten. »Die Bezeichnung ›Standup‹ rührt daher, dass wir für das Treffen stehen. Nacheinander berichten alle, ob sie die Verpflichtungen vom vergangenen Tag erledigt haben, ob Schwierigkeiten auftraten und welche Aufgaben sie heute angehen«, sagte die Entwicklerin abschließend.

»So ist es. Aber klar, wenn jemand am Nachmittag dringenden Gesprächsbedarf hat, und wir sind gerade auf einem Bootsausflug, führt das schnell zu Unmut«, gab Jochen zu. »Die anderen sehen ja nicht, dass wir zum Ausgleich morgens schon zu nachtschlafender Zeit gemeinsam an unserer To-do-Liste gearbeitet haben.«

»Mein Tipp dazu ist, nimm immer einen Scrum Master mit auf die Reise«, schlug Helen lachend vor.

»Verstehe ich das richtig«, fragte Fiona mit einem breiten Grinsen im Gesicht, »du möchtest also am liebsten nur noch unterwegs sein, Helen?

---ENDE DER LESEPROBE---