9,99 €
Suchen Sie einen Reset-Schalter, um alles auf die Zeit vor der Pandemie zurückzusetzen? Wie viele erlebt auch Hanna Köhler, Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen, mit ihrem Team in kurzer Zeit eine Vielzahl von Herausforderungen durch Homeoffice, Videokonferenz-Marathon und ungewohntes Führen auf Distanz. Sie braucht dringend Erholung und Abstand von ihrem kontrollsüchtigen Chef. Da kommt die Idee einer so genannten Workation gerade recht: Arbeiten und Urlauben auf der Sonneninsel Mallorca! Das Buch begleitet Hanna Köhler dabei, wie sie in zwei Wochen inspirierenden Menschen begegnet, eindrucksvolle Impulse aufnimmt sowie konkret neue Methoden und Arbeitsweisen kennenlernt. Sie ordnet optimistisch ihre Erkenntnisse für die Zukunft, um den Boden zu verlieren, als ihr Chef plötzlich völlig andere Pläne mit ihr hat ... Eine unterhaltsame Lernreise voller Hinweise und Anregungen für das digitale Arbeitsleben – Nachahmen ausdrücklich erwünscht!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Doris Schuppe
Heiter bis wolkig in Digitalien
Zum Buch
Suchen Sie einen Reset-Schalter, um alles auf die Zeit vor der Pandemie zurückzusetzen? Wie viele erlebt auch Hanna Köhler, Führungskraft in einem mittelständischen Unternehmen, mit ihrem Team in kurzer Zeit eine Vielzahl von Herausforderungen durch Homeoffice, Videokonferenz-Marathon und ungewohntes Führen auf Distanz. Sie braucht dringend Erholung und Abstand von ihrem kontrollsüchtigen Chef. Da kommt die Idee einer so genannten Workation gerade recht: Arbeiten und Urlauben auf der Sonneninsel Mallorca ... Eine unterhaltsame Lernreise voller Hinweise und Anregungen für das digitale Arbeitsleben – Nachahmen ausdrücklich erwünscht!
Zur Autorin
Doris Schuppe (DoSchu) begleitete den Aufbruch in die digitale Wissensgesellschaft als Journalistin und Public Relations-Spezialistin. Seit dieser Zeit wirkt sie aktiv daran, Vorbehalte gegenüber »Digitalien«, wie sie es nennt, abzubauen: als Dozentin, Consultant, Eventorganisatorin, Bloggerin. Die Autorin lebt in Santanyí und gründete dort gemeinsam mit ihrem Mann den Coworking Space Rayaworx. Mehr zu Doris Schuppe und dem vorliegenden Buch:
https://doschu.com/heiter-bis-wolkig-digitalien.
Doris Schuppe
Heiter bis wolkig in Digitalien
Unterwegs mit einer ganz normalen Heldin
COWOXU Mallorca
1. Auflage
ISBN 978-3-7579-0712-9
© 2023 Doris Schuppe alle Rechte vorbehalten.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Umschlaggestaltung, Illustration: Patricia Fuentes Zorita, www.pattysaurus.es
Lektorat: Esther Debus-Gregor
Korrektorat: Jessica Kohlmeier lnk.bio/jessicakohlmeier
Editor: Doris Schuppe, COWOXU Mallorca S.L., Pl. Porta Murada 2, 07650 Santanyí, Baleares, Spanien
Website: www.rayaworx.eu/cowoxu
Veröffentlicht über tolino media
Prolog
Herausforderungen.
1 • Die Vollbremsung
Wie durch die Pandemie vieles erst mal ins Halten kam.
2 • Das Nonstop-Video
Der Blick von außen auf das Verhängnis der Präsenzkultur.
3 • Das neue Führen
Wie Hanna im Coaching einen Crashkurs in neuen Führungskonzepten bekam.
4 • Achtsamkeit
Wie wir bewusst einen Gang herunterschalten und unsere eigene Wahrnehmung lenken.
5 • Herzlich willkommen im Neuland
Wie in der Terra incognita neue Ideen und Inspirationen sprudeln.
6 • Die neuen Forderungen
Wie ein Bewerbungsgespräch in Zeiten der Pandemie ganz anders verläuft.
7 • Das agile Mindset
Wie das Arbeiten nach agilen Prinzipien befreit.
8 • Das flexible Leben im Nachtschatten
Wie wir besser arbeiten, wenn wir arbeiten dürfen, wann und wie es zu uns am besten passt.
9 • Die Mehrteilung im Hybriden
Warum »Hybrid Work« viel Aufmerksamkeit und Planung benötigt.
10 • Die Würze im Leben
Kraft schöpfen in der Finca des ruhigen Lebens.
11 • Den Wind in den Haaren
Wie es an uns ist, die Welt ein bisschen besser zu machen.
12 • Das nachhaltige Lernen
Mit breit gefächerten Kompetenzen in wechselnden Zeiten neue Wege finden.
13 • Die Verbündeten
Gemeinsam mehr erreichen.
14 • Was würdest du tun
… wenn du tun würdest, was du wirklich, wirklich tun willst?
15 • Das erhoffte Back to Normal
Wie verschieden die Lehren aus einer Krise ausfallen.
16 • Das Miteinander
… im Durcheinander.
Epilog
Was Mut gibt, den eigenen Weg zu finden.
Anmerkungen der Autorin
Mallorca
Magie
Schreibweise
Danke
Danke fürs Lesen!
Die Autorin
Inspirationen & Quellen
Achtsamkeit • Mindfulness
Future Skills
Lernen
Agilität
Arbeit neu denken • New Work
Führung • Leadership
Digitalisierung
Remote Work Sicherheit
Mallorca
Meine Tools
»Wir befinden uns pandemiebedingt gerade in einer Zwischenzeit, in einem ›Dazwischen‹ von Old und New Normal, in der sich die Welt und ihre Denkgebäude neu zurechtrücken.« Harald Lesch, Karlheinz Geißler, Jonas Geißler
Freitag • So kann es nicht weitergehen, grübelte Hanna Köhler wohl zum hundertsten Male. Und wie gewohnt schob sie den Gedanken zur Seite. Sie funktionierte, wie es von ihr erwartet wurde. Nachdem sie vor ein paar Jahren die Leitung über ihr Team in der Firma bekommen hatte, war es ihr zur Regel geworden, ihre eigenen Bedürfnisse zurückzustellen. Das konnte so nicht weitergehen.
Sie starrte in ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe der Bar: Eine sportliche Frau mit mittelbrauner, kinnlanger Bobfrisur schaute zurück. Gut gehalten für 42 Jahre, dachte sie lächelnd und strich eine Haarsträhne hinter ihr linkes Ohr. Ihr Gedankenkarussell drehte sich weiter: Obwohl wir uns mehr in die Augen sehen als je zuvor, zerrinnt der Zusammenhalt innerhalb des Teams. Für die gemeinsame Arbeit an ihren jeweiligen Aufgaben war es unnötig, sich derart viel in die Augen zu sehen, wie sie es im »Videobüro« taten. So nannte ihr Team die von der Geschäftsleitung verordnete Dauer-Videokonferenz zur Zusammenarbeit. Da fiel ihr wieder der Tag ein, an dem Mitarbeiter Daniel mit aufgesetzter Sonnenbrille mit ihnen gearbeitet hatte. Angeblich weil ihn die Sonne zu stark am weißen Tisch daheim blendete. Vielleicht, dachte Hanna, war es eher seine Strategie, den anderen nicht so nah zu sein, wie es die Teamarbeit in der täglichen Videokonferenz mit sich brachte.
Sitzen wir in ein paar Monaten alle vermummt mit Sonnenbrillen am Computer, um wieder eine gewisse Privatheit beim Arbeiten zu haben wie zuvor im Büro? Bei dieser Vorstellung musste sie lachen. Ein bitteres Lachen, und ihr wurde wieder bewusst, wie anstrengend diese Situation für sie als Führungskraft war. So konnte es nicht weitergehen.
Hanna steckte den Mallorca-Reiseführer, in dem sie sich eingehender über ihre Umgebung informiert hatte, zurück in ihre Tasche. Sie sog die Düfte des fremden Ortes bewusst ein, die so anders waren als die Gerüche in ihrer Stadt. Frischer, salziger. Die Region im Südosten der bekannten Insel im Mittelmeer zeichnete sich durch ihre naturbelassene Küstenlinie aus, die von teils tief ins Landesinnere hineinziehenden Buchten unterbrochen wurde. Dort luden kristallklares Wasser und heller Sand zum Verweilen und Baden ein. Kein Wunder, dass die Farbexplosion des Meeres, aber auch der Natur mit dem in verschiedenen Tönen von Beige bis Orange leuchtenden Stein nach wie vor ein Magnet für Kunstschaffende darstellt, dachte Hanna.
Sie trank ihren Kaffee aus, den sie bereits an der Theke der Bar bezahlt hatte. Sie nahm die auf dem Tisch vor ihr liegende Visitenkarte an sich. Die kam von dem freundlichen Barista, nachdem sie sich bei ihm nach einem Ort mit leistungsfähigerem Internet-Anschluss erkundigt hatte. Für E-Mails war die Verbindung in ihrer Unterkunft ausreichend, ihr arbeitstäglicher Konferenz-Marathon verlangte jedoch mehr Leistung. Der Barista hatte Hanna erklärt, das sei hier direkt an der Küste in Cala Figuera normal. Aber im nächst größeren Ort gab es Glasfaser-Internet. Und laut seiner Kundschaft bot ein so genannter Coworking Space einige Schreibtischplätze mit arbeitsfähigem Internet zum Mieten an. Er hatte die Karte herausgesucht und auf ihren Tisch gelegt. Mal sehen, was sich hinter dem Angebot namens Y-Place verbirgt, dachte sie.
Hanna stand auf, winkte dem Barista freundlich zu und machte sich auf den Weg in ihre Ferienunterkunft am Ortseingang des kleinen Hafenorts. Unterwegs sog sie auf der mit hohen Pinien gesäumten Straße deren köstlichen an Sommerferien in Südfrankreich oder Toskana erinnernden Duft ein. Hanna halfen diese kleinen Dinge, sich von den Begebenheiten der letzten Monate zu erholen, neue innere Stärke zu sammeln.
Dauer-Videokonferenzen nerven nach einiger Zeit.
Bars und ihre Baristas sind meist am besten informiert.
Das ist Spanien: Fern von Palma de Mallorca gibt es Orte mit Glasfaser-Anschlüssen!
Ein Coworking Space bietet mietbare Online-Arbeitsplätze in der Kreisstadt der Region.
Was bedeutet
Y-Place?
»Nur wer neugierig bleibt, findet Neues.« Lutz Lungershausen
Monate zuvor • Wie so viele andere, so wünschte sich Hanna Köhler dann und wann eine Art Reset-Schalter, um die Zeit zurückzudrehen. Ohne Vorwarnung war durch die Covid-19-Pandemie in ihrem Leben alles anders. Soziale Kontakte wurden auf ein Minimum reduziert. Das Haus war möglichst nur zu verlassen, wenn es unbedingt erforderlich war. Ein Virus nahm den Menschen rund um den Globus den Atem.
Erst war das Geschehen so weit weg, und alle um Hanna herum dachten, es werde Europa und Deutschland kaum beeinflussen. Letztlich war ja beispielsweise die Schweinegrippe vor vielen Jahren weniger dramatisch in ihren Auswirkungen, als es zunächst befürchtet worden war.
Dann kam es alles anders. Von gefühlt einem Tag auf den anderen wurden die Spielregeln für das tägliche Miteinander neu gesetzt. In Hannas Team hatten die Eltern keine andere Wahl als ihren Tagesablauf neu zu planen, denn Kindergärten, Schulen oder Kindertagesstätten wurden geschlossen. Betreuung und Unterrichtung der Kinder ging erst einmal auf Mütter und Väter über, die diese Aufgabe mit der jeweiligen beruflichen Tätigkeit in Einklang zu bringen hatten. Zum Glück waren die Schulen in Hannas Region in der Vergangenheit deutlich aufgeschlossener, was die Nutzung von Computern und Internet betraf. Nach einer Orientierungsphase fand für die meisten Kinder mindestens zeitweise ein Online-Unterricht mit den Lehrkräften statt.
Hanna brachte für die Eltern in ihrem Team zu Beginn der Pandemie viel Verständnis auf. So hatte sie hier und da mal mit eigenen Überstunden dafür gesorgt, dass die Projekte weiterliefen. In zahlreichen firmeninternen Telefonkonferenzen hatte sie mit daran gewirkt, dass es bald möglich wurde, auf wichtige Daten der Firma von außen zuzugreifen. Computer aus dem Unternehmen wurden zu den Mitarbeitenden gebracht, neue Laptops angeschafft. Insgeheim freute sich Hanna, denn sie plädierte seit Jahren intern für eine stärkere Flexibilisierung des Arbeitsortes. Die Standardantwort des für die technische Infrastruktur zuständigen Mitglieds im Lenkungskreis war jahrelang stets ablehnend ausgefallen: technologisch und sicherheitstechnisch nicht machbar.
Hanna hatte mitten in dieser Pandemie ein Problem: Ihr wichtigstes Projekt war in einer kritischen Phase, ihr Team brauchte die Computer, benötigte den Zugriff auf die Projektdaten. Sie kam sich wie per Zeitmaschine in die Vergangenheit versetzt vor, denn die erste Lösung bestand darin, mobile Festplatten per Kurier zu versenden. »Das ist doch alles nur vorübergehend, die Krise ist bald ausgestanden«, erklärte ihr Vorgesetzter – und so dachten viele.
Im Morgenfernsehen hatte Hanna eine überaus kompetent wirkende Expertin für Internetsicherheit gesehen und deren Kontaktdaten recherchiert. Zum Glück hatte diese freie Kapazitäten und unterstützte das bis dahin nur mit wenigen Angestellten besetzte IT-Team dabei, allen in ihrer Firma ein anderes Arbeiten aus dem Zuhause zu ermöglichen.
Nein, über ein separates Homeoffice so wie Hanna verfügten ihre Mitarbeitenden nicht. Ihr war es im Laufe der Berufstätigkeit immer wichtiger geworden, eine längere Pause am späteren Nachmittag einzulegen, um sich dann zuhause konzentriert weiter Budgets oder Lebensläufe der Bewerbungen anzuschauen. Eben die Aufgaben, die sie damals oft nur ausgedruckt mitnehmen konnte – oder auf ihrem Laptop, den sie nach zähem Kampf endlich durchgesetzt hatte. Infolge der Pandemie arbeiteten alle in ihrem Team im mehr oder weniger komfortablen Homeoffice. Und sobald die Internetverbindung entsprechend aufgesetzt war, war das oberste Ziel, die verlorene Zeit wieder aufzuholen.
»Frau Köhler«, hatte ihr Vorgesetzter Hugo Becker gesagt, »der Schlendrian in den Teams hat jetzt ein Ende. Wir haben Verträge zu halten, die Firma hängt daran.« Sie hatte gegen die Wortwahl protestiert, niemand hatte sich die gegenwärtige Situation und deren Auswirkungen ausgesucht. Wer von Kurzarbeit betroffen war, hatte damit verbundene Gehaltseinbußen hinzunehmen. In ihrem Team hatten alle das Beste aus der Situation gemacht, was offensichtlich jenseits ihrer Hierarchiestufe unbemerkt geblieben war.
»Die Zahlen sprechen für sich, Frau Köhler«, hatte ihr Chef die Diskussion darüber abgeschnitten, »ab sofort arbeiten alle wie im Büro zusammen, das funktioniert so einfach wie genial mit Videokonferenzen. Berger aus der IT hat mit Ihrer Sicherheitsexpertin richtiggehend gezaubert. Lassen Sie sich von Ihrem Team nicht auf der Nase herumtanzen, Frau Köhler!«
Hanna hatte sich gefügt und von der Hoffnung anstecken lassen, es sei nur vorübergehend. So wie ja alle zunächst davon ausgingen, diese Homeoffice-Phase wäre nur von zeitlich begrenzter Dauer. Dann überraschte sie, was Berger und sein Team einrichten konnten. Waren nicht viele Jahre lang ihre Wünsche, mehr von überall aus arbeiten zu können, abgeschmettert worden? Da wurde Hanna klar, welche extremen Veränderungen in kurzen Zeiträumen stattfanden, da brauchte es ein Tagebuch, um Schritt zu halten. Oder sich später nochmal vor Augen zu führen, wie kam, was kam. In ihrem Smartphone wurde so die Notizbuch-App zu einer ihrer meistgenutzten Anwendungen. Hier notierte sie Beobachtungen an sich selbst, in ihrem persönlichen und beruflichen Umfeld. Das digitale Notizbuch half Hanna, die mangelnden sozialen Rückmeldungen ein Stück weit durch eigenes Nachdenken auszugleichen. Im Büro hatte sie mit Kolleginnen, Kollegen oder Mitarbeitenden über Gelerntes und Vorgefallenes gesprochen. Mit anderen war sie in eine kurze Kaffeepause gegangen, zum gemeinsamen Mittagessen. Mal machten sie einen Spaziergang oder unternahmen nach der Arbeit etwas zusammen. Jetzt war die Online-Zeit im Team durchweg strukturiert und ließ insbesondere gemäß der Vorgabe ihres Chefs keinen Raum für »Klatsch«, wie er es nannte.
In einem Achtsamkeitsseminar hatte Hanna das Dankbarkeitstagebuch kennengelernt. Damals war es darum gegangen, die zur eigenen Normalität gehörenden Situationen und Beziehungen neuerlich wahrzunehmen, zu schätzen und dankbar dafür zu sein. Sie hatte dadurch ihren Blick geschärft und ihre Haltung verändert, das Tagebuch-Schreiben irgendwann wieder aufgegeben. In der Pandemie-Situation merkte Hanna, wie die Gedankenspiralen um sie herum – Menschen in der Nachbarschaft, in den Medien, im Berufsleben – von Ängsten, Unsicherheiten und Unzufriedenheit geprägt waren. Das Jammern und Klagen riss sie mit sich. Da fielen ihr die Achtsamkeitsübungen wieder ein, um ihren Gedanken die Chance zu geben, den Blick auf positive Aspekte zu richten. Handlungsfähig zu bleiben – oder wieder zu werden. Als Führungskraft hatte sie den Anspruch, ihrem Team Halt zu geben in diesem Chaos, in dem alle aus ihrem eingespielten Leben gerissen wurden.
Für ihr Tagebuch nahm sich Hanna jeden Tag mindestens zehn Minuten. Damit gewann sie Klarheit über ihre Erlebnisse, negative sowie positive Entwicklungen. Eins wurde ihr dadurch bald deutlich: Sie hungerte nach Optimismus und Lebensfreude.
Nahm nur sie wahr, wie oft zu hören war, dass die Menschen in ihrem Umfeld mehr Zeit hatten, ohne die unzähligen Stunden in Staus, Bus oder Bahn? Das Pendeln hatte zuvor so viel Zeit des Tages eingenommen. Gut, einigen fehlte die Pendelzeit, in der sie sonst Zeitung, Bücher oder Zeitschriften auf dem Weg zur Arbeit gelesen hatten. Hanna schüttelte darüber nur den Kopf: Merkten die Menschen denn gar nicht, was sie gewonnen haben? Wie viel Lebenszeit sie bisher auf dem Weg zu und von ihrer Arbeitsstätte verschenkt hatten? Eine weitere positive Entwicklung war auf jeden Fall für Hanna die neu gewonnene Freiheit, von jeglichem ans Internet angeschlossenen Ort mit ihrem Team zusammenzuarbeiten. Zugegeben, die Auswahl der Orte war aktuell begrenzt, da das öffentliche Leben durch die Schutzmaßnahmen nur beschränkt stattfand.
»Na, chica, da habe ich doch eine wunderbare Lösung für dich«, hatte Hannas beste Freundin Sabine prompt gesagt, als sie mit ihr die Situation beklagte. »Fahr doch mit Florian mal zum Ausspannen in meine Casita Sueños auf Mallorca! Du weißt doch, das Häuschen, das ich vor ein paar Jahren geerbt habe.« Sabines Großeltern hatten sich vor langer Zeit in ihren Urlauben in einen kleinen Hafenort auf der Baleareninsel verliebt. Als damals von einer Saison auf die nächste ein beliebter Reiseveranstalter andere touristische Ziele der Insel in den Fokus nahm, ergab sich im verwaisten Cala Figuera die günstige Gelegenheit für einen Hauskauf. Die Großeltern investierten in ein zweites Zuhause auf ihrer Lieblingsinsel und verbrachten ihren Lebensabend überwiegend dort. Enkelin Sabine war daher in ihrer Kindheit mit Oma und Opa in den Ferien zusammen, ihre Eltern hatten andere Pläne.
»Moment! Hast du mir nicht mal erzählt, was da alles zu renovieren ist?«, wandte Hanna ein.
»Ach so, ja, klar. Aber inzwischen ist das abgeschlossen. Ist ja nicht so groß, das Häuschen von Oma und Opa«, erklärte Sabine. »Die Küche ist neu, und insgesamt habe ich das Haus nach und nach mit Möbeln in meinem Stil bestückt. Selbst für einen Internetanschluss habe ich gesorgt.«
»Warum bist du denn dann so selten dort?«, wollte Hanna wissen, die noch nicht ganz überzeugt war. Wenn das Haus so toll war, warum fuhr Sabine dann so selten hin?
»Immer nur für ein Wochenende fliege ich nicht durch die Gegend«, hatte Sabine zugegeben. »Und außerdem: Es ist traumhaft schön dort, und das ist es auch. Ich kenne doch die Gegend schon zu genau. Da gibt es in der Welt noch so viel mehr für mich zu entdecken!«
Sabine war überaus erfreut, ihr die Schlüssel für das liebevoll Casita Sueños genannte Haus zu übergeben. Begleitet von vielen Tipps und Hinweisen zur Umgebung. Endlich würde wieder Leben in die vier Wände des Häuschens kommen. Und Hanna hatte sich gefreut mit ihrem Mann, der ja genauso plötzlich ortsunabhängig arbeitete, das Örtchen abseits der Inselhauptstadt besser kennenzulernen, selbst wenn ihr in der aktuellen Situation schon ein bisschen mulmig zumute war.
Vieles, was in der Vergangenheit völlig unmöglich schien, ist plötzlich machbar.
Ohne berufliches Pendeln gewinnen Menschen Lebenszeit zurück.
Wenn das interne Knowhow fehlt, externe Kompetenz hinzuziehen.
Die Pandemie fordert Lösungen statt »technisch leider nicht machbar«-Absagen.
Ich brauche dringend eine erholsame und entspannende Umgebung!
»Human history becomes more and more a race between education and catastrophe.« H. G. Wells
Samstag • Hanna stöhnte erleichtert auf, und nahm den lang ersehnten Anruf ihrer besten Freundin entgegen. »Sabine, endlich! Ich liebe deine casita, aber das Internet – du sagtest doch, da könne ich mit arbeiten …«
»Hallo Hanna, ja mir geht es ausgezeichnet, ich bin zurzeit unterwegs in den Alpen. Beruhige dich bitte, was ist denn nur los? Scheint die Sonne zu wenig oder vielleicht doch zu stark?« Sabine war überrascht von der ungestümen Art ihrer Freundin, sie mit Vorwürfen einzudecken.
»Entschuldige, bei mir liegen die Nerven blank«, antwortete Hanna und bedauerte ihren überfallartigen Beginn des Telefonats. »Du hast Recht. Das Wetter, das Meer, die Umgebung, alles ist wunderbar und herrlich, so wie du es vorgeschwärmt hast. Danke, dass du mir dein Paradies überlassen hast.«
»Da bin ich ja froh.« Sabine war erleichtert. Sie befürchtete schon, das Haus stehe unter Wasser.
»Es ist nur so: Ich bin hier nicht, also nicht nur in den Ferien, sondern muss mit meinem Team weiterarbeiten, genauso wie zuhause. Und wir haben diese blöde Vorgabe, dass wir den Tag über mit dem Team in einer Videokonferenz verbunden sind.«
»Okay. Und was macht da Probleme?«, fragte Sabine ehrlich erstaunt. Sie selber hatte sich nach ein paar Jahren als Angestellte rasch in der Selbstständigkeit etabliert. Derartige Vorgaben waren ihr unbekannt.
»Mein Chef, mein Team – alle sind genervt von meinen Verbindungsabbrüchen. Zum Glück ist jetzt Wochenende, aber am Montag brauche ich eine Lösung. Und am Dienstagvormittag will ich eine Kandidatin interviewen, die sich aussuchen kann, wo sie anheuert. Verstehst du meine Panik?« Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
»Ach herrje. Das tut mir so leid, ich habe erst jetzt gesehen, wie viele Anrufe von dir auf meiner Mailbox sind, und habe gleich zurückgerufen. Ich bin bei Tante Franzi in den Alpen.«
»Prima. Ich überlegte vor ein paar Minuten, meine Koffer zu packen und zurückzufliegen. Vielleicht waren Flos Vorbehalte ja doch angebracht! Er blieb genau aus diesem Grund zuhause. Genau das hat er befürchtet, was ich hier jetzt erlebe.« Hanna war wütend, es passte ihr gar nicht in den Kram, wenn Florians Befürchtungen berechtigt wären. Seine Entscheidung, sicherheitshalber auf die Zeit zum Entspannen und Arbeiten auf der Insel zu verzichten, hatte Hanna schwer getroffen. »Ich mache mir grad echt Vorwürfe, wie verantwortungslos ich gegenüber dem Team bin, dass ich hier auf Mallorca bin.«
»Nein, chica, du brauchtest Abstand, Erholung und etwas richtig Schönes«, fiel ihr Sabine ins Wort. »Dir muss es gut gehen, damit es deinem Team gut gehen kann. Das weißt Du doch!«
Hanna lachte leicht und gab zu, dass der Einwand ihrer Freundin zumindest in diesem Punkt berechtigt war.
»Danke, ja, das stimmt.« Sie hasste es, wenn Sabine sie mit einem gewissen Unterton als chica bezeichnete. »Du hörst dich schon an wie meine Coachin!«
Im Coaching hatte Hanna herausgearbeitet, wie sehr ihr das Aufopfern für andere im Blut lag. »Nur wenn Sie sich um sich selbst kümmern – und das macht selten jemand anderes für Sie –, können Sie für andere da sein, beruflich oder privat«, hatte Sandra Wille-Held ihr eingeschärft.
»Was einfach wahr ist, meine liebe Hanna! Na gut, wenn ich auf Mallorca war, dann hauptsächlich für Ferienwochen. Ich konnte meine E-Mails bearbeiten, Verträge herunterladen, Inhalte recherchieren oder auch googeln, wo was zu finden ist auf der Insel.« Kleinlaut setzte sie hinzu: »Sorry, Hanna, wirklich: Ich dachte, das ist auf jeden Fall ausreichend für deinen Job. Mir wäre nicht in den Sinn gekommen, dass es anders als cool und entspannend wäre.«
»Es liegt an unseren vielen und stundenlangen Meetings. Wenn ich gestern einen Flug gefunden hätte, dann säße ich morgen schon im Flieger auf dem Weg zurück. Jetzt bleibt mir nur auf eine Möglichkeit zu setzen, die mir dein charmanter Nachbar und ein sympathischer Barista …«
»Charmanter Nachbar?! Hoppla! Ist in dem Haus endlich mal jemand aufgetaucht, der nicht nur für die Ferien gemietet hat?« Sabine konnte es kaum glauben. So oft wollte sie schon wissen, wem das Häuschen nebenan gehörte! Wenn sie selber mal vor Ort war, begegneten ihr nur »Freunde und Bekannte« des Besitzers, die dort Urlaub machten.
»Er half mir am Donnerstagnachmittag, als ich ankam, die Einkäufe ins Haus zu tragen. Sehr charmant, der Dirk.«
»Dirk?! Sag bloß, du hast ›Mr. Mystery‹ von nebenan kennengelernt, und er hat dir megafreundlich die Einkäufe ins Haus geschleppt? Unfassbar!« Sabine konnte sich kaum beruhigen. Ihre Freundin musste die Gelegenheit unbedingt nutzen, um mit dem Nachbarn über seine Gäste zu sprechen. Die nahmen mit ihren ausgelassenen Feiern in seinem Haus keine Rücksicht auf die Nachbarschaft, worüber sich ihre Freundinnen und Bekannten bei ihr beschwert hatten.
»Wir haben uns für heute in der Bar unten am Hafen verabredet, auf einen Drink. Aber darum geht es jetzt gar nicht …«
»Ach nein? Oh, du musst mir alles erzählen …«, begann Sabine und platzte schier vor Neugier.
»Stopp. Ein Drink am Nachmittag, wir sind Nachbarn. Jetzt dreh nicht gleich durch«, versuchte Hanna ihre Freundin zu beschwichtigen.
»Hanna hat ein Date, Hanna hat ein Date«, sang sie und fügte ein bewunderndes »chica!« hinzu.
»Ist es jetzt vielleicht mal wieder gut«, sagte Hanna und grinste. Ihr beste Freundin hatte schon immer eine blühende Phantasie. »Schon vergessen? Ich bin vergeben. Wenn ich euch zwei verkuppeln soll, sag Bescheid.«
»Wag es bloß nicht!«, drohte Sabine.
»Egal. Jedenfalls hat er mir einen Flyer in die Hand gedrückt, den seine Gäste im Haus dagelassen haben. Und als ich im Café fragte, wo es richtig gutes Internet gibt, drückte mir der Barista …«
»Der sympathische und supersüße Barista?«, zog Sabine ihre Freundin auf.
»Der Barista, Punkt. Der gab mir eine Visitenkarte von demselben Laden wie der Flyer: Y-Place. Schon mal gehört?«
»Nee, was soll das sein?« Sabine hatte keine Idee, was es sein könnte, sie war auch viel zu sehr damit beschäftigt, endlich mehr über den Besitzer des Nachbarhauses zu erfahren. »Oh, erzähl mir alles von deinem Zusammentreffen mit – wie war nochmal der Name?«
»Dirk«, warf Hanna gespielt genervt ein.
»Dirk, genau! Chica! Was ist er für ein Typ, wie alt, was macht er, und warum zum Teufel kennt er Leute, die sich in seinem Häuschen nicht benehmen können, wenn meine Freunde nebenan wohnen?«
»Aha, ich soll die Detektivin für dich spielen? Dann habe ich ja auf jeden Fall schon mal jede Menge Gesprächsstoff für das Treffen später.« Hanna lachte mit gelöster Stimmung. Es tat so gut mit Sabine zu sprechen!
Ihren Beschreibungen des ja nur kurz getroffenen Nachbarn hörte Sabine aufmerksam zu, die sich innerlich beglückwünschte zur Idee, Hanna die Schlüssel zur Casita Sueños gegeben zu haben. Endlich konnte sie mehr erfahren über den Menschen, der das Häuschen neben dem ihrer Großeltern gekauft hatte. Während der Ausführungen von Hanna surfte sie im Internet und sah sich an, was es über das Y-Place im nahe gelegenen Ort zu finden gab. Als Hanna die Schilderung ihrer Erlebnisse und ihrer Eindrücke von Sabines Häuschen beendet hatte, hakte Sabine ein.
»Ich habe mir mal diesen Coworking Space im Internet nebenher angeschaut«, begann Sabine.
»Du wieder! Ohne Multitasking geht bei dir nichts, oder?«, warf Hanna ein. Sie war es schon gewohnt, dass die Freundin ihrem Gespräch folgte und gleichzeitig wie zu ihrer Zeit als Journalistin die nächste Frage recherchierte.
»Also das sieht sehr ansprechend aus, es gehört zu diesen neuen flexiblen Büros, die seit Jahren überall aus dem Boden schießen. Internet, Schreibtisch und Kaffee gibt es, alle bringen ihren eigenen Laptop mit.«
»Habe ich schon mal von gelesen«, erinnerte sich Hanna an einen Artikel über ein von Investoren großzügig finanziertes Unternehmen. Der Namen fiel ihr nicht mehr ein, irgendwas mit »Work«.
»Ja, klar hast du das. Aber das ist die Version, die ähnlich wie mein damaliger Anbieter von Büroräumen unterwegs ist. Erinnerst du dich noch an mein allererstes Büro? Das war doch ein nach Feng-Shui-Prinzipien angelegtes Bürocenter, wo wir alle unsere Türen offen hatten. Und dann wurde es von diesem internationalen Player übernommen, die Tische wurden kleiner und eckig, das Feng Shui zur Makulatur und die Türen geschlossen.«
»Ich erinnere mich. Oh, war ich neidisch auf dieses coole Ambiente! Und dann, traurig«, sagte Hanna und musste daran denken, wie enorm sich damals leider die Einzugs- und Auszugspartys von Sabines kleiner Firma unterschieden hatten.
»Ausgezeichnet, dann wirst du es in diesem Coworking Space lieben! Den Fotos nach coole Räume, und es scheint dort ums Miteinander zu gehen, zumindest laut den Bewertungen von Leuten, die schon mal dort waren.«
»Ich brauche kein Miteinander, das habe ich schon zu Genüge mit meinem Team. Ich brauche einen ruhigen Platz zum Arbeiten und ein stabiles Internet!« Hanna begann daran zu zweifeln, ob dieser Ort die Lösung für ihre Probleme sein konnte.
»Das sollte da kein Thema sein. Die Beschreibung erwähnt verschiedene Bereiche und sogar Telefonboxen für ungestörte Gespräche«, fuhr Sabine fort. »Ich war im Ausland schon oft in Business Centern, Coworking Spaces oder Shared Offices – die waren immer in Großstädten. Wusste gar nicht, dass jemand so was in einer ruhigen Region und dann auch noch auf Mallorca anbietet.«
»Ich bin froh, ehrlich gesagt, weißt du. Ganz lieben Dank für deinen Beistand, Sabine. Du bist die Beste.« Hanna fühlte sich deutlich beruhigter als zu Beginn des Gesprächs. »Jetzt habe ich besseres Gefühl für dieses Y-Place, bin sogar richtiggehend gespannt drauf.«
»Damals auf Maui war der Coworking Space total businesslike. Meine Angst war völlig unbegründet, alle nur in Flip-Flops, Bikini und Surfshorts ohne T-Shirts anzutreffen!« Die beiden Frauen lachten. Hanna sah auf die Uhr.
»Cool, jetzt mach ich mal Wochenende und genieße die Vorzüge der Umgebung. Nach dem Wochenmarkt schlendere ich vielleicht an diesem Y-Place vorbei und schau, wie es darin aussieht.«
»Mach das, und grüß mir das Meer! Tantchen ist genau fertig mit ihrem Friseurbesuch, hier geht’s dann gleich weiter. Ciao, chica!«
»Ciao, Sabine!«
Entspannt lehnte sie sich zurück. Zum einen hatte sie eine Lösung für die kommende Arbeitswoche in Aussicht. Und andererseits bestand eine Verabredung am Nachmittag – das Wochenende durfte beginnen!
Auf Hannas Liste für das Wochenende stand ein Besuch des kleinen Städtchens Santanyí. Dort fand jeden Samstag auf dem Platz im Zentrum vor der enormen Kirche ein Markt statt. An den Ständen wurden Obst, Gemüse, Wurst, Käse, Blumen, Wein, Taschen, Schmuck oder Kleidung angeboten. Dank des E-Bikes in Sabines Häuschen war der Ort leicht zu erreichen. Sie hatte sich die Empfehlung für die Route durch die kleinen Nebenstraßen im Smartphone gespeichert, um die Hauptverkehrsachse zu meiden. Im Ort angekommen stürzte sie sich bestens gelaunt ins lebhafte Marktgeschehen.
Sabines Beschreibungen hatten nicht übertrieben: An einem Samstagvormittag pulsierte hier das Leben. In den Cafés saßen viele Gäste, ein vielfältiges Angebot an Obst, Gemüse, Käse und anderen Produkten an den Marktständen nahm die Kundschaft ausgiebig in Augenschein. Hanna schlenderte über den Platz und erspähte bald einen kleinen Tisch in einem der Cafés am Rand des Marktes. Sie bestellte einen café con leche, mit dem sie das Geschehen gemütlich betrachtete.
»Por favor, está libre?«, riss sie eine angenehme Stimme aus ihren Gedanken, die dann hinzufügte: »Darf ich mich zu Ihnen an den Tisch setzen?«
»Oh, hallo. Ja, klar, gerne«, antwortete Hanna. Die Stimme gehörte zu einer groß gewachsenen Frau in wallendem Leinenkleid. Um den Hals trug sie eine farbenfrohe Kette, deren Farben sich im Haarband, den auffälligen Ohrringen und vielen Armbändern wiederholten. Sie machte auf Hanna einen sympathischen Eindruck.
»Vielen Dank, es ist so viel los auf dem Markt, und ich brauche dringend einen Kaffee! Ich heiße Inge«, stellte sich die Frau vor.
»Hanna, angenehm.« Die Kellnerin trat an den Tisch, und Neuankömmling Inge bestellte einen Espresso und einen frisch gepressten Orangensaft. Beide Frauen widmeten sich wieder dem Beobachten der Menschen, die über den Markt schlenderten, an Ständen ihre Einkäufe erledigten oder sich freudig mit anderen unterhielten.
»Sagen Sie, kennen Sie sich im Ort zufällig etwas aus?«, begann Hanna ein Gespräch mit ihrer Tischnachbarin.
»Oh ja, ich denke schon. Ich lebe seit zwanzig Jahren auf der Insel, die meiste Zeit davon hier im Südosten. Was möchten Sie denn wissen?« Inge schaute Hanna erwartungsvoll an.
»Ach, sehen Sie, ich bin auf der Suche nach einem Bioladen. Und meine Freundin sagte, hier im Zentrum solle es einen geben, nur davon war keine Spur zu finden.«
»Das stimmt, leider hat das kleine Geschäft zugemacht«, erzählte Inge. »Es gibt noch einen, der ist keine fünf Minuten zu Fuß von hier entfernt und eigentlich ganz leicht zu finden. Einfach rechts an der Kirche vorbei, dann der Straße bergab folgen. Immer weiter und Sie sehen bald den Bioladen auf der linken Seite.« Inge untermalte dabei mit ihren Händen die Wegbeschreibung. Fast wäre dabei das Tablett der hinzutretenden Kellnerin mit Inges Bestellung zu Boden gegangen. Die Bedienung war offensichtlich gestikulierende Gäste gewohnt und war mit Bravour ausgewichen, wie Hanna beobachtete.
»Oh, prima, vielen Dank!«
»Gràcies«, sagte Inge zur Kellnerin, das mallorquinische Danke.Sie trank den gerade erst abgestellten Espresso in einem Zug aus. »Sie sind auf Urlaub in der Gegend?«, wandte sie sich wieder an Hanna.
»Ja und nein. Ich brauchte einen Tapetenwechsel, bin jedoch beruflich so eingespannt, dass ich hier arbeite wie im Homeoffice, in das wir ja alle geschickt wurden.«
»Ja, ich hörte davon. Büro wäre nichts für mich. Ich bin selbstständige Künstlerin, Sängerin. Ich trete auf Festen, Feiern oder kleinen Konzerten in den Bars und Restaurants der Gegend auf. Endlich ist das wieder möglich mit dem Wetter und den Gästen aus dem Aus- und Festland.« Inge faltete die Hände als Geste der Dankbarkeit vor ihrer Brust. Dann widmete sie sich ihrem Orangensaft.
»Das hört sich ja wunderbar an! Wo kann ich Sie denn einmal singen hören?« Die Stimme der Frau hatte einen wohltuenden Klang, fand sie.
»Heute Abend singe ich in der Musikkneipe vorne an der Ecke. Wenn Sie Zeit haben, kommen Sie dazu! Und sonst können Sie sehr gerne auf den bekannten Musikplattformen meine Musik hören – oder kaufen.« Inge suchte in ihrer Handtasche, fand eine Visitenkarte und reichte diese an Hanna. »Hier steht mein Künstlername drauf, damit finden Sie mich besser.«
Hanna lachte. Inge als Name für eine Sängerin klingt ja auch wirklich ein wenig bieder, dachte sie und steckte die Karte ein.
»Danke für den Hinweis! Da habe ich ja schon eine neue Option für die Gestaltung des Abendprogramms.«
»Gerne«, sagte Inge, leerte ihr Glas in einem Zug und legte das Geld für ihre Getränke auf den Tisch. »Hat mich gefreut, ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Arbeiten und noch viel mehr Zeit zum Entspannen.« Sie zwinkerte ihr fröhlich zu, stand auf und schlenderte davon.
Hanna blickte der Sängerin nach, die mit federnden Schritten nahezu über den Marktplatz schwebte. Sie träumte davon, wie es wäre an ihrer Stelle zu sein, als Sängerin hier auf der Insel zu leben, da und dort aufzutreten. Es klang verführerisch nach einem freien und erfüllten Leben. Kein Chef, kein Team – Moment: Was wusste sie schon, wahrscheinlich war es ganz anders. Denn zu einer Sängerin gehörte oft eine Band – und damit eine Art Team, vielleicht jemand, der wie ihr Chef den Ton vorgab?
Ernüchtert fiel ihr wieder ein, dass sie einkaufen und sich das Y-Place anschauen wollte. Sie zahlte den Kaffee, besorgte beim Bäcker direkt am Platz ein kleines Brot mit Salz, wie es Sabine in den Tipps zum Einkaufen beschrieben hatte. Auf der Insel mit der hohen Luftfeuchtigkeit wurden Brote traditionell ohne Salz gebacken. Hin und wieder gab es Bäckereien, die ein pan con sal anboten, so wie diese hier. Dann folgte Hanna der Beschreibung zum Bioladen für ihre Einkäufe. Die Auswahl war vielfältig, und so versorgte sie sich mit Obst und Gemüse für die nächsten Tage.
Etwas später schlenderte sie mit den frischen Lebensmitteln im Rucksack durch die verwinkelten Gassen des Örtchens vorbei an vielen kleinen Ladengeschäften. Sie bestaunte die in warmen Ocker-Tönen gehaltenen Fassaden der Häuser und stellte fest, wie selten Bäume, Palmen oder Sträucher die Straßen säumten. Das Portal der großen Kirche zierten rechts und links hohe Palmen. Weitere farbige Akzente bildeten die Holztüren und Fensterläden, die in Braun und verschiedenen Grün-Tönen gestrichen waren. Vorbei an Cafés, Bars und kleinen Geschäften erreichte sie die angegebene Adresse des Coworking Space. Ein Café im Nachbarhaus bediente Tische bis vor den Eingang. Auch hier herrschte reges Treiben. Hanna stand vor einem Haus mit Naturstein-Fassade, das eher alt und rustikal wirkte. Das Schild im Fenster schrieb dagegen sehr modern: »Fibre Optics Internet, 1 GB up & down, Telephone Booths«. Hanna lugte durch die Scheibe und erspähte einen mit kleinen Sesseln möblierten Raum, der sich weiter an einem Bücherregal vorbei tief ins Gebäude hinein erstreckte. Gemütlich, dachte Hanna, da freu ich mich auf Montag.
In der Fensterscheibe entdeckte sie schließlich einen Aushang, der auf eine Achtsamkeitswanderung an der Küste hinwies. Oh, das ist ja schon morgen, dachte Hanna, aber warum nicht? Sie verfügte hier ja frei über ihre Zeit, kein zähes Ringen mit Florian wegen ihrer durchaus unterschiedlichen Vorstellungen von Freizeit. Kurzentschlossen zog sie ihr Smartphone aus der Tasche, tippte die angegebene Handynummer ein und drückte auf Verbinden. Dann meldete sich mit angenehmer Stimme die Yoga-Lehrerin, die sich als Marina vorstellte. Es war genau ein Platz frei auf der Wanderung am Sonntagvormittag, den Hanna freudig belegte. Marina gab ihr Hinweise, was mitzubringen und wo der genaue Treffpunkt war, dann legten sie auf.
Ein Kaffee im Nachbarcafé lockte sie nicht, eher freute sich Hanna auf eine geruhsame Auszeit mit Obstsalat aus frischen Früchten auf ihrer Terrasse. Sie kehrte zu der Stelle zurück, an der sie Sabines E-Bike festgeschlossen hatte. Ungefähr fünfzehn Rennmaschinen in nahezu gleicher Aufmachung waren um ihr Rad abgestellt worden. Weit können die nicht sein, dachte Hanna. Ihr war aufgefallen, dass die teuer wirkenden Zweiräder nicht gesichert waren. Sie wagte nicht, eines nach dem anderen beiseitezuschieben, um ihr Rad zu befreien. Also blickte sie umher und sah eine größere Gruppe in kunterbunter Fahrradsportbekleidung an den Tischen vor einer Bar. Sie winkte und deutete auf ihr Fahrrad hinter den vielen Sportmaschinen. Zwei Radler aus der Gruppe standen auf und räumten den Weg für Hanna zu ihrem E-Bike frei.
»Wie praktisch, dass Rennradfahrer immer so auffällig gekleidet sind, wenn sie aufs Bike steigen«, sagte sie zu den beiden. »Damit waren Sie gleich gut auszumachen.«
»Ja, Auffallen ist der einzige Grund für diese poppigen Klamotten«, grinste sie einer der beiden an. »Auf der Landstraße wollen wir lieber von den Autos gesehen statt übersehen werden.«
»Loud colors save lives«, warf der andere Radfahrer fröhlich ein.
Sie nickte, bedankte sich für das rasche Eingreifen und wünschte ihnen eine gute Fahrt. Dann bestieg sie ihr Fahrrad und fuhr ihrer sonnigen Terrasse entgegen.
»Hola, da ist sie ja, meine schöne Nachbarin«, wurde Hanna von Dirk freudig begrüßt. Wie verabredet betrat sie später am Nachmittag die Terrasse der Bar am Hafen. Und konnte sich kaum sattsehen an dem Blick übers Wasser und die vielen kleinen Boote. Das Meer drang hier in einer schmalen Bucht ins Landesinnere und gabelte sich dann in zwei dünne Arme auf. Den einen Meeresarm säumten dicht an dicht weiß getünchte Häuser, deren Fensterrahmen, Türen und Eingänge zu den Bootsgaragen leuchtend grün oder braun gestrichen waren. Hier lagen die Schiffchen direkt vor den Eingängen vertäut. Im anderen Meeresarm gaben bunte Bojen den nötigen Halt.
»Setz dich doch«, riss Dirk sie aus ihren Gedanken. »Was möchtest du trinken?« Er nahm wieder Platz auf seinen Stuhl, und Hanna setzte sich ihm gegenüber, mit perfektem Blick auf die Bucht.
»Ein wunderbares Panorama, nicht wahr?«, bemerkte Dirk. Sie rechnete es ihm positiv an, dass er ihr den Platz mit der besten Aussicht zugedacht hatte. Nach einem kurzen Blick in die Karte entschied sie sich für einen alkoholfreien Cocktail.
»Perfekte Wahl«, kommentierte Dirk, der selber eine geleerte Espressotasse vor sich stehen hatte und nun einen fruchtigen Smoothie bestellte. Hanna schaute ihren Nachbarn genauer an, als sie es bei dem ersten Zusammentreffen vor der Casita Sueños getan hatte. Er machte auf sie überhaupt nicht den Eindruck mit den Personen befreundet zu sein, über die sich Sabines Hausgäste beschwert hatten: Laut, alkoholisiert und unaufmerksam. Ganz im Gegenteil. Er war zur Begrüßung aufgestanden, und er trug ein aufgeknöpftes Poloshirt in Pfirsichpink, das ihm fabelhaft zu den lässigen Khaki-Shorts stand. Sie plauderten über den Markt und darüber, was es in der Region an Naturschönheiten zu bewundern gibt. Dirk gab zu, das alles noch nicht so gut zu kennen, denn er sei erst jetzt selber in sein Haus neben dem von Sabine eingezogen. Sie plauderten flüchtig über berufliche Themen, blieben dabei an der Oberfläche. Dirk bezeichnete sich als finanziell unabhängig und aktuell auf der Suche nach seiner nächsten Bestimmung, ging darauf jedoch nicht weiter ein.
»Hast du schon ins Coworking Space in Santanyí reingeschaut?«, wollte er wissen. Und so schilderte Hanna ihm ihren ersten Eindruck von außen. Die rustikale Fassade des Hauses begeisterte sie, und sie schwärmte vom gemütlich wirkenden Inneren. Alles hatte ihr auf jeden Fall Lust auf Montag gemacht. Sie dankte ihm für den Tipp und ließ den Blick wieder über die tiefen Blautöne der Bucht gleiten. Ihr gefielen die llaüts, die weißgetünchten Boote mit dem ungewohnten Lateinersegel, die sich sanft im Wasser bewegten. Hanna stellte sich vor, wie es wäre mit einem Segler nahezu lautlos über das kristallklare Wasser zu gleiten.
Als hätte Dirk ihre Gedanken erraten, fragte er: »Kannst du eigentlich segeln, Hanna? Bist du seefest?«
»Tatsächlich ja. Bisher jedoch vorwiegend auf Binnengewässern, das Meer flößt mir noch viel Respekt ein.«
»Respekt ist immer angebracht«, kommentierte Dirk. »Ich habe ein Segelboot, schau, es liegt da drüben an der blauen Boje, siehst du es?« Hanna folgte seiner aufs Wasser weisenden Hand und nickte. »Vielleicht hast du ja die Zeit einen Ausflug zu machen? Ich würde mich freuen.« Er schwärmte ihr von verschiedenen Gegenden im Südosten der Insel vor, an denen das Wasser perfekt in den Farben schimmerte, die an die Karibik erinnerten. Von Stellen, die mit dem Boot viel einfacher zu erreichen waren als zu Fuß.
Hanna war überrascht vom Tempo, das Herr Nachbar in ihrer jungen Bekanntschaft vorlegte. So gab sie eine eher zögerliche Antwort. »Ich kann da nichts zusagen. Ich bin ja hier nur zum Teil im Urlaub.« Sie fühlte sich unwohl. Sie wusste schließlich so gut wie nichts über ihn.
»Was ist denn bei dir die Herausforderung im Job zurzeit?«, wechselte Dirk das Thema, er sah die Unbehaglichkeit in ihrem Gesicht.
Hanna zögerte. »Oh, wo fange ich an«, begann sie und überlegte, ob sie einem Fremden überhaupt davon erzählen sollte. Andererseits, Geheimnisse waren es ja nicht wirklich, es machten ja alle Unternehmen eine mehr oder weniger gleich schwere Phase durch. Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und gab ihm eine kurze Zusammenfassung.
»Es ist vor allem so gut wie alles auf den Kopf gestellt. Eingespielte Prozesse, unsere Art und Weise im Team zusammen zu arbeiten. Eine Mitarbeiterin, die vor der Pandemie kündigte, sagte damals im Abschlussgespräch ihr würde das Neue in unserer Firma fehlen, wir würden die digitalen Veränderungen verschlafen. Ich hab ihr damals im Gespräch sogar zugestimmt, fand jedoch, sie sehe es insgesamt viel zu krass. Es funktionierte doch.« Sie musste zugeben, es funktionierte, auf Kosten möglicher Freizeit an einigen Stellen. Dieses Warten aufeinander oder auf Rückmeldungen anderer Beteiligter in manchen Projekten. Oder dass zuvor unbekannte Aufgaben plötzlich auf der Agenda standen und gleich dringlich wurden – ein »Management auf Zuruf« hatte es die scheidende Kollegin genannt. Als Hanna mit ihrem Vorgesetzten über das Abschlussgespräch gesprochen hatte, meinte dieser dazu nur: »Frau Köhler, es gibt keine perfekte Arbeitsumgebung, wir alle müssen mit dem arbeiten, was wir haben. Darin liegt das Geheimnis.«
Hanna seufzte. »Jedenfalls sind wir in meiner Firma in diesem Notfallprogramm gefangen. Ich habe tatsächlich erst in dieser Situation gespürt, wie berechtigt die Kritik der damaligen Mitarbeiterin war.«
»Das kann ich bestens nachvollziehen«, meinte Dirk. »Es ist schon überall so: Wenn es läuft, dann verändert sich nichts. Als hätten alle den Leitspruch never change a running system auf sämtliche Aspekte des Arbeitslebens angewendet.«
Hanna lachte. »Das kannst du laut sagen. Na ja, es steckt eine gefühlte Sicherheit darin. Im Nachhinein sehe ich, gefühlt ist der passende Ausdruck. Denn klar hat sich die Welt weiter gedreht, und wer schon vorher über Möglichkeiten nachgedacht hatte, von anderen Orten als der Firma aus zu arbeiten, war und ist jetzt schlicht und einfach im Vorteil.« Sie stöhnte, als ihr das wichtige Gespräch am Dienstag wieder einfiel.
»Du bist hier, also hat sich etwas geändert, richtig?« Dirk wunderte sich, dass diese Person gar nicht zu bemerken schien, was sie selber in den letzten Monaten an Veränderungen bewirkt hatte.
»Stimmt, wir sind mittendrin – aber wir hatten ja nichts, was uns auf diese Veränderung vorbereitet hätte!« Hanna fuhr sich mit den Händen nervös durch die Haare. »Und am Dienstag habe ich ein wichtiges Videotelefonat mit einer Bewerberin. Deswegen bin ich auch so kribbelig und hoffe inständig, dass es mit der Internetverbindung besser klappt, sonst geht sie vielleicht doch woanders hin. Dabei passt ihr Profil perfekt zu meinem Team und meinen Ideen für die Zukunft.«
»Das wird schon laufen, ich habe den Flyer durchgelesen. Dieser Coworking Space wird dir sicher helfen. Es sei denn, die sind derart überrannt von Menschen, die von Mallorca aus arbeiten, dass du keinen Platz mehr bekommst.« Erschrocken schaute sie auf. »Das war ein Scherz, entspann dich.« Dirk grinste, sie konnte jedoch nicht mitlachen. Es tat ihm leid, dass Hanna so angespannt war.
»Wir haben diese blöde Vorgabe, mit unseren Teams wie im Büro zu arbeiten. Da haben wir uns ja auch den ganzen Tag gesehen – und jetzt sollen wir uns eben den Tag über in einer Videokonferenz sehen. Nur unterbrochen von Pausen oder Konferenzschaltungen mit Geschäftskontakten, Kundschaft oder Bewerber und Bewerberinnen.«
»Okay, das ist krass«, kommentierte Dirk.
Ja, mehr als krass, setzte Hanna in Gedanken hinzu. »Und ich habe zu Beginn noch gedacht, ich mache einen super Vorschlag, als ich diese kompetente und gleichzeitig sehr sympathische Sicherheitsexpertin im Fernsehen sah, und wir sie als externe Beraterin gewinnen konnten«, erzählte Hanna.
»Klingt auf jeden Fall erst mal nach einem guten Plan.«
»Plan ja, Ausführung nun ja. Das lag nicht mehr in meinen Händen. Die Technikabteilung arbeitete dazu eng mit der Geschäftsführung und der Expertin zusammen. Irgendwann waren wir beide für eine Videokonferenz eingewählt, und alle anderen kamen mit chefiger Verspätung. Da hatten wir einen Moment für uns. Und die Sicherheitsexpertin sagte mir, dass nicht alles auf ihren Ideen basiere, was da für die Belegschaft eingerichtet werde.«
»Bedeutet? Zurück in die Steinzeit?«, frotzelte Dirk. Hanna wurde ihm mit jedem Satz sympathischer. Sie hatte die richtigen Fragen gestellt, nur um dann im Abseits zu landen. Das war einfach nicht fair. Und Fairness war ihr wichtig im Leben.
»Nein, es war schon digital: Aber weißt du, ich war ja nicht untätig in der ganzen Zeit. Ich habe andere in ähnlichen Situationen angerufen. Ich bat die Eltern im Team, den Teenager-Nachwuchs zu befragen, wie die sich denn so miteinander ständig online treffen – darüber klagten die Eltern schließlich immer.« Von den Kids hatte sie von Tools wie Discord und Whereby erfahren, deren Beschreibungen und Fallbeispiele durchaus interessant klangen. Im Bekanntenkreis waren die Hinweise auf Anwendungen für die Online-Zusammenarbeit von Google, Microsoft oder Slack gekommen. Als Lösung für Videokonferenzen hatten viele auf ein Tool namens Zoom geschworen.
»Da hast du jedenfalls eine steile Lernkurve hingelegt, Hanna. Ist dir das klar?« Dirk klatschte leise mit den Händen Beifall und meinte es auch so.
»Jetzt, wo du es sagst. Ist bei mir so noch gar nicht richtig angekommen, schätze ich«, gab Hanna zu und dachte an die vielen Stunden am Abend, in denen sie gemeinsam mit Florian, der sich in ähnlicher Situation befand, Tools ausprobiert hatte. Es war eine stressige Zeit gewesen, aber im Rückblick auch schön, wie sie da so einträchtig zusammen am Werk waren. Und obwohl ihr Vorgesetzter die Funktionen zur Zusammenarbeit von MS Teams und anderen Produkten bemerkenswert gefunden hatte, schlug er diese Varianten aus. Für ihn war der Mix aus E-Mail – »haben wir ja eh schon und können alle optimal bedienen, null Lernkurve!« – zusammen mit der von Hanna getesteten Videokonferenzlösung perfekt.
Sie erzählte Dirk davon und wie ihr Chef seine Entscheidung überbrachte: »Er sagte zu mir, ›Frau Köhler, das ist ja alles nicht von Dauer, da will ich mich nicht langfristig an irgendeinen Firlefanz binden, der dann am Ende mehr Zeit in der Einarbeitung kostet, als er nutzt.‹ Tja, kam wohl alles anders.«
»Well, die Hoffnung stirbt zuletzt.«
»Ich durfte für uns immerhin die Videokonferenz-Lösung aussuchen. Da wählte ich den Anbieter, der Gruppenräume in der Konferenz anbot und insgesamt eine rasch zu erlernende Oberfläche zeigte«, schloss Hanna ihren Bericht.
»Okay, also doch so ein bisschen Steinzeit.« Dirk schüttelte den Kopf. Er legte mitfühlend eine Hand auf Hannas Unterarm. »Es ist schon erstaunlich: Da arbeiten wir in der Softwareentwicklung so lange mit den verschiedensten digitalen Werkzeugen, ehrlich, da ahnt man einfach nicht, wie viele Menschen in anderen Firmen trotz leistungsfähiger Computer quasi digitale Keilschrift in die Festplatte klopfen.«
Hanna lachte verlegen, sie zog ihren Arm zurück. Eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht.
»Nein ehrlich, ich danke dir für deine Story! Das erdet enorm, wenn jemand wie ich vorwiegend in Entwickler-Sphären und Softwarebranche unterwegs ist. Unsere Kundschaft hat zumindest erkannt, dass andere die Bits und Bytes perfekt zusammenstecken, damit sie produktiver arbeiten können.«
»Was für eine Software entwickelst du denn«, wollte Hanna wissen und war froh über den Themenwechsel.
»Aktuell keine, ich bin auf dem Weg in die nächste Phase in meinem beruflichen Leben. Insofern habe ich aktuell kein Team wie in deinem Fall, mit dem ich den Kontakt halten müsste. Ich kann mich dem Segeln widmen, das ich in den letzten Jahren sehr vernachlässigt habe.« Hanna folgte Dirks Blick aufs Wasser.
»Sieht recht neu aus, dein Boot, oder?«
»Ja, es ist wundervoll hergerichtet, und ja, ich besitze es noch nicht lange. Die letzten Jahre war ich vorwiegend in Kalifornien, in San Francisco. Dort bin ich viel zu selten mit anderen zum Segeln gegangen. Und nur einmal kam ich mit für ein paar Tage auf Hawaii.«
»Hawaii, okay, spannend: Heute erwähnten zwei nicht miteinander bekannte Menschen diese Region mir gegenüber. Verrückt!« Was war das denn heute für ein Tag, fragte sich Hanna.
»Na ja, drüben im Silicon Valley ist das so ähnlich wie für Europa die Kanaren, ein kurzer Trip ins Paradies.« Dirk seufzte und schwärmte von der üppigen grünen Vegetation im Norden von Big Island, wo Freunde eine Farm bewohnten.
»Wieso hast du dann das Haus hier auf Mallorca? Wäre doch auf Hawaii viel naheliegender.«
»Weißt du, es ist wirklich wunderschön dort, nur sehr, sehr weit weg von Europa. Mir war klar, ich werde nicht immer in den USA bleiben. Und ich konnte mir genauso wenig ein Leben in Deutschland vorstellen. Also habe ich mich damit beschäftigt, welche europäischen Inseln ihre Vorzüge haben und verliebte mich in Mallorca.«
»Ich bin zum ersten Mal hier, und ja, ich kann es jetzt schon etwas nachvollziehen. Wobei ich mir nicht vorstellen könnte, hier zu leben.« Hanna liebte ihren Garten und den Jahresverlauf mit Winter.
»Malta war genauso weit oben auf meiner Favoritenliste, vor allem weil dort viel Englisch gesprochen wird. Am Ende hat mich die spanische und vor allem mallorquinische Lebensart überzeugt. Okay, und ein paar Bekannte, die bereits die Region für sich entdeckt haben. Ist ja schöner, als allein zu sein, oder?«
»Das stimmt auf jeden Fall. Daher vielen Dank für die Einladung, Dirk.«
»Gerne! Darf ich nochmal nachfragen, wie ihr denn jetzt in der Firma das Arbeiten aus den Homeoffices geregelt habt?«
»Wir arbeiten im ›Videobüro‹, so nennen wir es«, begann Hanna. »Wir loggen uns am Morgen ein, sprechen kurz durch, ob es was zu regeln gibt, alle wissen, was für sie anliegt. Dann stellen wir uns auf stumm, lassen dabei die Kameras an. Wenn dann zwei oder drei etwas zu besprechen haben, gehen sie in einen separaten Teil der Videokonferenz.Mittags haben wir eine Pause, und den Nachmittag arbeiten wir dann wieder so, als säßen wir zusammen in einem Büro.«
»Wirklich?«, fragte Dirk.
»Ja, wirklich. Ich möchte betonen: nicht meine Idee. Ich hatte wie gesagt schon eher eine Lösung vor Augen, in der wir gleichzeitig Dokumente miteinander bearbeiten können und so. Nur da wir ja alles als vorübergehende Lösung einrichten …« Sie äffte den Ton von Hugo Becker, ihrem Chef, nach.
»Okay klar, eine Pandemie lässt sich nicht so einfach abschalten. Meinst du, du kannst da noch was retten?«, meinte Dirk ehrlich besorgt. »So werden dir doch die Angestellten nach und nach weglaufen.«
»Das habe ich meinem Chef schon angedroht.« Hanna lachte bitter. »Er meint, in der aktuellen Situation kündigt so schnell niemand. Woran er nicht denkt: Es ist für uns als Unternehmen schwer, Bewerber und Kandidatinnen für offene Stellen zu begeistern.«
»Oh, das kann ich mir vorstellen.« Dirk schlürfte die letzten Reste seines Smoothies. »Wollen wir noch etwas bestellen?«
»Ehrlich gesagt möchte ich lieber ein bisschen auf der Terrasse liegen und lesen. Es waren viele Eindrücke mit dem Marktbesuch und all dem Neuen hier, ich bin etwas müde.« Hanna nahm ihre Geldbörse aus der Tasche.
»Okay, klar. Ich bleibe noch ein wenig.« Dirk legte die Hand auf ihren Geldbeutel. »Du bist eingeladen, lass mal. Dann bis bald, Frau Nachbarin!«
»Danke und bis bald, Herr Nachbar.«
Auf dem Weg zur Casita Sueños bekam sie dann doch Hunger. Sie freute sich auf eine Portion Sommerspagetti mit frischen Tomaten, Mozzarella und Basilikum im Topf, den sie auf dem Markt gekauft hatte.
In der Bar kreisten Dirks Gedanken um Hanna, und wie sie mit ihrem Team arbeitete. Vielleicht gehe ich ja auch mal einen Tag ins Coworking, dachte Dirk, und dann erzähle ich Hanna mal etwas davon, wie wir unsere Zusammenarbeit in unseren Entwicklungsteams seit Jahren organisieren. Last but not least hatte er aktuell weder Verbindlichkeiten noch Termine. Seine Nachbarin war ihm sehr sympathisch, und er wollte ihr gerne helfen.
Sabines Großeltern haben sich damals für ihr Häuschen einen wunderschönen Flecken auf der Insel ausgesucht.
Neonbunte Klamotten der Radfahrer auf den Straßen: »Loud colors save lives«.
Ich darf mir auf die Schulter klopfen für die steile Lernkurve in der Nutzung digitaler Tools, die ich in den letzten Monaten erlebt habe.
Sabines Nachbar passt gar nicht zu seinen Freunden, über die Sabines Bekannte klagen.
Dirk widerlegt mein Vorurteil zu Softwareentwicklern: Nicht alle tragen Hoodies oder schlabbrige T-Shirts mit seltsamen Aufdrucken.
»Führung heißt, zu ermöglichen, nicht zu manipulieren. Eine offene, helle Bühne für alle anzubieten, barrierefrei und fair. Macht ist, wo Spielchen gespielt werden, und dann ist die Gewalt nicht weit. Führung ist, wo alle ihre Ohnmacht überwunden haben, um ihr Bestes zu geben.« Wolf Lotter
Samstag • Auf der Terrasse von Sabines Casita Sueños stopfte sich Hanna ein paar gemütliche Kissen in den Rücken und legte ihre Beine hoch. Sie begann in ihrem Roman zu lesen, doch schon nach wenigen Absätzen gingen ihre Gedanken auf die Reise. Ihr fiel das Gespräch mit Dirk ein, speziell der Satz, in dem er ihre Lernkurve lobte. Das hatte bislang niemand zu ihr gesagt. Weder ihr Mann Florian, der ja selber mit ihr durch so viele neue Themen gegangen war, noch jemand im beruflichen Umfeld. Ihr Team erwartete nichts anderes von ihr, und bei ihrem Vorgesetzten Hugo Becker hatte sie oft das Gefühl, mit ihren neuen Erkenntnissen lästig zu sein.
Hilfe holte sich Hanna an für sie ungewohnter Stelle. Im Newsletter einer bekannten Karrieremesse für Frauen las sie die Anzeige einer Beraterin, die ihr auffiel. Darin bot diese ihre Unterstützung für Führungskräfte an, die den Weckruf ans Management vernahmen, dass ihre Arbeitswelt dringend der Veränderung bedarf. »Gewinnen Sie so den Kampf um hoch qualifizierte Fachkräfte und behalten Ihre besten Angestellten im Team«, versprach der Anzeigentext. Hanna griff damals zu und buchte mit Freigabe von Hugo Becker ein Coaching.
Neun Monate zuvor • Hanna Köhler war schon bei der ersten Begegnung per Videokonferenz von der Business Coachin für Führungskräfte, Sandra Wille-Held, beeindruckt. Ihr fiel deren aufmerksamer Blick auf, während sie selber viele Fragen zum Kennenlernen beantwortete. Eine silberblaue Brille dominierte mit einem kräftigen Rahmen das Gesicht und harmonierte dabei sowohl mit ihrer Augenfarbe als auch ihrer Bluse. Wenn die Beraterin etwas besonders genau wissen wollte, lehnte sie sich ein wenig nach vorne und schaute ihre Klientin über den Rand ihrer Brille hinweg an.
Schon in diesem ersten Gespräch wurde Hanna klar, was bereits vor der Pandemie in der Firma nicht mehr rund gelaufen war. Es war ihr nur nicht aufgefallen, denn alle hatten brav mit funktioniert, viele Gelegenheiten für Veränderungen schlichtweg ausgesessen. Hanna fühlte sich schlecht.
Beruhigend sagte dann Sandra Wille-Held am Ende des ersten Gesprächs: »Liebe Frau Köhler, ich weiß, da haben Sie jetzt sehr viel Revue passieren lassen. Und vielleicht denken Sie, du liebe Zeit, was habe ich alles zur Seite geschoben, liegengelassen, zugelassen, mitgemacht. Warum habe ich nicht mehr getan, mehr verändert.«
Hanna merkte, wie ihr Tränen in die Augen traten. Trotzdem hielt sie den Blick der Frau mit dem kurzen weißblonden Haarschnitt stand. Sie stellte genau die Fragen, die Hannas Gedankenwelt aktuell beherrschten und sie verwirrten.
»Sie sind nicht allein«, sagte die Coachin ruhig und betonte dabei jedes Wort. »Das geht vielen anderen Führungskräften ganz genauso.«
»Das macht es nicht leichter.« Hanna schluckte schwer und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
»Das macht es nicht einfacher, nicht leichter, absolut richtig. Es bedeutet jedoch: Sie können mit anderen in ähnlichen beruflichen Situationen sprechen, in einen Austausch gehen. Lassen Sie die Überzeugung los, dass nur Sie hier neu denken und sich anders aufstellen müssen.«
Im Verlauf der weiteren Coaching-Sitzungen machte Sandra Wille-Held ihrer Klientin mit Nachdruck klar, wie wenig zeitgemäß das Ideal war, als Führungskraft alles perfekt zu machen. Hanna war überrascht und reagierte zunächst mit Ablehnung. Das löste sich erst nach und nach, besonders als Wille-Held genauer erklärte, wie das zu verstehen war.
»Es ist kein Geheimnis, dass hier zu Lande der Perfektionismus ein erstrebenswerter Charakterzug von Mitarbeitenden ist«, erläuterte die Coachin. »Was wir dabei aus den Augen verlieren: Nicht alles muss tatsächlich perfekt erledigt werden. Eine übertragene Aufgabe gut zu machen ist in den meisten Fällen völlig in Ordnung. Das gilt auch für Ihren Anspruch an sich in Ihrer Rolle als Vorgesetzte. Sie müssen nicht nach Perfektion streben, sondern gut genug sein. Und das meine ich weder zweitklassig noch ungenügend! Gut genug für das Team, die Aufgabe, das Unternehmen. Gut genug, wenn Sie quasi aus der Zukunft auf die heutige Situation zurückblicken. Dann erkennen Sie, wie Sie Ihr Team unterstützt, Probleme gelöst oder zur Lösung beigetragen haben. Soweit ich das betrachten kann, wird ihr zukünftiges ›Ich‹ mehr als zufrieden mit Ihnen sein. Eher wird es bekümmert den Raubbau an Ihrer Energie und damit langfristig Ihrer Gesundheit erkennen.«
»In der aktuellen Situation …«, begann Hanna.
»Keine Ausreden! Sie hören sich ja an wie Ihr Vorgesetzter«, unterbrach Sandra Wille-Held sie mit leichtem Schmunzeln.
»Ups«, gab sie zu.
»Genau: Ups. Gut genug. Perfektionismus kann sich zu einem wahren Zeiträuber entwickeln! Zeit, die zum Beispiel dann schmerzlich fehlt, wenn sich viele Rahmenbedingungen in kurzen Zeiträumen verändern. In den aktuellen Umwälzungen braucht die Arbeitswelt eine Umgestaltung, damit sie modernen Prinzipien folgen kann. Die durch das Homeoffice entstandene Flexibilität des Arbeitsortes ist da nur ein Aspekt, der lange schon anzugehen war.«
Hanna stöhnte und dachte: Wo bitte war hier nur der Notausgang aus diesem Ganzen?
»Frau Köhler, es ist wichtig, zu begreifen: Mobilität in puncto Arbeitsort ist nur ein Anfang. Ihre Firma muss akzeptieren, dass diese Flexibilität neben dem Ort auch immer mehr die Zeit betrifft. Alles, was Sie mir erzählen, zeugt von einer ausgeprägten Präsenzkultur in Ihrer Organisation. Und dieses zeitgleiche Arbeiten bilden Sie 1:1 mit digitalen Mitteln nach. Das ist so ähnlich, wie es einmal ein hohes Tier eines Unternehmens der Telekommunikationsbranche sagte. Wie war das noch gleich? Ach ja: ›Wenn du eine Scheißbesprechung digitalisiert, dann hast eben eine digitale Scheißbesprechung‹, oder so ähnlich.«
Hanna konnte ein Lachen nicht unterdrücken. »Nur, was sollen wir denn stattdessen tun?«
»Mit welchen Konzepten und digitalen Lösungen Sie da konkret rangehen«, meinte die Coachin, »da kann ich Ihnen persönlich nicht helfen. Aber erst wenn auch das Wann in der Arbeitswelt Ihres Teams flexibler gestaltet wird, haben Sie die Trümpfe im Wettbewerb um neue Arbeitskräfte in der Hand. Denn Befragungen haben ergeben: Was die Zufriedenheit am Arbeitsplatz angeht, ist in Deutschland der zweitwichtigste Faktor – nach der Höhe des Gehalts – die flexible Gestaltung der Arbeitszeit.«
Hanna runzelte fragend die Stirn. »Wie sollen wir uns denn da abstimmen? Alle bearbeiten schon immer recht viele E-Mails, durch die Pandemie ist das leider weiter angestiegen. Wenn wir uns jetzt nicht kurz per Chat oder Gespräch in der Videokonferenz verständigen würden, dann wären das ja nochmal mehr E-Mails.«
»Moment, so muss und soll das nicht sein. Gerade Organisationen, die auf das synchrone Arbeiten ausgerichtet sind, brauchen hier passende Konzepte und Strukturen für den Übergang zu einem Mix aus gleichzeitiger und asynchroner Zusammenarbeit.« Wille-Held rückte ihre Brille zurecht. »Das ist der Weg zu einer flexiblen Gestaltung der Arbeitszeit – ohne Informationsverlust oder gar Leerlauf durch Wartezeiten.«
»Verstehe«, sagte Hanna, »Wir müssen da auch an unsere Arbeitsweisen und Prozesse herangehen?«
»Auf jeden Fall. Zunächst brauchen wir die strategische Zielrichtung und eine neue Haltung – wir sagen gerne das Mindset. Wenn das klar ist, folgen Analyse und Weiterentwicklung des Skillsets. Also welche Fähigkeiten sind da oder müssen entwickelt werden. Und des Toolsets: Welche Werkzeuge liegen vor, welche müssen angeschafft werden, damit sie die jeweiligen Arbeitsprozesse unterstützen.«
»Und wenn wir als Führungskräfte das eingerichtet haben, sind wir dann in der Zukunft, na, ich sage es mal so: wegrationalisiert?« Das hatte Hanna in den letzten Jahren mehrfach von anderen Führungskräften gehört.
»Keine Angst, diese Befürchtung höre ich oft genug«, meinte Sandra Wille-Held aufmunternd. »Insbesondere, wenn wir darüber reden, flachere Hierarchien und mehr Selbstorganisation der Mitarbeitenden einzuführen.«
In den Coaching-Sitzungen besprachen sie, wie sich die Rolle von Führungskräften bereits veränderte. Diesen Wandel konnten Vorgesetzte, Abteilungs- oder Team-Leitungen nicht aufhalten, den meisten fiel es schwer, ihn zu akzeptieren. Wille-Held erzählte von Fällen, in denen den Führungskräften im Laufe eines Veränderungsprozesses klar wurde, dass sie weiterhin wichtige Aufgaben als Coaches für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hatten.
»Nun, mein Vorgesetzter hat es so formuliert: ›Wenn wir hier zu viel ändern, dann stehen wir bald auf der Straße. Die Kolleginnen und Kollegen brauchen unsere Anleitung, unsere Führung, das können wir doch nicht sich selbst oder irgendwelchem digitalen Schnickschnack überlassen‹.«
Hanna bemerkte, wie sie selber die damit verbundene Existenzangst anderer Führungskräfte in der Firma verinnerlicht hatte.
»Leading by Leadership«, sagte Sandra Wille-Held, »das ist der Gegenentwurf zu dem, was Ihr Vorgesetzter vorlebt. Seien Sie nicht zu streng mit ihm und ähnlich Denkenden. Wer die für Mitarbeiter zuständigen Abteilungen als Human Resources bezeichnet, sieht in den Mitarbeitenden keine Menschen, die inspiriert, beteiligt und wertgeschätzt werden wollen. Da sind Sie, und wenn ich das jetzt mal so pauschal geschlechterbezogen sagen darf, und viele andere weibliche Führungskräfte schon einen weiten Weg vorausgegangen.« Die Coachin zwinkerte Hanna verschwörerisch zu. »Sicherlich denken Sie oft, Sie müssten vielleicht mehr Kante zeigen, so wie Sie es selber von Vorgesetzten oder anderen Leitungskräften erleben. Erst dann wären Sie eine vollwertige Führungskraft. Ich sage Ihnen: Sie sind eine vollwertige Führungskraft, eine mit dem besten Potenzial an Leadership für die aktuellen und kommenden Anforderungen. Sie sind bereit zu lernen und gehen damit offen um. Sie beziehen Ihr Team ein und sind in der Lage so zu kommunizieren, dass es auch angenommen wird. Das ist keineswegs als Schwäche anzusehen – wie Sie das noch in einem unserer Vorgespräche ausgedrückten –, sondern vielmehr ein gutes Beispiel für Leading by Leadership.«
