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Viele würden zustimmen, dass wir in einer der freizügigsten Zeiten der Menschheit leben. Sex scheint überall und jederzeit verfügbar. Diese Entwicklungen können zu dem Schluss verführen, dass wir heute all den Sex haben, den wir haben wollen. Tatsächlich zeigt sich aber seit einigen Jahren in einer ganzen Reihe von internationalen Studien, dass insbesondere der Handy- und der Pornokonsum sowie die Selbstbestimmung der Frau dazu führen, dass die Sexualität nicht zu-, sondern abnimmt. In ihrem kurzweiligen Buch analysiert und bewertet Juliane Burghardt die Lage in Deutschlands Schlafzimmern.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Juliane Burghardt
ALLES KANN, NICHTS LÄUFT
WARUM WIR IMMER WENIGER SEX HABEN
Im Jahr 2022 führten mein Team und ich eine Untersuchung in der österreichischen Bevölkerung durch. Dabei handelt es sich um eine der ersten groß angelegten Studien, die sich mit dem Zusammenhang zwischen den neuen Medien und Sexualität beschäftigen. Sie wurde von der Gesellschaft für Forschungsförderung Niederösterreich gefördert. An der Studie nahmen über 2.000 in Österreich lebende Personen teil, die über eine ganze Reihe von Verhaltensweisen und Erfahrungen rund um Sexualität und digitale Mediennutzung Auskunft gaben. Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag zur Vervollständigung unseres Wissens. Ich bin sehr dankbar für die Förderung durch das Land Niederösterreich. Da die Ergebnisse noch nicht in wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht sind, werden sie in diesem Buch ohne Angabe von Quellen genutzt.
Es ist mir sehr wichtig, der Unterschiedlichkeit von Menschen Raum zu geben und Menschen nicht aufgrund ihres Geschlechts zu beschränken. Aufgrund der historischen Tatsache, dass viele Frauen und Männer von der Teilhabe an bestimmten Berufsständen ausgeschlossen worden sind und nicht-binären Menschen oft das Existenzrecht abgesprochen wurde, habe ich mich entschlossen, Berufsbezeichnungen inklusiv zu formulieren, um die Sichtbarkeit der unterschiedlichen Geschlechter in diesen Berufen sicherzustellen. Gleichzeitig wäre es in einem Buch, das sich so zentral mit Partnerschaften beschäftigt, dem Lesefluss abträglich, den Begriff »Partner« zu gendern. Da es historisch weder Männern noch Frauen aufgrund ihres Geschlechts (im Gegensatz zu ihrer sexuellen Orientierung) verwehrt wurde, eine Partnerschaft einzugehen, sehe ich keinen Gewinn darin, diesen Begriff zu gendern.
Da Forschung zur Sexualität bei intersexuellen oder nicht-binären Menschen extrem selten ist, beschränken sich die Beschreibungen der Befunde auf Männer und Frauen.
Seit ein paar Jahren zeigt sich in einer ganzen Reihe von wissenschaftlichen Studien, dass Menschen weniger Sex haben als vor 15 oder 20 Jahren. Dies trifft auf Deutschland genauso zu, wie auf die USA, Japan, Australien, Finnland und Großbritannien, also rund um den Globus. Die Abnahme zeigt sich sowohl bei Männern als auch bei Frauen und über verschiedene Altersgruppen hinweg.[1] Etliche Menschen haben weniger Sex, und der Anteil derer, die überhaupt keinen Sex hatten, nimmt ebenfalls zu. Zum Beispiel berichten junge Erwachsene in den USA häufiger, dass sie seit dem 18. Lebensjahr keinen Sex hatten, als die Generationen vor ihnen. In unserer aktuellen Untersuchung in Österreich gab fast die Hälfte an, dass sie gerne mehr Sex hätte (45 %), nur etwa die Hälfte (51 %) war zufrieden.
Die Untersuchungen widersprechen sich allerdings darin, welche Gruppe am stärksten von der Abnahme der Sexualität betroffen ist. Die Daten aus Australien, Finnland, Großbritannien und den USA zeigen den deutlichsten Rückgang bei verheirateten Paaren. In deutschen Daten waren nur diejenigen, die ohne Partner lebten, betroffen. Bei Personen, die mit einem Partner zusammenlebten, zeigten sich keine Veränderungen. In den US-amerikanischen Daten machte sich der größte Rückgang bei Menschen in ihren 50ern bemerkbar, in Deutschland waren es eher die unter 30-Jährigen. Das deutsche Muster entsprach dem japanischen Muster, wo auch besonders junge Singles betroffen sind.
Alle Daten stimmen darin überein, dass die Veränderungen klein sind, dennoch verunsichern sie. Woher diese Veränderungen kommen, aber auch, ob wir uns Sorgen machen sollten oder ob diese Tendenz vielleicht eine Chance darstellt, darum geht es in diesem Buch. Vor dieser Frage steht allerdings noch eine andere Frage: Was meinen wir eigentlich, wenn wir über Sex reden?
Kaum eine andere Handlung des Menschen wird mit so vielfältigen Erwartungen und Bedeutungen überfrachtet wie der sexuelle Akt. Sex soll so unglaublich viel sein, dass die Erwartungen erdrücken können oder man schon im Vorfeld jede Hoffnung auf Erfüllung aufgeben möchte. Kaum ein anderer Akt hat so viele Synonyme wie Sex (Kopulation, Beischlaf, Liebesspiel, Koitus, Geschlechtsverkehr, Begattung, Nummer, Akt, Schäferstündchen usw.), und genauso vielfältig sind auch die Bedeutungen und Rollen, die wir Sex in unserem Leben zuschreiben. Es gibt kaum etwas, was Sex nicht sein soll. Für einige ist Sex die schönste Nebensache der Welt. Für andere eine eheliche Pflicht. Bei einigen ist Sex täglicher Genuss, für andere unerreichbare Fantasie. Für einige teuflische Sünde, für andere himmlische Ekstase. Manche nutzen Sex, um sich zu entspannen, einige setzen auf Sex als Einschlafhilfe. Sex kann alles beherrschen oder vollkommen nebensächlich sein. Manchmal wird Sex als der ekstatische Höhepunkt des hedonistischen Strebens nach Seelenglück verkauft. Dann kann man das Kamasutra durchturnen oder beim Tantra-Sex die Orgasmen vervielfältigen, intensivieren oder verlängern und hat damit, dem Vernehmen nach, die größte Befriedigung gefunden.
Rein sexuelle Beziehungen, also solche, in denen kein Interesse an einer dauerhaften Partnerschaft besteht, sind heutzutage weit verbreitet. Um die Anbahnung dieser Beziehungen zu erleichtern, wurden Apps entwickelt, die keinem anderen Zweck dienen, als schnelle und direkte Kontaktaufnahmen zu ermöglichen. Ein Sexpartner scheint immer und überall verfügbar, er wird dadurch billig. Hat Sex also an Wert verloren?
In der westlich-christlichen Tradition ist Sex Sünde, und alles, was ihn umgibt, bedarf der kirchlichen Vergebung. Sex ist Teil unserer tierischen Natur, und je nach moralischer Auslegung, frei von jeder Schuld, er wird von Menschen, die den Menschen als Krone der Schöpfung betrachten, als ein Herabsinken auf seine »niederen« tierischen Triebe verstanden. Neben denen, die Sexualität als natürlich ansehen, gibt es aber auch Bewegungen, die Sexualität als Mittel für gesellschaftskritische Provokation einsetzen, indem sie bei Demonstrationen ihre Hüllen fallen lassen, in Betten liegen oder freie Liebe als Symbol für gesellschaftlichen Wandel betreiben. Auch in anderen Bereichen wird Sexualität als Werkzeug genutzt, wenn sie nämlich Marketingzwecken dient.
Offenkundig kann man heute kaum einen Brotaufstrich oder ein Auto ohne einen tiefen Blick in ein Frauendekolleté verkaufen. Selbst wenn ein Produkt ohne das tiefe Dekolleté auskommt, hält das keinen Werbetreibenden davon ab, einen eindeutigen Blick einzubauen. Die Werbeflächen sind voll davon, Sex ist überall. Davon abgesehen kann praktisch jeder in wenigen Sekunden auf unendlich viele fantasieanregende Bildchen oder Videos mit nackten oder leicht bekleideten Menschen zurückgreifen oder stattdessen Bildchen und Videos ansehen, die wirklich nichts mehr der Fantasie überlassen. Gleichzeitig ist der Sex, der überall ist, eine sehr beschränkte Variante dessen, was man unter Sex versteht und was man als sexuell anziehend ansehen kann.
Es fängt damit an, dass ein Frauendekolleté gar nicht für jeden das Interessanteste ist. Viele Männer bevorzugen andere Körperteile, Hintern, Beine und natürlich Füße. Etwa die Hälfte der Menschheit geht so weit zu sagen, dass sie sich gar nicht zu Frauen hingezogen fühlen; also die Mehrheit der Frauen und schwule Männer. Sicher würde die Medienwelt nicht mit Bildern von halb nackten Frauendekolletés werben, wenn es nicht erfolgversprechend wäre, aber gleichzeitig muss die Frage erlaubt sein, warum es immer eine so begrenzte Variante dessen sein muss, was Anziehung ausmacht. Warum so viele halb nackte Frauen, und warum so viele Brüste?
Neben medialen Bildern, die Sex als Verkaufsmittel nutzen, wird natürlich auch Sex selbst verkauft, stundenweise oder in Bild und Ton. Pornografie und Prostitution sind in Deutschland legal, weit verbreitet und mit wenigen Klicks leicht zugänglich. Eine Stunde mit einer:einem Prostituierten ist günstig zu haben.[2] Die Pornografie hat neue sexuelle Praktiken salonfähig gemacht, die schon Jugendliche kennen.
Obwohl bereits viel zu diesem Thema geschrieben wurde, sind wissenschaftliche Beiträge vergleichsweise rar. Tatsächlich hat die Wissenschaft erst vor ein paar Jahrzehnten angefangen, sich systematisch mit Sexualität auseinanderzusetzen. Das ist problematisch, denn wissenschaftliche Erkenntnis beschränkt sich – anders als literarische oder künstlerische Arbeiten – nicht nur auf die Sichtweise einer oder ein paar weniger Personen. Vielmehr sind wissenschaftliche Arbeiten darauf ausgelegt, Informationen systematisch zu sammeln. Die so gewonnenen Informationen werden anschließend von der Forschungsgemeinschaft bewertet, und die verschiedenen Expert:innen einigen sich auf eine Interpretation der Informationen. Durch diesen Prozess kann die Wissenschaft zu besseren Ergebnissen kommen als einzelne Personen. Viele Themen rund um Sexualität haben allerdings in der wissenschaftlichen Welt bisher kaum Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Tatsächlich gibt es fast genauso viele Studien zur Frage, wie es sich auf Kinder auswirkt, Hunden vorzulesen, wie zur Frage, wie sich Pornos auf die Beziehungsqualität auswirken. Da wir davon ausgehen können, dass fast alle Männer und viele Frauen jeden Monat Pornos nutzen[3] und nur wenige Kinder fürs Lesenlernen Hilfe von Hunden brauchen, sollte man meinen, dass Untersuchungen zum Pornokonsum weitaus häufiger sein sollten. Dem ist aber nicht so. Auf andere Fragen kann die Wissenschaft aktuell überhaupt keine sinnvollen Antworten geben, zum Beispiel auf die Frage, wie viele Prostituierte es in Deutschland gibt. Das Tabu, das Sex betrifft, macht also auch vor der Wissenschaft nicht halt. Beginnen wir die Analysen der aktuellen Entwicklungen mit einer Begriffserläuterung.
Sex ist eine eigenartige Angelegenheit. Viele sind es nicht gewohnt, über Sex zu reden. Andere reden sehr oft über Sex, sagen dabei aber sehr wenig. Sie nutzen Ausdrücke, wie »die würde ich gerne mal knallen« oder »ich hab's nötig«. Was sie dann genau machen, bleibt ungesagt. Im Prinzip ist man ihnen dafür dankbar, dass sie die Details weglassen, denn so genau wollen wir es meistens gar nicht wissen.
Es wird so wenig über Sex und was damit zusammenhängt geredet, dass viele Männer nicht einmal wissen, ob sie beschnitten sind oder nicht.[4] Keine Angst, das ist eher ein amerikanisches Problem, in Deutschland ist Beschneidung wesentlich seltener. Dennoch ist es eigenartig, dass viele Männer nicht richtig einschätzen können, wie ein Penis aussieht, wenn er (nicht) beschnitten ist. Dazu passt die Tatsache, dass viele Männer Kondome in der falschen Größe nutzen.[5] Eine Studie behauptet sogar, dass mehr als 80 % der Männer sich für die falsche Kondomgröße entscheiden. Was überraschen mag, ist, dass die Betroffenen nicht nur zu große, sondern auch zu kleine Kondome nutzen. Dabei lassen sich viele von dem Mythos blenden, dass Kondome unbequem seien. Tatsächlich sind Kondome in der richtigen Größe angenehm zu tragen, sie sollten weder rutschen noch spannen.[6]
Wenn schon das Wissen über Kondome so beschränkt ist, wie steht es dann erst um das Wissen über Sex? Natürlich wissen wir alle, was Sex ist. Entsprechend muss man sicher gar nicht darüber reden, weil es eh jeder weiß. Sex ist … nun, Sex ist, wenn ein Mann und eine Frau sich wirklich liebhaben. Dann umarmen sie sich in einer ganz besonderen Art und Weise, und wenn einer von beiden den Storch anruft, bringt eine Biene einen Blumenstrauß, und dann kommt bald ein Baby … mmmh, vermutlich läuft es doch ein wenig anders ab. Tatsache ist, dass Sexualität mit einem so starken Tabu belegt ist, dass es schwierig ist, selbst die einfachsten Fragen zu Sexualität zu beantworten. Also, was ist Sex wirklich?
Eine beliebte Antwort ist sicher, dass Sex eine Handlung ist, bei der ein Mann seinen Penis in die Vagina einer Frau einführt, was als penetrativer Sex bezeichnet wird. Das ist ein guter Vorschlag, auf den sich jede Menge Menschen einigen können. Leider funktioniert er für viele Menschen und in vielen Situationen nicht. Eine offensichtliche Grenze für diese Definition sind Männer, die mit Männern Sex haben. Für diese Fälle wird die Sexdefinition gerne erweitert. Dann bedeutet Sex eben, dass ein Mann seinen Penis in eine andere Person steckt. Das ist tatsächlich eine Definition des Sexualaktes, mit der sich viele anfreunden können. Die weit verbreitete Neigung, Sex daran festzumachen, was man mit dem Penis anstellt, wird auch als Phallozentrismus bezeichnet. Das ist ein Wort, das man außerhalb des Feminismus nur selten hört, bei dem man sich aber ungemein gebildet vorkommt, wenn man es nutzt. Probieren Sie es mal. Doch: Phallozentrische Definitionen von Sex blenden lesbische Paare und andere Teile der LGBTQ+-Gemeinschaft offensichtlich aus, sie können aber auch im Falle von Erektionsstörungen problematisch sein. Sie beschränken Sex auf die Funktion des Mannes und blenden die Perspektive der Partnerin aus. Wer ein phallozentrisches Bild von Sex hat, wird im Falle einer Erektionsstörung ausschließlich am Mann »herumschrauben«, anstatt das Problem in seiner Gesamtheit zu verstehen oder – noch besser – zu erkennen, dass vielleicht gar kein Problem besteht.
Es ist sowohl möglich, sexuelle Befriedigung zu erlangen, als auch seiner Partnerin Liebe und Zuneigung entgegenzubringen, obwohl niemand einen Penis in jemand anderen steckt; es gibt Alternativen. Würden sich Betroffene bei schwulen Männern umhören, würden sie viel über nicht-penetrative Formen der Sexualität lernen.[7] Gerade der Versuch, weiterhin »normalen«, penetrativen Sex vollziehen zu können, scheint zum Beispiel Männern während einer Krebsbehandlung zuzusetzen. Die Idee, dass der Penis zentral für ihre Sexualität wäre, stellt Männer, die an einer Erektionsstörung leiden, auf eine extreme Probe, weil sie die Funktion ihres Geschlechtsteils direkt mit dem Erfüllen von sexuellen Normen in Verbindung bringen. Obwohl Erektionsstörungen in vielen Fällen dazu führen können, dass die dazugehörigen Partner weniger Lust erleben, sind einige offenkundig auch zufrieden mit dem Ende der penetrativen Sexualität.
Besonders im Fall von Viagra ist bekannt, dass einige Menschen lieber in Würde altern wollen, als weiter penetrativen Sex zu haben. Es gibt immer wieder Fälle, in denen Menschen Sex ohne Beteiligung eines erigierten Penis als befriedigender und vielfältiger erleben als mit. Einige Partner von Menschen mit Erektionsstörungen halten die Abwesenheit einer Erektion deshalb nicht für ein so großes Problem wie die betroffene Person selbst.
Penetrative Definitionen stoßen auch bei einigen Menschen mit Behinderungen oder Menschen mit anderen körperlichen Einschränkungen an ihre Grenzen. Beispielsweise können Menschen mit Querschnittslähmung ihre sexuelle Aktivität häufig nicht mit penetrativem Sex gleichsetzen. Sie können stattdessen, je nach Art der Behinderung, an der Brust, an der Schulter oder an den Ohren sexuell stimuliert werden, weil sie häufig eine neue erogene Zone direkt über dem Bereich der Lähmung entwickeln. Obwohl die genauen Vorgänge nicht abschließend geklärt sind, ist also klar, dass der Körper die Sexualität nicht kampflos aufgibt. Es ergibt für diese Menschen ebenfalls keinen Sinn, Sex penetrativ zu definieren.
Und wie sieht es bei lesbischen Paaren aus? Wie haben sie Sex miteinander? Autoren des europäischen Mittelalters empfanden es oft als unplausibel, dass Frauen ohne Beteiligung eines männlichen Glieds in der Lage wären, Sex zu haben[8]. Sie beschränkten lesbischen Sex auf Akte, die unter Zuhilfenahme eines Objekts für die Penetration durchgeführt wurden. Was jedoch als Sünde galt. Das Problem an dieser Definition ist, dass lesbische Paare regelmäßig ohne solche Sexspielzeuge Sex haben, wenn auch weder immer noch alle. Laut Peggy Orenstein schlug ihr eine junge, lesbische Frau vor, dass die Jungfräulichkeit zu verlieren bedeuten würde, dass man mit seiner Partnerin einen Orgasmus erlebt hat. Das war also ihre Definition von »richtigem Sex«. Mir gefällt die Idee sehr gut. Ein irritierender Nebeneffekt dieser Definition wäre allerdings, dass man zusammen Kinder zeugen kann, ohne dass die Frau Sex hatte. Das Schöne daran wäre, dass sich all die Männer, die gerne mit einem ins Bett steigen wollen, sehr viel mehr anstrengen müssten, um einem einen Orgasmus zu verschaffen, ansonsten hätten sie schließlich nicht wirklich Sex mit einem gehabt. Ich mag diese Definition, gleichzeitig fürchte ich, dass sie keine guten Chancen hat, sich durchzusetzen, solange das Kinderzeugen einen der zentralen Gründe für Sexualität darstellt.
Ein schöner Nebeneffekt an der Gleichsetzung von Orgasmus und Sex wäre hingegen, dass jede Menge ungewöhnliche Wege, Orgasmen zu erleben, kaum mehr Probleme für die Definition bereiten würden. Zu diesen Fällen gehören Menschen, die durch die Stimulation der Knie zum Orgasmus kommen können, und Menschen, die offenbar durch oder im Anschluss an Stuhlgang zum Orgasmus gelangen. Aber es gibt auch wesentlich seltenere Fälle: Die Literatur berichtet zum Beispiel von einer Frau, die zuverlässig beim Zähneputzen einen Orgasmus erlebte. Sie gab das Zähneputzen auf, weil sie befürchtete, von Dämonen besessen zu sein. Der Fall wurde nur bekannt, weil die durch zuverlässige Orgasmen geplagte Frau sich an einen Arzt wandte. Dabei scheint sie nicht der einzige Fall eines seltsamen Orgasmus zu sein. Eine andere Frau berichtete von Orgasmen, wenn man ihre Augenbrauen streichelte.
Im Gegensatz zu diesem inklusiven Ansatz sind in einigen Teilen der USA sehr beschränkte Sexdefinitionen verbreitet, die Augenbrauenstreicheln oder Zähneputzen eindeutig ausschließen würden. Sex ist nicht nur unbedingt penetrativ, er »gilt« auch nur als vollzogen, wenn die Vagina penetriert wird. Die Definition kommt jungen Menschen entgegen, die bis zur Ehe enthaltsam sein, also keinen Sex, haben wollen. Mit der von ihnen gewählten Definition können sie sowohl Oral- als auch Analverkehr praktizieren und bleiben trotzdem jungfräulich. Die Vorstellung, dass man trotz Oralverkehr enthaltsam bleiben könnte, irritiert mich. Als ich jung war, galt Oralverkehr als eine Spielart für Erfahrene oder Professionelle. Stattdessen hat sich Oralsex zu einer Sexvorstufe entwickelt, die man nicht so ernst nehmen muss. Junge Frauen beschreiben Oralverkehr als weniger intim als »echten Sex«. Wenn junge Frauen keine Lust auf Sex haben, führen sie stattdessen einen Blowjob aus.[9]
Außerdem: Solange Sex als penetrativ definiert wird, stellen einige Praktiken wie Voyeurismus oder BDSM keinen Sex dar. Tatsächlich erinnere ich mich an einen Museumsführer, der darauf bestand, dass Salvador Dalí asexuell gewesen sei, weil er vor allem Voyeurismus betrieb. Wenn man dieser Argumentation folgen würde, müsste man annehmen, dass es kein Problem sei, wenn jemand in eine Umkleidekabine starrt und sich dabei einen runterholt – es sollte, der Logik folgenden, schließlich nicht sexuell sein. Ich glaube, bei diesem Gedankenspiel muss einem klar werden, dass auch Voyeurismus eindeutig sexuell ist. Entsprechend gehört auch Voyeurismus nur in die private Sphäre und nicht in die Öffentlichkeit. Neben den Sexdefinitionen, die scheinbar alles ausschließen, gibt es aber auch sehr offene Definitionen. In einer amerikanischen Untersuchung waren einige Studierende der Meinung, dass sie Sex hatten, wenn der Sexpartner ihre Brust bzw. Brustwarzen berührte oder sogar schon nach einem Zungenkuss. Das war aber nur eine sehr kleine Gruppe.[10]
Tatsächlich gibt es also keine Einigkeit darüber, was Sex ist. Je nach Definition werden bestimmte Praktiken oder Gruppen, die diese Praktiken nutzen, ausgeschlossen. Definitionen können so gewählt werden, dass sie den eigenen Wünschen entgegenkommen, wie bei den jungen Amerikanern, die offenkundig Sex wollen, aber nicht die Konsequenzen tragen möchten. Andere Definitionen können sich negativ auf die Betroffenen auswirken, wie bei Männern, die glauben, von Erektionsstörungen in ihrer ganzen Sexualität behindert zu werden.
Kulturen unterscheiden sich überraschend stark in ihren sexuellen Handlungen, nicht einmal Küssen gehört weltweit zum Sex dazu. Eine wissenschaftliche Studie kam zu dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte (46 %) der 168 untersuchten Kulturen romantische Küsse beim Sex praktizieren.[11] Auf der anderen Seite kennen wir viele Praktiken nicht, die anderswo gang und gäbe sind. Eine gewisse ostafrikanische Sexpraktik namens Kunyaza ist im Westen weitgehend unbekannt. Sie erlangte vor einigen Jahren mediale Präsenz, weil sie dem Vernehmen nach Frauen häufig zum Höhepunkt bringt. Beim Kunyaza stimuliert der Mann mit dem Penis die Schamlippen, den Scheidenvorhof und die Klitoris.
Auch aufgrund von regional stark unterschiedlichen sexuellen Praktiken greifen viele Definitionen nicht. Interessant ist, dass trotz des starken biologischen Einflusses auf Sexualität selbst diese durch kulturelle Einflüsse verändert wird. Die Kultur bestimmt also mit, was wir im Bett (oder wo auch immer) tun. Diese Einflüsse entstehen auf vielen Ebenen und in allen Altersgruppen, sie wirken, wenn Lehrer:innen Schulkinder unterrichten, wenn Freundinnen sich über den letzten One-Night-Stand unterhalten, wenn Männer sich über die attraktive Blondine unterhalten oder wenn wir Pornos schauen.
Es gibt sogenannte »Skripte«, also Anleitungen, die beschreiben, wie Sex normalerweise auszusehen hat. Die westlichen Skripte enthalten zum Beispiel die Information, dass man sich am Anfang intensiv küsst und dass der Orgasmus des Mannes den Sex beendet. Wie man sieht, ist das Skript, »Küssen gehört zum Sex«, nicht biologisch begründet ist – es unterscheidet sich schließlich zwischen den einzelnen Kulturen. Das Skript, das besagt, dass nach dem Orgasmus des Mannes der Sex vorbei ist, hat sicher teilweise biologische Gründe, denn Männer sind nach dem Sex häufig müde. Dennoch wird es als kulturelle Erwartung auch auf Männer angewandt, auf die diese Tatsache nicht zutrifft. Wir sehen: Es ist nicht einfach, Biologie und Kultur zu entzerren.
Vielleicht ist es aber auch problematisch zu versuchen, die eine gültige Definition für Sex zu entwickeln. Sex kann und sollte von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Situationen auf vielfältige Weise umgesetzt werden dürfen. Tatsache ist, dass sich Sexualität auch im Laufe des Lebens, abhängig von Alter oder von aktuellen Lebensereignissen, wie Stress, Elternschaft oder dem Wechsel des Partners, verändert. Es kommt z. B. häufig vor, dass Frauen nach der Menopause weniger Interesse an penetrativem Sex haben. Die Abnahme der Feuchtigkeit der Scheide, die oft im Alter auftritt, behindert penetrativen Sex, andere Formen von Sex sind aber kaum betroffen. Könnte also eine offenere Definition von Sex Abhilfe schaffen?
Die Frage, was Sex eigentlich ist, ist außerdem direkt relevant für die Frage, mit wie vielen Menschen man Sex hatte. Solange man Sex rein penetrativ definiert, wird man mit weniger Menschen Sex haben, als wenn man eine offenere Definition nutzt und zum Beispiel gegenseitige Stimulation auch als Sex versteht. Meiner Meinung nach macht es keinen Sinn, eine »richtige« Menge an Sex oder Sexpartnern festzulegen, das hält aber viele nicht davon ab, anderen erklären zu wollen, dass sie mit mehr oder weniger Menschen Sex haben sollten. Einerseits gibt es viele religiöse Vereinigungen, die Sex nur nach der Ehe und danach nur zur Zeugung von Kindern pflegen möchten. Andererseits gibt es medizinische Herangehensweisen, die versuchen, das »ordnungsgemäße« Maß an Sex und Freude daran durch Medikamente erzeugen zu wollen[12]. Viele wünschen sich eine Ideal-Definition von Sex, an der sie sich orientieren und an die sie sich annähern können, um sicherzustellen, dass sie »normal« sind.
Was die Anzahl an Sexpartnern betrifft, zeigt sich, dass die meisten Menschen im letzten Jahr mit genau einer Person Sex hatten, was doch eine beruhigend machbare Zahl ist. Andere berichten, dass sie mit mehr als 300 Personen Sex hatten. Dieses Ergebnis stammt aus unserer österreichischen Befragung. Die Betroffenen können also einfach gelogen haben, wir können das nicht ausschließen. Sollte es aber wahr sein, benötigt es eine sehr umfassende Beschäftigung mit Sex und wahrscheinlich auch eine recht gründliche Planung, um auf so hohe Zahlen zu kommen. Solche Unterschiede in den Erhebungen zeigen sich immer wieder und lassen vermuten, dass es kaum Sinn ergibt, eine Art »Standardanzahl« von Sexpartnern zu definieren.
Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass es eine solche Standardsexualität gäbe oder jemals gegeben hätte. Hinter der Idee, dass es eine »richtige« Art oder Anzahl von Sex gibt, steht oft die Idee, dass Sex stark biologisch bestimmt sei. Wenn das so wäre, könnte man annehmen, dass es wie bei der Schlafdauer, Kalorienmenge oder Bewegungshäufigkeit eine optimale Menge an Sex gäbe. Eine solche Biologisierung von Sex trägt aber zum Leiden von Menschen bei, z. B. bei Personen, die nicht die »richtige« Leistung erbringen, sei es, weil sie permanent eine geringe Libido haben, sich nicht sexuell zu Menschen hingezogen fühlen, die keinen penetrativen Sex vollziehen können, oder weil sie aufgrund natürlicher Alterungsprozesse die Lust verlieren.
Dabei ist es in gewisser Weise schon eine historische Errungenschaft, dass ich davor warnen kann, dass Menschen nicht unnötig zu mehr Sex aufgestachelt werden sollten. Jahrhundertelang wurde Sex so stark beschränkt, dass niemand auf so eine Idee gekommen wäre. Wie entwickelte sich unsere Einstellung zu Sexualität im Laufe der Menschheitsgeschichte?
Die meisten würden zustimmen, dass wir in einer der freizügigsten Zeiten der Menschheit leben. Obwohl Sex keine neue Sache ist, waren viele Dinge, die heute erlaubt sind, über Jahrhunderte verboten. Sex sollte bis vor Kurzem nicht außerhalb der Ehe stattfinden – ein Wunsch, der sicher auch früher ignoriert wurde. Dennoch nahm man die Sache so ernst, dass man versuchte, gesetzlich gegen sexuelle Handlungen außerhalb der Ehe vorzugehen. Sowohl Vermieter:innen von Wohnungen als auch Hoteliers konnten sich in Deutschland bis in die 1970er-Jahre strafbar machen, wenn sie unverheirateten Paaren ein Zimmer vermieteten. Dies konnte den Tatbestand der Kuppelei erfüllen. Mittlerweile hat die Mehrheit der Deutschen Sex vor der Ehe. Es ist nicht einmal selten, dass Menschen jahrelang eine Liebesbeziehung führen, miteinander Sex und dennoch kein Interesse an einer Ehe haben.
Die gesellschaftliche Meinung hat sich aber nicht nur gegenüber heterosexuellem Sex verändert. Sexualität im Rahmen von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften wurde ebenfalls entkriminalisiert und wird zunehmend gesellschaftlich anerkannt. Diese Öffnung kam nicht etwa aus dem Nichts, sondern ist das Resultat wichtiger gesellschaftlicher Bewegungen, besonders der Pride- und Antidiskriminierungs-Bewegung, der 68-er-Bewegung und des Feminismus. Sie haben es im Westen in den letzten Jahrzehnten geschafft, einen tiefgreifenden Wandel gesellschaftlicher Konventionen und Erwartungen über Sexualität, Geschlecht und Geschlechtsidentität zu erreichen. Diese Erfolge sind besonders beachtenswert, wenn man sich klarmacht, wie schlecht die Lage in anderen Teilen der Welt immer noch ist. In einer Reihe von Ländern wird Homosexualität immer noch als Form eines »abweichenden Sexualverhaltens« angesehen, und in einer ganzen Reihe von Staaten steht Homosexualität unter Strafe und ist z. T. sogar mit der Todesstrafe belegt.
Doch selbst nachdem homosexuelle Aktivitäten im Westen nicht mehr unter Strafe gestellt wurden, waren sie noch lange nicht gesellschaftlich anerkannt. Homosexualität wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts als eine Krankheit angesehen. In den 1970ern begannen Bewegungen, Homosexualität zu »entpathologisieren«, also wie eine normale Variation gesunden Verhaltens zu behandeln statt wie eine Krankheit. Erst im Jahr 1987 wurde Homosexualität aus dem Diagnostischen Manual der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft gestrichen. Hinter der Idee, dass Homosexualität eine Krankheit sei, stand auch die Annahme, dass nur ein gewöhnliches Verhalten gesund sein könne. Das Buch, auf das sich Ärzt:innen beziehen, wenn sie Diagnosen stellen, die Internationale Klassifikation der Krankheiten, kurz ICD, führte noch in seiner 9. Ausgabe die Diagnose Homosexualität. Sie wurde im Unterkapitel für »sexuelle Verhaltensabweichungen und -störungen« definiert. Dieses Unterkapitel umfasste neben Homosexualität auch Sodomie, Pädophilie, Transvestitismus, Exhibitionismus, Transsexualität, Störungen der sexuellen Identität, Frigidität und Impotenz. Die 9. Ausgabe des ICD war noch bis Anfang der 2000er-Jahre in Gebrauch, obwohl die Arbeiten an der 10. Ausgabe bereits 1991 abgeschlossen worden waren. Schon zuvor hatte es immer wieder kritische Stimmen gegeben, die forderten, Homosexualität als Diagnose zu entfernen. Die 10. Ausgabe ließ die Diagnose Homosexualität fallen, Transsexualität blieb hingegen erhalten. Erst in der folgenden Version, der 11. Auflage, wurde auch die transsexuelle Identität nicht mehr aufgeführt.
Statt eines Vorworts
Heute schon Sex gehabt?
Was Sex nicht alles leisten soll
Was ist eigentlich Sex?
Auf der Suche nach einer Definition
Kulturelle Unterschiede
Wenn ja, wie viele?
Wie kamen wir dahin, wo wir jetzt sind?
Homosexualität in der Geschichte der Menschheit
Vielfältige Sexualpraktiken
Die Befreiung der Frau und der Gesellschaft
Freuds Einfluss
Was nach Freud kam
Die Erforschung der Sexualität
Das tabuisierte Thema
Mythos Klitoris
Der G-Punkt und andere Missverständnisse
Der weibliche Orgasmus
Von Ehrlichkeit und Klinikbetten
Was ist Ursache und was Wirkung?
Was Erkenntnisse erschwert
Ein Problem: unser Denken in Kategorien
Warum haben wir Sex?
Sex kommt von selbst
Der Platz des Machos in der Evolution
Was sagt die Evolutionspsychologie dazu?
So vielfältig wie der Mensch selbst
Warum die Gründe wichtig sind
Wenn gar nichts laufen muss: Asexualität
Kein neues Phänomen
Ungewollter einvernehmlicher Sex
Der große Unterschied – alles nur Strategie?
Die männliche Sexualität ist einfach
Woran erkennt man Erregung?
Die Gender-Orgasmus-Lücke
Orgasmus verzweifelt gesucht
Warum wir Orgasmen vortäuschen
Was Frauen nicht guttut
Sex und Intimität
Der Mensch und sein Rudel
Wie Angst und Vermeidung Beziehungen behindern
Allzu gleich ist nicht zwingend gut
Kann es beides geben, Liebe und Sex?
Bindungs- und Sexualsystem als Antrieb
Populäre Mythen über Singles
Dem Singledasein die Stirn bieten
Auch als Single glücklich
Sex und digitale Medien
Das Smartphone und das Internet
Was wir brauchen
Vermittelte Kommunikation
Am besten persönlich
Beziehungsstörungen durch das Smartphone
Smartphone und kein Ende
Die Macht der sozialen Medien
Wenn man nur noch das Schlechte sieht
Digitale Spiele
Altbekannte Probleme?
Pornos – eine Gefahr für die Nutzer?
Pornos und Hysterie
In die digitale Welt verlagert
Gibt es Pornosucht?
Fap oder NoFap?
Wenn Pornos gucken, dann zusammen
Death Grip – ein neues Problem
Sexuelle Skripte
Pornos mit sexueller Gewalt
Was ist erlaubt und was nicht?
Realität versus Pornos
Plädoyer für Pornos mit Qualitätssiegel
Medikamente, Ernährung und andere Probleme
COVID – was die Pandemie mit unserem Sexleben gemacht hat
Wie hängen psychische Erkrankungen und die Libido zusammen?
Medikamenteneinnahme und Sex
Wenn Alkohol im Spiel ist
Und jetzt?
Besonders betroffen: Frauen
Was zu tun wäre
Reden über Sex
Mehr wäre schön – für (fast) alle
Anhang
Danksagung
Quellen
Endnoten
