Alles, was ich weiß, ist Gott - Ralf Scherer - E-Book

Alles, was ich weiß, ist Gott E-Book

Ralf Scherer

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Beschreibung

Dieses Buch erläutert Zen in der verständlichen Form von Frage und Antwort und berührt dabei viele Bereiche des Lebens.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Zu diesem Buch

Dieses Buch erläutert Zen in der verständlichen Form von Frage und Antwort und berührt dabei viele Bereiche des Lebens.

Über den Autor

Ralf Scherers Wahrnehmung änderte sich durch die Arbeit mit dem Kôan Mu, dem paradoxen Rätsel des großen Zen-Meisters Jôshû Jushin (778 - 897). Seine Sicht der Dinge war nun nicht mehr verfälscht durch sein Ich. Aus dieser Ichlosigkeit heraus beschreibt er Zen.

Vorwort

Dieses Buch erläutert Zen in Form von Frage und Antwort und berührt dabei viele Bereiche des Lebens.

Sowohl Frage als auch Antwort sind von mir. Warum auch die Fragen? Sicherlich ist die freieste, und damit auch beste Form, doch diejenige, in der Menschen kommen und frei fragen.

Ich stehe zu dieser besten Form, und doch möchte ich, zumindest für dieses Buch, einmal davon abweichen. Ich möchte vieles Erwähnenswerte auch mitteilen, was aber niemals gefragt würde, weil der, der von Zen noch nicht durchdrungen ist, nicht in der Lage ist entsprechende Assoziationen herzustellen.

Wie sollte man das bezeichnen? Ein Selbstgespräch? Ein eigenes Zwiegespräch? Ich würde sagen, es ist irgendetwas zwischen Monolog und Dialog.

Ralf Scherer, 2014

Sie sind heute siebenundvierzig Jahre alt. Wie kamen Sie zu Zen?

Mit etwa siebzehn Jahren las ich sehr viele Bücher über die asiatischen Kampfkünste Karate, Taekwondo, Aikido etc., dabei kam ich zum ersten Mal mit Zen in Berührung. Ich las beispielsweise auch das „Tao des Jeet Kune Do“ des großen Kampfkünstlers Bruce Lee, in dem er davon spricht keinen Weg als Weg zu verwenden, wie auch davon, dass letzten Endes der Name des von ihm begründeten „Jeet Kune Do“ ausgelöscht sei, also eine Rückkehr zum Ursprung stattfände und der Kreis sich schließe. Ich konnte diese Aussagen zu dieser Zeit nicht in ihrer Tiefe verstehen, es war eher ein intellektuelles Verstehen, kein Verstehen im Dasein. Die wirkliche Berührung mit Zen kam erst viele Jahre später, als ich auf das Kôan Mu stieß, das paradoxe Rätsel des großen Zen-Meisters Jôshû Jushin (778 - 897), da war ich achtunddreißig Jahre alt.

Diese wirkliche Berührung mit Zen, wie kam sie zustande?

Als ich neunundzwanzig Jahre alt war, scheiterte die Beziehung mit meiner Freundin. Es war nicht so, dass sie und ich lange zusammen gewesen wären, gerade mal ein dreiviertel Jahr, und dennoch: Dass die Beziehung scheiterte, schockte mich, denn eigentlich war sie, was ich immer wollte, und eigentlich wollte ich mit ihr zusammenbleiben, aber ich konnte nicht, meine Gefühle für sie waren plötzlich einfach weg, und erstmals erfuhr ich, was es heißt als Mensch unfähig zu sein, diese enorme Diskrepanz zwischen Wollen und Können.

Verzweifelt...

... versuchte ich meine Gefühle zu ihr wieder herzustellen. Einmal, als ich mit dem Zug fuhr und sah, dass ein Fahrgast zufällig ein Buch über Paarberatung las, bat ich ihn, es mir für die Zeit der Zugfahrt auszuleihen und las das ganze Buch innerhalb von zwei Stunden, nach jedem Strohhalm greifend, jeden Hinweis suchend, die Beziehung doch noch zu retten. Alles vergeblich. Ich musste erst mir und dann auch ihr eingestehen, dass ich sie nicht mehr liebe, ein schreckliches Eingeständnis. Es war mir ein völliges Rätsel, wie mir die Liebe zu ihr abhanden gekommen war. Es gab nichts, was man einen objektiven Grund nennen konnte, dass beispielsweise sie oder ich fremdgegangen und es zu einem Vertrauensverlust gekommen wäre und vielleicht deshalb meine Gefühle erkaltet wären.

Wenn...

... meine Freundin dann fragte, warum ich sie nicht mehr liebe und was sie denn falsch gemacht habe, konnte ich ihr keine Antwort geben, denn ich verstand es ja selbst nicht. Das störte mich massiv an mir, denn ich war schon der Meinung, dass der Mensch sein Handeln gegenüber dem anderen Menschen begründen können muss und nicht willkürlich oder beliebig sein darf. Das Handeln, so dachte ich weiter, sollte schon an etwas gebunden sein. Aber an was? Und wenn es an etwas gebunden war, wie konnte es dann dennoch frei sein? Jedenfalls wollte ich eine solche Unfähigkeit meinerseits nicht noch einmal erleben.

Weil mein Trennungsschmerz...

... so groß war und ich auch nicht verstand, wieso es in mir überhaupt einen Trennungsschmerz gab, war ich es doch, der sie nicht mehr liebte und Schluss gemacht hatte, sagte ich mir damals: „Da muss es auf dieser Welt doch weisere Menschen geben als dich, die dir sagen können, was da eigentlich abgelaufen ist.“ So ging ich etwa ein halbes Jahr lang zu einer kirchlichen Einrichtung, die sich „Offene Tür“ nannte und sprach einmal die Woche eine Stunde mit einem älteren Jesuitenpater. Ich war zunächst besorgt darüber, weil es eine kirchliche Einrichtung war, denn mit der Kirche wollte ich nichts zu tun haben. Aber meine Sorgen waren unbegründet, es ging wirklich nur um die Sache, nicht um eine Missionierung oder weltfremdes Geplapper, jeder war bemüht zur Wahrheit vorzudringen und den Grund der Diskrepanz zu finden. So war ich dann doch froh, dass es diese Einrichtung gab, auch weil sie kostenlos und völlig anonym war und man nicht lange auf einen Termin warten musste.

Der Jesuitenpater...

... verwandt zur Psychoanalyse die sogenannte Transaktionsanalyse nach Eric Berne, die der große Psychoanalytiker Erich Fromm (1900 - 1980) nicht sehr schmeichelhaft als eine sehr vereinfachte Darstellung von Freuds Es, Ich und Über-Ich bezeichnete, was mich etwas verunsicherte, denn ich legte sehr viel Wert auf Erich Fromms Meinung, er gehörte zu meinen Lieblingsautoren. Die wöchentlichen Gespräche mit dem Pater taten mir jedenfalls gut und halfen mir allmählich über den Trennungsschmerz hinwegzukommen, doch wirkliche Antworten, warum das mit der Beziehung so abgelaufen war, konnte ich nicht finden und irgendwann war alles gesagt, und wir drehten uns nur noch im Kreis und beendeten das Ganze.

Sie fragten dann nach Ihrem Wertemaßstab?

Da ich in den Gesprächen mit dem Pater doch keine wirkliche Ursache für den plötzlichen Wegfall meiner Gefühle und dem damit verbundenen Scheitern der Beziehung gefunden hatte, hatte ich Angst, dass mir das bei der nächsten Beziehung wieder so passiert oder dass die Angst eine nächste Beziehung überhaupt verhindert. Ich sagte mir: „Noch einmal ein solcher Gefühlsverlust, das kannst du doch niemandem zumuten, auch dir selber nicht.“ Ich fragte mich: „Was ist eigentlich dein Wertemaßstab, was ist deine Werteskala, woran machst du fest, was gut oder böse ist?“ und fand in mir keine überzeugende Klarheit. Ich tat dann, was ich, abgesehen von den Gesprächen mit dem Pater, immer getan hatte, wenn ich etwas sehr genau wissen wollte: Ich kaufte mir Bücher. Dieses Mal zum Thema Mensch, Bücher aus den Bereichen Psychologie, Philosophie, Esoterik, Wirtschaftsmanagement etc., alles, was mir irgendwie das Menschsein erklären könnte.

Eines der Bücher...

... hieß „Power: Die 48 Gesetze der Macht“ von Robert Greene und benannte 48 Gesetze, um in dieser „bösen egoistischen“ Welt bestehen zu können und nicht unterzugehen. Ein Gesetz lautete beispielsweise: „Sage immer weniger als nötig“, ein anderes: „Glänze durch Abwesenheit, um den Respekt zu erhöhen“, dann nannte es historische Persönlichkeiten, etwa Ludwig XIV. oder Napoléon, die diese so angewandt hatten. Zu jedem Gesetz gab es die sogenannte Umkehr, wo das Gesetz nicht galt, sondern man den Anderen zuquatschen oder omnipräsent sein musste, um seine Haut zu retten. Das Buch benannte also einen Bereich, in dem das Gesetz galt und einen Bereich, in dem es nicht galt.

Es ging in dem Buch um relative Macht?

Ja, um relative Macht, nicht um absolute. Relativ und absolut, zwei Begriffe, die mir erst später durch Zen wesentlich klar werden würden. Zu dieser damaligen Zeit hatte ich Bedenken, dass das Buch mir nicht gut tun könnte, doch dann dachte ich, je besser du das Böse kennst, desto besser kannst du damit umgehen und es auch an dir selbst erkennen, denn vielleicht bist du ja gar nicht so lieb und nett, wie du immer dachtest.

Und vielleicht war auch meine Freundin nicht so lieb und nett, wie ich immer dachte.

Einige Zeit versuchte ich...

... wirklich nach diesen 48 Gesetzen der Macht zu leben, sie als Maßstab meines Handelns zu betrachten. Vor allem in der meist egoistischen Arbeitswelt gelang mir dies recht gut, und ich hatte den Eindruck, dass die Gesetze mir halfen besser zurechtzukommen. Kehrseite war allerdings, dass mir meine lebendige Spontanität genommen war, weil ich in jeder Lebenssituation erst einmal überlegen musste, welches Gesetz denn jetzt zu dieser Situation passt, ich also das Leben einkatalogisierte.

Vielleicht...

... sagt jemand: „Der Ralf Scherer, der spinnt.“ Doch tatsächlich zeigte mein Verhalten eher meine damalige Verlorenheit, meine Verzweiflung und meinen Wunsch nach einem echten Maßstab, wie auch das Versagen von Schule, Gesellschaft und Kirchenreligion diesen zu vermitteln oder wenigstens zu benennen. Und sowieso muss die Frage erlaubt sein, ob andere Menschen denn einen besseren Maßstab besitzen als ich damals mit den 48 Gesetzen oder sich überhaupt jemals Gedanken darüber gemacht haben? Viele sagen zwar, dass Gott ihr Maßstab sei, doch wenn man sich ihr Handeln dann betrachtet, kommen einem Zweifel, ob Gott wirklich dessen Basis sein soll.

Von den 48 Gesetzen zur Frage „Wer bin ich?“...

Mit der Zeit verstrickte ich mich immer mehr in den 48 Gesetzen und entfernte mich von dem, was der Mensch ist. Ich glaube, ich war auf dem besten Wege sonderbar zu werden, seltsam zu werden, das Gegenteil von dem, wie ich sein wollte, nämlich so natürlich wie möglich.

Ich dachte, handle da eigentlich noch ich, oder spiele ich nur noch eine Rolle? Was war noch echt an mir, wenn ich zum Beispiel mit Menschen sprach, die mir zuwider waren, doch das Buch es so vorgab, um nach einem seiner Gesetze in Erfahrung zu bringen, wie der Feind dachte etc.? So spürte ich allmählich, dass ich mich in die falsche Richtung bewegte, weg von mir, statt auf mich zu. Hin zur Zerrissenheit, statt des Einsseins. Hinzu kam, dass ich mich durch die jeweilige Umkehr der Gesetze fragte, wo das Gesetz beginnt und wo es endet und den Punkt des Wechsels oft nicht traf, also das Gesetz falsch anwendete. Aber wenn ich schreibe, weg von mir, wer war denn Mir oder anders ausgedrückt: Wer bin ich? Noch einmal zog ich los, um zu sehen, ob ich nicht ein interessantes Buch zu dieser Frage finden würde und kam zurück mit dem zen-buddhistischen Buch „Die drei Pfeiler des Zen“ von Philip Kapleau.

Durch dieses Buch...

... kam ich wirklich zu Zen und dem Kôan Mu in seiner Praxis. Nach diesem Buch hörten alle meine Buchkäufe schlagartig auf. Ich brauchte keine Bücher mehr. Meine Arbeit mit dem Kôan Mu beendete alle Bücher.

Das Kôan Mu zeigte mir, dass es keine 48 Gesetze gab, sondern nur ein Gesetz, ein einziges und damit absolutes Gesetz, ein gesetzloses Gesetz, ein Nicht-Gesetz. Ein Gesetz, das nicht befolgt werden konnte, weil es schon befolgt wurde. Ein Gesetz, das nicht katalogisiert werden konnte, weil das Leben das Gesetz war. Ein Gesetz, das Anfang und Ende war und so immer den Punkt des Wechsels traf. Ein Gesetz, das nicht umgekehrt (pervertiert) werden konnte, weil es jede Richtung war, sodass der, der sich um dieses Gesetz bemühte, immer in die richtige Richtung ging und damit fehlerlos war.

Dieses eine Gesetz hieß Mu. Mu war Gott.

Mu war der unabhängige Werte-Maßstab, der Leitstern, der Halt, den ich immer gesucht hatte.

Mu war gebunden, doch seine Gebundenheit war die Freiheit.

Sie lasen also das Buch „Die drei Pfeiler des Zen“ von Philip Kapleau, und dann begannen Sie mit dem Kôan Mu zu arbeiten?

Genau. Es war vor allem auch der Dialogteil des Buches, der es mir angetan hatte und den ich immer wieder las. In diesem Dialogteil kommt jeder Schüler im Dokusan (= Begegnung mit dem Rôshi in der Zurückgezogenheit seines Lehrraumes) zu Yasutani Rôshi (1885 - 1973, Rôshi heißt verehrungswürdiger Meister) und spricht mit ihm. Kapleau, der ursprünglich Gerichtsreporter war, u.a. bei den Nürnbergern Prozessen (was ihn schließlich zu Zen brachte, um zu verstehen, wie denn all das Leid des Dritten Reiches möglich war) hörte mit der Erlaubnis des Rôshi zu und schrieb danach den Dialog, solange er ihn noch frisch im Gedächtnis hatte, in Kurzschrift auf. Es ging darum den Dialog nicht etwa durch ein Aufnahmegerät oder das Machen von Notizen zu stören oder zu beeinflussen. So ist der gesamte Dialogteil sehr authentisch.

Yasutani Rôshi weist...

... jedem Schüler, je nach Tiefe seines Wunsches um Zen, eine Übung zu, etwa das Zählen der Atemzüge, das Verfolgen der Atemzüge, Shikantaza (Sitzen ohne Leitstern) oder ein Kôan, im allgemeinen das Kôan Mu. Eine Schülerin beispielsweise wird in solch einem Dialog von Yasutani Rôshi gefragt: „Wollen Sie Erleuchtung finden?“, und als ich das las, dachte ich: „Aha, Erleuchtung, das fragt er sie so einfach. So, als sei das gar kein großes Problem“, und ich dachte weiter: „Wenn Zen Freiheit ist und die Erleuchtung höchster Ausdruck dieser Freiheit, dann will auch ich Erleuchtung finden.“ So wies ich mir selbst das Kôan Mu zu. Ich setzte mich auf den Fußboden, auf eine kleine Decke, in den Schneidersitz, der Lotussitz war wegen der fehlenden Beweglichkeit meiner Beine nicht drin und begann, so wie Yasutani Rôshi oder andere Meister es an diversen Stellen des Buches angegeben hatten, mit dem Kôan Mu zu arbeiten.

Wie lautet das Kôan Mu, und was ist ein Kôan überhaupt?

Laut Philip Kapleau ist ein Kôan eine in verwirrender Ausdrucksweise abgefasste Formulierung, die auf die letzte, die ultimative Wahrheit hinweist.

Kôans lassen sich nicht mit Hilfe logischen Denkens lösen, sondern nur, indem man eine tieferliegende Schicht des Geistes erweckt, die jenseits des diskursiven Intellekts liegt.

Gebildet werden Kôans aus den Fragen der Schüler alter Zeit und den Antworten ihrer Meister, aus Teilen von Predigten und Reden der Meister, aus Zeilen der Sûtras (buddhistische Schrifttexte) oder anderer Lehren.

Das Kôan Mu ist das bekannteste aller Kôans und lautet:

Ein Mönch fragte Jôshû in allem Ernst: „Hat ein Hund Buddha-Wesen oder nicht?“

Jôshû versetzte: „Mu!“

Mu ist japanisch und heißt: „nichts“, „nicht“, „das Nichts“, „kein“ und „un-... .“ „Versetzen“ heißt scharf, unmittelbar antworten.

Wer ist Jôshû?

Jôshû Jushin (778-897) ist ein berühmter Zen-Meister der T'ang-Zeit. Sein Mu ist das bekannteste aller Kôans. Es heißt, dass Jôshû mit achtzehn Jahren Kenshô (Selbst-Wesensschau) erlangte und mit fünfundvierzig vollkommene Erleuchtung (Satori) fand.

Kapleau schreibt weiter:

Von seinem fünfundvierzigsten Lebensjahr an bis zu seinem achtzigsten wanderte er als Pilger in China umher, hielt sich bei hervorragenden Meistern auf und führte mit ihnen „Dharma-Gefechte“. Erst als er achtzig Jahre alt war, eröffnete er ein Kloster und begann zu lehren. Er fuhr bis zum Tode fort, Schüler zu unterweisen, und starb im Alter von hundertzwanzig Jahren. Wie sein Meister, Nansen, war Jôshû von sanftem Gebaren. Er vermied die kraftvolle Rede und heftige Handlungsweise eines Rinzai, doch waren seine Weisheit und sein Scharfsinn im Umgang mit seinen Schülern derart, dass er mit seinem sanften Spott oder hochgezogenen Augenbrauen mehr vermitteln konnte als andere Meister durch Anbrüllen oder Stockhiebe. Das geht aus den zahllosen Kôans hervor, die ihn zum Mittelpunkt haben. Jôshû Zenji wird in Japan hoch verehrt.

Aufgabe...

... war es herauszufinden, was Mu ist, also nicht nur verstandesgemäß zu wissen, dass Mu begrifflich das Nichts oder die Leere ist, sondern Mu jenseits aller Begriffe zu erfahren. Hierzu galt es ohne Unterbrechung auf die Frage „Was ist Mu?“ bzw. die Kurzform „Mu?“ konzentriert zu bleiben und sich mit seinem ganzen Wesen um eine Antwort zu bemühen. Dachte man als Übender also an etwas anderes als an diese eine Frage und unterbrach damit sein Streben Mu zu erkennen, beispielsweise weil man an die Einkaufsliste für das Abendessen dachte oder an das Vorstellungsgespräch nächste Woche, oder was auch immer, so zog man sich, alsbald man bemerkte, dass man die Frage verloren hatte, wieder zur Frage zurück.

Hierzu...

... auch die Worte des großen Zen-Meisters Mumon Ekai (1183 - 1260) aus dem Mumon-kan, der torlosen Schranke (Torlose Tor), Fall 1, Jôshûs Hund:

Konzentriere deine ganze Energie auf dieses Mu und lasse keine Unterbrechung zu. Wenn du in dieses Mu eintrittst, und es erfolgt keine Unterbrechung, so wird dein Erfolg wie eine brennende Kerze sein, die das ganze Universum erleuchtet.

Hat ein Hund Buddha-Wesen?

Das ist die ernsteste aller Fragen.

Sagst du ja oder nein,

so verlierst du dein eigenes Buddha-Wesen.

Ich bemerkte...

... bei diesen ersten Versuchen, dass all dies alles andere als leicht war. Meist war es so, dass bereits zwei Sekunden, nachdem ich mir felsenfest vorgenommen hatte, nur an dieser einen Frage festzuhalten, ich mit meinen Gedanken schon wieder woanders war. Ich war so leicht abzulenken und mein Geist wollte einfach nicht konzentriert bleiben. Ich schimpfte mit mir: „Jetzt reiß dich mal zusammen, die Aufgabenstellung ist doch klar und deutlich, halte nur an Mu fest, das wirst du doch noch hinbekommen.“

Ich dachte dann...

... „Das ist doch voll bekloppt, du suchst nach etwas, von dem du nicht einmal weißt, wonach du suchst.“ Erst später wurde mir klar, dass dies so sein muss.

Denn...

... durch das Suchen vernichtest du das Suchen, d.h. wenn das Suchen durch seine Vernichtung endet, bleibt das, was du gesucht hast, also das, was zu finden war. Oder wie es der große indische Mauna-Guru Ramana Maharshi (1879 - 1950, Maharshi bedeutet Großer Weiser) ausdrückt: „Durch das forschende Fragen „Wer bin ich?“, wird der Gedanke „Wer bin ich?“ alle anderen Gedanken zerstören. Dann wird sich die Erkenntnis des Selbst ergeben.“ Dabei wird auch der Gedanke „Wer bin ich?“ zerstört, d.h. die Frage stellt (erhebt) sich nicht mehr, sie ist vernichtet, und damit beantwortet. Siehe auch Zen-Meister Bassui Tokusho (1327 - 1387): „... wird die Frage völlig zerbersten... .“ Schwieriger ist es zu verstehen, dass die folgende Aussage Ramana Maharshis ebenfalls dasselbe ausdrückt: „Wenn Sie das Ego suchen, finden Sie, dass es nicht existiert. Dies ist die Weise, es zu zerstören.“

Ramana Maharshi spricht aber von „Wer bin ich?“, nicht von „Was ist Mu?“...

Beides ist dieselbe Frage, die Frage nach der Selbsterkenntnis. Beide Fragen führen zu demselben.

Sie blieben also dabei und arbeiteten weiter mit dem Kôan Mu?

Ja, ich hatte großes Vertrauen in Zen und damit auch in das von den Zen-Meistern benannte Kôan Mu, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung hatte, was Zen wirklich ist. Wenn ich aber die Biographien einiger Zen-Meister las, wie radikal sie auf der Suche nach der Wahrheit waren, etwa Bassui Tokusho, der auf einen Baum stieg und sich auf einen Ast setzte, um beim Üben wach zu bleiben und dies durch Nacht, Regen und Kälte, bis er schließlich die tiefste Erleuchtung fand und stundenlang vor Freude weinte, dann schienen mir diese Menschen sehr echt zu sein und wirklich zu wissen, wovon sie sprachen und nicht nur einen 14-tägigen Abendkurs in Psychologie oder Philosophie an der Volkshochschule belegt zu haben. Das hier hatte echte Tiefe.

Aus Kapleaus Buch:

Eines Tages fragte Zen-Meister Koho, der die Reife von Bassuis Geist spürte: „Sag mir, was ist Jôshûs Mu?“Bassui antwortete mit einem Vers:

„Berge und Flüsse,

Gräser und Bäume

Offenbaren gleichermaßen Mu.“

Koho erwiderte: „Deine Antwort zeigt Spuren von Selbstbewusstsein.“

Urplötzlich, so berichtet der Biograph, hatte Bassui das Gefühl, als hätte er „seines Lebens Wurzel verloren, einem Fass gleich, dem der Boden ausgeschlagen war“. In Strömen floss ihm der Schweiß aus jeder Pore seines Körpers, und als er Kohos Raum verließ, war er in solcher Betäubung, dass er bei dem Versuch, das äußere Tempeltor zu finden, mehrmals mit dem Kopf an die Mauern stieß. Als er in seiner Hütte angekommen war, weinte er stundenlang aus tiefstem Innern. Die Tränen strömten ihm nur so und „rannen wie Regen an seinem Gesicht herab“. Es wird uns berichtet, dass Bassuis vorherige Begriffe und Glaubensanschauungen durch den Feuerbrand seines überwältigenden Erlebnisses völlig vernichtet wurden.

Vertrauen hatte ich...

... aber auch, weil das Kôan Mu über die Jahrhunderte hinweg immer mit Bestandteil des um Zen bemühten Menschen war und sich wohl dauerhaft bewährt hatte. So schreibt Kapleau:

Seit Jôshû (778-897), einer der großen chinesischen Zen-Meister der T'ang-Zeit, auf die Frage eines Mönchs, ob ein Hund Buddha-Wesen habe, versetzte: „Mu!“, widerhallen all die Jahrhunderte hindurch die Räume der Zen-Klöster und -Tempel vom Echo dieses Vorfalls. Auch heutzutage wird kein anderes Kôan Anfängern so oft aufgegeben. Japanische Zen-Meister sind sich allgemein darüber einig, dass dieses Kôan unübertroffen ist, um den Geist der Unwissenheit aufzubrechen und das Auge der Wahrheit zu öffnen.

Nicht...

... zu vergessen, der große Zen-Meister Mumon Ekai (1183 - 1260), der das Kôan Mu in seiner Kôan-Sammlung, dem Mumon-kan (Torlose Schranke), an die erste Stelle setzte. Und last but not least der von mir sehr geschätzte Erich Fromm, der in den fünfziger Jahren Zen durch Daisetz T. Suzuki einem westlichen Publikum näher brachte. Das war für mein weiteres Üben wirklich Referenz genug und die Versicherung, dass ich mit dem Kôan Mu in guten Händen sein würde und ich das Üben ernst nehmen sollte.

Wie oft und wie lange übten Sie dann mit dem Kôan Mu?

Ich stellte mir anfangs eine Küchenuhr auf 30 Minuten, in denen ich täglich mit dem Kôan Mu arbeiten wollte, doch bald bemerkte ich, dass ich von den 30 Minuten 20 Minuten viel zu geistesabwesend war und nicht auf die Frage nach Mu konzentriert blieb. So sagte ich mir: Komm, mach täglich 10 Minuten, die dann aber richtig, lieber kurz und intensiv, als lang und zerfahren, lieber Qualität statt Quantität.

Ich möchte...

... an dieser Stelle aber auch anmerken, dass der Mensch letzten Endes immer übt, 24 Stunden am Tag, also das Leben zu seiner Übung wird, d.h. die Übung verschwindet, und der Mensch lebt. Er wacht mit Mu auf und schläft mit Mu ein. So sagt etwa Zen-Meister Fo-yan (1067 - 1120):

Wenn du Farben siehst und Laute hörst, ist dies eine gute Zeit zur Verwirklichung. Wenn du isst und trinkst, ist auch dies eine gute Zeit zur Verwirklichung. All dies sind wunderbare Gelegenheiten zur Verwirklichung bei allen Verrichtungen des alltäglichen Lebens.

Ich übte also täglich 10 Minuten intensiv und versuchte die restliche Tageszeit sehr aufmerksam zu sein und in den Alltagssituationen, etwa beim Einkaufen, meine Gedanken so zu behandeln, als würde ich die 10 Minuten intensiv am Kôan Mu arbeiten, mich also auch in diesen Situationen ernsthaft zu fragen: „Was ist Mu?“

Was waren die Auswirkungen Ihres Übens?

Ich bemerkte sofort, dass ich nun mit dem Kôan Mu arbeitete. Ich weiß noch sehr gut, als ich einige Wochen danach mit dem Fahrrad fuhr und mir Erkenntnisse kamen. „Woher weißt du das denn jetzt?“, dachte ich verwundert. Es kamen Erkenntnisse von überall, aus allen Bereichen des Lebens. Es war ein Feuerwerk an Kreativität. Und dies war mir so völlig neu, denn diese Erkenntnisse waren nicht eine Vermittlung von Wissen wie etwa in der Schule, sondern kamen wie aus dem Nichts, sie kamen aus sich heraus, ohne Grund, es gab keinen Lehrer und keinen Lehrenden, das Wissen war plötzlich einfach da. Mir wurde da klar, dass das Kôan Mu ein Instrument zum Erlangen von Weisheit ist.

Um ein Beispiel zu nennen: Plötzlich spukten mir ständig die Begriffe „relativ“ und „absolut“ im Kopf herum, ich hatte diese beiden Begriffe all mein Leben zuvor so gut wie nie verwendet oder ausgesprochen.

Bemerkten Sie auch körperliche Auswirkungen Ihres Übens?

Ja, das war ziemlich seltsam. In den ersten Wochen des Übens, und auch noch später, sah ich sehr kurze, grelle Lichtblitze, die ich mir nicht erklären konnte.

Der große indische Weise Sri Nisargadatta Maharaj (1897 - 1981) erklärt sie so:

Frage: Kommt der Lichtblitz vom Sein - Ich bin?

Maharaj: In dem Moment, wenn das Sein - Ich bin explodiert oder in Erscheinung tritt, wird das gesamte Universum in Licht getaucht. Der gesamte Himmel ist der Ausdruck deines Seins. Obwohl die gesamte Welt ein Ausdruck deines Seins ist, glaubst du, dass du lediglich der Körper bist. Deine Liebe für den Körper begrenzt deinen Horizont. Doch in dem Moment, wenn diese Mauern einstürzen, bist du eins mit Brahman und dem gesamten Universum.

Auch...

... schlossen sich meine Augen manchmal ganz fest zu und verkrampften. So fest, dass ich, als es zum ersten Mal geschah, regelrecht erschrak und mich fragte, ob ich sie überhaupt jemals nochmal aufbekomme. Doch dann öffneten sie sich wieder von ganz alleine. Es schien mir als seien meine Augen nach solchen „Anfällen“ lebendiger, klarer, gereinigter. Ähnlich war zu dieser Anfangszeit auch eine Art Krampf im Bauchraum, nicht muskulär bedingt, sondern es war, als würde auch in der Bauchhöhle eine Art Reinigung stattfinden, eine Art Platzschaffen, ein Freiwerden. Ich hatte so etwas zuvor noch nie erlebt, das war eindeutig auf meine Arbeit mit dem Kôan Mu zurückzuführen. Diese Krämpfe waren nicht unangenehm, wie etwa die einer muskulären Überlastung, im Gegenteil, sie waren eher so, als würde man eine Spannung los, vielleicht am ehesten vergleichbar mit einem Menschen, der einen Orgasmus erlebt und danach sehr entspannt ist.

Ich fand...

... einen entsprechenden Bericht über Krämpfe auch bei Kapleau, hier ist die Stelle:

aus: Acht Erleuchtungserlebnisse zeitgenössischer Japaner und Menschen des Westens, Die Erlebnisse: 1. Herr P. K., Amerikaner, ehemaliger Geschäftsmann, Alter 46

…Der godô (Mönchs-Älteste, Mahner) kommt zurück und schlägt mich wieder und brüllt dabei: „Entschlagen Sie sich aller Gedanken; werden Sie wieder wie ein kleines Kind. Einfach Mu, Mu! direkt von den Eingeweiden her!“ - - - Krach, krach, krach! Urplötzlich verliere ich die Gewalt über meinen Körper und, noch bei Bewusstsein, sinke ich in mich zusammen. Der Rôshi und der godô heben mich auf, tragen mich auf mein Zimmer und legen mich hin. Ich keuche und zittere noch immer. Der Rôshi blickt mir besorgt ins Gesicht: „In Ordnung? Wünschen Sie einen Arzt?“ ... „Nein, ich glaube, es geht schon.“ ... „Ist Ihnen das früher schon mal passiert?“ ... „Nein, nie.“ ... „Ich gratuliere Ihnen!“ ... „Warum, habe ich Satori erlangt?“ ... „Nein, aber ich gratuliere Ihnen gleichwohl.“ Der Rôshi bringt mir einen Krug Tee; ich trinke fünf Tassen. Kaum hat er mich verlassen, spüre ich, wie mit einem Mal meine Arme und Beine und mein Rücken von einer unsichtbaren Kraft gepackt und in einen riesigen Schraubstock eingespannt werden, der mich allmählich zerdrückt ... Elektrischen Schlägen gleich durchzucken mich Schmerzkrämpfe, und ich winde mich vor Qual. Es kommt mir vor, als sei ich erschaffen worden, um für meine und der ganzen Menschheit Sünden zu büßen. Bin ich am Sterben oder werde ich erleuchtet? ... Schweiß rinnt mir aus jeder Pore, und ich muss zweimal mein Unterzeug wechseln. Schließlich falle ich in tiefen Schlaf. Als ich erwachte, fand ich eine Schale Reis, Suppe und Bohnen neben meiner Schlafmatte. Aß heißhungrig, zog mich an, ging ins Zendô. Nie im Leben habe ich mich so leicht, aufgeschlossen und durchscheinend gefühlt, so durch und durch gereinigt und ausgespült. Beim Kinhin (Zazen-Gangart) ging ich nicht, sondern hüpfte wie ein Korken auf dem Wasser. Konnte nicht widerstehen, hinauszublicken auf die Bäume und Blumen, lebensvoll, blendend, bebend vor Leben! ... Das Sausen des Windes in den Bäumen ist lieblichste Musik! Wie köstlich der Rauch des Räucherwerks duftet! Später beim Dokusan sagte Harada Rôshi (1871 -1961): „Sie bekamen Krämpfe, weil Sie anfangen, Ihre Verblendung abzuschütteln; das ist ein gutes Zeichen. Aber halten Sie nicht inne, um sich zu beglückwünschen. Konzentrieren Sie sich noch energischer auf Mu.“

Ebenfalls...

... körperlich deutlich wahrnehmbar war die Wärme in dem Bereich zwischen meinen Augen und in dem Sonnengeflecht (Solar Plexus). Wenn ich tief in die Frage versunken war, hatte ich den Eindruck, als würden beide Bereiche übereinanderliegen, sich ineinander verschieben, miteinander verschmelzen, so als seien sie ein und dasselbe.

Hierzu aus: Erleuchtungserlebnis, Frau D. K., kanadische Hausfrau, Alter 35

Man hatte mir wiederholt gesagt, ich solle meine Aufmerksamkeit in meine Bauchhöhle, genauer gesagt, auf die Stelle handbreit unter dem Nabel richten. Je mehr ich das versuchte, desto weniger verstand ich, was es mit dieser Bauchhöhle für eine Bewandtnis habe, was diese Stelle so bedeutsam macht. Der Rôshi hatte sie Zentrum oder Brennpunkt genannt, aber das hatte für mich nur philosophische Bedeutung. Nun sollte ich also mein Bewusstsein in diesen „philosophischen Punkt“ verlagern und dabei andauernd Mu wiederholen.... Er (Rôshi) unterwies mich dann, Mu an der Stelle des Sonnengeflechts zu suchen... Ein heißer Fleck erschien zwischen meinen Augenbrauen und vibrierte heftig.

Und dann haben Sie Mu erkannt?

Ja, bereits etwa sechs Wochen nachdem ich begonnen hatte mit dem Kôan Mu zu arbeiten. Ich hatte wieder meine 10 Minuten absolviert, und als die Küchenuhr klingelte, erhob ich mich wie immer von meiner kleinen Decke, und mein Blick fiel zufällig auf meine in der Ecke stehende Stereoanlage, und ich bemerkte, dass ich die Stereoanlage bin. Da wusste ich, dass ich Mu, wenn auch nur für einen kurzen Moment, erkannt hatte. Es war eine Wahrnehmung, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte, unbeschreiblich, und ich war ziemlich aufgeregt.

Mir...

... fiel dann der Dialog zwischen Yasutani Rôshi und einem Schüler ein, und ich nahm mir sofort Kapleaus Buch, suchte die Stelle und las sie nach, hier ist sie:

Schüler (aufgeregt): Ich weiß, was Mu ist! In einer Situation ist dies Mu (er hebt den Meisterstab des Rôshi auf). In einer anderen würde dies Mu sein (er nimmt etwas anderes auf). Etwas anderes weiß ich nicht.

Rôshi: Das ist nicht so schlecht. Wenn Sie wirklich wüssten, was Sie mit „Ich weiß nicht“ meinen, dann wäre Ihre Antwort sogar noch besser ...

Schüler:… Ich weiß nur, dass ich manchmal spüre, ich bin dieser Stock, und manchmal, dass ich etwas anderes bin - ich weiß nicht, was.

Rôshi: Sie haben es beinahe erreicht. Lassen Sie jetzt nicht nach - tun Sie Ihr Äußerstes.

Ich war sehr froh darüber, dass ich diese Wahrnehmung, dieses Einssein mit der Stereoanlage, erfahren hatte, denn sie zeigte mir, dass ich korrekt mit dem Kôan Mu arbeitete, dass das Kôan Mu „funktionierte“ und ich auf dem richtigen Weg war, dem Weg der Mitte.

Waren Sie damit dann fertig und das Kôan Mu gelöst?

Ich würde es so ausdrücken: Es war das erste kurze Erkennen der Täuschung, der erste Durchbruch der Illusionen, der Phänomene, das erste Erheben des Schleiers, das erste Erblicken der Spuren des Ochsen.

(Siehe Zen-Meister Kakuan Shien (12. Jahrhundert): Die zehn Ochsenbilder, sie geben die verschiedenen Ebenen der Erleuchtung wieder. Wahrscheinlich wurde der Ochse auf Grund seiner im alten Indien geheiligten Natur dazu ausersehen, das Urwesen oder den Buddha-Geist des Menschen zu symbolisieren.)

Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben wahrgenommen, dass das, was ich dachte, was ist, nicht das ist, was wirklich ist, dass die Dinge nicht das sind, was sie zu sein scheinen. Ich hatte zum ersten Mal die Wirklichkeit (Wahrheit) wahrgenommen. Ich hatte zum ersten Mal wahrgenommen, dass ich mit den Dingen eins bin, dass es kein Subjekt und kein Objekt gibt, kein ich hier, dort die Stereoanlage. Ich hatte zum ersten Mal wahrgenommen, dass die Gegensätze für einen kurzen Moment aufgehoben waren. Ich hatte zum ersten Mal die Transzendenz wahrgenommen, meine Verschmelzung mit der Stereoanlage. Für einen kurzen Moment war die Stereoanlage mein Ich. Ich hatte zum ersten Mal erkannt, dass da nichts ist, auch keine Stereoanlage, und auch ich nicht bin. Es nichts zu erkennen und keinen Erkennenden gibt, und die Welt nicht besteht.

Aus: Erleuchtungserlebnisse zeitgenössischer Japaner und Menschen des Westens, Herr P. K., Amerikaner, ehemaliger Geschäftsmann, Alter 46

Urplötzlich verschwanden der Rôshi, der Raum, jedes einzelne Ding in einem blendenden Strom von Licht, und ich hatte das Gefühl, in unaussprechlich köstlichem Entzücken gebadet zu werden... Für eine flüchtige Ewigkeit war ich allein - ich allein war... Dann schwamm der Rôshi in meinen Blick. Unsere Augen trafen sich, und wir brachen in Lachen aus... „Ich habe es! Ich weiß es! Da ist nichts, absolut nichts. Ich bin alles, und alles ist nichts!“ rief ich aus, mehr zu mir selbst als zum Rôshi sprechend, stand auf und ging hinaus... Kehrte zur Haupthalle zurück ... Als ich auf meinen Platz schlüpfte, kam Großmutter Yamaguchi, unser zweiter godô, auf den Fußspitzen zu mir herüber und flüsterte mit leuchtenden Augen: „Wunderbar, nicht wahr? Ich freue mich so für Sie!...“ Ich nahm Zazen wieder auf, lachte, schluchzte und murmelte vor mich hin: „Es stand die ganze Zeit vor mir, aber ich brauchte fünf Jahre, um es zu sehen.“

Sicherlich war dieser kurze Moment eine tolle Erfahrung, aber es ging ja darum in diesem ichlosen Zustand bleibend zu verweilen, sodass ich eher sagen würde, ich war nicht fertig, sondern es begann damit erst so richtig.

Könnten Sie Tipps für die Menschen geben, die bei ihrem Üben nicht so richtig weiterkommen?

Letzten Endes ist der einzige Tipp, den man geben kann, an der Frage, und damit an Mu, festzuhalten. Aber ich möchte aus meiner Erfahrung heraus die folgenden Stichworte nennen: Der Übende sollte versuchen seine Gedanken nicht zu verstehen, wie ein Mensch, der kein deutsch kann, sodass seine gedanklichen Formulierungen ihre Wortbedeutung verlieren, er also beispielsweise an „Haus“ denkt, aber nicht weiß, was das Wort bedeutet, um so hinter das Wort (Symbolik) zu kommen. Der Übende sollte versuchen die Frage woanders zu stellen, als dort, wo er sie stellt. Geht nicht? Wieso, er benötigt doch keinen Mund, er stellt die Frage doch in seinem Geist. Wieso sollte sein Geist dort sein, wo er ihn vermutet? Die meisten Menschen verwechseln den Geist mit ihrem Gehirn und denken irgendwie „dort oben“ im Kopf. Er sollte doch mal „dort unten“ denken, die Frage doch mal in seinem Bauch oder seinem Fuß stellen. Er sollte seinen Geist lösen (befreien) von dem von ihm Zeit seines Lebens vermuteten Denkort und geistig beweglich werden. Der Übende sollte, wenn er von der Frage „Was ist Mu?“ fast „verrückt“ geworden ist, hin und wieder zu der Frage „Wer bin ich?“ wechseln. Der Übende sollte auf seine Zwischengedanken achten, auch diese unterbrechen die Frage. Was ist immer dazwischen, zwischen dem zwischen, zwischen dem zwischen dem zwischen etc., also beispielsweise Mu Mu Mu Mu Nachher noch einkaufen gehen, Ach, Mist, ich soll ja nicht an was Anderes denken, Nochmals Mist, denn ich soll auch nicht an was Anderes denken, indem ich nicht an was Anderes denken soll etc.

Wen diese Stichworte verwirren, soll einfach wieder zu der Frage „Was ist Mu?“ zurückkehren.

Sie sprechen immer von Gedanken, was aber ist mit den Gefühlen?

Wie beschrieben, soll der Mensch, der mit dem Kôan Mu arbeitet, keine Unterbrechung seiner Konzentration auf die Frage „Was ist Mu?“ zulassen. Nicht aber nur die Gedanken unterbrechen die Frage, sondern auch das Gefühl oder etwa der Wille, und letzten Endes alle Dinge, sodass man sagen muss: Alle Wahrnehmung ist nur Gedanke (Geist), d.h. jede Wahrnehmung, außer der Wahrnehmung von Mu, die ja die Lösung des Kôan Mu ist, ist als Unterbrechung anzusehen.

Hierzu Ramana Maharshi:

Objekte, Gefühle oder Gedanken sind alles gedankliche Konzepte.

Ebenso der Übende...

... durch seine Gedanken an die Einkaufsliste für das Abendessen die Frage unterbricht und sich wiederum zu ihr zurückziehen muss, so muss er sich zur Frage zurückziehen, wenn er wahrnimmt, dass er sich nicht wohlfühlt oder wütend ist. Dies gilt auch für das Körpergefühl ganz allgemein. Das Interessante hierbei ist, dass der Mensch, der mit dem Kôan Mu arbeitet, also nicht nur gedankenlos (gedankenleer) wird, sondern auch das Diffuse loslässt, das, was nicht so klar in gedankliche Worte zu fassen ist, wie etwa die Einkaufsliste. Das, wo der Mensch sagt: „Ich weiß auch nicht, heute ist mir irgendwie nicht so.“

All sein Dasein, all das, was der Mensch ist, wird in seinem Üben also zu nichts (leer), er wird Mu, er wird ichlos, d.h. Mu wird sein Ich, das große, nicht-egoistische Ich, d.h. religiös ausgedrückt wird der Mensch eins mit Gott, er erwirbt die Buddhaschaft. Gott (Buddha) ist damit nur ein Gedanke, ein Gedanke, der keiner ist, ein Nicht-Gedanke, ein leerer Gedanke, ein gedankenloser Gedanke.

Zum Körpergefühl noch einmal Ramana Maharshi:

Wahre Wiedergeburt ist das Sterben des Ego in das absolute Bewusstsein… bis das Körpergefühl verschwindet, indem es mit der Quelle, dem absoluten Bewusstsein, dem Selbst, verschmilzt.

Sehr interessant...

... zur Leere auch die Aussage von Johannes vom Kreuz (1542 - 1591), Heiliger und Kirchenlehrer, aus „Aufstieg auf den Berg Karmel“:

Das ist es, was unser Herr durch David von uns erbittet mit den Worten: Vacate, et vide –te quoniam ego sum Deus. Wie wenn er sagte: Lernt, leer zu sein, von allen Dingen, das heißt, innerlich und äußerlich, und ihr werdet sehen, dass ich Gott bin (Ps, 46,11).

Schön...

... drückt es auch der Dialog mit Sri Nisargadatta Maharaj aus:

Der Fragende: Um Ingenieur zu werden, muss ich das Ingenieurswesen erlernen. Um Gott zu werden, muss ich was lernen?

Maharaj: Sie müssen alles verlernen (ablegen). Gott ist das Ende allen Verlangens und Wissens.

Zen geht...

... in seiner Wahrnehmung sehr, sehr tief, unendlich tief, d.h. in der Arbeit mit dem Kôan Mu wird die Wahrnehmung des Übenden feiner und feiner, bis er schließlich die Unendlichkeit (Mu, Gott) wahrnimmt. Feiner und feiner, wie ein Kreis, der vollkommener wird, indem die Eckenanzahl ständig zunimmt. Es