ALLTÄGLICHES + AUSGEDACHTES - Carsten Kubicki - E-Book

ALLTÄGLICHES + AUSGEDACHTES E-Book

Carsten Kubicki

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Beschreibung

Gedanken und Beobachtungen zur Zeit, über Menschen, Gewohnheiten, Sprache und den allgemeinen Wahnsinn in der Welt. Eine Auswahl von Aufsätzen und Gedichten, die zwischen 2009 und 2023 im Blog "Alltägliches + Ausgedachtes" (alltaeglichesundausgedachtes.com) erschienen sind und für dieses Buch teilweise überarbeitet wurden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und tatsächlichen Begebenheiten können nicht ausgeschlossen werden.

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Seitenzahl: 267

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Carsten Kubicki

Alltägliches + Ausgedachtes

Ausgewählte Aufsätze

2023

Texte: Copyright © by Carsten Kubicki

Umschlaggestaltung: Copyright © by Carsten Kubicki

Verlag:

Eigenverlag Carsten Kubicki

53111 Bonn

[email protected]

Vertrieb:

epubli – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

ISBN 978-3-758445-70-5

Das Buch zum Blog

Die nachfolgenden Texte (und einige mehr) wurden zwischen 2009 und 2023 im Blog Alltägliches + Ausgedachtes veröffentlicht. Monat und Jahr darüber geben jeweils an, wann der Text erstmals im Blog erschienen ist. Für das vorliegende Buch wurden die Aufsätze teilweise behutsam überarbeitet.

Aufgrund der langen Entstehungszeit können thematische Wiederholungen nicht ganz ausgeschlossen werden, hierfür bitte ich um Verständnis.

Zum Blog bitte hier entlang:

alltaeglichesundausgedachtes.com

Carsten Kubicki, Dezember 2023

Beatles

(Januar 2011)

Im Februar 1967 erblickte ich das Licht der Welt im St. Franziskus-Hospital zu Bielefeld, das auch Klösterchen genannt wird (das Hospital, nicht Bielefeld). Es liegt in der Natur der Sache, dass meine persönlichen Erinnerungen an dieses Ereignis nicht nennenswert sind; dem Vernehmen nach soll es, kurz bevor für mich das Licht anging, noch zu einer dramatischen Wendung gekommen sein: Ich weiß nicht mehr genau, was meine wahren Beweggründe waren, kurz vor dem freudigen Ereignis drehte ich mich im Mutterleib, was dazu führte, dass ich per Kaiserschnitt ins Diesseits geholt werden musste. Ich möchte betonen, dass derartige Renitenz grundsätzlich nicht meiner Natur entspricht und dass ich auf Sonderbehandlungen aller Art normalerweise keinen gesteigerten Wert lege. Jedenfalls hatte ich gleich zu Beginn einen dramatischen Auftritt. Ob ich ein hübsches Kind war, mögen andere beurteilen, ich kam mit schwarzen Haaren auf meinem zerknautschten Babyköpfchen ans Licht, was den behandelnden Arzt zu der Aussage »Jetzt kommen sogar schon Beatles zur Welt« bewegt haben soll.

Wie ich später erfuhr, handelte es sich bei den Beatles um eine recht erfolgreiche Band, die sich ungefähr zum Zeitpunkt meiner Geburt in Auflösung befand. Einen direkten oder indirekten Zusammenhang weise ich weit von mir. (Wäre ich tatsächlich, wie der Arzt gesagt hatte, ein Beatle geworden, dann wäre diese Geschichte längst geschrieben und millionenfach verkauft worden.)

Gesundheit!

(Mai 2009)

Wie ich mit Entsetzen erfahren habe, ist es laut dem neuesten Knigge wieder angezeigt, dem Niesen eines Mitmenschen mit einem herzlichen »Gesundheit!« zu begegnen, nachdem es jahrelang verpönt war, jedenfalls theoretisch. Selten trifft man Menschen, denen es nicht innerhalb von Sekundenbruchteilen nach dem Nieser eines Anwesenden geradezu zwanghaft, gleichsam fremdgesteuert entfährt. Der absurde Automatismus, der diesem Ausruf innewohnt, wird besonders deutlich bei einer Nieserserie, vielleicht zwei- oder dreimal hintereinander im Abstand weniger Sekunden: Dann entsteht schon mal ein Dialog wie »Hatschi« – »Gesundheit«, »Hatschi« – »Gesundheit«, »Hatschi« – »Gesundheit« und so weiter. (Anmerkung: Hatschi ist natürlich ein reines Kunstwort. Selten habe ich jemanden dieses Wort niesen gehört, vielmehr entfährt dem Niesenden ein mehr oder weniger krachender Schnaublaut, der mit den Buchstaben einer Tastatur nur unvollkommen wiedergegeben kann, so etwas wie »hgrmfsch«, manchmal ergänzt um ein Beifall heischendes »Uaaa« oder »Huiuiui«. Andere wiederum beherrschen die Kunst, den Nieser nahezu lautlos zu erzeugen, sie leiten ihn nach innen um, wie auch immer die das machen und wohin auch immer die Luft sich entlädt, wir wollen das hier nicht vertiefen.)

Nun soll es also wieder salonfähig sein, ja schlimmer, es wird geradezu erwartet, so wie man jemandem einen guten Morgen, guten Abend oder eine gute Nacht wünscht, je nach Tageszeit, versteht sich. Ich mache das nicht mit. So, wie ich bislang anscheinend der einzige mir bekannte kniggekonforme Nichtgesundheitsager war, werde ich dann eben jetzt zum nichtkniggekonformen. Wer ist schon Knigge. Ich lasse mir von den geistigen Nachfahren diese Freiherrn eine solch überflüssige Floskel nicht aufzwingen.

Schlimmer noch als die Erwartung an mich, dieses Wort zu gegebenem Anlass abzusondern, sind die Ausrufe desselben von anderen, wenn mir die Nase gereizt ist. Diesem Ungemach begegne ich auf sehr einfache Weise: Ich niese nur noch, wenn ich allein bin. Sobald jemand auch nur in Hörweite ist, niese ich nicht. Das geht. Der Niesreiz kündigt sich in der Regel einige Sekunden vorher an. Dann halte ich die Luft an und spreche innerlich (wirklich nur innerlich, das ist wichtig, um nicht für geistesgestört gehalten zu werden, jedenfalls nicht deswegen): Ich werde jetzt niesen, eins, zwei, haaa … und nichts passiert. So wie der Niesreiz kam, geht er wieder, geräusch- und vor allem kommentarlos. Das funktioniert fast immer.

Wenn nicht und das Unvermeidliche eintritt, gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste wurde von Knigge daselbst empfohlen: Direkt im Anschluss an den Nasendonner fügt man ein »Entschuldigung« an und nimmt damit, noch bevor sie es aussprechen können, den Gesundheitsagern den Wind aus den Segeln. Die zweite finde ich persönlich origineller: Statt des erwarteten »Danke« ein unschuldiges »Bitte?« entgegnen. Das verwirrt den Gegner zunächst, wird ihn aber langfristig an der Sinnhaftigkeit seines Ausrufes zweifeln lassen.

Warum rufen Menschen eigentlich »Gesundheit«, wenn jemandem ein Nasensturm entfährt? Die Entstehung dieser (Un-)Sitte soll auf die Zeiten der Pest und Tuberkulose zurück gehen, wo man allerdings sich selbst meinte, wenn man einem Niesenden das Wort zurief. Das mag verständlich erscheinen in Zeiten, wo es nichts Geeignetes von Ratiopharm gab. Aber warum um alles in der Welt hat sich dieser Unfug bis in unsrige Tage halten können? Zumal es grundsätzlich erstmal nicht schlimm ist, wenn man niest, dem muss ja nicht gleich eine todbringende ansteckende Krankheit zugrunde liegen, vielleicht hat sich ja auch nur ein kleines Insekt verirrt, das aber wohl nur in den seltensten Fällen Adressat des Gerufenen sein wird. Warum also ruft man es nicht auch, wenn jemand hustet, den Arm in Gips trägt oder den Anschein einer Geistesstörung erweckt? Wir können nur froh darüber sein, vor lauter »Gesundheit!«-Rufen käme keine halbwegs flüssige Kommunikation mehr zustande. Man stelle sich auch einmal die mögliche Geräuschkulisse auf einem Krankenhausflur vor.

Unbestritten ist die Gesundheit elementarer Bestandteil des allgemeinen Lebensglücks. Dennoch hilft es nichts, sie ständig an- oder auszurufen. In diesem Sinne: Wohlsein!

Büsum

(Februar 2011)

Meine älteste frühkindliche Erinnerung reicht zurück ins Alter von drei Jahren: unsere erste Urlaubsreise nach Büsum* an der Nordsee. Die Reise dorthin ging mit dem Zug, mein ständiger Begleiter war ein kleiner Koffer aus Pappe, in dem ich meine Spielsachen transportierte. In Büsum wohnten wir in Frau Spreizers Pension, die nach heutigen Maßstäben als eher einfach zu bezeichnen war (also die Pension, nicht Frau Spreizer): Unsere Räumlichkeiten bestanden aus einem größeren Zimmer, das im Wesentlichen von einem Ehebett ausgefüllt war; zu beiden Seiten des Zimmers gingen, durch Vorhänge abgetrennt, zwei nischenartige Seitenräume ab, in denen jeweils ein weiteres Bett stand, wo mein Bruder und ich schliefen. Toilette und Bad befanden sich außerhalb der Räume über den Flur, diese wurden vom gesamten Haus genutzt. Das Frühstück gab es in einer gemütlichen Glasveranda im Vorgarten des Hauses. Trotz des einfachen Standards fühlten wir uns dort sehr wohl, so wohl, dass wir in den folgenden Jahren immer wieder bei Frau Spreizer wohnten. Ja, in den folgenden Jahren verbrachte unsere Familie den Sommerurlaub immer in Büsum, darüber gab es keine Diskussion. Erst später kam das Allgäu als Urlaubsziel hinzu.

Hauptgrund, Urlaub in Büsum zu machen, war das Meer, die Nordsee. Die war allerdings oft nicht da, hatte sich dem Tidehub folgend bis an den Horizont zurückgezogen und dadurch das Watt freigelegt, das nannte man Ebbe, wie mir erklärt wurde. In dieser zurückgezogenen Form war mir die Nordsee viel lieber als bei Flut, wenn das Wasser bis ans Ufer reichte: Darin zu baden war kein Vergnügen, es war furchtbar kalt, salzig, um die Füße krabbelte irgendwelches Getier, das einen in den Zeh zwickte, und man musste auf Feuerquallen achten, die mit ihren langen Tentakeln heftige Schmerzen zufügen konnten. Dennoch fand ich Gefallen an Quallen, jedenfalls an den feuerlosen Sorten: Die größeren Exemplare landeten in meinem Sandeimerchen, das dann eher einem Topf Tapetenkleister ähnelte; die ganz kleinen spießte ich schaschlikartig auf einen großen Federkiel auf.

Nach kürzester Zeit im Wasser begann ich zu frieren und wollte raus. Dann kam das Schlimmste: Ich wurde unter eine Süßwasserdusche gestellt, die noch kälter als das Meerwasser war, um das Salz abzuspülen. Grauenhaft. Danach wurde ich in Handtücher gehüllt und in den Strandkorb gesetzt, wo es so richtig langweilig wurde, denn im Gegensatz zu anderen Stränden gab es keinen Sand, mit dem ich mich Sandburgen bauend hätte beschäftigen können; der Büsumer Strand besteht im Wesentlichen aus der Seeseite des Deiches, also ungefähr fünf Millionen Strandkörbe im kurz gemähten Gras.

Ein Höhepunkt des Büsumer Kulturlebens war die Wattenkapelle. Bei Ebbe marschierte sie von einer größeren Anzahl Touristen begleitet durch das Watt, bei Flut spielte sie auf einer überdachten Bühne an der Strandpromenade. Am meisten faszinierte mich die große Trommel, die einer der Musikanten vor seinem Bauch trug und mit einem hammerartigen Schlägel im Takt darauf eindrosch. Ich habe sogar noch eine Schallplatte dieser lustigen Truppe.

Der Erwähnung wert sind auch die Büsumer Krabben, die die gleichnamigen Fischer mit ihren Kuttern aus der Nordsee holen. Am besten schmecken sie direkt vom Kutter im Hafen gekauft und selbst gepult. Das bedarf zunächst ein wenig Übung, ist aber im Grunde genommen ganz einfach: beide Enden kurz gegeneinander verdrehen, den hinteren Panzer abziehen, schon kann man das schmackhafte Fleisch heraus zupfen.

Apropos Krabbenfischer: Ich musste auch ein original Finkenwerder Fischerhemd haben, das ich nur noch ungern ablegte. Es war mir ein Bedürfnis, mich bekleidungsmäßig den örtlichen Gepflogenheiten anzupassen.

Ich freute mich immer auf den nächsten Urlaub in Büsum, trotz des kalten Wassers und der Langeweile im Strandkorb. Meine Eltern fahren noch heute jedes Jahr mindestens einmal dorthin, allerdings nicht mehr zu Frau Spreizer, das Haus gibt es schon lange nicht mehr. Vor ein paar Jahren habe ich sie dort für ein paar Tage besucht; trotz vieler baulicher Veränderungen war es im Wesentlichen noch so, wie ich es in Erinnerung hatte. Und mir war rätselhaft, was mir hier früher so gefallen hatte.

——

* Entgegen einer anscheinend weit verbreiteten Annahme macht man Urlaub in und nicht auf Büsum. Auch wenn es ähnlich klingt wie Borkum oder Baltrum, handelt es sich nicht um eine Insel, zumal Borkum und Baltrum zu Ostfriesland gehören, Büsum hingegen in Dithmarschen, kurz vor Nordfriesland liegt. Ein Blick in die Karte hilft manchmal.

Ignoriert

(April 2011)

»Herr Doktor, keiner beachtet mich.« – »Der nächste bitte!« – sicher haben auch Sie gelacht über dieses Kleinod menschlicher Lachfaltenkultur, oder? – Ich nicht. Dabei bin ich nicht von Natur aus humorlos, nur ist dieser Witz keiner für mich, sondern bitterer Ernst: Ich werde ignoriert, immer schon, von frühester Kindheit an, von allen. Selbst meine Eltern sprachen mich manchmal mit dem Namen des Wellensittichs an, weil sie sich meinen eigenen offenbar nicht merken konnten oder wollten. Gut, das war immer noch besser, als wenn sie »he du da« oder einfach »Dings« zu mir gesagt hätten, und mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, auf Hansi zu reagieren.

Im Supermarkt an der Wursttheke: Während Mutti gekochten Schinken, Kalbsleberwurst und Thüringer Mett kaufte, angelte die rosige Fleischereifachverkäuferin zwischen Abwiegen und »... sonst noch etwas« eine Mortadellascheibe mit Kichergesicht-Intarsie aus der Auslage und reichte sie mit langer Gabel dem strahlenden Kinde hin, das in der Kinderablage des Einkaufswagens saß; es stopfte sie genüsslich in sein drolliges Kindermündchen und bedankte sich brav, kauend, nachdem Mutti »Was sagt man?« gemahnt hatte. – Ich habe mich nie bei der Wurstfrau bedankt, was nicht Folge einer anerzogenen Unhöflichkeit war, nein, es gab einfach keinen Anlass. Statt mich, wie alle anderen Kundenkinder, mit grinsenden Mortadellascheiben zu versorgen, blickte sie durch mich hindurch, als ob statt meiner Muttis Einkaufstasche auf dem ausklappbaren Kindersitz gethront hätte; mein Blick, der jeden bettelnden Labrador farblos erscheinen ließ, prallte an ihrem undurchdringlichen Schutzschild ab.

Supermärkte blieben eine Problemzone, bis heute, da ich selbst und ohne Muttis Beistand einkaufe. »Möchten Sie mal den Côte du Rhone probieren?«, fragt der junge Mann hinter seinem Probierstand in der Weinabteilung mit einladendem Lächeln. Gerne würde ich, nur galt die Frage nicht mir, sondern einem gehetzt blickenden Anzugträger, der sie überhört hat und mit Blick auf sein Datengerät in die Tiefkühlabteilung eilt. Ich verlangsame meinen Schritt, als ich mich dem Probierstand nähere, blicke den jungen Mann fest an. Der widmet sich ganz seinen Probiergläsern, putzt an ihnen herum, hält sie prüfend gegen das Licht und öffnet eine neue Flasche. Ich bleibe direkt vor ihm stehen, starre abwechselnd ihn und die Weinflaschen an. Er wienert weiter.

Ich räuspere mich vernehmlich, er putzt seine Theke. »Verzeihung«, setze ich an, »darf ich vielleicht mal von dem …« Er holt sein Telefon aus der Tasche und ruft jemanden an, vielleicht seine Freundin, »… ganz schön viel los heute, aber im Moment ist etwas Luft,« höre ich ihn säuseln. Ich gebe auf. Kaum habe ich den Probierstand verlassen, höre ich ihn wieder fragen: »Möchten Sie mal …«

Ein Kindheitstrauma war das Mannschaften Wählen im Sportunterricht: Zwei Schüler durften abwechselnd die Spieler ihrer Basketballmannschaft aussuchen; am Ende blieben immer der dicke Klaus P. und ich übrig. Noch heute empfinde ich eine tiefe Abscheu gegenüber allen Sportarten, bei denen ein Ball in, durch oder über ein Netz zu bringen ist.

Es ist erwiesen: Essen in einem guten Restaurant setzt Glückshormone frei, erst recht in geselliger Runde mit Freunden – nur nicht bei mir. Während sich alle anderen den kulinarischen Genüssen hingeben, den Teller fast schon leer gegessen haben, sitze ich vor einer freien Fläche und warte. »Vorzüglich, möchtest du mal probieren?«, werde ich von links gefragt. »Nein danke, ich bekomme ja gleich«, antworte ich zunehmend gereizt. Gleich – erst die Nachfrage beim Kellner offenbart, man hat mich vergessen. Mit halbstündiger Verspätung verzehre ich schließlich missmutig meine Schweinemedaillons mit Rotweinsoße, alle anderen sind schon bei Dessert und Kaffee angelangt.

Ich werde ignoriert – die Liste der Beispiele ließe sich nahezu endlos fortsetzen: Am Bierstand auf dem Stadtfest darbe ich stundenlang durstig, während die Menschen links und rechts neben mir zügig bedient werden; in der Dankesrede des Chefs nach erfolgreichem Abschluss des Projekts kommt mein Name nicht vor, und bei Facebook habe ich keine Freunde. Gut, sonst auch nicht. Wäre ich Filmschauspieler geworden, würde im Abspann immer genau ein Name fehlen, während die Namen sämtlicher Statisten und derer, die nach den Dreharbeiten die Klos geputzt haben, akribisch aufgelistet sind.

Aber es hat auch Vorteile: Mit unangenehmen Sonderaufträgen beauftragt mein Chef stets nur meine Kollegen; ich kann ungehemmt mit sechzig durch die Tempo-Dreißig-Zone fahren, die Blitzanlage erwischt immer nur den Wagen hinter mir; Hunde betteln nur am Nachbartisch; niemand fragt mich, ob ich eine Obdachlosenzeitung kaufen möchte, und die Jungs auf dem Bahnsteig, denen noch zwei Euro für ihre Fahrkarte nach Leverkusen-Mitte fehlen, behelligen mich nicht. Selbst Grippeviren meiden mich: Während die halbe Abteilung schnieft oder krank im Bett liegt, sitze ich bester Gesundheit im Büro und rette die Welt.

Vermutlich wird eines hoffentlich fernen Tages der Sensenmann alles um mich herum niedergemäht haben, während ich, im Alter von Johannes Heesters Vater und zahnlos, auf meiner Mortadellascheibe herum lutsche. Und sollte er mich doch versehentlich erwischen, so wird auf meinem Grabstein folgende Inschrift eingemeißelt sein: »Grabstelle frei, Informationen bei der Friedhofsverwaltung unter Telefon …«

Bestseller

(November 2011)

Neulich träumte ich, ich sei ein erfolgreicher Schriftsteller, der mit seinem Debütroman »Vom Leid des Kronkorkens« innerhalb kürzester Zeit die Spitzen aller deutschen Bestsellerlisten erobert hat. Das Interview, das der Feuilletonist einer führenden überregionalen Tageszeitung – im Folgenden der Einfachheit halber F genannt – anlässlich der Verleihung eines bedeutenden Literaturpreises mit mir führte, können Sie unten nachlesen. Da es die nachträgliche Wiedergabe eines Traumes ist, kann ich leider keine Garantie dafür übernehmen, dass das Interview genauso stattfand; mögliche Erinnerungslücken wurden phantasievoll, aber plausibel ergänzt.

F: Herr Kubicki, Ihr Buch hat innerhalb von nur drei Wochen die Top Fünf fast aller deutschen Bestsellerlisten erreicht, selbst Marcel Reich-Ranicki äußerte sich schon verhalten begeistert. Wie erklären Sie sich den unglaublichen Erfolg Ihres Einstiegswerkes?

Ich: Keine Ahnung, ich fühle mich noch immer wie in einem Traum.

F: Können Sie uns etwas zur Entstehung des Buches sagen?

Ich: Es kam jäh über mich wie ein Anfall, als ich unter der Dusche stand, plötzlich war die Geschichte da und wollte aufgeschrieben werden, noch nass und nur mit einem Handtuch umwickelt, um meinen Kopf, stürzte ich an meinen Schreibtisch und begann aufzuschreiben, was mir eine fremde Stimme in die Feder diktierte, Wort für Wort, Satz für Satz, Kapitel für Kapitel; nach zwei Wochen ununterbrochenen Schreibens war es dann fertig.

F: Sie meinen, Sie haben zwei Wochen lang ununterbrochen …

Ich: Bis auf kurze Unterbrechungen, die der menschlichen Natur geschuldet sind, sie verstehen. Man staunt, bei welchen Verrichtungen man alles schreiben kann: beim Essen, auf der Toilette, beim …

F: Gewiss, gewiss. Mit Ihrem Werk haben Sie ein Thema aufgegriffen, welches bislang in der Weltliteratur noch nicht behandelt wurde und womit Sie anscheinend den Nerv der Zeit getroffen haben. Wie kamen Sie dazu, ausgerechnet hierüber zu schreiben?

Ich: Sehen Sie, das erklärt vielleicht gerade den Erfolg meines Buches: Die Bücherschränke sind voll mit Werken über Liebe, Sex, Mord und Totschlag, Körperausscheidungen, Familienschicksale; zu diesen Themen gibt es im Grunde nichts, was nicht schon geschrieben wurde. Mein Buch behandelt ein Thema, das jeden betrifft, vom Kleinkind bis zum Greis, vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Top-Manager. Ich möchte Ihre Frage mal umformulieren: Warum hat bislang noch niemand darüber geschrieben?

F: Es gelingt Ihnen, den Leser mit einer sehr dichten Sprache zu fesseln.

Ich: … nicht wahr, da bekommt das Wort Dichter eine ganz neue Bedeutung (albernes Lachen)

F: M-hm … Gerade mit Ihrem Romanhelden, Malte-Kevin, diesem gleichsam beneidens- wie bedauernswerten Halbidioten, liebt, leidet und empfindet der Leser in einer nahezu unbeschreiblichen Weise, er könnte als unsterbliche Figur ist die Weltliteratur eingehen, Seite an Seite mit Christian Buddenbrook, Oskar Matzerath und Wachtmeister Dimpfelmoser – Hand aufs Herz: Steckt etwas Malte-Kevin in Ihnen?

Ich: Nein. In mir steckten schon einige, das können Sie mir glauben, aber ein Malte-Kevin noch nicht, das wüsste ich.

F: (errötend) Nein, nein, das meinte ich nicht, vielmehr wollte ich wissen … also, trägt Ihr Roman autobiografische Züge?

Ich: Sehen Sie, so ein bisschen Malte-Kevin sind wir doch alle: Wir essen, trinken, spielen gelegentlich an uns herum, bohren in der Nase, wenn es keiner sieht, schauen uns Pornos an, hören gerne Volksmusik …

F: Sie mögen Volksmusik?

Ich: Natürlich nicht. Sie?

F: Nun, ab und zu schaue ich schon das Musikantenstadel, wenn es nichts Besseres gibt, das Fernsehprogramm wird ja auch immer schlechter.

Ich: Interessant. Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Volksmusik lieben?

F: Nun ja, lieben, soweit möchte ich nicht gehen, aber … ähem… – Haben Sie schon ein neues Werk in Arbeit, werden Sie versuchen, an den Erfolg vom »Leid des Kronkorkens« anzuknüpfen?

Ich: Nein. Ich werde nie wieder etwas schreiben. Wissen Sie, nach dem Erfolg des Kronkorkens kann ich mir nicht vorstellen, etwas Vergleichbares oder gar Besseres zu schreiben; alles, was jetzt noch käme, könnte dagegen nur farb- und tonlos erscheinen.

F: Was werden Sie stattdessen tun?

Ich: Ich spiele mit dem Gedanken, mir die Brust vergrößern zu lassen, und dann … mal sehen.

F: Eine Brustvergrößerung als … äh … Mann?

Ich: Ja warum denn bitte nicht? Wir leben im Zeitalter der Gleichberechtigung, Frauen arbeiten in metallverarbeitenden Berufen, die Zahl der Stahlträgerinnen ist in den letzten zehn Jahren sprunghaft gestiegen, sie fahren Bus, ja selbst ein Laubbläser in Frauenhand ist heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr; da werde ich als Mann mir ja wohl die Brust vergrößern lassen dürfen!

In diesem Moment ging der Wecker los und beendete jäh das Gespräch. Leider kann ich mich nicht erinnern, was das Thema meines Romans war, der mir diesen Erfolg bescherte. Aber die Idee mit der Brustvergrößerung gefällt mir immer besser.

Zusammen oder getrennt?

(Mai 2011)

Stellen Sie sich vor, Sie verbringen mit einem Freund, den Sie länger nicht gesehen haben, zwei bis drei angenehme Stunden in einer Gaststätte, mit Bier und einer Schweinshaxe oder Rhabarberschorle und einer Portion veganer Tortellini; Sie unterhalten sich bestens, alte Zeiten und so, alles ist gut. – Bis zu dem Moment, wo Sie genug getrunken, gegessen und gesprochen haben und gehen möchten. Sie geben der Bedienung ein Zeichen, woraufhin sie mit einem riesigen Portemonnaie am Tisch erscheint und diese eine Frage stellt:

»Geht das zusammen oder getrennt?«

Schweigen. Peinliche Betretenheit. Ja, es soll getrennt gehen, nur muss und will man das nicht aussprechen – aber einer muss es ihr sagen, doch wer, und vor allem, wie? Sie steht schweigend am Tisch und wartet. Wenn Sie jetzt sagen »Getrennt bitte«, schwingt gleichsam ein »Du glaubst doch wohl nicht, dass ich für dich mitbezahle« mit, egal wie freundlich Sie es flöten.

Noch peinlicher, wenn Ihr Gegenüber ein gequältes »Zusammen« herauspresst; während er presst, erkennen Sie in seinem Gesichtsausdruck dieses »Eigentlich sehe ich es überhaupt nicht ein, für dich mitzubezahlen, aber du zwingst mich ja dazu. Hättest mir ja zuvorkommen können, aber nein, hast wohl darauf spekuliert, dass ich das übernehme, warte nur, beim nächsten Mal … beim nächsten Mal? Nein, das war das letzte Mal.«

Dann heißt es schnell reagieren: das Portemonnaie hervorholen und »Lass nur, ich übernehme das!« kontern, woraufhin zwischen Ihnen ein heftiger Streit darüber entbrennt, wer denn nun tun darf, was eigentlich keiner will. Die bislang gute Stimmung ist dahin, die Freundschaft unheilbar zerrüttet.

Dann folgt der zweite Akt der Peinlichkeit: Das Bezahlen an sich. Die Bedienung nennt Ihnen, als Sieger des vorangegangenen Streits, den Betrag, vielleicht siebenundsiebzig Euro zehn. Sie möchten ihr fünfundachtzig geben, das Bier war kühl und das Essen gut, der Service bis zu diesem Moment in Ordnung, sie hat es sich verdient – aber warum um alles in der Welt sollen Sie das für jedermann hörbar aussprechen? Sie versuchen es also auf die diskrete Art: Da Sie keine fünfundachtzig Euro passend haben, reichen Sie ihr zwei Fünfzigeuroscheine hin in der Absicht, fünfzehn Euro des Rückgelds einzustecken und den Rest, vielleicht mit einem „Dankeschön“ untermalt, liegen zu lassen. Doch daraus wird nichts: sie öffnet das riesige Portemonnaie, kramt minutenlang im Münzgeld herum, bis sie schließlich fragt:

»Zehn Cent vielleicht?«

Sie haben verloren, schlimmer noch: Sie sind als Geizhals entlarvt. Tonlos sagen Sie: »Neunzig«.

Eine typisch deutsche Erscheinung, derselben Kategorie zugehörig wie draußen nur Kännchen. In anderen Ländern läuft das anders: Nachdem Sie den Wunsch zum Bezahlen kundgetan haben, vielleicht in der Landessprache, weil das einer der wenigen Sätze ist, die Sie beherrschen, wird Ihnen ein Tellerchen mit der Rechnung gereicht, woraufhin sich die Bedienung zunächst wieder zurückzieht. Nun haben Sie ausreichend Zeit, den ausgewiesenen Betrag untereinander aufzuteilen, jeder legt seins auf das Tellerchen, plus dem zugedachten Trinkgeld, diskret, geräuschlos, harmonieschonend.

Es macht auch nichts, wenn Sie nur einen großen Geldschein haben, der den geschuldeten Betrag um ein Vielfaches überschreitet: Den legen Sie auf das Tellerchen, die Bedienung wird dieses mit einem »Gracias«, »Merci« oder einem ähnlichen Ausdruck tief empfundenen Dankes abholen, es wenig später mit dem Rückgeld darauf zurückbringen, Sie lassen zurück, was Ihnen angemessen erscheint, Sie gehen, alle sind zufrieden, die Freundschaft unzerrüttet.

Das ist alles Vergangenheit, inzwischen gehe ich wieder völlig entspannt in Kneipen. Allein. Freunde habe ich aufgrund vorgenannter Ereignisse keine mehr. Die letzte Freundschaft zerbrach an der Frage, wer der Klofrau die Münzen auf den Teller legen darf.

Aufruf zur Wortschöpfung

(November 2011)

Unsere Sprache befindet sich im ständigen Wandel: Wörter verschwinden, wie zum Beispiel Wählscheibe, Kassettenrekorder oder Riesenwaschkraft, andere kommen neu hinzu, etwa Freundschaftsanfrage, Selfiestick oder googeln; wiederum andere halten sich hartnäckig, obwohl ihre Zeit längst gekommen ist oder sie einfach unsinnig erscheinen, nehmen Sie Kotflügel, Unkosten oder lohnenswert.

Manche Wörter hingegen existieren gar nicht, obwohl sie dringend benötigt werden, weil es den Gegenstand beziehungsweise Sachverhalt, den sie benennen sollen, zwar gibt, nicht jedoch ein adäquates Wort dafür, oder wissen Sie, wie dieses längliche Dings heißt, das Sie im Supermarkt auf das Kassenband legen, um Ihre Einkäufe von denen des Hintermanns abzugrenzen, um nicht versehentlich seine H-Milch oder Tiefkühlpizza zu bezahlen?

Ein solcher unzureichend bezeichneter Sachverhalt ist die Liebe unter Männern, vielleicht weil der Papst und seine Branche der Meinung sind, dass dies gegen die göttliche Schöpfungsordnung verstoße und somit unbenamt gehöre. Dabei würden seine eigenen Mitarbeiter, die nicht nur aufgrund päpstlicher Verfügung des anderen Geschlechts entsagen, vermutlich eine größere Flotte Kirchenschiffe füllen.

Wenn ich Männer schreibe, so ist dies keineswegs Ausdruck meiner Geringschätzung des anderen Geschlechts, vielmehr verfügen die Damen ja durchaus über ein schönes Wort. Wem bei »lesbisch« Kurzhaarfrisuren und Holzfällerhemden in den Sinn kommen, verkennt, dass sich dieses Wort ableitet von der griechischen Insel Lesbos, und wer denkt da nicht an Sonne, Meer, Strand, blauen Himmel und weiße Windmühlen, deren betuchte Flügel in lauen Winden gemächlich rotieren? Also ein positiv belegter Begriff. (Dass dieses Wort zudem auch in Titeln mancher speziell-zielgruppenspezifischer Anregungsmedien enthalten ist, unterstreicht zwar ebenfalls seine positive Würdigung, soll hier jedoch nicht weiter vertieft werden.)

Wie unschön klingt dagegen »schwul«, denkt der gemeine Hetero dabei doch sogleich an eine alternde Tunte mit gezupften Augenbrauen und gefärbten Haaren, die mit nasaler Fistelstimme so Sätze sagt wie »Liebelein, fährst du mich bitte zur Maniküre? Ich habe mir den Nagel eingerissen, Hööölle!« – Als Klaus Wowereit 2001 seinen berühmten Satz sagte »Ich bin schwul, und das ist auch gut so«, schien das Wort zunächst etabliert, doch kommen hieran ernste Zweifel auf, lauscht man der Jugend. Es ist nicht zu überhören: schwul ist nach wie vor ein Schimpfwort, wobei es sich mittlerweile keineswegs nur auf mehr oder weniger männliche Personen richtet, alles Mögliche kann heute schwul sein: Autos, Schuhe, Taschen, Frisuren, die Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen; sogar Mädchen, wie es eine zweifelhafte Kapelle, deren Name mir entfallen ist, vor längerer Zeit besang. Wir können uns noch so selbstbewusst als schwul bezeichnen, sobald sich ein Hetero in durchaus bester Absicht mit uns über dieses Thema unterhält, meidet er das Wort wie der Schwule die Premiere-Fußballkneipe, vielmehr ersetzt er es durch das Wörtchen »so«, etwa wenn er sagt »Also ich habe kein Problem damit, dass du (kurze Pause) so bist.«

Ja, es gibt andere Wörter, etwa homosexuell. Aber ist das nicht noch viel schlimmer, klingt es nicht eher wie eine ansteckende Krankheit, die der Behandlung bedarf? Es gibt Menschen, die das genau so sehen, schlimm genug. Einige Kirchenmänner vertreten die Ansicht, Homosexualität könne überwunden werden, Mann müsse nur in ausreichendem Maße beten. Abgesehen davon, dass ich nichts anderes sein will, stelle ich mir die Reaktion Gottes auf mein Gebet etwa so vor: Sag mal Junge, ich ärgere mich gerade mit den Arabern herum, und du kommst mir mit so ner Kacke? Es ist alles in Ordnung mit dir, schließlich habe ich dich so gemacht, und jetzt gehe hin und liebe deinen nächsten!

Gay – auch nicht viel besser. Es klingt so pseudo-fortschrittlich-liberal (»Hey, du bist gay, das ist okay«), zudem bedeutet es übersetzt noch etwas anderes, nämlich fröhlich, und das ist ja wohl nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Es ist nicht anzunehmen, dass die Jungs, die in Jamaika, im Iran oder in einem oberbayrischen Dorf wegen ihrer Neigung verfolgt, verprügelt, verhaftet oder gar umgebracht werden, darüber besonders gay sind.

»Verzaubert« wird auch gerne gesagt. Ich denke da eher an ein weißes Kaninchen, das an seinen Ohren aus einem schwarzen Hut gezerrt wird, an den Froschkönig oder die Fee Amaryllis, die in Unkengestalt hinter drei schweren Türen im Kellerverlies von Petrosilius Zwackelmann ihr trauriges Dasein fristet, auch keine schöne Vorstellung.

Ganz witzig hingegen finde ich in diesem Zusammenhang den Begriff »erkältet«, wenngleich er hier seinen Zweck nur äußerst unzureichend erfüllt. Man stelle sich folgenden Dialog vor: »Bringen Sie nächste Woche Ihre Frau mit?« – »Nein, ich bin erkältet«. Und zudem werde ich ab sofort für bekloppt gehalten.

Sie sehen, es besteht dringender Bedarf an einer passenden Wortneuschöpfung. Vorschläge werden gerne entgegengenommen.

Es nervt tierisch

(September 2011)

Eigentlich mag ich Katzen. Nun soll man das Wort eigentlich nicht verwenden, schon gar nicht zur Eröffnung eines Aufsatzes, schwingt bei seinem Gebrauch doch stets etwas unverbindlich-einschränkendes mit. Entweder mag man Katzen, oder man mag sie nicht. Wenn man sie nur teilweise mag, zum Beispiel nur schwarze, wohingegen man graugetigerte ablehnt, oder nur ihren Kopf und ihre Pfoten, ihren Schweif jedoch verabscheut, so sollte man dies deutlich zum Ausdruck bringen, anstatt die klare Position mit eigentlich zu vernebeln.

Also noch mal von vorne: Ich mag Katzen. Und zwar solche wie früher bei meinen Großeltern auf dem Land. Sie hatten sie nicht für viel Geld bei einem Katzenzüchter gekauft, viel mehr war einfach immer eine da, weiß der Himmel woher sie kam, so wie in einem neu angelegten Gartenteich irgendwann Frösche wohnen und die Menschen der Umgebung vor mit idyllischem Gequake erfreuen, ohne dass der Gartenbesitzer vorher beim örtlichen Lurchhändler vorstellig gewesen wäre.

Ganz normale Katzen also, getigert, gefleckt, einfarbig; meist blieben sie so lange, bis der natürliche Tod der im Freien lebenden Katze sie ereilte, das heißt bis sie auf der Landstraße überrollt wurden, was laut Volksmund ja siebenmal je Katze passieren muss, ehe sie endgültig hin ist, vielleicht folgt diese Erkenntnis auch nur aus dem zu häufigen Anschauen von Tom-und-Jerry-Filmen, wo die Katze ständig in die Luft gejagt, verbrannt, zerhackt oder von der Dampfwalze überrollt wird und dennoch schon in der nächsten Sekunde wieder der Maus nachjagt.

Die großelterlichen Katzen lebten stets draußen, durften das Haus nicht betreten und wurden mit dem Besen verscheucht, wenn sie es dennoch wagten. Ansonsten hatten sie kein schlechtes Leben, ernährten sich von selbstgefangenen Mäusen, und Oma gab ihnen immer die Reste vom Mittagessen auf einen Teller vor dem Haus, Kartoffeln, Soße, Rotkohl, Knochen von Hühnchen oder Kotelett, nach heutigen katzenernährungsphysiologischen Gesichtspunkten eher bedenklich, aber davon hatten die Katzen und meine Großeltern keine Ahnung, daher machten sie sich stets dankbar über den Teller her, also die Katzen, nicht die Großeltern, was ja auch keinen Sinn ergäbe, denn die hatten ja vorher schon … egal.

Die Katzen legten ein artangemessenes Wesen an den Tag: Wenn ich meine Großeltern besuchte, konnte ich mit der aktuell amtierenden Katze spielen und sie streicheln – wenn sie Lust dazu hatte; dies tat sie durch ein behagliches Schnurren kund; andernfalls konnte es passieren, dass sie meinen Streicheldrang durch einen Hieb mit ihren Krallen in seine Schranken wies.

Solche Katzen mag ich, auch heute noch.

Es gibt auch Katzen, die mag ich nicht. Meine Kollegin Christine hat zwei davon, ich kenne sie nur von den Bildern her, die sie mir und anderen ständig zeigt, zwei magere braungraue Viecher mit sehr kurzem Fell und unfrohem Blick. Sie leben in der Wohnung und dürfen sie niemals verlassen, weil sie sonst Katzengrippe, Katzenpest oder was weiß ich alles bekommen, dann werden teure Tierarztbesuche fällig, außerdem ist es nicht schön, wenn die Katze krank ist, Christine ist dann meistens ebenfalls krank, und wenn nicht, zumindest unausstehlich, als ob tagelang Vollmond wäre.

Katzenbilder. Je mehr ich davon zu sehen bekomme, desto weniger ertrage ich sie, dank Christine habe ich mittlerweile eine echte Katzenbilderallergie entwickelt, bei jedem Bild, auf dem ein süßes Katzenbaby kuck-mal-wie-goldig mit der Stoffmaus oder einem anderen süßen Katzenbaby tollt, bekomme ich Schwitzehände und nervöses Zucken im linken Augenlid.

Angeblich sollen Katzenbabys bei meinem Großvater gewisse Aktivitäten ausgelöst haben, die ich mit Rücksicht auf zartgemütige Leser nicht detailliert wiedergeben möchte, und die ich zudem keineswegs gutheiße. Sehr wahrscheinlich stimmt das alles auch gar nicht und mein großer Bruder dachte sich diese Geschichten mit der Schaufel und dem Erdloch nur aus, um mich zu ärgern.

Mindestens einmal am Tag schickt Christine eine Nachricht mit Bildern der neuesten Erlebnisse von Egon und Emil an die gesamte Abteilung; während aus den Nachbarbüros Laute der Verzückung herüber fiepen, lösche ich die Mail ungelesen; ich erwäge, eine Regel in meinem Mailprogramm zu hinterlegen, die Mails von Christine mit Dateianhang sofort eliminiert.

Damit ist es leider nicht getan. Am schlimmsten ist es, wenn sie mir unaufgefordert ihr Mobiltelefon vor die Nase hält, ihre Stimme sich schlagartig um eine Oktave erhöht und sie so Sätze sagt wie »Kuck mal, wie der Egon auf der Schulter von Georg sitzt!« (Georg ist Christines Mann, ich bewundere ihn.) Ich kucke, sage maximal so etwas wie Mhm, meistens schweige ich, denn jedes weitere Wort könnte zu ernsten atmosphärischen Störungen zwischen Christine und mir führen, und das will ich nicht, denn eigentlich (da ist es wieder, ich finde, hier passt es) mag ich sie, sie ist freundlich, hilfsbereit, geradezu kumpelhaft mit einem angenehm-derben Humor, ich mag Frauen mit derbem Humor; wenn sie jedoch mit gezücktem Mobiltelefon diese Kuck-mal-Sätze piepst, möchte ich sie anschreien.