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»Mein innigst geliebter Vater!
Ich halte es hier, wo mich so vieles an die schönen Stunden mit Alex erinnert, nicht mehr aus. Darum habe ich mich entschlossen, mich für unbestimmte Zeit in die Einsamkeit zurückzuziehen.
Such mich bitte nicht! Wenn sich der Sturm in meinem Innern gelegt hat, werde ich heimkehren.
Bis dahin, Deine unglückliche Katrin«
Das waren die einzigen Zeilen, die Hermann Kasten eines Abends von seiner Tochter vorfand. »Mein armes Kind«, flüsterte er, »mit all meinem Geld ist es mir nicht gelungen, dich glücklich zu machen. Liebe lässt sich nun mal nicht kaufen.«
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2024
Cover
Der blonde Engel von der Alm
Vorschau
Impressum
Der blonde Engel von der Alm
In der Einsamkeit heilt ihr enttäuschtes Herz
Von Bärbel Tanner
»Mein innigst geliebter Vater!
Ich halte es hier, wo mich so vieles an die schönen Stunden mit Alex erinnert, nicht mehr aus. Darum habe ich mich entschlossen, mich für unbestimmte Zeit in die Einsamkeit zurückzuziehen.
Such mich bitte nicht! Wenn sich der Sturm in meinem Innern gelegt hat, werde ich heimkehren.
Bis dahin, Deine unglückliche Katrin«
Das waren die einzigen Zeilen, die Hermann Kasten eines Abends von seiner Tochter vorfand. »Mein armes Kind«, flüsterte er, »mit all meinem Geld ist es mir nicht gelungen, dich glücklich zu machen. Liebe lässt sich nun mal nicht kaufen.«
Eine tödliche Stille lastete über dem großen Kahlschlag unter der Schrattenwand. Ehe vor Jahren der Hochwald an dieser Stelle der Axt und den Sägen zum Opfer gefallen war, hatte ein reicher Wildbestand für Leben gesorgt. Nun war der Kahlschlag von Stauden überwuchert. Die Luft flimmerte in der Mittagshitze, kein Laut war zu hören, und diese Stille hatte etwas Drohendes, etwas Unheilbringendes.
Nicht weit von dem kleinen Weg, der am Kahlschlag vorbei zum Einstieg in die berüchtigte Schrattenwand führte, lag ein großer Steinbrocken. Die Sonne brannte unbarmherzig auf seine glatte Oberfläche.
Man musste schon sehr genau hinsehen, um das Lebewesen zu erkennen, das sich dort zu einem Knäuel zusammengerollt hatte und dem die Hitze nichts auszumachen schien. Deutlich konnte man bei genauerem Hinsehen die schwarze Zickzacklinie erkennen, die sich über den ganzen Rücken der Schlange hinzog und sie damit als Kreuzotter auswies. Da sie in der Färbung sehr dunkel, fast schwarz war, hätte sie der Kenner als Höllennatter bezeichnet. Ihr Biss war gefährlich, aber nur selten tödlich.
Die Höllennatter auf dem Stein im Kahlschlag unter der Schrattenwand musste ein Geräusch gehört haben. Lautlos glitt sie vom Stein herunter und verschwand unter den üppig wuchernden Stauden.
Gleich darauf wurde auf dem kleinen Weg ein junges Madl sichtbar, das von oben kommend den Schlag anzusteuern schien. Das Auffallendste an dem Madl waren die herrlichen blonden Haare, die in der Sonne wie flüssiges Gold schimmerten. Es trug ein kleines Körbchen und hatte offenbar vor, in dem Kahlschlag Himbeeren zu pflücken, die eben jetzt heranreiften.
Das Madl stellte das Körbchen auf den Stein, auf dem vorhin die Giftschlange gelegen hatte. Dann bog es die Stauden auseinander und suchte nach Himbeerstauden, die einen guten Ertrag versprachen.
Dort war eine! Flammendrot hingen herrliche große Früchte an den Stauden mit den zahlreichen Stacheln. Das Madl ging darauf zu und bereute es in diesem Augenblick, denn in den flachen Sandalen waren die nackten Füße den spitzen Stacheln der Brombeer- und Himbeersträucher schutzlos ausgeliefert.
Da, nun musste die Blonde auf einen besonders großen Stachel getreten sein, denn ein heftiger Schmerz durchzuckte sie.
Noch wusste sie nicht, dass sie eben von einer Höllennatter gebissen worden war. Und so pflückte sie seelenruhig die prachtvollen Himbeeren, während sich das Schlangengift langsam in ihrem Körper ausbreitete ...
***
Katrin Kasten, so hieß das schöne blonde Madl, war die Tochter von Hermann Kasten, der in Salzburg eine gut gehende Skifabrik sein Eigen nannte. Er war ein sehr wohlhabender Mann und konnte seiner Tochter jeden Wunsch erfüllen, was er auch stets getan hatte, weil er Katrin über alles liebte. Sie war das Abbild ihrer Mutter, die bei Katrins Geburt ihr Leben lassen musste.
Hermann Kasten war nach diesem Schicksalsschlag ein gebrochener Mann gewesen. Es hatte lange gedauert, bis er eingesehen hatte, dass er nun für das Baby leben musste. Das heranwachsende Madl glich der verstorbenen Mutter von Tag zu Tag mehr, und so wurde sie der einzige Sonnenschein im Leben ihres einsam gewordenen Vaters. Alle Liebe, deren der Mann fähig war, übertrug er auf Katrin, die auch ihre goldblonde Haarpracht von der Mutter geerbt hatte.
Dadurch zog Katrin viele Blicke auf sich, und auch der Mann, dem ihr Herz schon bei der ersten Begegnung zugeflogen war, machte ihr dazu ein Kompliment.
»Sie haben Haare wie ein Engel«, hatte Alex Richter gesagt, als sich Katrin zum zweiten Mal mit ihm in einem Salzburger Kaffeehaus getroffen hatte. Eine Woche vorher waren sich die beiden jungen Leute auf einer Party erstmals begegnet ...
Für Katrin war es, als hätte sie der Blitz getroffen, als sie das erste Mal in die dunklen Augen von Alex Richter geschaut hatte. Dieser kannte seine umwerfende Wirkung auf Frauen nur zu gut, und die blonde Katrin gefiel dem »schönen Alex«, wie er überall genannt wurde, auf Anhieb. Darum ließ er sofort seinen Charme spielen, zumal Alex erkannte, dass Katrin aus gutem Hause kommen musste.
Schon am gleichen Abend war es Alex Richter gelungen, von einer seiner verflossenen Freundinnen alles Interessante über Katrins Familienverhältnisse zu erfahren. Was Alex da zu hören bekam, überzeugte ihn augenblicklich davon, dass er da einen richtigen Goldfisch an der Angel hatte. Die einzige Tochter des reichen Skifabrikanten Kasten, das war gerade das Richtige für den Schönling Alex Richter, dem die Herzen der Frauen nur so zuflogen. Ihm ging es aber weniger um die Herzen, sondern mehr um das Bankkonto der betreffenden Damen.
Alexander Richter war vor vier Jahren nach Salzburg gekommen. Seines guten Aussehens wegen hatte ihn der Regisseur vom »Jedermann« für eine nichtssagende Rolle engagiert. Von diesem Augenblick an hatte sich der schöne Alex »Schauspieler« genannt, sich pompöse Visitenkarten drucken lassen und erstaunlich schnell Eingang in die Salzburger Gesellschaft gefunden. Als die Festspiele zu Ende gegangen waren, bei denen Alex Richter in einer kleinen Szene vom »Jedermann« mitspielen durfte, musste er sich über seine Zukunft klar werden.
Er hatte selbst erkennen müssen, dass er als Schauspieler keine Chance hatte. Da Alex auch vorher keinen richtigen Beruf erlernt hatte, hatte er eines Abends einen folgenschweren Entschluss gefasst. Er wollte in Salzburg bleiben und vom einzigen Kapital leben, das ihm zur Verfügung stand: seinem blendenden Aussehen, gepaart mit einer Riesenportion Charme!
Bald hatte Alex Richter festgestellt, dass sich damit recht gut leben ließ. Natürlich waren es vorwiegend Frauen, die bereit waren, Alex unter die Arme zu greifen. Dafür war der clevere junge Mann bereit, seine Gunst, die manche für Liebe hielten, zu Höchstpreisen zu verkaufen. Und damit fuhr Alex gar nicht schlecht.
Als er Katrin Kasten kennenlernte, hatte er eben seine bisherigen Freundinnen abgestoßen und war daher solo. Umso mehr freute sich Alex nun über die Bekanntschaft mit dem schönen, reichen Madl, dem die Verliebtheit aus den blauen Augen strahlte.
Schon am dritten Abend, den Alex und Katrin miteinander verbrachten, sagten sie Du zueinander, und bereits zwei Tage später war Alex in der Villa Kasten zum Abendessen eingeladen.
Herr Kasten wollte damit seiner geliebten Tochter eine Freude machen. Er war dann ein wenig enttäuscht, als er Alex Richter kennenlernte. Der lebenserfahrene Hermann Kasten durchschaute Alex Richter in dem Augenblick, als er dem schwarz gelockten jungen Mann die Hand schüttelte.
Doch er wollte seiner Tochter nicht die Freude verderben, und deshalb behandelte er Alex Richter so zuvorkommend wie seine anderen Gäste.
Am späteren Abend hatte Katrin mit dem Mann, dem ihr Herz zugeflogen war, eine ernste Auseinandersetzung.
»Alex«, sagte sie, »du fühlst dich nicht recht wohl bei uns, stimmt's?«
»Liebstes, ich hoffte, dass ich öfter mit dir allein sein könnte, und nun sind wir dauernd von so vielen Menschen umgeben.« Alex tat niedergeschlagen.
Katrin musste ihrem neuen Freund recht geben, darum nahm sie dessen Hand und zog ihn hinter sich her auf den Balkon, der sich über die ganze Seite der großen Villa erstreckte.
Als die beiden jungen Menschen auf den Balkon hinaustraten, drängte sich Katrin an Alex, der seinen Arm um ihre Schultern legte. Schwärmerisch sah sie zu ihm auf, da beugte er sich über ihre jugendfrischen Lippen und küsste sie zärtlich. Dann wurde sein Kuss immer leidenschaftlicher, bis Katrin sich mit Gewalt von ihm lösen musste, weil sie keine Luft mehr bekam.
Welches Feuer er mit diesem Kuss in ihr entfacht hatte, das ahnte Alex nicht. Katrin jedenfalls schwor sich, während die Wogen der Leidenschaft über ihr zusammenschlugen, keinen anderen Mann mehr zu lieben als ihren Alex, dessen Kuss sie eben verzaubert hatte.
»Ach, Alex«, stieß sie glückselig hervor, »wie schön wäre es, wenn du mich wirklich so lieben würdest, wie du behauptest!«
»Ich liebe dich über alles, Katrin, mein Schatz«, flüsterte Alex heiser.
»Würdest du mich auch so lieben, Alex, wenn ich ein armes Madl wäre?«, wollte Katrin wissen.
Alex zögerte mit einer Antwort.
»Darüber brauchen wir uns doch nicht zu unterhalten, Liebling, weil du doch kein armes Madl bist«, wich er dann aus.
»Du sollst mir aber trotzdem antworten«, forderte Katrin.
»Ja, ich würde dich auch lieben, wenn du ein armes Madl wärst«, versicherte Alex. Nur mit Mühe konnte er ein Gähnen unterdrücken. Blöde Gans, dachte er dabei.
Katrin, in ihrer Verliebtheit, glaubte dem schönen Alex.
***
Zwei Monate später wusste Katrin es besser. Alex, mit dem sie sich in den vergangenen Wochen regelmäßig getroffen, Zärtlichkeiten ausgetauscht und verliebt Zukunftspläne entworfen hatte, ließ sich plötzlich nicht mehr sehen.
Von einer Freundin musste Katrin erfahren, dass Alex eine reiche Witwe aus München kennengelernt hatte und mit ihr an die Isar übergesiedelt war. Ohne Abschied hatte er Katrin verlassen.
Sie fiel aus allen Wolken und konnte es einfach nicht glauben, dass der Mann, dem sie ihre erste Liebe geschenkt hatte, einfach verschwunden war. Katrin versuchte alles, um Alex zu erreichen, doch ohne Erfolg. Er hatte seine kleine Wohnung in Salzburg aufgegeben, ohne eine neue Anschrift zu hinterlassen.
Nach einigen Tagen musste sie endlich einsehen, dass sie von Alex nichts mehr hören würde, und sie versuchte nun auf ihre Weise mit der größten Enttäuschung ihres bisherigen Lebens fertig zu werden.
Katrin wollte ihre vertraute Umgebung, in der sie wenige Wochen lang so glücklich gewesen war, und die Menschen, die sie liebte, für eine Weile verlassen. Und so setzte sie sich eines Tages in den Kleinwagen, den sie von ihrem Vater nach bestandenem Abitur geschenkt bekommen hatte, und fuhr ohne Ziel los.
Ihrer romantischen Natur entsprechend, hatte Katrin sich vorgenommen, so weit zu fahren, bis das Benzin ausging. Wo immer das auch sein würde, wollte sie sich von diesem Punkt aus in die Einsamkeit zurückziehen, wo sie keinem Menschen begegnen würde.
Sie war schon eine ganze Weile unterwegs, da begann der Motor plötzlich zu stottern, und dann blieb der Wagen stehen. Katrin stieg aus und sah sich um. Die Gegend gefiel ihr. In der Ferne grüßten hohe Berge, das Dorf sah freundlich und einladend aus, und die nähere Umgebung des Ortes wirkte verträumt und angenehm ruhig. Hier würde sie bestimmt einen passenden Platz finden, wo sie ihre Enttäuschung überwinden konnte.
An der Straße entdeckte sie ein Ortsschild und ging darauf zu. Der Ort, der für sie noch eine so große Bedeutung gewinnen sollte hieß: Rettenstein.
***
Als Hermann Kasten in seiner Villa die Nachricht fand, die Katrin vor ihrer Abreise auf den Schreibtisch ihres Vaters gelegt hatte, schüttelte der Mann mit den grauen Haaren einige Male ungläubig den Kopf. Er konnte es einfach nicht glauben, dass sein Sonnenschein ihn verlassen hatte. Wieder las er die wenigen Zeilen.
»Mein innigst geliebter Vater!
Ich halte es hier, wo mich so vieles an die schönen Stunden mit Alex erinnert, nicht mehr aus. Darum habe ich mich entschlossen, mich für unbestimmte Zeit in die Einsamkeit zurückzuziehen. Wenn sich der Sturm in meinem Inneren gelegt hat und wenn Du mich dann wiederhaben willst, werde ich heimkehren und für immer bei Dir bleiben. Versuch mich bitte nicht zu finden! Ich verspreche Dir, keine Dummheiten zu machen und mich Deiner würdig zu erweisen.
In Liebe und Dankbarkeit Deine unglückliche Tochter Katrin!«
Als Hermann Kasten nun schon zum dritten Mal den letzten Satz gelesen hatte, stiegen ihm Tränen in die Augen.
»Mein armes, kleines Madl«, flüsterte er. »Mit all meinem Geld ist es mir nicht gelungen, dich glücklich zu machen.«
In den nächsten Tagen stürzte sich Hermann Kasten noch stärker in seine tägliche Arbeit, als er es eh schon immer tat.
So verging ihm die Zeit doch etwas schneller, wenn er auch jeden Tag hoffte, Katrin würde, wenn er abends heimkam, an ihrem Platz im Wohnzimmer sitzen. Aber bis dahin sollte noch eine lange Zeit verstreichen, in der Hermann Kasten oft der Verzweiflung nahe war.
***
Katrin ließ sie ihren Wagen am Straßenrand stehen und machte sich auf den Weg ins Dorf. Sie war noch keine fünfhundert Meter weit gegangen, als neben ihr ein Radfahrer in Uniform anhielt. Es war ein Gendarmeriebeamter, der in Rettenstein Dienst tat.
»Junge Frau«, sagte er freundlich, »warum haben Sie Ihr Auto dahinten stehen lassen? Sie hätten ein Warndreieck aufstellen müssen.«
