Alpenland Vorarlberg - Bernhard Tschofen - E-Book

Alpenland Vorarlberg E-Book

Bernhard Tschofen

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Beschreibung

Von Steinmännern, Käse und der Liebe zum (saisonalen) Leben in den Bergen: Acht Einblicke in Vorarlberger Alltäglichkeiten. Wie wurde Vorarlberg ein Alpenland? Wie ist es trotz aller Veränderungen eines geblieben? Bernhard Tschofen nähert sich diesen Fragen in acht Essays aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive und schlägt den Bogen von landschaftlichen Aspekten über einzelne Objekte, Identitätsfragen bis zum Geschmack der Berge. Seine Aufmerksamkeit gilt den alltagsweltlichen Verflechtungen von Raum und Kultur, vor allem aber der Frage, welche Rolle der Rückgriff auf das Wissen über Natur und Tradition in Politik und Gesellschaft spielen. Wer sich dafür interessiert, wie der Piz Buin zum Symbol wurde, dem Montafoner Sauerkäse neues Leben eingehaucht wurde oder was es mit den Vorarlberger Walsern und der Liebe des Landes zur Alpwirtschaft auf sich hat, ist hier richtig.

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Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Bernhard Tschofen

ALPENLAND VORARLBERG

Erkundungen zu Geschichte und Kultur

 

 

 

 

© 2024 by Universitätsverlag Wagner in der Studienverlag Ges.m.b.H.,

Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

E-Mail: [email protected]

Internet: www.uvw.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7030-6637-5

Buchgestaltung nach Entwürfen von himmel. Studio für Design und Kommunikation, Innsbruck/Scheffau – www.himmel.co.at

Satz und Umschlag: Studienverlag/Karin Berner

Umschlagfoto: Roland Haas: „Der erste Hinweis“, Gauertaler AlpkulTour, 2011, © Roland Haas, Schruns – www.rolandhaas.org | www.kfm.at/alpkultour/

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.uvw.at.

INHALT

Alpenland Vorarlberg. Zur Einführung

LANDSCHAFTLICHES

Der Berg als Identitätsmarker. Zur Vorarlberger Karriere des Piz Buin

Der Steinmann und andere Wegmarken. Über den Nachhall elementarer alpiner Orientierungszeichen in Kunst und Alltag

HANDFESTES

Trachten in Vorarlberg. Traditionslinien, Ressourcen und Hypotheken

Bauen für den neuen Gast. Willi F. Ramersdorfers Beitrag zur alpinen Tourismusarchitektur

SCHMACKHAFTES

Geschmack der Berge? Mutmaßungen über die alpenländische Küche

Sura Kees. Ein Relikt als Ferment des Regionalen

ZUGEHÖRIGES

Walser sein? Vom Nutzen der Tradition in modernen Alltagen

Wir Älpler. Mutmaßungen über die Liebe zum saisonalen Leben in den Bergen

ANHANG

Veröffentlichungsnachweise

Abbildungsnachweise

Register (Personen, Sachen, Orte)

ALPENLAND VORARLBERG. ZUR EINFÜHRUNG

Vorarlberg – ein Alpenland? Die Frage, die dieses Buch stellt, ist keine nach der geografischen Verortung. Selbst nach den an den engsten Kriterien orientierten Beschreibungen steht diese Zugehörigkeit außer Frage. Auch wenn das kleine Bundesland im äußersten Westen Österreichs – mit Grenzen zur Schweiz, zu Liechtenstein und Deutschland – nach konventioneller Einteilung auch Anteil am Alpenvorland hat, liegen doch selbst seine am niedrigsten gelegenen und ‚flachsten‘ Landesteile im Tal des Alpenrheins. Auch die Strukturen länderübergreifender Zusammenarbeit wie die Alpenkonvention oder die Arbeitsgemeinschaft Alpenländer rechnen Vorarlberg zur Gänze dem Alpenraum zu, ganz zu schweigen von den noch einmal sehr viel weiter ausgreifenden Perimetern des Alpine Space-Programms und der als EUSALP firmierenden Makroregion der Europäischen Union.

Hier geht es also nicht um Fragen der physischen und politischen Topografie, sondern um solche von kultureller Zugehörigkeit und um die Vorstellungen, die sich damit verbinden (und die wiederum sehr viel mit räumlichen Ordnungen und politischen Orientierungen zu tun haben). Die Perspektive dieses Buches ist eine kulturwissenschaftliche, die einer historischen und kulturellen Anthropologie. In seinem Zugang unterscheidet es sich somit auch von gängigen geschichtswissenschaftlichen Arbeitsweisen und Ansprüchen. Sein Interesse zielt nicht primär auf Geschichte, jedenfalls nicht auf Geschichte per se, sondern auf eine historisch dimensionierte Gegenwart. Es fragt von dieser her und will wissen, woher bestimmte Phänomene der Alltags- und Populärkultur des Landes ‚kommen‘, wie sie ‚gedacht‘ und ‚gelebt‘ werden und wie dabei auf historische Wissensbestände und Bilder zurückgegriffen wird. In einer solchen Perspektive werden auch Raum und Landschaft zu Kulturthemen, weil sie als natürliche Ressourcen ebenso davon bestimmt sind, wie sie konzipiert werden und mit ihnen umgegangen wird, wie die vordergründig als kulturell identifizierbaren Ressourcen. Der Piz Buin oder ein Steinmann im Gebirge werden so zu nicht weniger als kulturell zu verstehenden Elementen einer alltäglichen Lebenswelt wie die als überliefert wahrgenommenen Formen des Sichkleidens, Bauens oder Essens oder die Berufung auf Traditionen wie das sogenannte Walsertum oder die Alpwirtschaft.

BILDER UND WISSEN ÜBER RAUM UND LANDSCHAFT

Dieses Buch beschäftigt sich also auch mit der Frage, wie eine früh industrialisierte und ebenso früh deindustrialisierte (jedenfalls postindustriell transformierte) Region eine derartige kulturelle Nähe zu ihrer alpinen Umgebung entwickeln beziehungsweise bewahren konnte. Diese Tatsache ist umso bemerkenswerter, als der weitaus größte Teil der Bevölkerung Vorarlbergs heute in einem Raum lebt und arbeitet, der mehr einer weitgehend ebenen und von dichten Infrastrukturen durchzogenen Metropolitanregion gleicht, als er den überlieferten Vorstellungen alpiner Kulturlandschaften entspräche. Zumindest implizit versucht es, darauf zwei Antwortmöglichkeiten zu entwickeln und solche ‚Ungleichzeitigkeiten‘ als konstituierend zu verstehen. Eine liegt in der Rolle, die der Tourismus im Modernisierungsprozess des Landes seit bereits mehr als anderthalb Jahrhunderten spielt und der ebenso lange primär das Ländliche wie früh schon die Berge gesucht hat. So sind die touristische Außenwahrnehmung und die dafür produzierten Bilder von Natur und Kultur des Landes vor allem im 20. Jahrhundert schrittweise zur Selbstwahrnehmung geronnen, sind touristisches Sehen und Erleben in die regionale Alltagskultur eingeflossen und haben über mehrere Generationen maßgebliche Lebensstile geprägt. Wie sehr solche Dispositive durch die wachsende Zuwanderung und den demografischen Wandel verändert werden, wäre eine interessante Frage, der in Zukunft nachgegangen werden sollte und die vermutlich zu sozial differenzierten Antworten führen würde. Die in der medialen und politischen Öffentlichkeit schlecht repräsentierte Bevölkerung mit Migrationshintergrund pflegt wohl mehrheitlich andere Raumbeziehungen und Werte als die in den letzten Jahren zunehmend einwandernden Fachkräfte und wohlhabenden Älteren, die ebenso wie die zahlreichen Arbeitskräfte für den Tourismus häufig bereits eine Affinität zu den Versprechungen des Standorts mitbringen. Sie sind, so der Eindruck, ebenso häufig in Bergschuhen, auf Skiern oder (elektrifizierten) Mountainbikes unterwegs wie die tonangebenden regionalen Milieus und teilen deren Leidenschaft für naturräumliche Spezifika und deren Genussversprechen. Manche von ihnen werden, ähnlich wie bereits früher in der Tourismusgeschichte Zugewanderte (oder gebliebene Reisende), zu regelrechten Sprachrohren und Multiplikatoren – eine vergleichsweise sichtbare Gruppe, die bestehende Bilder öffentlich festigt und verbreitet.

Die andere Antwortmöglichkeit lässt sich von der skizzierten Linie nicht ganz trennen. Auch sie hat mit Außen- und Innenperspektiven zu tun, spricht aber vor allem eine Facette an, die wichtig ist, um die Rolle des Wissens in raumkulturellen Konstituierungs- und Identifikationsprozessen zu verstehen. Denn häufig lassen sich – gleich ob es etwa um Berge, Trachten oder Walser geht – die Einflüsse einer sehnsüchtig und häufig nostalgisch auf ihre sich im späten 19. und 20. Jahrhundert rapide verändernde Heimat blickende Bildungselite beobachten. Sie hat im Land selbst ihre Wirkung entfaltet, aber oft auch Anregungen erhalten von der wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeit von Ausgewanderten an ihren neuen Wirkungsstätten in Innsbruck, Wien oder anderswo außerhalb des Landes. Das Wechselspiel zwischen kulturellem Wissen und historisch gewordener Alltagskultur exemplarisch auszuleuchten, ist daher ein weiteres sich durch die Beiträge dieses Bandes ziehendes Anliegen.

ACHT ERKUNDUNGEN UND VIER DIMENSIONEN RAUMBEZOGENER ALLTAGSKULTUREN

Dieses Buch besitzt darüber hinaus eine eigene Entstehungsgeschichte. Es versammelt Texte, die ursprünglich für andere Veröffentlichungszusammenhänge verfasst worden und an unterschiedlichen, teils schlecht zugänglichen Orten erschienen sind. Viele von ihnen gehen auf Einladungen an den Autor zurück, zu Projekten und Publikationen in und über Vorarlberg etwas beizutragen. Alle besitzen somit einen mehr oder weniger expliziten Vorarlbergbezug, obwohl die Themen, die sie behandeln, eine weit größere Reichweite besitzen. Ihr Fokus auf Vorarlberg ist oftmals ein exemplarischer, der das Land als regionalen Beispielfall für generellere und oft auch regelhafte gesellschaftliche Umgangsweisen mit Natur und Geschichte in den konkreten Blick nimmt. Gleichzeitig spiegeln sie die Interessen des Autors und seinen Hintergrund in einer von der sogenannten Volkskunde herkommenden und heute als Empirische Kulturwissenschaft verstandenen Wissenschaftstradition. Man könnte diese auch als regionale Ableger seiner Beschäftigung mit Fragen von Raum, Wissen und Kultur begreifen, denen er sich in den vergangenen Jahrzehnten schwerpunktmäßig gewidmet hat – dies allerdings mehrheitlich in Forschungsprojekten, die keinen Bezug zu Vorarlberg aufwiesen, sondern sich um Themen wie die Entstehung und gesellschaftliche Wirkmächtigkeit ethnografischen Wissens, die Zusammenhänge zwischen kulturellem Erbe und kulturellem Eigentum oder populäre Geschichtskulturen gedreht haben.

Der Anspruch des Buches ist kein allein akademischer, es versteht sich als eine populärwissenschaftliche, auch für eine breitere Öffentlichkeit zugängliche Publikation. Damit spiegelt es die wissenschaftliche Grundhaltung des Autors, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften allgemein, besonders aber ein mit der Alltagswelt mehrfach verflochtenes Fach wie die Kulturwissenschaft auch eine besondere Verantwortung besitzen, sich für den Wissenstransfer und den Dialog mit der Öffentlichkeit zu engagieren. Die hier versammelten Texte beschränken sich daher zum überwiegenden Teil auch nicht auf bloße Beschreibungen und sachliche Analysen, sondern beziehen bewusst Position. Sie wollen damit das emanzipatorische Potential freilegen, das in einer kritischen Auseinandersetzung mit augenscheinlich oft harmlosen Themen steckt, und sie sollen damit vor allem zu einer verbesserten Reflexion unseres immer auch die künftigen gesellschaftlichen Bedingungen gestaltenden Wissens über Geschichte und Kultur beitragen.

Die Anordnung der acht für die Wiederveröffentlichung ausgewählten Beiträge folgt einem einfachen Schema und erhebt – da ursprünglich naturgemäß nicht für eine Monografie verfasst – keinen Anspruch auf eine kohärente Argumentation oder gar auf Vollständigkeit. Vielmehr sind die Kapitel auch ein Ausdruck selektiver Interessen und einer fachlich und kulturell situierten Autorschaft einerseits sowie gewisser Zufälle, die mit den Anlässen und Möglichkeiten ihrer Erstveröffentlichungen zu tun haben, andererseits. Mit den vier Leitbegriffen „Landschaftliches“, „Handfestes“, „Schmackhaftes“ und „Zugehöriges“, denen je zwei Texte zugeordnet sind, folgt der Aufbau wichtigen Dimensionen raumbezogener Alltagskulturen und bringt zum Ausdruck, dass Fragen von Selbstbild und Identität weit in materielle und sinnlich-emotionale Bereiche hineinreichen. Den Anfang macht unter „Landschaftliches“ eine Abhandlung über den 1865 erstmals bestiegenen Piz Buin und die mit seiner späten ‚Entdeckung‘ mitgeweckte Bergliebe des Landes – eine exemplarische Studie, die am Beispiel des höchsten Berges zeigt, wie dieser bald zum Identitätsmarker aufsteigen konnte und Sicht- und Handlungsweisen des Alpinismus bis heute wirksam in die (politische) Alltagskultur Vorarlbergs integriert worden sind. Ihm steht ein jüngeres, gleichfalls in den Bergen angesiedeltes Kapitel zur Seite, das eine andere alpinistische Entdeckung ins Zentrum rückt, nämlich die heute selbstverständlich in die heimischen Berge gehörenden Steinmännchen und ihre Transformation von angeblich historischen Kultmalen zu Orientierungszeichen – und wieder zurück zu Kultobjekten der Freizeitkultur und Ökologie. Beide Kapitel leisten somit auch einen Beitrag dazu, die Bedeutung jener Dimension anzudeuten, die in letzter Zeit als „deep time“ (Tiefenzeit) in die anthropologische Beschäftigung mit Raum und Natur Einzug gehalten hat.

Den Abschnitt „Handfestes“ bedienen zwei Texte, die wichtige Aspekte materieller Kultur an ausgewählten Beispielen beleuchten und dabei zeigen wollen, wie die immateriellen Dimensionen von Wissen und Vorstellung immer in Sachkulturen hineinreichen und diese wiederum zu Repräsentanten von Werten und Versprechungen werden können. Der Beitrag über „Trachten in Vorarlberg“ versteht sich als kritische Relektüre dieses klassischen Themas regionaler Kulturgeschichte. Er fragt, von Beobachtungen zum gegenwärtigen Status dieser traditionellen Kleidungstücke und -praktiken ausgehend, wann respektive wie sich die überlieferten Typen und vor allem die mit ihnen verbundenen Zuschreibungen entwickeln konnten und wie sich heute mit diesen angesichts eines nicht ganz unkompliziertes Erbes umgehen lässt. Ein sehr viel begrenzteres Feld behandelt der zweite hier angesiedelte Text; er fokussiert auf das Werk des in Vorarlberg prägend tätig gewesenen Architekten Willi F. Ramersdorfer und diskutiert an diesem exemplarisch Formen, Funktionen und Rezeptionen der ungeliebten baukulturellen Tradition der Tourismusarchitektur.

Auch der Abschnitt „Schmackhaftes“ wird von einem mehr überblickend ausgerichteten und einem als Fallstudie zu verstehenden Beitrag bestritten. Dieser greift das Beispiel des heute weitum als sogenanntes kulinarisches Erbe der Region anerkannten „Montafoner Sauerkäses“ auf und führt daran vor, wie gerade die Eigenschaften dieses historisch marginalisierten Nebenprodukts einer unstabilen alpinen Landwirtschaft für sein Revival mobilisiert werden konnten. Er vertieft damit Aspekte, die zuvor in allgemeinerer Hinsicht unter der Frage „Geschmack der Berge?“ skizziert werden, nämlich einige der historischen – das heißt hier: der wirtschaftlichen und sozialen – Ingredienzien, die heute unsere Vorstellungen einer alpenländischen Küche prägen und bezeichnend sind für die Verbindung von Raum und Geschmack in kulinarischen Systemen.

Den Band beschließen zwei unter „Zugehöriges“ firmierende Kapitel, in denen – wie das Stichwort anzeigt – die Fragen von Zugehörigkeit und Identifikation, die alle Abschnitte begleiten, nun dezidiert ins Zentrum rücken. Das ist zum einen die Abhandlung über die heute für das Vorarlberger Selbstverständnis so wichtigen Walser, mit deren Herkunft sich ebenso viele Mythen und Missverständnisse verbinden, wie sie für gegenwärtige identitätspolitische und alltagsweltliche Positionierungen mobilisierbar sind. Zum anderen untersucht der abschließende Essay „Wir Älpler.“ Hintergründe und Funktionen der ungeachtet einer de facto weitgehend deagrarisierten und urbanisierten Lebensweise anhaltenden, in symbolischer Hinsicht wahrscheinlich sogar wachsenden Liebe zur Alpwirtschaft. Der Beitrag umreißt damit im regionalen Fokus ein Paradoxon, das aktuell in der populistisch unterlegten Wolfsdebatte besonders sichtbar wird und als Ausdruck genereller Widersprüche und Zielkonflikte im Umgang mit Umwelt und Zukunft im Alpenraum gelesen werden kann. Er zeigt aber auch, dass die emotionale Identifikation mit der alpinen Natur- und Kulturlandschaft eine wertvolle Ressource für ein breites Engagement zugunsten kollektiver Güter und Werte sein könnte – für ein angesichts der multiplen Krisen der Gegenwart auch für die Zukunft des Alpenlands Vorarlberg höchst notwendiges zivilgesellschaftliches Engagement, das umso glaubwürdiger wird auftreten können, je besser es sein historisches und kulturelles Argument zu reflektieren weiß.

Auf eine Überarbeitung der Texte wurde bewusst verzichtet. Die Veränderungen beschränken sich auf ein Minimum und bleiben so weit als möglich am Original. An einigen Stellen mit möglicherweise irritierenden Verweisen auf den Rahmen der Erstveröffentlichung wurden entsprechende Anmerkungen gesetzt. Wo Aktualisierungen vorgenommen wurden (an wenigen Stellen auch stellvertretend für andere jüngere Publikationen als Hinweise auf nach der erstmaligen Veröffentlichung erschienene wichtige Literatur), werden diese ausgewiesen. Vereinheitlicht und an der erwünschten Lesbarkeit ausgerichtet wurden lediglich die Zitierweise und Literaturnachweise. Beibehalten wurde dagegen die uneinheitliche Umgangsweise mit Geschlechtervielfalt; sie möge als Zeichen einer veränderten Sensibilität gelesen werden. Selbstverständlich schließt die häufig generisch verwendete männliche Form – auch wenn nicht dezidiert ausgewiesen – auf alle Geschlechter. Größere Abweichungen gibt es teilweise bei den Abbildungen, da die Texte ursprünglich sehr ungleich bebildert waren und nun eine ausgeglichene Bebilderung gesucht wurde.

DANK UND WIDMUNG

Zu danken ist abschließend den Herausgeber:innen der Bücher und Kataloge, in denen die hier versammelten Publikationen erstmals erschienen sind. Von ihnen gingen oftmals auch die Ideen aus, die erst zu der Beschäftigung mit den behandelten Themen angeregt haben oder jedenfalls dazu, das darüber zusammengetragene Wissen für ein breiteres Publikum in anschauliche Texte zu fassen. Ebenso möchte ich den Institutionen und Verlagen für ihr kooperatives Entgegenkommen und die Unterstützung bei der Bebilderung danken. Ein großer Dank gebührt Louis Widmer, Hilfsassistent am ISEK – Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft, für seine Sorgfalt bei der Einrichtung der Texte und beim Lektorat. Elisabeth Waldhart, der betreuenden Lektorin beim Universitätsverlag Wagner, sei herzlich gedankt für ihr Interesse und verlegerisches Engagement. Nicht möglich gewesen wäre die Veröffentlichung dieses Buches ohne die finanzielle Unterstützung durch die Universität Zürich, das Land Vorarlberg und die illwerke vkw AG. Ihnen allen und den dort wirkenden Fürsprecher:innen für Wissenschaft und Kultur im Dienste der Gesellschaft gilt großer Dank.

Ich widme dieses Buch meinen Kindern Theresa, Felicitas und Valentin, die – alle drei großstadtgeboren – noch das Glück erfahren durften, Gletscher zu sehen, zu erleben, dass die Qualität von Sauerkäse nichts mit dem Vorhandensein von Güterwegen zu tun hat, und die längst wissen, dass künftiges Glück nicht in einem dogmatisch passiven Umgang mit Traditionen liegt.

LANDSCHAFTLICHES

DER BERG ALS IDENTITÄTSMARKER.ZUR VORARLBERGER KARRIERE DES PIZ BUIN

Was macht einen Berg zum Symbol? Eine besonders markante Gestalt und Position, die Verbindung mit Gründungsmythen von Religionen oder Staaten, dramatische Ereignisse wie historische Bergstürze, Lawinen oder im Zusammenhang mit Besteigungsversuchen – nichts von alledem gilt für den Piz Buin. Aus bewohntem Gebiet (jedenfalls Vorarlbergs) ist er nicht einmal sichtbar, er steht am äußersten südlichen Rand einer auch historisch weitgehend unproblematischen Grenze und er spielt vor allem lange überhaupt keine Rolle im Gedächtnis des Landes, das sich heute ganz selbstverständlich auf ihn bezieht. Dennoch beginnt unmittelbar nach seiner ersten Besteigung eine steile Karriere, die viel mit dem Weg Vorarlbergs in die Moderne, zu einem eigenstaatlichen Selbstverständnis zu tun hat. Welche kulturellen Operationen waren notwendig, um den Berg ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, welche Wandlungen erfuhr das Bild des Piz Buin dabei und vor allem, welche Aufgaben kamen dem Verweis auf ihn in der Gesellschaft der letzten 150 Jahre zu?

EIN BERG ALS GEDÄCHTNISORT: NATUR IM SOZIALEN RAUM

Heute erscheint es nur naheliegend, dass die 150. Wiederkehr der ersten Besteigung am 14. August 1865 durch die ungleiche Seilschaft von Johann Jakob Weilenmann, Joseph Anton Specht, Franz Pöll und Jakob Pfitscher mit einer Reihe von Aktivitäten gefeiert wird und die Initiative dafür primär von Vorarlberg ausgeht. Das würde sich vor 25, 50 oder 100 Jahren nicht anders gestaltet haben, denn in Graubünden spielt der Berg im öffentlichen Bewusstsein lange nicht diese Rolle. Denn dort wachsen die Berge – sogar in Sichtweite des Piz Buin – bis in Höhen um die 4.000 m. Ähnliches gilt für Tirol, das aufgrund der komplizierten Besitzverhältnisse im Vermunt mit der Gemeinde Galtür als Grundeigentümer auch ein „Anlieger“ des Berges ist. Seit dem „Verlust“ des schon nach 1800 als „König“ gefeierten Ortler (je nach Messung 3.899 oder 3.905 m) nach dem Ersten Weltkrieg richtet sich hier die symbolische Beziehung zu den höchsten und bedeutendsten Bergen ohnehin gegen den Großglockner (3.798 m) an der Grenze Osttirols und Kärntens, während die Wildspitze (3.768 m) als Nordtirols höchste Erhebung fast ein Schattendasein führt. Doch liegt es bestimmt nicht allein an der Höhe und vielleicht dem, was in der Geodäsie die „Dominanz“ (also die gewissermaßen physische Reichweite) eines Berges genannt wird, welche Stellung ihm im Gedächtnis der Öffentlichkeit zukommt.

Das Konzept der Gedächtnisorte („lieux de mémoire“), wie es der französische Historiker Pierre Nora in den 1980er-Jahren formuliert hat und wie es seither zu einem festen Begriff europäischer Geschichtskultur geworden ist, war von Anfang an offen formuliert.1 So hat es längst nicht nur konkrete Orte oder historische Stätten umschlossen, sondern sich auch auf Ereignisse, Mythen und Kunstwerke bezogen. Dabei verwies es aber zunächst stets auf Kristallisationspunkte des Nationalen, auch wenn diese – wie etwa im Fall von historischen Schlachten oder umkämpften Grenzen – als Schnittstellen zu anderen Erfahrungsgemeinschaften fungierten. Nicht allein aufgrund der historischen Genese des Denkens in Erinnerungsorten mag es daher etwas ungewöhnlich erscheinen, ein naturräumliches Element von vor allem regionaler Bedeutung in eine solche Perspektive zu rücken. Doch erscheint gerade dies produktiv zu sein, weil es ermöglicht, den Berg nicht einfach als gegebenes Symbol zu behandeln, sondern zu fragen, wie seine Aktualität und Aktivität als Erinnerungsort hergestellt und laufend erneuert wird. Denn in der Tat verbinden sich mit dem Piz Buin keine besonderen Kapitel der Geschichte, sondern fungiert er vielmehr als Projektionsfläche und Bühne der Verhandlung der Eigenart des Landes und geteilter Werte. Viel wichtiger als ideelle Zuschreibungen sind dabei – wie wir sehen werden – alltägliche und wiederholbare Handlungen, die den eigentlich entrückten Berg lebensweltlich präsent und zumindest mittelbar erfahrbar machen. Denn auch dies lehrt die Gedächtnistheorie: Kollektive Werte werden nicht einfach in irgendwelchen Speichern (Büchern, Archiven, Museen etwa) verwahrt, sondern entfalten ihre Funktion erst in der Aktualisierung, im Handeln mit und Deuten der angelegten Ressourcen.2

UNSICHERE VERHÄLTNISSE:NAMENSVIELFALT UND SPÄTE AUFMERKSAMKEIT

Als der Piz Buin 1865 erstmals bestiegen wird, hat er nicht einmal einen festen Namen, und das sollte auch noch eine Zeit lang so bleiben. Weilenmann wählte für seine Publikation „Der Piz Buin“ im Jahrbuch des Schweizer Alpenclub3 den im Engadin verbreiteten Namen, wie er auch in der sogenannten Exkursions-Karte eingetragen war, die an die Mitglieder des Schweizer Alpenclubs im Jahre 1865 ausgegeben worden war. Der 1863 gegründete Club hatte aus Anlass seiner in Chur abgehaltenen Generalversammlung die Silvrettagruppe zu seinem sogenannten Exkursionsgebiet für 1865 erhoben, d. h. man trachtete, die Mitglieder gezielt zu Touren im Gebiet zu motivieren, um die Erschließung möglichst systematisch voranzutreiben. Flankiert wurde dies durch die zeitgleiche Errichtung der Silvrettahütte, unterhalb des Silvrettagletschers gelegen und durch das Sardascatal gut erreichbar, der dritten Hütte des Clubs, die den Zugang in die Gruppe aus dem bereits 1859/60 durch die Eisenbahn mit Zürich und St. Gallen verbundenen Landquart beziehungsweise dem Rheintal sichern sollte.

Als der aus Guarda stammende gelehrte Pfarrer Peter Justus Andeer im „Jahrbuch der Naturforschenden Gesellschaft Graubündens“ aus Anlass der neuen Aufmerksamkeit für das Gebiet altes und neues Wissen aus dem Silvrettagebiet ausbreitet, erwartet er freudig „die Ankunft der schweizerischen Klubbisten“ und hofft, „dieselben möchten den Buin und dessen Nachbaren […] besuchen“4, und auch Iwan von Tschudi, einer der besten Kenner der Schweizer Alpen jener Jahre, spekuliert in einer Mitteilung im „Jahrbuch des Schweizer Alpenclub“ über vermeintliche frühere Besteigungen des Piz Buin.5 Er bleibt lange ein Berg, von dem man wenig weiß, und er zieht auch vergleichsweise spät überhaupt erst Aufmerksamkeit auf sich; als es so weit ist, sind selbst in den angrenzenden Bündner Alpen bereits sehr viel höhere und schwierigere Berge erstiegen. Zudem glich die Erstbesteigung nicht einmal einer sonderlich gezielten Tour; dass sie mehr oder weniger en passant erfolgt ist, wurde in der späteren Rezeption oft übersehen. Denn Weilenmann hatte sich mit Specht und Pöll in Galtür verabredet, um nach einer ein Jahr zuvor nur fast geglückten Besteigung des Piz Roseg „noch einmal vereint dem Berge zu Leibe zu gehen“6. Erst als man von dem um Rekognoszierung gebetenen Pöll erfuhr, „daß noch keine Siegeszeichen auf den Höhen der Silvretta-Gruppe flatterten“7, geriet quasi im Übergang ins Engadin und in die Berninagruppe der Piz Buin dezidiert in den Fokus.

Die ersten eingehenderen Publikationen von österreichischen Autoren wissen zwar bereits um den Erfolg Weilenmanns, bleiben aber noch länger unscharf in ihrer Terminologie. Dennoch lässt sich der Beginn eines ausgeprägten Bewusstseins für die besondere Bedeutung des Berges in den Sommer 1865 legen. Wenige Wochen nach der ersten Besteigung besuchte nämlich der vielseitig gebildete Bregenzer Jurist und Politiker Carl von Seyffertitz das Gebiet, um die „Hochbirgsreize des Vorarlberger Landes“ einem größeren Publikum näherbringen zu können. Er war offensichtlich davon so angetan, dass er fortan den – damals häufig noch für die gesamte zentrale Silvretta gefassten – Namen Vermunt als Pseudonym für eine Reihe alpinistischer Veröffentlichungen wählte. Auch wenn sein Besuch nicht eigentlichen Gipfeltouren galt, so stand sein Aufenthalt in Vermunt und vor allem das Zusammentreffen mit Jakob Pfitscher, dem legendären Alppächter und Begleiter Weilenmanns und Spechts, doch ganz unter dem Eindruck der zuvor erfolgten Besteigung. „Was mich vor allem anzog, war der von Specht und Weilenmann unter Jakob Pfitscher’s Führung eingeschlagene Weg auf den Albuinkopf“, berichtet Seyffertitz, und vor allem hebt er in seiner Beschreibung die herausragende Stellung des Berges explizit hervor: „Dieser Kogel ist der Piz Buin, oder Albuinkopf, die höchste Spitze des Landes Vorarlberg, (denn die Grenze geht gerade über ihn weg) mit nahezu 10500 W. F. Meereshöhe“8 [Hervorhebung im Original].

„DAS ERSTEMAL VON VORARLBERGERN“:DER LANDESBEZUG STELLT SICH EIN

Mit Seyffertitz’ Veröffentlichung hatte das Interesse an den höchsten Erhebungen des Landes offensichtlich die bergbegeisterte liberale Elite des Landes erreicht, wie sie sich bereits seit 1865 in den Mitgliederlisten des Österreichischen Alpenvereins fand. Und wenn ein gutes Jahrzehnt später für den Bergpionier und Kirchenmusiker Franz Josef Battlogg, damals Frühmesser in Gaschurn, der Piz Buin – nun mit eindeutigem Namen – bereits als „der Vielbeschriebene und Vielbestiegene“9 gelten kann, lässt sich fragen, was zwischenzeitlich geschehen ist und zu dieser rasant vollzogenen Veränderung beigetragen hat. Die Vorgänge haben viel mit dem Wechselspiel von Selbstwahrnehmung und Außendarstellung in dem damals politisch wie kulturell um seine Selbständigkeit ringenden Kronland zu tun, das seit 1861 zwar über einen eigenen Landtag und Landesausschuss verfügte, dessen Autonomie aber durch den Verbleib in der Zuständigkeit der k. k. Statthalterei in Innsbruck eingeschränkt blieb.

Keinen Hehl aus der Bedeutung ihrer Tat machte daher die als regelrechte Expedition organisierte erste Besteigung durch Vorarlberger Akteure. Regie führte dabei der Feldkircher Unternehmer Josef Andreas Tschavoll, der auch dafür sorgte, dass das Unternehmen in Schrift und Bild entsprechend gewürdigt wurde. Bereits am 25. August – da war die Gruppe noch zu Fuß auf dem Rückweg aus dem Engadin – brachte die „Feldkircher Zeitung“ eine erste Notiz:

Wenige Tage später folgte die explizit auf die Bedeutung für Vorarlberg hinweisende Ankündigung einer sich dann über Wochen hinziehenden Berichterstattung in zahlreichen Fortsetzungen:

„Wir machen hier darauf aufmerksam, daß unser Blatt demnächst in einer Reihe von Nummern die Beschreibung der am 23. August d. J. das erstemal von Vorarlbergern unternommenen und glücklich zu Stande gebrachten Besteigung des Piz Buin (Albuinkopfes), bekanntlich des höchsten Berges unseres Landes, aus bewährter Feder bringen wird.“11