Alpha-Boys - Aurel Mertz - E-Book

Alpha-Boys E-Book

Aurel Mertz

0,0
17,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

In seinem satirischen Sachbuch-Debüt »Alpha-Boys« geht Comedian Aurel Mertz dorthin, wo wenig geweint und noch weniger gelacht wird: zu den Brutstätten der neuen Männlichkeit. Theoretisch dürfen Männer sich die Fingernägel lackieren und müssen Konflikte nicht mit den Fäusten regeln. Doch so ganz scheint es dem Y-Chromosom nicht zu behagen, weshalb der Trend für junge Männer heute wieder zum traditionellen Rollenbild geht. Aurel Mertz, selbst Mann, ist davon komplett verwirrt: Warum nach Muskeln und Krypto-Geld streben, statt die Freiheiten einfach anzunehmen? Was hat uns so verletzt, dass wir Einsamkeit und emotionale Verrohung suchen? Worin unterscheiden sich Alphas eigentlich von Betas und Sigmas? Und was haben Trump, Putin und sogar Friedrich Merz damit zu tun? Allein unter Männern – ein Horrortrip durchs Patriarchat im Endstadium In »Alpha-Boys« begibt sich Aurel Mertz auf eine Reise durch die Manosphere und sucht all jene Orte auf, an denen die Männerseele leidet, aber auch Leid und Misogynie verbreitet. Mit seinem unverwechselbaren Humor findet er Antworten in Verletzlichkeit, im Kapitalismus und sogar im indonesischen Dschungel.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 290

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Aurel Mertz

Alpha-Boys

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Für junge Männer geht der Trend zurück zum traditionellen Rollenbild. Aurel Mertz, selbst Mann und dazu noch Comedian, ist davon komplett verwirrt: Warum nach Muskeln und Kryptogeld streben, statt unsere vielfältigen Freiheiten einfach anzunehmen? Was hat uns so verletzt, dass wir Einsamkeit und emotionale Verrohung suchen? Worin unterscheiden sich Alphas eigentlich von Betas und Sigmas? Und was haben Trump, Putin und sogar Friedrich Merz damit zu tun? In »Alpha-Boys« begibt sich Aurel Mertz auf eine Reise durch die Manosphere und sucht all jene Orte auf, an denen die Männerseele leidet, aber auch Leid verbreitet.

 

Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de

Inhaltsübersicht

Vorwort

I. Aufwachsen im Matriarchat

Mütter

Lehrmeister

Herrscher

Fußballstadion

Baumärkte

Choleriker

Vorgesetzte

Einsame Wölfe

Selbstmitleid

Schönheit

Testosteron

II. Deepdive in die Manosphere

Konsum

Coaching I

Pick-up-Artists

Zuhälter

Charisma

Leitwölfe

Therapie

Popstars

Großstädter

Verantwortung

Idole

Kieferbruch

Gerontokratie

Showbusiness

Katerstimmung

Hochzeit

III. Ein Dschungel voller Männer

Alpha-Retreat

Stoizismus

Milliardäre

Chefredakteure

Beef

Krypto

Mindset

Hochadel

Stehpinkler

Fleischfresser

Penisgröße

Krieger

Religion

Mansplainer

Persönlichkeitsentwicklung

IV. Reset im Raubtierkapitalismus

Nachbar*innen

Selbstverteidigung

Coaching II

Surfer

Neokolonialismus

Nachwort

Vorwort

Ich glaube, dass der Sieg des Mannes Trump eine Niederlage für das für mich immer noch nicht ganz fassbare Konstrukt »Männlichkeit« ist. Was bedeutet es für eine Gesellschaft, wenn eine einzige männliche Person Fakten verdrehen, Institutionen aushebeln und unser Verständnis von Moral verändern kann?

Wenn die Geschichte eine Sache gezeigt hat, dann, dass viele Männer nach Macht streben – also was, wenn die Mächtigsten von uns solche sind, die einen Krieg gegen Toleranz und Gleichberechtigung führen, keinen Fehler bei sich selbst sehen, die impulsiv sind und deren lebenslange Priorität finanzieller Reichtum ist? Wie prägt der Erfolg dieser Männer aktuelle und kommende Generationen von Männern?

Es mag sein, dass Männer für den Weltuntergang verantwortlich sein werden, und auf eines ist Verlass: Wir lassen die Welt unterhaltsam untergehen. Und so freue ich mich in den nächsten Kapiteln auf eine satirische Reise an all die Orte, an denen wir Männer leiden, aber auch Leid verbreiten, an denen wir uns finden und wieder verlieren und an denen sich entscheidet, ob wir Teil der Zukunft oder des Endes sein werden.

Aber springen wir erst mal etwas zurück. Zu einem Moment größter Langeweile: Irgendwann während der Pandemie habe ich angefangen, Mixed Martial Arts zu schauen, weil die Ultimate Fighting Championship (UFC) lange Zeit die einzige Sportorganisation war, die zu dieser Zeit Veranstaltungen abhielt. Anfangs konnte ich die brutalen Kämpfe aus Scheu nicht wirklich anschauen und gab mir nur die Zusammenfassungen und Analysen der glatzköpfigen Kommentatoren. Doch dann tastete ich mich langsam an die Live-Übertragungen heran und fand meinen Spaß an dieser Sportart, die Gewalt und Kampfkunst vereint.

Vor allem ein in Neuseeland aufgewachsener Kämpfer mit nigerianischen Wurzeln, Israel »The Last Stylebender« Adesanya, hatte es mir angetan: Ein schlanker Nerd mit Kickbox-Basis, der bei jeder Gelegenheit Anime-Referenzen in seine Kämpfe und Auftritte einbaute. Er pflügte in dieser Zeit wie ein Sturm durch seine Gewichtsklasse. Als man ihn in einem Kampf gegen den US-Amerikaner Kelvin Gastelum, den er zu verlieren drohte, die Worte »I am prepared to die!« mit den Lippen formen sah, bevor er dafür sorgte, dass das Blatt sich wendete und er seinen Gegner mit brillanter Technik zerlegte, war es um mich geschehen, und ich konnte ob der Willensstärke dieses Mofos nicht anders als Fan von ihm sein.

Die vor Testosteron platzenden Fleischköpfe von Zuschauern lachten noch, als er sich schließlich in kürzester Zeit zu einem Titelkampf hochgekämpft hatte und den Walk-out mit einer Tanz-Choreo startete.

Zehn Minuten später knockte er seinen Gegner, einen muskulösen Australier namens Robert Whittaker, mit einer blitzschnellen Rechts-links-Kombination aus, bei der er selbst seinem Gegner mit seinem langen Körper auswich, als wäre er Neo in »Matrix«. Der neue Champion griff sich das Mikrofon und brüllte: »Who says I have no knockout power? Who is too skinny, bro?«

Ein Anime-Kid mit lackierten Fingernägeln war plötzlich der beste MMA-Fighter der Welt, und es fühlte sich an, als wäre die Zeit der Bullies vorbei. Nerds waren die neuen Alphas. Und jetzt?

Nach mehreren spektakulären Titelverteidigungen ist Adesanya mittlerweile nicht mehr Champion, und die gesamte Sportart hat sich mehr denn je zu einer Shitshow entwickelt. Der Präsident der Organisation, Dana White, wurde dabei gefilmt, wie er seine Frau in einem Club geschlagen hat. Konsequenzen? Keine. Im Gegenteil, als enger Freund Donald Trumps hat er sogar auf dessen Wahlsiegesfeier im globalen Fernsehen gesprochen und sitzt im Board of Directors bei Facebook. Auf manchen Veranstaltungen der UFC ließ sich Donald Trump sogar persönlich blicken und lief, als würde er selbst kämpfen, von Kid Rock und Dana White begleitet unter tosendem Applaus der Tausenden Zuschauer in die Arenen ein. 2026 soll sogar ein Event der Ultimate Fighting Championship auf dem Rasen vorm Weißen Haus stattfinden.

Die smarten Fighter halten sich ob dieses extremen Rechtsdrehs der Organisation in ihren Aussagen zurück, während alle anderen voll und ganz dem MAGA-Vibe verfallen sind und nach erfolgreichen Kämpfen den Ring des orangenen Despoten küssen. Bei manchen Veranstaltungen ist sogar das halbe republikanische Kabinett in der Nähe des Rings zu sehen. Wenn die TV-Kameras Dumpfbacken à la Tulsi Gabbard, Kash Patel, JD Vance und RFK Junior einfangen, machen sie das Shaka in Richtung des Publikums, als seien sie berühmte Sportler oder Schauspielerinnen. Nichts illustriert die Verbroisierung der Politik und die Politisierung der Brokultur mehr als das öffentliche Gebaren dieser Pissgesichter.

Ein nicht unwesentlicher Bestandteil der UFC ist ihr Star-Kommentator Joe Rogan, der größte Video-Podcaster unserer Zeit und vielleicht mehr als jeder andere Gesicht der Brosphere. Mit plattformübergreifend um die vierzig Millionen Abonnenten und Millionen von Hörern pro Folge hat er eine der größten Reichweiten der Welt aufgebaut. Seine Anfänge machte er als Comedian, bevor er erste Erfolge als Moderator der Sendung »Fear Factor« und Kommentator der UFC hatte. Sein Podcast und Video-Podcast »The Joe Rogan Experience« war einer der ersten, in denen einfach drauflosgeredet wurde. Es fühlte sich genau an wie das, was es war: Man hörte ein paar abgefuckten Kumpels beim Saufen, Kiffen und Shittalken zu. Die Themen reichten von harmlosen Verschwörungstheorien zum Ursprung der Pyramiden über Wildtierjagd bis hin zu Psychedelic-Mushroom-Konsum. Die Zuhörer liebten die Randomness und nahmen das Besprochene nicht besonders ernst, so wie es sich für einen Comedy-Podcast gehört.

Doch irgendwo zwischen Trumps erster Präsidentschaftswahl und der Corona-Pandemie muss mit dem Chef-Bro Joe Rogan etwas Irreversibles passiert sein. Angepisst von den harten Restriktionen für das Live-Geschäft eines Stand-up-Comedians, zog der 1,40 Meter große Steroid-Verteidiger vom liberalen L. A. ins konservative Austin, Texas, und warf seine vormals eher linke Affiliation aus dem Fenster.

Seither artikuliert Rogan seine Abscheu vor US-Demokrat*innen, trans People, Kanada und allem, was nicht seinem neuen Red-State-Mindset entspricht, offensiv in seinem zur politischen Marionette verkommenen ehemaligen Comedy-Podcast und radikalisiert damit Millionen junger Männer weltweit. Die stundenlangen Episoden seines (Video-)Podcasts, immer mit einem oder mehreren Gästen, sind zu ewigen Selbstgesprächen verkommen, in denen Gäste und Publikum dem menschgewordenen Truthahn dabei lauschen (und auch zuschauen) müssen, wie er die immer gleichen rechten Talkingpoints wiederholt. Ausnahmen sind Folgen, in denen mächtige Opinion Leader mit Fascho-Flair zu Gast sind – dann räumt der einzige Stand-up-Comedian ohne funktionierenden Joke dem Gast die Fläche frei, dessen aberwitzigen Geistesdurchfall komplett ohne verbalen Pushback in Richtung seines Millionenpublikums zu feuern und damit die ewige Hassspirale weiterzuspinnen.

Meine Anwiderung für den ehemals respektablen Podcaster ergibt sich aus der Tatsache, dass er mit seinem entsetzlichen right-wing Grift eine regelrechte Goldjagd unter vielen meiner ehemaligen Lieblingscomedians in den USA losgetreten hat: Unterstützt von Joe Rogan haben sie ihre eigenen Podcasts zu rechten politischen Plattformen ummodelliert, weil sie erkannt haben, dass ihr junges männliches Bro-Publikum mehr als empfänglich für Inhalte dieser Art ist, und plötzlich wurden Comedians zu Steigbügelhaltern rechter Politik. Donald Trump persönlich ließ sich in vielen ihrer Podcasts im Wahlkampf blicken und erhielt öffentliche Empfehlungen von ihnen. Jetzt, wo sie mit den Konsequenzen rechts-republikanischer Politik wie Massenabschiebungen in ihren Communitys konfrontiert sind, waschen sich diese kompromittierten Bro Bitches die Hände in Unschuld und behaupten, nichts von diesen Vorhaben gewusst zu haben.

Diese Naivität mag man den Kollegen teilweise sogar glauben, ist sie doch genau der Grund, weshalb rechte Politiker sie neben ihrer beeindruckenden Reichweite etablierten Medien vorziehen. Sie sind keine ausgebildeten Journalisten mit Fachwissen und der Muße für Hintergrundrecherchen, sondern Comedy-Bros mit Selbstüberschätzung, die sich für die neue journalistische Elite halten.

Mag sein, dass wir Comedians, die diesen unüblichen Job in der Regel gewählt haben, weil wir nie das Gefühl hatten, dazuzugehören, besonders empfänglich für die Wertschätzung einflussreicher Männer sind. Dennoch: irgendwie ganz schön peinlich.

Warum mich meine verwirrten Kollegen nicht mehr losgelassen haben, warum mich der seltsame Trend zum traditionellen Rollenbild animierte, ein Buch zu schreiben, das mich auf der Spur des Geldes Tech-Milliardären und Scheichs begegnen ließ und mich bis ans andere Ende der Welt führen sollte, versteht ihr vielleicht am besten, wenn ich wirklich ganz von vorne beginne.

I. Aufwachsen im Matriarchat

Mütter

Als ich vor sechsunddreißig Jahren das Licht der Welt erblickte, wurde im Kreißsaal Erzählungen zufolge laut über meine froschartigen Beine gelacht. Für mich als Mann natürlich das erste L im Sinne von »Loss«. Muss man sich mal vorstellen: Man kommt auf die Welt, und noch vor dem ersten »Wie geht’s?« wird schon gelacht. Nur meine Uroma, eine schlesische Kräuterhexe, besaß wohl die Geistesgegenwärtigkeit, mir etwas Orientierung zu schenken, indem sie mich mit den Worten »Hallo Kumpel« auf diesem Planeten willkommen geheißen hat.

Die Begrüßung »Hallo Kumpel« ist interessant, weil sie mir direkt ein Geschlecht zuordnete, mit dem ich mich bis heute wohlfühle. Und glaubt mir, ich fühle mich sehr wohl in diesem Körper. Das ganze Programm: springen, tanzen, im Stehen pissen. Der männliche Körper ist ein Tempel, wir sind Cowboys, die Krone der Schöpfung. Keine Ahnung, so oder so ähnlich hat es mein Lehrer zumindest formuliert, als er den Mädchen in der achten Klasse erklären wollte, dass Männer schöner als Frauen seien, weil sie im Gegensatz zu ihnen kein Make-up bräuchten. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich damals weder die Notwendigkeit dieser Aussage verstanden habe noch die Leidenschaft, mit der ein erwachsener Mann in den Fünfzigern sie vorgetragen hat. Doch es schien ihm ein Anliegen zu sein, klarzustellen, dass sein Geschlecht, das männliche, besonders ist. Natürlich auf eine komplett heterosexuelle Art und Weise, no homo, wie man eine Zeit lang als Mann sagte, wenn man etwas machte, was theoretisch als homosexuell verstanden werden könnte, aber natürlich nicht homosexuell war, weil das vermeintlich unmännlich gewesen wäre – wobei ich als bisher heterosexueller Mann sagen muss, dass es eigentlich wenig Männlicheres gibt, als einen anderen Mann zu lieben.

Womit wir wohl beim ersten Punkt wären, bei dem mir viele widersprechen werden, und, machen wir uns nichts vor, es wird nicht der einzige bleiben. Ich bin mal so frei und spreche für die Gesellschaft: Wir sind uns nicht eins zurzeit. Unsere Definitionen von Männlichkeit gehen mittlerweile dramatisch weit auseinander. Möglicherweise wird zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte das Verhalten von Männern hinterfragt und sogar kritisiert. Fetter Downer, da bin ich ganz ehrlich. Dabei hatten wir so eine geile Zeit. Wir waren die Versorger, die Beschützer, die Entscheider – wir haben der Welt Orientierung gegeben, Milch und Honig waren im Haus, die Kassen waren voll, gefickt wurde reichlich. Als 1989er-Jahrgang kann ich zwar leider nicht genau beurteilen, wann diese mystische »Geile Zeit« gewesen sein soll, dennoch wollen wir Männer sie zurück! So werte ich zumindest die vielen Männlichkeitsbewegungen und Phänomene, denen ich mich in diesem Buch widmen werde.

 

Als jemand, der schon in der ersten Minute seiner Existenz ausgelacht wurde, blieb mir wahrscheinlich nichts anderes übrig, als zu versuchen, das Leben mit Humor zu nehmen. Meine Familie hatte ich immer als Außenseiterin wahrgenommen, eine Künstler*innen-Familie, in der es aufgrund von Untreue und Tod keine alten Männer gab. Wobei ich klarstellen muss, dass der Tod juristisch gesehen nie die Konsequenz der Untreue war. Das Männerbild, mit dem ich aufgewachsen bin, waren mein Papa und mein Onkel. Zwei liebevolle Männer, die von meiner Oma Karin alleinerziehend als die ersten in Stuttgart geborenen Schwarzen aufgezogen wurden. Dazu gab es familiäre Frauenbilder: die angesprochene und von mir über alles geliebte Oma Karin, die früh in meinem Leben feststellte, dass man für Enkel*innen mit beiden Eltern nicht zwingend Erziehungsverantwortungen übernehmen muss und ihnen stattdessen jeden erdenklichen Traum erfüllen kann. Meine Schwester, genauso wie ich Nutznießerin von Oma Karins Bereitschaft, auf Wunsch drei Tage die Woche Pfannkuchen mit Apfelmus zum Abendessen zu servieren. Eine Frau, die ich meistens sehr lieb habe und die ich heute aus dem Stand als meine beste Freundin bezeichnen würde, was sich im Verlauf dieses Buches jederzeit ändern kann. Während man damals im Kreißsaal über meine Froschbeine lachte, soll sie, anderthalb Jahre länger am Leben als ich, im Wartesaal mit einer Banane für mich gewartet haben. Oh Mann, ey, Frauen, so blöd, wissen nicht, dass Babys erst mal gar keine Bananen essen.

Da war außerdem meine Uroma, die schlesische Kräuterhexe, die coolste Person der Welt, sie nannte mich Kumpel, ich sie Mausele. Wenn ich als Kind bei ihr übernachtete, befragte sie erst mal ihr Pendel, ob Geister im Haus seien. An die stetig anwesende Präsenz des verstorbenen Vormieters konnte ich mich gewöhnen, was mir jedoch komplett die Nerven raubte, war das Buch über »spontane Selbstverbrennung«, aus dem ich ihr vor dem Schlafengehen vorlesen musste. Bis heute gibt es einen kleinen Teil in mir, der immer darauf gefasst ist, ohne Fremdeinwirkung in Flammen aufzugehen. Sie liebte es, sich zu gruseln, am liebsten zusammen mit ihrer Tochter, meiner Großmama mütterlicherseits. Da beide ihre Ehemänner früh durch Tod ohne überlieferte Untreue verloren hatten, bildeten sie ein unzertrennliches Kräuterhexen-Duo. Man traf sich nachts zu Ritualen im Mondschein, streichelte Katzen und machte gemeinsame Reisen nach Afrika. Die beiden strahlten immer eine unglaubliche Stärke aus.

Apropos Stärke, da gab es natürlich von Anfang an eine für mich ganz besondere Frau. Meine Mutter. Eine Künstlerin, die früh ihren Vater verloren hat, früh meinen Papa kennengelernt hat, früh Kinder bekommen hat und immer unsere Anführerin gewesen ist. Die stärkste Person, die ich kenne. Wenn bei uns Entscheidungen getroffen werden mussten, hat sie sie getroffen. Wenn es etwas zu reparieren gab, hat sie es repariert. Als mein Vater im Koma lag, hat sie die Familie mit zwei kleinen Kindern zusammengehalten. Machen wir uns nichts vor, sie ist schon auch wahnsinnig, und für meinen Papa ist es in über siebenunddreißig Jahren Ehe sicher auch mal anstrengend, aber so sindse eben, die Weiber.

Alle familiären Bezugspersonen in meiner Kindheit waren unfassbar starke Frauen oder Männer, die ohne Vater aufgewachsen sind. Ich frage mich, ob das der Grund dafür ist, dass ich Männlichkeit in meiner Jugend nie definiert oder hinterfragt habe. Gelegenheiten hätte es gegeben. Zum Beispiel, als der ältere Bruder eines Schulfreundes sich mit seinem Vater, der ihn monatelang abschätzig behandelt hatte, zum Kampf im Garten getroffen hatte. Die erste Auseinandersetzung verlor der Bruder, nachdem der Vater ihn mit einem Judowurf auf den Boden geschleudert und mit einer Hammerfist, also einer hammerartigen Faust, ins Gesicht geschlagen hatte. So cool!

Zum zweiten Kampf hatte der durch sein Fitnesstraining gestärkte Bruder meines Kumpels circa zehn Kilogramm zugelegt und klatschte seinen in die Jahre gekommenen Vater einfach direkt um. Es hatte etwas Rituelles, zu sehen, wie der junge Löwe den alten Löwen entthront hatte und seinen Platz als neuer König einnahm. Und tatsächlich behandelte ihn der Vater ab dem Tag wesentlich respektvoller, was ich an uralten tierischen Instinkten festmache. Vielleicht war der Vater aber auch dankbar, dass sein ältester Sohn es ihm weiterhin erlaubte, neben seiner Frau im Haus zu schlafen. Im Tierreich ein sehr unübliches Verhalten, aber der Bruder war eben sehr großzügig und hätte sich vielleicht auch nicht so richtig wohl damit gefühlt, fortan mit seiner Mutter im elterlichen Schlafzimmer zu wohnen. Was ich übrigens extrem weak von ihm fand, muss er aber selbst wissen.

Ansonsten wuchs ich relativ geschützt vor männlichen Grabenkämpfen auf, Papa und ich waren beide nicht an körperlichen Auseinandersetzungen interessiert, er eigentlich auch nicht an wörtlichen, meine ganze Familie nicht, bis auf mich. Dios mío, habe ich früh angefangen, Scheiße zu reden. Um mich ruhig zu stellen, entschied man, mich in einen Sportverein zu stecken. Fußball kam nicht infrage, weil meine Eltern nicht wollten, dass ich ein Mannschaftssport-Bro werde. Die Wahrheit ist aber, glaube ich, dass sie keine Lust hatten, mit den anderen Fußballeltern am Spielfeldrand zu stehen, Bier zu trinken und die Kinder der anderen Mannschaft zu beleidigen. Klingt für mich zwar erst mal nach einer guten Zeit, aber steckste nicht drin.

Also ging ich zum Leichtathletiktraining, zusammen mit den anderen Kindern mit schüchternen Eltern. Überraschenderweise zahlte sich das gleich mehrfach aus. Zum einen war ich mehrere Tage der Woche damit beschäftigt, mich mit Sport auszupowern, zum anderen traf ich dort auf die einzige Person, die jemals die Mittel gefunden hat, mir Disziplin beizubringen. Und schon wieder war es eine verdammte Frau. Bro, kein Plan, vielleicht waren die Männer in Stuttgart einfach herbe Pussys, aber diese Lady war eine Alpha-Löwin. Frau Wendt, ehemals Landesmeisterin im Diskuswurf. Stimmgewaltig, groß, streng. Sie machte aus einem Team von fünf zehnjährigen Jungs vier achtzehnjährige Athleten. Den fünften hat sie bei einem Wettkampf im hundert Kilometer entfernten Rottweil so lange angebrüllt, bis er sich entschied, dort ein neues Leben als Schmied oder so zu beginnen.

Während ich mich durch die Schuljahre noch souverän zum Abitur mogeln konnte, nutzte ich im Studium in Wien etwas der von Frau Wendt antrainierten Disziplin, um mich ins Berufsleben zu kämpfen. Dieser Lebensabschnitt startete bei mir zwar verhältnismäßig ungewöhnlich, dennoch machte ich Erfahrungen, die wohl so gut wie jede und jeder kennen wird, und fühlte mich zum ersten Mal wirklich abhängig von Hierarchien und Machtstrukturen, die meinen Blick auf Männlichkeit, unsere männlichen Egos und unsere Rolle in dieser Gesellschaft für immer prägen sollten.

Lehrmeister

Anfang 2013 startete für mich ein Projekt mit dem dramatischen Namen »Frank-Elstner-Masterclass«. Zusammen mit einem großen Verlag rief TV-Legende Frank Elstner einen Lehrgang ins Leben, in dem er fünfzehn Talente zu TV-Größen und Moderator*innen ranerziehen wollte. Nach einem längeren Castingprozess, den über eintausendfünfhundert Menschen durchlaufen hatten, stand fest, dass ich Teil dieser Klasse sein würde. Die Entscheidung hierzu wurde von einer Jury hauptsächlich bestehend aus einer Auswahl erfolgreicher Medienmänner getroffen. Absolute Topdogs der Branche. In Erinnerung geblieben sind mir vor allem ein legendärer Manager, aus dessen Mund jeder Satz wie ein Spruch aus einem Motivationskalender klang, ein Nepo-Baby, dessen erzwungene ewige Jugendlichkeit nur von seinem Größenwahn getoppt wurde, ein selbstverliebter Topjournalist, der heute mit ultrarechten Takes glänzt und versucht, sie mit seiner grenzenlosen Glattheit als neutralen Journalismus zu verkaufen, und allen voran Frank Elstner, der im Umfeld dieser Alpha-Dogs wie ein bescheidener, liebevoller Großvater wirkte. Während die anderen in dauernder Gefahr lebten, ihr eigenes Spiegelbild anzurammeln, strahlte Frank Elstner eine Souveränität und Gelassenheit aus, die man sich von einem Mann seiner Statur erhoffen würde. Er hatte sich nichts mehr zu beweisen, wirkte mit sich im Reinen und gab uns Talenten mit seiner bloßen Präsenz eine unglaubliche Sicherheit.

Ich fragte mich, wie eine Grinsekatze mit Konzentrationsschwäche wie ich – und nebenbei auch die einzige Person of Color – es mit damals dreiundzwanzig Jahren in diese Klasse schaffen konnte. Gleich am ersten Tag bekam ich die Antwort vom »Wetten, dass …?«-Erfinder selbst. Anscheinend hatten sich alle anderen Alpha-Dogs gegen mich ausgesprochen, weil sie der Meinung waren, ich würde nur ganz gut aussehen, könne aber nicht Deutsch sprechen – was mich zugegebenermaßen irritierte, da ich mich bis heute damit rühme, mein Schwäbisch auf Knopfdruck an- und ausschalten zu können. Jedenfalls teilte Frank Elstner den Herren mit, dass, wenn ich nicht in die Klasse käme, auch er nicht käme. Das hat mich berührt, und zum ersten Mal in meinem Leben sah ich in einem fremden älteren Mann eine Art Vorbild. Jemand, zu dem ich aufschauen wollte. Davor gab es für mich nur meinen Papa, meinen Onkel und Will Smith als Will Smith in »Fresh Prince of Bel-Air«. Drei schwarze, sich übrigens ein bisschen ähnlich sehende Männer und Frank Elstner waren plötzlich mein Mount Rushmore männlicher Vorbilder.

Wenig später saß ich allein in den Büroräumen, als FE, wie man die Fernsehlegende in dieser Masterclass abkürzte, überraschend durch den Türrahmen lugte. Seine weißen Haare klebten adrett wie ein Betontoupet über seiner von der Mallorcasonne gefalteten Stirn. Langsam lief er auf mich zu und streckte mir seine kleinen Hände entgegen. Ich liebte es, ihm die Hand zu geben. Auch als durchschnittlich großer Mann fühlte man sich wie ein Basketballprofi, wenn man seine zarten Fernsehmacher-Hände schüttelte. Wie die meisten alten Leute ließ er die Hand seines Gegenübers beim Handschlag während der ersten Sätze des Gesprächs nicht los, aber nicht auf die dominante Art und Weise, mit der die großen Worldleader wie Putin oder Cem Özdemir es machen, sondern vielmehr wie meine Omas, die der festen Überzeugung waren, sie könnten so einen Energietransfer einleiten.

Es war mein erster Moment allein mit dem für mich schon immer alten Moderator, und ich war so gespannt, mit welcher Weisheit mein auserkorener Mentor mich als Erstes beglücken würde. Und tatsächlich hatte er mir etwas zu sagen. Er schaute mir tief in die Augen und sprach sinngemäß: »Aurel, wenn ich so aussehen würde wie Sie, würde ich jeden Tag eine andere Frau daten.« Ließ meine Hand los und lief zur Tür hinaus.

Ich dachte, das glaubt mir niemand. Dann erfuhr ich, dass der Bro fünf Kinder von vier Frauen hat, this guy fucks! In einem späteren Gespräch erzählte er mir, dass es eines seiner großen Versäumnisse sei, dass es nicht gleich mit einer Frau geklappt habe. Darüber zu urteilen, möchte ich mir nicht anmaßen. Players be playing, Mr. Elstner. You do you, King. Aber die Tatsache, dass sich dieses Vorbild direkt mit so irdischen Bedürfnissen bei mir gemeldet hatte, rückte meine Erwartungshaltung an männliche Idole direkt wieder in einen realistischeren Rahmen, und dafür werde ich Herrn Elstner für immer dankbar sein. Aber nicht nur dafür. In dieser Welt der dominanten Medien- und Geschäftsmänner, in die ich in den folgenden Jahren geworfen wurde, sollte er für mich immer als eine Art Leuchtturm dienen. Ein Mann, der alles erreicht hatte und der sich dennoch immer mit Bescheidenheit und Demut durch diesen Zirkus der Alpha-Vögel bewegte. Ich bin bis heute stolz, diesen Mann, der hinter dem manchmal etwas zu seriös erscheinenden Auftreten eine unfassbare Gewitztheit versteckt, einen meiner größten Förderer zu nennen. Eine Legende, die sich immer für bedrohte Tierarten und die weniger gefährdete Art »Junge Menschen, die das Bedürfnis haben, in eine Kamera zu sprechen« eingesetzt hat.

Herrscher

Den ersten bewussten Kontakt mit dem Wort »Patriarchat« hatte ich über einen Aufkleber auf dem Schulklo: »Kill the patriarchy«. Das ließ mich als jungen Mann irritiert zurück. Warum sollte jemand das Patriarchat killen wollen? Und überhaupt: eine männliche Vorherrschaft? Das Land wurde doch von dieser Frau regiert. Einer Frau, der ich lange nicht besonders viel Charakter zuordnen konnte. Alles, was ich anfangs über sie wusste, war die Zugehörigkeit zu einer Partei namens CDU, die in meiner konservativen Geburtsstadt Stuttgart zwar beliebt war, sich aber in meiner eher von Pleite verfolgten Künstler*innen-Familie nicht unbedingt der größten Sympathie erfreute.

Richtig wahrgenommen hatte ich Angela Merkel eigentlich erst in der legendären Elefantenrunde, als sie dem armen, trotzigen Sozialdemokraten das Kanzleramt abluchste. Ich kann mich noch gut erinnern, wie souverän sie schien, während Gerhard Schröders Uneinsichtigkeit die Falten in seinem Arbeiterparteigesicht zu dicken Furchen mutieren ließ. Schröder war für mich immer ein Mann-Mann. Die Haut im Gesicht so dick wie man sie nur haben kann, wenn man jahrelang ohne Gesichtspflege im Wind steht, eine Stimme, so verschleimt, dass man ihm zurufen wollte: »Räuspern Sie sich mal!«, und Hände, so rau wie sein peinlicher Umgangston an diesem Abend. Die unscheinbare Frau, die ihm mit vermeintlicher Leichtigkeit die Kontrolle über unser Land abgenommen hatte, war nun die Bosslady, also, wieso redeten die Leute trotzdem von einem Patriarchat? Später stellte ich fest, dass genau diese Differenz in der subjektiven Wahrnehmung bei vielen Männern zu einer Art Radikalisierung beitragen sollte.

 

Aber kommen wir zu den guten Nachrichten. Wir Männer sind zurück. Machen wir uns nichts vor, hier und da ein paar Skandale, Me-too, Epstein, Weinstein, Diddy, dies, das, Massenmord, alles ein kleiner PR-Hick-up, sage ich mal. Doch seit dem Tod der Queen bekleiden wir eigentlich wieder fast alle wichtigen Ämter. Wir sind König von England, wir sind Papst, und sogar der Kanzler ist wieder ein Mann, und was für einer.

Friedrich Merz, der sogenannte Transatlantiker, mit einem Charme, wie ich ihn sonst nur von frisch pensionierten Schwaben kenne, die sich mit ihrer neu gewonnen Freizeit jeden Samstag in ein städtisches Eiscafé setzen, immer mit Fahrradhelm auf, ihr Eis mit großem Zungenschlag und langsamen Bewegungen aus der Waffel schlecken, um ihre Frauen mehrere Stunden anzuschweigen. Trotz dieser senil wirkenden Ruhe wissen wir: Er ist auch ein Mann, der große Töne spuckt, also, eigentlich spuckt er hauptsächlich große Töne. Rambo Zambo, wie er sich mittlerweile sogar selbst gerne nennt. Ein Mann, der Deutschland wieder Sicherheit geben möchte, und das mit dem Feingefühl eines Geldaristokraten, von dem man erwarten würde, den Familienwelpen hinterm Haus zu erschießen, sollte dieser vor kindlicher Aufregung auf den Teppich pinkeln.

Aus Stuttgart kenne ich viele Männer dieser Sorte. Am Samstagabend fährt man im Midlife-Crisis-Sportwagen in die Oper, um sich dort nach einer harten Arbeitswoche mal richtig auszuschlafen. Der Rest der Woche besteht daraus, in jeder Kommunikation Herzlosigkeit mit Besonnenheit zu verwechseln. Männer dieser Sorte leben von einer längst vergangenen Zeit, in der es vor allem ihnen und ihren Gleichgesinnten anscheinend besser ging. So genau kann das aber niemand beurteilen, weil man in dieser Zeit nicht über Probleme gesprochen hat. Der Blick ging immer nur nach vorne, was ironisch ist, weil genau sie jetzt diejenigen sind, die nur zurückblicken. Friedrich Merz reiht sich damit in die Renaissance männlicher Anführer alter Schule ein. Ihr Blick auf die Welt kann von traditionell bis zu mittelalterlich variieren. Sie alle lieben Polemik, Populismus und natürlich das Vaterland, das es zu schützen gilt.

Während die Liebe fürs Vaterland sich bei Friedrich Merz zumindest ganz im Sinne deutscher Bescheidenheit auf die Besinnung deutscher Werte und Grenzen beschränkt, nimmt sie bei anderen Kalibern dieser Herrschergeneration dramatischere Züge an.

Donald Trump, ein Präsident, wie ihn nur die landgewordene Reality-Show »USA« hervorbringen konnte. Eigentlich ist er nie ein klassischer Präsident gewesen, sondern ein Kultführer, und sein Kult heißt MAGA: »Make America Great Again«. Eine Gruppe Nationalisten, die die Überzeugung vereint, die USA und ihre *räusper* vor allem weißen Bewohner, seien das Beste und Wichtigste überhaupt. Dass dieser Kult genug Sympathisant*innen gefunden hat, um ihn ganze zwei Mal zum mächtigsten Mann der Welt zu machen, ist mehr Diagnose als Wahlergebnis. Eine Diagnose, die einer Gesellschaft attestiert, das Gefühl zu haben, zu kurz zu kommen, und glaubt mir, wenn jemand das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, dann sind das wir Männer.

Jahrtausendelange Dominanz, unterbrochen durch plötzliches Hinterfragen, ob das denn alles so geil war, was wir bisher auf diesem Planeten gemacht haben – das geht schon an die Substanz. Plötzlich labern die Leute was von Frauenquote und dem Schließen der Gender-Pay-Gap, also der ungleichmäßig verteilten Einkommensstruktur zugunsten des Mannes, was soll der Scheiß? Da kann man sich schon mal radikalisieren und einen angeblich durch sexuelle Übergriffe auffälligen Milliardär wählen, der mit kalkulierter Kälte vorgibt, am Wohlergehen seiner relativ männlichen Stammwählerschaft interessiert zu sein. Die Testosteronpumpen in meinem drahtigen Fünfundsiebzig-Kilogramm-Körper fühlten sich bis über den Großen Teich gesehen, wenn der menschgewordene Laber-Podcast hinterm Rednerpult alles beleidigte, was politisch nicht auf einer Linie mit ihm ist. Das Einzige, was Trump schon immer besser schmeckte als Fast Food, ist die eigene Zunge in seinem Mund. Jedes Wort ein Zungenkuss.

Anfang 2025 natürlich großes Aufatmen, dass diesem Mann wieder nicht nur die Waffe der öffentlichen Beleidigungen zur Verfügung steht, sondern das gesamte All-inclusive-Welt-terrorisieren-Paket, das das Amt des mächtigsten Mannes der Welt mit sich bringt. Was ihn und seinen Wasserträger und möglicherweise designierten Nachfolger JD Vance von vielen ihrer Vorgänger unterscheidet, ist die Skrupellosigkeit, mit der sie bereit scheinen, dieses Paket einzusetzen. Passt ihnen etwas nicht, dann wird »verhandelt«. Wobei man dazu sagen muss, dass das MAGA-Verständnis von Verhandlung für mich als Laien ohne Business-Abschluss immer eher nach Erpressung aussieht. Ist jemand nicht ihrer Meinung, so wird sie dem Gegenüber mit maximalem Druck unter Augen der Weltöffentlichkeit aufgezwungen. Mobbing einfach effektiver mit Atom-Codes, Baby.

Aber das wirklich Besondere am Phänomen »Donald Trump« ist: Er scheint der Begründer einer Spezies Mann ohne Selbstzweifel zu sein. In einer Zeit, in der jeder noch so selbstbewusste Mann zum Nachdenken gezwungen wird, ist und war in ihm schlicht und ergreifend noch nie die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu erkennen. Und genau das macht die Trump-Ära so unendlich viel gefährlicher, als es das aufgedrehte Erscheinungsbild vermuten lässt. Hinter dem kürbisfarbenen Spraytan, der MAGA-Cap, dem unförmigen Anzug und dem von Coca-Cola und McDonald’s geformten American Dream Body aus Übergewicht und fahler Haut offenbarte sich in den letzten zehn Jahren die gefährlichste Form Narzisst, die diese Welt hervorbringen kann: ein unfassbar mächtiger. Ein Mann, der Wohlstand statt Empathie in die Wiege gelegt bekommen hat, und der das, was ihm an Intelligenz fehlt, immer mit seiner Besonderheit ausgleichen konnte. Wozu braucht man in dieser Welt der einfachen Antworten Intelligenz, wenn man eine Marke und vor allem in der Lage ist, die Vergötterung für das eigene Selbst anderen wie einen Knebel aufzuzwingen?

Sein Antrieb, sich zum dritten Mal für das Amt des Präsidenten zu bewerben, war wohl eher nicht der Wunsch, Gutes für die Menschen zu tun, sondern die Sehnsucht nach der größten Schwanzverlängerung der Welt, dem Weißen Haus. Eine Bühne, die ihn zum Zentrum der westlichen Welt macht.

Schon im Wahlkampf hatte man das Gefühl, jedes Mikrofon sei für ihn die Gelegenheit für ein Therapiegespräch auf Weltebene gewesen, doch statt guter Ratschläge und kritischer Nachfragen gab es nur seinen geliebten Applaus. Kein Wunder, reagiert doch die gesamte Trump-Regierung auf Kritik der Presse wie ein beleidigtes Kind, denn alles, was sie möchte, ist, verehrt zu werden. Ich sage bewusst »verehrt« und nicht »geliebt«, da ich nicht wirklich daran glaube, dass ein Narzisst wie Donald Trump ein Gefühl wie Liebe jemals verstanden hat.

 

Im Doom-Konsum sehe ich mir zurzeit Hunderte Interviews von Donald Trump an, sogar in einige seiner Rallyes aus 2024 habe ich reingeschaut. Immer fabulierte er schlimmer als jeder Opa im Vereinsheim, aber er bediente sich des Mittels guter Comedians und verpackte Grausamkeit in Leichtigkeit. Das Absurde ist jedoch, dass sein eigenes Schaffen häufig der Ursprung der Grausamkeit ist. Quasi eine brillante Scheinsatire auf das eigene Selbst.

Dennoch, während ich ihm dabei zuschaue, wie er im Interview bei Brosphere-Comedian Theo Von sitzt und, wie es von ihm erwartet wurde, in höchsten Tönen von sich selbst und in schlechtesten Tönen von seinen Gegner*innen spricht, empfinde ich plötzlich Sympathie. Ich versuche im Schock, zu analysieren, woher dieses Gefühl kommt, und skippe etwas zurück. Er stellt dem Comedian eine einzige persönliche Frage, und, zack, ist es um mich geschehen. Von einer Sekunde auf die andere ist er für mich nicht mehr das bedrohliche Elend, sondern ein besorgter Opa im Anzug. Im Weiteren spricht er über seinen an Alkoholsucht verstorbenen Bruder, und plötzlich fühle ich mit ihm. Als er dann noch Verständnis für das Leid alkoholkranker Menschen zeigt, bestelle ich mir in einem großen Online-Versandhandel US-Flagge und MAGA-Cap im Bundle. USA! USA! USA!

Als ich etwas später erfahre, dass er aus dem Gazastreifen eine Resortstadt für reiche US-Amerikaner*innen machen möchte, werde ich wachgerüttelt. Ich bin in eine typische Trump-Falle getappt, die man aus jeder toxischen Beziehung kennt: Wenn ein Mensch normalerweise emotional kalt ist, wird jedes Anzeichen von Gefühl und Empathie als besonders wertvoll bewertet. Unsere Fantasie springt an und verzerrt die Realität, weil wir uns so gerne vorstellen, dass diese Person vielleicht doch nicht so schlimm ist.

Das Gefährliche ist jedoch, dass ich nicht der Einzige bin, der auf dieses Phänomen reinfällt. Während seines Wahlkampfes besuchte Donald Trump die Podcasts vieler Medienpersönlichkeiten und Comedians, mit dem Ziel, junge Männer für sich zu gewinnen, und das mit Erfolg. 52 Prozent der Männer unter 45 Jahren stimmten für Donald Trump und 44 Prozent für Kamala Harris. Ein Sieg für den Populismus mit der Unterstützung von uns Männern. Denn trotz der Tatsache, dass wir selbstdenkende Löwen sind, sind Männer statistisch gesehen leichter durch populistische Aussagen zu beeinflussen, und das macht mir Angst.

Es macht mir Angst, in einer Welt zu leben, in der wir Männer uns wieder radikalisieren und radikalisiert werden, in der Algorithmen und Superreiche bestimmen, was wir zu sehen bekommen, in der meine eigenen Leute, männliche Comedians, Wahlen zugunsten von rechts und sogenannter antiwoker Ideologie beeinflussen, in der Männer nur eine falsche Google-Suche davon entfernt sind, öffentliche Institutionen mit selbst gebauten Rohrbomben anzugreifen, in der wir aus Frauenhass Amok laufen, einer Welt, in der von uns existenzielle Gefahr für unsere Mitmenschen ausgeht und in der wir aus Ideologie und territorialem Anspruch heraus unterdrücken, morden und Kriege führen.

Dieser Welt liegen verschiedene Fragen zugrunde: Warum können wir uns nicht einfach einer Gesellschaft hingeben, in der wir nicht mehr hart sein müssen und unsere Schwächen und unsere Verletzlichkeit akzeptieren? Warum reagieren so viele von uns Männern auf Bewegungen der Gleichberechtigung mit dem Anspruch, in veraltete Ideale von Männlichkeit zu eskalieren? Und warum zur Hölle benehmen wir uns dabei so peinlich, als wäre das gesamte Geschlecht »Mann« in der Midlife-Crisis?

Fußballstadion

Letzten Freitag fragte mich ein ebenfalls in Stuttgart aufgewachsener Freund, ob ich spontan Lust hätte, mit ihm und ein paar anderen Exil-Schwaben zum DFB-Pokalfinale des VfB Stuttgarts gegen Arminia Bielefeld zu gehen. Alles, was ich dafür tun müsse, sei, mich am Vormittag auf dem Brunch einer Sport-Marketing-Agentur blicken zu lassen. Entgegen meinem Instinkt, mögliche Fußballverabredungen direkt abzusagen, sagte ich zu.

Am Samstagmorgen vor dem Spiel mache ich mich also auf den Weg zum Brunch. Schwer verkatert betrete ich das weitläufige Café und blicke in ein Meer aus Powerjürgens. Enge Jeans, weiße Sneaker, hell- bis dunkelblaue Blazer. Ein Stil, der Fußballdeutschland vom ZDF-EM-Studio 2012 in Usedom aufgezwungen wurde und der seither für jeden Mann, der es wagt, öffentlich über die schönste Nebensache der Welt (würg) zu reden, verpflichtend ist. Mein Kumpel erklärt mir, dass die meisten hier Funktionäre, Nobelfans und Spielerberater seien. Ich sehe auch den ein oder anderen Ex-Nationalspieler, auch sie sind in diese blazergewordenen Strandkörbe gehüllt, nur dass ihre Scheitel etwas besser sitzen.