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Als das Leben mich aufgab, war ich 16 Jahre alt und trug keine Schuhe… Keine Ahnung, wie ich gestorben bin oder wie ich heiße, aber ich nenne mich Mai. Ja, richtig, wie der Monat. Im Jenseits wollten sie mich nicht haben. Zu viele unerledigte Dinge, haben sie gesagt. Darum stehe ich jetzt hier mit einer Handvoll Briefe an Menschen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Doch möchte ich das überhaupt? Möchte ich meine Vergangenheit wiedererwecken? Wissen, wer ich war, wen ich liebte und wie ich starb? Eigentlich nicht und doch wird diese Reise mich im Tod mehr über das Leben lehren, als es das Leben selbst je gekonnt hat. Ein gefühlvoller Roman über das Leben und was Verlust wirklich bedeutet – Für alle Fans von John Green und Colleen Hoover
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Veröffentlichungsjahr: 2026
eBook-Lizenzausgabe Januar 2026
Copyright © der Originalausgabe 2023 Bookapi Verlag, Kappenzipfel 4, 89312 Günzburg
Copyright © der Lizenzausgabe 2025 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nina Hirschlehner
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (cdr)
ISBN 978-3-69076-550-3
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Ney Sceatcher
Roman
Für Hilda, dank dir werden all meine Geschichten für immer weiter leben. Ich sollte mich eigentlich bei dir bedanken.
Es ist wahr, traurige Menschen schreiben wunderbare Texte
Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich bald sterben würde, hätte ich gelacht. Ich hätte den Kopf geschüttelt und gelacht, mich umgedreht und nicht mehr als einen Gedanken daran verschwendet. Ich war jung, hatte mein ganzes Leben noch vor mir. Erst jetzt fing das Leben an, jetzt konnte ich die Welt entdecken.
Wieso sollte also ausgerechnet ich sterben? Ich, das Mädchen mit den hellen Haaren und den blaugrauen Augen. Das Mädchen, das ständig in seinen Tagträumen versank und sich ausmalte, wie sein Leben in zwanzig Jahren wohl aussehen würde.
Doch dieses bodenlose Schwarz, das sich neben mir auftat, zeigte mir immer deutlicher, wie die Wirklichkeit aussah. Schwarz war nicht nur eine Farbe, es war ein Abgrund, ein Versteck, eine Fluchtmöglichkeit.
Alles wirkte so leicht und meine Füße flogen nur so über den Boden. Mein gesamter Körper fühlte nichts außer der trägen Leere um mich herum. Das Einzige, was mir bekannt vorkam, war dieses Lied, das ständig erklang.
Fight Song …
Ich fühlte mich wie dieses kleine Boot, umgeben von Wellen aus Dunkelheit. Es schien, als würden die Klänge durch die Düsternis tanzen, ganz leise wie ein Flüstern. Die Melodie ließ mich irgendwie noch ein kleines bisschen leben, obwohl das alles gar keine Rolle mehr spielte.
Als das Leben mich aufgab, war ich sechzehn Jahre alt und trug keine Schuhe.
Du sollst dich mit dem Leben befassen, mit jedem einzelnen Kapitel davon.
Wir alle tragen ihn in uns. Diesen kleinen Funken Hoffnung, der uns am Leben erhält. Er beinhaltet all unsere Träume, all unsere Wünsche. Wir tragen ihn in unseren Herzen und auch in unseren Gedanken. Wie ein Licht, das ständig weiterbrennt in dieser Dunkelheit voller Schatten und bösen Albträumen. Wenn wir lachen, strahlen wir diese Zuversicht aus. Wir leben für sie Tag für Tag, bauen Brücken und Häuser mit diesem kleinen Funken, den man Leben nennt. Bis das Leben eines Tages diesen Funken überholt und wir aufwachen. Wir tragen dann immer noch die Hoffnung in unseren Herzen, jedoch ist ihr Funke so klein, dass er bei der leisesten Bewegung erlischt. Wir sterben aber nicht einfach so, gehen nicht leichtfertig in die Finsternis. Wir hinterlassen Spuren, helfen anderen, ihren Funken zu erhalten, geben ihnen Hoffnung und bauen ihre Brücken zu Ende. Ja, sobald unsere Zeit endet, gehen wir in eine andere Welt. Wir nehmen Abschied, aber all die guten Worte und Taten bleiben auf diesem Planeten und hinterlassen Spuren. Spuren, die selbst die Dunkelheit nicht zerstören kann.
-
Als ich starb, fühlte ich mich leicht und es kribbelte überall, als ob tausende Ameisen über mich hinwegklettern würden.
Außerdem setzte meine Atmung aus. Auch der Körper selbst schien sich in eine helle, beinahe durchsichtige Hülle verwandelt zu haben.
Das Einzige, was geblieben war, waren all die Erinnerungen und die Gefühle, die ich im Laufe meines Daseins gesammelt hatte.
Doch mit der Zeit verschwanden auch die. Man vergaß immer mehr, jeden Tag ein bisschen. Anfangs wehrte man sich dagegen, irgendwann gab man auf und sah es ein. Immerhin war man nur noch ein Umriss und kein Mensch mehr. Das klang vielleicht erschreckend, aber sterben war ein langer Prozess. Die Hülle war weg und nun musste auch noch der Rest mit dem Leben abschließen.
Es war wie in einem Traum und man hatte das Gefühl, zu schweben. Alles fühlte sich so leicht an, nichts tat mehr weh. Auch die Beweglichkeit spielte hier keine Rolle mehr.
»Könnten Sie bitte?«, erklang eine Stimme neben mir.
Überrascht drehte ich den Kopf in die entsprechende Richtung. Eine ältere Dame stand dort. Sie trug ein zitronengelbes, knielanges Kleid und die grauen, fast weißen Haare lockten sich um ihren schmalen Kopf. Ihre ausgestreckte Hand zeigte auf einen Stuhl direkt neben mir. Dort lag meine Jacke. Wieso ich eine Jacke trug? Ich wusste es nicht.
Die Frau machte komische Geräusche und holte übertrieben laut Luft.
»Sie können damit aufhören. Hier müssen Sie nicht atmen«, sprach ich beruhigend auf sie ein und nahm meine rote Lederjacke zur Seite.
Sie nickte, schnappte aber immer noch gierig nach Sauerstoff. Irgendwann würde sie merken, dass sie den nicht brauchte. Ihr Körper machte das nicht mehr automatisch. Jedoch klammerten sich alle verzweifelt an diesen letzten Funken Menschlichkeit, als könnte man damit ein Stückchen Leben festhalten.
Sie setzte sich neben mich und blickte geradeaus. »Sie sind ein hübsches Mädchen. Warum sind sie gestorben? Drogen?«
Ich rollte mit den Augen. Seit ich hier war, hatte ich diese Frage unzählige Male gehört.
Gelangweilt streckte ich meine Füße. Seltsamerweise trug ich keine Schuhe. Eine Jacke hatte ich, aber ich bekam keine Schuhe. Was war das bitte für ein Tod?
»Keine Drogen. Ich war eine Geheimagentin und wurde bei einem Auftrag von einer Kugel getroffen.«
Die ältere Dame nickte.
Ich erfand ständig Geschichten über meinen Tod. Irgendwie hatte ich sie nämlich vergessen – die Geschichte, wie ich gestorben war.
»Wie lange warten Sie schon?«
Ich drehte meinen Kopf in ihre Richtung. »Ich habe meine Uhr leider nicht dabei«, sprach ich. Sie nickte erneut. Hier gab es keine Zeit und es brachte nichts, darüber nachzudenken.
Die Frau wandte sich ab und vollführte weiterhin ihre übertriebenen, lautstarken Atemübungen.
Ich blickte erneut nach vorne. Das hier war nicht mehr mein Leben, denn das war bereits zu Ende. Wahrscheinlich lag ich nun irgendwo auf der Menschenwelt, vergraben in einem morschen Sarg und wartete darauf, von gierigen Würmern und Maden verspeist zu werden.
Vielleicht war ich auch das Opfer eines Schuhfetischisten geworden und befand mich nun barfuß in irgendeinem Wald.
Der Warteraum des Himmels war das absolut Langweiligste, das man sich vorstellen konnte. Es gab zwei Türen in diesem Raum. Eine grüne, durch die die kürzlich Verstorbenen kamen, und eine blaue, durch die man ging, sobald man das Okay einiger Himmelsboten bekommen hatte. Engel hatten kein lockiges Haar und Flügel, die im Sonnenschein glitzerten, sie glichen eher einer ausgeblichenen Version eines Pizzalieferanten oder einer überarbeiteten Sekretärin, die sich ständig ein Gähnen verkneifen musste.
Zwischen diesen beiden Türen lagen etliche Stuhlreihen, auf denen Tote hockten und ins Nichts blickten. Es schien jedes Mal eine Ewigkeit zu dauern, bis jemand aufstand und nach vorne geholt wurde. Dabei spielte es keine Rolle, wer bisher am längsten gewartet hatte. Nein, auf diese Regelung achtete hier niemand.
So durfte ich also mit ansehen, wie ein alter Herr, dem beinahe die Augen ausfielen, bereits nach kurzer Zeit aufgerufen wurde. Auch die Dame mit dem Kleid in der Farbe eines Zitronenfalters kam schnell an die Reihe.
Seufzend sah ich mich um. Vielleicht lagen ja irgendwo meine Schuhe. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, wie sie ausgesehen hatten.
Erneut ließ ich meinen Blick zu dem grünen Eingang schweifen, durch den bereits ein neuer Toter kam. Es war ein kleiner Junge mit einem Skateboard unter dem Arm. Die Tür ging auf und schloss sich wieder. Dieses Spiel wiederholte sich einige Male. Immer mehr Tote versammelten sich in dem inzwischen vollen Warteraum.
Langsam aber sicher fragte ich mich, wohin dieser Weg wohl führte. Führte er etwa wieder in die Menschenwelt? Die Neugier überkam mich. Vielleicht sollte ich einfach hindurchgehen und zurück zu meiner Familie, falls ich überhaupt eine hatte.
Hier war es langweilig. Darum beschloss ich in dem Moment, als die Tür ein weiteres Mal aufging und ein Mann mit einem Kugelschreiber im Kopf heraustrat, dass ich definitiv zu lange warten musste. Mit einer raschen Bewegung schlüpfte ich durch den grünen Eingang.
Plötzlich schien es, als ob ich eingesaugt wurde. In meinem Kopf malte ich mir bereits aus, wie es wohl sein würde, wenn ich zu Hause wäre.
Doch meine Erwartung schrumpfte dramatisch, als ich zu mir kam und mich direkt vor dem Schreibtisch eines Engels befand.
Du wirst diese Welt niemals erklären können. Du kannst versuchen sie zu malen, sie zu beschreiben. Doch jeder sieht diese Welt anders, als ob jeder einen eigenen Filter hätte, der die Welt in unterschiedliche Farben taucht. Ich denke, das ist es, was unsere Welt ausmacht. Wir alle sind verschieden und doch irgendwie gleich.
Ich hatte es also geschafft. Ich war bei einem dieser riesigen Büroschreibtische angelangt, saß auf einem kleinen Stuhl und blickte ehrfürchtig nach vorn zu einem Himmelsboten mit langem braunen Haar und gelangweiltem Blick.
»Du bist durch die Tür gegangen«, sprach er. Noch immer war seine Miene ausdruckslos. Nervös hatte ich die Hände ineinander verschränkt.
»Bin ich jetzt endgültig tot?«, wisperte ich.
Anscheinend hatte ich unabsichtlich etwas Komisches gesagt, denn es entlockte dem Engel ein Lachen, er schüttelte einige Male den Kopf und deutete auf einen großen Haufen Papiere neben sich. »Es hat einen Grund, wieso du so lange warten musstest. Du hast etwas auf der Erde vergessen und das belastet deine Seele so sehr, dass sie nicht Abschied nehmen kann. Also nein, so ganz tot bist du noch nicht.«
Ich warf einen Blick auf meine nackten Füße. Roter Nagellack zierte jeden Fußnagel. Es war ein dunkler Ton, welcher beinahe an Blut erinnerte.
»Sie meinen bestimmt meine Schuhe«, antwortete ich zögerlich. Immerhin beschäftigte mich das schon ein bisschen.
Der Engel brach in ein lautes Gelächter aus. Jedoch sammelte er sich bald wieder und beugte sich ein wenig über den Schreibtisch. Er griff nach den Papieren, die direkt vor mir lagen, und reichte sie mir. Erst jetzt erkannte ich, dass es Briefe waren. Einfache, weiße Umschläge, auf denen verschiedene Namen zu lesen waren. Irgendwie kamen sie mir bekannt vor, allein die Schrift ließ mich zusammenzucken. Jedoch konnte ich mir nicht erklären, weshalb.
»Das sind deine Briefe. Du hast sie immer dann geschrieben, wenn dich etwas bedrückt hat. Sie sind an Freunde oder Familienmitglieder adressiert. Jeder einzelne hat einen Empfänger. Allerdings hast du sie niemals abgeschickt.«
Ich berührte die weißen Umschläge ganz vorsichtig. Das hier war also ein Teil meines alten Lebens. Ich konnte mich nicht entsinnen, sie geschrieben zu haben. Leise las ich die Namen der Empfänger. Ich kannte keinen von ihnen, weder einen Leo noch eine Liv. Zumindest erschien kein Rückblick in meinen Gedanken.
»Sind Sie sicher, dass das meine Briefe sind?«, fragte ich zögerlich.
Zuerst hatte ich Angst, der Engel würde wieder lachen, doch dieses Mal nickte er nur. »Das sind deine Briefe. Geh zurück auf die Erde und verteil sie."
»Ich soll noch mal zurück? Ich kenne diese Personen nicht einmal.«
»Die Erinnerungen werden kommen, sobald du die betreffenden Personen siehst. Natürlich werden die Menschen dich anders wahrnehmen. Deine Liebsten dürfen nicht wissen, dass du es bist. Darum werden wir dein Äußeres verändern.« Der Engel räusperte sich und zeigte auf eine Tür direkt hinter mir. Wenn mein Herz noch funktionieren würde, würde es jetzt wahrscheinlich wild klopfen. Ich war doch tot. Was sollte ich also auf der Erde? Wieso überhaupt Briefe verteilen? Ich war schließlich kein Postbote.
»Können Sie mir wenigstens meinen Namen verraten?«, fragte ich und erhob mich eilig. Einer der Briefe fiel dabei auf den Boden. Schnell hob ich ihn wieder auf. Er lag leicht in meiner linken Hand und beinahe hatte ich Angst, er würde verschwinden. Ja, ich hatte meinen Namen vergessen.
»Deinen Namen brauchst du nicht und nun hopp. Deine Zeit wird immer knapper.«
»Sie werden schon wissen, was Sie tun«, murmelte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Ich hatte noch nie davon gehört, dass ein Toter noch einmal auf die Erde musste, weil er vergessen hatte, Briefe zu verteilen. Außerdem fragte ich mich, wie sie sich das vorstellten. Sollte ich dort einfach als eine Art Zombie oder als Poltergeist umherwandeln?
Der Engel räusperte sich wieder und deutete mit seinen langen Fingern erneut auf die Tür hinter mir. Sie war ebenfalls grün – wie die Hoffnung, so sagte man doch?
Ich stand langsam auf, die Briefe fest an mich gepresst, lief zu der Tür und öffnete sie zaghaft. Vor mir tat sich Dunkelheit auf. Es schien wie ein schwarzes, bodenloses Loch, in das ich mich fallen lassen musste. Ich zögerte einen Moment lang. Eigentlich sollte ich keine Angst davor haben. Was sollte denn schon passieren? Tot war ich ja schon.
Ich warf noch einen letzten Blick auf die Briefe, um sicher zu sein, dass sie noch da waren, schloss die Augen, kniff sie ganz fest zusammen und wagte dann den entscheidenden Schritt.
Tatsächlich fühlte es sich an, als ob ich fallen würde. Meine Haare wurden mir von einem starken Wind um die Ohren geweht und mein Körper schien hinuntergezogen zu werden, als wäre eine schwere Last an mir befestigt. Auf einmal war da dieses gleißende Licht, das mich zwang, die Augen zu schließen. Irgendwann, als dieses grelle Licht nachgelassen hatte, traute ich mich wieder, hinzusehen. Ich hatte vieles erwartet, aber nicht das.
Du kannst die Welt nicht ändern, nicht anhalten. Sie wird sich immer drehen, mit dir oder ohne dich. Entweder du läufst mit oder du bleibst stehen.
Da stand ich also, barfuß in einer Pfütze mitten im Park, die rote Jacke unter meinen linken Arm geklemmt. Wie ich meinen Standpunkt jetzt gerade beschreiben würde? Wie den Verzehr eines Schokoladenkuchens. Man freute sich auf diesen herrlichen Geschmack, in meinem Fall auf das Leben, jedoch folgte nach dem Genuss die bittere Erkenntnis. Hier waren es aber nicht die bösen Kalorien, es war die Erkenntnis, dass ich immer noch tot war.
Ich musste nicht atmen, mein Körper war bleich. Jedoch nahmen die Menschen um mich herum kaum Kenntnis davon. Ein junger Mann auf einem Fahrrad ließ sich nicht beirren seine Runden zu drehen, und auch eine Frau mit blonden langen Haaren und einem Hund schenkte mir keine Beachtung.
Das Leben hatte mir also soeben eine weitere Lektion erteilt. Es ging einfach weiter, mit mir oder ohne mich.
Seufzend machte ich einen Schritt aus der Pfütze hinaus. Noch immer leuchtete der Nagellack an meinen Füßen in einem leicht blutroten Ton. Mein Blick schweifte weiter zu einem Haufen Papier, welcher direkt neben dem Wasser lag. Ich kniete mich auf den steinigen Weg und hob die Briefe auf. Inzwischen waren sie nicht mehr ganz so weiß. Einzelne Wassertropfen hatten sich in das helle Papier gefressen und hinterließen ihre Spuren.
Und nun? Was sollte ich jetzt machen? In meiner Hand hielt ich zwar meinen Auftrag, aber meine Gedanken waren leer. Es gab zwar kleine Dinge, an die ich mich erinnerte, Gespräche, Gesichter oder auch einzelne Momente, nur nichts, was wirklich greifbar war.
Ich betrachtete noch einmal die Briefe in meinen Händen. Jeder war lediglich mit einem Namen versehen. Würden noch mehr Angaben auf ihnen stehen, wie zum Beispiel eine Adresse oder ein Bild der jeweiligen Person, wäre es um einiges leichter gewesen.
»Pass auf!« Eine hohe Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
Ein Mädchen mit katzenhaften, grünen Augen, hellbraunem Haar, einem weißen Top und Trainingshosen rannte mich beinahe um. In ihren Ohren hingen Kopfhörer und mit ihrer linken Hand umklammerte sie ein Handy.
Ich war so überrascht, dass ich einfach mitten im Weg stehen blieb. Sie knallte gegen mich und ließ dabei ihr Smartphone fallen.
»Träumst du?«, zischte sie und zerrte sich die Kopfhörer aus den Ohren. Konnte man überhaupt träumen, wenn man tot war?
»Nein, du etwa?«, sprach ich zögerlich und hob rasch ihr Telefon auf. Es war schwarz und als ich es zu mir drehte, leuchtete das Display auf.
18. Mai, stand groß darauf. Im Hintergrund sah man einen Strand. »Haben wir heute den 18. Mai?«, fragte ich unsicher.
Sie nahm mir das Handy mit einer raschen Bewegung aus der Hand. »Typisch Blondinen! Stehen im Weg herum und wissen nicht, was wir für ein Datum haben.« Sie steckte sich eilig wieder die Kopfhörer hinein. Bevor ich sie aufhalten konnte, war sie bereits weitergelaufen.
Kopfschüttelnd zog ich mir meine rote Jacke an und steckte die Briefe vorsichtig in die linke Außentasche. Der Wind fuhr mir durch das blonde lange Haar. Wenigstens spürte ich die Kälte nicht. Ich folgte dem kleinen Pfad des Parks und erreichte bald eine dicht befahrene Hauptstraße. Von überall strömten Menschen herbei, einer hektischer als der andere. Es schien, als ob ihre Augen zwar geöffnet waren, aber sie nicht damit sehen konnten.
Ich hielt an, darauf bedacht, niemandem im Wege zu stehen, und blickte mich für eine Weile um. Ich hatte keine Ahnung, was mit meinen Erinnerungen geschehen war. Ein paar vereinzelte, wirre Bilder schwirrten in meinem Kopf herum. Jedoch war es unmöglich, sie genau zuzuordnen. Es war, als ob ich eine Art Blackout hatte. Irgendwo ganz weit hinten waren all die Erinnerungen und Geschichten. Sie schwirrten umher, nur greifen konnte ich sie nicht.
Seufzend drängte ich mich durch die Menschenmenge und überquerte die Straße, die von einer Reihe kleiner Läden gesäumt wurde. Einige davon waren mir vertraut, andere kannte ich nicht. Nur eines der Häuschen stach mir sofort ins Auge – ein kleines Café. Die Hauswände waren in einem zarten Blau gestrichen und an den Wänden hingen Tafeln mit Getränken und Speisen.
Eine Kellnerin sammelte draußen ein paar leere Gläser ein und warf mir einen flüchtigen Blick zu. Ich wusste nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte. Ich hatte kein Geld, um mir irgendetwas zu essen zu kaufen, und bestimmt wunderte sich die Bedienung, warum ich keine Schuhe trug.
»Verzeihung, kann ich dir helfen?«, fragte mich die Frau auf einmal. Ihr rötliches Haar schimmerte im Licht.
»Dürfte ich kurz Ihre Toilette benutzen?«, sprach ich eilig. Ich wollte wissen, wie ich aussah.
»Einfach geradeaus und dann links. Du kannst es nicht verfehlen.«
Ich nickte dankbar und eilte hinein. Innen sah das kleine Café gemütlich aus. Es war hell eingerichtet und an jedem der Fenster gab es Sitzecken. Kleine Kerzen und Blumen standen überall und die Kellnerinnen trugen alle Einheitskleidung. Ich lief also geradeaus und bog dann nach links ab. Der Waschraum war klein, aber ganz im Stil der kleinen Gaststube. Überall standen Duftkerzen und verschiedene Seifen. Es roch ziemlich gut, wenn auch ein bisschen stark. Ich wollte mir gerade die Hände waschen, als mir etwas anderes auffiel.
An der Wand über dem Waschbecken gab es einen großen Spiegel. Ein paar vereinzelte Wassertropfen klebten an der Oberfläche und waren schon eingetrocknet. Wahrscheinlich würde ich jetzt den Atem anhalten, wenn noch ein bisschen Menschlichkeit in mir stecken würde. Eine völlig fremde Person blickte mir entgegen. Ich hatte eine schwarze Mähne, die sich ein wenig lockte, und dunkle Augen. Meine Haut war erschreckend blass und meine Lippen hatten einen Hauch von Dunkelrot. Ich wirkte wie Schneewittchen, allerdings die tote Version davon. Meine blonden Haare und meine graublauen Augen waren verschwunden. Wenn ich meinen Blick jedoch von dem Spiegel abwandte und an mir heruntersah, waren meine Haare blond. Das hatte der Engel also gemeint, als er sagte, niemand würde mich erkennen. Das Mädchen aus dem Park hatte mich doch blond genannt? Ich wich von dem Spiegel zurück und versuchte, nicht mehr daran zu denken. Ja, das Leben ging weiter, mit mir oder ohne mich.
Du wirst dich nicht an dein gesamtes Leben erinnern können. Also behalte all die schönen Gedanken und vergiss, was dich innerlich zerbrechen lässt.
Es wurde allmählich dunkel und die meisten Menschen befanden sich in ihrem Zuhause, bei ihren Liebsten.
Ich war zurück in den Park gegangen und hatte mich direkt unter einen Baum gesetzt. Der Wind blies mir durch das Haar und ich verfolgte, wie die Sonne allmählich hinter dem Horizont verschwand. Es war komisch, aber plötzlich erschien eine Erinnerung vor meinem inneren Auge.
Als ich noch lebte, hatte ich eine Geschichte in der Schule gelesen. Die Erzählung über die Liebe zwischen Sonne und Mond.
Es war einmal vor langer Zeit, so erzählte man sich, da trafen sich Sonne und Mond zum ersten Mal. Ihre Begegnung war nur von kurzer Dauer, denn die Sonne musste untergehen, sobald der Mond auftauchte. In dieser kurzen Zeit sprachen die beiden oft miteinander, jedoch hatte der Mond kein gutes Gefühl dabei. Er mochte die Sonne und ihre helle, freundliche Art, aber er sehnte sich auch nach der Dunkelheit, die er brachte.
»Lieber Mond«, meinte die Sonne eines Tages bei einem ihrer Treffen. »Du solltest keine Angst vor unseren Gesprächen haben, denn ich bin deine Zukunft.« Der Mond schenkte ihren Worten Glauben
und von da an sahen sie sich öfter. Sie verstanden sich gut und so kam es irgendwann, dass sie sich verliebten. Keiner der beiden hielt es ohne den anderen aus und bald sahen sie sich nicht nur wenige Minuten, sondern einige Stunden. Aus den Stunden wurden Tage und aus den Tagen Wochen. Nun gab es sie nur noch im Doppelpack und die Erde fing an einzugehen. Da war weder die Nacht, in der man sich ausruhen durfte, noch der Tag, der einem beim Aufstehen half. Irgendwie war es beides und doch wieder nicht. Bald merkte der Mond, dass es so nicht weitergehen konnte.
