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Die einzigartige Lebensgeschichte eines exzentrischen Abenteurers, der im Alleingang die Popmusik revolutioniert hat: Wer Popmusik hört, hört Chris Blackwell. Nach einer behüteten Kindheit als Sohn einer reichen Familie im kolonialen Jamaika, mit den Hausfreunden Errol Flynn und Ian Fleming, gründet Chris Blackwell 1959 in England das Plattenlabel Island Records und ist für den kometenhaften Aufstieg dieses Labels und seiner Künstler verantwortlich: Bob Marley, U2, Tom Waits, Nick Drake, John Martyn oder Cat Stevens – sie alle erlangen Weltruhm, weil ihre Songs von ihm produziert werden. Wie nebenbei erfindet er die Popmusik des 20. Jahrhunderts, nicht zuletzt im legendären Compact-Point-Studio, das er später auf den Bahamas gründet. Robert Palmer geht hier ein und aus, und Grace Jones vergrault durch ihr ständiges Pfeifen der James Bond-Titelmelodie dessen Darsteller Sean Connery. Voller überraschender Begegnungen und illustrer Geschichten liest sich das Leben von Chris Blackwell wie ein Abenteuerroman: Als die Boxen in den Bäumen hingen ist ein leidenschaftlicher Streifzug voll Rhythmus und Melodie durch die Jahrzehnte, die die Popmusik bis heute prägen.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
ALS DIE BOXEN IN DEN
BÄUMEN HINGEN
Chris Blackwell
Die unglaubliche Geschichte von Island Records
Aus dem Englischen von Jan Szlovak
VORWORT
PROLOG FAST DAS ENDE …
KAPITEL EINS DIE SCHULE VERSUS ERROL FLYNN
KAPITEL ZWEI DIE FÜNFZIGER, JAMAIKA: EINE BESTIMMUNG FINDEN
KAPITEL DREI DIE SECHZIGER, LONDON: KONTAKT AUFNEHMEN
KAPITEL VIER HITS, MISSERFOLGE UND DER MENSCHLICHE WIRT
KAPITEL FÜNF FOLK: NEUE ALLIANZEN UND NEUE KLÄNGE
KAPITEL SECHS BEGEGNUNG MIT CAT STEVENS
KAPITEL SIEBEN BEGEGNUNG MIT BOB MARLEY
KAPITEL ACHT STIMMEN, VISIONEN UND VIDEOS
KAPITEL NEUN DIE SIEBZIGER: ST. PETER’S SQUARE, HAMMERSMITH
KAPITEL ZEHN DIE ACHTZIGER: COMPASS POINT, DIE BAHAMAS
KAPITEL ELF TIMING: GRACE JONES AND THE ALL-STARS
KAPITEL ZWÖLF BEGEGNUNG MIT U2
KAPITEL DREIZEHN DIE NEUNZIGER: TEKTONISCHE VERSCHIEBUNGEN
KAPITEL VIERZEHN WEITERMACHEN: AUS LIEBE ZU JAMAIKA
EPILOG WAS AUCH IMMER ALS NÄCHSTES KOMMT …
DANKSAGUNGEN
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Für alle, die in meinem Leben mit mir gereist sind: die, die noch hier sind, und die, die nicht nicht mehr hier sind
Millie Small, Spencer Davis Group, Traffic, Steve Winwood, John Martyn, Dr. Strangely Strange, Nick Drake, Kevin Ayers, Spontaneous Music Ensemble, Free, Cat Stevens, Spooky Tooth, Marianne Faithful, Fairport Convention, Emerson, Lake and Palmer, Jethro Tull, Roxy Music, Brian Eno, The Slits, Jimmy Cliff, Bob Marley, Bunny Wailer, Peter Tosh, Black Uhuru, Sly & Robbie, Aswad, Third World, Steel Pulse, Linton Kwesi Johnson, Burning Spear, GraceJones, Ultravox, Buggles, Robert Palmer, Sparks, King Crimson, John Cale, B-52s, U2, The Cranberries, Melissa Etheridge, Eric B & Rakim, King Sunny Adé, PJ Harvey, Angélique Kidjo, Tricky, The Disposable Heroes of Hiphoprisy, Bill Laswell, Stereo MCs, Pulp, Tom Tom Club, Trouble Funk, Manu Dibango, Salif Keïta, Khaled, Courtney Pine, Kid Creole, Tom Waits.
Schlechte Autobiografien und ebensolche Vorworte gefallen sich zu Beginn in Namedropping. Chris Blackwell hat diesen Fehler geschmackvoll umgangen, indem er seine Memoiren mit einem quasi biblischen Erweckungsgleichnis eröffnet: Es geht sofort um Leben und Tod, als der 18-Jährige nach einem misslungenen Bootstrip, der ungewollt ausgedehnten Suche nach Hilfe samt ewigem Marsch durch Mangrovenwälder kurz vor dem Verdursten in die karge Hütte eines Rasta stolpert. Dort wirft der junge Sprössling mit anständiger britisch-jamaikanischer Kinderstube all seine antrainierten rassistischen Reflexe und Ängste vor dem Fremden ab, als er erfährt, mit welcher unvoreingenommenen Hilfsbereitschaft, Offenheit und schlichten Freundlichkeit ihn der Rasta versorgt. Die entscheidende Lernkurve hat Chris Blackwell also schon nach wenigen Seitengemacht. Der Rest des Buches kann sich dann genüsslich in einer Art musikhistorischem Stream of Consciousness suhlen. Im Groben den Lebensjahren und privaten wie beruflichen Aktivitäten seines Protagonisten folgend, bleibt es durchgehend angenehm assoziativ.
Auch ohne jemals Chris Blackwell persönlich getroffen zu haben, entsteht der Eindruck, dass die unprätentiöse, lockere Struktur des Buches mit der Lust auf einen jederzeit möglichen Zeitsprung samt ausgedehnter Reflexion und schroffem Abbruch des Gedankens auch sein lebenslanges geschäftliches Verhalten spiegelt – die Lektüre fühlt sich wie ein ziemlich langes, aber sehr vergnügliches Business-Meeting mit Chris Blackwell an.
Mir selbst gefällt es hingegen, in die Namedropping-Falle zu tappen und eine halbe Seite des Vorwortes mit einer üppigen Auswahl an Island-Künstlern zu verplempern – denn diese Namen haben mein Leben begleitet, in guten wie in schlechten Zeiten. Und so war auch Chris Blackwell stets zugegen. Wie es ein guter Kurator eben ist. Und das Gefühl hat wohl fast jeder Leser: endlich diesen alten Buddy mit dem verdammt guten Geschmack wiederzutreffen …
Dabei wurde meine persönliche Lektüre ständig unterbrochen von längeren Phasen des Hörens wiedergefundener popkultureller Biografie-Versatzstücke, musikalischer Erinnerungen. Nichts anderes scheint mir Blackwell zu beabsichtigen, dieser Meister der Abschweifung – eine Playlist in Buchform.
Erstaunlicherweise gelingt es ihm, hochgradig anschlussfähig zu sein. Auch wenn diese atemlose, sich manchmal überschlagende, mitunter zähe und detailverliebte Kulturgeschichte aus der Perspektive eines stinkreichen Entrepreneurs und weltenbummelnden Sohns der jamaikanischen Plantagenaristokratie erzählt wird. Und die mögen wir ja eigentlich nicht so. Doch Chris Blackwell gelingt auch hier Beachtliches – er macht gleich klar, wo er steht und wo nicht. Und er biedert sich niemals an:
»Der Wechsel zur Selbstbestimmung kam 1962. Es war eine fröhliche, feierliche Gelegenheit für die Insel, um von den Briten, die alles versaut hatten, loszukommen. Ich fühlte mich nie persönlich bedroht und kam gut mit allen aus. Aber sosehr ich Jamaika und seine Musik auch liebte, brachte mich mein Akzent auf die falsche Seite der Geschichte. Die Story von 1962 war eine Schwarze Geschichte, und da passte ich nicht hinein.«
Und auch in der Gegenwart positioniert sich Chris Blackwell als Gegenspieler zum ewigen Schneller-höher-weiter des Techkapitalismus und gleichzeitig als Visionär in der Einschätzung von Musk, Bezos & Co (die Originalausgabe »The Islander: My Life in Music and Beyond« erschien im Juni 2022):
»Sie wollen um jeden Preis von hier weg und auf den Mars oder ins Weltall reisen. Die Milliardäre, die ihren Juckreiz ständig befriedigen und ihre Imperien erweitern müssen, Elon Musk, Jeff Bezos und ein alter Kollege von mir, Richard Branson […]. Ich frage mich, was sie umtreibt. Jedenfalls nichts, was mich beschäftigt.«
Wie gelingt es Chris Blackwell, mühelos zwischen den Welten zu wandern? Woher stammt seine Fähigkeit, mit Künstlern, Kleinkriminellen und anderen obskuren Kolibris zu können, gleichzeitig den Gewerke-Alltag vom Entertainment- und Immobilienbusiness zu beherrschen und sich auch noch in der globalen Upper Class zurechtzufinden?
Natürlich weil er genau aus dieser besseren Gesellschaft gekommen ist, aber sich gegen ihre Werte entschieden hat. Blackwell muss niemanden abwerten, um seinen eigenen Status, seine Identität zu festigen. Er fand sich selbst in den Lebenswegen der Outsider wieder: »Meiner Erfahrung nach waren Menschen, die als schwierig galten, diejenigen, die wussten, was sie wollten.«
Da sind Widersprüchlichkeit und Schmerz über die eigene Geschichte als Kolonialprofiteur in dritter Generation, die Chris Blackwell zu solch einem exzellenten Künstlerflüsterer gemacht und ihn – als Höhepunkt – befähigt haben, Bob Marley, die erste postkoloniale Ikone, zu erreichen und zu einer globalen Karriere zu ermächtigen.
Es ist aber auch der Schmerz, nicht dazuzugehören – nicht dazugehören zu können. Nicht den Weg gehen zu wollen, der familiär oder gesellschaftlich vorgezeichnet war und so angenehm integriert gewesen wäre. Bei allem Glamour, allen Erfolgen, allen Verdiensten ist diese Autobiografie von Chris Blackwell doch auch von genau diesem nicht enden wollenden Schmerz durchwirkt. Dem Schmerz des Einzelgängers, der so gern ein Teil von etwas wäre, aber genau weiß, dass seine geschmackliche Exzellenz, seine ökonomische Unabhängigkeit, seine wahre Identität in der Einsamkeit gründen. Und genau das macht dieses Buch so aufregend und gibt ihm eine Tiefgründigkeit; bei aller scheinbaren Oberflächlichkeit des Entertainment-Business, dessen Kühlerfigur Chris Blackwell für eine Weile war. Seine Geschichte ist auch eine frenetische Suche nach dem nächsten Hit, dem nächsten Trend, dem nächsten Projekt, der nächsten Partnerin als Surrogat – wenn er schon nirgendwo hingehört, kann er, der perfekte postmoderne Tycoon, zumindest überall ein Zuhause simulieren. Und so kauft oder baut er sich weltweit und an wachsend attraktiven Orten immer mehr Häuser, Studios, Hotels. Nachhaltig angelegte Resorts in der Karibik, die in Verbindung mit den Communitys um sie herum stehen und so eine Art glaubwürdigen Tourismus entstehen lassen sollen – für entspannte $25 000 Miete in der Woche.
Chris Blackwell lebt im Buch seine Widersprüchlichkeit aus, wenn er das Unternehmen Island als Familie mit geteilten Werten und Ansprüchen an Loyalität, Nachhaltigkeit oder Qualität inszeniert. Dass in dieser Familie eine beachtliche Fluktuation herrschte, scheint als Kollateralschaden eingepreist zu sein.
Verwirrend ist auch die Beiläufigkeit zahlloser Liebschaften und Beziehungen, die Chris Blackwell erwähnt. Dass er seinen zwei Kindern und einem Enkel keine Zeile widmet, lässt sein Familien-Narrativ umso rätselhafter erscheinen.
Aber genau das ist zugleich die Stärke dieses Buches: Rechtfertigungen oder Gefallsucht kann man lange suchen. Stattdessen pirscht sich da lässig und elegant ein Popstar an.
Während seines Lebens im Entertainment-Business hat Chris Blackwell sehr bewusst den Hintergrund gesucht: »Ich operierte im Schatten, hinter den Kulissen. Mir war klar, dass ich kein Showman war. […] Ich hatte es, soweit es eben ging, zu meiner Geschäftspolitik gemacht, nie mit den Künstlern fotografiert zu werden […] – ich war die Industrie, der Feind.«
Erst nachdem Blackwell im Jahr 1989 sein Unternehmen Island für damals unerhörte 300 Millionen Dollar an PolyGram, den heutigen Marktführer Universal Music Group, verkauft hatte, wurde er öffentlich sichtbarer. Oder wie es Paul Morley – Co-Autor dieses Buches, legendärer Musikjournalist, Gründer des Labels ZTT und einer der Erfinder des modernen Pop-Marketings – beschreibt: »Als er sich von Island befreit hatte, begann er Interesse daran zu zeigen, seinen Platz in der Geschichte zu beanspruchen.«
Der ebenso diskrete wie schwerreiche Gentleman präsentiert sich als natürliches Gegenmodell zu gegenwärtigen Techoligarchen und Entertainmentmagnaten. Er beschwört eine bessere Welt aus gutem Geschmack, humanistischen Werten und einer Art karibisch angereichertem Sozialkapitalismus herauf. Genau das macht ihn zum idealen Retro-Popstar unserer Zeit. Chris Blackwell ist ein großer Dialektiker.
Abb. 1
Um es ganz klar zu sagen: Ich bin ein Mitglied des Lucky Sperm Clubs. Ich wurde in eine reiche Oberschicht hineingeboren, wenngleich dies in Jamaika auch eine besondere Spezies ist. Ich bin jamaikanisch, aber auch englisch, irisch, portugiesisch, jüdisch und katholisch. Die Insel war und ist ein Geflecht aus Handel, Vergnügungssucht und kulturellen Kollisionen. So etwas wie einen »reinen« Jamaikaner gibt es nicht, es sei denn, man beschreibt damit die ursprünglichen Einwohner, die Taínos, Nachfolger der indigenen Arawaks aus Südamerika, die nach Norden auswanderten und ihr neues Zuhause Xamaya nannten, Land des Holzes und des Wassers. In den Jahrzehnten, die auf die »Entdeckung« Jamaikas durch Christoph Kolumbus im Jahr 1494 folgten, wurden die Taínos von den Spaniern weitestgehend ausgerottet. »Das Land scheint den Himmel zu berühren«, staunte Kolumbus, als er das Paradies erblickte – wie üblich ohne den Menschen Beachtung zu schenken, die dort bis zur Ankunft der Spanier Hunderte von Jahren friedlich gelebt hatten. Die Taínos mochten Spiele, Musik und tanzten um des Tanzens willen, und der Häuptling der Insel wurde bei Kolumbus’ Begrüßung von einer zeremoniellen Gruppe von Musikern begleitet, die auf Trompeten aus Blättern, Flöten aus wildem Zuckerrohr und Trommeln aus Manatihaut sowie Stämmen von Trompetenbäumen spielten. Die Trommeln benutzten sie für kultische Zeremonien und im Kriegsfall; die Flöten, Trompeten und eine Art Harfe zum Feiern. Ihre Musik war ein natürlicher Weg, um mit Menschen zu kommunizieren, die, eine andere Sprache sprechend, bei ihnen gelandet waren.
Meine Mutter wurde als Blanche Adelaide Lindo geboren. Die Lindos waren sephardische Juden, die im mittelalterlichen Spanien durch Handel zu Prominenz aufstiegen. Als die Spanische Inquisition begann, flohen die Lindos und machten und verloren ihr Vermögen in Portugal, auf den Kanaren, in Venedig, Amsterdam, London, Barbados, Costa Rica und, schließlich und vor allem, Jamaika. Zu der Zeit, als meine Mutter geboren wurde, waren ihr Vater und seine sieben Brüder die Bananenkönige von Costa Rica, wo Blanche am 9. Dezember 1912 das Licht der Welt erblickte. Sie besaßen 25 000 Morgen Land und exportierten jährlich fünf Millionen Stängel ihres grünen Goldes.
Als meine Mutter zwei war, siedelte ihr Vater die Familie nach Jamaika um, wo die Lindo-Brüder 8000 Morgen Land in Zuckerrohrfelder verwandelten. Dann kamen sie auf die Idee, die Rumproduzenten Appleton Estate sowie J. Wray & Nephew aufzukaufen, was die Lindos zur weltweit ersten Rum-Familie machte. Wray & Nephew wurde von meinem Großvater mütterlicherseits geführt, Percy Lindo, dem jüngsten der acht Brüder. Percy ist mein zweiter Vorname.
Mein Vater wurde am 13. August 1913 als Joseph Middleton Blackwell in Windsor, England, geboren. Sein Vater wiederum stammte aus dem Landkreis Mayo in Irland und war ein Nachfahre der Gründer der Crosse & Blackwell Food Company, jedoch zu weit entfernt von ihnen, um noch die Früchte des großen Reichtums zu ernten. Wie die Lindos pflanzten sich die Blackwells in biblischem Ausmaß fort. Mein Vater war eins von zehn Kindern, was einiges darüber aussagt, warum vom familiären Reichtum kaum noch etwas für ihn übrig blieb.
Es besteht kein Zweifel daran, dass mein Vater eine vorzügliche Ausbildung erhielt. Zuerst besuchte er das Beaumont College, eine öffentliche Jesuitenschule, und von da aus ging es weiter auf die Royal Military Academy Sandhurst, die letzte Schule der Prinzen William und Harry. Im Anschluss diente er als Major bei den Irish Guards, jenem Regiment der britischen Armee, das wohl am bekanntesten für die roten Waffenröcke und hohen Bärenfellmützen ist, die die Soldaten auf der jährlichen Trooping-the-Colour-Zeremonie tragen, bei der verschiedene königliche Truppen den König oder die Königin in einer Prozession vom Buckingham Palace die Mall hinunter eskortieren.
Obwohl er für den Rest seines Lebens mit »Major Blackwell« angesprochen wurde, war mein Vater eher ein suboptimaler Offizier. 1935, im Jahr von König Georges siebzigstem Geburtstag, verschlief er den Einsatz und verpasste die komplette Trooping-the-Colour-Parade. Ein anderes Mal fuhr er sein Auto nach einem harten Trinkgelage in die Tore des Buckingham Palace, was, unnötig zu erwähnen, kein gutes Ende nahm.
Ich glaube der Grund, warum ich nie viel Alkohol getrunken habe, ist, dass mein Vater, als ich elf war, verkündete, ich sei nunmehr alt genug zum Trinken. Er zeigte mit der Hand lässig auf die Flaschen mit Spirituosen vor uns und fragte mich, was ich haben wolle. Weil mein Vater Whiskey mit Soda trank, bat ich um so einen. Es war abscheulich, das Trinken verursachte mir körperliche Schmerzen. Ob es seine Absicht war oder nicht, er hatte mich jedenfalls erfolgreich von den Versuchungen des Alkohols kuriert.
Meine Eltern lernten sich in den frühen 1930ern in einem vornehmen Members-Only-Club im Londoner West End kennen. Mein Vater, bekannt als Blackie, war ein umwerfendes Schlitzohr. Meine Mutter war atemberaubend schön und athletisch, sie schwirrte ebenso gelassen durch die High Society, wie sie zwischen den Korallenriffen Jamaikas herumschnorchelte. Ian Fleming, mit dem sie befreundet war, inspirierte sie zu zwei von James Bonds erinnerungswürdigsten weiblichen Gegenspielerinnen: dem unabhängigen, provokativen Naturmädchen Honeychile Rider, das, von Ursula Andress gespielt, in James Bond – 007 jagt Dr. No nur mit einem Bikini sowie einer Messerscheide bedeckt aus dem Meer auftaucht; und der sich akrobatisch windenden Einbrecherin Pussy Galore, die in Goldfinger von Honor Blackmann gespielt wird und sich mit Sean Connery bühnenreif im Heu wälzte.
Durch ihre Heirat außerhalb des jüdischen Glaubens brach meine Mutter skandalöserweise mit einer jahrhundertealten Familientradition. Die Iren auf der Seite meines Vaters waren wegen seines Bruches mit dem Katholizismus durch die Hochzeit mit einer »jamaikanischen Jüdin« ebenso alarmiert. Beide zeigten ihre Unabhängigkeit, den unbedingten Willen, die Dinge auf eigene Art und Weise zu machen. Ihre Verbindung verdoppelte eine erhebliche Freigeistigkeit, die sie an mich, ihr einziges Kind, weitergaben.
1938 zogen meine Eltern von London nach Jamaika, gerade mal sechs Monate nach meiner Geburt am 22. Juni 1937. Das wurde in der Kolonialzeit so gehandhabt – Frauen aus bedeutenden Familien bekamen ihre Babys im »Mutterland« und kehrten dann nach Jamaika zurück. Wir ließen uns in Kingston auf einem Anwesen der Familie Lindo namens Terra Nova nieder, in einer Villa im europäischen Stil, eindrucksvoll gelegen an der Waterloo Road, zwischen den Blue Mountains und dem Hafen. Sie wurde später in ein Hotel umgewandelt.
Dort verbrachte ich die ersten Jahre meines Lebens, ein kränkliches Kind, das so stark an bronchialem Asthma litt, dass es tagelang im Bett lag und kaum zur Schule ging. Noch mit acht kämpfte ich hart darum, Lesen und Schreiben zu lernen. Mit anderen Kindern hatte ich kaum Kontakt, ich unterhielt mich mehr mit älteren Verwandten. An eigene Geburtstagsfeiern kann ich mich nicht erinnern, genauso wenig daran, an denen anderer Kinder teilgenommen zu haben.
Mein Vater trat dem jamaikanischen Regiment der Irish Guards bei und meine Mutter arbeitete im Familienunternehmen. Sie führten ein vornehm-koloniales Leben. Mit seinen 1,93 Metern schien mein Vater förmlich in den Himmel zu ragen. Oft begleitete ich ihn zu den Baracken, in denen er stationiert war. Er pendelte mit Pferd und Wagen zwischen Haus und Dienst hin und her. Mein Vater liebte Pferde und besaß einige, gemeinsam mit meiner Mum. Die Engländer hatten Polo auf der Insel eingeführt und ich war stolz, wenn ich Brown Bomber, das Pferd meines Vaters, nach einem Sieg in den Stall führen durfte.
Die Leute, mit denen ich die meiste Zeit verbrachte, waren die Schwarzen Bediensteten auf Terra Nova. Es gab ungefähr fünfzehn, die nach dem Haus, den Ställen und Gärten des Anwesens sahen. Aus dieser Zeit existieren keine Fotos von mir mit anderen Kindern, aber viele, die ich vom Personal gemacht habe, arrangiert in Reihen wie auf einem Schulfoto.
Ich war offensichtlich in einer völlig anderen Position als sie, das einzige Kind des Hauses, ein richtiger »Kleiner Lord«. Ich verstand nicht, dass sie mich als Miniaturhausherrn ansahen und es ihr Job war, freundlich zu mir zu sein. Aber ich glaube schon, dass ich sie kennenlernte und wir Freunde wurden. Unsere Gespräche waren freundlich und unverkrampft, und ich habe von ihnen viel über das Leben und Jamaika gelernt.
Die meisten der Schwarzen Jamaikaner sind Nachfahren von Menschen aus Afrika, die von den spanischen und englischen Kolonialisten versklavt wurden. Nachdem die Engländer die spanischen Besatzer der Insel bezwungen hatten, ließen die Spanier alle versklavten Menschen frei, die noch nicht davongelaufen waren. Die Freigelassenen fanden einen sicheren Zufluchtsort im bergigen Inland, einige verbanden sich mit den letzten auf der Insel verbliebenen Taínos. Diese Gruppe aus Ex-Sklaven und ihren Nachkommen wurde bekannt als Maroons, ein Name, der vom spanischen Wort cimarrón kommt, was wild und undomestiziert bedeutet. Als die britische Herrschaft eine neue Welle von afrikanischen Sklaven mit sich brachte, nahmen die Maroons deren Ausreißer ebenfalls bei sich auf. Auf nichts als bergigem Land begründeten sie ein eigenes Landwirtschaftssystem, religiöse Bräuche und ihre Sprache. Eine ihrer bemerkenswertesten Siedlungen, die noch immer als Dorf in der Gemeinde St. Elisabeth existiert, heißt »Me-no-Sen-You-no-Come«, eine Art jamaikanisch-kreolische Version der Redewendung »aus den Augen, aus dem Sinn«.
Außerdem etablierten die Maroons eines der frühesten indigenen Musikgenres, ein hartes, rhythmisches Trommeln – eine Mischung aus westafrikanischen Einflüssen –, das nachts in den Hügeln nachhallte, sogar die Weißen in den vornehmeren Bezirken von Kingston konnten es hören.
1838 waren alle Schwarzen Menschen in Jamaika von der Sklaverei befreit. Das aber verbesserte ihr Los unter der britischen Herrschaft nur wenig, wo sie als politisch entrechtete Bürger zweiter Klasse lebten. Eines Tages sah ich etwas, das meine Illusion von den Engländern als freundlichen, vornehmen Arbeitgebern erschütterte. Meine Mutter war von ihren Brüdern gebeten worden, bei der Verwaltung der Bananenplantage auszuhelfen. Ich wurde manchmal mit Pferd und Wagen hinausgebracht, um sie zu besuchen. Dabei erblickte ich einen toten Schwarzen Feldarbeiter, den sich ein Aufseher wie beiläufig über die Schulter geworfen hatte. Der Arbeiter war dabei erwischt worden, wie er einige Bananen stehlen und dann abhauen wollte. Er wurde auf der Flucht niedergeschossen – getötet für ein paar Bananen.
Es war ein furchtbarer Anblick, ein abrupter, schlagartiger Einbruch der Realität. Für die Lindos war dies offenbar eine normale Art der Bestrafung, eine Routine, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Aber obwohl ich noch sehr jung war, wusste ich, dass das einfach nicht richtig war. Die Erinnerung an den toten Mann hat mich nie verlassen. Dass mir das Bild seines zusammengesackten Körpers permanent vor Augen stand, machte mir klar, wie wenig ich mit den Menschen, die die Insel kontrollierten, zu tun hatte. Es gab eine große Kluft zwischen der Welt des 19. Jahrhunderts – der Welt der Lindos – und der modernen Welt, der ich entgegenraste. Der schreckliche Vorfall, der wie ein Riss durch die ansonsten sorgfältig aufrechterhaltene Fassade der kolonialen Welt ging, hat mein Denken nachhaltig verändert.
Währenddessen ging das Leben weiter, als ob nichts passiert wäre. Meine Mutter schmiss glänzende Partys für die Crème de la Crème der anglojamaikanischen Gesellschaft. Ich gewöhnte mich daran, mich unter die Gäste zu mischen; und Ian Fleming, Noël Coward und Errol Flynn wurden meine inoffiziellen Mentoren.
Der in Tasmanien geborene Flynn war ein kriminell gut aussehender Mann, ein flamboyanter Hedonist, der sowohl Frauen als auch Männern schöne Augen machte. Eines seiner bevorzugten Ziele war meine Mutter, und es spornte ihn erst recht an, wenn sie seinem charmanten Werben und der berüchtigten, heiteren Prahlerei widerstand. Sie hatte ihre Wege, um Flynns Aufmerksamkeit abzulenken, dazu gehörte, ihm zu erzählen, dass sie Furunkel an ihrem Hintern hätte. Das hielt ihn für eine Zeitlang hin, aber dann versuchte er es unweigerlich erneut. Flynns gierige Nachstellungen erklären vermutlich, warum Fleming mit seinen eigenen zärtlichen Gefühlen für
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meine Mutter eine solche Abneigung gegen ihn hatte. (Noël Coward, der zuvor Flynns »haarsträubende Autobiografie mit ihrer unnötigen Vulgarität« gelesen hatte, war dagegen erstaunt, als er herausfand, dass er ihn tatsächlich mochte. Nach der Begegnung schrieb Coward: »Ich empfand ihn als eines der gütigsten und angenehmsten, ja charmantesten Individuen, die ich je getroffen habe. Wir kamen gut miteinander klar.«)
Weil Flynn so sehr für meine Mutter schwärmte, war er sehr großzügig zu mir und ließ mich an Bord seines Zweimastschoners Zaca – eine begehrte Einladung für Jamaikas Elite. Er erlaubte mir sogar, in das Netz vorn am Bug des Bootes zu klettern.
Errol war nach dem Krieg zufällig in Jamaika gelandet. Seine geliebte Zaca war nach einem Trip durch den Panamakanal von einem Hurrikan vom Kurs geblasen worden, und so war er gezwungen gewesen, in Kingston anzulegen. Er verliebte sich sofort in den Anblick der Insel, und ganz Errol Flynn, wollte er augenblicklich mehr. Also kaufte er ein lokales Hotel, eine 200-Morgen-Ranch und eine 64-Morgen-Insel im Hafen von Port Antonio.
Flynns filmische Glanzzeit waren die Dreißiger und Vierziger. Zu der Zeit, in der ich ihn kannte, war er ein stark angeschlagener Mann, beeinträchtigt von Alkohol-, Opium- und Spielsucht, die ihn viel von seinem Vermögen kosteten. Er wohnte auf der Zaca, die auf Navy Island vor Port Antonio vor Anker lag. Trotzdem wusste Errol noch immer, wie man auf großem Fuß lebte. Er war der Erste, den ich Wasserski fahren sah, mit einer Nonchalance, die es wie einen Spaziergang aussehen ließ. Als ich fünfzehn war, schaute ich zu, wie er auf den Strand von Port Antonio glitt, angekleidet wie für eine Cocktailparty, mit einer Zigarettenspitze in der Hand und einem Dackel unter dem Arm. Es war das Coolste, was ich je gesehen hatte. Eine gängige Redewendung zu der Zeit lautete »hart wie Flynn« und kam von der rauen Art, mit der er sich an Frauen heranmachte. Am Ende nannte er seine Memoiren My Wicked Wicked Ways, aber er spielte mit dem Gedanken, sie Hart wie ich zu nennen.
Wir gerieten nur einmal richtig aneinander; ich war siebzehn oder achtzehn und versuchte, ihm eine seiner Freundinnen abspenstig zu machen. Flynn war notorisch untreu, was seine eigenen Frauen betraf, aber das hielt ihn nicht davon ab, mir mit der Härte einer lebenden Legende, die Robin Hood auf der großen Leinwand gespielt hatte, ins Gesicht zu schlagen. Er liebte Prügeleien und war bekannt dafür, mit dem Regisseur John Huston, einem seiner Saufkumpane, Faustkämpfe ohne Boxhandschuhe auszutragen, nur so zum Spaß. Es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich geschlagen wurde.
Errol hingegen wurde nach einer lautstarken Auseinandersetzung in Paris einmal von einer Schar Lesben verprügelt, fuhr Zigarre rauchend einen Cadillac in einen Pool, ließ einen Alligator in Port Antonios Hauptstraße frei und plante den Bau eines Bordells im Stil von New Orleans mitten in Kingston. Als ich irgendwann anfing, mit Grace Jones und Marianne Faithfull abzuhängen, die ihre eigenen Wege hatten, ein extremes Leben zu führen, hatte ich schon so ziemlich alles gesehen.
Flynn verdient Anerkennung für seine Hilfe bei der Gründung der jamaikanischen Tourismusindustrie. Seine Anziehungskraft zog andere Stars auf die Insel, darunter Ginger Rogers, Katherine Hepburn und Bette Davis, und er half, das River-Rafting Jamaikas Rio Grande hinunter bekannt zu machen. Ihm war aufgefallen, dass die Bananenfarmer ihre Ladung auf Bambusflößen zu den Dampfschiffen in Port Antonios Hafen beförderten. Das führte zu der Idee, Mondscheinfahrten zu veranstalten, die manchmal zu Wettrennen ausarteten, bei denen er gegen Gäste wie Noël Coward und dessen langjährigen Partner Graham Payn antrat.
Soweit es mich betrifft, ist aber noch bedeutender, dass Errol half, die indigene jamaikanische Musik bekannt zu machen. Für seine Partys engagierte er eine lokale Band aus Schwarzen Musikern, die sich die Navy Island Swamp Boys nannten. Es wird angenommen, dass es Errols Idee war, sie in Jolly Boys umzubenennen, weil sie offenkundig respektlos waren und Spaß daran hatten, ihre Musik mit deftigen, zweideutigen Texten über das jamaikanische Leben zu versehen. Die Jolly Boys existieren bis heute, obwohl ihre ursprünglichen Mitglieder längst abgetreten sind.
Die Jolly Boys spielten ein musikalisches Genre, das als Mento bekannt ist: eine unverkennbar jamaikanische Mischung aus westafrikanischen, europäischen und amerikanischen Folkeinflüssen. Mento war die erste Musik der Insel, man spielte sie auf akustischen Instrumenten, mit einem beschwingten, weichen Beat, der den Reggae und den brasilianischen Bossa Nova vorwegnahm. Der Song mit dem höchsten Erkennungswert ist Harry Belafontes »Day-O (The Banana Boat Song)«, der regelmäßig falsch als Calypso charakterisiert wird, was ein vergleichbarer, aber nicht identischer Sound der Insel Trinidad ist – nicht zuletzt, weil »Day-O« ursprünglich auf einem 1965er-Album von Belafonte namens Calypso erschien. Belafonte war zehn Jahre älter als ich und wurde in Harlem als Sohn jamaikanischer Eltern geboren. Wie ich ist er eine typisch jamaikanische Mischung aus Vorfahren, die zum Teil afrikanisch, zum Teil schottisch, aber auch jüdisch und teilweise katholisch waren. Auch er verbrachte seine frühen Jahre auf der Insel – zwischen 1938 und 1940 lebten wir sogar beide dort –, und seine Weltsicht wurde ebenfalls von den sozialen Ungleichheiten geformt, die er zwischen den englischen Besetzern Jamaikas und der überwiegenden Schwarzen Bevölkerung wahrnahm. Hinter den fröhlichen Frage-Antwort-Gesängen von »Day-O« verbirgt sich die Tatsache, dass es in dem Song um schuftende Arbeiter geht, die zermürbende Schichten auf den Plantagen schieben.
Mento, so altmodisch er heute auch klingt, wies den Weg für die Schwarze jamaikanische Musik. Daraus ging auch die Tradition hervor, dass Musiker europäische Titel wie Lord, Duke, Count, Prince und King annahmen in Anlehnung daran, wie befreite Sklaven die adligen Namen ihrer früheren Gebieter übernahmen. Zur Hochzeit des Mento sah man Auftrittsplakate mit Namen von Künstlern wie Count Lasher, Lord Flea, Lord Power, Lord Creator und Lord Lebby.
Errol starb 1959 im Alter von fünfzig Jahren, ein Opfer seiner Laster. Es wird erzählt, dass er mit einem halben Dutzend Flaschen seines Lieblingswhiskeys begraben wurde. So oder so hat er mir schrecklich viel darüber beigebracht, wie man sein sollte und wie man nicht sein sollte. Und was Wildheit betrifft, lernte ich, andere wild sein zu lassen und das Ganze lieber aus einer sicheren Distanz zu betrachten.
Ian Fleming kam zum ersten Mal während des Zweiten Weltkriegs nach Jamaika, als Offizier des Geheimdienstes. Nach dem Krieg wollte er dem runtergewirtschafteten Nachkriegsengland unbedingt entkommen und erwarb einen Streifen Land an der üppigen Nordküste, nahe dem Bananenhafen von Oracabessa, wo er ein einfaches Haus mit drei Zimmern baute. Er nannte es Goldeneye nach einem Sabotageakt, den er während des Krieges geplant hatte.
Wie Flynn war auch Fleming ein Gesellschaftsmensch, wenn auch weitaus zurückhaltender. Er und Noël Coward waren die führenden Köpfe eines Kreises von reichen Engländern, die sich entschlossen, den Winter auf der Insel zu verbringen. Goldeneye und Jamaika insgesamt boten die Illusion, dass Großbritannien noch immer eine imperiale Macht war, kein kontinuierlich schrumpfendes Reich. Entsprechend wurde es als außerordentliche Erleichterung empfunden, dass Anthony Eden, der englische Premierminister, 1956 drei Wochen im Goldeneye verbrachte, um sich von der Suezkrise zu erholen, in der Großbritannien von Ägypten gedemütigt worden war. Edens Frau, Clarissa Spencer-Churchill, eine Nichte von Winston Churchill,
Abb. 3
fand Jamaika wunderschön, beschrieb es aber auch als unheimlich: Es gebe seltsame Tom-Toms, die die ganze Nacht hindurch zu hören wären, berichtete sie ihren Freundinnen zuhause, fast so, als sei die Insel lebendig.
Fleming schrieb seinen ersten James-Bond-Roman, Casino Royale, 1952 im Goldeneye. Darin verarbeitete er seine eigenen Kriegserfahrungen beim Geheimdienst. Der Erfolg des Buches veranlasste ihn, weitere dreizehn Bond-Bände zu schreiben, von denen drei – Dr. No, Leben und sterben lassen und Der Mann mit dem goldenen Colt – auch jamaikanische Schauplätze hatten. Die Romane wurden jeweils im Winter in sechswöchigen Ausbrüchen geschrieben, jedes Jahr einer, bis zu Flemings Tod 1964. In dieser Periode vollzog sich in Jamaika eine tektonische Verschiebung, als das Land sich 1962 von einer britischen Kolonie in eine unabhängig regierte Nation (die trotzdem Mitglied des Commonwealth blieb) verwandelte. Während dieser Phase übte Flemings sorgsam kuratierte Vision von Jamaika als Spielfeld für Gentlemen eine starke Anziehung auf die Vorstellungkraft der Öffentlichkeit aus: ein letztes Auflodern von selbstbewusstem britischen Imperialismus, bevor die weißen Bürokraten den hastigen Rückzug nach London antraten. Auch Bond würde eine Rolle für den jamaikanischen Tourismusboom und das wachsende internationale Ansehen des Landes spielen, umso mehr nach dem überraschenden Erfolg des allerersten Bond-Films 007 jagt Dr. No, an dem ich als Produktionsassistent und Locationscout mitarbeitete.
Fleming und meine Mutter trafen sich 1956. Die Ehe meiner Eltern überlebte die Vierziger nicht – sie trennten sich 1949 –, und meine Mutter und Ian Fleming gingen eine enge Beziehung ein. Sie teilten das Interesse für die Natur, für Schwimmen, Wasserski fahren und Schnorcheln. Von ihnen lernte ich, das Wasser zu lieben, wo ich mich bald so zuhause fühlte wie auf dem Land.
Meine Eltern und ich waren kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs nach England zurückgekehrt, in das Land meiner Geburt. Man nahm an, dass das nordische Klima besser für mein Asthma wäre als die stickige und schwüle jamaikanische Luft. Außerdem brauchte ich endlich eine strukturierte Erziehung und Ausbildung, an der es mir ernsthaft mangelte, solange ich ziellos durch die Gärten unseres Hauses wandelte, entweder allein oder als Nervensäge der Bediensteten, die zu einem Teil meiner kleinen Welt geworden waren. Ich brauchte eine Dosis Realität oder zumindest etwas, das mich aus mir selbst herausholte. Und mir die Energie gab, gegen meine Krankheit anzukämpfen.
Die Reise mit dem Schiff nach Southampton führte uns durch gefährliche Gewässer. Es gab viele Bedrohungen im Ozean zwischen Jamaika und Europa, und das Schiff fühlte sich sehr ungeschützt an. Ich durchlebte ein paar beängstigende Tage. Es wurde auch dann nicht viel gemütlicher, als wir in London ankamen und im Hotel Grosvenor beim Hyde Park in Mayfair eincheckten. Im letzten Jahr des Krieges fielen immer noch Bomben auf London, V2-Raketen, die man nicht kommen hörte. Eine schlug so nah am Hotel ein, dass sie unsere Teller vom Tisch beförderte, während wir frühstückten.
Durch den Wechsel nach London war ich noch mehr mir selbst überlassen als zuvor, weil es in unserem Upper-Class-Apartment in Mayfair keine Bediensteten mehr gab, die sich um mich kümmerten. Meine Eltern gingen an den meisten Abenden aus und ließen mich ohne Babysitter zurück. So distanziert sie auch waren, wuchs ich doch immerhin mit einer Wertschätzung für das Gefühl von Freiheit auf, das mir mein abgeschiedenes Leben gab, das Gefühl, für mich selbst verantwortlich zu sein und nach Dingen Ausschau halten zu müssen, die ich machen könnte.
Die Schule allerdings war die Hölle. Ich wurde auf die Alma Mater meines Vaters geschickt, St. John’s Beaumont in Windsor. Dass mein Vater eine Jüdin geheiratet hatte, machte es für seine Mutter und meine Großmutter, eine religiöse Fanatikerin, unumgänglich, mich in eine katholische Schule zu stecken. Ich hasste den Ort. Die meiste Zeit war ich zu krank, um irgendwas zu tun. Manchmal brauchte ich sogar eine Sauerstoffbehandlung in einem Zelt. Wenn ich es doch mal in den Unterricht schaffte, konnte ich ihn auf den Tod nicht ausstehen und die Lehrer mich genauso wenig, nicht zuletzt, weil ich ständig verbale Auseinandersetzungen suchte. Einmal hatte ich einen Streit mit einem Lehrer, als der über den Himmel redete. Der Leitspruch der Schule war »Himmlische Dinge über irdischen Dingen«. Ich fragte, ob mein Hund in den Himmel kommen würde. Der Lehrer verneinte, weil der Hund kein menschliches Wesen sei. Ich war wütend. Zu der Zeit liebte ich meinen Hund mehr als die meisten Menschen, und die Antwort brachte mich definitiv vom Katholizismus ab.
Meine nächste Station war eine weitere vorbereitende Schule, St. Peter’s Court in Broadstairs, Kent, mit Blick auf den Ärmelkanal an der Südküste Englands. Meine Eltern entschieden, dass der Standort von St. John’s Beaumont im feuchten Themse-Tal mir Atemprobleme verursachte. Das, und nicht die Tatsache, dass mir gesagt worden war, mein Hund käme nicht in den Himmel, war der Grund für meine Verlegung. Jedenfalls half die Seeluft an der Küste von Broadstairs tatsächlich, meine Atemwege freizumachen, und ich zog St. Peters Court meiner alten Schule eindeutig vor.
Trotzdem war ich kein guter Schüler. In Englisch war ich ein absolut hoffnungsloser Fall, etwas besser in Mathematik, aber aus irgendeinem Grund ausgezeichnet in Latein, was ausreichte, um so gerade eben an einer der ältesten und respektabelsten Schulen Englands unterzukommen. Harrow, gegründet 1572 unter der königlichen Charter von Königin Elizabeth I., und die rivalisierende Schule Eton sind gleichermaßen elitäre wie exklusive Institutionen für das reiche, privilegierte Establishment. Zur allgemeinen Verwirrung insbesondere der Amerikaner sind sie in Großbritannien als öffentliche Schulen bekannt, obwohl sie alles andere als öffentlich sind, und sie halten die Menschen weiterhin fest im Griff. Das britische Führungspersonal geht allzu oft aus einem kleinen Kreis von Harrovianern und Etonianern hervor.
Es wird den Leser nicht überraschen, dass ich in Harrow fehl am Platz war. Ich war ein Außenseiter am Ende der sozialen Nahrungskette. Immerhin war ich nicht den allerschlimmsten Bräuchen des Faggings ausgesetzt, was der offizielle Ausdruck für institutionalisierte Schikanen an öffentlichen Schulen war. Fagging war ein wesentlicher Bestandteil des Schullebens, es sollte den Charakter formen und basierte auf der Vorstellung, dass diejenigen, die zum Herrschen bestimmt sind, zuerst gehorchen lernen müssen. In vielen Fällen diente es, wie der verächtliche Begriff bereits vermuten lässt, als Verschleierung für nicht einvernehmliche sexuale Akte zwischen Jungen, das, was man im Viktorianischen Zeitalter »Unregelmäßigkeiten« nannte. Soweit ich mich erinnern kann, gingen meine Aufgaben beim Fagging aber nie darüber hinaus, Toilettendeckel für die älteren Schüler anzuwärmen und ihre Ledergürtel zu polieren. Ich war eher Laufbursche als unterwürfiger Sexsklave.
Neben dem Fagging wurde ich von den Lehrern häufig mit dem Rohrstock geschlagen, üblicherweise weil ich undurchsichtige Regeln gebrochen hatte, die auf das 18. und 19. Jahrhundert zurückgingen. Mein häufigstes Vergehen war das Versäumnis, den bekannten flachen Strohhut mit dem schwarzen Band zu tragen, den alle Harrovianer außerhalb der Schule aufsetzen sollten. Ich gab vor, dass mein Hut verloren, gestohlen oder zerstört war, aber in Wahrheit wollte ich so ein blödes altmodisches Ding einfach nicht tragen. Die anderen Bekleidungsregeln beachtete ich ebenfalls nicht: die steifen blauen Blazer, die wir wochentags tragen sollten, und die formelle Sonntagsuniform mit Frack und gestreiften Hosen. Meine Erfahrungen in Harrow zogen eine lebenslange Affinität zu extrem legerer Kleidung nach sich: Flip-Flops und Shorts, wann immer es geht.
Einmal wurde ich öffentlich vor der gesamten Schülerschaft geschlagen, was es offenbar seit 130 Jahren nicht mehr gegeben hatte. Mein Vergehen? Bonbonpapier auf den Schulboden fallen zu lassen. Ich denke, dass die Lehrer an mir ein Exempel statuieren wollten, weil ich einen Ruf als Rebell hatte. Ich brach nachts aus der Schule aus und ging in die Stadt, um Alkohol und Zigaretten zu besorgen, die ich dann an andere Schüler verkaufte. Eines Tages fand ein Lehrer ein Versteck mit Flaschen, die ich dummerweise liegengelassen hatte, vermutlich weil ich glaubte, dass ich sowieso zu clever für sie war. War ich nicht. Vielleicht suchte ich tief oder auch nicht so tief in mir nach einem Weg nach draußen.
Meine Mutter wurde vorgeladen und eine umsichtige diplomatische Lösung gefunden. Ich wurde nicht offiziell entlassen, aber der Schulleiter sagte in typisch englischem Understatement zu meiner Mutter: »Christopher wäre woanders vielleicht glücklicher.« Das war das Ende meiner schulischen Ausbildung, im Alter von sechzehn Jahren. Ich wurde einer von Harrows Abbrechern, über die man nicht redete, was mir gut passte.
Das wichtigste Vermächtnis meiner Internatszeit ist mein Akzent, in dem sich Spuren von lockerer jamaikanischer Sprechweise mit dem vornehmen – manche sagen arrogant– klingenden Harrower Tonfall verbinden. Dieser Akzent hat seinen Zweck erfüllt, Menschen beeindruckt oder eingeschüchtert – je nach ihren eigenen sozialen Unsicherheiten –, und er hat bestimmte Amerikaner aufgeregt einen Einblick in irgendeine Art von englischer Illusion erahnen lassen. Ich habe auch gelernt, dass energische, aber gewinnende englische Manieren nützlich sind, wenn es darum geht, jemanden zu überzeugen, speziell dann, wenn man sie behutsam mit etwas Jamaika und einer schwer zu durchschauenden Eigensinnigkeit vermischt.
Mein Harrower Nichtrauswurf-Rauswurf brachte mich zurück nach Jamaika, wo mich der Beginn meines Lebens als Erwachsener erwartete.
Die Scheidung meiner Eltern erwies sich in gewisser Hinsicht als Glücksfall, denn dass sie getrennte Wege gingen, brachte mich in eine Situation, die mir den Weg in die Musikindustrie ebnen sollte. Meine Mutter blieb in Jamaika, wo ich einen Veränderungsprozess spüren konnte; das Land bereitete sich auf die Unabhängigkeit vor und die frisch gestärkte Schwarze Bevölkerung behauptete sich auch kulturell. Mein Vater heiratete eine Amerikanerin und machte Lake Forest, Illinois, zu seiner neuen Heimat. Bei meinen Sommeraufenthalten dort war ich innerhalb von Minuten mittendrin im gerade erst beginnenden Blues-Boom von Chicago. Ich lernte alles über Chicagos
