Als die Schweiz ins Schwitzen kam - Brigitte Hürlimann - E-Book

Als die Schweiz ins Schwitzen kam E-Book

Brigitte Hürlimann

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Beschreibung

Sie geben nicht auf. Sie gehen einen jahrelangen, hürdenreichen Weg, müssen sich Hohn und Spott anhören, werden beleidigt und bedroht. Doch sie machen weiter – manche von ihnen hochbetagt und gesundheitlich angeschlagen. Sie glauben an sich, an ihre junge Rechtsanwältin, sie haben Greenpeace an ihrer Seite – und eine klare Message: Der Klimaschutz muss vorangetrieben, der Staat in die Pflicht genommen werden. Es geht um den Schutz ihrer Gesundheit und ihres Lebens. Um das zu erreichen, verklagen die Klimaseniorinnen die Schweiz. Sie verlieren in ihrer Heimat vor jeder Instanz und ziehen den Fall nach Strassburg weiter, an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Am 9. April 2024 schaffen sie, womit kaum jemand gerechnet hat – der Gerichtshof gibt ihnen recht. Das Urteil geht binnen Minuten um die Welt: Klimaschutz ist ein Menschenrecht! Die alten Frauen aus der Schweiz stehen international im Rampenlicht. Sie haben gewonnen, für sich, für alle anderen – für die künftigen Generationen. In diesem Buch wird ihre Erfolgsgeschichte erzählt und mit dreizehn Kurzporträts exemplarisch aufgezeigt, wer hinter der aussergewöhnlichen Bewegung steht.

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Seitenzahl: 259

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Sie geben nicht auf. Sie gehen einen jahrelangen, hürdenreichen Weg, müssen sich Hohn und Spott anhören, werden beleidigt und bedroht. Doch sie machen weiter – manche von ihnen hochbetagt und gesundheitlich angeschlagen. Sie glauben an sich, an ihre junge Rechtsanwältin, sie haben Greenpeace an ihrer Seite – und eine klare Message: Der Klimaschutz muss vorangetrieben, der Staat in die Pflicht genommen werden. Es geht um den Schutz ihrer Gesundheit und ihres Lebens.

Um das zu erreichen, verklagen die Klimaseniorinnen die Schweiz. Sie verlieren in ihrer Heimat vor jeder Instanz und ziehen den Fall nach Strassburg weiter, an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Am 9. April 2024 schaffen sie, womit kaum jemand gerechnet hat – der Gerichtshof gibt ihnen recht. Das Urteil geht binnen Minuten um die Welt: Klimaschutz ist ein Menschenrecht! Die alten Frauen aus der Schweiz stehen international im Rampenlicht. Sie haben gewonnen, für sich, für alle anderen – für die künftigen Generationen. In diesem Buch wird ihre Erfolgsgeschichte erzählt und mit dreizehn Kurzporträts exemplarisch aufgezeigt, wer hinter der aussergewöhnlichen Bewegung steht.

Brigitte Hürlimann, geboren 1963 in Basel, ist promovierte Juristin. Sie arbeitete für die NZZ und ist heute Redakteurin beim Magazin «Republik». Für ihre journalistischen Texte ist sie mehrfach ausgezeichnet worden. 2019 wurde ihr von der Universität Bern die Ehrendoktorwürde verliehen. Brigitte Hürlimann lebt in Zürich.

Cordelia Bähr, geboren 1981 in St. Gallen, ist Rechtsanwältin, Vordenkerin der Klimaseniorinnen und leitende Anwältin des Falls. Cordelia Bähr wurde in die «Nature’s 10»-Liste aufgenommen als einer von zehn Menschen, die beigetragen haben, die Wissenschaft im Jahr 2024 zu prägen. «Time» kürte sie zu einer der 100 einflussreichsten Personen der Welt 2025.

Elisabeth Stern, geboren 1947 in Uznach, ist Aktivistin und promovierte Ethnologin. Sie engagierte sich in der Bewegung zur Beendigung des weltweiten Hungers und in der Friedensbewegung, heute ist sie Vorstandsmitglied der Klimaseniorinnen Schweiz. Nach vielen Jahren im Ausland lebt sie heute im Zürcher Oberland.

Brigitte Hürlimann, Cordelia Bähr und Elisabeth Stern

Als die Schweiz ins Schwitzen kam

Die Klimaseniorinnen

Dieses Buch widmen wir allen, die sich weltweit für die Wahrung der Menschenrechte, des Klimaschutzes und der Klimagerechtigkeit einsetzen. Und die den Mut nicht verlieren, den widrigen Umständen zum Trotz.

Inhalt

Vorwort

Kapitel 1: Gewonnen!

Kapitel 2: Es ist heiss

Kapitel 3: Eine Flugreise nach London

Kapitel 4: Die Holländer:innen machen es vor

Kapitel 5: Das Treffen der alten Frauen

Kapitel 6: Erster Auftritt der Klimaseniorinnen

Kapitel 7: Weitermachen!

Kapitel 8: In den Zeiten der Pandemie

Kapitel 9: Ein erster Zwischenerfolg

Kapitel 10: Es geht um den Fair Share

Kapitel 11: Schlussspurt

Kapitel 12: Showdown in Strassburg

Kapitel 13: Das Urteil

Kapitel 14: Der Kampf ist noch längst nicht beendet

Chronologie des Rechtswegs

Dank

«Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.» Nicholas Klein, US-Gewerkschafter, 1918

Vorwort

Das Buch, das Sie in Ihren Händen halten, ist Lehrstück, Erzählung und Zeitdokument in einem. Es ist das Ergebnis einer intensiven, persönlichen und oft sehr bewegenden Auseinandersetzung mit einem aussergewöhnlichen Fall und den Menschen dahinter. Verfasst wurde es von Brigitte Hürlimann, basierend auf zahlreichen Gesprächsstunden, Rückblicken und Recherchen sowie auf der Lektüre von mehreren Hundert Seiten Rechtsschriften und Urteilen. Die Journalistin tauchte tief ein in eine Geschichte, die weit mehr ist als ein juristisches Verfahren – sie ist ein Zeugnis von Engagement, Mut und beharrlichem Einsatz für Klimagerechtigkeit.

Ihre beiden Mitautorinnen, Cordelia Bähr und Elisabeth Stern, haben ihr in langen Interviews Einblick in ihre Erfahrungen, Gedanken und Einschätzungen gegeben. Cordelia Bähr, leitende Anwältin des Falls der Klimaseniorinnen, hat darüber hinaus wichtigen fachlichen Input geleistet. Ihre juristische Expertise, ihre Einordnungen und Erläuterungen haben dazu beigetragen, die komplexen Zusammenhänge greifbar zu machen. Elisabeth Stern hat mit ihrer Perspektive und Erinnerung nicht nur viele wertvolle Facetten zur Geschichte beigetragen, sondern auch das Vereinsleben nähergebracht; erzählt, wie sich die Mitglieder organisiert, engagiert und entwickelt haben, an welchen Aktionen sie beteiligt waren und immer noch sind. Durch sie wurde deutlich, wie viel Herzblut, Zeit und Überzeugungskraft die Seniorinnen über Jahre hinweg eingebracht haben.

Dieses Buch versteht sich nicht als vollständige Darstellung des Falls der Klimaseniorinnen. Im Gegenteil: Jede und jeder der zahlreichen Beteiligten – die unermüdlichen Vorstandsfrauen, die aktiven Mitglieder, das gesamte Rechtsteam, Georg Klingler und Yvonne Anliker von Greenpeace Schweiz – hätte eine eigene Geschichte zu erzählen. Und jede dieser Geschichten wäre es wert, gehört zu werden. Alle haben sie mit Hingabe und Verstand daran gearbeitet, dass die Klimaseniorinnen schliesslich zu ihrem Recht kamen – und dass ein Gericht erstmals anerkannt hat, dass verletzliche Menschen vor den Folgen der Klimakrise geschützt werden müssen.

Dieses Buch gibt der kollektiven Anstrengung ein Gesicht – oder besser: viele Gesichter. Es ist ein Dank, eine Einladung zum Weiterdenken und ein Beitrag zu einem Gespräch, das dringend nötig ist.

Juli 2025

Brigitte Hürlimann, Cordelia Bähr, Elisabeth Stern

Kapitel 1

Gewonnen!

Es ist still im Saal. Die Zuschauerreihen sind bis auf den letzten Platz gefüllt, darunter gut drei Dutzend grau- und weisshaarige Frauen, die aus der Schweiz nach Strassburg gereist sind. Sie tragen lila-blaue Schals und Buttons, die sie als Klimaseniorinnen kenntlich machen. Es ist der 9. April 2024, 10.30 Uhr. Im Namen von siebzehn Richter:innen des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte eröffnet die irische Gerichtspräsidentin Síofra O’Leary das Urteil in Sachen Verein Klimaseniorinnen Schweiz und weiteren gegen die Schweiz.

O’Leary spricht englisch, schnell und routiniert. Die Seniorinnen und so manch andere Besucher:innen und Medienleute haben Mühe, den komplexen Ausführungen zu folgen. Stumm und ungläubig blicken sich die alten Frauen an. Haben sie richtig gehört? Kann es sein? Ist es wahr? Und dann sehen sie die ersten Daumen, die nach oben zeigen.

Cordelia Bähr, leitende Rechtsanwältin im Rechtsteam der Klimaseniorinnen, fällt ein Felsbrocken vom Herzen. Neun Jahre intensivste Arbeit und Herzblut sind soeben von höchster Stelle anerkannt worden. Es ist die Belohnung für den langen Weg, den die junge Anwältin Schulter an Schulter mit den alten Frauen gegangen ist – gemeinsam mit Greenpeace. Georg Klingler, Biobauer, Klimaexperte und Campaigner bei Greenpeace Schweiz, der Mann, der die ganze Sache 2015 mit einer unkonventionellen Idee ins Rollen gebracht hat, sitzt in Anzug und Krawatte hinter den Seniorinnen im Gerichtssaal – und bekommt Gänsehaut. «Als ich das Stichwort Kohlenstoffbudget vernahm», sagt er, «wusste ich, es ist ein wegweisender Entscheid. Ab dann hörte ich mit den handschriftlichen Notizen auf und hörte nur noch zu.»

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schreibt an diesem Dienstagmorgen Geschichte. Als erste internationale Gerichtsinstanz hält er in aller Klarheit fest: Klimaschutz ist ein Menschenrecht.

Ein Staat, der zu wenig unternimmt, um seine vulnerablen Bewohner:innen vor den schädlichen Auswirkungen des Klimawandels zu schützen, verletzt die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK). Also jenes Vertragswerk, das nach den Gräueln des Zweiten Weltkriegs ausgehandelt und von allen 46 Mitgliedstaaten des Europarats ratifiziert worden ist. Die Konvention hält die grundlegenden Menschenrechte fest, auf die sich die Staatengemeinschaft geeinigt hat. Und nun ist es also die Schweiz, die zur Kenntnis nehmen muss, die EMRK gleich mehrfach verletzt zu haben. Ihre Klimaschutzziele und -massnahmen, sowohl die bestehenden als auch die geplanten, sind ungenügend. Sie erfüllen die Anforderungen der Menschenrechtskonvention nicht.

Im Strassburger Gerichtssaal könnte man eine Stecknadel fallen hören. Als Síofra O’Leary die letzten Worte gesprochen und die Urteilseröffnung für beendet erklärt hat, verlassen die Seniorinnen ruhig und gefasst den Saal. Draussen im Gang schauen sie sich nochmals fragend an; unsicher, ob sie in der ganzen Tragweite erfasst haben, was soeben geschehen ist.

Dann fallen sie sich in die Arme. Jubelnd und mit Tränen in den Augen.

Der Urteilsspruch geht innert Minuten um die Welt, Interviewanfragen aus allen Kontinenten prasseln auf die älteren und alten, zum Teil gesundheitlich angeschlagenen Frauen ein, die einen jahrelangen, hindernisreichen Weg durch die Instanzen auf sich genommen haben; unermüdlich, unerschrocken, hartnäckig. Im eigenen Land teils als Lachnummern, Marionetten oder als herzige Omis verspottet, die ihre Zeit doch lieber mit Stricken oder mit ihren Enkelkindern verbringen sollten, haben sie nicht nur einen gerichtlichen Sieg errungen – sondern alles in ihrer Macht Stehende getan, um den Klimaschutz voranzutreiben.

Für sich und für alle. Auch für die kommenden Generationen. Und nicht zuletzt für die Senioren, die sich allein aus prozessualen Gründen der Klage nicht anschliessen durften. Der Rechtsweg für mehr Klimaschutz stand nur einer besonders vulnerablen Gruppe offen: den alten Frauen.

Sie haben die Chance gepackt. Und Mut bewiesen.

Am Tag der Urteilsverkündung ist Feiern angesagt.

Kapitel 2

Es ist heiss

Bruna Molinari
*1941

Die Tessinerin Bruna Molinari sitzt zusammen mit Tochter, Schwiegersohn und Enkel Milo im Strassburger Gerichtssaal, als am 9. April 2024 das Urteil verkündet wird. «Ich habe erst beim Applaus realisiert, dass wir gewonnen haben. Ich konnte es fast nicht glauben. Und bin so froh, dass mein Enkel diesen Moment mit mir erleben konnte. Die Nonna und ihr Nipote, der kleine Junge mit den blonden Haaren, der weltweit auf vielen Pressebildern zu sehen ist, die nach der Urteilseröffnung publiziert wurden. Ich habe das auch für ihn getan. Für Milo, meine drei anderen Enkel, für alle Kinder dieser Welt.»

Molinari ist Klimaseniorin und Beschwerdeführerin – Einzelklägerin, wie sich die vier Frauen nennen, die die Schweiz auch individuell zur Verantwortung ziehen, nicht nur im Namen des Vereins. In der italienischsprachigen Schweiz geboren, leidet Bruna Molinari schon als Kind an Asthma, was niemand bemerkt, obwohl sie kaum rennen kann oder nach zwei, drei Schwimmzügen erschöpft ist. Sie selbst stuft sich als unsportlich ein und ahnt nicht im Geringsten, dass es an ihren Bronchien liegen könnte, die von Geburt an beschädigt sind. Medizinische Abklärungen an einem Kind, das ungewöhnlich schnell ausser Atem kommt, sind in den 1940er- und 1950er-Jahren kein Thema.

Sie wächst in einer Familie auf, die von einem strengen, konservativen Vater geprägt ist. Die Eltern schicken ihre Tochter in ein Internat in der Deutschschweiz, das von Nonnen geführt wird und wo man den Schülerinnen aus dem Tessin strikt verbietet, italienisch zu sprechen. «Als Strafe wurden uns die Pakete nicht ausgehändigt», erinnert sich Molinari. Ihr Bruder darf Autofahren lernen, sie nicht. Also tut sie es gegen den Willen des Vaters und verlässt so rasch wie möglich, als 18-Jährige, das Elternhaus. Als junge Frau arbeitet sie für eine Grossbank in der französischen Schweiz und danach für Swissair in Zürich. Später kehrt sie mit ihrem Mann ins Tessin zurück. Und bleibt, gründet eine Familie mit zwei Töchtern und einem Sohn.

Ihre Krankheitsdiagnose erfolgt erst, als sie über 70 Jahre alt ist – nach einem Zusammenbruch in Peru, als ihr Körper die Höhe nicht mehr bewältigen kann. Doch auch das Alltagsleben in der Südschweiz wird für Bruna Molinari zunehmend beschwerlich. Seit sie älter ist, setzt ihr die Sommerhitze zu. Längst ist ihr aufgefallen, dass die Hundstage immer häufiger und intensiver auftreten. Nicht nur in der Schweiz, nicht nur im Tessin. Heute muss sich Bruna Molinari wegen Asthma und einer chronischen Lungenerkrankung ständig ärztlich behandeln lassen.

In einem Arztbericht zuhanden des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte wird festgehalten, dass die Seniorin bei grosser Hitze bereits bei der geringsten Anstrengung unter Atemnot leide, «was sie daran hindert, in ihren hundert Meter entfernten Gemüsegarten zu gehen. Sie kann weder in die Höhe steigen noch in die nahe gelegene Stadt Chiasso fahren, da die Luftverschmutzung ihre Symptome stark verschlimmert. Es ist anzumerken, dass die Symptome trotz einer optimalen Behandlung ausser Kontrolle sind.» An Hitzetagen muss Bruna Molinari im Haus bleiben – und darf sich möglichst nicht bewegen. Sie leidet darunter, nicht aktiv sein zu können und zunehmend isoliert zu werden.

Im Grenzort Chiasso, sagt Bruna Molinari, sei es am schlimmsten: Hitze, kombiniert mit Luftverschmutzung. Über der Stadt liege regelmässig ein grauer Deckel, die Mehrheit der Kinder leide an Atemproblemen. Doch die Klimakrise sei in der italienischen Schweiz kaum ein Thema, im Gegenteil, die Autobahn solle verbreitert werden. «Das bedeutet noch mehr Autos, noch mehr Stau, noch mehr Abgase.» Sie habe sofort Ja gesagt, als sie angefragt wurde, sich bei den Klimaseniorinnen zu engagieren. «Es ist unbedingt nötig, dass wir Alten etwas tun. Wir sind für die Situation von heute mitverantwortlich. Wir dürfen die Jungen nicht im Stich lassen. Wir müssen dafür sorgen, dass sich die Situation wenigstens nicht verschlimmert.»

Der Sommer 2003 geht als europäischer Rekordhitzesommer in die Annalen ein. Vor allem in den südlichen Staaten, aber auch in Frankreich, Deutschland, in der Schweiz oder in Teilen Grossbritanniens steigen die Temperaturen auf (noch) ungewohnte Höhen. Die Menschen ächzen, die Natur leidet, die Verwunderung über die Extremsituation und deren gravierende Auswirkungen ist gross. Der Hitzesommer führt allein in der Schweiz zu fast tausend zusätzlichen Todesfällen. Darunter viele alte Frauen.

Dreizehn Jahre später, im November 2016, wird Klimaanwältin Cordelia Bähr in einer Rechtsschrift an die schweizerische Landesregierung festhalten: Der Extremsommer 2003 gelte «als eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der Geschichte Europas». Er habe den Kontinent rund 70 000 Menschenleben mehr als ein gewöhnlicher Sommer gekostet. Die «Neue Zürcher Zeitung» schreibt von einem «Sommer der Superlative». Allein in der Landwirtschaft werden Einkommenseinbussen mit rund 500 Millionen Franken beziffert, das bedeutet einen Ertragsrückgang von zwanzig Prozent.

In diesem Ausnahmesommer, Jahrhundertsommer, Hitzesommer, Extremsommer ist Cordelia Bähr 22 Jahre jung, Studentin der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich. Den Sommer verbringt sie in ihrer Geburtsstadt St. Gallen, auf rund 700 Metern über Meer gelegen und damit auch an heissen Tagen kühler als andere Orte. Sie hat die Lizenziat-I-Prüfungen hinter sich und düst mit ihrer Vespa zu den Weihern auf den grünen bewaldeten Hügeln oberhalb der Stadt hoch.

«Für mich war es ein schöner Sommer», sagt Bähr, «von den 70 000 Hitzetoten in Europa wusste ich noch nichts.» Das Klima ist für die Jurastudentin noch kein Thema, sie tut, was junge Leute tun: auf Partys gehen, Freund:innen treffen, für Reisen und Sprachaufenthalte in ferne Länder fliegen.

Eine unbequeme Wahrheit

Rechtswissenschaft zu studieren, ist für Cordelia Bähr ein Entscheid der Vernunft. Eigentlich hätte sie Geografie mehr fasziniert, doch da sind ihr die Berufsmöglichkeiten zu eingeschränkt. Wegen ihres ausgeprägten Gerechtigkeitssinns und weil sie sich schon früh argumentativ auffallend gut durchsetzen konnte, rät ihr die Familie zum Jurastudium. Sie wird die Wahl nie bereuen. Zu ihren Lieblingsfächern, sagt Bähr, hätten von Anfang an die Grundrechte gehört.

Ende 2006 sieht sie den Dokumentarfilm «Eine unbequeme Wahrheit» («An Inconvenient Truth») von Al Gore. In den folgenden Jahren wächst ihr Interesse an Umwelt- und Klimathemen stetig. In der Zürcher Wirtschaftskanzlei, bei der sie nach der Anwaltsprüfung ab 2010 arbeitet, entstehen in den Mittagspausen lebhafte Diskussionen über diese Themen. Jahre später, wie sie als versierte Klimaanwältin – eine der ersten in der Schweiz – ihren Weg gehen soll, wird ihr von ehemaligen Kolleg:innen attestiert, sie habe die Zeichen der Zeit früh erkannt.

Tatsächlich bleibt das Umweltrecht in der Schweiz bis Ende der 1990er-Jahre ein Nischenthema. Alain Griffel, Staats- und Verwaltungsrechtsprofessor an der Universität Zürich (mit einem Schwerpunkt im Umwelt- und Raumplanungsrecht) unterscheidet:

—eine Aufbauphase, von 1970 bis zirka 1995 – das Umweltrecht entsteht;

—eine Konsolidierungsphase, von 1995 bis 2010 – die gesetzlichen Regeln werden punktuell gefestigt und verstärkt;

—eine Ermüdungsphase, ab 2010 – der Versuch, das Bestehende einigermassen zu halten;

—eine Abbruchphase, ab 2020: Alain Griffel konstatiert, das Umweltrecht werde als eine Art von «lästigem Steinbruch» betrachtet, den man niederzureissen versuche, so weit es nur geht.

Ebenfalls in den Nullerjahren, so Griffel, habe auf nationaler und internationaler Ebene das Lavieren rund um den Klimaschutz begonnen: das zögerliche Inkrafttreten des Kyoto-Protokolls, der lange Weg bis zum Klimaübereinkommen von Paris 2015 oder das ewige Hin und Her um die – letztlich nie eingeführte – CO2-Abgabe auf Treibstoffe.

Kapitel 3

Eine Flugreise nach London

Oda Müller
*1945

2016 entdeckt die pensionierte Sozialpädagogin und langjährige Mitarbeiterin verschiedener Zürcher Jugendanwaltschaften eine redaktionelle Notiz im «Tages-Anzeiger»: In Bern werde ein Verein mit älteren Frauen gegründet, die sich für griffige Klimamassnahmen einsetzen und notfalls die Schweiz verklagen wollten; weil der Staat zu wenig unternehme, um die Bevölkerung zu schützen. «Das sprach mich total an. Ich wusste schon länger, dass etwas nicht stimmt, hatte mein Verhalten aber nicht geändert und ein schlechtes Gewissen.»

Oda Müller ist in Münsingen auf der Schwäbischen Alb geboren, wo ihr Vater als schwer verletzter deutscher Soldat auf dem Truppenübungsplatz stationiert war. «Meine Mutter reiste ihm nach, mit mir im Bauch. Ich bin in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs geboren und in der Nachkriegszeit aufgewachsen, zusammen mit meinem jüngeren Bruder.» Der Bruder kam ein Jahr nach ihr auf die Welt. Er sei als Säugling sehr krank gewesen, sagt Müller, und habe in einer Kinderklinik in Heidelberg nur dank amerikanischer Medikamente gerettet werden können. «Das ist die Ironie der Geschichte. Mein Bruder überlebt mithilfe der Amerikaner, gegen die mein Vater zuvor als deutscher Soldat gekämpft hat.»

Die Familie lebt in Mühlacker, zwischen Stuttgart und Karlsruhe gelegen. Die Tochter darf zwar das Gymnasium besuchen, aber kein Abitur ablegen. Der Vater sei dagegen gewesen, sagt sie. Weil sie ja sowieso heiraten werde. Auch Goldschmiedin darf die junge Frau nicht werden, der Vater meldet seine Tochter bei einer Handelsschule an (ohne sie zu fragen) und bestimmt für sie eine berufliche Zukunft im Büro.

Für Müller ist klar, dass sie so rasch wie möglich ausziehen und Deutschland verlassen will. Paris und London werden ihr vom Vater zwar verboten – aber in der Schweiz darf sie eine Bürostelle bei einem Aluminiumschweisswerk antreten. Also zieht sie am 5. Januar 1965 ins zürcherische Schlieren. «Dieses Datum werde ich nie vergessen!», sagt sie. Ebenso wenig die peniblen grenzsanitarischen Untersuchungen bei der Einreise in die Schweiz. Das Ausländerrecht sei damals noch strenger gewesen als heute. Als sie im Herbst desselben Jahres einen Schweizer heiratet, verliert sie nach dem damaligen, frauendiskriminierenden Bürgerrechtsgesetz ihre deutsche Staatsangehörigkeit und wird automatisch Schweizerin. Erst viele Jahre später, nachdem die Gesetze geändert worden sind, erhält sie ihre ursprüngliche Nationalität wieder zurück und ist seither Doppelbürgerin.

Als verheiratete Frau und Mutter von zwei Kindern gibt Oda Müller vorübergehend die Berufstätigkeit auf. Doch die Trennung vom Mann erweist sich als zweite Chance für ihre Karriere: Nach Sekretariatsstellen an der Universität Zürich lässt sie sich zur Sozialpädagogin ausbilden und fängt 1991 bei der Jugendanwaltschaft an, wo sie kriminellen Minderjährigen hilft, wieder auf den rechten Weg zu kommen; in enger Zusammenarbeit mit den Jurist:innen. Sie habe diese Arbeit geliebt, und sehr bedauert, dass sie altershalber habe aufhören müssen: weil es der Kanton Zürich so vorschreibt.

Doch Oda Müller arbeitet bis heute – besonders intensiv für die Klimaseniorinnen. Seit sie 2016 an der Gründungsversammlung in Bern teilgenommen hat und kurz danach Vorstandsmitglied geworden ist, hat sie ihr Leben radikal auf den Kopf gestellt. Schluss mit den regelmässigen Flugreisen nach Indien, an ihren Kraftort, wo sie auftanken, durchatmen, Krisen bewältigen und wieder Lebensmut finden konnte. Weg mit dem Auto!

Dafür fährt sie dreimal im Zug nach Strassburg an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte: im März 2023 zur Anhörung der Klimaseniorinnenbeschwerde vor der Grossen Kammer, im September des gleichen Jahres zur Anhörung der Klage von portugiesischen Jugendlichen und schliesslich im April 2024 an die Urteilsverkündung in insgesamt drei Klimafällen. Alle drei Anlässe, sagt Oda Müller, seien anstrengend gewesen; nicht zuletzt wegen der richterlichen Ausführungen in Englisch und Französisch, die für sie – und nicht nur für sie – äusserst anspruchsvoll waren.

Der Tonfall jener Vertreter, die sich im Gerichtssaal im Namen der Schweiz gegen die Beschwerde der Seniorinnen wehrten, sei unglaublich steif und bürokratisch gewesen – ganz im Gegensatz zu den Ausführungen der Anwält:innen der Klimaseniorinnen: «Sie haben eindringlich und fast mitreissend ihre Anliegen vorgetragen.» Diese atmosphärischen Unterschiede konnte Oda Müller als Zuhörerin im Gerichtssaal deutlich erfassen. Das sei unmissverständlich gewesen. Dazu brauchte sie keine besonderen Sprachkenntnisse.

Ein Journalist der Schweizer Boulevardzeitung «Blick» begleitet sie auf zwei dieser Reisen: «Grosi Müller reist nach Strassburg», so der Titel eines Berichts. «Ich bin in die Medienarbeit hineingewachsen», sagt sie. «Anfänglich habe ich es mir nicht zugetraut. Aber heute weiss ich: Ich kann es. Und es kommt gut an. Die Leute verstehen meine Worte. Ich bin nicht die Akademikerin, sondern eher die Emotionale.» Bei einer Plakataktion in den Zürcher Trams posiert sie zusammen mit ihrem Enkel Loris. Dass ihr Engagement bei den Klimaseniorinnen generationenübergreifend wirkt, freut sie ganz besonders.

Nach der Urteilseröffnung im April 2024 sagt Oda Müller, sie habe vor Glück wie auf einer Wolke geschwebt. Doch schon bald habe sie realisiert, dass mit dem Sieg die Arbeit der Klimaseniorinnen noch lange nicht beendet sei.

«Ich werde mich weiterhin engagieren, ich habe die Energie, die Kraft und die Lust dazu. Was ich aber fast nicht mehr aushalte, was mich wirklich belastet, ist die Lektüre der Klimarapporte. Die Situation ist extrem bedrohlich, und ich habe in meinem privaten Umfeld kaum jemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Ich glaube, viele Menschen ängstigt dieses Thema enorm. Weil sie unter anderem ihr Verhalten ändern müssten. Sie tun es wider besseres Wissen nicht.»

Cordelia Bähr bleibt zwei Jahre lang als Anwältin bei der Zürcher Wirtschaftskanzlei, dann zieht sie nach London. Sie hat sich an der London School of Economics and Political Science (LSE) beworben – einer der weltweit führenden Hochschulen für Sozial-, Rechtsund Wirtschaftswissenschaften. Die LSE gilt als Denkfabrik für progressive Ideen und zieht Student:innen aus der ganzen Welt an, die sich mit Fragen sozialer Gerechtigkeit, internationalem Recht oder politischem Wandel befassen.

Bähr interessiert sich für ein einjähriges Nachdiplomstudium mit den Schwerpunkten Umwelt-, Klima- und Menschenrecht: ein damals ungewöhnlicher Themenmix. In ihrem Bewerbungsdossier betont sie ihr Interesse an den Menschenrechten und zeigt auf, dass die Schweiz in dieser Hinsicht nicht nur ein Vorzeigeland ist. Sie sei 1981 geboren, zehn Jahre, nachdem das Frauenstimm- und Wahlrecht in die Schweizer Verfassung aufgenommen worden sei. Und neun Jahre bevor auch der letzte Kanton den Frauen die politische Gleichstellung zubilligte – auf Druck des Bundesgerichts. «Schon damals, als neunjähriges Mädchen, war für mich klar, dass Frauen den gleichen Wert und die gleichen Rechte haben – oder haben sollten», schreibt Cordelia Bähr in ihrer Bewerbung.

Die Schweiz gehört zu den letzten Ländern Europas und zum hinteren Drittel weltweit, die den Frauen das Stimm- und Wahlrecht gewährten. Manche der Klimaseniorinnen blieben als junge Frauen von der politischen Teilhabe ausgeschlossen; was sie nicht daran hinderte, ihre Meinung kundzutun und ihren Protest auf die Strasse zu tragen. Auch als Klimaseniorinnen werden sie wiederholt unter Beweis stellen, dass sie alles andere als wehleidige Omis oder leicht manipulierbare Marionetten sind. Ganz im Gegenteil. Sie sind Aktivistinnen und Feministinnen, die ihr Leben lang kämpften und bis heute weiterkämpfen. Gegen Atomkraftwerke. Für die Umwelt. Für Gerechtigkeit. Für Gleichstellung und Frieden. Und nun, im hohen Alter, auch noch für den Klimaschutz.

Bähr wird an der renommierten Universität angenommen und fliegt nach London. «Selbstverständlich nahm ich das Flugzeug. Das Thema Klima interessierte mich zwar, beeinflusste aber nicht mein eigenes Verhalten. In London setzte ich mich intensiv mit Klimarecht und Klimawissenschaften auseinander, das beeinflusste auch meinen persönlichen Blick. 2013 kehrte ich mit dem Zug zurück in die Schweiz.»

Die Fleischproduzent:innen bleiben verschont

In ihrer Abschlussarbeit geht die Juristin den Gründen auf die Spur, warum der Fleischkonsum trotz seiner massiven Auswirkungen aufs Klima nicht mittels einer Treibhausgassteuer auf Fleischprodukte reguliert ist. Bähr recherchiert dazu nicht nur in der Fachliteratur, sondern fragt auch bei wichtigen Playern nach. Die Antworten fallen ernüchternd aus. Eine Umweltorganisation verweist auf vegetarische Rezepte, die auf ihrer Website publiziert würden. EU-Gremien anerkennen zwar das Problem, reagieren aber trotzdem ausweichend.

Cordelia Bähr will nicht, dass ihre Untersuchung im akademischen Elfenbeinturm verschwindet. Die Arbeit soll als Open-Access-Artikel in «Transnational Environmental Law» publiziert werden. Dazu ist ein vorgängiges Peer-Review notwendig; so, wie es seriösen wissenschaftlichen Standards entspricht. Es sei in dieser Feedback-Runde zu merkwürdigen, emotionalen, gar empörten Reaktionen anonymer Reviewer gekommen, erinnert sich Bähr. Es sei doch klar, warum es keine Fleischsteuer gebe, war eine der Rückmeldungen: Jeder Beamte würde beim Gedanken an eine solche Steuer rückwärts vom Stuhl fallen. «Es war offensichtlich, wie sehr das Thema polarisierte.»

Professorin Veerle Heyvaert, die Bährs Arbeit betreut, rät ihr, sich auf die rechtlichen Aspekte zu beschränken – und alles andere zu streichen. Was auch geschieht. Doch an der Eindeutigkeit der Analyse ändert sich selbst in der abgespeckten Version nichts. In ihrer 2015 publizierten Arbeit mit dem Titel «Greenhouse Gas Taxes on Meat Products: A Legal Perspective» hält die Anwältin aus der Schweiz fest, dass die Fleischproduktion und der Transportsektor weltweit fast gleichermassen zur globalen Erwärmung beitragen. Trotzdem gebe es kaum politische Diskussionen, geschweige denn Massnahmen, um die Treibhausgasemissionen der Fleischproduktion zu verringern. Eine Fleischsteuer wäre eine verhältnismässige, praktikable und vor allem wirksame Massnahme, die weder EU-Recht noch anderes internationales Recht verletze. Im Gegenteil.

Warum werde die Bürde der Treibhausgasreduzierung allen anderen Sektoren zugemutet – aber den Fleischproduzent:innen nicht? Obwohl klar sei, «dass es nur wenige Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels gibt, die so einfach, kosteneffizient und mit so vielen positiven Nebeneffekten verbunden sind wie die Reduzierung des Fleischkonsums».

Das Versäumnis, im Bereich der Fleischproduktion tätig zu werden, schreibt Cordelia Bähr, «könnte zu Konflikten mit der menschenrechtlichen Verpflichtung der EU führen, ihre Bürger vor Klimakatastrophen zu schützen». Eine fast schon visionäre Schlussfolgerung im Hinblick darauf, was in den kommenden zehn Jahren geschehen wird.

Den Londoner Abschluss in der Tasche und zurück in der Schweiz, macht sich Cordelia Bähr 2013 auf Stellensuche. Sie stösst auf eine offene Stelle beim Bundesamt für Umwelt, wo der Rechtsdienst nach einer juristischen Mitarbeiterin für den Bereich Klima sucht. «Mein späterer Chef sagte mir, die Wahl sei klar gewesen», sagt Bähr, «niemand sonst konnte eine vergleichbare Spezialisierung vorweisen.»

Angestellt bei der späteren Prozessgegnerin

2013 wird sie Mitarbeiterin in jenem Bundesamt, dem sie genau zehn Jahre später an der mündlichen Verhandlung vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg gegenüberstehen wird.

Als Angestellte im Rechtsdienst des Bundesamts für Umwelt tüftelt Cordelia Bähr in ihrem Verwaltungsbüro an Finessen der CO2-Verordnung, die wegweisenden Entscheide werden jedoch fernab von ihr gefällt: vom Departement, dem Direktorium und natürlich nicht zuletzt vom Bundesrat.

Neben ihrem Teilzeitjob in der Bundesverwaltung ist Cordelia Bähr an der Universität Zürich als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Völkerrechtsprofessor Daniel Moeckli im Bereich Menschen- und Klimarecht tätig, wo sie sich speziell auch mit der Europäischen Menschenrechtskonvention befasst.

Im akademischen Kreis werden die Diskussionen über die menschenrechtliche Verantwortung von Staaten im Klima- und Umweltbereich vorangetrieben. Ein Thema ist unter anderem, ob Staaten belangt werden können, wenn ihr Tun oder Unterlassen zu Schäden in anderen Staaten führt. Konkret: Ist die Schweiz mitverantwortlich, wenn ein ferner Inselstaat untergeht?

«Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Umweltverbände und die UNO vor der Klimakrise – aber tatsächlich geschehen ist einfach viel zu wenig. So wenig, dass wir jetzt in einer Krise stecken, die wir vielleicht nicht mehr bewältigen können», hält die deutsche Klimaanwältin Roda Verheyen in ihrem 2023 erschienenen Buch «Wir alle haben ein Recht auf Zukunft» fest. Schon vor nahezu zweihundert Jahren, schreibt Verheyen, sei der Treibhauseffekt beschrieben worden, «und es wurde spätestens seit den 1960er-Jahren vor seinen Auswirkungen gewarnt».

Neu ist das Thema der menschenrechtlichen Verantwortung in Umweltangelegenheiten auch für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) nicht. 2008 entschieden die Strassburger Richter:innen einstimmig, dass Russland Artikel 2 EMRK (das Recht auf Leben) wegen staatlicher Versäumnisse verletzt hat. Der beklagte Staat hätte das Leben der Bewohner:innen von Tyrnauz vor den vorhersehbaren Schlammlawinen schützen müssen, die im Juli 2000 die Stadt verwüsteten, was mehrere Menschen das Leben kostete.

Es war ein Entscheid, der die Jurist:innen aufhorchen liess. Auch Cordelia Bähr kannte das Schlammlawinenurteil des EGMR. «Ich realisierte: Eine solche Verurteilung könnte auch der Schweiz blühen, wenn sie zu wenig für den Klimaschutz unternimmt. Es lag auf der Hand, dass der EGMR seine bestehende Rechtsprechung auf die Klimathematik anwenden könnte. Und trotzdem schien damals in breiten Kreisen der Gedanke noch fern, dass Klimaschutz ein von einem Gericht anerkanntes Menschenrecht darstellen könnte.»

Kapitel 4

Die Holländer:innen machen es vor

Rita Schirmer-Braun
*1950

Sie ist eine Grüne der ersten Stunde, Parteimitglied, seit es die Grüne Partei in der Schweiz gibt. Die Bäume sind ihre Freunde, schon als Kind hält sie es fast nicht aus, miterleben zu müssen, wie einer gefällt wird. Bis heute zieht es Rita Schirmer-Braun in den Wald, so oft wie möglich, auch zusammen mit ihrer Zwillingsschwester, Beatrice Braun. Dort sammeln die beiden Frauen, was sie verwerten können: Pilze, Beeren, Holunder, «einfach alles, was ich auf meinem Weg finde», sagt die Seniorin.

Ihre Schaffhauser Wohnung und die beiden Balkone sind wahre Paradiese; es grünt, spriesst und gedeiht. Schirmer-Braun giesst konsequent nur mit gesammeltem oder gebrauchtem Regen- und Restwasser. «Das müssen die Pflanzen aushalten, und sie tun es auch.» Kaffee aus Kapseln («eine riesige Dummheit!») lehnt sie kategorisch ab, industriell zubereitete Nahrungsmittel kommen ihr nicht in die Küche, und seit Jahrzehnten kauft sie strikt mit eigenem Verpackungsmaterial ein – bestehend aus selbst genähten Abstimmungstransparenten zum Beispiel. Manchmal nerve sie ihre Kinder mit ihrem Umweltbewusstsein, sagt sie.

Als Bauerntochter muss sie ab dem Kindesalter hart mit anpacken, wie ihre vier Geschwister auch. Sie alle hätten «wahnsinnig geschuftet». Der Vater will seine vier Töchter so rasch wie möglich aus der Schule nehmen. Sie sollen als Ungelernte in der Fabrik oder in einem Gewerbe eine Stelle annehmen und zum finanziellen Unterhalt der Familie beitragen. Bildung ist dem einzigen Sohn vorbehalten. Schirmer-Braun schafft es dennoch, Buchhalterin und Personalfachfrau zu werden. Das Arbeiten mit dem Computer bringt sie sich im Selbststudium bei.

Rita Schirmer-Braun gründet 1977 zusammen mit ihrem Ehemann einen Schreinereibetrieb und arbeitet dort mit, in der Administration und in der Werkstatt. Sechs Jahre später zieht die Familie samt Schreinerei nach Romanshorn an den Bodensee. Schirmer-Braun ist Mutter von zwei Töchtern und hilft während der Ehe nicht nur im Betrieb mit, sondern schreibt auch als Korrespondentin für die Lokalzeitung. Mit dem Velo rast sie von Termin zu Termin und trägt mit ihrer journalistischen Tätigkeit zur Haushaltsfinanzierung bei. Mitte der 1990er-Jahre trennt sich das Paar, die Töchter bleiben bei der Mutter, die sich beruflich nochmals neu orientiert. Sie findet einen Job in einem KMU, wo sie als Allererste mit einem Computer umzugehen weiss, und wird danach Sachbearbeiterin in der Erwachsenenbildung.

Als Mitglied der Grünen Partei und zusammen mit ihren beiden Töchtern wehrt sich die alleinerziehende Mutter 2005 mit einer Protestaktion gegen den Bau einer Schnellstrasse im Oberthurgau. «Wir entzündeten zwischen Romanshorn und Arbon fünfhundert Fackeln, um aufzuzeigen, wo die geplante Schnellstrasse durchführen sollte – mitten durch den einzigen Oberthurgauer Wald. Es war Dezember, dunkel und kalt, und alle fünfzig Meter brannte eine Fackel. Das war eindrücklich. Manche Leute realisierten erst jetzt, was die Strasse bedeuten würde, wie schlimm der Eingriff in die Natur wäre. Es gab Kuchen und Glühwein, wir organisierten Podiumsgespräche und künstlerische Aktionen, die Medien kamen, auch Radio und Fernsehen. Und: Wir haben gewonnen! Gegen alle. Gegen die Regierung, die Gemeinden, die wirtschaftsnahen Verbände. Das Schnellstrassenprojekt wurde in der Volksabstimmung tatsächlich abgelehnt.»

Drei Jahre vor ihrer Pensionierung zieht Rita Schirmer-Braun von Romanshorn nach Schaffhausen, wo sie die Geschäftsstelle der grünen Kantonalpartei leitet. Durch parteiinterne Informationskanäle erfährt sie von einem geheimnisvollen Treffen in Zürich. Ältere Frauen kämen dort für eine erste, informelle Besprechung zusammen.

«Viel mehr wusste ich nicht», sagt Schirmer-Braun, «aber ich fuhr nach Zürich. Im Tram fiel mir eine Frau auf, und ich dachte: Die geht bestimmt an den gleichen Ort wie ich! So war es auch. Später erfuhr ich ihren Namen: Rosmarie Wydler-Wälti, unsere künftige Co-Präsidentin.» Im Gemeinschaftsraum eines historischen Mehrfamilienhauses am Fusse des Zürichbergs, bei der Historikerin Elisabeth Joris, hätten sie, die Seniorinnen, darüber diskutiert, ob sie sich nochmals einsetzen sollten und wollten – fürs Klima.