Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Erich, ein alternder Lehrer fährt eines Morgens an der Schule vorbei. Er beschließt sich krank zu melden und zu schwänzen. In der Stadt trifft er Hülya, eine Schülerin seiner Klasse, die ebenfalls schwänzt. Sie kommen ins Gespräch. Beide haben ein "Vater-Problem". Erich fühlt sich vom "Geist" seines Vater kontrolliert, obwohl er zu dem seit langem keinen Kontakt mehr hat. Für Hülyas Vater (und Mutter) ist ihre Schulbildung bedeutungslos. Durch ihre Kontakte zu anderen (Nicht-Muslimen) gerät sie in Konflikt mit der Familien-Tradition.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Hans-Georg Schumann
Als Erich H. die Schule schwänzte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag
Impressum neobooks
Gestern war er besonders müde nach Hause gekommen. Den ganzen Tag Schule, erst von acht bis vier Uhr Unterricht, dann eine Stunde später Konferenz, bis acht Uhr abends.
Es war halb neun vorbei, als er schließlich erschöpft vor dem Fernseher saß und die Nachrichten in einem Privatsender schaute, weil die im Ersten schon vorbei waren. »Dienstag passt«, meinte er lächelnd zu sich, »Dienst-Tag.«
Dann schwieg er und ließ das komplette Programm an sich vorbeilaufen. Das meiste davon, ohne es wahrzunehmen, denn noch weit vor zehn Uhr war er eingeschlafen. Irgendwann wachte er noch einmal auf, um sich auszuziehen und den Weg ins Bett zu finden. Dort fiel er sofort in den Schlaf zurück, den er vor dem Fernsehgerät verlassen hatte.
Als Erich Hoofeller am nächsten Morgen wie gewohnt aufstand, fühlte er sich ausgeschlafen und frisch. Während der Fahrt im Auto dachte er wie üblich noch einmal kurz über die Unterrichtsstunden nach, die demnächst auf ihn zukamen.
Erst als er an einer Ampel stoppen musste, weil die gerade auf Rot sprang, fiel ihm auf, dass er an seiner Schule vorbeigefahren war.
Gelassen wartete er, bis es Grün wurde. Dann fuhr er an, aber nicht, um bei nächster Gelegenheit zu wenden. Erst als er an einem Parkhaus mitten in der Innenstadt angekommen war, hielt er wieder an. Er zog eine Karte, stellte seinen Wagen ab und schlenderte gemächlich zum Ausgang.
Dort hielt er inne und schaute auf seine Armbanduhr. »In 10 Minuten«, sagte er vor sich hin, »beginnt dein Unterricht.«
Tatsächlich hatte er von sich erwartet, dass er nun schnurstracks umkehren, zum Auto eilen und schnellstens zur Schule fahren würde. Nichts davon geschah. Stattdessen erlebte er, wie er sich langsam mehr und mehr vom Parkhaus entfernte.
Als er in der Fußgängerzone angelangt war, blieb Erich erneut stehen. Jedoch nicht, um auf seine Uhr zu schauen. Oder an die Schule zu denken. Sondern um die nächsten Schritte zu genießen. Wie lange war er nicht mehr hier gewesen? Hatte ständig zu Hause gesessen. Über Unterrichtsvorbereitungen gebrütet, Bücher in Deutsch oder anderen Sprachen gelesen, oder im Fernsehen Filme fremdsprachiger Sender geschaut.
Einen längeren Weg fand Erich nur, wenn er etwas zum Nachdenken hatte. Dann benötigte er Bewegung, brauchte den Rhythmus seiner Schritte. Er ging durch sein Wohnviertel, wanderte am Ufer des Sees entlang, der der Stadt einen Teil ihres Namens gegeben hatte. Tauchte in ein nahegelegenes Wäldchen ein, genoss seine von Lichtstrahlen unregelmäßig gemusterten Schatten. Ehe er dann in seinem eigenen Inneren verschwand.
Begegnete ihm jemand, bemerkte Erich es meistens nicht. Oder zu spät, wenn der oder die andere bereits grüßend an ihm vorbeigegangen war. Dann drehte er sich um, rief noch ein kurzes halbherziges »Hallo« hinterher, und setzte seinen Weg fort. Schritt für Schritt, und in diesem Takt dachte er auch.
Oft führte er Selbstgespräche. Redete mit sich in einer oder sogar in zwei Sprachen. Fragte auf Englisch und antwortete auf Deutsch. Oder er plauderte abwechselnd in spanischer und in französischer Sprache.
In seinem Lehrerstudium hatte er zunächst die Fächer Deutsch und Englisch gewählt. Weil ihm aber der Umgang mit Sprachen leichtfiel, lernte er später zusätzlich Spanisch und schließlich auch noch Französisch. So kam es, dass er neben Deutsch gleich drei Fremdsprachen unterrichtete.
Immer mal wieder hatte er daran gedacht, nach einer neuen Sprache Ausschau zu halten. Dabei orientierte er sich vor allem daran, ob sie seinen Kriterien einer Weltsprache genügte.
Italienisch kam für Erich nicht infrage, Portugiesisch ebenfalls nicht. Sie waren ihm nicht international genug, waren nicht weit genug verbreitet. Aber auch an Chinesisch hatte Erich kein Interesse. Obwohl es die angeblich meistgesprochene Sprache der Welt war.
Dabei störte es ihn nicht, wenn eine Sprache eine ihm zunächst völlig fremde Schrift benutzte. So hatte er als nächstes vor, Arabisch zu lernen. Das wäre nach seinen Kriterien eine weitere Weltsprache.
Abrupt wurde Erich aus seinen Gedanken gerissen. Er hatte die ersten Schritte in die Menge der Fußgänger gemacht, ohne sich darauf zu konzentrieren, wohin genau er ging. In Gedanken versunken war er losgestapft und prompt mit einem anderen Passanten zusammengeprallt.
»Passen Sie doch auf, wo Sie hintreten!«, musste Erich sich anhören. Das grimmige Gesicht, in das er blickte, brachte ihn wieder dahin, wo er gerade war. »Entschuldigung«, murmelte er, erntete aber nur Kopfschütteln.
Es war sinnvoll, sich jetzt voll auf die aktuelle Lage zu konzentrieren. Nachdenken oder träumen konnte er später immer noch, wenn er erst einmal in dem Café da drüben saß, das er gerade eben erspäht hatte. Er kannte es von früher. Aber das war lange her, seit er das letzte Mal dort einen Cappuccino getrunken hatte.
Ehe er das Café erreichte, hatte Erich einen zweiten Zusammenstoß. Mit einem Mädchen. »Pass doch auf, Alter!« Die Stimme kam ihm bekannt vor. Tatsächlich, es war Hülya. Eine Schülerin aus der neunten Klasse, in der er Deutsch und Englisch unterrichtete. Als sie ihn erkannte, vertrieb sofort der Schrecken die Empörung aus ihrem Gesicht.
»Herr Hoofeller! Sie müssten ...«, begann sie, während sein Satz ganz ähnlich anfing: »Hülya, du müsstest ...«. Und beide vollendeten fast gleichzeitig: »... doch in der Schule sein.«
Als Erich sah, dass Hülya im Begriff war, weiterzugehen, hielt er sie kurz am Arm fest: »Warte einen Moment, bitte«.
Erst jetzt wurde ihm plötzlich seine Lage bewusst. Er schaute auf seine Uhr. Seit fast einer halben Stunde hätten die Schüler der neunten Klasse bei ihm Englisch. »Hello, how are you?«, begrüßte er sie jedes Mal zum Anfang einer Stunde. »We are allright«, pflegten dann alle fast wie aus einem Mund zu antworten.
Ganz zu Anfang hatten einzelne Schüler fortsetzen wollen: »And how are you?«, aber er hatte lächelnd abgewinkt und erwidert: »I think, it is enough.« Seitdem beschränkte sich der tägliche Begrüßungsprozess auf je eine Frage von ihm und eine Antwort der Klasse.
»Herr Hoofeller?«, hörte er jemanden fragen. Es war Hülya, die ihn ansah. Erich kam wieder zu sich und ordnete seine Gedanken. »Ja, einen Augenblick«, sagte er langsam. Er musste sich krankmelden.
Er nahm sein Handy aus der Hosentasche und wählte die Nummer der Schule. »Hallo, ja, ich bin es, Hoofeller. Leider kann ich heute nicht zur Schule kommen. Ich bin etwas unpässlich.« Einen Moment zögerte er und schaute Hülya an. »Ich möchte mich für heute krankmelden«, sagte er dann.
Eine Weile musste er sich noch anhören, dass er das hätte doch viel früher mitteilen können, jetzt wäre die Klasse schon den halben Unterricht ohne Lehrer. »Entschuldigung«, sagte er mitten in den Redeschwall am anderen Ende, dann schaltete er sein Handy komplett aus.
Erst jetzt bemerkte er Hülyas genüsslich grinsendes Gesicht. »So, so«, sagte sie, »Sie schwänzen also auch. Dass ich so was mal aus der Nähe erlebe: Ein Pauker, der die Schule schwänzt.«
Die Frage »Warum grinst du so?« erübrigte sich demnach. Stattdessen fragte Erich: »Und jetzt?«
Er hatte diese Frage eigentlich mehr sich selbst gestellt. Doch Hülya verstand es als Aufforderung, sich Gedanken zu machen, was sie nun gemeinsam anstellen könnten.
»Sie haben mich doch gebeten, zu warten«, sagte sie daher nach kurzem Zögern, »Laden Sie mich zu ner Cola ein?« Hoofeller nickte.
Ein kurzer Blick in die Umgebung genügte. Er hatte die Orientierung wiedergewonnen. Schräg gegenüber lag das kleine Café, mit Sitzgelegenheiten im Freien. Erich steuerte auf einen der Tische zu und setzte sich. Hülya nahm ihm gegenüber Platz.
So saßen beide eine Weile schweigend da. Es dauerte nicht lange, bis ein Kellner kam und sie fragend ansah: »Eine Cola und einen Cappuccino«, sagte Erich schnell, ehe Hülya überhaupt zu Wort kam. Der Kellner nickte und verschwand.
»Warum schwänzt du?«, fragte Erich jetzt Hülya. »Warum schwänzen Sie?«, gab die zurück. Erich musste schlucken.
»Ladies first«, sagte er schließlich, weil ihm nichts Besseres einfiel. »Erst erzählst du, dann ich.«
Sie wartete gar nicht erst ab, bis Erich den letzten Satz zu Ende gesagt hatte. »Wozu brauch ich Schule?«, begann sie.
»Es gibt eine Schulpflicht«, wollte er einwerfen, aber er ließ es. Auch auf den zweiten Versuch verzichtete er. Ohne Schulabschluss, wollte er sagen, seien die Chancen auf dem Arbeitsmarkt schlecht. Inzwischen sprach Hülya weiter.
»Meine Eltern haben schon festgelegt, wen ich nächstes Jahr heirate, wenn ich 16 bin. Mein künftiger Mann verdient gut, wird sich um mich kümmern, dass es mir bestens geht. Was soll ich da mit meiner Schulausbildung anfangen?«
Inzwischen tauchte der Kellner wieder auf, stellte Erich einen Cappuccino hin, und Hülya bekam ihre Cola.
Erich nickte dem Kellner kurz dankend zu. »Und du bist einverstanden?«, fragte er dann, während er das Tütchen mit dem Zucker öffnete und über den Milchschaum streute.
»Warum nicht? Meine Eltern wollen es so.« Hülya nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas.
Erich schüttelte den Kopf, und hob mit dem Löffel das Stück Schaum ab, das am meisten Zucker erwischt hatte. Genüsslich saugte er es in sich hinein.
»Schmeckt denn so was?«, fragte Hülya und verzog das Gesicht. »Willst du mal probieren?«, bot Erich ihr an.
Sie schüttelte den Kopf: »Lieber nicht.«
»Du bist dagegen, musst es aber tun«, meinte Erich.
Sie schüttelte erneut den Kopf. »Ich bin nicht dagegen. Ich tue, was meine Eltern von mir wollen. Sie wissen am besten, was für mich gut ist.«
Erich begann zu lachen, brach aber sofort ab, als er in ihr Gesicht blickte.
»Und du weißt es nicht?«, fragte er leise.
»Was?« »Was für dich gut ist.«
Sie schwieg und sah ihn trotzig an. Er unterließ es, weiter nachzufragen. Widmete sich stattdessen seinem Cappuccino. So saßen beide eine Weile schweigend und trinkend da.
»Jetzt sind Sie dran«, sagte Hülya, als sie ihr Glas geleert hatte, »Warum schwänzen Sie heute die Schule?«
Erst wollte er sie belehren. Dass sie ja noch gar nicht fertig sei. Aber er schwieg. Und Hülya wiederholte ihre Frage: »Warum schwänzen Sie heute die Schule?«
Dabei war sie etwas lauter geworden. Lauter, als Erich lieb sein konnte. Er schaute sich um, es waren nicht viele Leute hier. Aber ihm war es unangenehm, dass die hersahen.
»Was glotzen die so?«, meinte Hülya halb zu den Leuten gewandt, als sie das bemerkte. Die wandten sich kopfschüttelnd ab und sahen in eine andere Richtung.
»Das«, sagte Erich mit heiserer Stimme, »das kannst du nicht machen!« »Was geht es die Leute an, was wir bequatschen?«, fragte sie.
»Sie kriegen es eben mit, weil es laut genug ist.« Erich schaute sie verärgert an.
»OK, verstanden«, sagte sie, »ich bin jetzt leiser, wenn es Ihnen peinlich ist.« Sie lächelte ihn an, und Erich versuchte zurückzulächeln. Was ihm aber nicht gelang. Es wurde ein sehr schiefes Lächeln.
»Und jetzt«, blieb Hülya hartnäckig, »sind Sie dran.«
Erich schluckte. Das war ihm noch nie passiert, er war einer Schülerin gegenüber in die Defensive geraten. Sie hatte ihn schon in Verlegenheit gebracht, als sie aller Öffentlichkeit mitteilte, dass er die Schule schwänzen würde. Die Leute konnten sich doch zusammenreimen, dass er Lehrer war.
Dass dies ausgerechnet ihm passieren musste! Ihm, der doch bestrebt war, nicht das negative Bild zu bedienen, das man gemeinhin in der Öffentlichkeit von Lehrern hatte: wenig Arbeit, viel Urlaub. Und jetzt sahen sie so einen, der das bisschen Unterricht auch noch schwänzte und dabei von einer Schülerin überführt wurde.
Dass Schüler schwänzen, das war normal. Kam eben immer wieder mal vor. Kein Wunder, Schule ist ja auch nichts, was unbedingt Spaß macht, sondern durch das man durchmuss. Da kommt Schwänzen eben mal vor. Bei Schülern. Aber bei einem Lehrer?
»Was ist mit Ihnen?«, hörte er plötzlich Hülya fragen.
Er kam zu sich, blickte in ihr besorgtes Gesicht, sah sich um. Sie saßen allein draußen vor dem Café. Die anderen Leute schienen gegangen zu sein, ohne dass Erich es bemerkt hatte.
»Herr Hoofeller! Was ist?«
Jetzt nannte diese dumme Person auch noch seinen Namen. Soll sie doch gleich bei der Zeitung anrufen, damit es dort morgen drinsteht: »Hoofeller, Lehrer einer Gesamtschule, schwänzt den Unterricht.«
»Was ist?«, hörte er noch einmal die Frage und erkannte die Stimme seiner Schülerin.
»Alles in Ordnung!«, beeilte er sich zu sagen, und wiederholte noch einmal: »Alles in Ordnung!«
»Sie waren wohl weggetreten?«, fragte Hülya.
Und Erich nickte. »Ja«, erwiderte er, »irgendwie war ich weggetreten.«
»Ist ja auch kein Wunder, denn als Lehrer haben Sie bestimmt noch nie geschwänzt«, meinte Hülya und lächelte ihn verschmitzt an, »Jetzt wissen Sie, wie das ist. Und sind auf den Geschmack gekommen.«
Schnell schüttelte Erich den Kopf. »Nein«, sagte er, »ganz gewiss nicht!«
»Aber warum sind Sie denn heute nicht in der Schule?«, fragte sie und schaute ihn an.
Er zuckte mit den Schultern. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich bin heute Morgen zur Schule losgefahren, wie immer. Aber ich bin dort nicht angekommen.«
Hülya blickte ihn verwirrt an: »Wie? Sie hätten doch bloß bei der Schule anhalten und aussteigen müssen. Versteh ich nicht. Haben Sie sich verfahren?«
»Gewissermaßen«, nickte Erich.
»Aber warum sitzen Sie jetzt hier. Warum haben Sie sich krankgemeldet? Warum schwänzen Sie?«
»Ich weiß es nicht«, seufzte Erich, »ich weiß es wirklich nicht.«
Er schwieg einen Moment. Und auch Hülya wusste offenbar nichts zu sagen.
»Eigentlich«, sagte Erich leise vor sich hin und richtete seinen Blick auf den Boden, »hätte ich sofort umkehren müssen. Eigentlich hätte ich längst von diesem Tisch aufstehen müssen. In die Schule fahren und meine Unterricht aufnehmen müssen. Eigentlich.«
»Was heißt dieses Eigentlich?«
»Ich hab’s nicht getan. Irgendetwas ist schiefgelaufen. Jahrelang hab ich meinen Job gemacht, jahrzehntelang. Und jetzt läuft etwas schief. Und ich weiß nicht was.«
Als er aufschaute und Hülya ansah, erkannte er sofort, dass sie ihn nicht verstanden hatte. Und sie bestätigte das prompt: »Was? Ich verstehe überhaupt nichts von dem, was Sie da reden.«
»Wie ist das, wenn du dich entschließt zu schwänzen?«, fragte Erich.
»Ich tu es einfach«, erwiderte Hülya, »Ohne zu überlegen. Ich tu's.«
»Hm«, machte Erich nachdenklich.
»Sie doch auch«, meinte Hülya.
Er brauchte einen Moment, um sie zu verstehen. Sie hatte recht: Er war doch ebenfalls spontan weitergefahren, hatte es einfach getan: geschwänzt.
»Zahlen!«, rief er auf einmal, als er den Kellner sah.
»Sie wollen gehen?«, fragte sie, »Wohin?«
Als der Kellner kam, bezahlte er beide Getränke. Dann stand er auf.
»Vielleicht nach Hause«, beantwortete er ihre Frage.
Hülya erhob sich ebenfalls von ihrem Stuhl.
»Und was tust du?«, fragte er.
»Ich weiß es nicht.«
»Wirst du morgen wiederkommen? Zur Schule, meine ich?«
»Ich weiß es nicht«, sagte sie noch einmal.
»Soll ich dich nach Hause fahren?«
Sie schüttelte den Kopf. »Meine Eltern denken doch, ich wäre in der Schule.«
»Dumme Frage«, wollte er sagen, schluckte aber nur.
Und auch den nächsten Satz sprach er nicht aus: »Willst du mitkommen?« Er wäre zu missverständlich gewesen. Wie konnte er, ein Lehrer, der die Schule schwänzte, eine Schülerin, die ebenfalls schwänzte, auffordern, mit zu ihm nach Hause zu kommen?
Sofort ging ihm durch den Kopf, was die anderen wohl denken würden. Die Kollegen, Hülyas Mitschüler, die Öffentlichkeit, ihre Eltern, sie selbst.
»Also dann tschüs!«
Er schrak auf. Sie lächelte ihm zu und ging ein paar Schritte zurück. »Und Danke für den Drink!«, rief sie ihm zu und winkte noch einmal. Dann drehte sie sich um, ohne eine Reaktion von ihm abzuwarten.
Erich sah ihr nach. »Ich war wohl wieder weggetreten«, sagte er leise zu sich.
Hülya hatte den ganzen Vormittag in der Innenstadt verbracht. War durch die Straßen geschlendert, hatte zahlreiche modische Klamottenläden besucht. Kleidung anprobiert, aber nichts davon gekauft.
Geld war in ihrer Familie eher knapp. So hatte Hülya gelernt, sparsam damit umzugehen. Doch gucken und anprobieren kostete nichts.
Viele ihrer Kleidungsstücke hatte sie selbst genäht. Eine Tante von Hülya war Schneiderin, hatte ihr das Nähen beigebracht. »Textil« war auch das einzige Fach, in dem sie eine Zwei oder eine Eins hatte.
Hülya liebte bunte Stoffe. Sie hatte ihren eigenen Stil, daraus Kleider zu machen. Von dem, was bei den meisten ihrer Mitschülerinnen gerade angesagt war, hielt sie nichts. Hülya mochte keine Hosen, die nur knapp am Körper saßen. Oder Shirts, die zu kurz waren.
Hülya war schlank, fast dünn. Hatte lange dunkelbraune Haare, meist hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. So war ihr Gesicht von vorn und von der Seite gut zu sehen. Dass sie von orientalischen Eltern abstammte, war unverkennbar: Ihr Vater Mahsun kam aus der Türkei, ihre Mutter Farida war im benachbarten Irak geboren. Beide waren Kurden.
Ihre bisweilen eigenwillige Kleidung machte Hülya nicht zur Außenseiterin. Viele ihrer Mitschülerinnen schienen sogar eher beeindruckt zu sein, dass sie sich ihre eigene Mode schuf. Und die sich über ihre Kleidung lustig machten, waren vorwiegend Jungs.
Freundinnen hatte Hülya keine. Jedenfalls nach ihren eigenen Maßstäben. »Gute Kumpels« nannte sie die Mädchen, mit denen sie meistens zusammen war.
Was das Fehlen im Unterricht anging, hielt Hülya einen einsamen Rekord. Dennoch war ihre Versetzung nie gefährdet, immer kam sie irgendwie über die Runden. Bei den Klassenarbeiten war sie da und erreichte dort zumindest ausreichende Zensuren.
Ihr häufiges Fehlen wurde durch die Mutter gedeckt. Hülya brauchte sie nur zu bitten, dann unterschrieb sie die Entschuldigungen. Die hatte Hülya selbst verfasst, manchmal auch auf Vorrat, das Datum fügte sie erst später hinzu.
Wenn einige misstrauische Lehrer bei Hülya zu Hause telefonisch nachfragten, war entweder keiner da (denn ihre Mutter ging niemals ans Telefon) oder der Vater bestätigte stets, dass die Entschuldigung schon in Ordnung sei.
Es hatte allerdings nicht nur einmal Probleme gegeben, weil Hülya von Mitschülern und sogar von einem Lehrer in der Stadt gesehen worden war. Beim ersten Mal waren sich die betreffenden Schüler nicht mehr sicher, als Hülya alles vehement bestritt. Im zweiten Fall blieb der Lehrer, der sie gesehen hatte, hartnäckig. Doch Hülya verstand es sehr überzeugend die Reuige zu spielen. So kam sie mit einer Verwarnung davon.
Ihr war bewusst, dass es auf Dauer so nicht weitergehen konnte. Aber was machte es schon, wenn sie von der Schule flog? Hatte ihre Mutter nicht recht, wenn sie in Arabisch sagte: »Hülya soll frei sein, solange sie noch kann. Und wozu lernen, wenn ihr künftiger Mann komplett für sie sorgt? Das verdreht ihr nur den Kopf.«
Ihr Vater Mahsun war ähnlicher Ansicht. Allerdings wollte der, dass alles seine Ordnung haben sollte. Deshalb war er nicht damit einverstanden, dass seine Tochter die Schule allzu oft schwänzte. Die Entschuldigungen seiner Frau verteidigte er trotzdem. Denn auch er war der Meinung, dass seine Tochter keine Schulbildung brauchte.
Wozu auch? Hatte sie doch mehr als das, was für eine baldige Heirat nötig war: Sie war schön, nähte ihre Kleidung selbst, wusste, was in einem Haushalt zu tun war. Und dazu konnte sie fließend Deutsch sprechen – im Gegensatz zu ihren Eltern.
Mahsuns Wortschatz reichte aus, um sich »da draußen« einigermaßen zu verständigen. Bei der Grammatik und Rechtschreibung ließ er sich von seiner Tochter helfen. Arabisch dagegen beherrschte er sehr gut. Das war auch die Sprache, in der er sich mit seiner Frau Farida unterhielt.
Die weigerte sich, diese »schreckliche Sprache« Deutsch zu erlernen. Dennoch blieb es ihr nicht erspart, wenigstens ein paar Worte zu sammeln, um Bruchstücke verstehen und in Brocken antworten zu können.
Selten verließ Farida das Haus. Grundsätzlich trug sie nur weite hochgeschlossene Kleidung und ein eng um den Kopf geschlungenes Tuch. Meistens ging sie dann in einen Laden um die Ecke, in dem arabische Lebensmittel angeboten wurden. Kaufte dort ein, hielt ein kurzes Schwätzchen mit der Frau des Ladenbesitzers – in Arabisch. Wieder zu Hause, kümmerte sie sich dann um den Haushalt. Oder setzte sich vor das Fernsehgerät, um sich dort DVDs mit orientalischen Filmen anzuschauen.
Arabisch war auch die Sprache, die Hülya neben ein bisschen Türkisch gelernt hatte. Sie mochte diese Sprache, wegen ihres Klangs, aber auch wegen ihrer Schrift. Beides hatte im Vergleich zu europäischen Sprachen etwas Märchenhaftes. Auch wenn Mitschüler sich schon einige Male über das Arabische lustig gemacht hatten.
»Das sind ja nur Brech- und Würgelaute«, hatte Urban gelästert, ein Schüler aus ihrer Klasse, der besonders gute Noten in Englisch und Französisch hatte – bei Hoofeller. Der hatte ihn zurechtgewiesen, obwohl Urban sein bester Schüler war.
Hülya mochte Hoofeller gern, obwohl sie bei ihm in Deutsch auf einer Vier stand und in Englisch sogar im Begriff war, auf eine Fünf abzurutschen. Aber Hülya lag nichts an Englisch, sie liebte das Arabische. Einmal hatte sie das zu Hoofeller gesagt. Der wurde nachdenklich und sagte dann: »Vielleicht sollte ich auch Arabisch lernen?«
Als sie ihm vor einigen Stunden in der Stadt über den Weg lief, war sie erst mal ganz schön schockiert. Am liebsten wäre sie gleich weitergegangen. Doch er hatte sie festgehalten und »Warte« gesagt.
Dann hatte er sich vor ihr telefonisch krankgemeldet, also gelogen. Das war schon ein Ding. Ein Lehrer macht es wie die Schüler: Schwänzt die Schule. Und gleich fand sie diesen Typ noch sympathischer.
Was wollte er von ihr, sie als Alibi benutzen? Er hätte doch einfach weitergehen können. Genau so, wie sie es vorhatte. Aber vielleicht war es ihm peinlich. Und er wollte sie dazu überreden, ihn nicht anzuschwärzen? Hatte er aber dann doch nicht gemacht.
Sie könnte also einfach morgen rumerzählen, dass sie Hoofeller beim Schwänzen erwischt hätte. Aber irgendwie tat er ihr leid. Was hätte sie davon, ihn zu verpetzen? Schadenfreude? Am Ende bekam er noch Ärger – wegen ihr. Das wollte sie nicht.
Und wie peinlich es ihm war, als die Leute her guckten! Sie verstand nicht, wie das einem Lehrer peinlich sein kann. Der sich doch traut, seinen Kram vor einer ganzen Klasse auszubreiten. Auch war er offenbar ab und zu mal nicht ganz bei sich. So zerstreut. Typisch Lehrer.
Und einen Grund für sein Schwänzen wusste er auch nicht. »Alter vor Schönheit«, wollte sie eigentlich sagen, als er sich mit »Ladies first« erst mal um eine Erklärung gedrückt hatte. Aber später hatte er auch nichts Richtiges dazu zu sagen.
Da waren ihre Argumente auf jeden Fall besser. Auch wenn sie ihm offenbar nicht gefielen. Doch Hülya hatte keine Lust, jetzt darüber nachzudenken. Dazu war noch ein ganzes Jahr Zeit.
Sein Handy blieb abgeschaltet. Und falls das Festnetztelefon klingelte, würde er nicht drangehen. Sollte das doch sein Anrufbeantworter erledigen.
Nun saß Erich schon einige Zeit in seinem Arbeitszimmer. Grübelte über sein Fernbleiben von der Schule nach, ohne einen Grund dafür zu finden.
Tags zuvor hatte er noch unterrichtet – wie immer. Hatte dann allerdings nur noch physisch an der Konferenz teilgenommen. Lag da bereits der Keim für sein heutiges Schwänzen, wie Hülya es nannte?
Er schüttelte den Kopf. Wie oft war er schon abends nach Hause gekommen und hatte sich ausgebrannt gefühlt. Und war dann doch am nächsten Tag wieder zur Schule gegangen. Nicht nur, weil das sein Job war, für den er bezahlt wurde. Sondern auch weil es ein Teil seines Lebens war, ein für ihn vorwiegend angenehmer Teil.
Denn mit den Schülern kam er meistens gut zurecht. Dafür war es bei ihm nicht so leise wie bei manchen Kollegen. Dafür durften die Schüler während des Unterrichts auch mal »Fachfremdes« tun. Erich hatte nie den Ehrgeiz gehabt, alle Schüler für seinen Unterricht zu motivieren – wie das genannt wurde.
Schließlich waren die Schüler die Kunden, er war nur Dienstleister. Wollten die Schüler Wissen vermittelt haben, stand er zur Verfügung, ihnen Bestmögliches zu bieten. So trugen die Schüler eine Mitverantwortung am Unterricht. Wer nicht wollte, hatte sich nur so zu verhalten, dass andere nicht beim Arbeiten und Lernen gestört wurden.
Das klappte natürlich nicht immer. Denn schon ein Störenfried konnte die ganze »Suppe versalzen«, wie er es nannte. Meist jedoch fand Erich einen Weg, sich auch mit dem Lernunwilligsten zu arrangieren. Dazu gehörten auch eine »dicke Haut« und mehr als ein Quäntchen Sturheit.
Letztlich gab es keinen Grund für ihn, plötzlich zu schwänzen. (Langsam fand er Gefallen an dem Ausdruck.)
»Na ja«, sagte er laut zu sich, »jeder braucht mal eine Auszeit.«
So außergewöhnlich war das nicht. Wer wusste schon, wie viele Leute ihrer Arbeitsstelle fernblieben, einfach weil sie keine Lust zum Arbeiten hatten? Vielleicht hatte das sogar dazu geführt, dass sie schließlich ihre Arbeit wieder mit mehr Elan aufnehmen konnten?
»Rein statistisch gesehen«, sagte Erich wieder laut, »müsste ich mit meinen 60 Jahren viel öfter fehlen.«
Einen Grund hätte er nun: Die Statistik. Nach einem Artikel, den er kürzlich gelesen hatte, war angeblich der Krankenstand bei Lehrerinnen und Lehrern fast dreimal so hoch wie bei anderen Berufen. Außerdem hieß es dort, dass nur 5 Prozent bis zum Pensionsalter durchhielten.
»Rein statistisch gesehen«, ergänzte Erich, »bin ich also einer von 20, die noch dabei sind.«
So beschloss er, es keineswegs zu bereuen, dass er heute nicht zum Unterricht erschienen war. Und er war sicher, dass er in wenigen Tagen wieder unterrichten würde.
Morgen allerdings sollte er noch nicht gleich wieder zur Schule gehen. »Wenn ich mir von meinem Hausarzt ein Attest für mehrere Tage ausstellen lasse, fällt es auch nicht weiter auf.«
Da kam ihm Hülya in den Sinn. Die hatte es doch längst weitererzählt. Sein Schwänzen würde in den nächsten Tagen die Runde machen. Wie sollte er es da als echtes Kranksein kaschieren? Wenn alle wüssten, dass er mit Hülya während des Unterrichts in der Stadt in einem Café gesessen hatte?
So würde er noch während seiner Abwesenheit zum Gespött der ganzen Schule. Und wenn er zurückkäme, würden alle auf ihn schauen und hinter seinem Rücken über ihn tuscheln.
Bisher hatte Hoofeller sich nie etwas zuschulden kommen lassen, war auf jeden Fall immer das, was man als »guten Beamten« bezeichnete. (Ohne dass er wusste, was genau das war.)
Und jetzt das. Wie das aussah: Alter Knacker trifft sich mit einer Schülerin aus seiner Klasse, und beide schwänzen. Er malte sich schon aus, welche Kollegen besonders viel Schadenfreude empfinden würden.
Auffällig genug war Hülya schon immer, seit er sie kannte. Mit der eigenwillig bunten Kleidung, die sie trug. Und auch ihre Stimme war unüberhörbar. Und wenn sie dann noch lauter wurde als normal, dann ersetzte sie jedes Alarmsignal.
Erich war das peinlich gewesen, so die Aufmerksamkeit anderer zu erregen. Ein Auftreten wie das von Hülya hätte er sich in seiner Jugend und bis heute niemals getraut. Er war immer möglichst unauffällig gekleidet, eher in Richtung Grau oder Beige. Und er pflegte leise und deutlich zu sprechen. Nur wenn es im Unterricht zu laut wurde, konnte auch er mal lauter werden.
Wie auch immer. Jetzt jedenfalls würde er sich ein Glas Rotwein genehmigen. Vielleicht ausnahmsweise auch mal ein zweites. Und dazu ein Buch lesen. Es war schon eine ganze Weile her, da hatte er mit »Hundert Jahre Einsamkeit« von Garcia Marquez in Spanisch begonnen. Jetzt war Zeit genug, diese Lesung fortzusetzen.
Er fragte sich, ob er gern 100 Jahre alt werden würde. Dann hätte er noch 40 zu leben. Keine schlechten Aussichten. In 5 Jahren wäre er fertig mit der Schule. (So drückten sich eigentlich die Schüler aus, wenn sie ihren Schulabschluss meinten.)
Dann könnte er noch 35 Jahre lang seine Pension genießen. Aber würde ihn das wirklich ausfüllen? Tagelang immerzu irgendwo in einem Café sitzen und langsam älter werden? Würde ihm nicht der ganze Schulbetrieb fehlen?
Oder war der heutige Tag ein Auftakt für eine radikale Änderung? Hatte heute bereits sein neues Leben als Pensionär begonnen? Denn er hatte ja beschlossen, auf jeden Fall morgen auch noch zu fehlen. Und was war mit Übermorgen?
Da war Freitag. Es wäre also günstig, wenn sein Hausarzt ihn einfach bis zum Ende der Woche krankschreiben würde. Und am Sonntagabend könnte er sich dann entscheiden, wie es weiterginge.
Erich erschrak. Wieso machte er sich darüber Gedanken? Ursprünglich war es doch klar, dass er baldmöglichst wieder in die Schule zurückkehren würde. Womit alles wieder beim Alten wäre. Wieso also zweifelte er jetzt daran?
Zweifelte er daran? Und würde wirklich alles wieder beim Alten sein? Oder würde einiges anders sein? Warum dachte er jetzt darüber nach? Warum hatte er all die Jahre darüber nie nachgedacht?
Mit einem Mal spürte er, dass er ganz gelassen war: Es hatte sich etwas geändert. Es würde etwas anders sein – ganz gleich, wie er sich am Montag entscheiden würde.
Was würde passieren, wenn er von nun an nie mehr in die Schule ginge? Er würde eine Menge Ärger kriegen. Und letztendlich keine Pension mehr. War es das wert?
Was war es wert? Was war dieses »das«? Was war denn geschehen? Er war an der Schule vorbeigefahren und nicht zum Unterricht erschienen. Einmal, das erste Mal in seinem Lehrerleben. Sonst nichts.
Am Montag, wenn er seinen Unterricht fortführen würde wie bisher, wäre alles wieder im Lot. Mal abgesehen davon, was Hülya in der Schule verbreiten würde, könnte alles dann wieder so weitergehen wie bisher. Oder nicht?
An diesem Morgen besuchte Hülya mal wieder die Schule. Auch, weil sie sehen wollte, ob Hoofeller da war oder weiterhin schwänzte. Weil sie am Tag davor selbst nicht anwesend war, konnte sie dies nicht wissen: Hoofeller hatte sich bis zum Ende der Woche krankgemeldet und stand deshalb auf dem Vertretungsplan.
So fiel heute die erste Stunde aus. Verärgert saß Hülya nun im leeren Klassenraum und brummte vor sich hin: »Da kommt man mal pünktlich zur Schule und keiner ist da.«
Nach und nach tauchten ihre Mitschüler auf. Einige überrascht, dass sie schon so früh da war. Andere registrierten sie nicht weiter. Sie waren es gewohnt, dass Hülya immer mal wieder ein bis zwei Tage wegblieb. Oder auch nach ein paar Stunden Unterricht verschwand. Trotzdem schaffte dieses Mädchen es immer wieder, fast überall mindestens ausreichende Zensuren zu erzielen. Jedenfalls war sie bisher nicht einmal sitzen geblieben.
Viele empfanden es als ärgerlich, dass Hülya nach Belieben kam und ging, und dies offenbar keine Folgen hatte. Niemand in der Klasse glaubte ernsthaft an die Echtheit von Hülyas Entschuldigungen. Die meisten waren überzeugt, dass die Unterschriften von Hülya selbst stammten. Auch wenn die Klassenlehrerin, Frau Schreyhals, immer wieder betonte, der Vater habe die Entschuldigungen bestätigt.
Nur wenige in der Klasse hatten etwas gegen Hülya. Sie galt als sympathisch, hilfsbereit (wenn sie mal da war), und hielt sich aus den meisten Streitigkeiten heraus.
Einmal wäre Hülya beinahe Klassensprecherin geworden. Sie ließ ihre Nominierung als Kandidatin zu, um ihre Beliebtheit in der Klasse zu testen. Wirklich Klassensprecherin zu werden hatte sie nie vor. Sie war überrascht von der Stimmenzahl, die sie bekam. Sie hatte tatsächlich die Wahl gewonnen, lehnte dann aber ab und verärgerte damit ihre Mitschüler. Zumal nun Musterschüler Urban zum Klassensprecher wurde.
Der hatte hinter Hülya die meisten Stimmen erhalten. Und als nach Hülyas spontanem Verzicht erneut gewählt wurde, reichte es für einen knappen Sieg Urbans. Inzwischen waren die meisten Schüler längst der Meinung, dass dies eine schlechte Wahl war. Denn fast alle Lehrer hatten zwar etwas für Urban übrig, das kam aber niemals der Klasse zugute.
Für Urban war es wichtig voranzukommen. Und weil für ihn der Zweck die Mittel heiligte (diesen Spruch hatte er oft drauf), durfte das auch mal auf Kosten von Mitschülern gehen. Er galt zwar als übermäßig intelligent und das Lernen fiel ihm leicht. Aber er verachtete die meisten anderen Schüler und ließ sie das auch spüren.
Mit einer Ausnahme: Viktor war zwar der schlechteste Schüler der Klasse, und hielt vom Lernen überhaupt nichts. Vielleicht konnte er auch gar nicht lernen. So war dieses Schuljahr nicht das erste, das er wiederholte. Doch Viktor war ausgesprochen kräftig. »Im Kopf herrscht starkes Minus, aber im Körper viel Plus«, hatte Urban einmal über ihn gesagt, »Und deshalb ist er genau der richtige für mich.«
Ursprünglich war Viktor ein Einzelgänger und hielt sich für einen Einzelkämpfer. Ohne zu wissen, wofür oder wogegen er eigentlich kämpfte. Als Urban neu in die Klasse kam, hatte Viktor sofort ein Auge auf ihn geworfen. Er begann ihn heimlich anzuhimmeln.
Zuerst bemerkte Urban das nicht, dann jedoch wurde es ihm unangenehm. Und er versuchte, diesem Kerl aus dem Weg zu gehen. Doch eines Tages schwenkte er um. Überrascht stellte Viktor plötzlich fest, dass Urban ihn freundlich behandelte. Sogar neben ihm sitzen wollte. Und ihm immer wieder Antworten vorsagte, wenn Viktor mal von einem Lehrer drangenommen wurde.
Eine direkte Hilfe in Mathematik oder Englisch kam ohnehin nicht infrage, weil beide in zwei verschiedenen Leistungskursen waren. In den meisten Fächern wurde integriert unterrichtet, nur in Mathe und den Sprachen gab es eine Unterteilung in A, B und C. Während Urban nur an A-Kursen teilnahm, war Viktor überall in C. Hülya befand sich dazwischen. Sie besuchte meist B-Kurse, nur in Deutsch und Englisch hielt sie sich noch in A.
Die Möglichkeiten zum Abschreiben, die Urban Viktor bot, konnte der nicht immer nutzen. Manchmal ergab sich nicht die Gelegenheit, davon unbemerkt Gebrauch zu machen, weil Viktor darin ziemlich ungeschickt war. Wenn er abschrieb, setzte er die geschenkten Informationen oft an den falschen Stellen ein.
Urbans Hilfe war letztlich oft nutzlos. Dass sich einige Zensuren für Viktor dennoch verbesserten, lag daran, dass es Urban gelang, ihm einige Referate aufzuschwatzen. Urban verfasste sie und Viktor trug sie unter seinem Namen vor.
So entwickelte Viktor ein übermäßiges Gefühl von Dankbarkeit. Und das hatte Folgen. Von nun an nämlich war er Urban geradezu hörig. Und der hatte damit einen eigenen Leibwächter und »Vollstrecker« – wie Urban das nannte.
Im Laufe der Zeit war aus beiden ein völlig ungleiches aber dessen ungeachtet harmonisches Paar geworden. »Wie ein Liebespaar«, lästerte Hülya gern.
Im Gegensatz dazu war die Beziehung zwischen Urban und Hülya vor allem durch Hass gekennzeichnet. Die ständigen Versuche Urbans, Hülya zu schikanieren und dazu oft Viktor zu missbrauchen, waren auch ein Grund für sie, immer wieder die Schule zu schwänzen.
Tröstlich war nur, dass dieses Paar eine Art Ehrenkodex hatte, zu dem auch gehörte, dass man Mädchen nicht schlug. Die Prügel waren also geistig-seelischer Art. Und auf dem Gebiet war Hülya Urban durchaus gewachsen. Manchmal machte es ihr sogar Spaß, sich mit diesem eingebildeten Kerl zu messen. Auch wenn sie nicht selten den Kürzeren zog. Aber eben nicht immer. Und wenn Urban einmal eine Wortschlacht verloren hatte, genoss sie es doppelt.
Viktor dagegen schien von alledem nicht viel mitzubekommen. Er stand da und lächelte. Egal, wie ein Streit zwischen Urban und Hülya ausging, Viktor lächelte in dem Glauben, dass sein Herr und Meister den »Kampf« sowieso für sich entschieden hatte. Erst das wütende Gesicht von Urban ließ sein Lächeln ersterben und machte einer verdutzten Miene Platz.
Viktor tat Hülya leid. Sie hatte nichts gegen ihn, solange er ihr nichts tat. Wenn sie es auch schlimm fand, wie er andere Jungs behandelte, meist auf Urbans Geheiß. So war Viktor schon in einige Schlägereien verwickelt, aus denen er aber immer als klarer Sieger hervorging.
Das schien das einzige zu sein, bei dem Viktor Anerkennung bekam. Zumindest war er gefürchtet. Und Viktor fasste diese Furcht als Respekt auf, den alle scheinbar vor ihm hatten. Jedenfalls hatte Urban ihm das so erklärt.
»Später, wenn ich erfolgreich und reich bin«, meinte Urban einmal zu Viktor, »wirst du mein starker Assistent.« Was immer das war – Viktor wagte nicht nachzufragen – es klang gut.
Keiner außer Viktor mochte Urban also wirklich. Der spürte natürlich die wachsende Isolation. Zwar wurden seine Leistungen durch die Lehrer als hervorragend bewertet (für Urban waren Einsen und Zweien in den Klassenarbeiten Standard), bei vielen aber hatte er sich inzwischen eher unbeliebt gemacht. Für so manche Lehrer war er ein Besserwisser. Und sie fühlten sich durch ihn in ihrer Autorität und trotz ihres Wissensvorsprungs herabgesetzt.
Das jedenfalls war Hülyas Eindruck. Aber sie wusste, dass die meisten Lehrer auch von ihr nicht viel hielten. Ausnahme war Hoofeller, der zwar auch manchmal über ihr häufiges Fehlen witzelte, sie deshalb aber als Mensch und als Schülerin nicht abwertete. Gerade das passte Urban nicht, zumal Hoofeller bei ihm offenbar schärfere Maßstäbe ansetzte als bei schwächeren Schülern.
Urban war natürlich auch bei Hoofeller in den Fächern Deutsch und Englisch gut. Aber eben nur gut, nicht hervorragend. Denn dieser Lehrer hatte die Eigenart, die gleiche Leistung bei einem schwächeren Schüler höher zu bewerten als bei jemandem wie Urban. Das hatte schon zu einigen Streitigkeiten zwischen Hoofeller und Urban geführt. Außerdem hatten sich dessen Eltern schon mehr als einmal beschwert.
Urban verbreitete dies natürlich sofort weiter, und er setzte noch eins drauf: Da liefe sogar etwas über die Schulleitung und hätte für Hoofeller wohl auch rechtliche Folgen.
Hülya wusste nicht, ob Urban sich nur wie üblich wichtigmachen wollte, oder ob da wirklich etwas dran war. Na ja, gleiche Leistung verschieden zu bewerten war wohl auch ein Problem – für den, der an und für sich die bessere Zensur bekommen müsste.
Und nun war Hoofeller nicht da. Ob er für immer wegbleiben würde, einfach so? Das konnte er nicht tun, das würde ihn doch seine Rente kosten? Hülya wunderte sich, warum sie sich darüber Gedanken machte.
Aber es war schon ein bisschen ungewöhnlich, wenn ein Lehrer mal schwänzte. Das heißt, bestimmt kam das öfter vor. Es fehlten ja immer mal wieder Lehrer. Wie es hieß, waren die krank oder auf Dienstreise. Aber es könnte ja sein, dass einige von ihnen wirklich schwänzten. Und einer davon war jetzt eben Hoofeller.
Na und? Sie gönnte ihm das, sich auch mal von den Schülern zu erholen. Doch es passte nicht zu ihm. Sie hatte ihn zwar erst seit diesem Schuljahr in Deutsch und in Englisch. Von anderen Schülern aber wusste sie, dass er selten fehlte. Und wenn, dann war er wirklich krank. Oft war er vorher schon so krank, dass man es ihm ansah. Und dann, einen Tag später, fehlte er dann auch. Und wenn er zurückkam, sah man ihm wieder an, dass er krank gewesen war.
Also war es diesmal doch anders. Hoofeller war einfach weggeblieben, ohne krank zu sein. Einfach so. Und hatte nicht mal einen Grund. Er hatte sich auch nicht die Mühe gemacht, einen zu erfinden.
Erich war früh aufgestanden. So wie immer, wenn er zur Schule musste. Heute hatte er frei. Sein zweiter Schwänztag, schmunzelte er vor sich hin. Schon gestern, gleich nach dem Gespräch mit Hülya, war er bei seinem Hausarzt gewesen. Anschließend hatte er nochmals in der Schule angerufen und sich bis zum Freitag einschließlich krankgemeldet. Das Attest würde er am Montag mitbringen.
Es erschien es ihm noch immer unverständlich, warum er nicht in der Schule war. In der ersten Stunde hatte seine Neunte Deutsch. Wahrscheinlich würden sie die ausfallen und die Schüler eine Stunde später kommen lassen.
Ob Hülya heute erschienen war? Oder schwänzte sie ebenso wie er und trieb sich gerade wieder in der Stadt herum?
Erich hatte beschlossen, um den See herum spazieren zu gehen. Zumindest einen Teil des knapp fünf Kilometer langen Rundwegs könnte er abwandern. Dabei hatte er fast ständig einen Blick aufs Wasser. Viele Abschnitte des Rundwegs verliefen im Schatten, allerdings war auch der größte Teil nicht befestigt. Er würde sich also seine Wanderschuhe mit den dicken Sohlen und der Luftfederung anziehen.
Ehe er losging, zögerte er noch einmal kurz. Und was, wenn ihn jemand von den Kollegen sehen würde? Die waren nämlich nicht alle in der Schule, einige hatten erst später Unterricht, teilweise erst am Nachmittag.
Da war Erich pingelig. Immer wenn er einmal krank war – was selten der Fall war – blieb er zu Hause. Verließ nur seine Wohnung, um zum Arzt oder zur Apotheke zu gehen. Niemand sollte ihn irgendwo herumbummeln sehen und daraus falsche Schlüsse ziehen können.
Bisher hatte Hoofeller es sorgfältig vermieden als Schwänzer zu gelten. Aber heute war das etwas anderes. Er lächelte in sich hinein. Es machte ihm nichts aus. Sollen sie doch denken was sie wollen. Wenn ihn überhaupt jemand sehen würde.
Dann legte er sich doch eine passende Antwort zurecht: Der Arzt habe ihm Spaziergänge verordnet. Das hätte er früher auch schon sagen können. Aber da traute er es sich nie. Jetzt dagegen machte es ihm seltsamerweise nichts aus.
»Wenn ich schon schwänze«, begann er zu lachen, »dann richtig!«
Er ging aus seiner Wohnung, die im ersten Stock lag, die Treppe hinunter. Verließ das Haus, und musste dann noch einige Straßenabschnitte laufen, ehe er am Seeweg angekommen war.
Einen Moment blieb er stehen. Er genoss den Anblick des Sees, der an seiner weitesten Stelle fast anderthalb Kilometer breit war. Die Sonne spiegelte sich im Wasser und färbte es in einem seltsamen Grüngelb.
Wie oft hatte er schon dieses Wasser betrachtet. Als ob er unter der Oberfläche irgendetwas suchen würde. Natürlich wusste Erich, dass dort weder ein Schatz verborgen war noch ein Ungeheuer wie angeblich in Loch Ness lebte. Doch ihn faszinierte der Gedanke, dass man sich alles vorstellen konnte, solange man nur auf die Oberfläche schaute. Selbst wenn man dort schon einmal eingetaucht war und dann den Raum darunter kannte. Beim bloßen Anblick der Wasseroberfläche konnte man sich erneut vorstellen, dass es darunter etwas gab, das man noch nicht entdeckt hatte.
Vielleicht ist es den Schatzsuchern so gegangen, die immer und immer wieder dieselbe Stelle abgesucht haben. In der Meinung, sie hätten vielleicht etwas übersehen. Es gab hier tatsächlich einmal Schatzsucher, an diesem See.
Es rührte von einer Geschichte her, die man sich noch heute erzählte. Vor über hundert Jahren wurde die damals recht schlecht geschützte Bank von Seeberg überfallen. Die Täter kamen jedoch nicht weit, denn der Überfall wurde schnell bemerkt. Und die Verfolger waren den Bankräubern dicht auf den Fersen. Die rannten zum See, fanden dort ein Boot, ruderten damit bis etwa zur Seemitte, und ließen die Beute hinein plumpsen. Nach einiger Zeit versanken die schweren Säcke mit den Geldstücken offenbar im weichen Boden des Sees, zwischen allerlei Unterwasserpflanzen.
Die Täter wurden zwar allesamt erwischt. Doch das Diebesgut hatte man nie gefunden. Und mit der Zeit wurde daraus ein Schatz. Wie viel Geld es gewesen sein mag – wenn die Geschichte stimmte – wusste man bis heute nicht. In alten Quellen hieß es, es habe sich um höchstens hundert Goldstücke gehandelt. Ihr heutiger Wert wurde auf über 100 Euro pro Münze geschätzt.
Im Laufe der vielen Jahre jedoch wuchs der Schatz in der Überlieferung von Mal zu Mal immer weiter an. Nach heutiger Erzählversion sollten es bereits mehrere tausend Goldstücke im Wert von insgesamt fast einer Million Euro sein. Damit würde es sich also schon lohnen, nach diesem Schatz zu suchen.
