Als Hitler den Ersten Weltkrieg gewann - Gerd Krumeich - E-Book

Als Hitler den Ersten Weltkrieg gewann E-Book

Gerd Krumeich

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Beschreibung

Die bis heute wohl wichtigste Frage zum Nationalsozialismus ist: Wie konnte aus einer gewalttätigen Splitterpartei innerhalb weniger Jahre eine Massenbewegung werden, die Adolf Hitler an die Macht brachte? Welche Faktoren gaben den Ausschlag für den Erfolg der Nazis? Gerd Krumeich macht sich ausgehend von seinen jahrzehntelangen Forschungen zum Ersten Weltkrieg und dessen Folgen noch einmal auf die Suche nach einer Antwort auf diese Frage. Auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen und der Forschungsliteratur stellt er fest: Die Bedeutung des verlorenen Ersten Weltkriegs in der Propaganda der Nationalsozialisten und den Reden Hitlers ist für die Attraktivität der Nazis und auch für die Radikalisierung eines mörderischen Antisemitismus bisher weit unterschätzt bzw. mit dem Begriff der »Dolchstoßlegende« marginalisiert worden. Krumeich legt eine dichte und intensiv geschriebene Neuinterpretation des Verhältnisses von Hitler und den Deutschen vor. Dabei entsteht eine neue Geschichte des Aufstiegs des Nationalsozialismus von seinen Anfängen bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs, über die übliche Grenze von 1933 hinweg.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Gerd Krumeich

Als Hitler den Ersten Weltkrieg gewann

Die Nazis und die Deutschen 1921–1940

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2024

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: geviert.com, Michaela Kneißl, Schmiechen

Umschlagmotiv: © Hulton Archive/Freier Fotograf/GettyImages

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau

ISBN Print: 978-3-451-38568-1

ISBN E-Book (EPUB): 978-3-451-83282-6

Inhalt

Prolog

Ein Vater-Sohn-Gespräch um 1960

Ein SOPADE-Bericht von 1934

Vorwort

I. Das Trauma des verlorenen Krieges

1. Revolution und Waffenstillstand

2. Der »Schandfrieden« von Versailles

3. Dimensionen und Varianten des »Dolchstoßes«

4. Auf der Suche nach der »Volksgemeinschaft«

5. Von der Frontkameradschaft zur Volksgemeinschaft?

6. Ein neuer Antisemitismus

II. Wie die Nazis den Weltkrieg erzählen

1. Der »Führer« spricht vom Krieg

2. Theodore Abels Interviews mit alten Kämpfern der NSDAP

III. Zehn Jahre Kriegsende 1928/29

1. Die Kampagne gegen den Young-Plan und die Anschlussfähigkeit des Nationalsozialismus

a) 1929: Die Aktualisierung des Protestes gegen »Versailles«

b) Der Young-Plan

c) Anti-Young-Kampagne und Kriegsschuldfrage

d) »Kriegschuldlüge« und Volksentscheid

e) Mobilisierung der Studenten

f) Regierung und Reichstagsdebatte

g) Aufstieg des NS durch die Anti-Young-Kampagne

2. Der Nürnberger Parteitag von 1929 – Eine Inszenierung des Weltkriegs

IV. Die Nazis als Sachwalter der Ehre des Frontsoldaten

1. Die SA als Fortsetzung des Frontgeistes

a) Gewalt von rechts und links

b) Hitlers Anweisungen zu Polizei und SA

c) Der Auftritt der SA

d) Gewalt und Ordnung

2. Der NS als Anwalt der Kriegsbeschädigten

3. Der Remarque-Skandal

V. Nationale Kriegserzählung im Übergang zum NS

1. Ein neues Interesse am Weltkrieg

2. Eine neue soldatische Kriegserzählung

a) Werner Beumelburg

b) Coelestin Ettighoffer

c) Edwin Erich Dwinger

d) Hans Zöberlein

e) »Die Mannschaft«

f) Versteckte Textänderungen nach 1933

VI. Kriegsgedenken vor und nach 1933

1. Kontroversen über das Totengedenken

2. Hitlers Projekt eines monumentalen ­Triumphbogens

3. Denkmalspolitik vor und nach 1933

4. Der Langemarck-Kult

VII. Hitlers Revision von Versailles unter dem Jubel der Deutschen

1. Erwartungen

2. Der »Führer« spricht vom Frieden

3. Hitlers außenpolitische Erfolge

4. Reinszenierungen des Ersten Weltkriegs durch das NS-Regime

a) »Hitler in der Menge«

b) Die »Kriegsschuldlüge« wird zur Schulpflicht

c) Kriegsausstellungen

5. Inszenierung der Friedfertigkeit: die Frontkämpfertreffen 1936–1938

VIII. Epilog: Verdun 1940: »Und ihr habt doch gesiegt«

Fazit

Dank

Über den Autor

Anhang

Quellen

Literatur

Abbildungen

Prolog

Ein Vater-Sohn-Gespräch um 1960

Ich (Jahrgang 1945): Papa, schau mal das Bild hier von eurer Straße. Da hängen so viele Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern. Ihr wart doch alle Nazis!

Er (Jahrgang 1906): Nein, mein Sohn, so war das gar nicht. Nazi war doch nicht, wer die Fahne heraushängte. Nazi war, wer kam und fragte, warum man nicht geflaggt hatte und ob er das nicht melden solle.

Ein SOPADE-Bericht von 1934

»Ein Bericht aus Südbayern meldet: Ehemalige fanatische Nazis, die früher an jedem Fenster Riesenfahnen hatten, hängen nur mehr eine Fahne hinaus. Es ist zu beobachten, dass die Nazis selbst oft viel weniger dekorieren als die Leute, von denen man weiß, dass sie es nur aus Angst und Zwang tun.«1

1 Aus einem »Deutschland-Bericht« der Exil-SPD (SOPADE) in Prag, 1934.

Vorwort

Der Titel dieses Buches ist eine Provokation. Denn über Hitler und den Nationalsozialismus ist zwar unendlich viel geschrieben worden, aber nach wie vor unterbelichtet erscheint mir der Aspekt des Einflusses des Ersten Weltkriegs auf die Akzeptanz der Deutschen für Hitler und seine Bewegung. Deshalb sei hier gleich meine Hauptthese genannt, nämlich: Ohne das Versprechen, die Niederlage von 1918, den »schandhaften« Friedensvertrag von Versailles 1919 zu tilgen, Deutschland wieder zu alter und neuer Größe zu führen, die zwei Millionen Gefallenen des Krieges zu ehren und ihrem Tod für das Vaterland einen neuen Sinn zu verleihen, hätte Hitler niemals die Unterstützung gefunden, die dazu führte, dass er 1933 die Macht übertragen bekam. Mit diesen Themen, die für die Deutschen jener Jahre zentrale Bedeutung hatten, gelang es ihm, in Politik und Gesellschaft den Einfluss zu gewinnen, den er als Anführer einer nur extrem nationalistischen, antisemitischen und mit Blut-und-Boden-Spinnereien und Straßengewalt auffallenden Extremistenpartei niemals erhalten hätte. Es geht mir also um die strukturelle Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die »Machtergreifung« der Nationalsozialisten und für die Stabilisierung ihrer Herrschaft nach 1933.

Es gibt bislang keine Geschichte der Weimarer Republik, die das Trauma des verlorenen Krieges durchgehend verarbeitet hätte.1 Man begnügt sich meist mit der Darstellung des Waffenstillstands von 1918 und des Versailler Friedensvertrags von 1919, wobei normalerweise darauf verwiesen wird, dass dieser Vertrag ja auch sehr gute Seiten gehabt habe, also keineswegs ein »Schandfrieden« gewesen ist, wie Generationen von Deutschen gemeint haben. Hinzu kommen immer wieder die geharnischte Abwehr der »Dolchstoßlegende« und die Beteuerung, dass davon überhaupt keine Rede sein könne, an der Niederlage von 1918 seien doch allein die Militärs schuld gewesen. Das lässt sich alles diskutieren, aber man sollte unterscheiden zwischen dem, was die Geschichtswissenschaft heute von all diesen Ereignissen und Verhältnissen weiß, und dem, was die Zeitgenossen davon wussten oder zu wissen glaubten und wovon sie überzeugt waren. Allein das damalige Wissen und die Überzeugungen der Menschen können erklären, was sie für wahr hielten und wem sie Glauben schenkten. Um ein Beispiel für diesen Zusammenhang zu nennen: Historiker haben herausgefunden, dass der sogenannte Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages, dem zufolge Deutschland Reparationen an die Siegermächte zahlen musste, weil es »als Verursacher« für alle Schäden verantwortlich sei, welche die alliierten Nationen erlitten hatten, überhaupt keine moralischen Implikationen gehabt, sondern nur die finanziellen Verpflichtungen des Verlierers geregelt habe. Auch das lässt sich diskutieren, aber fest steht, dass niemand in den Jahren nach 1919 so gedacht hat. Allen ging es um die klare Verbindung zwischen Schuld am Kriege, Schuld am Tod von etwa zehn Millionen Soldaten und ungeheuren Verwüstungen. Nur daran entzündeten sich Hass und Rachegedanken2 und nur deshalb konnten Politiker wie Hitler Gehör finden, die versprachen, diesen »Schandvertrag« wieder abzuschaffen.

Was die Spezialliteratur angeht, so gibt es einige weiterführende Bücher zu der Frage, warum die Deutschen den Nationalsozialismus an die Macht gebracht haben.3 Aber in keinem dieser Werke ist das Erbe des Weltkriegs zentral mit Hitlers Versprechen, die »Schmach« von Versailles zu tilgen und Deutschland wieder zu Ehre und Ansehen zu bringen. Deshalb habe ich mit diesem Buch versucht, in gewisser Weise neu anzusetzen, und exklusiv, ohne auf die vielen anderen Motivationsstränge für den Erfolg der Nationalsozialisten einzugehen, die Themen Bewältigung der Kriegsniederlage, Ehrung der Gefallenen, Heroisierung der »Frontkämpfer« in den Fokus der Betrachtung gestellt.

Sicherlich lässt sich auf diese Weise nur eine Teilerklärung für Hitlers Erfolg finden. Aber es ist zweifellos von Bedeutung, wenn erkannt wird, wie ungeheuer stark doch in allem, was die Nationalsozialisten dachten und taten, immer wieder auf den Großen Krieg von 1914 bis 1918 zurückgegriffen wurde. Es gibt keine Hitlerrede, die den Weltkrieg nicht thematisiert. Deshalb habe ich Hitlers Äußerungen zu diesem für ihn so zentralen Thema genau verfolgt und zu systematisieren begonnen, um die hauptsächlichen Weltkriegstopoi seines Redens und Schreiens offenzulegen. Und wenn man die Reaktionen der Zuhörer – auch der Frauen! – auf diese Reden liest, soweit sie protokollarisch überliefert sind, so war es meistens die Rede vom Krieg, von der Schande, von der Ehre und nicht zuletzt von den gefallenen zwei Millionen deutschen Soldaten, deren Opfer für das Vaterland doch nicht umsonst gewesen sein dürfe, die am meisten Erregung bzw. Beifall hervorrief. Hitlers Glaubwürdigkeit beruhte ja nicht zuletzt darauf, dass er die Menschen als jemand ansprach, der als »einer unter Millionen« den Krieg an der Front erlebt hatte, verwundet worden war und sogar das Eiserne Kreuz Erster Klasse (EK I) erhalten hatte – eine Auszeichnung für besonderen persönlichen Mut. Das wurde zwar schon in den 1920er Jahren angezweifelt und stimmte wohl auch nicht zur Gänze4, war aber für die allermeisten Menschen, die ihm folgten oder zuhörten, unzweifelhaft wahr.

Doch es geht in diesem Buch keineswegs allein um Hitlers Reden vom Krieg und dessen Folgen. Mindestens so wichtig ist, wie die Nationalsozialisten den Ersten Weltkrieg permanent inszenierten. So ist bislang kaum bekannt, dass beispielsweise der erste große Parteitag der NSDAP 1929 in Nürnberg ganz und gar dem »Vermächtnis« des Weltkriegs gewidmet war, einschließlich Gefallenenehrung und einem »Riesenfeuerwerk«, welches das Fronterlebnis zehn Jahre nach Ende des Krieges zurückzuholen versprach. Wussten wir schon, wie stark auch nach 1933 das Gefallenengedenken durch den NS geprägt bzw. erneuert wurde und dass Hitler selbst schon 1925 einen Riesentriumphbogen skizziert hatte, auf dem die Namen aller zwei Millionen deutschen Gefallenen eingraviert sein sollten? Oder wie sehr sich die Nationalsozialisten um die Kriegsversehrten kümmerten? Sie versprachen ihnen, dass sie unter ihrer Herrschaft endlich die öffentliche Ehrung erhalten sollten, die ihnen Weimar fast ostentativ versagte. Sicherlich war das durch Spezialstudien erforscht, aber wenig davon ist in die allgemeine Geschichtsschreibung und damit in die öffentliche Kenntnis von Weimar und dem »Dritten Reich« vorgedrungen.

Hat Hitler die Deutschen zu Nazis gemacht? Wer war denn ein echter Nazi und wer hatte nur Respekt oder sogar Begeisterung für Hitler? »Wenn das der Führer wüsste«, war ja nicht von ungefähr eine verbreitete Redensart angesichts des braunen Bonzensumpfes, der sich nach 1933 über Deutschland ausbreitete. Es geschah zwischen 1933 und 1940 etwas Merkwürdiges, auf das ich beim Schreiben dieses Buches gestoßen bin und was weiterer Klärung bedarf. Wie weit ist eigentlich die »Gleichschaltung« der Deutschen durch den NS gegangen?

Hat es nicht zumindest in der Zeit von 1933 bis 1938/39 in gewisser Weise »zwei Kulturen« des NS gegeben? Eine für die überzeugten Nazis und eine andere für die Abermillionen Mitläufer und Menschen, die eigentlich mit der Ideologie der Nationalsozialisten, mit Rasse, Blut und Boden und mit ihrem extremen Antisemitismus wenig zu schaffen hatten? Die aber glaubten, dass Hitlers Vorstellung von »Volksgemeinschaft« so ziemlich mit dem übereinstimmte, was man selbst immer schon gedacht und gefühlt hatte. Man kann feststellen, dass »Volksgemeinschaft« ein zentraler Punkt in nahezu allen Programmen der politischen Parteien der Weimarer Republik war. Und wenige erkannten den spezifischen Unterschied zwischen den allgemein verbreiteten »Gemeinschafts«-Topoi und der brutalen, alle inneren Feinde ausschließenden Vorstellung des NS von der »Volksgemeinschaft« der »echten« Deutschen unter Ausschluss aller Andersdenkenden und »Fremdstämmigen«. Dies ist ein weiterer Fall, wo sich unser historisches Wissen extrem von dem unterscheidet, was die Zeitgenossen fühlten und dachten und was ihr Handeln bestimmte.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich auch, dass es kaum spezifische NS-Literatur zum Ersten Weltkrieg gegeben hat, weil die Nationalsozialisten nämlich einfach das fortführten, was schon vor 1933 in der Literatur des »soldatischen Nationalismus« üblich war. Und beim Kult um die Gefallenen des Weltkriegs, der nach 1933 stark gepflegt wurde, achtete man offensichtlich sorgsam darauf, die alten und die vielen neuen Denkmäler nicht mit spezifischen NS-Symbolen zu versehen und nicht umstandslos mit dem Kult um die »Gefallenen der Bewegung«, also die bei den Straßenkämpfen getöteten SA-Männer, zu vermischen. Es gibt viele solche Beispiele einer vorläufigen »kulturellen Zurückhaltung« des NS gegenüber dem Gros der Bevölkerung. Nach einem »Endsieg« wäre das sicher anders geworden, aber dazu ist es ja glücklicherweise nicht gekommen.

Diese relative Zurückhaltung des NS gegenüber den etablierten Denkweisen und Gefühlswerten aller »national« eingestellten Deutschen ist der Grund, so meine These, warum Hitler die Lösung des großen Traumas der Deutschen gelungen ist, nämlich die von kollektiver Begeisterung getragene Bewältigung der Niederlage von 1918.5 Und dieser Enthusiasmus war umso größer, als der »Führer« ja nicht etwa einen weiteren Krieg versprach, sondern den Frieden Europas, der aus Deutschlands neuem Rang in der Welt erwachsen sollte. Ein wichtiges Indiz für diese Friedenssehnsucht sind die Frontkämpfer-Treffen der verschiedenen Nationen, wie sie Mitte der 1930er Jahre in Verdun, Freiburg, Besançon und Berlin durchgeführt wurden.

Nur wenige haben gewusst oder geahnt, wie groß die Lüge dieser Inszenierung der friedlichen Absichten des NS war. Das zeigen u. a. die hier ausgewerteten Berichte der Exil-SPD über die Stimmung der deutschen Bevölkerung – die sogenannten SOPADE-Berichte – in den Jahren 1934 bis 1939.

Dieses Buch ist umfangreichem Quellen- und Literaturstudium entsprungen, aber es wird nichts wirklich zuvor ganz Unbekanntes präsentiert. Das war auch nicht die Absicht, weil mein Vorhaben, in die Tiefen der nationalsozialistischen Aneignung des Ersten Weltkriegs vorzudringen, ohnehin eine klare Bresche durch den Urwald der Forschungsliteratur zu Weimar und dem »Dritten Reich« schlagen musste. Darauf ist hier nicht näher einzugehen, die Fußnoten zu den einzelnen Kapiteln legen Rechenschaft über die verwendete Literatur ab.

Einiges von dem, was auf den folgenden Seiten ausgeführt wird, ist schon in eigenen Publikationen angesprochen worden. Viel wichtiger aber war das, was ich viele Jahre lang von meinen Studierenden aller Stufen habe lernen können. Von den Seminararbeiten bis zu den gedruckten Dissertationen haben sich doch viele von ihnen mit Aspekten dieses Themas beschäftigt und die Forschung weitergebracht. Eine erste Synthese konnten wir dann vor über zehn Jahren mit dem Tagungsband »Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg« vorlegen.

An all diese Forschungen schließt dieses Buch an. Und es ist sicherlich nur ein weiterer Schritt auf dem noch tiefer umzugrabenden riesigen Feld der Wirkungsgeschichte des Ersten Weltkriegs für Weimar und den Nationalsozialismus.

1 Am weitesten noch: Nicolas Beaupré, Le traumatisme de la Grande guerre 1918–1933, Villeneuve d’Asq 2012.

2 Vgl. hierzu bes.: Silke Fehlemann, Hassen mit allen Sinnen. Sensorische Mobilisierung in der Weimarer Republik, in: Werkstatt Geschichte 83 (2021), S. 49–67.

3 Ich nenne hier, Pars pro Toto: Gudrun Brockhaus (Hg.), Attraktion der NS-Bewegung, Essen 2019; Alexander Meschnig, Der Wille zur Bewegung. Militärischer Traum und totalitäres Programm. Eine Mentalitätsgeschichte vom Ersten Weltkrieg zum Nationalsozialismus, Bielefeld 2008; Thomas Rohkrämer, Die fatale Attraktion des Nationalsozialismus, Paderborn 2013; Daniel Schmidt u. a. (Hg.), Wegbereiter des Nationalsozialismus, Essen 2015; Peter Fritzsche, Wie aus Deutschen Nazis wurden, Zürich 1999.

4 Vgl. zu dieser Problematik bes.: Thomas Weber, Hitlers Erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wahrheit, Berlin 2011.

5 Vgl. hierzu: Arndt Weinrich, Le traumatisme de la défaite. Mémoires et politiques mémorielles en Allemagne – 1918–1939, in: Laurent Jalabert u. a. (Hg.), La longue mémoire de la Grande guerre. Regards croisés franco-allemands de 1918 à nos jours, Villeneuve d’Asq 2017, S. 109–122.

I. Das Trauma des verlorenen Krieges

1. Revolution und Waffenstillstand

Mehr als 100 Jahre ist es jetzt her, dass der Erste Weltkrieg endete. Aber wie stark der Schatten dieser Vergangenheit noch auf uns lastet, mag die Tatsache verdeutlichen, dass in der Fülle der 2018/19 erschienenen Bücher, die der Revolution von 1918/19 gewidmet waren, niemand – auch nicht die Fachwissenschaftler – auf das damalige Hauptthema der so unversöhnlichen gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzung zu sprechen gekommen ist. Es ging dabei um die Frage, ob und in welcher Weise die Revolution dazu beigetragen hatte, dass Deutschland einen Waffenstillstand schließen musste, der wenig mehr war als eine bedingungslose Kapitulation.1 Und danach hatte die Republik auch noch einen Friedensvertrag unterzeichnen müssen, in dem den Siegern bestätigt wurde, dass Deutschland allein schuld sei an diesem alles verwüstenden Krieg mit seinen wohl zehn Millionen getöteten Soldaten (davon ungefähr zwei Millionen Deutsche) und unermesslichen Sachschäden, für welche Reparationen in unvorstellbarer, zunächst nicht einmal konkret festgesetzter Höhe gezahlt werden sollten.

Mit dem Tag des Waffenstillstands begann deshalb die Suche nach den Verantwortlichen für diese Katastrophe. Weitsichtige Zeitgenossen wie der Theologe und liberale Politiker Ernst Troeltsch sahen schon damals voraus, wie sich die öffentliche Debatte entwickeln würde:

»Man wird von der Revolution heute noch nicht sagen können, ob sie vermeidbar war. Ob vermeidbar oder nicht, ein großes Unglück ist sie. Schon der Waffenstillstand wäre ohne sie nicht so entsetzlich geworden.«2

In der Tat: Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 war der point of no return sowohl des Kaiserreichs als auch – von später her gesehen – der Republik. Wie es dazu kam, hatte kommen können, war und blieb extrem kontrovers. Die heutige Historiografie ist im Wesentlichen der Ansicht, dass der Waffenstillstand schlicht die Konsequenz der bereits vollständig besiegelten Niederlage der deutschen Armee war, denn die deutschen Heere befanden sich überall auf dem Rückzug und es sei »nur noch« um einige Wochen oder ein paar Monate bis zum endgültigen Kriegsende gegangen.3

Ja, das wissen wir heute. In den Jahren nach 1918 aber war die große Streitfrage, ob es zum Zeitpunkt des Waffenstillstands noch militärische Alternativen gab, etwa die von Walther Rathenau im Oktober 1918 in die Diskussion eingebrachte und von vielen Politikern und Gruppen geteilte levée en masse:

»Die nationale Verteidigung, die Erhebung des Volkes muss eingeleitet, ein Verteidigungsamt errichtet werden […]. Einer erneuten Front werden andere Bedingungen geboten als einer ermüdeten. Wir wollen nicht Krieg, sondern Frieden. Doch nicht den Frieden der Unterwerfung.«4

Auch führende Militärs waren der Ansicht, dass die Armee noch einige Wochen oder auch Monate würde Widerstand leisten können. Hier sei nur eine Stellungnahme von Generalleutnant Wilhelm Groener zitiert, der am 26. Oktober 1918 vom Kaiser zum Nachfolger von Erich von Ludendorff, dem »Generalquartiermeister« und strategischen Kopf des Heeres, ernannt worden war:

»Dass wir den Krieg dermaßen eingekreist nicht lange fortführen können, ist klar. […] Wenn es [aber] gelingt, die Front noch einige Wochen zu halten, sind die militärischen Voraussetzungen zur Erreichung erträglicher Bedingungen nicht unwesentlich gebessert.«5

War das vollkommen illusorisch? Quellenmäßig ist eine eindeutige Antwort wohl unmöglich, aber das ist mentalitätsgeschichtlich betrachtet unbedeutend. Entscheidend für meine Fragestellung ist, dass diese Auffassung massive Folgen für den politischen Diskurs der Weimarer Republik hatte. Das eklatanteste Beispiel ist Hitler, der in seinen Reden immer wieder betonte, dass die Revolutionäre doch hätten weiterkämpfen können, anstelle sich den Siegern bedingungslos zu ergeben. So sagte er in seiner Rede vom 9. November 1928 anlässlich zehn Jahren Waffenstillstand und des fünften Jahrestages seines Münchener Putsches, dass sich »Millionen von Deutschen« mit der Republik »versöhnt« hätten, wenn diese versucht hätte, die Verteidigung Deutschlands neu zu organisieren, anstatt den Waffenstillstand zu schließen.6

Wie aber sahen die alliierten Militärs die militärische Lage zu diesem Zeitpunkt? Die Quellen zeigen, dass niemand unter ihnen, weder auf französischer noch auf britischer oder amerikanischer Seite, glaubte, dass eine Niederlage Deutschlands unmittelbar bevorstehen könnte.7 Im Gegenteil! Der Oberkommandierende der alliierten Streitkräfte, General Ferdinand Foch, nahm an, dass die für den November 1918 geplante Großoffensive in Lothringen keineswegs eine definitive Entscheidung erzwingen werde.8 Man war sich zwar sicher, auf Dauer den Sieg davonzutragen, ging aber von der Notwendigkeit weiterer großer Offensiven aus, wie sie auch bereits für das Frühjahr 1919 geplant wurden.9

Am 18. Oktober 1918 kam es zu einer Konferenz der Armeeführer Frankreichs (Philippe Pétain) und Großbritanniens (Douglas Haig) unter Leitung des Oberkommandierenden Foch. Dieser machte hier noch einmal klar, dass eine Kapitulation des deutschen Heeres trotz aktueller Fortschritte der alliierten Offensiven nicht absehbar sei. Auch die französischen Truppen seien ebenfalls bereits stark ermüdet und wenig bereit, noch mit letzter Energie zu kämpfen.10 Deshalb forderte Haig in dieser Sitzung auch, dass man dem fast, aber eben nicht zur Gänze geschlagenen Gegner milde Waffenstillstandsbedingungen stellen müsse. In der Sitzung vom 31. Oktober wurde diese vorsichtige Haltung der Alliierten deutlich. Man bestätigte die allgemeine Auffassung, dass vermieden werden solle, die Verhandlungen mit Deutschland durch »zu harte Forderungen« scheitern zu lassen.11 Der französische Staatspräsident Raymond Poincaré hat in seinem Tagebuch unter dem 1. November 1918 notiert, ihm sei mitgeteilt worden, dass weder Foch noch Pétain an einen baldigen Sieg glaubten.12 Am 4. November wiederum schlug der britische Premierminister Lloyd George den anderen Alliierten vor, mit Deutschland Geheimverhandlungen aufzunehmen, weil dann die deutsche Regierung konzessionsbereiter sein könne, als wenn die Forderungen öffentlich erhoben würden. Man solle doch am besten »Foch mit unseren Instruktionen zum Diskutieren [sic!] mit den Deutschen schicken«.13 General Foch und der amerikanische Vertreter im Obersten Kriegsrat, Colonel Edward House, stimmten dem ausdrücklich zu.14

Dies alles wussten indessen die führenden deutschen Militärs genauso wenig wie die Politiker in der Heimat. Für Letztere war seit Anfang Oktober 1918 klar, dass man den Krieg unverzüglich beenden müsse, um einen »Einbruch« der alliierten Truppen in Deutschland zu vermeiden. Aber die Hoffnung war groß, dass die Gegner mit dem inzwischen ja parlamentarisch regierten Deutschland vernünftige Friedensbedingungen auf der Grundlage der »14 Punkte« Wilsons aushandeln würden.15

Das wiederum wussten die Kieler Matrosen nicht, als sie sich am 30. Oktober 1918 weigerten, zu einer vielleicht »ehrenvollen«, aber sicherlich nutzlosen Offensive auszulaufen, was ja der Startpunkt der Revolution von 1918/19 war, die dann mit der Ausrufung der Republik in Bayern durch Kurt Eisner am 8. November einen ersten Höhepunkt fand. Als an diesem 8. November die deutsche Waffenstillstandsdelegation unter Leitung von Matthias Erzberger im Wald von Rethondes bei Compiègne eintraf, wurde sie von Marschall Foch äußerst kühl mit der Bemerkung empfangen, man werde nicht verhandeln, sondern lediglich die Bedingungen verlesen. Und so geschah es. Die bis wenige Tage zuvor so massiven Bedenken der alliierten Führer vor einem möglichen Wiederaufflammen der Kämpfe waren nun verflogen. Und sicherlich wurde die Situation für die deutsche Delegation nicht besser durch die Bitte Erzbergers, man möge doch eine sofortige Waffenruhe anordnen, weil die deutsche Armee vollständig durcheinander sei und Deutschland deshalb bald vom Bolschewismus überflutet werde. Nur ein sofortiges Beenden der alliierten Angriffe könne die Disziplin der Truppe wieder herstellen und Deutschland retten.16

Die Alliierten konnten sich also nunmehr sicher sein, dass wegen der seit einer guten Woche überall in Deutschland aufflackernden Revolution eine Wiederaufnahme der Kämpfe ausgeschlossen war. Und es geschah auch genau das, was Theodor Wolff im Berliner Tageblatt bereits kurz vor Kriegsende befürchtet hatte, dass nämlich die politische Rechte und die Militärs künftig versuchen würden, den Zivilisten die Schuld am unrühmlichen Kriegsende zuzuschieben. Man werde den Truppen sagen, dass die Revolution ihnen verräterisch in den Rücken gefallen sei.17

Eine große Rolle bei der Ausbildung dieser so gewaltigen (und dann auch überaus gewalttätigen) Überzeugung nicht allein der äußersten Rechten spielte die Unterzeichnung des Kapitulationswaffenstillstandes am 11. November 1918 durch Matthias Erzberger als Repräsentanten der neuen demokratischen Republik.

Ein Extrablatt zu den Waffenstillstands-Bedingungen, wie es viele deutsche Zeitungen am 10. November1918 brachten.

Anlässlich der 100 Jahre der Ermordung von Erzberger (26. August 1921) ist in einer Vielzahl von Publikationen beklagt worden, dass Erzberger ja leider anstelle der für die Niederlage doch verantwortlichen Militärs – Ludendorff und Hindenburg – habe nach Compiègne fahren und die Unterzeichnung leisten müssen. In Wirklichkeit war die Sachlage sehr viel komplizierter. Denn der amerikanische Präsident Woodrow Wilson, an den die deutsche Regierung ihre Bitte um Vermittlung eines Waffenstillstands gerichtet hatte, ließ kurz und bündig mitteilen, dass die Alliierten keineswegs bereit seien, mit den Vertretern der verhassten preußischen Militärmonarchie, deren überwiegender Einfluss auch nach der »Parlamentarisierung« des Deutschen Reiches keineswegs gebrochen sei, überhaupt zu verhandeln:

»Wenn mit den militärischen Beherrschern und monarchistischen Autokraten Deutschlands jetzt verhandelt werden muss […] kann Deutschland über keine Friedensbedingungen verhandeln, sondern muss sich ergeben.«18

Der seit dem 2. Oktober 1918 eingesetzten Regierung des Prinzen Max von Baden war diese Forderung im Übrigen keineswegs unrecht. Denn man ging davon aus, dass die Alliierten zwar nicht mit der alten Militärmonarchie verhandeln, wohl aber mit einer demokratisch legitimierten Regierung Deutschlands einen Verständigungsfrieden schließen wollten. Wilsons ursprüngliche Ablehnung zu harter Bedingungen für Deutschland aus Furcht vor einer »Bolschewisierung« des geschlagenen Gegners war ja auch sehr deutlich und damals schon bekannt.19 Aber zweifellos hat die Revolution dazu geführt, dass solche Annahmen und Hoffnungen obsolet wurden und dass die neue Republik für die Niederlage verantwortlich gemacht wurde. Die zum allergrößten Teil dafür verantwortlichen Militärs und Kaiser Wilhelm II. wurden auf diese Weise entlastet, nahmen selbst regen Anteil an der Dolchstoßkampagne und stützten sie mit ihrer Autorität.

2. Der »Schandfrieden« von Versailles

In gewisser Weise lebten die Deutschen nach 1918 kurzfristig tatsächlich im »Traumland der Waffenstillstandsperiode«, wie es eine viel zitierte Notiz von Ernst Troeltsch in seinen so wachen Beobachtungen jener Zeit ausdrückt.20

Dies trifft insbesondere für jene zu, die lange, viel zu lange glaubten, dass die aus der Revolution geborene Republik von den Siegernationen begrüßt und in den Kreis der freien Völker aufgenommen werde. Beispielhaft für diese Hoffnung sind die Aktionen und Parolen von Kurt Eisner, dem durch die Revolution in Bayern zum Ministerpräsidenten avancierten linksradikalen Journalisten und Politiker, der unmittelbar nach der Proklamation der bayerischen Republik den folgenden Aufruf »An die Bevölkerung Münchens« erließ:

»Eine neue Zeit hebt an! Bayern will Deutschland für den Völkerbund rüsten. Die demokratische und soziale Republik Bayern hat die moralische Kraft, für Deutschland einen Frieden zu erwirken, der es vor dem Schlimmsten bewahrt.«21

Und noch am selben Tag richtete Eisner einen Appell an die Alliierten, in dem es u. a. hieß:

»Wir beschwören Euch, die Regierungen wie die Völker, in einer Tat erhabener Selbstüberwindung die für Alle verhängnisvolle Liquidierung des Weltkrieges in gemeinsamer Arbeit der Sieger und Besiegten zu unternehmen.«22

Spätestens mit dem Beginn der Friedensverhandlungen von Versailles, die nicht von ungefähr auf den 18. Januar 1919 gelegt worden waren23, musste aber auch dem Gutgläubigsten klar werden, dass von einem solchen großen Pardon und einer Eingemeindung der deutschen Republik in den Kreis der freien Völker überhaupt keine Rede sein konnte. Zu sehr hatte insbesondere Frankreich unter dem Krieg und der deutschen (Teil)-Besetzung gelitten, zu schwer erträglich war die Verwüstung von nicht weniger als zehn Departements, zu groß war die Zahl der Gefallenen, deren Dimensionen man jetzt nach Kriegsende zu realisieren begann.24

Ein ungewöhnlicher Aufruf gegen den Versailler Vertrag.

Der Hass, den der Krieg geschürt hatte, war noch lange nicht überwunden, was dazu führte, dass mit den Deutschen nicht einmal über die Friedensbedingungen verhandelt wurde – ein absolutes Novum in der Geschichte von Friedensverträgen. Bei der Eröffnung des Versailler Kongresses am 18. Januar 1919 äußerte sich der französische Staatspräsident Raymond Poincaré gegenüber den Vertretern der Siegermächte folgendermaßen:

»Was Ihnen die Autorität verleiht, einen Frieden der Gerechtigkeit zu schaffen, ist die Tatsache, dass keines der von Ihnen vertretenen Völker irgendeinen Anteil an diesem Verbrechen hat, das zu einem noch nie dagewesenen Unheil geführt hat […]. Die blutdurchtränkte Wahrheit ist bereits aus den kaiserlichen Archiven ans Licht gekommen. Der vorsätzliche Charakter des Anschlags ist schon jetzt erwiesen.«25

Auch der bereits am 28. März 1919 vorgelegte Bericht der »Schuldkommission« der Alliierten behauptete, dass Deutschland (und Österreich-Ungarn) den Krieg »mit Vorbedacht geplant« und ausgelöst hätte und dass man alles unternommen habe, um »die zahlreichen Vermittlungsvorschläge [der Entente-Mächte] beiseitezuschieben und ihre wiederholten Bemühungen, den Krieg zu verhüten, zunichtezumachen«.26

Am 7. Mai 1919 wurden schließlich der mit drei Monaten Verspätung nach Paris geladenen deutschen Delegation die Friedensbedingungen vorgelegt.27 Besondere Empörung lösten die sogenannten Ehrparagrafen 227–230 aus, die es den Alliierten erlaubten, den Kaiser und führende Generäle der Deutschen wegen Kriegsverbrechen vor Gericht zu stellen, sowie der Artikel 231, der »Deutschland und seinen Verbündeten« die Alleinschuld am Krieg zuschrieb, aus der sich – noch nicht präzisierte – Zahlungsverpflichtungen ergaben.

Dieser Artikel hatte folgenden Wortlaut:

»Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben.«28

Der Leiter der deutschen Delegation, Graf Brockdorff-Rantzau, verlas am 7. Mai 1919 bei der Überreichung die folgende Antwort:

»Es wird von uns verlangt, dass wir uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen; ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Wir sind fern davon, jede Verantwortung dafür, dass es zu diesem Weltkrieg kam, und dass er so geführt wurde, von Deutschland abzuwälzen. […] Aber wir bestreiten nachdrücklich, dass Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet wird.«29

Diese Replik, die Brockdorff-Rantzau zudem noch im Sitzen vorlas, erzeugte großen Zorn bei den Alliierten. Von den meisten deutschen Historikern werden seit den 1970er Jahren diese Uneinsichtigkeit und das scheinbar skandalöse Verhalten als Hauptgrund dafür angesehen, dass die Verhandlungspositionen der Alliierten absolut unerbittlich wurden.30 Ich habe an anderer Stelle nachzuweisen versucht, dass diese Einschätzung der Dramatik der damaligen Situation nicht gerecht wird.31 Aber ungeachtet der Differenz in der historischen Beurteilung dieser Situation und der Absichten der Sieger bei der Formulierung des Kriegsschuldartikels bleibt unbenommen und wohl auch unbestritten, dass diese radikale Schuldzuweisung an die Deutschen ungeheuer starke Konsequenzen für die Entwicklung der Republik hatte. Denn Zorn und Wut über diesen »Schandparagrafen« waren und blieben gewaltig, wie allein schon die wiederholten Aufrufe der Reichsregierung zeigen, insbesondere die von 1924 anlässlich des zehnten Jahrestags des Kriegsausbruchs und von 1928 zur Erinnerung an das Weltkriegsende:

Die »Amtliche Kundgebung« vom 29. August 1924 hatte folgenden Wortlaut:

»Die uns durch den Versailler Vertrag unter dem Druck übermächtiger Gewalt auferlegte Feststellung, dass Deutschland den Weltkrieg durch seinen Angriff entfesselt habe, widerspricht den Tatsachen der Geschichte. Die Reichsregierung erklärt daher, dass sie diese Festlegung nicht anerkennt. Es ist eine gerechte Forderung des deutschen Volkes, von der Bürde dieser falschen Anklage befreit zu werden. Solange das nicht geschehen ist und solange ein Mitglied der Völkergemeinschaft zum Verbrecher an der Menschheit gestempelt wird, kann die wahre Verständigung und Versöhnung zwischen den Völkern nicht vollendet werden.«32

Und im November 1928 hieß es in einer gemeinsamen Erklärung des Reichspräsidenten und der Reichsregierung:

»Der heutige Tag ist ein Tag der Trauer. Zehn Jahre sind verflossen, seit in Versailles deutsche Friedensunterhändler gezwungen waren, ihre Unterschrift unter eine Urkunde zu setzen, die für alle Freunde des Rechts und eines wahren Friedens eine bittere Enttäuschung bedeutete. […] Deutschland hat den Vertrag unterzeichnet, ohne damit anzuerkennen, dass das deutsche Volk der Urheber des Krieges sei. Dieser Vorwurf lässt unser Volk nicht zur Ruhe kommen und stört das Vertrauen unter den Nationen. Wir wissen uns eins mit allen Deutschen in der Zurückweisung der Behauptung der alleinigen Schuld Deutschlands am Kriege.«33

Niemals konnte aber ein einhelliger Protest bzw. sogar eine gemeinsame Front der deutschen Parteien erreicht werden, da die durch die Revolution zunächst für einen Moment zum Schweigen gebrachte politische Rechte die Katastrophe von »Versailles« sofort und unmittelbar mit der deutschen Revolution verband. Ohne die Revolution hätte es diese erbärmliche Niederlage nicht gegeben, so wurde durchgehend argumentiert. Und die äußerste Rechte behauptete sogar, dass Deutschland ohne die Revolution siegreich aus dem Krieg hervorgegangen wäre und sich somit keinem »Schandfrieden« wie dem von Versailles hätte beugen müssen.

Bereits Ende 1930, als man auch in bürgerlichen Kreisen erkannte, welche Gewalt die NS-Bewegung zu entfalten fähig war, urteilte der damals schon hochgeachtete Historiker Friedrich Meinecke in einem Zeitungsartikel, dass »der Versailler Friede […] die letzte und stärkste Ursache des Nationalsozialismus« sei. Und weiter: »Der Versailler Friede aber ist zum gemeinsamen Schrittmacher für Bolschewismus und Nationalsozialismus in Deutschland geworden.«34 In Meineckes Auffassung spiegelt sich die auch in der frühen Weimar-Historiografie überwiegende Meinung, dass Hitler nicht ein Produkt der spezifisch deutschen Geschichte und Fehlentwicklung gewesen ist, sondern im Grunde von den Alliierten und ihrem empörenden Zwangsfrieden zu verantworten sei. Dagegen hat sich seit den 1970er Jahren eine inzwischen etablierte und dominierende Forschungstradition gewandt, die das Gegenteil behauptete und ganz pointiert – zu pointiert! – auf die alleinige Provenienz der Hitlerei aus der Fehlentwicklung des deutschen »Sonderweges« pochte. Als Beispiel sei hier nur Peter Krügers Verdikt genannt, dass die Auffassung Meineckes ein schlichtes »Fehlurteil« gewesen sei.35

Sicherlich hat Meineckes Urteil – das so lange von vielen geteilt wurde – einen apologetischen Charakter. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass das Totalverdikt von Versailles nicht allein die Befürchtung nährte, dass Deutschland versuchen werde, sich so bald wie möglich mittels eines Revanchekrieges von diesen Fesseln zu befreien. Für die politische Entwicklung Deutschlands war es verheerend, dass die Enttäuschung über diesen »Schandfrieden« so weit ging, dass sofort die Suche nach den Schuldigen an dieser Katastrophe begann und sich auf den vermeintlichen »Dolchstoß« der Pazifisten und Antimilitaristen gegen das »im Felde unbesiegte« Heer konzentrierte.36

3. Dimensionen und Varianten des »Dolchstoßes«

Wenn heute von der Niederlage von 1918 die Rede ist, dann wird damit sofort die »Dolchstoßlegende« bzw. sogar die »Dolchstoßlüge« assoziiert. Diese Varianten sind aufschlussreich: Legenden haben ja meistens einen wahren oder realitätsnahen Kern, Lügen hingegen sind wissentlich falsche Behauptungen oder Zuschreibungen, die es aufzuklären gilt. Dies umso mehr, als die Nazis und andere Rechtsradikale behaupteten, dass Deutschland den Weltkrieg sicher gewonnen hätte, wenn es nicht von den Bolschewisten und den Juden bzw. kurz gefasst dem »jüdischen Bolschewismus« daran gehindert worden wäre.37

Diese grobschlächtige Lüge ist selbstverständlich indiskutabel und man muss sich fragen, wieso sie eine so breite Anhängerschaft finden konnte und warum diese Variante in der heutigen Geschichtswissenschaft noch so häufig mit dem »Dolchstoß« insgesamt identifiziert wird.38 Historisch korrekter – und viel interessanter – ist allerdings die Problemstellung, von der die gesamte ursprüngliche Diskussion nach 1918 ausgegangen ist: Hat erst die Revolution dazu geführt, dass die auf Dauer zweifellos unvermeidliche Niederlage so plötzlich kam und zu einer veritablen Kapitulation wurde? Schon Hiller von Gaertringen hat dies in seiner Pionierstudie zum Dolchstoßtopos gezeigt, in der überzeugend herausgearbeitet wurde, dass diese »weiche« Variante des Dolchstoßvorwurfs in den Anfangsjahren der Republik vorherrschte, als die NS-Version vom jüdisch-bolschewistischen Verräter und dessen Dolchstoß in den Rücken des siegreich voranstürmenden Heeres nur eine Randexistenz führte.39

Karikatur aus dem Kladderadatsch vom 30. November 1919 mit dem Titel: »An die Kurzsichtigen«. Eindeutig sind es also die Zivilisten, zumal eine »jüdisch« aussehende Frau, die den deutschen Soldaten zu Fall brachten.

Ein gutes Beispiel hierfür findet sich in der Debatte über den Militäretat, die die Deutsche Nationalversammlung im Oktober 1919 führte.40 Wie so häufig in Haushaltsdebatten nutzten die Fraktionen den Regierungsentwurf für grundsätzliche Stellungnahmen. Zu Beginn legte Albrecht von Graefe vom »völkischen« Flügel der äußerst rechts stehenden Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) in einer mehr als zweistündigen Rede dar, wie die »alte Armee«, die bravourös gekämpft habe, keineswegs durch feindliche Übermacht besiegt, sondern »von hinten erdolcht« worden sei. Damit meinte er nicht nur die Aktivitäten der Linken während des Krieges, sondern auch schon die antimilitaristischen Proteste in der Vorkriegszeit, etwa in der »Zabern-Affäre« von 1913. Graefes Rede wurde häufig unterbrochen, die Erregung war groß. Das zeigte sich auch in den Repliken der Regierungsmitglieder Gustav Noske und Eduard David. Noske verteidigte die Unterzeichnung des Versailler Vertrages als unabänderlich und wies darauf hin, dass die Nationalversammlung beschlossen habe, die Meinung eines jeden Abgeordneten als gleichwertig zu respektieren. Man habe im Juni 1919 einmütig beschlossen, dass allen an der Abstimmung über den Vertrag Beteiligten zugebilligt werde, dass sie aus patriotischen Motiven gehandelt hätten.41

Eduard David hingegen legte den Finger in die große schwärende Wunde der deutschen Gesellschaft: Die nationale Einheit des »August 1914« sei in erster Linie durch die maßlosen Kriegsziele der Rechten angegriffen worden und deshalb schließlich zerbrochen. Denn die Einheit des »Augusterlebnisses« habe allein auf der allgemeinen Überzeugung beruht, dass Deutschland zur Verteidigung seiner Grenzen Krieg führen müsse. Die dann allmählich entstandenen Kriegszielprogramme der Rechten und der Wirtschaftsverbände seien einem »Machtwahnsinn« entsprungen. Mitglieder der rechten Fraktionen seien sogar an die Front gereist, um den Soldaten einzureden, dass es schließlich doch um mehr gehe als um die Vaterlandsverteidigung im engeren Sinne. Man habe Politiker und Intellektuelle, die auf dem reinen Verteidigungskrieg beharrten, als »Vaterlandsverräter« beschimpft und durch größenwahnsinnige Eroberungsziele die ursprüngliche Kraft der Einheit Deutschlands aufs Spiel gesetzt. Die Rechte und große Teile der Mitte hätten einen »Verständigungsfrieden«, wie ihn die Linke angestrebt habe, zugunsten irrwitziger Kriegsziele lautstark abgelehnt. Ohne Sinn und Verstand habe man bis zum Sommer 1918 behauptet, dass sogar der Kriegseintritt der USA Deutschlands Sieg nicht werde verhindern können. Es sei also eine grobe Entstellung der historischen Wahrheit, wenn man nunmehr die deutsche Niederlage als eine Folge der Revolution darstelle: »Das Volk weiß, wem es die Niederlage zu verdanken hat.«42

Als Beleg gab Eduard David u. a. maßlose Reden des Führers der Deutschkonservativen Partei, Kuno Graf Westarp, an. Westarps Stellungnahme von 1917 zu Friedensresolution und Kriegszielen war in der Tat so prototypisch für die exzessiven Kriegsziele der Rechten, dass sie noch Eingang in Wilhelm Mommsens »Deutsche Parteiprogramme« gefunden hat.43

Die Erregung über diese ganz unzweifelhaft sehr gut begründeten Anklagen wollte nicht abreißen und wurde noch verstärkt durch eine Intervention des badischen DDP-Abgeordneten Ludwig Haas, der sich energisch gegen Graefes angebliche Behauptung wehrte, die deutsche Armee sei von hinten erdolcht worden und die Revolution habe Deutschland um den Sieg gebracht. Hierbei kam es allerdings zu einer bemerkenswerten Reaktion, nämlich einem Zwischenruf seitens der Rechten: »Wann hat er [Graefe] von Sieg gesprochen? Davon hat er nicht gesprochen.« Haas und andere bestritten das, aber eine genaue Durchsicht von Graefes Rede zeigt, dass er in der Tat kein Wort von einem Dolchstoß gesagt hatte, welcher den Sieg Deutschlands verhindert habe. Graefe hatte nur ausgeführt, dass die deutsche Armee durch die Propaganda der Linken geschwächt worden sei und dass man mit einer weniger zersetzten Armee den Versailler Kapitulationsfrieden nicht hätte eingehen müssen. Das war genauso denkbar und bleibt diskutabel. Aber wichtig im hier verfolgten Zusammenhang ist, dass es zu jenem Zeitpunkt noch keineswegs eine Identifizierung der gesamten Rechten mit der radikal-nationalistischen Dolchstoßthese gab, dass nämlich die Linke mit ihrer antimilitaristischen Propaganda in Kriegszeiten und mit der Revolution einen sonst sicheren Sieg Deutschlands verhindert habe.

Dieser Streitpunkt war auch noch einige Jahre später keineswegs ausgeräumt, wie die Debatte im Untersuchungsausschuss des Reichstags über die Ursachen der Niederlage zeigt. Die Parteien konnten sich nach langen Jahren der Auseinandersetzung nur auf die Aussage einigen, dass die Mehrheitssozialdemokratie keine Schuld am Ausbruch der Revolution gehabt habe, die aus dem allgemeinen Verlangen entstanden sei, »den Krieg auf alle Fälle zu beenden«. Der Schlusssatz dieser Entschließung betraf genau das unlösbare Grundproblem:

»Die Frage, ob die Gegner Deutschlands ihre Waffenstillstandsbedingungen ermäßigt hätten, wenn das deutsche Volk sich zu letztem Widerstand bereit gezeigt hätte, ist ungeklärt geblieben.«44

Man mag streiten, ob in dieser Hinsicht mehr hätte geschehen können und müssen, aber für die zeitgenössischen Militärs und die gemäßigten bzw. konservativen Kräfte im Reich stand fest, dass die Regierung sowie die Parteien der Linken und der Mitte nicht genug unternommen hätten, um die Bevölkerung vor Demoralisierung durch kommunistische bzw. alliierte Propaganda zu schützen. Dabei wurde aber geflissentlich übersehen, wie groß der Hunger und die Verzweiflung vor allem bei der Arbeiterbevölkerung geworden war, wie wenig es seit dem »Steckrübenwinter« von 1916/17 zu essen gab.45 Man war in Deutschland so weit, dass die Soldaten von ihren Angehörigen angebettelt wurden, sie möchten doch Lebensmittel von der Front (bzw. aus der Etappe) in die Heimat schicken, was auch vielfach geschah.46

Die Behörden bemühten sich wohl, beispielsweise bei der Eindämmung des Januarstreiks der Metallarbeiter in Berlin 1918.47 Sie waren aber zu halbherzig oder auch zu wenig zentral koordiniert, um wirksame Abhilfe schaffen zu können. Anders als in Frankreich, wo die Regierung Clemenceau ab dem Spätherbst 1917 und der Erklärung eines »totalen« Krieges die pazifistischen und antimilitaristischen Bewegungen zu Landesverrat erklärte und dementsprechend unerbittlich verfolgte, geschah dies im Deutschen Reich nur sehr zögerlich, wenn überhaupt.48 Im Unterschied zu dem von deutschen Truppen teilbesetzten Frankreich war das Deutsche Reich doch trotz allem dem Krieg ferner und keineswegs bereit oder fähig, es auf einen »totalen Krieg« ankommen zu lassen. Das zeigte sich auf vielen Ebenen – vom zögerlichen Regierungshandeln bis hin zu den Bestrebungen, den Krieg revolutionär zu beenden. Diese Haltung wurde dann nach dem Krieg der Republik von der Rechten immer wieder vorgeworfen. Allerdings übersah bzw. beschwieg die Rechte geflissentlich, dass sie selbst mit ihren unermesslichen Kriegszielforderungen erheblich zur Verlängerung und Ausdehnung des Krieges beigetragen hatte.49

Die Einigkeit des August 1914 war bald zerbröckelt und einer erbitterten Auseinandersetzung um Kriegsziele und Friedensabsichten gewichen, woran auch die Tatsache nichts änderte, dass die öffentliche Kriegszieldiskussion eine Zeit lang verboten wurde. Bereits im September 1916 forderte der Sozialwissenschaftler Hermann Plenge, dessen Buch über den »Krieg und die Volkswirtschaft« von 1915 damals stark rezipiert wurde und der als »Erfinder« des Konzepts einer neuen »Volksgemeinschaft« durch den Krieg gilt, die Heimat auf, genauso ihre Pflicht zu tun wie das Heer.50

Diese Frage der Kriegs- und Friedensziele wühlte die deutsche Öffentlichkeit auf und verstärkte nach dem Krieg die politische Polarisierung. Denn durch eine Reihe von Veröffentlichungen wurden jetzt, kurz nach Abschluss des so schlechten Friedens, die maßlosen Kriegszielforderungen von Verbänden und Parteien während des Krieges bekannt.51 Auch die inzwischen allmählich publizierten Dokumentationen zur Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs, welche eine zumindest starke Mitschuld des kaiserlichen Deutschland unabweisbar machten, haben zu dieser Erregung mächtig beigesteuert.

Von da an gehörte die Klage über die »Lüge vom Verteidigungskrieg« zu den Kernthemen der Linken. Bereits Ende November 1918 erklärte der sozialdemokratische Vorwärts, das deutsche Volk sei seit Juli 1914 systematisch belogen worden. Wilhelms II. Aufruf »An das deutsche Volk« vom 4. August 1914 mit dem Kernsatz »Mitten im Frieden überfällt uns der Feind« sei nichts als eine »bodenlos-freche, niederträchtige, schamlose Lüge« gewesen.52 Und die Weltbühne verlegte sich seit dem Januar 1919 auf den Nachweis, dass von einem Verteidigungskrieg der Deutschen keine Rede sein könne:

»Vier Jahre lang ist das deutsche Volk von seinen Machthabern belogen und betrogen worden und hat geglaubt, gegen den tückisch-hinterlistigen Überfall einer Welt von Feinden zu kämpfen.«53

Es muss auch in Erinnerung gerufen werden, dass wenige Wochen vor diesem eben erzählten Zusammenprall in der Nationalversammlung zum ersten Mal die konkreten Zahlen der deutschen »Kriegsverluste« offiziell bekannt gegeben worden waren. Erst jetzt erkannten die Deutschen, dass dieser verlorene Krieg, an dem sie allein Schuld tragen sollten, ungefähr zwei Millionen tote Soldaten und wohl 4,5 Millionen Verwundete gefordert hatte. Den Schock, den dieses Wissen ausgelöst haben muss, können wir bislang nur erahnen. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sich dadurch die Frage nach dem Sinn des Krieges, nach Kriegsschuld und Ursache der Niederlage noch tiefer in das (Unter)-Bewusstsein der Menschen eingefressen hat, als dies ohnehin schon seit Ende 1918 der Fall war. Anders ist die ungeheure Schärfe und Dauerhaftigkeit der Auseinandersetzung um Niederlage, Kriegsschuld und Dolchstoß, welche die Politik der Weimarer Republik von Anfang bis Ende bestimmte, nicht zu erklären.

4. Auf der Suche nach der »Volksgemeinschaft«

Die somit von vornherein tief zerklüftete Weimarer Gesellschaft blieb wohl gerade wegen dieser grundlegenden und oft unerträglichen Spannung von der Suche nach innerer Einigkeit beherrscht, für die das »Augusterlebnis« des Kriegsbeginns als Vorbild diente. Der Ausspruch des Kaisers vom 3. August 1914, dass er keine Parteien mehr kenne, sondern »nur Deutsche«, blieb eine Utopie, die aber den allermeisten Deutschen als Sehnsucht nach einer »guten alten Zeit« zutiefst am Herzen lag.54 Dies umso mehr, als es bereits während des Krieges vielseitige Bemühungen gegeben hatte, das »Augusterlebnis« zu verlängern, auf stabile gesellschaftliche Füße zu stellen. Insbesondere das schon seit 1914 zu beobachtende Streben nach einer »Volksgemeinschaft«, die es jenseits der schädlichen Parteipolitik zu erringen und zu bewahren gelte, war weitverbreitet und wurde auch als Modell für die Gestaltung von Deutschlands Zukunft eingefordert.55 Wohl zum ersten Mal geschah dies ganz explizit in einer Reichstagsrede des Kanzlers Bethmann-Hollweg, der am 2. Dezember 1914 den Dank des Kaisers an die ganze Nation überbrachte »für die beispiellose Aufopferung und Hingabe, […] die von allen Schichten des Volkes ohne Unterschied geleistet worden ist«. Bethmanns Rede, die im Wesentlichen von »Einkreisung« und »Verteidigungskrieg« handelte, schloss mit der Apotheose einer künftigen Volksgemeinschaft trotz des in Friedenszeiten unerlässlichen politischen Kampfes:

»Dieser wunderbare Geist, der die Herzen des deutschen Volkes durchglüht in nie gesehener Einigkeit, in der unbedingten Hingabe des einen an den anderen, der muss und der wird siegreich bleiben. Und wenn ein ruhmvoller, ein glücklicher Friede erkämpft sein wird, dann wollen wir diesen Geist hochhalten als das heiligste Vermächtnis.«56

Steffen Bruendel hat gezeigt, wie sich hieraus die Idee einer »Volksgemeinschaft« entwickelte, die in den ersten beiden Kriegsjahren noch nicht wirklich kontrovers diskutiert bzw. eingefordert wurde. Man war sich weitgehend einig, dass es gelte, den »Geist von 1914« in irgendeiner Weise gesellschaftlich auszubauen. Sicherlich gab es Unterschiede in der Auffassung der konkreten Gestaltung dieser Vision. Die einen glaubten, die Gemeinsamkeit aller Deutschen durch eine weitere Demokratisierung der Gesellschaft erreichen zu können, die anderen wollten eher »korporative« Ideen beständig machen bzw. alte ständische Gesellschaftsmodelle wieder beleben. Und nach 1916, als sich die Kluft zwischen Anhängern eines »Verständigungsfriedens« und jenen, die einen »Siegfrieden« forderten, zuspitzte, verlor die Gemeinschaftsidee viel von ihrer ursprünglichen Zugkraft. Gleichwohl blieb die Sehnsucht nach der großen Zeit der inneren Einigkeit und des »Augusterlebnisses« auf der Linken, in der Mitte und auf der Rechten erhalten.57

Die unmittelbar nach dem Krieg veröffentlichten Programme der verschiedenen Parteien zeigen, wie stark die Hoffnung auf eine die Spaltung der Gesellschaft überwindende »Volksgemeinschaft« in Erinnerung an den »August 14« war und blieb.58 So heißt es im (kurzlebigen) Görlitzer Programm der SPD von 1921, dass das Recht »aller Volksgenossen an den Kulturgütern« das »oberste Erziehungsrecht der Volksgemeinschaft« sein solle. Und wenige Zeilen weiter wird noch präzisiert: »Erziehung des heranwachsenden Menschen in der Familie, in der Schule und der freien Jugendbewegung zum bewussten Glied der sozialen Volks- und Menschheitsgemeinschaft, zu den Idealen der Republik, der sozialen Pflichterfüllung und des Weltfriedens.«59 Zwar tauchte das Wort im Heidelberger Programm der Sozialdemokraten von 1925 nicht mehr auf, blieb aber gleichwohl zentral für Einstellungen und Politik der gemäßigten Sozialdemokratie und war etwa in den Reden von Friedrich Ebert bis zu dessen Tod im Jahre 1925 eine Art Leitmotiv.60 Es ist bemerkenswert, dass gerade die Sozialdemokraten in den frühen Jahren der Weimarer Republik den Gedanken einer »Volksgemeinschaft« hochhielten, denn dieses Konzept konkretisierte Integration und Partizipation der so viele Jahrzehnte als »vaterlandslose Gesellen« diffamierten Bewegung. Nach den Erfahrungen des Weltkriegs hoffte man hier, »das Gefühlsvakuum bei den eigenen Anhängern zu besetzen und der politischen Rechten ihr Monopol für Begriffe wie Vaterland und Volk streitig zu machen«.61 Am 17. Januar 1919 publizierte der Vorwärts einen von Gerhard Hauptmann, dem damals wohl bekanntesten und beliebtesten deutschen Schriftsteller, verfassten Aufruf »Für das neue Deutschland«, der für die Überwindung der »jämmerlichen Parteiungen« Deutschlands plädierte und in dem es hieß:

»Solange die Bauleute streiten, entsteht kein Bau. Einig und in Ahnung eines höchsten vorhandenen Planes muss Stein auf Stein vermauert werden. Zum ersten Mal ist der deutsche Genius ganz auf sich selbst gestellt, um sein Land, sein Haus, seinen Tempel aufzurichten.«62

Das Programm der katholischen Zentrumspartei wiederum machte Vorschläge, wie jedem »Volksgenossen« ein menschenwürdiges Dasein beschert werden könne: Auch die »deutsche Kulturpolitik muss auf die Erneuerung und Festigung der geistigen und sittlichen Volksgemeinschaft abzielen«.63

Die linksbürgerliche Deutsche Demokratische Partei (DDP) hatte zwar nicht das Wort »Volksgemeinschaft« in ihrem Programm vom Dezember 1919, aber man betonte dort die »Einheit des ganzen Volkes«; die »Volksgenossen« sollten in einem »Volksstaat« miteinander verbunden sein, sodass die Deutschen insgesamt einen »einheitlichen Körper« bilden könnten.64 Nach der Untersuchung von Retterath stand der Volksgemeinschaftstopos bei den Reichstagswahlen von 1924 im Zentrum der Agitation und gehörte auch noch in den Wahlkämpfen von 1928 bis 1930 zu den Kernthemen der linksliberalen Parteien.65

Wie groß das Verlangen nach einer Gemeinschaft des Volkes in der politischen Mitte und gemäßigten Linken war, zeigt ein zum Jahreswechsel 1923/24 in der Frankfurter Zeitung publizierter offener Brief an den Reichspräsidenten, den Münchener Persönlichkeiten wie Erhard Auer, Wilhelm Hoegner, Georg Kerschensteiner, Lujo Brentano, Thomas Mann u. a. veröffentlichten. Die Unterzeichner konstatierten darin die »Krise des deutschen Volkes« und forderten Aktivitäten zur Stärkung des inneren Zusammenhalts ein. Man dürfe sich nicht bis aufs Messer bekämpfen, sondern müsse das »Bewusstsein der unentrinnbaren Schicksalsgemeinschaft« und das »Gefühl für den Wert der Volksgemeinschaft« behalten. Insbesondere dürften die wirtschaftlichen Gegensätze nicht dazu führen, dass die »Volkseinheit« aufgekündigt werde.66

Die rechtsbürgerliche Deutsche Volkspartei (DVP), anfänglich in scharfer Opposition zum Weimarer Staat, erwähnte im Grundsatzprogramm vom Oktober 1919 ziemlich beiläufig den Wunsch, das deutsche Volk im Kreis der Völkergemeinschaft genauso aufgehoben zu sehen, »wie es für den einzelnen in der Volksgemeinschaft« der Fall sei.67 Dahingegen kreiste die am äußersten rechten Rand des parlamentarischen Spektrums stehende Deutschnationale Volkspartei (DNVP) in ihren »Grundsätzen« von 1920 ganz um dieses Konzept:

»Wir wollen aufrufen zu der opferwilligen Arbeitsbereitschaft, zu der jeder Volksgenosse dem Vaterland gegenüber verpflichtet ist. Auf unserer inneren Geschlossenheit, auf der warmherzigen, alle Volksgenossen erfassenden brüderlichen Gesinnung ruht Rettung, Heil, Zukunft der deutschen Volksgemeinschaft.«68

Nur nebenbei wurden hier die Grenzen der Gemeinschaft definiert, wenn vom Kampf »gegen jeden zersetzenden, undeutschen Geist, mag er von jüdischen oder anderen Kreisen ausgehen«, polemisiert wurde. Die gesamten Programme der wichtigsten Parteien enthielten keine darüber hinausgehenden Ausschließungen. Und das Wort »Volksgenosse« scheint damals genauso selbstverständlich gewesen zu sein, wie es für uns heute der »Mitbürger« ist.

Nur im Programm der NSDAP, wie es 1920 festgelegt und als unveränderbar deklariert wurde, finden sich solche Exklusionen zuhauf. Und so exklusiv-spalterisch, wie sich dieses extravagante Programm einer damaligen Minipartei gab, so bezeichnend ist es, dass »Volksgemeinschaft« darin nicht vorkommt. Die später so dominierende Diktion mit ihrer Betonung des »exklusiven« Charakters der Volksgemeinschaft unter Ausschluss aller »rassisch« oder politisch Entgegenstehenden war hier natürlich schon angelegt und kam auch im exzessiven Gebrauch des Kunstworts »Volkskörper« zum Vorschein.69 Entscheidend aber ist – und darauf wird ausführlich zurückzukommen sein –, dass die Nationalsozialisten sich wohl Ende der 1920er Jahre eines im öffentlichen Bewusstsein zentralen und politisch recht inoffensiven Terminus bedienen konnten, ohne dabei viel Argwohn zu erregen, so geläufig waren ja Wort und Konzept der erstrebenswerten Gemeinschaft aller Deutschen. Hitler hat auch immer wieder versucht, rhetorisch den »exkludierenden« Charakter seiner Vorstellung von der Volksgemeinschaft zu verwischen. Etwa wenn er auf einer Rede in Zwickau am 15. Juli 1925 ausführte, dass die wahre Volksgemeinschaft auf sozialer Gerechtigkeit basiere und die »Harmonie der körperlichen und geistigen Stärke des Volkes« sei.70

Wenn, wie Ian Kershaw geurteilt hat, Hitler und seine Partei den Anspruch hatten, die gefühlte Gemeinschaft des August 1914 in einen permanenten Zustand zu überführen, so wurden dabei immer auch »Gemeinschaftsfeinde« mitgedacht und mitgesagt. Gleichwohl wurde der Volksgemeinschaftsgedanke einer der wichtigsten Anknüpfungspunkte zwischen den Erwartungen des Bürgertums und der NS-Ideologie.71 Oder, wie es Hans-Ulrich Thamer lakonisch ausgedrückt hat:

»Dass in der nationalsozialistischen Gemeinschaftsideologie […] zugleich auch die Exklusion von ›Gemeinschaftsfremden‹ einbegriffen war, nahmen die meisten Zeitgenossen achselzuckend oder auch billigend zur Kenntnis.«72

5. Von der Frontkameradschaft zur Volksgemeinschaft?

Wie aber konnte sich das doch ebenso vage wie umfassende Konzept einer »Volksgemeinschaft« konkretisieren? Angesichts der vielen Millionen gerade heimkehrender Soldaten war es naheliegend, den während der Kriegsjahre doch immer so hochgehaltenen Frontgeist zu beschwören. So wurden immer wieder die soldatische Kameradschaft und die »Frontgemeinschaft« zum Vorbild einer künftigen Gesellschaft stilisiert.73

Der Topos trat zunächst in mehr oder weniger aggressiven Varianten auf. Es konnte die einfache Hochschätzung des von den Soldaten Geleisteten bzw. Erlittenen sein, wie sie in allen Fest- und Gedenkreden gepflegt wurde. Zu diesem Redetypus gehörte auch die Versicherung, dass die Soldaten »im Felde unbesiegt« geblieben seien und die Heimat ihnen zu größtem Dank verpflichtet sei, weil sie das Vaterland vor dem Eindringen der Feinde geschützt hatten. Die heute noch bekannteste Äußerung dieser Art ist die Begrüßung der heimkehrenden Fronttruppen durch den Regierungschef Friedrich Ebert:

»Kameraden, willkommen in der Deutschen Republik! […] Eure Opfer und Taten sind ohne Beispiel. Kein Feind hat Euch überwunden. […] Unendliche Leiden habt Ihr erduldet, unvergängliche, fast übermenschliche Taten vollbracht […] Ihr habt die Heimat vor feindlichem Einfall geschützt, Ihr habt Euren Frauen und Kindern, Euren Eltern den Mord und Brand des Krieges ferngehalten, Deutschlands Fluren und Werkstätten vor Verwüstung und Zerstörung bewahrt. Dafür dankt Euch die Heimat in überströmendem Gefühl.«74

Alfred Döblin hat in seiner »Heimkehr der Fronttruppen«, den ein Vierteljahrhundert später verfassten Collagen aus zeitgenössischem Material, noch bemerkt, dass Ebert den Frontsoldaten geschmeichelt habe, so groß sei die Furcht vor deren Zorn gewesen.75 Das ist im Wissen um das, was sich dann später ereignet, geschrieben worden und entsprach nicht der tatsächlichen Situation Ende 1918. Denn 1918/19 konnte die Regierung durchaus noch auf reguläre Fronttruppen-Einheiten zurückgreifen, wenn es um die Bekämpfung der überall aufflackernden Unruhen und Revolutionsversuche von München bis Berlin ging. Der bereits Ende 1918 gegründete Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten, formulierte schon bald den Führungsanspruch der »Frontkämpfer«:

»Wir, die wir im Felde gestanden haben, jahrelang, Not, Tod und Entbehrungen getragen, sind der stärkste, wertvollste Teil des Volkes.«76

Und im »Führer-Handbuch« derselben Vereinigung aus dem Jahre 1925 hieß es, dass die Quintessenz der Vereinigung »die Volksgemeinschaft auf Grundlage der im Trommelfeuer geborenen Kameradschaft« sei.77

Eine sehr frühe und für diesen Zeitpunkt ganz außergewöhnlich aggressive Variante des Führungsanspruchs der Frontsoldaten in der zivilen Gesellschaft bildet ein Pamphlet von Franz Schauwecker aus dem Jahre 1921. Schauwecker war einer der wenigen aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten, der bereits unmittelbar nach dem Krieg fähig war, das »Fronterlebnis« in allen schrecklichen Details zu schildern. Sein schmales Buch »Im Todesrachen« aus dem Jahre 1919 ist an Intensität wohl nur mit dem gleichzeitig erschienenen »Seelenleben des Soldaten an der Front« des Feldgeistlichen Ludwig Scholz zu vergleichen. Schon hier kam die Frustration des »Unbesiegten« gegenüber einer Heimat zum Ausdruck, die vom Krieg und dem großen Einsatz und Leid der Soldaten nichts mehr wissen wollte: