Die unbewältigte Niederlage - Gerd Krumeich - E-Book

Die unbewältigte Niederlage E-Book

Gerd Krumeich

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Beschreibung

Die Niederlage im Ersten Weltkrieg, die Kriegsschuldfrage und die problematischen Friedensbedingungen des Versailler Vertrages von 1919 prägten die politische Entwicklung Deutschlands nachhaltig. Die Dolchstoßlegende wurde zu einer der wirksamsten propagandistischen Waffen gegen die Weimarer Republik. Gerd Krumeich erzählt entlang der Quellen und konsequent aus der Sicht der Zeitgenossen, wie das Trauma der Niederlage in eine Kultur des Hasses mündete. Das kontroverse Buch, das nun als überarbeitete Taschenbuchausgabe mit einem neuen Vorwort des Autors erscheint, ist längst zu einem wichtigen Beitrag in der Debatte um die Weimarer Republik geworden.

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Gerd Krumeich

Die unbewältigte Niederlage

Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2018

Überarbeitete Taschenbuchausgabe

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2021

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Judith Queins

Umschlagmotiv: © UIG/Getty Images

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau

ISBN Print: 978-3-451-07223-9

ISBN E-Book: 978-3-451-82323-7

Für Renate

mit all meinem Dank

Inhalt

Vorwort zur Taschenbuchausgabe

Vorwort

I. Der ferne Krieg

1. Verteidigungskrieg und Burgfrieden

2. Der Krieg rückt ferner

a) Soldatenbrief-Sammlungen

b) Das Desinteresse an »Verdun«

c) Kriegsausstellungen und Kriegstheater

d) »Bei unseren Helden an der Somme«

e) Negative Integration: Die »Judenzählung« vom Oktober 1916

f) Die Streikbewegung von 1917

Exkurs nach Frankreich: Unruhen und Streiks in einer belagerten Nation

g) Jammerbriefe

h) Die Januarstreiks 1918

II. Die seltsame Niederlage

1. Erfolge, Illusionen, Ernüchterung

a) »Der letzte Hieb«

b) Auf Messers Schneide?

c) Die Moral lässt nach

d) Der Einbruch vom 18. Juli

e) Der 8. August: Ein »schwarzer Tag«?

f) September 18: Noch hält die Front

g) Ludendorff verlangt eine Pause

2. Auf dem Weg zur Niederlage

a) Jetzt sollen die Zivilisten Frieden schließen

b) Levée en masse oder lieber aufgeben?

c) Der Notenkampf mit Wilson

d) Ein Ende mit Schrecken

3. Revolution und Waffenstillstand

a) Die Revolution der Soldaten

b) Kurt Eisner und die Revolution in München

c) Der Waffenstillstand von Compiègne, 11. November 1918

III. Kriegsschuld und Dolchstoß

1. Die Kriegsschuldfrage

a) Während des Krieges

b) Die »Lansing-Note« vom 5. November 1918

c) Anklagen und Selbstbeschuldigungen

d) Die Kriegsschuldfrage auf dem Versailler Kongress

e) Die Unterschrift wird erzwungen

f) Der Kampf gegen die »Kriegsschuldlüge«

2. Dolchstoß: Lüge, Legende oder doch ein wenig wahr?

a) Wer hat den Waffenstillstand zu verantworten?

b) Hindenburgs Intervention

c) Die Diskussion im Untersuchungsausschuss

d) Der Münchener Dolchstoßprozess

e) Der Prozess des Reichspräsidenten Ebert

f) »Novemberverbrecher«

IV. Die Schützengräben der Kriegserinnerung

1. Das Trauma der Niederlage und der große Hass

2. Politische Morde und extremer Antisemitismus

3. Eine Verbitterungsstörung der Deutschen

4. Die Heimkehr der Soldaten

5. DADA und die Wunden des Krieges

6. Eine Frage der Ehre

7. Der »Stellungskrieg der Denkmäler«

Epilog: Der (Aus)Weg aus dem Trauma

Dank

Quellen- und Literaturverzeichnis

Quellen

Literatur

Abbildungsverzeichnis

Karten

Über den Autor

Vorwort zur Taschenbuchausgabe

Für jeden Autor einer wissenschaftlichen Arbeit ist es natürlich eine Freude, wenn eine Taschenbuchausgabe möglich wird, weil sich offensichtlich viele für das Thema interessieren. Dieses Buch hat große Zustimmung erfahren, aber eine Reihe von Lesern, Kollegen und Freunden haben sich auch besorgt geäußert. Gibst du nicht Hitler Recht, so wurde ich immer wieder gefragt, wenn du darauf bestehst, dass die These vom »Dolchstoß« vielleicht doch nicht ganz unbegründet war? Ich habe versucht, mich deutlich auszudrücken, aber das Thema ist offensichtlich nach wie vor ein Tabu. Doch die Geschichtsforschung ist ja aufgefordert, etablierte Meinungen zu hinterfragen und sich ganz besonders für das zu interessieren, was nicht gedacht und gesagt werden soll.

Deshalb noch einmal und mit größtmöglicher Deutlichkeit: Nein, ich glaube nicht, dass Deutschland den Ersten Weltkrieg noch hätte gewinnen können, wenn nicht die Revolution gekommen wäre. Aber hätte man nicht vielleicht einen weniger »kapitulativen« Waffenstillstand und auch einen besseren Vertrag als den von Versailles erwirken können? Das ist die Kernfrage und sie hat damals Millionen in Deutschland und anderswo bewegt. Die riesige politische Mobilisierungskraft dieser Frage ist entscheidend, nicht ihr Wahrheitsgehalt etwa in der vulgären nationalsozialistischen Ausprägung. Und diese Mobilisierungskraft haben die progressiven und demokratischen ­Kräfte in der Weimarer Republik unterschätzt. Sie heute so weit zu tabuisieren, dass sie in den allermeisten neuen Darstellungen zur Revolution von 1918 überhaupt keine Erwähnung mehr findet – dagegen habe ich dieses Buch geschrieben. Es geht in der Geschichtswissenschaft nicht darum, Menschen von damals zu belehren und ihnen ihre Fehler vorzurechnen. Sie können sich schließlich nicht mehr wehren. Es geht einzig und allein darum, zu verstehen, was sie dachten und fühlten und warum sie sich so verhielten, wie sie es taten.

Freiburg, im August 2020

Gerd Krumeich

Vorwort

Dieses Buch ist keine Geschichte der Weimarer Republik, sondern ein Versuch, der einen neuen Blick auf die deutschen 1920er-Jahre ermöglichen soll. Für mich ist die entscheidende Prägung der Weimarer Republik, dass sie aus dem Krieg geboren wurde und während ihrer gesamten Existenz ein Kind des Großen Krieges blieb.

Die etablierte Weimar-Historiographie hat sich lange, allzu lange, überhaupt nicht für das »Erbe des Weltkriegs« interessiert. Oder, wenn ja, indem sie die Zeitgenossen rügte, weil diese beispielsweise den Frieden von Versailles als »Schandfrieden« angesehen hatten. Nein, so die Auskunft der Historiker, das war in Wirklichkeit doch ein recht vernünftiger Friede. Nur seien leider die Deutschen zu verrückt gewesen, um das einzusehen. Wenige Historiker waren lange Zeit bereit beziehungsweise fähig, anzuerkennen, dass die Belastungen durch den Weltkrieg so schwer waren, dass sie Weimar nahezu erdrückten. Für die großen Geschichten Weimars gilt fast systematisch, dass deren Autoren sich niemals näher mit dem Ersten Weltkrieg befasst hatten, zumindest nicht in wissenschaftlichen Publikationen. Einige wenige Ausnahmen – etwa die Darstellungen von Peter Longerich und Volker Ullrich – bestätigen die Regel. Der Blick war nahezu vollständig auf die Katastrophe von 1933 und die Suche nach deren Gründen fixiert. Die Geschichte Weimars wurde also von ihrem Ausgang und nicht, wie es historisch doch als zwingend erscheint, von ihren Ursprüngen her geschrieben.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich diese Situation erheblich verbessert. Heute gibt es eine Reihe von auch international vergleichenden Monografien und Aufsätzen zu den Nachwirkungen der Kriegsgewalt insbesondere bei den Verlierernationen. Gleichwohl, so scheint mir, ist es bislang noch nicht gelungen, sich in die Menschen von damals einzufühlen. Zwar sind die demokratischen Kräfte sehr intensiv gewürdigt worden, nicht aber ihre Gegner.

Meine Ambition ist es, genau diese Lücke ansatzweise zu schließen und einen neuen Blick auf die ungeheure Frustration zu erlauben, die der verlorene Weltkrieg für viele Millionen Deutsche bedeutet hat. Zorn und Hass waren so groß, dass schon öfter von einem »Trauma« gesprochen worden ist. Ich möchte einfach einen Schritt weiter in diese Richtung gehen und versuchen zu zeigen, dass es tatsächlich eine Art kollektives Trauma gegeben hat, das die Republik beherrschte. Nur wenn wir dieses ausloten, werden wir weiterkommen und Weimars Katastrophe historisch einordnen können.

Der Leser wird selbstverständlich darauf verwiesen, auf welche Literatur ich mich stütze, von wem ich am meisten gelernt habe. Hier seien drei Vorläufer genannt. Zunächst Wolfgang Schivelbusch mit seiner vergleichenden Geschichte von Kriegsniederlagen und der »Kultur«, damit umzugehen. Das Buch ist 2001 erschienen und freundlich beurteilt worden, aber ich glaube, dass es seinen Weg in die Hand­bücher nicht gefunden hat. Vielleicht kam es etwas zu früh, weil eben die heute so breit gestreuten Forschungen zur Nachkriegs-Gewaltsamkeit damals noch nicht vorlagen. Jedenfalls habe ich bei Schivelbusch vieles von dem vorgeformt gesehen und begierig aufgegriffen, was ich nun – hoffentlich – weitergeführt habe.

Dasselbe gilt für das große Werk von Boris Barth über »Dolchstoßlegenden und politische Desintegration«. Boris Barth, wie ich Schüler von Wolfgang Mommsen, hat hier eine (Fast)-Gesamtgeschichte Weimars geschrieben, beginnend mit dem verlorenen Krieg. Aber mir scheint, dass er noch ein wenig vor den Konsequenzen seiner Forschungen zurückgescheut ist, insbesondere was die Brisanz und den realen Kern der »Dolchstoßlegenden« angeht. Ebenso verhält es sich mit dem Buch von Nicolas Beaupré, meinem Kollegen und Freund vom Centre International de Recherche de l’Historial de la Grande Guerre de Péronne, wo wir diese Fragen oft im internationalen Vergleich diskutiert haben. Seine so verdienstvolle deutsch-französische Geschichte der Nachkriegszeit mit dem Titel Das Trauma des Großen Krieges (2009) hat mir sehr viele Anregungen zur Fortsetzung und Vertiefung gegeben.

Die Fragen, an die ich mich im Folgenden also trotzdem heranwage, sind in der Tat noch vermintes Terrain. Vermint vor allem deshalb, weil ja die Probleme des »Schandfriedens« von Versailles und des »Dolchstoßes« mehreren Generationen akademischer Lehrer seit den 1950er-Jahren dazu gedient hatten, die »Machtergreifung« des Nationalsozialismus zu erklären. Hitler sei erst durch »Versailles« möglich geworden, so hieß es jahrzehntelang, bis die Generation von Wehler und der Mommsens es leid war und nach den tieferen Ursachen der so unheilvollen Entwicklung der deutschen Geschichte fragte. Sie hatten recht und ihre Revision war notwendig. Aber einhundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sollten wir eigentlich politisch unbefangen und frei genug sein, hinter den traditionellen Schutzschilden hervorzutreten und »Versailles« und den »Dolchstoß« verstehend darzustellen. Verstehend? Ja, ohne die alte Furcht, dass Berlin doch Weimar werden könnte.

Ich möchte schlicht die Tatsache ernst nehmen, dass sich für die allermeisten Zeitgenossen, darunter auch die Allerklügsten wie Max Weber oder Ernst Troeltsch und Walther Rathenau, das Kriegsende anders und komplexer darstellte als für uns heutige Historiker. Um aber alle drohenden Kritiker-Kurzschlüsse zu vermeiden: Nein, ich bin nicht der Auffassung, dass Deutschland wirklich »im Felde unbesiegt« war, im Gegenteil. Ich folge exakt den Arbeiten von Wilhelm Deist über den »verdeckten Militärstreik« von 1918 und die Selbstauflösung der deutschen Armee, die Massenflucht der Soldaten aus dem offensichtlich verlorenen Krieg. Wilhelm Deist musste noch in den 1990er-Jahren mit seinen aufklärenden Arbeiten den Schutt der alten Behauptungen über die »im Felde unbesiegte« Armee forträumen – und das ist ihm gelungen! Er wollte endlich die Militärs in die Pflicht nehmen und nachweisen, dass nicht die »Heimat«, sondern die ebenso selbstherrliche wie realitätsferne Oberste Heeresleitung Deutschland die »Suppe eingebrockt« hatte, die die Zivilisten dann auslöffeln sollten – um die inzwischen gut bekannte zynische Äußerung Ludendorffs im Spätherbst 1918 einmal umzudrehen. Doch Wilhelm Deist blieb die Frage ganz fremd, wieso eigentlich so viele Menschen nach 1918/19 überzeugt waren und auf Dauer blieben, dass nicht die Militärs, sondern die Zivilgesellschaft an der Niederlage schuld sei.

Deshalb habe ich mich bemüht, auch die Emotionen und Denkweisen der verschiedenen Lager in der so stark zerklüfteten politischen Kultur der ersten deutschen Republik zu verstehen.

Mein Blick auf Weimar und die Verwerfungen der Weimarer Gesellschaft hat sich aus einer langjährigen Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg ergeben. Aus diesem Grund beginne ich mit dem manchem Leser wohl befremdlich erscheinenden Kapitel über den »fernen Krieg«. Es gilt nämlich zu begreifen, dass die Menschen in Deutschland schwer unter einem Krieg zu leiden hatten, der allerdings ganz woanders ausgefochten wurde, und wie stark deshalb die nie überwundene Kluft zwischen der Kriegserfahrung der Soldaten und der Zivilisten war und blieb. Diese Fremdheit bleibt für mich der Urgrund aller Dolchstoßlegenden.

Aller Dolchstoßlegenden? Ja, man sollte endlich verstehen, dass es keineswegs nur eine Dolchstoßlegende beziehungsweise Dolchstoßlüge gegeben hat. Wenn diese heute dargestellt beziehungsweise auch »illustriert« wird, geschieht dies in den allermeisten Fällen mit Bildern und Begriffen, wie sie die völkischen Gruppen und dann ganz besonders der Nationalsozialismus verwendet haben. Der Dolchstoßtopos besagt gemeinhin, dass die erfolgreich voranstürmenden Soldaten von auf Umsturz dringenden Zivilisten am greifbaren Sieg gehindert worden sind. Und der Zivilist ist natürlich ein jüdischer Kommunist oder kommunistischer Jude, das passt genau in die Verschwörungstheorien, wie sie stets von denen gebraucht werden, die von der Realität überfordert sind.

Doch 1918 und 1919 hat es in der Öffentlichkeit ein sehr viel differenzierteres Bild der Niederlage gegeben. Sogar Hindenburg, dessen Aussage vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung so häufig als Beleg für die krude Version der Dolchstoßlegende zitiert wird, war in Wirklichkeit sehr viel abwägender. Das Heer, so Hindenburg, war bereits »ermattet«, als ihm die Zivilisten die notwendige Unterstützung versagten. Man hätte aber wohl noch eine Weile durchhalten und einen besseren Frieden verhandeln können, wäre die Revolution nicht gekommen. Auch von dieser Auffassung gibt es verschiedene Varianten, aber das Entscheidende ist die damals so heiß diskutierte Frage, ob ohne die Revolution (über deren Notwendigkeit und Berechtigung hier gar nicht diskutiert werden soll!) Deutschland einen besseren Waffenstillstand und dann auch einen besseren Frieden hätte erhalten können.

War denn nun Versailles ein schmählicher oder ein zukunftsweisender Frieden? Ich gestehe, dass ich nach zwanzig Jahren Quellenstudium und manchmal auch heftigen Diskussionen immer noch nicht verstehe, wieso man der Auffassung sein kann, dass dies ein gerechter Friede war, der sogar sehr viele Vorteile für Deutschland gebracht habe. Der Friede war in Wirklichkeit ein Diktat, dessen Unterschrift wie mit vorgehaltener Pistole erzwungen wurde. Die Sieger verhandelten nicht mit dem besiegten Deutschland, und selbstverständlich war der »Kriegsschuld«-Artikel genau wie der gesamte Vertrag eine moralische Herabwürdigung des geschlagenen Deutschlands. Der »Schuld-am-Krieg«-Artikel 231 fügte sich nahtlos den »Schuld-im-Krieg«-Artikeln 227–230 an, in denen die Auslieferung des Kaisers und der Offiziere, die sich nach Ansicht der Alliierten schwerster Kriegsverbrechen schuldig gemacht hatten, gefordert wurde.1

Im Übrigen wird von mir überhaupt nicht bestritten, dass insbesondere die Franzosen alle guten Gründe hatten, auf einem Karthagischen Frieden mit Deutschland zu bestehen. Sie hatten unter dem Krieg und der Besatzung extrem gelitten und waren mit Ende des Krieges physisch und wirtschaftlich nahezu »ausgeblutet«. Aber in diesem Buch geht es nicht um eine vergleichende Geschichte – das habe ich an anderer Stelle gemeinsam mit französischen Historikern versucht –, sondern um eine möglichst umfassende Einschätzung dessen, wie die Deutschen den Krieg und das Kriegsende erlebten.

Abschließend noch ein Wort zum Trauma-Problem. Ich weiß, dass »Trauma« im historiographischen Diskurs eher eine Metapher ist, und vielleicht muss sie das auch bleiben, weil es eben noch keine etablierte Wissenschaft vom kollektiven Trauma gibt. Aber ich hoffe zeigen zu können, dass es lohnend ist, sich dieser Problematik des Übergangs von sehr vielen individuellen Traumatisierungen in ein wie auch immer noch genauer zu bezeichnendes kollektives Trauma zu widmen. Auch in dieser Beziehung ist dieses Buch ein Versuch. Ich hoffe, dass er als Anregung ernst genommen werden kann, das Schicksal der Weimarer Republik zu verstehen.

1 Dies zeigen auch auf überzeugende Weise die Überlegungen des prominenten Spezialisten der Geschichte der Friedensverträge: Jörg Fisch, Krieg und Frieden im Friedensvertrag, Stuttgart 1979. Über den Versailler Vertrag ebd., S. 204‒239. Meine Überlegungen sind dieser Analyse stark verbunden.

I. Der ferne Krieg

1. Verteidigungskrieg und Burgfrieden

Im August 1914 waren die Deutschen mit noch nie da gewesener Einigkeit zur Verteidigung ihres Vaterlandes aufgebrochen. Das »Augusterlebnis« blieb trotz allen Überschwangs und aller nationalistischen Radau- und Straßenszenen zutiefst verknüpft mit der in allen Bevölkerungsschichten übermächtigen Überzeugung, einen gerechten Krieg gegen aggressive und Deutschland mit Vernichtung bedrohende Nachbarn führen zu müssen. Wilhelm II. brachte in seiner dann so oft variierten Rede vom 6. August das herrschende Gefühl auf den Punkt:

Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Nun auf zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterland! Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter sich neu gründeten, um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens. Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Und wir werden diesen Kampf bestehen, auch gegen eine Welt von Feinden. Noch nie war Deutschland überwunden, wenn es einig war. Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war!1

Und die Ansprache des Reichskanzlers Bethmann Hollweg vom 4. August im Reichstag vor »begeisterten« Abgeordneten aller Couleur hatte genau denselben Fokus:

Meine Herren, wir sind jetzt in der Notwehr (lebhafte Zustimmung) und Not kennt kein Gebot! (Stürmischer Beifall). Unsere Truppen haben Luxemburg besetzt, vielleicht schon belgisches Gebiet betreten. Meine Herren, das widerspricht den Geboten des Völkerrechts. […] Das Unrecht – ich spreche offen – das Unrecht, das wir damit tun, werden wir wieder gutzumachen suchen, sobald unser militärisches Ziel erreicht ist. Wer so bedroht ist wie wir und um sein Höchstes kämpft, der darf nur daran denken, wie er sich durchhaut.2

Es kam auch keinerlei Ironie auf wegen der Tatsache, dass die deutschen Truppen ja nicht in der Heimat kämpften, um diesen angeblich lange geplanten Überfall abzuwehren, sondern sich von jubelnden Massen auf den Bahnhöfen verabschiedet auf den Weg nach Frankreich machten, wobei sie die belgische Neutralität verletzten, weil eben Not »kein Gebot« kennt. Zudem hielten es nahezu alle militärischen Experten im In- und Ausland für erwiesen, dass Angriff immer die beste Verteidigung sei. Eine Offensive »im Feindesland« stand daher in keinerlei Widerspruch zum Aufruf, zur Verteidigung des Vaterlandes zusammenzustehen und »nach Paris« auszurücken.

Diese Überzeugung der Deutschen, in einem aufgezwungenen Verteidigungskrieg zu stehen, wurde durch das Eindringen der Russen in Ostpreußen erheblich gestärkt. Die Bilder und Berichte von der russischen Zerstörungsorgie, den Vergewaltigungen, der Massenflucht waren omnipräsent.3

Das Problem eines solchen Diskurses war aber, dass er im verlängerten Krieg sehr schwer aufrechterhalten werden konnte, da sich die deutsche Vaterlandsverteidigung überall in der Welt abspielte, nur nicht in Deutschland.4 Das war der wichtigste Unterschied zu Frankreich, wo die Abwehr des bereits eingedrungenen Boche trotz aller zeitweiligen Ermüdungserscheinungen der Bevölkerung entscheidender Faktor für die stets mögliche »Remobilisierung« sowohl der Zivilisten als auch der Soldaten blieb.5 Und Großbritanniens Kampf – ebenfalls nicht auf eigenem Territorium – wurde unter anderem getragen von einer sehr starken Solidarität der »zivilisierten« Nationen gegen die barbarischen Hunnenhorden, die sich angeblich nicht scheuten, Kindern die Hände abzuhacken, und aus reinem Übermut die Bibliothek von Löwen und die Kathedrale von Reims zu zerstören. Die Überzeugung der Franzosen wie der Briten – später auch der Amerikaner – einen Zivilisationskrieg gegen den schauerlichen preußischen Militarismus zu führen und auf jeden Fall durchstehen zu müssen, blieb für die Dauer des Krieges ungebrochen, weil sie von einer umfassenden, varianten- und bilderreichen Propaganda unterstützt wurde. Dem hatten die Deutschen nichts oder nur wenig entgegenzusetzen, der Unterschied etwa im Hunnen-Bild und der deutschen »Antwort«: »Sind wir die Barbaren?«, von Ende 1914 bedarf eigentlich keiner weiteren Erläuterung.6

»Le Thor le plus barbare«, (1915). Der »nordische« Gott Thor wird hier zum Symbol des alles zerstörenden barbarischen Deutschen.

»Sind wir die Barbaren?«: Deutsches Propagandaplakat von 1914 mit »Beweisen« für die Überlegenheit der deutschen Kultur gegenüber England und Frankreich.

Trotz aller Bemühungen um Verbesserung der Propaganda (etwa bei den zum Teil künstlerisch gelungenen deutschen Anleiheplakaten) blieb es aber während des gesamten Krieges bei dieser Disproportion.7 Dies hat sicherlich entscheidend dazu beigetragen, dass sich die Unzufriedenheit der deutschen Bevölkerung im verlängerten Krieg nicht so gut kompensieren ließ wie in Frankreich und England. Der Hauptgrund für diese Diskrepanz ist vielfach beschrieben worden und kann hier ganz knapp resümiert werden. Die Struktur des halbabsolutistischen Kaiserreichs war nicht geeignet für eine größere und politisch partizipierende Öffentlichkeit. Hier herrschte, genauso wie in Österreich-­Ungarn und Russland, bei Regierenden und Militärs nach wie vor die Meinung, dass im Kriege immer noch »Ruhe die erste Bürgerpflicht« sei, wie es der Gouverneur von Berlin nach der Niederlage von Jena und Auerstedt 1806 unter Hinweis auf diese »verlorene Bataille« plakatiert hatte und wie es in der Folgezeit immer wieder variiert wurde. Im Ersten Weltkrieg gab es aber für die Deutschen ganz prinzipiell keine verlorenen »Bataillen« mehr, so weit war die Informationspolitik bereits modernisiert. Doch es blieb bei dem Tenor, die Öffentlichkeit nicht über Gebühr aufzuregen. Eine stärker auf emanzipierte beziehungsweise demokratisierte Massen ausgerichtete moderne Pressebeeinflussung und Propaganda hat es in Deutschland während des gesamten Krieges kaum gegeben. Im Wesentlichen beschränkte man sich auf die militärische Zensur, die wegen der Eigenart der damit beauftragten Institutionen niemals zu einheitlichen und einsichtigen Formen gelangte. Denn die Zensur oblag den sogenannten »Stellvertretenden Generalkommandos«, also den für die Organisation, den Nachschub und den »Ersatz« der verschiedenen deutschen Armeen zuständigen militärischen Heimatbehörden. Deutschland war im Kriegsfall in nicht weniger als 24 verschiedene »Armeekorps-Bezirke« eingeteilt, und was in den einzelnen »Korps­bezirken«, wie es abkürzend hieß, veröffentlicht werden durfte, unterlag ausschließlich der Kontrolle und Einflussnahme des jeweils zuständigen »Generalkommandos.« Es ist also leicht vorstellbar, wie ungeordnet, widersprüchlich, »militaristisch« sich während des Krieges die Zensur- und Informationspolitik im kaiserlichen Deutschland vollzog.8

Unter diesen Umständen kann es auch nicht verwundern, dass Äußerungen von Politikern der Rechten, etwa in Bezug auf wünschenswerte Kriegsziele, sehr viel eher veröffentlicht werden konnten als beispielsweise Aufrufe, zu einem Verständigungsfrieden zu gelangen.

Deutschland verfügte also über kein geeignetes Instrumentarium, den im August 1914 so dramatisch und erfolgreich beschworenen »Burgfrieden« auch bei längerer Kriegsdauer aufrechterhalten zu können. Und so rückte der Krieg für die Bevölkerung in immer weitere Ferne und wurde schließlich nur noch als eine schreckliche Belastung wahrgenommen. Krieg war für die Deutschen nichts als Tod und Leid der fern der Heimat »auf dem Felde der Ehre« kämpfenden Väter, Söhne und Brüder. Für die »Daheimgebliebenen« bedeutete er nur immer stärkeren Hunger, ungerechte Verteilung der knappen Mittel, immense neue (Fabrik-) Arbeitsbelastung der Frauen und Mütter.9 Dafür konnten nur Kompensationen nach dem schließlichen Sieg angeboten werden, nicht aber »mobilisierende« Bilder und Worte, die die Evidenz des notwendigen dauernden Opfers für die »nationale Verteidigung« hätten glaubhaft machen können.

Der Ausruf von Gustav Stresemann im Hauptausschuss des Reichstags, am 27. Oktober 1916, trifft diese Gesamtsituation mit größter Präzision:

Die Auffassung, als ob man einen Weltkrieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit führen könnte, hat uns sehr geschadet.10

Zur ersten großen Bruchstelle in der Einigkeit der Nation wurde die Diskussion über die ökonomischen Ziele des Krieges. Denn sehr bald kamen Pläne zur imperialistischen Ausbeutung der eroberten und noch zu erobernden Länder auf, obwohl die Reichsregierung wohlweislich eine öffentliche Diskussion der Kriegsziele untersagt hatte.

Im Mai 1915 erklärte dann sogar der Reichskanzler Bethmann Hollweg, dass es selbstverständlich in diesem Weltkrieg nicht allein um die Verteidigung gegen den aktuellen Überfall der Entente gehen könne, sondern dass es ein wesentliches Kriegsziel Deutschlands sein müsse,

aus[zu]harren, bis wir uns alle nur möglichen Garantien und ­Sicherheiten dafür geschaffen und erkämpft haben, dass keiner unserer Feinde, nicht vereinzelt, nicht vereint, wieder einen Waffengang wagen wird.11

Diese Aussage öffnete imperialistischen Ambitionen Tür und Tor. Sie war zugleich eine besänftigende Antwort auf die eine Woche zuvor an den Reichskanzler gesandte Petition der sechs wichtigsten deutschen Wirtschaftsverbände, in welcher uferlose Kriegsziele in Ost und West gefordert wurden. Weitere Aufrufe und Petitionen von Interessenverbänden aller Art – aber auch von Universitätsprofessoren – wurden in Form von Broschüren veröffentlicht, da die Presse sie bis Ende 1916 nicht veröffentlichen und diskutieren durfte.12

Die Gegenbewegung bei den bürgerlichen Honoratioren blieb recht schwach. Der »Bund neues Vaterland« etwa hatte kaum öffentliche Resonanz, wofür auch schon die sehr willkürlich agierende Zensur sorgte.

Weitergehend und für den Burgfrieden zweifellos störend war, dass die gemeinsame Front der parlamentarischen Linken, der linken Mitte und des Zentrums bröckelte. Und noch folgenreicher wurde das Auseinanderbrechen der Sozialdemokratie über der Frage der Kriegsziele und der Kriegsbeendigung.13

2. Der Krieg rückt ferner

Die weite Entfernung des Krieges hatte zudem zur Konsequenz, dass sich die Deutschen immer weniger für ihn interessierten. Dieses Phänomen ist leider noch nie systematisch bearbeitet worden. Auch hier müssen einige Einzelaspekte genügen, um ein Gesamtsyndrom ins Blickfeld zu rücken.

a) Soldatenbrief-Sammlungen

Die wichtigste Möglichkeit zu erfahren, was an der Front geschah, und gleichzeitig die Verbindung zwischen Front und Heimat aufrechtzuerhalten, waren die Briefe der Soldaten aus dem Feld. Die Behörden trugen während der gesamten Kriegszeit Sorge, dass die Flut an »Feldpost« trotz widrigster Umstände relativ regelmäßig zugestellt wurde. Die soldatischen Briefe wurden nicht nur privat rezipiert, sondern häufig auch örtlich ausgehängt oder bei Veranstaltungen vorgelesen.14 Ergänzt wurden diese individuellen Kriegsbriefe sehr bald – schon im August 1914! – durch ihre Veröffentlichung in Form von Broschüren oder thematisch bzw. nach Kriegsschauplatz geordneten Sammelbänden. Diese Kriegsbrief-Sammlungen haben zweifellos einen großen Quellenwert für die Frage, was man in Deutschland von der Kriegswirklichkeit und besonders dem »Kriegserlebnis« der Soldaten in der Heimat wissen wollte und öffentlich erfahren konnte.15

Für die Jahre 1914–1918 liegen laut dem offiziellen »Deutschen Bücherverzeichnis« (DBV) 24 verschiedene »Sammlungen von Feldpostbriefen« vor. Hinzu kommt noch eine sehr viel größere Anzahl von »Sammlungen von Tagebüchern und Berichten von Kriegsteilnehmern«, deren Gesamtzahl 170 beträgt.

Diese damals von vornherein vorgenommene Unterscheidung zwischen speziellen Feldpostbrief-Sammlungen und anderen publizierten Ego-Dokumenten ist interessant und interpretationsbedürftig. Es sollte nicht unterschätzt werden, als wie gesellschaftlich »neu« das Briefeschreiben der einfachen Soldaten erscheinen musste. Soldatenbriefe hatte es auch schon in früheren Kriegen gegeben16, aber erst mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurden sie zu einem Massenphänomen. Die Alphabetisierung der Deutschen war inzwischen (fast) vollendet und viele Millionen Menschen hatten nun das Bedürfnis und zum ersten Mal die Gelegenheit, sich über den Krieg als Extremsituation brieflich auszutauschen. Wohl auch aus diesem Grund hatten die gesammelten »Frontberichte« von Anfang an einen ganz besonderen Status in der öffentlichen Wahrnehmung des Krieges.

Auffallend ist, dass die eigentlichen Feldpost-Sammlungen oft nur sehr schmal waren, etwa 20 bis 30 Seiten umfassten und auch als Periodika herausgeben wurden. Viele Sammlungen treffen ausdrücklich eine regional-landsmannschaftliche Briefauswahl, etwa die Feldpostbriefe und Schilderungen aus dem Völkerkriege 1914, mit Bevorzugung süd- und westdeutscher Regimenter17 oder Die Siebenbürger Sachsen im Weltkrieg (1916). Das politische, soziale und religiöse Spektrum der Briefsammlungen war groß: Schon 1915 gab es zwei Sammlungen von Feldpostbriefen jüdischer Soldaten.18 Hingegen erschien die dreibändige Sammlung der Briefe katholischer Soldaten von Georg Pfeilschifter erst 1918, von denen erstaunlicherweise auch eine Zusammenfassung in französischer Sprache publiziert wurde.19 Es gab auch eine kleine Sammlung von 16 Seiten über Unsere christliche Arbeiterjugend im Feld20, und 1915 erschienen zwei Bände von Wandervogel-Feldpostbriefen.

Die Briefe waren das wichtigste Bindeglied zwischen »Front und Heimat«. Zu dessen Intensivierung wurde unter anderem eine »Zentralstelle zur Sammlung von Feldpostbriefen« geschaffen, die Ende 1915 eine chronologisch orientierte und nach Kriegsschauplätzen sortierte Sammlung von 19 Heften Briefe aus dem Felde 1914/15 herausbrachte.21 In einer Erklärung, datiert auf November 1914, die dem ersten bis siebten Heft vorangestellt war, heißt es:

Kriegstagebücher und Feldpostbriefe waren für die Geschichtsschreibung des Krieges stets neben den offiziellen Dokumenten die ergiebigsten und unentbehrlichsten Quellen. In viel höherem Maße noch werden sie diese Rolle in dem Kriege spielen, den Deutschland heute gegen Feinde von allen Seiten zu führen gezwungen ist. Unendlich schwierig wird die Darstellung des ganzen Krieges sein, dessen einzelne Feldzüge ihre Schauplätze in den verschiedensten Ländern und Erdteilen haben, und der ungeheure Menschenmassen in vielen selbständigen Heereskörpern in Bewegung setzt. Die knappen und sachlichen Berichte des Generalstabs unterrichten wohl in großen Zügen über den Gang der Ereignisse, sie vermitteln die Resultate. Aber sie bilden gewissermaßen nur den Rahmen für das gewaltige Bild von Arbeit, Aufopferung und Heldenmut, das dieser Krieg darstellt; erst Berichte der einzelnen Kämpfer geben Farbe und Inhalt.22

So profitabel war offensichtlich das Geschäft mit Feldpostbrief-Sammlungen zu Beginn des Krieges, dass bereits ab Anfang 1915 eine schließlich zehnbändige Sammlung Der deutsche Krieg in Feldpostbriefen erscheinen konnte. In geradezu endloser und anonymisierter Form reiht sich hier Bericht an Bericht zu den verschiedenen Phasen des Krieges.

Das Interesse am »soldatischen Kriegserlebnis« scheint allerdings spätestens 1916 dramatisch nachgelassen zu haben – als frühes Beispiel des im Laufe des Krieges immer tiefer werdenden Risses zwischen »Front und Heimat«.23

So schnell wie sich die Kampforte änderten, so verblassten auch die vergangenen Heldentaten. Wen konnten angesichts von Verdun und der Somme im Jahre 1916 noch die Grenzschlachten des August‒­September 1914 interessieren? Für die Verlage wie für die Leser war mit der Herrschaft des Maschinen- und Abnutzungskrieges im Jahre 1916 der Elan der »Begeisterung« der ersten Phase des Krieges in weite Ferne gerückt.

Diese Abwendung von der Kriegserzählung wurde sicherlich auch durch die Zensurpraktiken gefördert. So untersagte das Stellvertretende Generalkommando des 13. Armeekorps (Stuttgart) 1915 die Beschreibung von Handgranaten, Minenwerfern, Flammenwerfern und auch die Schilderung allzu blutiger Details.24 Es versteht sich, dass die geschilderten Kriegserlebnisse durch solche Eingriffe zurechtgestutzt und deshalb auch unglaubwürdiger wurden.

Auch religiöse und ideologische Antagonismen wurden bald wieder ausschlaggebend für solche Publikationen. Bekannt geworden ist besonders die dreibändige Sammlung der Feldpostbriefe katholischer Soldaten von Pfeilschifter, die sich als ein Warnruf gegen das Verglimmen des »Burgfriedens« verstand. Auch der Antisemitismus zeigte ab Ende 1914 wieder seine durch den Krieg noch hässlichere Fratze, und von einer überkonfessionellen Christlichkeit konnte ebenfalls keine Rede sein. So wie die Frage diskutiert wurde, ob die Juden wirklich treue Deutsche seien oder nicht doch eher Kriegsgewinnler, so lebte erneut der alte Disput auf, ob den »ultramontanen« Katholiken wirklich zu trauen sei.25

Die wichtigste Sammlung von Kriegsbriefen, die auch als einzige in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus weiter publiziert worden ist, wurde von dem Freiburger Germanistikprofessor Philipp Witkop herausgebracht. Witkops Kriegsbriefe gefallener Studenten wurden erst nach Kriegsende relevant und erlebten in den Endzwanziger Jahren mit dem Wiederaufleben der Weltkriegserinnerung eine neue Karriere.26

b) Das Desinteresse an »Verdun«

Wie bei den Soldatenbriefen, so verlor die (lesende) Bevölkerung auch bald jegliche Begeisterung für die diversen Schlachten-Szenarien. Die so kriegsentscheidenden Ereignisse an der Marne im Oktober 1914 waren schon im Spätherbst 1914 »überholt«, auch wenn sie nach 1917 und der mit dem andauernden Krieg immer drängender werdenden Frage, was eigentlich 1914 den erwarteten schnellen Sieg verhindert hatte, wieder aktuell wurden.27 Die Schlacht von Verdun wiederum war anfänglich ein sehr stark medialisiertes Ereignis.28 Die Verleger überboten sich mit Schlachtenkarten und fantasiegenährten Berichten und Bildern. Letztere wurden gänzlich von den internationalen Presseagenturen übernommen, da keine eigenen Berichterstatter vor Ort waren beziehungsweise nahe genug an die Kampfszenen herankommen konnten oder durften. Die deutschen militärischen Zensurbehörden beschnitten realistische Schlachtenszenen auch so weit wie irgend möglich, dazu mehr etwas weiter unten. So blieb es dabei, dass die Einnahme des Fort Douaumont am 25. Februar, die im Grunde ganz ungeplant war und vollständig kampflos vonstattenging, propagandistisch ausgebeutet wurde. Douaumont wurde auch in dem Maße, wie der Sieg vor Verdun auf sich warten ließ und die Opferzahlen auf deutscher Seite dramatisch zunahmen, zu einer Art Ersatz-Sieg verklärt, was ein umso schnelleres Vergessen der tatsächlichen Ereignisse bis hin zum deutschen Rückzug im Spätherbst des Jahres möglich machen konnte. Demgemäß findet sich auch in den folgenden Jahren bis zum Ende des Krieges praktisch keine Verdun-Literatur mehr. Das vom Generalstab bestellte Stück des Schriftstellers Fritz von Unruh war zu realistisch in der Beschreibung der Erschöpfung und Wut der Soldaten und wurde deshalb zurückgezogen. Nach dem Kriege konnte es dann unter dem Titel »Opfergang« als Fanal der literarischen Abrechnung mit dem Krieg erscheinen.29

Die militärischen Zensurbehörden waren ganz offensichtlich nicht gewillt, den Deutschen einen auch nur minimal realistischen Blick auf die Kriegsereignisse im immer totaler werdenden Krieg zu gewähren. Auch in den bereits erwähnten Kriegsbrief-Sammlungen kommt die erbitterte und so verlustreiche Schlacht von Verdun nicht vor. Die siebenbändige Sammlung »Der deutsche Krieg in Feldpostbriefen«, in der man so viel über die – freilich immer erfolgreichen – Schlachten von 1914 erfahren konnte, enthielt auch einen Band über »Verdun«, der allerdings schon 1915 erschien, lange bevor die eigentliche menschenfressende Schlacht überhaupt begonnen hatte. Auf eine »Fortsetzung« oder Aktualisierung wurde 1916 verzichtet, hatten doch die Verlage zu spüren bekommen, dass Erzählungen vom erlebten Krieg begannen, das inzwischen an systematische Desinformation gewöhnte Publikum zu langweilen.

Diese Mischung von Desinteresse und bewusster Desinformation zeigt sich auch in dem einzigen Film, der in Kriegszeiten über die Verdun-Schlacht gedreht und vorgeführt wurde. Der Film hatte den vielversprechenden Titel »Mit der Armee des Kronprinzen vor Verdun«. Von der Schlacht war indessen nichts zu sehen, man machte sich nicht einmal die Mühe, Kämpfe im Studio nachzuspielen. Der Film zeigt nur zerstörte Dörfer sowie die Fabriken von Longwy, wo, wie stolz zwischengetitelt wird, siebenhundert Arbeiter Kriegsmaterial für die deutschen Truppen herstellten. Man sieht das Wrack eines alliierten Flugzeuges sowie das Schloss von Longwy, das zu einem sehr ordentlichen Lazarett umgewandelt worden ist. Es wird also alles Mögliche ­visualisiert, nicht aber ein einziges Bild des zerschossenen Geländes oder gar der rudimentären Trichter und Gräben, in denen sich die Soldaten notdürftig versteckten. Selbstverständlich sind auch keine Verwundeten oder Leichen zu sehen.30

c) Kriegsausstellungen und Kriegstheater

Während der Jahre 1914 bis 1918 wurden überall in Deutschland »Kriegsausstellungen« gezeigt, die aus der allen Kriegen gemeinsamen Tradition der Präsentation von Siegestrophäen erwuchsen, aber bald weit darüber hinausgingen.31 Neben dieser Aufgabe hatten diese Ausstellungen sehr bald das Ziel, die Bevölkerung »angemessen« über das Geschehen auf den Schlachtfeldern zu unterrichten. Doch wurden neben den weidlich dokumentierten Schlachtenerfolgen auch beruhigende Elemente eingestreut, beispielsweise Präsentationen von Arm- oder Beinprothesen, häufig bestückt mit Werkzeugen und Bildern von Kriegsversehrten, die mithilfe dieser Prothesen wieder einer produktiven Tätigkeit nachgehen konnten. So ließ sich ja auch ein Hammer oder eine Sichel direkt an die Armprothese anschrauben. Was uns heute als abschreckend beziehungsweise schrecklich erscheint, war damals in der Tat als Begütigung gedacht und wurde wohl auch als solche empfunden, wie die Vielzahl an Werbebotschaften über die Herstellung und Nutzung von Prothesen vermuten lässt.32

Besonders interessant an diesen Ausstellungen sind die in einer Reihe von Städten aufgebauten »Schützengräben«. Es sind noch Fotos erhalten, auf denen zu sehen ist, wie sich pelzbekleidete Damen und die dazugehörigen Herren in einen solchen mindestens schulterhohen Graben begeben und von einem Militär in die Realität des Schlachtfeldes eingewiesen werden. Natürlich sind die Schützengräben perfekt ausgebaut, mit Faschinen versehen und mit sauberen Laufgittern auf dem Boden, man sollte sich ja nicht etwa die Schuhe beschmutzen. Wie die dabei gegebenen Erklärungen zeigen, sollte dem Publikum augenfällig bewiesen werden, dass es den deutschen Soldaten »im Feindesland« ausgesprochen gut gehe, wo sie doch in solch sauberen Gräben bestens geschützt waren.

Als eine Art Höhepunkt dieser systematischen Desinformation erscheint eine Berliner Ausstellung über die Festungsanlagen im Kriegsgebiet, die im August 1916, während der so blutigen ersten Phase der Somme-Schlacht, angelegt wurde. Die dort gezeigten Festungen waren keineswegs auf aktuellem Stand, man begnügte sich mit einem Blick auf die Bauweise der Festungsanlagen des 19. Jahrhunderts. Von Zerstörungen wie am Fort Douaumont, von dem durch Beschuss verursachten Einbrechen von Decken und Wänden, war dort nichts zu sehen. Wichtig war den Ausstellungs-Organisatoren allein die Feststellung, dass die französischen Forts keineswegs der Verteidigung, sondern als Ausgangspunkt für Angriffe gegen deutsche Truppen dienten. Irgendwelche Hinweise auf den gerade erfolgten und enorm verlustreichen Angriff auf die Festung Vaux und viele andere fehlten hier vollständig, obwohl es zu diesem Zeitpunkt längst gut zugängliche Foto­reportagen gab, die den Kampf um die Festungen und das Ausharren der Soldaten unter den widrigsten Umständen in Szene setzten – allerdings von französischer Seite.

Die offensichtliche Realitätsverweigerung in der deutschen Berichterstattung über den Krieg findet sich auch im Theater, damals noch ein zentraler Ort des kulturellen Lernens und der individuellen Entspannung auch nicht-bürgerlicher Schichten. Wie Martin Baumeister in einer Studie zum »Kriegstheater« gezeigt hat, wurden anfangs Kriegsereignisse ausgesprochen häufig und sehr publikumswirksam inszeniert.33 Typisch für die Besonderheiten des autoritären deutschen Staates – in Kriegszeiten gänzlich von den militärischen Behörden geführt – war, dass auch im Theater schon mit Beginn des Krieges die Zensur wütete. Dabei ging es aber nicht etwa nur um der aktuellen Situation nicht angemessenen Jux oder Erotismus, sondern auch um die Vermeidung von Hass auf den Kriegsgegner (!). So wurde unter anderem verfügt, dass sich die Aufführungen jeglichen übermäßigen Chauvinismus oder auch der Prahlerei und Herabsetzung der Tapferkeit des Gegners zu enthalten hätten.34

Theater sollte also nicht der Propaganda für den Krieg dienen. Doch die in den Volkstheatern zu beobachtende Aufweichung des soldatischen Gehorsams, der Spott über Offiziersgehabe und Kasernenhofton, verfielen der Zensur, weil insgesamt auch hier »Ruhe die erste Bürgerpflicht« war.

Wichtiger noch als solche Verwerfungen erscheint der Befund, dass ab 1915/16 durchgehend ein Rückzug des Krieges aus den Programmen der deutschen Theater festzustellen ist. Allein die Innenpolitik und die krassen sozialen Bruchstellen blieben erhalten. Die neue Rolle der Frau, die Anspannung zwischen exzessiver Hausarbeit und hinzukommender kräfteraubender Fabrikarbeit wurden genauso thematisiert wie die Autoritätsprobleme mit den Kindern angesichts der fehlenden Väter. Diese populäre Kriegskritik war besonders deutlich in dem Erfolgsstück »Berlin im Krieg«, welches so bekannt wurde, dass es sogar das Missfallen der Obersten Heeresleitung erregte. Aber auch gehobeneres Theater vermied nahezu systematisch ein Eingehen auf die Wirklichkeit des totalisierten Maschinenkrieges. Baumeister gibt hierfür ein sehr »sprechendes« Beispiel: In Berlin gab es seit Beginn des Jahres 1916 eine neue Konjunktur des unterhaltenden Musiktheaters. Das im Februar 1916 uraufgeführte Lustspiel »Dreimädelhaus« hatte bis zum Sommer 1918 mit mehr als neunhundert Aufführungen einen sensationellen Erfolg.

Das waren keine Einzelfälle, sondern nur die Spitze einer Bewegung der deutschen Öffentlichkeit »weg vom Krieg«, angesichts der Gewöhnung an die stereotypen Nachrichten von den Fronten des fernen Krieges und der übergroßen eigenen Belastungen. Walther von Hollander, ein renommierter Literaturkritiker, schrieb 1916:

Die Gewohnheit stumpft gegen das Schauspiel ab. Vor allem aber ist es, dass der Krieg der Akteure und ihres Anhangs immer größer wird und dass sich der Kreis unbeteiligter Zuschauer erheblich verringert. […] Es ist nichts Besonderes mehr, in den Krieg zu gehen. Es begleiten nicht mehr Blumen und Zuruf den Scheidenden, es ist kaum mehr ein Achselzucken, wenn jemand fällt. Die Staffage versinkt, es ist gewöhnlichster Alltag, was drinnen und draußen gelitten wird.35

Ganz genauso so verhielt es sich mit dem Kino. Im Stummfilm der Weltkriegszeit war der Krieg zumeist ein Ereignis, das die Trennung von Heimat und Front thematisierte. Sehr viel zahlreicher als eine Schilderung der Schlachten waren Filme, die zwar Erfahrungen der Knappheit und der Trauer thematisierten, aber keinen direkten Bezug auf den Krieg nahmen. Oder es wurde die neue »öffentliche« Rolle der Frauen, etwa als Schaffnerinnen, thematisiert. Sehr häufig in burlesken Formen, wenn etwa die Frauen in ihren neuen Männerkleidern beziehungsweise Uniformen in allerlei verzwickte Situationen gerieten – vom Krieg war auch hier kaum die Rede.36

d) »Bei unseren Helden an der Somme«

Die verantwortlichen Militärs – nicht die politische Führung – erkannten schließlich, dass sie dieser wachsenden Entfremdung der Heimat vom Krieg irgendwie begegnen mussten, damit der für den industrialisierten Maschinenkrieg zwingend notwendige Nexus zwischen Heimat und Front nicht endgültig verloren ging. Im Rahmen des ab dem Herbst 1916 lancierten »Hindenburg-Programms«, der totalen wirtschaftlichen und technischen Mobilisierung für den Krieg, wurden auch Institutionen beziehungsweise Organisationen geschaffen, die sich der Stärkung der Moral sowohl im Feldheer als auch in der Heimat widmeten. Für die Truppe wurde der »vaterländische Unterricht« erfunden und kodifiziert. In den Ruhestellungen und insbesondere in der Etappe sollten die Soldaten in gewisser Weise neu lernen, warum und wofür sie kämpften und so schreckliche Verluste erlitten. Zur Remobilisierung der moralisch erschlafften »Heimatfront« hingegen wurde das »Bild- und Filmamt« (BUFA) geschaffen, dessen Aufgabe es war, mittels Fotos und einigen wenigen Filmen der Bevölkerung ein neues und mitreißendes Bild des deutschen Verteidigungskrieges in der ganzen Welt zu vermitteln. Das war sicherlich eine schwierige Aufgabe, der man sich aber in keiner Weise sachgerecht widmete. Das allererste und bis heute wichtigste Produkt der BUFA (aus der nach dem Krieg die UFA wurde) war der Film »Bei unseren Helden an der Somme«, der im Januar 1917 herauskam und auch stark beworben wurde.37

»Bei unseren Helden an der Somme«: Werbeplakat für den Kriegsfilm von 1916, der den Verteidigungscharakter des Krieges an der Somme beweisen will.

Der Film war in drei Teile gegliedert. Zunächst wurde eine Fülle von Bildern mit viel Zwischentext aus dem Etappenleben hinter der Front gezeigt, dann zwei vorgebliche Vorstöße beziehungsweise die Abwehr von feindlichen Vorstößen, wiederum mit viel Bildtext »angereichert«. Die Kampfszenen waren indessen dermaßen laienhaft inszeniert, dass sich schon zeitgenössische Kritiker indigniert zeigten, zumal das Publikum, anstatt gespannt zu sein, nicht selten in Lachen ausbrach, wie eine Filmkritik bitter anmerkte. Nichts, aber auch gar nichts kann in diesen angeblich zum Gefecht vorstürmenden Soldaten inmitten von schlecht platzierten Platzpatronen die wirklichen Fronterfahrungen der Soldaten erkennen lassen. Ganz offensichtlich hatte man auch genau das vermeiden wollen. Es gibt hier keine Verwundeten, keine Toten, keine zerhauenen Stellungen und Gräben. Auf Nahaufnahmen wurde weitestgehend verzichtet. Wie ein Zwischentitel sagt, wollte dieser Film vor allem militärische Stärke und Präsenz »verbildlichen«. Eine flott marschierende Truppe wird ironisch kommentiert mit »Die Reserven des erschöpften Deutschland«. Dass diese Soldaten zum Teil noch Pickelhauben tragen und deshalb wohl aus älteren Filmen übernommen wurden, störte nicht einmal mehr, so offensichtlich nur propagandistisch waren die Szenen. Allein die Tatsache, dass hier fröhlich winkende Soldaten »auf dem Weg zur Front« mit Lastwagen transportiert wurden, zeigte die Aktualität und Modernität. Ähnliches gilt für den das Etappenleben abbildenden Teil des Films. Alles ist sehr friedlich, zwischen den deutschen Soldaten und den Einheimischen herrscht eine überaus freundliche Stimmung, alle bekommen genug zu essen und die Soldaten helfen auch bei der Ernte. Wenn zerstörte Gebäude, insbesondere Kirchen, gezeigt werden, so wird dies stets mit dem Hinweis kommentiert, dass diese Zerstörungen durch die Truppen der Alliierten und nicht etwa durch die Deutschen zustande gekommen seien. So wurde ein Bild der zerstörten Kirche von Péronne gezeigt mit der Untertitelung: »Die Reste der großen Kathedrale von Péronne. Das willkommene Ziel französischer und englischer Granaten, von denen aber die Zeitungen der Entente, die sich über das Feuer der armierten Plattformen der Kathedrale von Reims entrüsteten, nichts sagen.«

Dass die Feinde ihre Städte und Dörfer selber zerstörten, wurde in zahllosen illustrierten Berichten von der Front immer wieder betont. Diese Anschuldigung blieb im Übrigen einer der wichtigsten Topoi der deutschen Propaganda. Noch bei den Versailler Friedensverhandlungen war ein Hauptargument der Deutschen, dass man in keinem Fall für die von den Alliierten selber angerichteten Schäden zahlen wolle.38

Diese Auffassung wurde von den Alliierten brüsk zurückgewiesen, da man ja schließlich die deutschen Eindringlinge wieder aus Frankreich habe vertreiben müssen. Das war sicherlich zutreffend. Allerdings muss leider heute noch darauf hingewiesen werden, dass nicht allein die Deutschen Nordfrankreich in Ruinen gelegt haben, da in Frankreich und Großbritannien auch hundert Jahre später alle konkreten Zerstörungen vielfach allein den deutschen Besetzern zugerechnet werden. Tatsächlich führte der seit 1914 anhaltende Beschuss aus Ferngeschützen der Alliierten zu starken Verwüstungen in den von den Deutschen besetzten Städten. Beispielsweise wurde die Zerstörung des schönen und historisch bedeutenden Rathauses von Péronne an der Somme noch im Larousse de la Grande Guerre von 2014 den Deutschen zugeschrieben. In Wirklichkeit aber wurde die Stadt schon seit März 1915 von französischer Artillerie beschossen und das Rathaus im Juni 1916 von dieser in eine Ruine verwandelt. Auf ihrem Rückzug von dort haben dann die Deutschen ab Februar 1917 schließlich das gesamte Gebiet so zerstört, dass buchstäblich kein Stein auf dem anderen blieb.39

Als Ende 1916 »Bei unseren Helden an der Somme« gedreht wurde, war dies der aktuelle Zustand und keine Propagandalüge. Doch nur drei Monate später haben die Deutschen mit der »Alberich«-Aktion nicht nur Péronne und Umgebung, sondern einen zwanzig Kilometer breiten Frontstreifen dermaßen systematisch zerstört, dass eben bis heute nur diese totale Zerstörung durch die Deutschen im Bewusstsein geblieben ist.40

Wie Rainer Rother gezeigt hat41, war der Publikumserfolg dieses Filmes eher beschränkt. Der Film war auch mit nur 33 Minuten Länge zu kurz, um in Einzelvorführungen gezeigt zu werden, so lief er nur im Beiprogramm großer Spielfilme und wurde wohl schon einen Monat nach der Uraufführung wieder abgesetzt.

»Bei unseren Helden an der Somme« war der Versuch einer deutschen Antwort auf den 1916 in England und anderen Ländern gezeigten Film »The Battle of the Somme«. Dieser Film gilt als einer der großen Momente der Filmgeschichte und hält auch heute, hundert Jahre später, den Zuschauer in Atem. Nicht von ungefähr werden die allermeisten Dokumentarszenen heutiger Weltkrieg-I-Filme immer wieder allein aus diesem Film übernommen. Das liegt daran, dass »The Battle of the Somme« mit Ausnahme weniger »Fake«-Szenen tatsächlich »live« während der ab Juli 1916 tobenden Schlacht gedreht wurde. Nicht alle Schrecklichkeiten werden gezeigt. Wichtiger ist, dass der Zuschauer hier den Krieg aus nächster Nähe erlebt. Selbstverständlich wird der Blick gerne auf gefallene, verwundete und gefangene »Hunnen« gelenkt. Aber man geizt nicht mit Aufnahmen, die das Leid, die Verwundung, die absolute Erschöpfung und den Tod auch der britischen Soldaten sehr eindringlich zeigen. Letztlich ist dieser Film, obgleich er der Propaganda dienen sollte, von einer immer wieder durchscheinenden Menschlichkeit geprägt, vom Mitleid mit denjenigen, die sich dort opfern. Er ist eine Hymne auf das stille Heldentum des einfachen Soldaten.

Ähnliche Tiefe ist dem deutschen Somme-Film vollkommen fremd. Hier werden der Heimat mit moralisierendem Tonfall beziehungsweise Begleittext erzählt, aber nicht gezeigt, was die Soldaten an der Front für die Heimat leisten, damit diese »in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen« kann, wie es einmal heißt. Das war wohl auch das einzige, was dieser Film zur Festigung der Heimatfront leisten konnte, nämlich die Überzeugung der Deutschen zu bekräftigen, dass man tatsächlich weit weg von der Heimat einen Verteidigungskrieg führte und dass die Gegner selber an der radikalen Zerstörung der Städte und Dörfer in nicht weniger als 13 französischen Departements schuld seien. Mobilisierend konnte dieser Film keinesfalls wirken, nur die ohnehin herrschende Beruhigungspolitik der deutschen Behörden und Militärs weiter zementieren.