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In 'Altamerikanische Kulturbilder' erschließt Paul Schellhas die facettenreiche Welt der präkolumbianischen Kulturen Amerikas. Mit einem analytischen und zugleich erzählerischen Ansatz vermittelt der Autor umfassende Einblicke in die religiösen, gesellschaftlichen und künstlerischen Praktiken der indigenen Völker. Besonders herausragend ist der literarische Stil, der durch prägnante Beschreibungen und differenzierte Analysen besticht und es dem Leser ermöglicht, die Komplexität dieser Kulturen zu begreifen. Schellhas kontextualisiert seine Betrachtungen in der Rahmen der damaligen historischen Entwicklungen und stellt Verbindungen zwischen den Kulturen und ihrer geografischen Verbreitung her. Paul Schellhas, als angesehener Ethnologe und Kulturhistoriker, hat sich intensiv mit den altamerikanischen Zivilisationen beschäftigt. Seine Forschungsreisen und dokumentarischen Arbeiten in verschiedenen Regionen Mittel- und Südamerikas haben ihn dazu inspiriert, die kulturellen Ausdrucksformen dieser Völker aufzuarbeiten. Die wissenschaftliche Herangehensweise, gepaart mit einem tiefen Respekt für die Kultur, spiegelt sich in jeder Seite seines Werkes wider und zeugt von seinem Bestreben, ein Brückenbauer zwischen den Welten zu sein. Leser, die ein tieferes Verständnis für die Komplexität und Schönheit altamerikanischer Kulturen suchen, finden in 'Altamerikanische Kulturbilder' ein unverzichtbares Werk. Dieses Buch ist sowohl für Fachleute als auch für interessierte Laien geeignet und lädt dazu ein, die kulturellen Erbschaften indigener Völker neu zu entdecken. Schellhas gelingt es, die Leser auf eine faszinierende Reise durch Zeiten und Räumen zu führen, die sie so schnell nicht vergessen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Wenn sich gegenwärtig, eben in den Tagen, da der kühne Genuese zum ersten Male seinen Fuß auf den Boden der Insel Guanahani setzte, die Gedanken des alten Europa mehr als sonst mit der Neuen Welt beschäftigen, so hat das seinen guten Grund. Denn ein solcher Augenblick bietet einen ganz besonderen Anlaß, der eigenartigen Entwicklung zu gedenken, welche die amerikanischen Verhältnisse seit der Einwanderung der Europäer genommen haben, und unzweifelhaft gewährt es ein hohes kulturgeschichtliches Interesse, dem Gange dieser Entwicklung zu folgen. Merkwürdiger aber und reizvoller noch ist für den Forscher diejenige Entwicklung, welche die einheimische Kultur Amerikas vor seiner Entdeckung durch Kolumbus genommen hat, diejenige geistige und materielle Arbeit, die der amerikanische Mensch in seiner Absonderung aus eigenen Mitteln und mit seinen eigenen Kräften geleistet hat. Und auch die Leser der „Gartenlaube“ werden gerne einmal einen Blick werfen in jene fernen Zeiten vor der Ankunft des weißen Mannes, als noch untergegangene und verschollene Völker, deren Namen vielleicht nicht einmal erhalten sind, sich mühten, in friedlicher Arbeit „den Menschen zum Menschen zu gesellen“.
Von den neueren Forschungen auf diesem Gebiet ist in weiteren Kreisen wenig bekannt. Sie sind zu entlegen und fremdartig. Man meint, so fernliegende Dinge wie die Vorzeit Amerikas könnten für die Allgemeinheit nichts Anziehendes haben, weil zwischen ihnen und unserer Gegenwart gar keine Verbindungen bestehen und gar keine gemeinsamen Gesichtspunkte erkennbar seien. Und doch liegt eben gerade darin das allgemein und menschlich Bedeutsame der altamerikanischen Zustände! Denn sämmtliche Kulturgebiete der alten Erdtheile (Australien besitzt Spuren alter Kultur von einiger Bedeutung überhaupt nicht) stehen in näherer oder fernerer Beziehung zu einander, entweder unmittelbar oder durch Zwischenglieder; nur Amerika stand allein. Die ganze Alte Welt umschlingt ein gemeinsames Band, die wechselseitigen Einflüsse sind zum größten Theile geschichtlich bekannt; ganz anders ist es mit dem alten Amerika. Zur Zeit der Entdeckung der Neuen Welt hat in Centralamerika, in Mexiko[,] Yucatan, Guatemala etc., eine hohe Civilisation bestanden, die eine viele Jahrhunderte lange Entwicklung voraussetzt. Und diese Kultur ist entsprossen, diese Entwicklung ist vor sich gegangen auf einem Gebiet, das, so viel wir wissen, von allen uns bekannten Einflüssen abgeschlossen war. Wenn wir uns denken, es würde heute am Nordpol ein Erdtheil mit gemäßigtem Klima entdeckt und man fände dort Völker mit einer hohen Gesittung, so wäre das gewiß ein Gegenstand von größter allgemein menschlicher Bedeutung. Und eine ähnliche Bedeutung besitzt das alte Amerika. Es gestattet uns, Beobachtungen zu machen zu der hochwichtigen Frage: welche Errungenschaften der Gesittung sind ein gemeinsames Erbtheil der Menschheit? Kommt der Menschengeist auch unabhängig von den uns bekannten Einflüssen und unter ganz eigenartigen Bedingungen zu denselben oder ähnlichen Ergebnissen wie anderswo? –
Als die Spanier nach Mittelamerika kamen, fanden sie dort Völker, die wohlgeordnete Staaten bildeten, von Königen regiert wurden, in großen Städten mit gewaltigen Tempel- und Palastgebäuden wohnten, eine kunstvolle Zeitrechnung, eine gute Kenntniß der Astronomie, eine hoch entwickelte Technik und eine einheimische, nationale Kunst besaßen. Einer der mächtigsten dieser Staaten, das Reich des Aztekenkaisers Montezuma, ist aus der Geschichte der Eroberung durch Cortez bekannt. Aber noch weiter nach dem schmalen Centralamerika zu, südlich und östlich von Mexiko, hat die amerikanische Kultur ihre höchste Blüthe entwickelt, und von dort scheint sie auch ihren Ausgang genommen zu haben. Es sind dies die Halbinsel Yucatan und die Gegenden, die südlich und südwestlich daran angrenzen, Theile des heutigen Mexiko und von Guatemala. In diesen Ländern sitzen Völker des Mayastammes, der, obgleich heute wie alle eingeborenen Völker Amerikas durch die jahrhundertelange Unterdrückung und Mißhandlung verkommen und entartet, einstmals geistig besonders begabt und der Träger der alten Gesittung gewesen ist, ein amerikanisches Seitenstück zu den entarteten Nachkommen der Urbevölkerung des heutigen Aegypten.
Aus dem Leben dieser Völker sei hier einiges geschildert, was die neueste Forschung enthüllt hat. Denn die Kenntniß des alten Amerika hat fast vierhundert Jahre geschlafen, alles, was damit zusammenhing, galt höchstens als eine Kuriosität. Erst seit wenigen Jahrzehnten, seitdem wir eine wissenschaftliche Völkerkunde haben und seitdem die Kulturgeschichte ihren Gesichtskreis erweitert hat, fängt man an, auch diesen fernen Gebieten die verdiente Aufmerksamkeit zu widmen, und wo es hier gelungen ist, den dunklen Schleier ein wenig zu lüften, da sind das alles die Ergebnisse neuerer und neuester Forschungen und Entdeckungen.
