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Sie möchten alles über historische Stauden wissen und überlegen, selbst alte Stauden in Ihrem Garten zu kultivieren? Dann ist das Ihr Buch! Der bekannte Staudenexperte Dieter Gaißmayer und der erfolgreiche Gartenjournalist Frank M. von Berger teilen in diesem Standardwerk ihre jahrzehntelange Erfahrung. In einem umfangreichen Porträtteil stellen sie zahlreiche historische Stauden vor und geben Ihnen wertvolle Tipps rund um Kauf und richtige Pflege. Erfahren Sie alles über die Geschichte der Staudenzüchtung, historische Wildstauden und die Kulturgeschichte der Stauden. Lassen Sie sich begeistern, entdecken Sie Ihren persönlichen alten Staudenschatz und helfen Sie mit, diesen zu erhalten.
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Seitenzahl: 442
Veröffentlichungsjahr: 2018
Dieter Gaißmayer Frank M. von Berger
Bewährte Arten und Sorten wiederentdecken und verwenden
Unter Gartenfreunden finden historische Arten und Sorten bei Rosen, aber auch bei Obst und Gemüse, bereits seit vielen Jahren großes Interesse. Diese wertvollen, alten Zier- und Nutzpflanzen werden heutzutage wieder immer öfter kultiviert, vermehrt und dadurch erhalten. Historische Stauden hingegen sind bislang noch kaum ein Thema. Doch auch diese Pflanzengruppe birgt ein enormes Potenzial äußerst wertvoller historischer Gartenschätze. Bekannte Klassiker sind die Großblütige Ballonblume (Platycodon grandiflorus) ‘Mariesii’ oder die Chinesische Pfingstrosensorte (Paeonia lactiflora) ‘Sarah Bernhardt’. Zu den historischen Stauden gehören aber auch kaum verbreitete Gartenjuwelen. So etwa der gefüllt blühende Eisenhutblättrige Hahnenfuß (Ranunculus aconitifolius ‘Pleniflorus’). Dies ist eine Sorte, die bereits im 16. Jahrhundert bekannt war. Oder die aromatisch duftende Polei-Minze (Mentha pulegium), die schon Karl der Große zum Anbau empfohlen hatte.
Das Streben nach Neuem ist allgegenwärtig und auch notwendig, damit sich die Zivilisation weiterentwickelt. Doch nicht alles, was neu ist, muss in jedem Fall auch besser sein als das Alte. Alljährlich wird eine Flut an Pflanzenneuheiten in den Markt eingeführt. Bei Weitem nicht alle dieser Neueinführungen können einer kritischen Begutachtung – wie etwa in den Freilandquartieren der Staudengärtnerei Gaißmayer im Oberschwäbischen – standhalten. Neuzüchtungen sind gut für Überraschungen, sowohl für positive als auch für negative. Experimentierfreudigen Pflanzenliebhabern eröffnet sich hier ein wahrlich spannendes Feld. In der Praxis kann es aber durchaus lohnend sein, auf Erprobtes für den eigenen Garten zu setzen. Was sich seit hundert Jahren oder länger bewährt hat, bürgt für Beständigkeit und Qualität – bei nicht minder ästhetischem Reiz.
Wir haben uns beim Studium der historischen Stauden in alte Bücher und Zeitschriften sowie moderne Publikationen zu diesem Thema vertieft. Überrascht und fasziniert waren wir davon, mit welcher Begeisterung und profunder Kenntnis die Gärtner damals wie heute von ihren Pflanzenschätzen berichtet haben und berichten. Zeitgenössische Botaniker und Pflanzenfreunde entwickelten zudem einen Spürsinn dafür, historische Staudensorten ausfindig zu machen. Angesichts der Fülle von Arten und Sorten mussten wir für dieses Buch eine Auswahl treffen, die uns nicht immer leicht gefallen ist. Sie soll jedoch keinesfalls eine Wertung darstellen. Es gibt noch unzählige wunderschöne historische Stauden, die auf eine Wiederentdeckung und eine verdiente Würdigung ihrer Qualitäten warten.
Wir haben uns in diesem Buch ganz bewusst auf solche Arten und Sorten konzentriert, die fast alle noch im Handel erhältlich sind. Somit haben Sie die Möglichkeit, selbst mit historischen Stauden zu gärtnern und dadurch einen kleinen Beitrag zum Erhalt dieser bewährten Gartenschätze zu leisten. Denn nur, wenn historische Stauden gepflanzt, gepflegt und weiter vermehrt werden, können nicht nur wir uns an ihnen erfreuen, sondern auch künftige Gärtnergenerationen. Bedauerlicherweise sind viele alte Kultursorten unwiederbringlich verloren gegangen. Dennoch ist das Potenzial des Vorhandenen nicht unerheblich. Mit diesem Buch möchten wir möglichst viele Pflanzenbegeisterte und Gartenfreunde dazu motivieren, nach weiteren, heute noch verborgenen Gartenschätzen Ausschau zu halten. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Durchblättern dieser Seiten und viel Erfolg mit der Kultur historischer Stauden!
Dieter Gaißmayer und Frank M. von Berger
In diesem Buch geht es um die Geschichte der Gartenpflanzen, insbesondere um die der Stauden. Viele davon sind einheimisch,andere kamen aus fremden Gefilden zu uns, wie etwa Pfingstrosen, Schwertlilien oder Stauden-Phlox. Für alle Pflanzenfreunde ist es gewiss spannend, mehr über die Geschichte dieser Arten und Sorten zu erfahren.
Historische Gartenpflanzen sind Gewächse, die irgendwann vor langer Zeit von Menschen in Kultur genommen wurden, weil sie besondere Qualitäten hatten – Blüten, Früchte oder andere Besonderheiten, die uns nützlich waren oder die wir attraktiv fanden. Zu diesen Pflanzen zählen Bäume, Sträucher und einjährige Arten, aber auch viele Stauden. Als Stauden bezeichnet man mehrjährige Gewächse, die im gemäßigten mitteleuropäischen Klima überdauern. Im Frühjahr treiben sie aus ihren in der Erde ruhenden Überwinterungsorganen wieder aus – das können Wurzeln, Knollen, Rhizome oder Zwiebeln sein. Stauden sind meist krautig, also mit weichen, seltener verholzenden Trieben. Als „historisch“ bezeichnet man in der Regel Staudenarten und -sorten, die seit mehr als hundert Jahren in unveränderter Form kultiviert werden. Viele davon finden sich noch in alten Gärten, werden über Generationen weitergereicht und blühen im Verborgenen. Andere sind altbewährte und inzwischen international berühmte Klassiker, etwa die Japanische Herbst-Anemone ‘Honorine Jobert’. Viele historische Staudenschätze werden auch heutzutage noch von Staudengärtnereien vermehrt und von Liebhabern des Besonderen und Bewährten gern gepflanzt und bewundert.
Blumenstudie einer Akelei (Aquilegia vulgaris) von Albrecht Dürer. Aquarell auf Pergament, 1526.
Halbsträucher und Zweijährige
Den Stauden beigeordnet und von Staudengärtnereien oft ebenfalls kultiviert werden Halbsträucher und Zweijährige. Bei Halbsträuchern, auch Chamaephyten genannt, handelt es sich um ausdauernde Pflanzen, deren Zweige in der aktuellen Vegetationsperiode nicht verholzen. Der Neuaustrieb bei Beginn der nächsten Vegetationsperiode erfolgt aus den verholzten Pflanzenteilen. Blüten und Früchte werden meist an einjährigen Trieben gebildet. Typische Vertreter der Halbsträucher sind Echter Salbei (Salvia officinalis) und Heiligenkraut (Santolina chamaecyparissus). Ebenso zu den Stauden zählt man in der Regel Zweijährige, auch bienne oder winterannuelle Pflanzen genannt. Zweijährig bedeutet in diesem Fall, dass der Lebenszyklus dieser Pflanzen von der Keimung über die Blüte bis hin zur Samenbildung zwei Jahre – oder besser: Vegetationsperioden – dauert. Im ersten Jahr werden nur Wurzeln und Laubblätter gebildet; im zweiten Jahr erst Blüten, Früchte und Samen. Typische Zweijährige sind Stockrose (Alcea rosea) und Roter Fingerhut (Digitalis purpurea). Eigentlich zählen auch mehrjährige Zwiebel- und Knollenpflanzen zu den Stauden. Weil die Einbeziehung dieser Pflanzengruppe jedoch den Umfang dieses Buches sprengen würde, haben wir uns dazu entschlossen, diese Pflanzengruppe hier nicht zu berücksichtigen.
Wildformen und Züchtungen
Zu den historischen Stauden gehören selbstverständlich alle Arten, die seit dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit in ihrer natürlichen Form in Gärten kultiviert werden. Sie wurden einst von Menschen wegen ihrer schönen Blüten oder anderer Besonderheiten aus der Natur entnommen und in Gärten gepflanzt. Manche dieser historischen Gartenstauden stammen aus unseren Breiten, andere wurden schon vor Jahrhunderten aus fernen Gefilden eingeführt. Auf Wildstauden aus fremden Ländern gehen wir im Kapitel „Wildstauden aus fremden Ländern“ noch genauer ein. Ganz gleich, ob einheimisch oder importiert – viele dieser Wildstauden hat man nicht nur in ihrer Stammform in Gärten kultiviert. Sie wurden im Lauf der Jahrhunderte zudem durch Auslese und Züchtung verändert, wodurch man zahlreiche schöne Sorten gewann. Das Spektrum an Blütenfarben und -formen, Wuchshöhen und anderen Eigenschaften wurde dermaßen erweitert, dass heutzutage bei manchen Staudenarten eine Vielzahl schöner Varianten zur Verfügung steht. Bei einigen besonders beliebten Arten wie etwa der Chinesischen Pfingstrose (Paeonia lactiflora), dem Stauden-Phlox (Phlox paniculata) oder der Hohen Bartiris (Sorten der Iris Barbata-Elatior-Gruppe) können dies schon einmal mehrere hundert oder sogar viele tausend Sorten sein – und alljährlich kommen neue hinzu. Immer wieder werden auch neue Wildformen von Stauden für die Verwendung im Garten entdeckt und in den Markt eingeführt. Sie sind oft eine willkommene Bereicherung des bestehenden Sortiments. Wenn sie sich dann auch noch auf Dauer bewähren, könnten sie die historischen Stauden von morgen sein.
Manche dieser historischen, noch im Handel erhältlichen Sorten sehen inzwischen nicht mehr genauso aus wie bei ihrer erstmaligen Einführung vor vielen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten. Die meisten der heutzutage im Handel erhältlichen, historischen Sorten ähneln den ursprünglichen Sorten zwar noch in den wesentlichen Eigenschaften. Sie haben aber manchmal eine andere Wuchshöhe oder eine leicht veränderte Blütenfarbe. Das liegt zum einen daran, dass sie generativ vermehrt wurden, also durch Aussaat. Bei einer generativen (geschlechtlichen) Vermehrung kann es leicht zu einer genetischen Vermischung mit anderen Sorten kommen. Zum anderen entwickeln sich Pflanzen über mehrere Generationen weiter. Es treten natürliche Mutationen auf. Diese neu erworbenen Eigenschaften werden auch durch vegetative (ungeschlechtliche) Vermehrungsmethoden wie Teilung oder Stecklingsvermehrung an die Nachkommen weitergegeben. So kann es also durchaus sein, dass Sie beim Besuch eines anderen Gartens einer bestimmten historischen Staudensorte in etwas veränderter Form begegnen. Doch nur wissenschaftlich interessierte Botaniker und leidenschaftliche Puristen ärgern sich darüber, dass sie nicht „das Original“ in ihrem Garten haben. Wir sind uns sicher, dass alle anderen Pflanzenfreunde viel Freude an diesen herrlichen Gewächsen haben werden – egal, ob es sich um die originale Sorte oder einen etwas variierenden Abkömmling davon handelt.
Die Geschichte der Gartenpflanzen reicht vom alten Ägypten über die griechisch-römische Antike und das Mittelalter bis in die Neuzeit. Sie ist geprägt von der Entdeckung und Einführung neuer Pflanzenarten.
Wenn wir nach Informationen über den Ursprung und die Geschichte unserer Gartenpflanzen allgemein und über Stauden insbesondere suchen, kommen in erster Linie schriftliche Quellen infrage, etwa frühe handschriftliche Aufzeichnungen und später dann gedruckte Bücher. Wichtige schriftliche Zeugnisse über die Entstehung und Entwicklung der Gartenkultur sowie die Einführung neuer Pflanzenarten sind die Werke von Autoren der Antike, und mit Einschränkung auch religiöse Schriften wie der jüdische Talmud oder die Bibel. Informationen bieten zudem archäologische Befunde sowie bildliche Darstellungen in der Malerei, Bildhauerei oder Architektur. Hinzu kommen literarische Werke in Drama, Lyrik und Prosa und nicht zuletzt zahlreiche noch erhaltene Herbarien, also Sammlungen gepresster und getrockneter Pflanzen. All diese Quellen können Aufschluss darüber geben, woher eine Pflanzenart stammt sowie wann und wo sie erstmals eingeführt und kultiviert wurde.
Judenkirsche (Physalis alkekengi).
Die Schriftsteller der Antike
Obwohl der jüdische Talmud und die Bibel zahlreiche Pflanzenarten nennen, befinden sich nur wenige darunter, die bis heute als Zierpflanzen in Gärten kultiviert wurden. Überhaupt wissen wir wenig über die Gärten im Heiligen Land. Außerdem ist die Zuordnung der biblischen Pflanzennamen zu bestimmten Pflanzenarten nicht ganz einfach. Für die Geschichte der Gartenpflanzen besser auszuwerten sind dagegen frühe schriftliche Zeugnisse einiger antiker Autoren aus dem griechisch-römischen Kulturkreis. Theophrast, genauer: Theophrastos von Eresos (um 371 v. Chr.– etwa 287 v. Chr.) war ein griechischer Philosoph und Naturforscher, Schüler von Aristoteles und der erste Gelehrte, der sich mit der Baum- und Holzkunde befasste. Sein Hauptwerk „De historia plantarum“ („Naturgeschichte der Pflanzen“) ist eine wertvolle Quelle, in der zahlreiche Pflanzenarten des östlichen Mittelmeerraums erwähnt werden, von denen später auch einige in mitteleuropäischen Gärten kultiviert wurden.
Frankfurter Paradiesgärtlein. Tafelbild eines unbekannten oberrheinischen Meisters um 1410.
Dioskurides und Plinius
Ebenso aufschlussreich sind die Werke von Dioskurides (eigentlich: Pedanios Dioskurides), einem griechischen Mediziner, der im ersten nachchristlichen Jahrhundert lebte und als Militärarzt in den Diensten der römischen Kaiser Claudius und Nero stand. Er gilt als der berühmteste Pharmakologe des Altertums und behandelte in seinem Hauptwerk „De materia medica“ („Über die Heilmittel“) rund 1000 Arzneimittel, von denen allein 813 pflanzlichen Ursprungs waren. Der römische Naturforscher Plinius der Ältere (eigentlich: Gaius Plinius Secundus Maior, 23–79 n. Chr.)
fasste in seiner „Naturalis historia“ („Geschichte der Natur“) das gesamte naturkundliche Wissen seiner Zeit in einer 37 Bände umfassenden Enzyklopädie zusammen. Die Bände 8 bis 27 befassten sich mit der Botanik im weitesten Sinne, Band 20 mit den Heilmitteln aus Gartengewächsen.
Aussehen und Namen
Oft gelingt die Identifizierung der Pflanzenarten in den Schriften der antiken Autoren nicht problemlos. Dies gilt übrigens für die Schriften der meisten botanischen Autoren bis in die frühe Neuzeit hinein. Denn vor der Einführung der Linnéschen Nomenklatur Mitte des 18. Jahrhunderts beschrieben Botaniker meist das Aussehen und die Eigenschaften der Pflanzen (und zwar auf Latein), statt sie mit einem verbindlichen Namen zu versehen. Dies galt insbesondere für alle seltenen oder neu eingeführten Pflanzen. Weniger problematisch ist die Zuordnung der Namen bei gebräuchlichen Nutzpflanzen und schon damals weit verbreiteten Gartenpflanzen. Sie trugen volkstümliche Namen, die oft bis heute gebräuchlich sind.
Die Gärten des Mittelalters
In Europa existieren heute keine originalen mittelalterlichen Gärten mehr. Auch die Archäologie kann kaum Informationen darüber liefern, wie die mittelalterlichen Gärten ausgesehen haben oder welche Pflanzen man darin kultivierte. Wir sind auf schriftliches Material sowie auf bildliche Quellen wie etwa Gemälde angewiesen, wenn wir mehr über die Gartenkultur dieser Zeit erfahren wollen. Glücklicherweise gibt es überlieferte schriftliche Quellen und Bilder, die Hinweise über die damals in Gärten gepflanzte Gewächse geben. Diese Werke sind nicht als Gartenbücher im heutigen Sinne zu verstehen und auch keine sorgfältige Auflistung aller damals bekannten oder kultivierten Pflanzen. Aber sie sind ein wertvoller Nachweis über viele einst in Mittel- und Westeuropa kultivierte Pflanzenarten.
Die Landgüterverordnung Karls des Großen
Eines der frühesten Dokumente ist die Landgüterverordnung „Capitulare de villis vel curtis imperii“ Karls des Großen. Dieser Erlass über die Krongüter wurde um das Jahr 812 im Auftrag des Kaisers verfasst, um die Versorgung Karls des Großen und seines riesigen Hofstaats zu sichern. Denn damals gab es im kaiserlichen Reich noch keine Hauptstadt und keinen Kaiserpalast. Der Regent und sein Gefolge reisten von Krongut zu Krongut und mussten dort versorgt und verköstigt werden. Das „Capitulare de villis“ ist bis heute eine wertvolle Quelle für die mittelalterliche Art der Wirtschaft, insbesondere für die Bereiche Agrar- und Gartenbau, weil in dieser Landgüterverordnung auch eine Pflanzenliste der zur Kultur empfohlenen Gewächse enthalten war.
Gobelin mit Dame und Einhorn. Frankreich, um 1484-1500.
Der ideale Garten
Ein weiteres aufschlussreiches Dokument ist der St. Galler Klosterplan, ein Idealentwurf einer mittelalterlichen Klosteranlage mitsamt ihrer klösterlichen Gärten. Er entstand um das Jahr 820 auf der Bodenseeinsel Reichenau und zeigt, wie der ideale Klostergarten im 9. Jahrhundert aussehen sollte. Welche Pflanzen man damals in Klostergärten kultivierte, erfährt man auch im Gartengedicht „Liber de cultura hortorum“, kurz „Hortulus“ genannt, des Reichenauer Benediktinerabtes Walahfrid Strabo (um 808–849). Die in diesen Schriften beschriebenen Gartenpraktiken unterschieden sich nicht wesentlich von denen, die schon Plinius der Ältere in seiner „Naturalis historia“ kurz nach der Zeitenwende beschrieben hatte. Allein die Auswahl der Pflanzen war aufgrund des raueren Klimas nördlich der Alpen eine andere, wie die überlieferten Pflanzenlisten bezeugen.
Die Kräuterbücher
Die Erfindung des modernen Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts hat seinerzeit nicht nur die Welt verändert, sondern war auch ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Botanik. Das Wissen über Gartenpflanzen konnte dank der hohen Auflagen der Bücher nun weiter verbreitet werden als jemals zuvor. Zumindest unter denen, die lesen konnten und Zugang zu den kostbaren Druckerzeugnissen hatten. Damals erschienen auch die ersten Bücher über Heil- und Gartenpflanzen für den Hausgebrauch. Ein Vorläufer dieser „Kräuterbücher“ des 15. und 16. Jahrhunderts war das um 1350 verfasste Manuskript „Buch der Natur“ (auch: „Buch von den natürlichen Dingen“) Konrad von Megenbergs (1309–1374). Der Autor schrieb dieses Buch ausdrücklich für Laien, und zwar nicht in der Gelehrtensprache Latein, sondern erstmals im damals gebräuchlichen Mittelhochdeutsch. Ein Teil des Buches beschäftigt sich mit den Pflanzen, darunter auch den „Kräutern“ („Von den kraetern in ayner gemain“), also krautigen Gartenpflanzen wie Stauden. Unter anderem beschreibt der Autor Hauswurz, Wermut, Veilchen (veyol) und Pfingstrose (peonkraut). Dies bezeugt, dass man damals begann, sich für Gartenpflanzen zu interessieren.
Buchseite aus Konrad v. Megenbergs „Buch der Natur“ aus dem 15. Jahrhundert.
Der „Gart der Gesundheit“
Eines der ersten gedruckten Kräuterbücher – und das für die nächsten mehr als 200 Jahre wohl einflussreichste – ist der „Gart der Gesundheit“, erstmals erschienen im Jahr 1485. Bis ins 18. Jahrhundert hinein erlebte es insgesamt 60 (zum Teil erweiterte) Neuauflagen. Verfasst wurde der „Gart der Gesundheit“ von Johannes Wonnecke von Kaub (um 1438–1503) im Auftrag des Mainzer Domherren Bernhard von Breidenbach (um 1440–1497). Zusammen mit dem „Herbarius moguntius“ von Peter Schöffer aus dem Jahr 1484 und dem „Hortus sanitatis“ von Jacob von Meydenbach aus dem Jahr 1491 gehört dieses Buch zur „Gruppe der Mainzer Kräuterbuch-Inkunabeln“. Der Verfasser des „Garts der Gesundheit“ verwendete deutsche und lateinische Quellen, darunter auch das „Buch der Natur“ Konrad von Megenbergs und die „Naturalis historia“ von Plinius dem Älteren. Der Utrechter Maler Erhard Reuwich (andere Schreibweisen: Rewich, Reuwick oder Reeuwyck) fertigte einen Teil der Illustrationen für das Buch an. Die Darstellungen waren in leicht abstrahierter Form gehalten und vereinten mittelalterliche Ornamentik mit verhaltener Naturtreue. In später verfassten Kräuterbüchern achtete man zunehmend auf eine detailreiche und möglichst naturgetreue Abbildung der dargestellten Pflanzen.
Porträt des Arztes und Botanikers Leonhart Fuchs.
Die Väter der Botanik
Das 16. Jahrhundert war für die Botanik eine bedeutende Epoche. Es erschienen zahlreiche „Kräuterbücher“ in deutscher Sprache, in denen das Wissen über die damals bekannten Pflanzen zusammengefasst wurde. Der protestantische Theologe, Humanist, Mediziner und Botaniker Otto Brunfels (1488–1534) gilt als Neubegründer der Botanik des Abendlandes, weil er sich bei seinen Studien nicht allein auf die botanischen Schriften des Altertums stützte, sondern die Pflanzen selbst beobachtete und beschrieb. Seine zum Teil postum erschienenen Bücher „Herbarum vivae icones“ (1530 und 1536, drei Teile) und das „Contrafayt Kreuterbuch“ (1532–1537, zwei Teile) ließ er mit Holzschnitten der beschriebenen Pflanzen illustrieren und setzte deren deutsche Namen darunter. Auch Hieronymus Bock (1498– 1554) war ein protestantischer Prediger, Arzt und Botaniker, der die Pflanzen selbst studierte. Er unternahm dazu ausgedehnte Reisen durch Europa und veröffentlichte 1539 sein „New Kreütter Buch“. Der dritte wichtige Botaniker dieser Zeit war der Arzt Leonhart Fuchs (1501–1566). Auch er unternahm botanische Exkursionen in der Natur. Zudem legte er in Tübingen einen Apothekergarten an, der als einer der ältesten der Welt gilt. Sein Pflanzenbuch „De Historia Stirpium commentarii insignes“ erschien 1542 in Basel auf Latein, ein Jahr später sein „New Kreüterbuch“ auf Deutsch.
Tabernaemontanus
Die Kräuterbücher von einst geben uns heute Auskunft darüber, welche Pflanzen man damals bereits kannte und ob man sie häufiger in Gärten kultivierte. Die Botanik steckte zwar noch in den Kinderschuhen, aber man bemühte sich erstmals seit der Antike wieder, das verfügbare Wissen systematisch zusammenzustellen und zu ordnen. Einer der bedeutendsten Botaniker des 16. Jahrhunderts war der deutsche Mediziner Jacob Theodor (auch: Jakob Dietrich oder Jacob Ditter, 1522–1590), der seinen Taufnamen in Tabernaemontanus änderte. Dies ist die latinisierte Form des Ortsnamens Bergzabern, dem Geburtsort des Gelehrten. Tabernaemontanus begann 1540 ein Studium der Medizin in Padua, später studierte er in Montpellier. Ab 1548 arbeitete er als Kräutersammler und Apotheker im elsässischen Weissenburg. Nach einer Pestepidemie veröffentlichte er 1553 sein erstes Buch („Gewisse und erfahren Practick, wie man sich mit Göttlicher hülff vor der Pestilenz hüten und bewaren“). Später war er Leibarzt hochgestellter Persönlichkeiten, wie etwa dem Speyerer Fürstbischof Marquard von Hattstein. Tabernaemontanus veröffentlichte sein „Neuw Kreuterbuch“ im Jahr 1588 und bezeichnete sich in dessen Vorwort als Schüler von Hieronymus Bock. Tabernaemontanus stand zudem in Kontakt zu den anderen großen Botanikern seiner Zeit, nämlich Otto Brunfels, Leonhart Fuchs und Adam Lonitzer. Letzterer war Arzt, Naturforscher und Botaniker und beschäftigte sich ab 1550 mit Kräuterbüchern. Er beschrieb die Pflanzen vor allem unter medizinisch-pharmazeutischen Aspekten und brachte 1557 sein eigenes „Kreuterbuch“ heraus. Lonitzer, geboren 1528 in Marburg, studierte in seiner Heimatstadt sowie in Frankfurt am Main und Mainz Philosophie und Medizin. Später latinisierte er seinen Namen zu Lonicerus. Sein „Kreuterbuch“ wurde bis zum Jahr 1783 in 27 Auflagen gedruckt. Er starb 1586 in Frankfurt am Main.
Neue Pflanzen, neue Erkenntnisse
Auch in anderen Ländern Europas begannen in dieser Zeit die Gelehrten, sich systematisch mit der Botanik zu beschäftigen. Neue Pflanzenarten wurden entdeckt und in Gärten gepflanzt. Man darf nicht vergessen, dass dies auch die Zeit der Entdecker und Abenteurer war, die sich zu Land und zu Wasser aufmachten, fremde Länder und Kontinente zu erkunden. Die Pflanzenwelt der neu entdeckten Länder weckte natürlich das Interesse der Gelehrten und Pflanzensammler daheim. Auf diesen Aspekt in der Geschichte der Gartenpflanzen gehen wir später noch genauer ein. Doch zunächst möchten wir die Rolle der Botaniker der frühen Neuzeit würdigen. Denn ohne deren Neugierde und Bemühungen wären unsere Kenntnisse der Gartenpflanzen nicht so umfassend.
International einflussreiche Botaniker
Am berühmtesten dürfte der Flame Charles de L’Écluse (1526–1609) sein, auch wenn man ihn eher unter seinem latinisierten Namen Carolus Clusius kennt. Der hoch gebildete Arzt unternahm zahlreiche Reisen, auf denen er seine für die damalige Zeit einzigartigen Kenntnisse vieler Pflanzen aus verschiedenen Regionen Europas erworben hatte. Von 1573 bis 1576 war er Hofbotaniker Kaiser Maximilians II. in Wien. Doch Clusius war nicht nur Arzt und Wissenschaftler, sondern auch aktiver Gärtner. In seiner Wiener Zeit legte er dort einen Medizinalgarten und das erste Alpinum überhaupt an. Im Lauf seines Lebens veröffentlichte er zahlreiche Bücher botanischen Inhalts, die oft anschaulich mit Holzschnitten illustriert waren.
Rembert Dodoens und Matthias de L’Obel
Clusius’ Landsmann Rembert Dodoens (1516– 1585), der seinen Namen zu Dodonaeus latinisierte, war ein bedeutender Arzt und Botaniker und von 1574 bis 1580 Hofphysikus des Kaisers Maximilian II. Bereits im Jahr 1554 war sein „Cruydt boek“ erschienen, ein Kräuterbuch, das er in seiner Muttersprache Flämisch verfasst hatte. In dem 1583 erschienenen Werk „Stirpium Historiae“ unterteilte er die Gewächse in 26 Gruppen und führte zahlreiche neue Pflanzenarten ein. Auch der Franzose Matthias de L’Obel (1538–1616) latinisierte nach damaliger Mode seinen Namen zu Matthias Lobelius. Er hatte nach seinem Medizinstudium halb Europa bereist, bevor er Leibarzt des englischen Königs Jakob I. wurde. Er verfasste mehrere botanische Werke, in denen er über 2000 vorwiegend westeuropäische Pflanzen nach Blatt- und Wuchsformen beschrieb. L’Obel verfasste 1570, zusammen mit seinem Assistenten Pierre Pena (um 1520–um 1600), das Werk „Stirpium adversaria nova“. Darin beschrieben die beiden, dass die aus Amerika heimkehrenden Seefahrer Tabak rauchten, um Hunger und Durst zu stillen, ihre Kräfte wiederherzustellen und den Geist zu erfrischen. Der französische Botaniker Charles Plumier (1646–1704) benannte im Jahr 1703 zu Ehren von Matthias L’Obel eine Pflanzengattung „Lobelia“. Später übernahm Carl von Linné diese Bezeichnung für die Lobelien.
Porträt von Charles de L’Écluse, genannt Carolus Clusius.
Conrad Gesner
In der Schweiz war es der 1516 geborene Conrad Gesner (andere Schreibweisen seines Namens lauten Konrad Gessner, Geßner oder Conradus Gesnerus), der sich in der Botanik besondere Verdienste erwarb. Er war Arzt, Naturforscher und Altphilologe und verließ sich bei seinen Studien nicht mehr nur auf antike und mittelalterliche Erkenntnisse, sondern setzte auf eigene Naturbeobachtungen. Die Qualität der Darstellungen in seinen Publikationen war überdurchschnittlich hoch, da er großes zeichnerisches Talent besaß und viele Darstellungen selbst anfertigte. Er gründete den ersten Botanischen Garten in Zürich und plante vor seinem Tod (er starb 1565 an der Pest) eine umfangreiche botanische Enzyklopädie, die unvollendet blieb. Das Material erwarb der Nürnberger Arzt und Naturforscher Joachim Camerarius der Jüngere (1534–1598) aus dem Nachlass, aktualisierte und ergänzte damit das Kräuterbuch von Pietro Andrea Mattioli und gab es neu heraus.
Porträt des Zürcher Botanikers Conrad Gesner.
Pietro Andrea Mattioli
Der italienische Arzt und Botaniker Pietro Andrea Mattioli (1501–1577) latinisierte seinen Namen zu Petrus Andreas Matthiolus. Er war Leibarzt am Hof Kaiser Ferdinands I. und Kaiser Maximilians II. und zugleich ein bedeutender Pflanzenkenner. Im Jahr 1586 erschien postum sein „Kreutterbuch Deß Hochgelehrten und weltberühmten Herrn D. Petri Andreae Matthioli“. In diesem Werk, das außerordentlich erfolgreich war und zahlreiche Auflagen erlebte, beschrieb Mattioli eine Reihe von Pflanzenarten, die in den Kräuterbüchern der Väter der Botanik noch nicht vorkamen. So etwa die 1544 aus Amerika eingeführte Tomate, die er mala aurea nannte, zu Deutsch „goldener Apfel“, da die Früchte der ersten in Europa bekannten Tomaten gelb und nicht rot waren. Mattioli, der in Siena geboren wurde und seine Jugend in Venedig verbracht hatte, arbeite als Arzt an verschiedenen Orten, unter anderem in Perugia, Rom, Trient und dem damals habsburgischen Görz (heute Gorizia an der italienisch-slowenischen Grenze). In den Südalpen erwarb er umfangreiche Kenntnisse der Alpenflora. Sein enormes medizinisches Wissen bewahrte ihn jedoch nicht davor, 1577 in Trient einer Pestepidemie zum Opfer zu fallen.
Caspar Bauhin
Der aus einer ursprünglich französischen und niederländischen Hugenottenfamilie stammende Schweizer Anatom und Botaniker Caspar Bauhin (1560–1624) steht am Ende dieser Epoche des botanischen Erwachens. Der in Basel tätige Gelehrte beschrieb in seinem 1623 erschienen Werk „Pinax theatri botanici“ rund 5640 damals bekannte Pflanzenarten. Angeblich kannte Caspar Bauhin die gesamte damals bekannte Flora Europas. Als erster Botaniker setzte er die Unterscheidung von Spezies und Gattung vollständig durch und schuf eine binäre Nomenklatur, die später durch Carl von Linné Allgemeingültigkeit erlangte. Sein Bruder Johann Bauhin war ebenfalls Arzt und Botaniker und veröffentlichte eine umfangreiche botanische Enzyklopädie. Auch Caspar Bauhins Sohn Johann Caspar (1606–1685) war Arzt und Botaniker. Er lehrte als solcher an der Basler Universität.
Die Gärten der Pflanzensammler
Mit dem Beginn der Renaissance war das Mittelalter endgültig zu Ende und es brach ein neues Zeitalter an. Man unterschied nun in den Apothekergärten zwischen „Blumen“ und „Heilkräutern“. Außer der Nützlichkeit zählte jetzt auch der ästhetische Wert einer Pflanze. Die Ära der Pflanzenliebhaber und -sammler begann. Diese Menschen verfügten nicht nur über großes botanisches Wissen, das sie unter anderem aus den Kräuterbüchern des ausgehenden Mittelalters bezogen. Sie besaßen auch eine große Leidenschaft für neue Pflanzenarten, die damals aus fremden Ländern nach Europa kamen. Exemplarisch sei an dieser Stelle der Garten von Eichstätt erwähnt. Der Fürstbischof von Eichstätt, Johann Konrad von Gemmingen (1561–1612), ließ für seinen Residenzgarten Ende des 16. Jahrhunderts eine große Pflanzensammlung mit einheimischen und internationalen Gewächsen zusammentragen. Die Pracht und Vielfalt dieses Gartens wurde auf 367 Kupfertafeln mit rund 1100 Pflanzenporträts gestochen, koloriert und 1613 vom Nürnberger Apotheker Basilius Besler (1561–1629), der auch den Garten anlegt hatte, als „Hortus Eystettensis“ erstmals publiziert. Der fürstbischöfliche Garten in Eichstätt entsprach zum einen dem wissenschaftlichen botanischen Interesse seines Besitzers, diente aber andererseits auch dessen repräsentativer Selbstdarstellung, was charakteristisch für die damalige Zeit war.
Die ersten Botanischen Gärten
Der Wunsch nach systematischer Erfassung der Naturbeobachtungen und die Suche nach neuen Erkenntnissen waren bestimmend für den Geist der europäischen Renaissance. Etwa zur gleichen Zeit, in der wohlhabende Privatleute in ganz Europa Pflanzensammlungen in ihren Gärten anlegten, entstanden in vielen Städten auch Botanische Gärten. Diese sollten mit ihren Sammlungen vorrangig den Studenten der Medizin Anschauungsmaterial liefern und waren meist den Universitäten angegliedert. Den Anfang machten die Botanischen Gärten in Florenz, Pisa und Padua, die alle um das Jahr 1545 gegründet wurden. Letzterer, der Orto Botanico di Padova, befindet sich noch immer am selben Platz wie im Jahr der Gründung und gehört mittlerweile zum UNESCO-Weltkulturerbe. Es folgten 1587 die Botanischen Gärten in Leiden, 1593 in Montpellier, 1621 in Oxford und 1625 der Jardin du Roi in Paris, der heute noch als Jardin des Plantes existiert. In Deutschland gilt der 1580 gegründete Botanische Garten von Leipzig als der älteste, gefolgt von denen in Jena (1586), Heidelberg (1593), Gießen (1606) und Freiburg (1620). Lange Zeit waren die botanischen Gärten als „Hortus Medicus“, also als Heilpflanzengärten, reine Orte der Wissenschaft. Später ging es nicht mehr allein um die Forschung und Lehre. „Science and Pleasure“ („Wissenschaft und Freude“), der Leitspruch des botanischen Gartens von Kew bei London, lässt erkennen, dass mittlerweile auch das Vergnügen und die Erholung eine gewisse Rolle beim Besuch botanischer Gärten spielen. Viele dieser Institutionen sind inzwischen parkähnliche Anlagen, insbesondere wenn sie über Arboreten (Sammlungen von mehr oder weniger exotischen Gehölzen) verfügen.
Frontispiz des „Hortus Eystettensis“ von 1613.
Pflanzenvariationen und die Wissenschaft der Botanik
Mit dem Aufbau und der Entwicklung der Botanischen Gärten wuchs das wissenschaftliche Interesse an den zahlreichen neuen, aus allen vier damals bekannten Kontinenten eingeführten Pflanzen. Australien, der fünfte Kontinent, wurde zwar bereits 1606 entdeckt, aber erst Jahrzehnte später erforscht. Man sammelte nicht nur die verschiedenen Arten, sondern insbesondere auch variierende Formen, die durch natürliche Mutationen immer wieder auftraten. So etwa Sorten mit gefüllten oder andersfarbigen Blüten oder mit panaschierten, also weißbunt gefärbten Laubblättern. Wie es zu diesen zufälligen Sonderformen kam, wusste man noch nicht, denn man hatte keine Vorstellung davon, dass es in der Pflanzenwelt so etwas wie die geschlechtliche Vermehrung geben könnte. Dies ändere sich erst im 18. Jahrhundert.
Porträt Carl von Linnés, dem Begründer der binären Nomenklatur.
Carl von Linné
Sex im Pflanzenreich
Das 1753 veröffentlichte Linnésche System war auf den Unterschieden in den Geschlechtsorganen der Pflanzen aufgebaut, also auf einem Sexualsystem. Die Theorie, dass Pflanzen sich geschlechtlich vermehren, war damals geradezu revolutionär und rief zahlreiche Kritiker auf den Plan, denn bis dahin galten Pflanzen als „unschuldig“ und rein. Dennoch setzte sich sowohl seine Nomenklatur als auch die Erkenntnis der Sexualität von Pflanzen durch. Ohne die Erkenntnis, dass sich Pflanzen geschlechtlich fortpflanzen, wäre die systematische Pflanzenzüchtung, die im 19. Jahrhundert einsetzte, nicht möglich gewesen. Zudem hatte die Einführung des Linnéschen Systems zur Folge, dass es bei der Benennung der Pflanzenarten kein wildes Durcheinander von verschiedenen Namen für ein und dieselbe Art mehr gab.
Manche Wildstauden haben eine so lange Geschichte als Gartenpflanzen, dass man diese beim besten Willen nicht bis zu ihrem Anfang zurückverfolgen kann. Dies bezeugen historische Aufzeichnungen oder Gemälde aus dem späten Mittelalter, die bereits Gartenstauden zeigen, die wir heute noch gern verwenden.
Seit es Gärten in Mitteleuropa gibt, wurden dort auch Wildpflanzen und alte Gartengewächse kultiviert, die schon die Römer über die Alpen brachten. Außer heute fast vergessenen Nutzpflanzen für die Ernährung wie Garten-Melde (Atriplex hortensis), Guter Heinrich (Blitum bonus-henricus, Syn. Chenopodium bonus-henricus) oder den vielen verschiedenen Heilkräutern für die Hausapotheke pflanzte man auch Blumen in die Gärten. Darunter waren einheimische Wildstauden wie etwa Blauer Eisenhut (Aconitum napellus), Maiglöckchen (Convallaria majalis) oder die Europäische Trollblume (Trollius europaeus). Diese Blütenstauden dienten nicht nur zur Zierde des Hausgartens, sondern auch als Schnittblumen für die Vase, zum Schmuck des Herrgottwinkels, der Hauskapelle oder der Dorfkirche. Auf die Bedeutung, die Blütenstauden früher als Schnittblumen hatten, gehen wir später noch detaillierter ein. An dieser Stelle wollen wir zunächst die Rolle der einheimischen und fremdländischen Wildstauden für den Garten würdigen.
Wildstauden – ungeschliffene Diamanten
Schöne Stauden fand man schon zu Beginn der Neuzeit, also zur Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, in west- und mitteleuropäischen Gärten.
Meist handelte es sich um einheimische Wildstauden, die man in Bauern- und Klostergärten als Zier- oder Heilpflanzen kultivierte. Ein Problem bei der Ansiedlung von Wildstauden in Gärten waren ihre meist sehr speziellen Standortvorlieben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wer einmal versucht hat, eine in der Natur ausgegrabene Wildstaude im eigenen Garten zu kultivieren, weiß, was gemeint ist: Oft kümmern die Gewächse, bevor sie sich nach ein, zwei Jahren ganz verabschieden. Nur die robusten, besonders anpassungsfähigen Arten überdauern und pflanzen sich später vielleicht auch fort. Manche allerdings dann so zahlreich, dass sie zur Plage werden. So etwa das Scharbockskraut (Ranunculus ficaria), das Maiglöckchen (Convallaria majalis) oder die Gewöhnliche Akelei (Aquilegia vulgaris). Bei diesen im wahrsten Sinne des Wortes wilden Arten sollte man sich deshalb genau überlegen, ob man sie wirklich im Garten haben möchte.
Die später eingeführten Sorten dieser Arten sind in ihrem Ausbreitungsdrang gezähmt und meist weniger invasiv. Sie werden deshalb oft bevorzugt statt der Wildform gepflanzt. Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass es bei den meisten Wildstauden aus Naturschutzgründen verboten ist, sie aus der Natur zu entnehmen.
Wildstauden aus fremden Ländern
Die Geschichte mancher exotischer Wildstauden wird für uns wohl immer rätselhaft bleiben. Von einigen Arten wissen wir jedoch, wann sie das erste Mal in unseren Gärten gepflanzt wurden. Oft findet man in der Literatur eindeutige Hinweise, wer sie wann und woher zu uns gebracht hat. Zahlreiche Pflanzenarten kamen zur Zeit der Entdeckung fremder Länder und Kontinente nach Europa. Bereits damals suchten Gartenfreunde nach dem Besonderen. Und das fand man auch früher schon meistens nicht vor der Haustür, sondern vor allem in fremden Gefilden. Passionierte Pflanzensammler waren hungrig nach ausgefallenen Pflanzenschätzen aus aller Herren Länder und kultivierten sie, wenn sie ihrer habhaft werden konnten, in ihren Gärten. Vor allem durch Kontakte nach Übersee kamen Pflanzensammler in Besitz botanischer Kostbarkeiten. In der Regel handelte es sich um Wildpflanzen, die aus der Natur entnommen wurden. Eine Ausnahme bildet zum Beispiel die Japanische Herbst-Anemone (Anemone hupehensis var. japonica). Von dieser Staude brachte der Asien-Reisende Robert Fortune im Jahr 1844 zunächst eine halbgefüllte Zuchtsorte aus Schanghai nach England. Die reine Art wurde erst 1908 in Europa eingeführt.
Die Entdeckung einer neuen Welt
In der Zeit nach 1492, dem Jahr der Entdeckung Amerikas, brach auch für Pflanzensammler eine neue Ära an. Schon bald wurden exotische Gewächse aus Nordamerika in Europa eingeführt. Als die amerikanischen Kolonien im 17. Jahrhundert etabliert waren, nahm der Austausch noch zu und zahlreiche nordamerikanische Gewächse, darunter auch viele Stauden, hielten Einzug in europäische Gärten. Wie viele Versuche fehlschlugen, fremdländische Gewächse bei uns zu kultivieren, wissen wir heute nicht mehr. Aber man kann davon ausgehen, dass nicht alles, was in Form von Samen oder als ausgewachsene Pflanze über die Ozeane geschifft wurde, in Europa tatsächlich keimte oder Wurzeln schlug.
Eingebürgerte Pflanzenschätze
Nicht nur die Kontakte in die „Neue Welt“ brachten bisher unbekannte Pflanzen in unsere Gärten. Auch aus Afrika, Asien, dem Nahen Osten und Südeuropa wurden seit der Antike bis in die Neuzeit hinein Pflanzen nach Mittel- und Westeuropa eingeführt. So etwa schon sehr früh die aus dem Mittelmeerraum stammenden Arten Diptam (Dictamnus albus) und Echter Salbei (Salvia officinalis), die wohl bereits von den Römern über die Alpen gebracht wurden. Manche dieser Gewächse sind inzwischen hierzulande so weit in der Natur verbreitet, dass viele Gartenfreunde glauben, es handele sich um einheimische Arten. Zu den historischen Stauden aus fremden Ländern, die ebenfalls schon fast als eingebürgert gelten können, zählen beispielsweise Kronen-Lichtnelke (Silene coronaria, Syn. Lychnis coronaria) aus dem südöstlichen Europa und die Wiesen-Schwertlilie (Iris sibirica) aus dem nordosteuropäischen Raum.
Botanische Preziosen mit Stammbaum
Aus noch ferneren Regionen kamen solch schöne Stauden nach West- und Mitteleuropa wie die Chinesische Pfingstrose (Paeonia lactiflora) aus dem gemäßigten Ostasien, Schopf-Fackellilien (Kniphofia uvaria) aus dem südlichen Afrika oder das Raue Sonnenauge (Heliopsis helianthoides var. scabra) aus Nordamerika. Dank der Aufzeichnungen der reisenden Forscher und Botaniker wissen wir in manchen Fällen genau, wann und wo die kostbaren Gewächse das erste Mal in europäischen Gärten gepflanzt wurden. Von Botanischen und Liebhabergärten aus eroberten nicht wenige dieser Gewächse die Gärten des Adels, der Bürger und später auch die des gemeinen Volks. Einige dieser Neuankömmlinge aus fernen Ländern wurden sogar zu typischen Bauerngartenpflanzen, wie etwa die Vielblättrige Lupine (Lupinus polyphyllus) oder der Stauden-Phlox (Phlox paniculata). Durch Auslese und Zucht wurden aus den Urformen mit der Zeit zahlreiche prächtige Sorten in unterschiedlichen Blütenfarben und -formen gewonnen, die inzwischen zum Teil selbst als historische Stauden gelten können. Sie bilden einen Teil dessen, was wir heute an historischen Gartenschätzen „mit Stammbaum“ für die Bepflanzung unserer Gärten nutzen können.
Eine lebendige Kombination historischer Stauden aus taglilien, Kugelsdisteln und Stauden-Phlox.
Es gibt niemals genug frisches Futter für Pflanzenfreunde. Das gilt nicht nur für heutige Pflanzensammler, die stets auf der Suche nach neuen botanischen Sensationen und seltenen Sorten sind. Bereits vor Hunderten von Jahren sammelten Menschen seltene Pflanzen aus fremden Regionen, um sie in ihren Gärten zu kultivieren.
Mit der Eroberung neuer Länder und Kontinente im 16. und 17. Jahrhundert wuchs der Schatz der pflanzbaren Kostbarkeiten auf ein Vielfaches an: Stauden-Sonnenblumen (Helianthus decapetalus) aus Nordamerika, Palmlilien (Yucca) aus Mittelamerika und die zahlreichen botanischen Preziosen aus Ostasien weckten bei Gärtnern nicht nur „auf dem Kontinent“, sondern vor allem auf den Britischen Inseln die Lust, mit neuen Pflanzen zu gärtnern. Die Britischen Inseln wurden zu einem idealen Schaukasten für Gartenpflanzen aus aller Welt, weil sich England ab dem 16. Jahrhundert zu einer Handels- und Kolonialmacht entwickelte und Kontakte in die ganze Welt knüpfte. Zudem bieten die Britischen Inseln mit ihren unterschiedlichen Klimabereichen Lebensbedingungen für eine Vielzahl von Pflanzenarten, sowohl für Exoten des Fernen Ostens und des pazifischen Raums, als auch für hochalpine Pflanzen der Gebirgsregionen aller Kontinente.
Tafel 205 des ”Hortus Eystettensis“ zeigt die Vielblättrige Sonnenblume (Helianthus × multiflorus).
Kaufleute und Aristokraten
An der Einführung neuer Pflanzenarten waren zunächst vorrangig Kaufleute beteiligt, die Gewürze, Stoffe und andere Waren aus Südeuropa bezogen. Durch den Levantehandel, der vor allem über Venedig verlief, hatten sie Kontakte bis in den östlichen Mittelmeerraum und von dort aus weiter bis in den Orient. Seltene Pflanzen aus fernen Ländern gelangten damals durch Kaufleute entweder als Handelsware oder als Freundschaftsgeschenke nach West- und Mitteleuropa. Für wohlhabende Kaufleute dort war es seit der Zeit der Renaissance, also etwa ab dem 16. Jahrhundert, fast schon eine Pflicht, repräsentative Gärten nach italienischem Vorbild anzulegen. Sie bemühten sich um seltene und neue Pflanzenarten, weil sie dadurch nicht nur ihren hohen Bildungsgrad und ihre Weltläufigkeit unter Beweis stellen, sondern auch ihren Reichtum zeigen konnten. Viele Landadelige und Fürsten taten es den zu Wohlstand und Ansehen gelangten Kaufleuten gleich und versuchten, ihre Lustgärten möglichst artenreich auszustatten. So ist überliefert, dass der Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel (1532–1592), ein großer Förderer der Naturwissenschaften, sich auf der Suche nach neuen Pflanzenarten unter anderem an Carolus Clusius in Wien gewandt hatte.
Ärzte und Apotheker
Zu den frühesten Pflanzensammlern gehörten auch Ärzte und Apotheker, die stets auf der Suche nach neuen Heilpflanzen waren. Während ihres Studiums hatten viele von ihnen italienische oder südfranzösische Universitäten besucht und die dort neu angelegten Botanischen Gärten sowie die Pflanzenwelt dieser Länder kennengelernt. Sie gründeten in der Heimat mitunter große Apothekergärten, in denen sie Gewächse pflanzten, die sie von ihren Reisen mitgebracht hatten. In Deutschland war dies beispielsweise Joachim Camerarius der Jüngere (1534–1598), der in Nürnberg einen artenreichen Apothekergarten anlegte. Durch seine Bekanntschaft mit Carolus Clusius, der in verschiedenen europäischen Städten wirkte und weit gereist war, erhielt er Pflanzen aus den unterschiedlichsten Regionen. In England war John Parkinson (1567–1650), ein Arzt, Botaniker und Apotheker König Jakobs I., ein einflussreicher und bekannter Pflanzensammler. Sein 1629 erschienenes Werk „Paradisi in Sole Paradisus Terrestris“ vermittelt einen guten Eindruck davon, wie die Gärten des frühen 17. Jahrhunderts aussahen. Parkinson beschrieb darin über 1000 Pflanzen, von denen auch rund 800 auf Holzschnitten abgebildet wurden. Das Buch gliederte er in die Abschnitte Blumen-, Gemüse- und Obstgarten. Im Jahr 1640 veröffentlichte Parkinson sein zweites großes Werk, das „Theatrum Botanicum“. Darin beschreibt er die medizinische Wirkung von etwa 3800 Pflanzen.
Frontispiz des „Paradisi in Sole Paradisus Terrestris“ von John Parkinson.
Gärtner als Pflanzensammler
Auch der englische Gärtner und Botaniker Philip Miller (1691–1771) galt als bedeutender Pflanzensammler. Er war von 1722 bis 1770 Vorsteher des Apothekergartens in Chelsea bei London, dem Chelsea Physic Garden. Miller korrespondierte weltweit mit anderen Botanikern und erhielt von ihnen Samen und Pflanzen. Viele von diesen neuen Arten kultivierte er zum ersten Mal in England. Zu seinen Schülern gehörten William Forsyth (1757–1805), der nach Millers Tod die Leitung des Chelsea Physic Gardens übernahm, sowie William Aiton (1731–1793). Aiton war zunächst Hauptgärtner im Chelsea Physic Garden, bevor er 1759 Vorsteher des Botanischen Gartens in Kew bei London wurde und ihn durch die Einführung zahlreicher neuer Pflanzenarten aus der ganzen Welt zu einem der bedeutendsten Botanischen Gärten überhaupt machte.
Porträt John Tradescant d. Älteren, gemalt von Emmanuel de Critz.
Die Tradescants
Der englische Gärtner und Botaniker John Tradescant der Ältere (um 1570–1638) stand in Diensten mehrerer Aristokraten. In deren Auftrag unternahm er Reisen in die Niederlande, nach Nordrussland, in die Levante und nach Algerien. In Paris traf er im Jahr 1625 den französischen Botaniker Jean Robin. Von seinen Reisen brachte er zahlreiche Pflanzen mit. Auch sein Sohn, John Tradescant der Jüngere (1608–1662), war Gärtner und Botaniker. Er bereiste drei Mal, in den Jahren 1637, 1642 und 1654, die britischen Kolonien im nordamerikanischen Virginia. Von dort brachte er zahlreiche neue Pflanzen mit, die er im familieneigenen Garten in Lambeth, heute ein Stadtbezirk von London, kultivierte. Darunter befanden sich auch Stauden-Phlox (Phlox paniculata) und unterschiedliche Asternarten. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er dessen Stelle als Obergärtner des Schlossgartens von Queen’s House in Greenwich bei London. Dort residierte damals König Charles I. von England. Im Jahr 1656 veröffentlichte John Tradescant der Jüngere einen Katalog der naturhistorischen Sammlung seines Vaters, übrigens dem ersten öffentlich zugänglichen Kuriositätenkabinett Englands. Diese Sammlung bildete den Grundstock des heute weltweit renommierten Ashmolean Museums in Oxford.
Die Robins
In Frankreich waren es Vater und Sohn Robin, die viele neue Pflanzenarten einführten. Jean Robin, der Vater (1550–1629), war Arzt und Botaniker sowie Hofgärtner mehrerer französischer Könige. Er legte ab 1597 im Auftrag der medizinischen Fakultät der Universität einen Botanischen Garten in Paris an und unterhielt gute Kontakte in die nordamerikanischen Kolonien. Sein Sohn Vespasien Robin (1579–1662) folgte ihm im Amt des Hofgärtners nach. Er besuchte im Jahr 1612 die englischen Kolonien in Virginia und brachte von seiner Reise zahlreiche neue Pflanzenarten mit, die er auch an andere Botaniker weitergab. So berichtete der Basler Botaniker Caspar Bauhin, er habe von Vespasien Robin Exemplare des Schlitzblättrigen Sonnenhuts (Rudbeckia laciniata), des Hartheu-Spierstrauchs (Spiraea hypericifolia), eine Art der Goldrute (Solidago) und eine Sumachart (Rhus) erhalten.
Die Gewächse Ostasiens
Im 19. Jahrhundert wurden fremde Länder und ferne Kontinente durch schnellere und sichere Verkehrsmittel besser erreichbar, ebenso deren natürliche Schätze. Im Kolonialzeitalter wuchs das Interesse an neuen Gewächsen nicht nur bei Herrschern, sondern auch bei den Bürgern, die ebenso hungrig nach neuen, spektakulären Pflanzenarten waren. Neben Naturkundlern machten sich nun auch professionelle Pflanzensammler auf den Weg, um neue Arten zu finden und für den Handel verfügbar zu machen. Eine schier unerschöpfliche Quelle für neue Pflanzenarten war damals Ostasien.
Chinas Pflanzenschätze
Bereits in den 1730er-Jahren hatten westliche Kaufleute Handelsbeziehungen mit China geknüpft. Doch die Chinesen waren gegenüber den vor allem am Profit interessierten Westlern eher misstrauisch als interessiert. Erst mit dem Vertrag von Nanking von 1842 und der Abtretung der Insel Hongkong und vier Vertragshäfen auf dem Festland an Großbritannien – Schanghai, Ningbo, Fuzhou und Xiamen (auch als Amoy bekannt) – kam der Handel zwischen den Westlern und China richtig in Schwung. Nicht nur Tee, Gewürze, Porzellan und Seide, sondern auch zahlreiche neue Pflanzen kamen damals nach Europa und hier vor allem nach Großbritannien, der damals weltweit führenden Handelsmacht. Als einer der ersten Pflanzensammler sandte der britische Naturforscher John Reeves (1774–1856) Pflanzen und Samen aus dem chinesischen Kanton, wo er im Teegeschäft arbeitete, an die 1804 gegründete London Horticultural Society, die sich seit 1861 Royal Horticultural Society nennen durfte. Später schickte das Chinese Commitee der Horticultural Society einen Reisebotaniker eigens zum Zweck des Pflanzensammelns nach China, nämlich den Schotten Robert Fortune (1812–1880). Er reiste insgesamt vier Mal nach Ostasien und besuchte dabei außer China auch Formosa (heute: Taiwan) und Japan. Zu den zahlreichen von ihm aus Ostasien nach Europa eingeführten Pflanzen zählen neben vielen Gehölzarten auch Stauden wie das Tränende Herz (Dicentra spectabilis), die Großblütige Ballonblume (Platycodon grandiflorus), mehrere Chrysanthemenarten und natürlich die Japanische Herbst-Anemone (Anemone hupehensis var. japonica).
Pierre-Joseph Redouté: Darstellung von Hosta ventricosa („Hemerocallis caerulea“).
Die Öffnung Japans
Eine enorme Auswirkung auf die Einführung neuer Pflanzenarten nach Europa im 19. Jahrhundert hatte zudem die Aufhebung der in der Edo-Zeit (1603–1867) praktizierten Abschottung Japans nach außen. Die Abschottung war eine Reaktion auf das aggressive Eindringen Portugals im 16. und 17. Jahrhundert und die Versuche christlicher Missionare, die japanische Kultur und Religion zu beeinflussen. In der Zeit der Abschottung durften Ausländer nicht nach Japan einreisen und Japaner ihre Heimat nicht längere Zeit verlassen. Auch der Handel war von dieser restriktiven Gesetzgebung betroffen. Erst durch die von Matthew Calbraith Perry 1853 erzwungene Öffnung des ostasiatischen Landes wurden neue Pflanzenarten plötzlich auch für Europäer verfügbar. Die japanischen Gewächse besaßen aufgrund ähnlicher klimatischer Verhältnisse in Japan und Europa den unschätzbaren Vorteil, dass sie sich gut für das west- und mitteleuropäische Klima eigneten.
Professionelle Pflanzenjäger
Im 19. Jahrhundert wurde es bei großen Gärtnereien üblich, professionelle Pflanzenjäger auf der Suche nach neuen botanischen Sensationen in die Ferne zu schicken. Von ihren Auftraggebern meist gut alimentiert, machten sich diese botanisch versierten Glücksritter auf, neue Pflanzenarten in entlegenen Weltregionen zu finden. Wenn ein Pflanzensammler große Mengen einer bereits in Europa eingeführten, aber seltenen Art oder deren Samen aus der Ferne in die Heimat schickte, konnte die Gärtnerei diese Exoten exklusiv zu einem erschwinglichen Preis anbieten und dabei enorme Gewinne einstreichen. Manchmal wurden nicht die Samen, sondern lebende Exemplare der neu entdeckten Pflanzen in die Heimat expediert. Nützlich dabei waren die sogenannten Ward’schen Kästen. Die aus Holz und Glas konstruierten Miniatur-Gewächshäuser garantierten den Pflanzen auf der oftmals rauen Reise nach Europa die bestmöglichen Überlebensbedingungen. In Europa angekommen, dienten die lebenden Gewächse dann als Mutterpflanzen, von denen Stecklinge, Ableger oder Samen zur weiteren Vermehrung gewonnen werden konnten.
Darstellung eines Ward’schen Kastens zum Transport lebender Pflanzen.
Die Firma Veitch & Sons
Eine der im 19. Jahrhundert größten Gärtnereien Englands, wenn nicht die größte überhaupt, war die von Veitch & Sons. Die Firma mit Sitzen in London und Exeter sandte im Lauf ihrer Geschichte nicht weniger als 22 Pflanzenjäger aus, um für sich und ihre Kunden neue Pflanzenarten in Übersee zu finden. Zu den erfolgreichsten Pflanzenjägern dieser Firma gehörten die Brüder William (1809–1864) und Thomas Lobb (1817–1894). Ihnen verdanken wir beispielsweise die Einführung des Bergmammutbaums (Sequoiadendron giganteum) aus Kalifornien und der Malayenblume (Phalaenopsis amabilis) aus Südostasien, der Urahnin der heute weltweit beliebtesten Orchideenhybride. Auch der vorletzte der ausgesandten Pflanzenjäger, Ernest Wilson (1876–1930), machte sich in der Geschichte der Botanik einen Namen. Er fand im Auftrag von James Veitch & Sons in China den Taschentuch- oder Taubenbaum (Davidia involucrata) und nebenbei auch noch andere Pflanzenschätze wie die Königs-Lilie (Lilium regale) und den Zimt-Ahorn (Acer griseum). Diesen und anderen Pflanzenjägern und -sammlern, ihrer Neugierde, ihren botanischen Kenntnissen und ihrem Mut, diese körperlich und mental anstrengenden Expeditionen zu wagen, haben wir die Einführung einer Vielzahl wertvoller Gewächse und insbesondere Stauden zu verdanken. Viele von diesen Pflanzen sind inzwischen so lange in Kultur, dass man sie zweifellos als historisch bezeichnen kann.
Franz von Siebold
Der Arzt, Japan- und Naturforscher, Ethnologe, Botaniker und Sammler Philipp Franz Balthasar von Siebold (1796–1866) wirkte zwischen 1823 und 1829 als Stationsarzt in der niederländischen Faktorei auf der japanischen Insel Dejima in der Bucht von Nagasaki. In seiner Funktion als Arzt wurde er auch zu hochgestellten japanischen Patienten gerufen. Dies gab ihm die Möglichkeit, Bekanntschaften zu schließen sowie Informationen und Material zu sammeln. Im Jahr 1826 nahm Siebold als Faktoreiarzt an der alle vier Jahre stattfindenden, traditionellen Hofreise des Faktoreileiters in die Hauptstadt Edo teil. Diese „Hofreise“ war für die wenigen auserwählten Europäer, die daran teilnehmen durften, die einzige Gelegenheit, das Landesinnere Japans kennen zu lernen. Da man in der Fracht, die Siebold bei seiner Heimreise 1828 mitführte, außer seiner Naturaliensammlung auch verbotene Landkarten und andere sensible Dinge fand, wurde er am 22. Oktober 1829 nach langen Verhandlungen auf Lebzeiten aus Japan verbannt. Nachdem er später als Japanforscher international berühmt geworden war, erlaubte die japanische Regierung ihm 1858 jedoch seine Wiedereinreise. Er studierte die Flora und Fauna Japans systematisch und legte eine gewaltige Sammlung an. Als er 1828 aus Japan abreiste, hatte er neben zahlreichen präparierten Tieren auch 800 lebende Exemplare von rund 500 Pflanzenarten sowie etwa 12.000 getrocknete Herbarbelege von rund 2000 Pflanzenarten im Gepäck. Über die 1839 zur deutsch-japanischen Völkerverständigung gegründete Siebold-Gesellschaft und Franz von Siebolds Akklimatisationsgarten im niederländischen Leiden gelangten viele bedeutende Gartenpflanzen nach Europa. Siebold lebte von 1859 bis 1862 nochmals in Japan, diesmal als Japan-Forscher und Berater der Regierung. Zahlreiche Tier- und Pflanzenarten wurden nach ihm benannt, darunter die Blaublatt-Funkie (Hosta sieboldiana), die Schmalblatt-Funkie (H. sieboldii) und die Siebold-Magnolie (Magnolia sieboldii).
Moderne Pflanzenjäger
Früher waren es reiche Mäzene, die Exkursionen zum Sammeln neuer Pflanzenarten ausstatteten. Auf der Suche nach botanischen Novitäten reisten wohlhabende Privatiers auch selbst um die Welt. Sie gingen enorme Risiken ein, kämpften sich durch unwegsames Gelände, wurden von Banditen ausgeraubt, von Piraten auf hoher See überfallen oder für feindliche Spione gehalten. Zudem brauchten sie ein nicht unerhebliches Geschick für politische Verhandlungen, um ihre Ziele zu erreichen. Glücklicherweise sind heutzutage selbst entlegenste Gebiete der Erde besser zugänglich als damals und noch immer entdeckt man dort interessante Wildarten. So werden etwa von den asiatischen Socken- oder Elfenblumen (Epimedium-Arten) immer noch neue Arten gefunden, die sowohl das Sortiment als auch die Züchtungsarbeit bereichern.
Die moderne Pflanzenjagd ist auch unter dem Aspekt des Klimawandels von großem Wert, denn viele über Jahrzehnte rein vegetativ vermehrte Sorten können sich nicht an die sich verändernden Bedingungen anpassen. Sie sind geschwächt, leiden unter Stress unterschiedlicher Art und einem „Ermüdungseffekt“, der bei Pflanzen nach Jahrzehnten nichtgeschlechtlicher Vermehrung häufig zu beobachten ist. Dies betrifft insbesondere Arten mit einer ohnehin geringen Standortamplitude, so etwa die Phloxe der Paniculata-Gruppe. Ihnen machen häufiger werdende Frühjahrstrockenheit und immer heißere Sommer sehr zu schaffen. So sind wir beispielsweise froh, bei den Rudbeckien durch die Funde moderner Pflanzenjäger deutlich trockenheitsverträglichere Arten wie R. missouriensis und R. subtomentosa neu in die Sortimente bringen zu können. Die moderne „Pflanzenjagd“ ist also durchaus sinn- und wertvoll und ermöglicht es, verbesserte Sorten zu züchten. Wir meinen allerdings damit die nachhaltige, auf Gesundheit, Vitalität und langjährigen Gartenwert zielende, seriöse Züchtungsarbeit. Leider gilt heute mehr denn je die unschöne Aussage „was geht, wird gemacht“.
Auf diesen Aspekt gehen wir jedoch später noch genauer ein.
Als im 19. Jahrhundert die Züchtung von Stauden begann, taten sich einige Gärtner als Pflanzenzüchter besonders hervor. Manche konzentrierten sich auf eine einzige Art, andere auf mehrere Gattungen. Hier stellen wir Ihnen einige der bedeutendsten Züchter von heute als historisch geltenden Stauden vor.
Georg Arends
Eine der ältesten Staudengärtnereien Deutschlands wurde 1888 von Georg Arends (1863–1952) in Ronsdorf (heute ein Stadtteil im Süden Wuppertals) gegründet. Schon der Vater von Georg Arends war Gärtner. Der Sohn, geboren in Essen, absolvierte seine Ausbildung unter anderem an der „Höheren Lehranstalt für Obst-, Wein- und Gartenbau“ im hessischen Geisenheim am Rhein. Doch Georg Arends Liebe galt weder dem Wein- noch dem Obstanbau, sondern den Stauden. Zunächst arbeitete er im Botanischen Garten Breslau, dann in der Gärtnerei von Thomas S. Ware in Tottenham im Norden Londons. Bei Besuchen des Botanischen Gartens in Kew bei London erweiterte er seine Pflanzenkenntnisse und entwickelte eine Vorliebe für „Rockerys“, also Steingärten mit Alpenpflanzen. Nach einem Intermezzo in Triest, wo er die Gärtnerei eines Opernsängers betreute, eröffnete er zusammen mit seinem Freund Ernst Pfeifer in Ronsdorf im rauen Klima des Bergischen Landes seine eigene Gärtnerei, in der es seit 1902 auch eine „Felspartie“ gab, einen als Schaugarten für die Kunden angelegten Steingarten.
Das Ziel von Georg Arends war es, unter den erschwerten klimatischen Bedingungen des Bergischen Landes (viel Niederschlag und relativ niedrige Jahresdurchschnittstemperaturen) Pflanzen zu ziehen, die besonders winterhart sind. Zu seinen ersten Züchtungen gehörte die Immergrüne Schleifenblume (Iberis sempervirens) ‘Weißer Zwerg’ aus dem Jahr 1894. Es sollten im Lauf seines Lebens noch rund 350 weitere Sorten folgen, darunter die berühmt gewordenen Garten-Astilben (Astilbe x arendsii), auch bekannt als Astilbe-Arendsii-Hybriden, sowie Steinbrechsorten (Saxifraga x arendsii) und Sorten vom Arends Phlox (Phlox x arendsii), von denen die meisten verloren gegangen sind. Auf „Ronsdorfs blumiger Höh“ entstanden zudem Züchtungen wie die Berg-Aster (Aster amellus) ‘Schöne von Ronsdorf’, eingeführt 1911, oder die Schopf-Fackellilie (Kniphofia-Hybride) ‘Expreß’ (eingeführt 1903). Die Gärtnerei wurde durch ihre Züchtungen schon Anfang des 20. Jahrhunderts weltberühmt, aber im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört. Dabei gingen viele Staudensorten unwiederbringlich verloren. Nach dem Krieg baute Georg Arends den Betrieb wieder auf und nach seinem Tod wurde dieser von seinen Söhnen Werner (1896–1967) und Erich Arends (1894–1966) weitergeführt. Ab 1967 leitete Ursula Maubach-Arends die Firma und seit 1999 führt deren Tochter Anja Maubach das Unternehmen in vierter Generation.
Wohnhaus und Garten Karl Foersters in Bornim bei Potsdam.
Karl Foerster
Der Gärtner, Staudenzüchter, Gartenschriftsteller und Gartenphilosoph Karl Foerster (1874–1970) absolvierte seine Gärtnerlehre in der Schlossgärtnerei Schwerin. Zudem erhielt er eine Ausbildung an der Königlichen Gärtnerlehranstalt am Wildpark bei Potsdam. Nach seinen Lehr- und Wanderjahren gründete er 1903 auf dem elterlichen Grundbesitz in Berlin-Westend eine Gärtnerei, mit der er in den Jahren 1910 und 1911 nach Bornim bei Potsdam umsiedelte. Rund um sein Wohnhaus in Bornim legte er einen Garten an, der wegen des Senkgartens mit Wasserbassin, des Steingartens, des Herbstbeetes und des Frühlingswegs zu einem Mekka der Gartenfreunde wurde. Im Jahr 1934 gründete Foerster zusammen mit Hermann Mattern und Herta Hammerbacher die Arbeitsgemeinschaft „Gartengestaltung in Bornim“. Zu DDR-Zeiten war der Betrieb eine der wenigen Staudengärtnereien des sozialistischen Landes. Nach Foersters Tod wurde die Firma enteignet, bestand aber als „Volkseigenes Gut Bornimer Staudenkulturen“ fort. Nach der Wiedervereinigung führte Foersters Tochter Marianne den Betrieb weiter und gründete 1993 mit Wolfgang Härtel und Gerd Berthe die „Foerster Stauden GmbH“, die bis heute besteht. Das Haus und der Garten Karl Foersters werden seit dem Tod Marianne Foersters im Jahr 2010 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz betreut. Der Garten steht Besuchern zur Besichtigung offen.
