Alter Mann im Bus - Bernhard Weiland - E-Book

Alter Mann im Bus E-Book

Bernhard Weiland

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Beschreibung

Der Autor reist gerne abseits ausgetretener Pfade. Nach einer Reise mit dem Liegerad von Norddeutschland in die Sahara, nach einer Wanderung ohne Kartenmaterial zum Fürst-Pückler-Park in Bad Muskau war er jetzt im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) quer durch Deutschland unterwegs. Er lernte 27 kleine und große, bekannte und weniger bekannte Orte kennen, die ihm Familie, Freunde und Nachbarn empfahlen. Diese Orte verknüpfte er miteinander zu Etappen. Dann tauchte er ein in die Welt der Fahrpläne und Verkehrsverbünde, studierte Netzpläne, nutzte die Verbindungssuche im Internet und in zahlreichen Apps, recherchierte Preise, Tagestickets, Ländertickets. Bernhard Weiland benötigte in vier Jahren 15 Etappen, um all seine Ziele im ÖPNV quer durch Deutschland zu erreichen. Am Ende hat er um die 2900 Kilometer in Bussen, Anrufsammeltaxis, Stadt- und S-Bahnen auf der Fahrt durch Deutschland verbracht, viele Stunden an Haltestellen gewartet, auf pünktliche Verbindungen gehofft und dieses Land neu für sich entdeckt. Auf der Reise sammelte er viele kleine Geschichten für das vorliegende Buch. 2016 ist er in Hannover, seiner Heimatstadt, gestartet. Mitte 2020 wollte er, so der Plan, sein Reiseprojekt auf der Insel Neuwerk beenden. Warum der Plan nicht ganz aufging, auch davon erzählt das Buch.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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H.: „Hab ne geniale Verbindung rausgefunden. Von Dortmund nach Neapel in nur 19 Stunden. Umsteigen in Bozen und Bologna. Stell dir vor, fast 2000 Kilometer in nur 19 Stunden.“ -

L.: „Nee, kapier ich nich, wie’s de dir das alles merken kannst. Kannze nich mal Urlaub machen wie‘n ganz normalen Mensch?“

(Aus:„Zugvögel … einmal nach Inari“ / Spielfilm 1998 Bosko Biati Film / Prokino Filmproduktion / Kinotuotanto / WDR)

Bernhard Weiland

Alter Mann im Bus

Eine Deutschlandreise im öffentlichen Nahverkehr

Reisegeschichten 2016 – 2020

© 2020 Bernhard Weiland

Autor: Weiland, Bernhard

Umschlaggestaltung: tredition / Bernhard Weiland

Fotonachweis:

Vorderseite: Bernhard Weiland / Rückseite: Petra Manske

Grafik innen: Bernhard Weiland

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-11526-2 (Paperback)

978-3-347-11527-9 (Hardcover)

978-3-347-11528-6 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

INHALT

Nach Bornhausen und zum Grab von Wilhelm Busch

Zum Klosterwanderweg von Wöltingerode bis Wernigerode

Nach Bad Laer

Zum Mittelpunkt Deutschlands, zum Hainich und weiter nach Bamberg

Zum Funtensee

Zur ‚Zeche Zollverein‘

Zum Teufelsberg und nach Templin

Zum ‚Landschaftspark Nord‘ und weiter nach Monschau

In die Zickerschen Alpen und nach Wismar

Nach Hohwacht und nach Friedrichstadt

Zum Völkerschlachtdenkmal, weiter nach Nöthschütz und nach Görlitz

Nach Waischenfeld, zum Wurstkuchl, weiter zu den Klöstern Weltenburg und Andechs und abschließend zur Eisbachwelle

Von Wismar nach Oldenburg

Von München zum Königssee

Nach Cuxhaven und zur Insel Neuwerk

Von München zum Königssee

Alter Mann im Bus

Nachwort

Anhang A Reiseplanung

Anhang B Statistische Daten

Anhang C Reiseverlauf West

Anhang D Reiseverlauf Ost

Anhang E Reiseverlauf Nord

Anhang F Reiseverlauf Süd

Anhang G Fußnoten in Fahrplänen

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Der Autor

Vorweg

Schon bevor ich mit der Reise beginne, träume ich nachts neue und alte, bekannte und unbekannte Landschaften und Orte. In ihnen wähne ich mich unterwegs, verwundert, staunend, überrascht zumal. Mir erscheinen Traumbilder, zusammengesetzt wie aus Erfahrenem, Fantasiertem, Verschüttetem. Gestern und Heute, Vergangenheit und Gegenwart zu einer einzigen Folie übereinandergelegt.

Nicht nur im Traum zeigt sich eine Wirkung von Landschaften und ihren von Menschen produzierten Überformungen auf den Menschen. Schon immer haben sie sein Wesen, seine Kultur und Geschichte beeinflusst. Gibt es eigentlich eine Wissenschaft, die das untersucht, untersuchen kann? Eine ‚Kulturlandschaftspsychologie‘ oder ‚-soziologie‘. Auf welche Weise mögen heutige industrielle Landschaften, dicht bebaute Städte, gestaltete Natur unser Wesen beeinflussen?

Mystisch und rätselhaft jedenfalls beeindrucken mich meine Träume von ihr. Es gelingt mir, die meisten davon festzuhalten. Gleich nachts oder früh morgens nach dem Aufstehen sichere ich sie als Sprachmemos auf meinem Smartphone. Sie werden Teil meiner Reise, auf der ich in mehreren Jahren die Landschaften der Republik durchfahre. Sie werden damit auch zum Teil meines Fotoprojekts, das mich bis zum Ende der letzten Reiseetappe begleitet.

Diese Reise soll der Abschluss einer persönlichen Reisetrilogie sein. Die erste führte mich auf dem Liegerad von meiner Heimatstadt in die Sehnsuchtslandschaft Sahara, zu Nomaden im südlichen Marokko. Danach ging ich zu Fuß von zuhause aus nach Bad Muskau, in den weitgehend wiederhergestellten grenzübergreifenden Landschaftspark des Fürsten Pückler.

Dabei ließ ich mir unterwegs von Menschen, die mir begegneten, Weg und Richtung weisen. Auf das Mitführen von Landkarten - analog oder digital -verzichtete ich dabei. Ich verließ mich auf die persönlichen Wegweisungen.

Und nun werde ich im öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) quer durch Deutschland unterwegs sein. Der Weg ist nur ein Ziel. Denn die Wege, die ich in Etappen zurückliegen will, führen zu empfohlenen Orten, mir bekannten und unbekannten, großen und kleinen. Familie, Freunde, Bekannte, Nachbarn haben sie mir mit auf den Weg gegeben. So werde ich in jede Himmelsrichtung reisen. Mit Bussen und Straßenbahnen von Haltestelle zu Haltestelle.

Möge der Fahrplan mit mir sein!

traumbild

wir sind unterwegs wir sind schüler*innen eines gymnasiums auf klassenfahrt sitzen in einem bus und wollen heute nach irgendwohin fahren machen gerade eine pause in irgendwo.

ringsumher in nirgendwo wimmelt es nur so von menschen die alle unterwegs sind da verpasse ich in dem gewimmel die abfahrt meines busses schon packe ich mein gepäck wo auch immer das gerade herkommt auf mein fahrrad wo auch immer das gerade herkommt und fahre mit l. wo auch immer der gerade herkommt zusammen los.

l. kenne ich eigentlich nur aus meiner kindheit die ist schon lange her wo wir uns als nachbarskinder in dem haus in dem wir wohnten kannten als wir noch gar nicht zur schule gingen jetzt fährt er neben mir auf dem fahrrad dem bus hinterher.

wir suchen die richtung nach irgendwo dort soll der bus heute noch ankommen denn wir wollen heute abend von dort aus noch nach irgendwohin wandern das liegt in der nähe von hamburg was mich verwirrt liegt doch das reiseziel des busses am harzrand irgendwo von wo aus man doch wohl nicht so eben mal eine abendliche wanderung in die nähe von irgendwo hamburg machen könne.

so fahren wir weiter durch eine stadt und suchen einen bahnhof in der hoffnung vielleicht unseren bus noch zu sehen erreichen dort am bahnhof einen weiten parkplatz schauen weiter nach dem weg nach irgendwo am harzrand da denke ich dass ich doch ein smartphone habe mit einer kartenapp darauf. doch zu dieser zeit als ich schüler des gymnasiums bin gibt es noch lange kein smartphone fünfzig jahre vor jetzt und doch bin ich gerade eben jung wie zu der zeit damals und alt wie heute beides gleichzeitig wie geht das denn ich habe ein handy und mache mir doch keine gedanken wie ich wohl dazu gekommen sei ich habe es einfach bei mir.

ich denke darüber nach die kartenapp zu nutzen da sehe ich einen übersichtplan wie er an bahnhöfen zur orientierung allerorten stehen mag biege unvermittelt ohne rücksicht auf den verkehr einfach ab und autos hupen da hinter mir ob meiner unachtsamkeit schon habe ich l. auf seinem rad auf dem weg durch eine große menschenmenge zum übersichtsplan verloren steige von meinem fahrrad ab um zu schieben als meine frau p. neben mir geht die es zu der zeit für mich noch gar nicht gibt und geben kann.

dennoch frage ich sie nach der telefonnummer von l. denn l. sitze in dem bus auf klassenfahrt wir gehen weiter nebeneinanderher sie antwortet ja die nummer habe sie wohl ich greife nach meinem handy und habe doch das handy von p. die ich damals ja noch nicht kenne in meiner hand und wie es dahin kommt können wir beide nicht erklären.

so treffen wir eine gruppe menschen die aus dem bahnhof hin zu einem bus strömt wir denken das sei unser bus aber es ist ein anderer wir gehen weiter immer weiter und wissen nicht in welche richtung und ob wir jemals ankommen werden und gehen weiter immer weiter.

1.Etappe

Nach Bornhausen und zum Grab von Wilhelm Busch

21.November 2016

Reiseverlauf

Diese erste Reiseetappe führt mich in Niedersachsen von Hannover durch das Calenberger Land an den Harzrand bis nach Seesen. Dabei lege ich in 5 Linien des ÖPNV einen Fahrtweg von ca. 81 Kilometern in insgesamt 2: 40 Std. zurück. Dazu kommt eine Wanderung von 2 km. (Weitere Daten befinden sich im Anhang!).

Auf großer Fahrt

Ich bin in Mechtshausen angekommen. Dieses Dorf, am Rand des Harzes gelegen, war von 1898 bis zu seinem Tod 1908 der letzte Wohnort von Wilhelm Busch, humoristischer Dichter, Zeichner und Pionier von Bildergeschichten, die heute als Comics bezeichnet werden. Sein Grab soll ich besuchen.

Gestartet bin ich am frühen Morgen. Begleitet werde ich auf dieser ersten kurzen Etappe, dem Prolog für die in den nächsten Jahren folgenden Reisen durch die Republik, von P., meiner Frau. Es geht heute in ihre alte Heimat am Rande des Harzes, in der Nähe von Seesen. Es ist mein erster Versuch, nur mit Mitteln des öffentlichen Personennahverkehrs zu reisen. Sicherlich kann man Bornhausen und Mechtshausen, so heißen die beiden Tagesziele, auch einfacher und schneller mit Regionalbahnen und nur auf den letzten Kilometern ergänzend dazu mit Buslinien erreichen. Aber ich habe mir in den Kopf gesetzt, auf meinen Reiseetappen im öffentlichen Personennahverkehr möglichst nur mit Linienbussen und Straßenbahnen unterwegs zu sein. Los geht’s zu den einzelnen Etappen immer in meiner Heimatstadt Hannover. Zum Start der jeweils nächsten Etappe werde ich dann über die Schienenwege der Deutschen Bahn anreisen

So nehmen wir um kurz nach sieben unterirdisch die Stadtbahnlinie 5 vom Königsworther Platz zur U-Bahn-Station Aegidientorplatz und von dort die Stadtbahnlinie 1. Diese ist am Morgen gut besetzt und transportiert junge und alte, müde und wache, mürrische und freundliche Menschen stadtauswärts. Wie viele doch so früh aufstehen müssen! Draußen geht gerade die Sonne auf. Über dem Horizont leuchtet für kurze Zeit ein Gemisch aus satten roten Farbabstufungen. Im Inneren der Bahn scheint kaum jemand Notiz davon zu nehmen, die Gedanken und Gespräche weilen wohl an anderen Orten, erzählen die kleinen persönlichen Geschichten von gestern, heute und vielleicht auch morgen. Bis zum Endpunkt in Sarstedt wird es zusehends stiller im Waggon, die Bahn hat sich nahezu geleert. Wir steigen in der morgendlichen Novemberkälte um. Mit dem 21er Bus verlassen wir den hannoverschen Verkehrsverbund GVH in Richtung Hildesheim. Vom dortigen ZOB geht es dann nach einem zweiten Frühstück im Hauptbahnhof mit der Buslinie 34 zum Bahnhof Derneburg. Es ist wichtig, dort um 9: 37 Uhr den 461er Richtung Seesen zu bekommen. Nur mit ihm können wir das Dorf Bornhausen erreichen. Darauf ist meine heutige Planung ausgerichtet. Der nächste darauffolgende Bus mit Halt in Bornhausen führe erst wieder zwei Stunden später. So ist das mit den Verbindungen auf dem Land. Bloß den richtigen Bus zur richtigen Uhrzeit bekommen. Wehe, du bist verspätet, oder er ist verfrüht. Dann siehst du alt aus.

Tarifsystem

Gibt es in der Region Hannover mit dem Verkehrsverbund GVH ein einheitliches Zonen-Tarifsystem, so erfahren wir im Bereich des RVHI (Regional Verkehr Hildesheim), dass dergleichen hier nicht existiert. Eine einzige Fahrkarte vom ZOB Hildesheim mit den Regionalbussen innerhalb des Liniennetzes bis Bornhausen – nicht möglich. Die Nutzung des umfassenden Niedersachsentickets – nicht möglich. Der freundliche Fahrer des privaten Busunternehmens erklärt uns, dass verschiedene Fuhrunternehmen die Linien innerhalb der Stadt und dem Landkreis Hildesheim bedienen und ihre jeweils eigenen Fahrscheine in ihrem eigenen Liniennetz verkaufen. Kleinkrämerei also. 2017 könnte sich das - wer weiß - vielleicht ändern. So zahlen wir bis Derneburg bar. Von da ab wiederum lässt der Fahrer des nächsten Omnibusses im Auftrag der Deutschen Bahn Kulanz walten. Er akzeptiert unser Niedersachsenticket – ausnahmsweise. Dafür müssen wir uns unterwegs sein Motzen über die defekte Hinterachse seiner Kutsche anhören, die an jedem Schlagloch – und davon gibt es auf den Landstraßen einige – immer wieder durchschlägt.

Vereinfachung

Eine Woche nach unserem Tagesausflug nach Bornhausen durch das Hildesheimer Nahverkehrswirrwarr erscheint folgende Nachricht in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung: „Die Grünen wollen das Fahren mit Bus und Bahn vereinfachen: Sie schlagen dafür eine einheitliche Fahrkarte vor – einen sogenannten Mobilpass. Fahrgäste sollen damit bundesweit alle öffentlichen Verkehrsmittel nutzen können. … Ziel ist, dass Fahrgäste überall in Deutschland verschiedene Verkehrsmittel damit nutzen und kombinieren können. …“

Am 6.Januar beeilt sich die politische Konkurrenz CDU/CSU dagegenzuhalten: "Elektronische Chipkarten oder Handytickets sollen bis 2019 Papierfahrkarten für Busse und Bahnen in nahezu allen deutschen Städten überflüssig machen. Das sieht ein Aktionsplan des Bundesverkehrsministeriums vor …" (Zeit ONLINE)

Wird damit das Ende der Kleinstaaterei der ca. 144 deutschen Verkehrsverbünde, Kooperationsräume und verbundfreien Gebiete, mit und ohne Schienenpersonennahverkehr-Integration, mit Dachtarif und ohne, mit Verbund und gänzlich ohne eingeläutet? Alles wird übergangslos nutzbar? Das soll mit allen unzähligen Subunternehmen und Kooperationspartnern möglich werden? Warten wir’s ab.

Ich werde erst einmal Papierschnipsel sammeln und von Fahrkarte zu Fahrkarte, von Tarif zu Tarif unterwegs sein. Möge auf diesen Wegen und bei allen Umstiegen immer der Fahrplan mit mir sein!

Bushalt

In Bockenem wartet unruhig eine alte Frau auf den Bus, Gehstock und Einkaufstasche in der Hand. Wie sie den Bus kommen sieht – wie ist es möglich, so zu gehen –, trippelt, watschelt, wackelt sie so, mit den Armen nach unserem Bus winkend, Stock und Tasche durch die Luft schwingend, dass sie gerade noch das Gleichgewicht hält, in kleinsten Schritten eilig der Bushaltestelle zu. Wie langsam man doch eilig vorankommen kann. Ein den Bus besteigendes Paar bleibt in der Automatiktür stehen und feuert sie an, doch schneller zu machen. Aber wie kann sie das denn? Sie gibt doch schon alles. Keuchend steigt sie beim Fahrer ein und muss erst einmal Atem holen. Dann braucht sie eine Auskunft, ob denn der Bus in Rhüden dann und dann wieder zurückführe, mit ihr. Der Fahrer reagiert erst ein wenig störrisch, wie ein Busfahrer eben reagiert, wenn er aus seiner Routine geworfen wird, etwas seinen Fahrplan verhageln könnte. Wenn ihm ein Mensch gegenübersteht, der seinem Fahrplan nicht gerecht wird. Doch nach einem tiefen Atemzug und Ausatmen desselben hat er sich wieder gefangen und antwortet freundlich und zugewandt mit den Daten des fahrplanmäßigen Fahrplans, wie ein Busfahrer eben reagieren muss.

Dorfleben

In Bornhausen steigen wir an der Haltestelle Kammerkrug aus. Hier sind wir in der alten Heimat meiner Frau. Hier liegen ihre Eltern begraben. Wir statten zunächst dem Friedhof einen Besuch ab. Heute auf den Tag genau jährt sich der hundertste Geburtstag ihres Vaters.

Während eines anschließenden Spaziergangs durch das Dorf machen wir Halt am Dorfgemeinschaftshaus. Hier befindet sich offensichtlich der Mittelpunkt des sozialen Lebens des heutigen Dorfes. In Schaukästen finde ich Aushänge der Gruppen, die dieses Haus regelmäßig nutzen: CDU, SPD, Kindergarten, DRK, SOVD, Schildberger Theatergruppe, Turnverein MTV, Gesangsvereine, Schützenverein, Heimat- und Verkehrsverein, Freiwillige Feuerwehr und Ortsrat. Einige der Namen von Mitgliedern und Vorständen, Aktiven und Geehrten tauchen in mehreren Gruppierungen gleichzeitig auf. Das lässt auf lebendige menschliche Netzwerke schließen. In diesem Dorf haben die sozialen Netzwerke des WorldWideWeb mit ihren „digital communities“ vermutlich eine eher untergeordnete Bedeutung. Hier scheint man sich wöchentlich noch von Angesicht zu Angesicht Aug in Aug zu begegnen.

Die früheren persönlichen dörflichen Treffpunkte sind jedoch offensichtlich gegen Null geschrumpft, denn fast alle Läden des täglichen Bedarfs sind verschwunden. Und damit auch die Orte spontaner Begegnungen. 1965, als P.s Familie von Seesen nach Bornhausen in das eigene Haus zog, gab es einen Fleischer, zwei Bäcker, vier Lebensmittelläden, einen Kurzwarenladen, später eine Versandhausniederlassung in einem der Bäckerläden und drei Gaststätten. Noch in den 80er Jahren setzten unsere noch nicht schulpflichtigen Söhne an einer der Ladentheken im Dorf die Münzzuwendungen von Oma heimlich in ‚verbotene‘ Leckereien um. Wie wir erst viele Jahre später erfuhren. Heute wäre das mangels Möglichkeiten nicht mehr machbar. Jedenfalls nicht an altem Ort.

Versorgungsstationen

Unter einem Regendach zwischen dem Flüßchen Schildau und der ‚Domäne‘ ersetzt heute eine öffentliche Lebensmittelversorgungsstation auf ca. zwei Quadratmetern die früheren Einkaufsmöglichkeiten nur spärlich: Ein Kühlschrank gefüllt mit Zehnerpacks Eiern, vom Bauern irgendwo aus der Nachbarschaft, ein Kühlschrank mit Honiggläsern, befüllt vom Seesener Imker, und eine Kiste mit abgepackten Kartoffeln, auch aus der Gegend. Daneben kleine, festmontierte Kassen, in denen der geneigte Kunde den ausgepreisten Obulus abgezählt hinterlassen möge. Sehr praktisch. Wir nehmen ein Zehnerpack Eier und ein Glas Honig mit auf die Reise zurück nach Hannover. Und hinterlassen den geforderten Betrag.

Eine letzte Gaststätte, der Kammerkrug, scheint noch in Nutzung zu sein, ausgewiesene Öffnungszeiten oder eine Speisen- und Getränkekarte finde ich nicht, allerdings einen Auftritt bei „Facebook“. Dann gibt es einen Kiosk incl. Getränkehandel dort, wo früher in einer Tischlerei gewerkelt wurde. Der hat nur stundenweise geöffnet. Für die Dorfgesundheit bietet eine Heilpraktikerin ihre Dienste an. Für einen Arztbesuch müsste man nach Seesen fahren. Dorthin konnte man bis 1989 auch den schienengebundenen Nahverkehr der Bahn nutzen. Die Verbindung vom Bornhäuser Bahnhof existiert schon lange nicht mehr, die Schienen der Strecke Derneburg - Seesen sind teilweise abgebaut. Auf einem Abschnitt verläuft mittlerweile ein touristischer Radweg. Würde man den Europaradweg R1 von Boulognesur-Mer bis St. Petersburg fahren – irgendwann führe man auch durch Bornhausen über die Schildau. So hat die große Weltpolitik nach der deutschen Einheit auch in Bornhausen sichtbaren Einzug gehalten.

Im Gebäude der ehemaligen Schule – jetzt Teil des Dorfgemeinschaftshauses – ist seit 1986 ein Kindergarten in Trägerschaft des ‚Kindergarten Selbsthilfeverein Bornhausen‘ beheimatet. Die lärmenden Dorfjüngsten sind nicht zu überhören. Die Kirche samt Pfarrhaus hat man natürlich im Dorf gelassen, auch wenn der Pfarrer seit einiger Zeit auch die Schäfchen in den benachbarten Dörfern Mechtshausen und Bilderlahe mitversorgen muß. In Sichtweite runden eine Tankstelle mit EC-Karten-Zahlung, wo früher die Bauern ihren steuerbefreiten Raiffeisen-Diesel zapfen konnten, und ein Geldautomat das Bornhäuser Dienstleistungsangebot ab. So sieht die Infrastruktur eines gewachsenen Dorfes von heute aus.

Damals

Natürlich schauen wir auch an P.s Elternhaus vorbei. Das ist so ein einfaches freistehendes Einfamilienhaus, wie es in vielen Dörfern zu finden ist. Nach dem Krieg wurde es im Einheitsbaustil der Niedersächsischen Siedlungsbaugesellschaft mit preiswerten Krediten gefördert: Satteldach, Keller, Untergeschoss, Obergeschoss, Dachboden, überdachter Hauseingang, kleiner Multifunktionsstall, großer Garten. In den Genuss der Baumittel kamen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Voraussetzung war allerdings, dass sie dort einen Bauernhof besessen hatten. So wurden im ländlichen Raum ganze Neubaugebiete als Nebenerwerbssiedlungen zur Selbstversorgung erschlossen. Flüchtlingspolitik der fünfziger Jahre.

Wir stehen vor dem Gartenzaun und sehen, dass die früheren Nutzflächen eines großen Obst- und Gemüsegartens pflegeleichtem Rasen gewichen sind. Vor dem Haus stehen diese modernen, in Form geschnittenen Buchsbäumchen auf hellem sauberen, unwirklich weiß wirkendem Kies, warum auch immer. Die große Tanne ist abgeholzt. Auf mich wirkte früher alles viel gemütlicher. Bei der Gemütlichkeit war auch Schnaps mit im Spiel. Der Schnaps – immer ein Klarer – den ich mit dem Schwiegervater nach einigen Runden Schafskopf trank oder wenn er mir seine Sorgen über die linken Ideen seiner Tochter, die auch meine waren, anvertraute. Seine Familie gehörte zu denen, die vor den Russen – den Kommunisten – hierher ins Harzvorland geflohen waren. Unsere vermutete politische Weltsicht weckte unangenehme Erinnerungen und alte Ängste in ihm.

Den letzten Schnaps, den ich in Bornhausen trank, nahm ich mit St., meinem Schwippschwager aus dem tiefsten Bayern, und dem Onkel O. meiner Frau aus dem nahen Vienenburg im Kammerkrug zu mir. Wir hatten uns dort im Saal mit Freunden und Verwandten zur siebzigsten Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter zusammengefunden. Onkel O. hatte uns an der Theke eine Runde Kümmel bestellt, den es nur hier gab. Eine regionale Spezialität. Sie mundete uns dreien so gut, dass die Flasche am Abend wohl geleert wurde. Als meine Frau uns nachts mit unseren kleinen Kindern in unserer „Ente“ in strömendem Regen auf der Autobahn zurück nach Hannover fuhren – sie saß natürlich nüchtern am Steuer! -, stank es von meinem Atem im Auto wie in einer Kneipe. Wie das Schicksal es wollte, hielt uns die Polizei an. Sie machte uns auf ein defektes Rücklicht aufmerksam und komplimentierte uns zur nächsten Tankstelle abseits der Autobahn. Zu Alkoholgenuss befragten sie uns nicht. Obwohl mein Atem doch ein hohes Maß an Trunkenheit verströmt haben musste.

Das Grab des Zeichners

Bevor wir heute weiter zu Fuß in das Nachbardorf Mechtshausen gehen, möchten wir uns noch im dörflichen Postmuseum des Herrn Puhst umschauen. Doch im Museum dieses alteingesessenen Dorfbewohners und ehemaligem Postangestellten, dessen Vorfahren erst Post, dann Pust hießen, finden wir leider keinen Einlass. So entgeht uns der Anblick von Briefen, Briefmarken, Uniformen, Telefonen und vielem mehr aus vergangenen staatlichen Bundespostzeiten. Die Ehefrau des Postmuseumleiters, die auch das vorher von uns besuchte Elterngrab im Auftrag der Familie pflegt, teilt uns an der Wohnungstür mit, dass sie mit ihrem Mann zu einer Beerdigung auf den Friedhof müsse und es daher leider keine Öffnungszeit und Museumsführung für uns geben könne.

Der November ist in unserem Kulturkreis der Totenmonat. So passt auch unser nächstes Ziel in Mechtshausen. Dorthin gelangen wir von Bornhausen aus per pedes über eine Landstraße, begleitet von herbstlich entlaubten Apfelbäumen. Einige der letzten Früchte sind erst frisch in den Grünstreifen gefallen und werden als Wegzehrung eingesteckt. Dann erreichen wir, auf einem Weg durch Felder wandernd, einen Friedhof. Von hier, am Dorfrand erhaben gelegen, geht der Blick über das sanft gewellte und hügelige Harzer Vorland hinweg. Das Grab von Wilhelm Busch steht gepflegt, aber etwas schmucklos da, umrankt von Efeu, flankiert von immergrünen Büschen. Attraktiver erscheint das benachbarte "Seemannsgrab", ein steinerner Baumstumpf, ohne Pflanzenschmuck blank auf dem Rasengrund stehend. Der ist umschlungen von einem steinernen Tampen, endend am steinernen Anker. Die steinerne Inschrift ist leider nicht mehr lesbar. So bleibt uns der Ursprung dieser maritimen Gedenkstätte weit ab vom nächsten befahrbaren Meer verborgen.

Die Originale der im Dorf aufgestellten Skulptur von Max und Moritz vor der Kirche sind dafür weltbekannt. Die gußeisernen Comicfiguren weisen uns den Weg zum letzten Wohnhaus des berühmten Mechtshäuser Bürgers. Das Hinweisschild dort ist geschmückt mit dem bekanntesten Selbstportrait des Künstlers aus dem Jahr 1894. Allerdings hat das Haus am heutigen Tag geschlossen. So kehren wir um und gehen auf dem Wilhelm-Busch-Ring Richtung Bushaltestelle.

Mechtshausen ist nicht gerade der Ort, in den ich mich hineinträumen würde. Baumarktangebote und Bausparkassen-Kundenzeitungen haben hier sichtbar Spuren hinterlassen. Neben stolzen alten Gebäuden ist vorgefertigte Stangenware auf den Baugrundstücken gewachsen. Der örtliche Bierkrug steht offen. Wir spazieren durch den Schankraum, durch den Saal, klopfen, rufen in die Küche hinein, die Stiege zum Wohnraum hinauf. Keine Antwort, alle Räume sind menschenleer. Durstig ziehen wir von dannen und warten an der Haltestelle noch eine Stunde lang auf den Bus nach Seesen. Dieser wird im Auftrag der Deutschen Bahn von einem Fahrer gesteuert, der unser Niedersachsenticket akzeptiert. Nach einer Stärkung in der Seesener Fußgängerzone bringen uns am frühen Abend Regionalbahnen über Kreiensen nach Hannover zurück.

Schlagzeilen aus Hannover, Deutschland und der Welt:

Meinem Verein Hannover 96 gelingt in der 2.Liga mit Mühe ein Pflichtsieg gegen Erzgebirge Aue, eine Rollstuhlfahrerin stürzt von der Rampe eines Regio-Busses (Region Hannover) und das neue Pflaster am Kröpcke (Platz in der City Hannovers) bröckelt. Rot-Grün in Niedersachsen fordert Türkisch und Arabisch als Schulfach. Der VW-Chef beklagt sich über die Inkonsequenz der Deutschen bei der E-Mobilität. Im syrischen Aleppo hat der Krieg alle Kliniken zerstört.

traumbild

ich bin unterwegs auf einer straße sie ist sehr befahren mittig laufen schienen beides scharf erkennbar was daneben sei erscheint verschwommen die straße als ob sie bekannt sei aus meiner stadt und ich sei ein fremder in ihr mir ist als wolle ich in eine straßenbahn einsteigen dort an einem hochbahnsteig der sieht so aus wie eine einfache haltestelle dann auch gleichzeitig wieder wie ein bahnhof mit vielen bahnsteigen ich suche nach einem fahrplan finde keinen der ausgehängt wäre neben mir fährt gerade eine bahn ab ich bin wie gelähmt kann mich nicht bewegen sodass ich nicht in sie einsteigen kann obwohl ich will.

diese straßenbahn hat besondere waggons nicht wie eine straßenbahn eher wie eine vergnügungsparkbahn oder wie eine touristische sightseeingbahn oder wie eine kinderbimmelbahn auf einem jahrmarktkarussell die stimmung der menschen inwendig sieht aus wie eine vergnügliche kaffeefahrt sie ist aber nicht hörbar sie schwingt nur inwendig in mir.

die vergnügliche bahnlinie fährt nur eingleisig in eine richtung auf dieser strecke ich gehe auf diesem bahnsteig weiter da sehe ich eine weitere bahn auf einem anderen gleis an einer anderen haltestelle abfahren die ich verpasse ich hätte auch nicht gewußt wo sie hinfährt und entscheide mich zur nächsten haltestelle zu fuß zu gehen.

ich wandere auf der straße an den gleisen entlang komme an eine stelle wo die straßenbahngleise zu eisenbahngleisen werden mehrere nebeneinander und dann schon wieder in die gleise der straßenbahn münden sie führen hinein und heraus aus einem verödeten industriegelände und die fröhliche kinderbimmelbahn fährt da geradewegs hinein.

an dieser stelle ändert sich mein weg ich muss zu einer verabredung wohl weil meine söhne zu meinen großeltern wollen die ja eigentlich schon lange verstorben sind aber wir sollen uns mit ihnen treffen und keiner ist da ich mache mir so meine gedanken wie ich dann doch noch weiter käme schaue mich zur orientierung in der landschaft um wo ich wohl wäre aber diese landschaft ist mir gänzlich unbekannt ich stehe auf einer anhöhe schaue hinein in diese landschaft die so aussieht wie eine gegend weit außerhalb einer stadt schaue hinunter auf einen kleinen see wälder wiesen haine und häuser die stehen wie abgeschieden da.

in die weitere richtung die ich meine nehmen zu müssen orientiere ich mich am stand der untergehenden sonne ich denke mir ich müsse nach norden gehen in dieser richtung befindet sich nur wald ich denke das wird aber noch die ein oder andere stunde dauern bevor ich dort bin wo ich hin soll.

da will ich mein smartphone nehmen und anrufen mir fällt ein ich habe da eine app drauf mit einer karte und könnte es als navi benutzen doch draußen ist es schon dunkel geworden der bildschirm ist auch dunkel sodass ich die app nicht finden kann es gelingt mir gerade noch zu telefonieren.

ich will und weiß nicht warum meine schwester anrufen ob mein sohn aus hamburg schon unterwegs sei oder schon da wäre sagen dass ich mich verspäten würde finde mich währenddessen schon in der wohnung meiner eltern wieder rufe bei meinem sohn an bekomme aber keine verbindung obwohl ich mit dem gespräch offenbar durchkomme ich höre nur komische geräusche zwischendurch bruchstückhaft die stimme meines sohnes aber es kommt keine verständigung zustande wie durch zauberhand steht er auch schon direkt neben mir im zimmer wir unterhalten uns im ungewöhnlich chaotischen durcheinander eines zimmers meiner eltern die nicht anwesend sind wo sie sind keine ahnung sie sind wohl schon länger nicht da.

2.Etappe

Zum Klosterwanderweg von Wöltingerode bis Wernigerode

23. - 27.Januar 2017

Reiseverlauf

Diese zweite Reiseetappe führt mich von Niedersachsen nach Sachsen-Anhalt, von Seesen entlang des nördlichen Harzvorlands bis nach Wernigerode. Dabei lege ich in fünf Linien des ÖPNV einen Fahrtweg von ca. 67 Kilometern in insgesamt 2: 50 Std. zurück. Dazu kommt eine Wanderung von 15 km. (Weitere Daten befinden sich im Anhang!).

Winter

Die Kälte kriecht mir unangenehm unter die Haut. Ich stehe in Kreiensen in aller Herrgottsfrühe an Gleis 52 und friere beim Warten auf den Anschluß nach Seesen. Es ist noch dunkel. Geräusche aller Art, die von so einem Ort um diese Zeit hervorgebracht werden, sind gedämpft, wie eingepackt in matte morgendliche Müdigkeit. In Seesen angekommen starte ich mit dem Bus. Lange bin ich der einzige Fahrgast. Die Schüler*innen sind schon durch und sitzen sicherlich in gut geheizten Klassenräumen. In Lutter am Barenberge, an der Haltestelle für den Bus nach Goslar, fröstele ich weiter. Da sollte die Sonne doch längst aufgegangen sein. Irgendwo wird sie wohl scheinen, bloß nicht dort, wo ich bin. Nur fahles diffuses Licht bedeckt den Ort. Drei Tage lang, bis ich erstmals im Kloster Drübeck morgens in meinem Zimmer aufwachen werde, soll ich sie nicht sehen. Nur Nebel, Schnee, graue Landschaft. Das Ziel dieser Etappe ist ein Teil des Klosterwanderweges am Harz. Dorthin bin ich unterwegs.

Geschichtsschreibung

In Goslar lege ich einen Zwischenstopp ein. Die gebuchte Unterkunft in der Altstadt ist bei meiner Ankunft gerade einmal 13 Grad Celsius kühl. Ich hätte mich doch gerne aufgewärmt. Das wird notgedrungen verschoben. Diesen und die nächsten trüben Tage will ich zum touristischen Sightseeing nutzen. Zunächst schließe ich mich einer Führung an, Helm auf dem Kopf. Es geht unter Tage, in den Roederstollen des Rammelsberges. Hier ist es immerhin gut 15 Grad wärmer als draußen. Aber auch dunkel und feucht. Was für ein unwirtlicher Ort. Im Mittelalter hielten sich die Bergleute hier 14 Stunden am Tag auf, um bis zum Umfallen Erzgestein zu brechen. Zu schuften. Damals noch mit Hammer und Meißel. Einer hält das Eisen, der andere schlägt mit dem Fäustel zu. Auch als Museum wirkt die Strecke noch bedrückend. Nach 1000 Jahren wurde das gesamte Bergwerk 1988 geschlossen und 1992 als Besucherbergwerk zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.

Im Saal der Kaiserpfalz ist geheizt, bunte Historiengemälde bringen ein wenig Farbe in die monochrome Tagesstimmung und eine Ahnung vom Geschichtsbild des ausführenden Künstlers, wie es im Deutschen Reich des ausgehenden 19.Jahrhunderts wohl weit verbreitet war. Das Elend der Bergarbeiter, die den Reichtum der Kaiser aus dem Berg schlugen, findet darauf nicht statt. Stattdessen das Märchen von Dornröschen als politische Allegorie auf den Niedergang des Heiligen Römischen Reiches und die "Wiedererstehung des deutschen Reiches" im Jahr 1871 durch Kaiser Wilhelm I.

In der Zeit vom 8. bis 15.Jahrhundert benötigten die frühen Könige und Kaiser Pfalzen wie in Goslar, um auf ihren Reisen durch ihre Herrschaftsgebiete angemessen Station machen zu können. Es gab noch keine Hauptstadt, noch kein herausgehobenes Machtzentrum. Deswegen waren diese Reisekönige oder Reisekaiser regelmäßig mit ihrem Hofstaat, einem großen Gefolge, von Pfalz zu Pfalz unterwegs. Davon kündet im Gewölbekeller des erhaltenen Pfalzbaus eine überaus interessante Ausstellung. Leider erfahre ich nur wenig über mittelalterliche Wegeverhältnisse und die Art und Weise, wie vor tausend Jahren mit einem königlichen Tross innerhalb eines Jahres mal soeben 4000 Kilometer zurückgelegt werden konnten. Eine ambitionierte Leistung, vor der ich alter Schlappinsland durchaus meinen Wanderhut ziehen kann. Über die Lebensverhältnisse der Menschen, die für das Funktionieren dieses Königspalastes sorgten, erfahre ich hier auch nichts. Bertolt Brecht mit seinem Gedicht, beginnend mit der Frage "Wer erbaute das siebentorige Theben?" schiebt sich in meine Erinnerung. Zusammen gedacht bekommen Kaiserpfalz und Rammelsberg dann doch einen tieferen Sinn.

Bier und Schnaps

Der angenehmere Gruß aus dem Mittelalter als die Geschichten von Schufterei und Herrscherränke ist mir das Gosebier. Benannt nach dem Harzer Fließgewässer, das Goslar den Namen gab und dem vor Zeiten das Wasser zum Bierbrauen entnommen wurde, genieße ich es zu deftigem Braunkohl mit Harzer Schmorwurst. Und genehmige mir danach einen doppelten Kümmel einer nahegelegenen Klosterbrennerei. Das Bier mundet mir besser. Die Gose nimmt in Goslar den Wasserlauf der Abzucht, dem früheren Abwassergraben des Bergbaus, auf und quert mit dem neuen Namen die Altstadt. Sie endet kurz darauf schon wieder im Stadtteil Oker in dem Flüsschen Oker. Ich spaziere diesen Wildbach entlang und bestaune von hier aus die alten Gemäuer des Ortes. Etwas entfernt der bunten, prahlenden Geschäfte und der sich gar nicht einfügen wollenden Betongestaltung großer Kaufhäuser inmitten der Weltkulturerbe-Altstadt, wirken Zusammenstellung und Architektur hier viel spannender. Weil organisch gewachsen. Steingewordene alte Handwerkskunst, die ich gleichsam atmen kann. Doch wie lange wird dieses Freiluftmuseum noch zu erhalten sein? Wie groß der Aufwand, dies alles noch einmal Jahrhunderte hinüber zu retten? Sei es wie es sei. Mich erfreut es jetzt. Noch schöner stelle ich es mir vor, zwischen Frühling und Herbst hier zu sein. Wenn Blattgrün und Himmelblau einen passenden Kontrast bewirken.

Nach zwei Tagen Weltkulturerbe ist das Kloster Wöltingerode Ausgangspunkt für meinen weiteren Weg den Harzrand entlang. Ich erreiche es mit dem 822er Linienbus. Das ehemalige Kloster beherbergt heute einige gewerbliche Betriebe wie auch ein Hotel mit Tagungsräumen. Die einzigen vom früheren Sakralbetrieb verbliebenen geistlichen Institutionen auf dem Gelände sind die heutige Kornbrennerei und die Klosterkirche. Außer der Hotel-Rezeption ist heute alles geschlossen. Ich weiß nicht, was mich dort zum Fremdkörper macht, aber ich werde von der Diensthabenden nicht wirklich ernst genommen. Sie ist offensichtlich nicht in der Lage, mir verlässliche Informationen in kundenzugewandter Weise zu vermitteln. Ich kann sie dann doch nötigen, mir zwei Flaschen Klosterbrand zu verkaufen und mache mich auf den touristischen Klosterwanderweg in Richtung Kloster Drübeck. Durch eine offene winterliche Felderlandschaft ziehe ich meinen Wanderanhänger bis nach Abbenrode an die sogenannte "Brücke der Einheit" über das Flüsschen Ecker. Seit Wiedelah bei Vienenburg verläuft mein Wanderweg auf dem sogenannten ‚Grünen Band‘. Dieses zieht sich entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze quer durch die Republik. Wie hier an der Brücke sollen sich allenthalben quer durch Deutschland weitere Infopunkte und kleine Museen befinden. Ganz schaffe ich die für Wandersleute beschriebene Tagesetappe nicht. Das Geläuf auf Feld- und Waldwegen ist mit meinem ‚Gepäcksulky‘ doch anstrengender zu bewältigen als gedacht. Es herrscht leichtes Tauwetter. Verharschter Altschnee wechselt sich mit glattgefrorenen Abschnitten ab, auf geräumte matschige Feldwege folgen brüchige tauende Eisflächen. In Abbenrode fährt mir der Bus vor der Nase weg. Also weiter nach Stapelburg. Den einzigen Menschen, der mir dort auf meinem Weg begegnet, treffe ich gerade noch rechtzeitig, um mir bei der Suche nach der Bushaltestelle helfen zu können. Es ist ein auf sein Smartphone fixierter Knabe, der mir, kaum von seinem Handy aufschauend, beim Ausführen seines Hundes präzise den Weg weisen kann:" Geradeaus die Straße runter". Anderthalb Sekunden Information ermöglichen mir, die Buslinie 260 pünktlich zu erreichen. Glück gehabt. So komme ich über Ilsenburg zur Haltestelle Drübeck-West. Nicht weit davon checke ich im geschichtsträchtigen und modern sanierten Kloster Drübeck ein.

Gottesmänner

Dieses evangelische Zentrum beherbergt gerade eine große Gruppe angestellter Kirchenleute aus der ganzen Republik, die sich in ihrer Gemeinde um die Arbeit mit Konfirmanden kümmern. Am letzten Abend sitze ich beim Essen an einem Tisch mit drei jungen Kirchenmännern. Sie unterhalten sich über das Organisieren und Ausrichten größerer Events mit allem Drum und Dran, um die ihnen anempfohlenen Schäfchen mit modernen zeitgemäßen Gemeinschaftserlebnissen näher an Gott und Jesus, an ihre Gemeinschaft der Gläubigen heran zu führen. Sie schwärmen von dieser und jener Veranstaltungsform, von einem tausende Jugendlichen fassenden christlichen Camp in den USA und von einem interessanten Zeltlager in Otterndorf. Otterndorf? Ich horche auf. Ich melde mich zu Wort. Ich 'oute' mich als touristischer Fremdkörper in ihrer sakralen Runde und bekenne, schon vor 54 Jahren als Teenager abenteuerliche Ferien mit der AWO in Otterndorf an der Niederelbe, durchflossen von der Medem, verbracht zu haben. Und erzähle kurz und knapp von guten alten Zeiten und natürlich von meinen aktuellen Reisen.

Zurück in meinem Zimmer stelle ich verwundert fest, dass mein Reise-Esel 'Easy Livin' schon wieder verschwunden ist. Zuletzt, so erinnere ich, sah ich meine kleine Handpuppe unterwegs beim Fotografieren. Das war in der Nähe von Abbenrode auf einer Sitzbank, die eine als Engelsflügel stilisierte Lehne hat, wie sie entlang des Klosterwanderweges so herumstehen. Habe ich meinen langjährigen Reisebegleiter, meinen Talisman, Glücksbringer und guten Geist gleichermaßen, dort unbegleitet zurückgelassen? Das sähe mir ähnlich. Mittlerweile ist er schon das dritte Exemplar, das mir über die Jahre auf die ein oder andere Weise „entlaufen“ ist. Da am letzten Tag ausreichend Zeit ist, will ich mit dem Bus noch einmal zurück nach Abbenrode, um mich auf die Suche zu begeben. Beim Verlassen des Klostergeländes treffe ich einen der Gottesmänner von gestern Abend. Wir verabschieden uns voneinander. Er wünscht mir eine gute Reise, auf dass ich immer finde, was ich suche und fragt, ob er mir Gottes Segen mit auf den Weg geben dürfe. Ich habe nichts dagegen und denke mir, wenns denn hilft. Ich interpretiere es als freundliche Geste.

Esel der Vierte

Im Bus sitzend, klingen mir seine Worte nach. Ich stutze, denke: Hhmm? Warum wünscht er mir, zu finden was ich suche? Von der Suche nach dem Plüschesel habe ich doch kein Wort erwähnt. Merkwürdig. Soll das etwa ein gutes Omen sein? Der Linienbus bringt mich fix in die Nähe des Ortes meines Verlusts. Als kurtaxezahlender Tourist nutze ich den Bus kostenfrei. Das finde ich sehr in Ordnung. Und ertrage geduldig die strenge Ticketkontrolle und Zurechtweisung durch den Busfahrer, mein Kurtaxezahlungsbeleg sei nicht korrekt ausgefüllt. Ich nehme an, er ist ein Vertreter der deutschen Spezies, die sich ständig über Bürokratie und aufgeblähte Verwaltungen aufregen. Um sie wiederum 150prozentig auf seine Weise zu imitieren.

Auf dem Weg zur ‚Engelsbank‘ entdecke ich in Abbenrode einen kleinen Dorfladen namens 'Abbotheke'. Ich bin begeistert. Auf dem ausgewiesenen Wanderweg vor zwei Tagen wurde ich noch am Dorf vorbeigeführt. Nun stehe ich mittags in einer Mischung aus Kiosk, Schnellimbiß, Bäckerei-Café und Tante-Emma-Laden. Die Chefin mit russischem Akzent in der Stimme braut mir einen Pott Kaffee. Dazu gibts ein frisch zubereitetes Brötchen mit Mett, hier Häckerle genannt, und Zwiebeln. Was will ich mehr. Sie ist vor Jahren der Liebe wegen hierhergezogen. Bis dahin war sie in Karlsruhe Leiterin einer Aldi-Filiale. In der neuen Heimat gab es für sie keine Arbeit. So realisierte sie mithilfe ihres Mannes die Idee eines Dorfladens, hinter dessen Theke sie nun steht. Ich höre die kurze Zusammenfassung einer gewiss längeren Geschichte. Ob sich der Laden lohne, frage ich. Ach, antwortet sie etwas ausweichend, es sei wohl mehr ein Hobby. Darauf erzähle ich ihr meine Geschichte vom verlorenen Esel und bitte um freundliche Hilfe. Zu diesem Zweck hinterlasse ich meine Visitenkarte. Vielleicht hört sie mal was. Den Esel finde ich dort, wo ich wähnte, ihn wohl zurückgelassen zu haben, nicht. Schade auch. Vielleicht hatte ich den Segen des Gottesmannes vom Kloster Drübeck nicht ganz richtig interpretiert. Nach einer Stunde Wartezeit bringt mich der Bus über Drübeck zurück nach Wernigerode. Die HEX auf Gleisen der Deutschen Bahn nach Goslar, der ERIXX auf ebensolchen nach Hannover. Etappe zwei vorbei.

Nachrichten aus Hannover, Deutschland und der Welt:

In Hannover klagen Bürger*innen erneut gegen die Müllgebühren und Hannover 96 gewinnt in der 2.Liga gegen Dresden. Die türkische Regierung wirbt in Deutschland bei Landsleuten für eine tiefgreifende Verfassungsänderung in ihrem Land. Für eine militärische Übung werden 1000 US-Soldaten nach Polen verlegt.

traumbild

ich bin auf irgendeinem bahnhof suche den zug das gleis den bahnsteig weit und breit gibt es keine ausgehängten gedruckten fahrpläne mit ankunft und abfahrt keine elektronischen leuchtschriftanzeigen nur die üblichen bunten werbetafeln auf den bahnsteigen.

es ist als sei dieser bahnhof etwas ungewöhnlich gebaut denn es gibt einige bahnsteige die liegen parallel zueinander doch da wo ich hin muss wie ich irgendwie in erfahrung bringe liegt er etwas abseits entfernt nicht parallel zu den anderen bahnsteigen als ich dort ankomme um auf meinen zug zu warten gibt es dort keinen einzigen menschen.

da ist mir so dass ich noch etwas mitnehmen müsse habe es jedoch nicht dabei überlege noch mal zurückzugehen mein gepäck zu holen es muss auch eine ganz besondere bewandtnis mit diesem gepäck haben ich kann es trotz anstrengung aber nicht mehr erinnern ich bin auch unsicher weil ich ja nun nicht weiß wann der zug fährt aber er soll von dort abfahren das muss ich wohl wissen.

da füllt sich der bahnsteig mit leuten doch der zug erscheint nicht obschon es schon lange über die zeit sei ich weiß aber auch gar nicht wie ich feststellen kann dass es über die zeit sei ich erinnere mich nicht mal ob ich eine uhr sehe und woher ich denn wissen soll wann der zug fahre vielleicht ist da auch nur so eine ahnung in mir die sich so anfühlt als wäre es schon irgendwie zu spät und dass ich nicht mehr zu der zeit ankommen könne zu der ich wohl ankommen solle wo auch immer.

3.Etappe

Nach Bad Laer

20. - 24.Februar 2017

Reiseverlauf

Diese dritte Reiseetappe führt mich von Niedersachsen nach Nordhein-Westfalen, von Hannover über die Weser an den Teutoburger Wald bis nach Bad Laer. Dabei lege ich in dreizehn Linien des ÖPNV einen Fahrtweg von ca. 197 Kilometern in ingesamt 7: 10 Std. zurück. Dazu kommt ein Fußweg von 2,4 km. (Weitere Daten befinden sich im Anhang!).

Digitale Verbindungssuche

‚Über Peine, Pattensen nach Paris‘ sagt man in Hannover und umzu, wenn einer einen Umweg macht. Ursprünglich soll in diesem Sprichwort vor Peine noch Moskau genannt worden sein. Damit wurde Geschichtsforschern zufolge der Weg beschrieben, den Napoleons Heer während seiner Eroberungszüge nach Moskau und zurück wohl genommen habe. Mein friedlicher Umweg führt mich von Hannover nur über Pattensen, um danach durch viele mir unbekannte Dörfer und über Bad Salzuflen mein Ziel Bad Laer erreichen zu können. Ob die von mir gewählte Route der kürzeste Weg ist, weiß ich nicht. Mir kommt es wie ein Umweg vor. Ich verlasse mich bei der Auswahl meines Kurses auf die Rechenkünste einer schlauen App. Deren Logarithmen scheitern allerdings an sehr weiten Distanzen. Zumindest an der Strecke von Hannover nach Bad Laer. Dazu ist mein Blick auf einschlägiges Kartenwerk, zum Beispiel das einer weltbekannten Datenkrake, notwendig. Dieses habe ich gutgläubig auf mein Schmachtfon, geziert von der angebissenen Marke einer weltbekannten Gelddruckmaschine, geladen. Alles digital. Den Zwischenschritt Hannover - Hameln verarbeitet der Logarithmus dann erfolgreich, die App wird fündig. So verschlägt es mich zunächst zum ZOB von Pattensen. Nicht über Peine. Nicht nach Paris. An diesem Morgen sitze ich erst in meinem zweiten Bus und habe gleich mal eine ordentliche Verspätung. Ich steige aus und verpasse natürlich den Anschlussbus nach Springe. Und da sollen heute noch 5 Stunden mit 6 Umstiegen nur in Bussen des Öffentlichen Nahverkehrs auf der Fahrt zum Tagesziel Bad Salzuflen vor mir liegen. Na, das kann ja noch heiter werden.

Ein Mutantenbus

Eine Woche später, ich bin wieder zurück in Hannover, bitte ich das regionale Busunternehmen um Erstattung der durch die Verspätung in Pattensen ungültig gewordenen Fahrkarte. Die Antwort ist für mich lehrreich:

"Guten Tag Herr Weiland,

wir danken für Ihre Nachricht.

Der Bus der Linie 320, den Sie ab Pattensen ZOB nutzen wollten am 20.02.2017 um 10.12 Uhr, ist der Bus, mit dem Sie auch von Hannover aus als Linie 300 gekommen sind. Das Fahrzeug fährt die Linie 300 und im Anschluss daran die Linie 320. Sie hätten also im Bus bleiben können und wären dann weiter in Richtung Springe gefahren. Am Bus wird dies auch im Fahrtanzeiger kenntlich gemacht mit “Linie 300 weiter als Linie 320“.