... am allerliebsten ist mir eine gewisse Herzensbildung - Hanns Dieter Hüsch - E-Book

... am allerliebsten ist mir eine gewisse Herzensbildung E-Book

Hanns Dieter Hüsch

0,0

Beschreibung

Mit dem vorliegenden Band liegt der aufwendigste der Werkausgabe von Hanns Dieter Hüsch vor, der knapp 140 Gespräche aus den Jahren 1967 bis 2001 versammelt. Das thematische Spektrum der Interviews reicht von den Notstandsgesetzen bis zu einem Resumee seines kabarettistischen Schaffens, das er nach über fünf Jahrzehnten auf der Bühne zieht – und das oftmals direkter, spontaner als in seinen gedruckten oder aufgeführten Texten. In allen Antworten erweist sich Hüsch als wacher Zeitzeuge, der sich um immer wieder neue Formulierungen selbst bei ähnlichen Fragen bemüht. So liegt mit dem Interview-Band fast so etwas wie eine "parallele Biografie" vor.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 748

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Über dieses Buch

Mit dem vorliegenden Band liegt der aufwendigste der Werkausgabe von Hanns Dieter Hüsch vor, der knapp 140 Gespräche aus den Jahren 1967 bis 2001 versammelt. Das thematische Spektrum der Interviews reicht von den Notstandsgesetzen bis zu einem Resumee seines kabarettistischen Schaffens, das er nach über fünf Jahrzehnten auf der Bühne zieht – und das oftmals direkter, spontaner als in seinen gedruckten oder aufgeführten Texten. In allen Antworten erweist sich Hüsch als wacher Zeitzeuge, der sich um immer wieder neue Formulierungen selbst bei ähnlichen Fragen bemüht. So liegt mit dem Interview-Band fast so etwas wie eine »parallele Biografie« vor.

Der Autor

Hanns Dieter Hüsch (1925–2005) war Schriftsteller, Kabarettist, Liedermacher, Schauspieler, Synchronsprecher und Rundfunkmoderator. Mit über 53 Jahren auf deutschsprachigen Kabarettbühnen und 70 eigenen Programmen gilt er als einer der produktivsten und erfolgreichsten Vertreter des literarischen Kabaretts im Deutschland des 20. Jahrhunderts.

Hanns Dieter Hüsch: Das literarische Werk

Herausgegeben anlässlich seines 90. Geburtstags am 6. Mai 2015 von Helmut Lotz

Ich sing für die VerrücktenDie poetischen Texte

Denn in jeder Leiche ist ein Kind verstecktDie kabarettistischen Texte

… so dass sich die Landpfleger sehr verwundernDie politischen Texte

Ich habe nichts mehr nachzutragenDie christlichen Texte

Das Gemüt is ausschlaggebend. Alles andere is dumme QuatschDie Niederrhein-Texte

… dass die Erziehung seiner Kinder eine völlig verfahrene warDie Hagenbuch-Texte

Gemacht aus Bauern- und BeamtenschwächeDie autobiografischen Texte

… am allerliebsten ist mir eine gewisse HerzensbildungDie Interviews

Hanns Dieter Hüsch

… am allerliebsten ist mir eine gewisse Herzensbildung

Die InterviewsDas literarische Werk, Band 8

Mit einem Vorwort von Chris Rasche-Hüsch

Edition diá

Inhalt

Vorwort

Die Interviews

Verzeichnis der Interviews

Impressum

Vorwort

Dies ist der Band, in dem der Leser viel von Hüsch und über Hüsch erfährt: Namhafte und Namenlose, Hochberühmte und eher bescheidene Neugierige wollten ihn interviewen, und er hat (seine große Schwäche oder seine große Stärke?) nie Nein sagen können. Vielleicht kann ich als seine Gefährtin und Ehefrau dem noch ein wenig hinzufügen.

Wie kann es überhaupt sein, dass ein erfolgreicher 60-Jähriger und eine unbekannte 26-Jährige zusammenfinden und für zwei Jahrzehnte zusammenbleiben?

Das lag an ihm, der zeit seines Lebens geistig viel jünger war als ich. Er war zum Beispiel moderner bildender und darstellender Kunst gegenüber viel aufgeschlossener. Er kannte die neueste Pop- und Rockmusik und liebte es, diese in ohrenbetäubender Lautstärke zu hören, wenn ihn sein Tourneebegleiter Peter Neumann mit möglichst hoher Geschwindigkeit zu seinen Auftritten fuhr. Er selbst hatte nie einen Führerschein (»Mit so was kann ich mich nicht aufhalten«).

Er liebte es, noch lange nach der Vorstellung mit Freunden in Kneipen zu sitzen, den »Feierabend« zu genießen, zu reden, zu essen, zu trinken, und er hatte eine enorme Kondition, besser als wir Jungen. Und mit Jüngeren war er eigentlich immer zusammen, was auch ihn jung hielt.

Und das vielleicht Wichtigste war: Man konnte mit ihm lachen. An unbeschwerten Tagen (ohne Abgabedruck) konnte er von morgens bis abends vor sich hin blödeln. Es war dann nicht möglich, irgendwie vernünftig mit ihm zu reden, und ich lachte, bis mir der Bauch wehtat. Was mich zu dem Satz brachte: Am schlimmsten ist mein Mann, wenn er gute Laune hat. Und: Wir konnten miteinander streiten – was er, der von sich selbst behauptete, »aggressiv gehemmt« zu sein, sonst mit niemandem tat. Jedoch haben wir den Tag nie unversöhnt beendet.

Aber »Hüschens« nutzte die Möglichkeit, den Streit auf anderer Ebene fortzusetzen, auf der Bühne. Für das Publikum waren unsere aufgeschriebenen Zwistigkeiten sehr unterhaltsam, nur behielt er im Theater dann das letzte Wort, auf meine Kosten … Dennoch merkte man den Dialogen immer auch das Liebevolle an:

Das griechische Reich ging unter

Das römische Reich ging unter

[…]

Und das deutsche Reich ging unter

Und da kommst du mir wegen so einer blöden Tasse.

Er hätte für mich seinen rechten Arm gegeben, wenn man ihm versprochen hätte, dass er dann abends mit links hätte spielen können. Denn seine größte Liebe galt eben doch der Bühne.

Seine Liebe zu den Menschen, seine Toleranz, sein Humanismus haben mich, die Freunde und viele aus dem Publikum geprägt und somit unser Leben bereichert.

Chris Rasche-Hüsch, 2017

Christiane Rasche-Hüsch wurde 1959 in Castrop-Rauxel geboren. Nach dem Abitur und einigen Semestern Jura machte sie eine Ausbildung zur Textilreinigungsmeisterin, bekam somit keine Kleinkunstpreise und veröffentlichte auch keine Bücher. Sie lernte Hanns Dieter Hüsch 1985 kennen und heiratete ihn 1991. Sie lebt in Windeck, wo Hüsch 2005 starb. Alles andere über »die Chriiise« sollte man bei Hüsch nachlesen.

Die Interviews

»… eine Figur, die Freunde gewinnen will«

Herr Hüsch, wenn wir mal grob kategorisieren wollen, so scheint es heute ein Kabarett von »oben« und eins von »unten« zu geben, »von oben« ein Kabarett der Wahrheitsvermittler, mit dem Trend zum schnellen Verallgemeinern, ein Kabarett, das mit Werturteilen arbeitet. Auf der anderen Seite glauben wir bei Ihnen eine Form entdeckt zu haben, die Sie, wenn wir Sie zitieren dürfen, 1960 folgendermaßen gekennzeichnet haben:

»Wir wünschen uns ein äußerst ironisches Kabarett, ein von allen falschen Geistern verlassenes Kabarett, ein Kabarett mit einer Stakkato-Poesie, die uns kein Politiker nachmacht. Wir wollen überhaupt nicht mehr von den Herren der Welt reden. Wir haben keine Zeit mehr, von ihnen zu reden: Denn wir haben nur noch Zeit zu leben, sehr schnell zu leben. Wir wünschen uns ein skeptisches Kabarett von glasklarem Intellekt, herber Melancholie und verspieltem Herzen. Keine Vergleiche mit Schaukabaretts, keine Vergleiche mit Starparaden.«

Wir glauben, dass sich hier ein Standpunkt ausweist, der versucht, die Lücken im System ausfindig zu machen, der besagt: »Wir nisten uns da ein, wo wir möglichst viele Freiheitsgrade besitzen.« Interpretieren wir Sie da falsch?

Das, was Sie gerade zitiert haben, ist ein Aufsatz, vielleicht sogar ein Manifest für mich. Eine Überlegung am Schreibtisch: Wo bin ich eigentlich, wo steh ich in dem Gesamtrahmen? So etwas habe ich mir immer zu den Zeiten überlegt, in denen ich von der aktuellen Politik wegwollte, wo ich das Gefühl hatte: Das ist nicht dein Feld. Ich habe eigentlich nicht als politischer Kabarettist angefangen. Das ist auch nicht mein Gebiet, und da liegt auch meine Grenze. Ich blättere nicht Tag für Tag Zeitungen und hänge mich an den Fernsehapparat. Ich versuche nach wie vor, Menschen zu beobachten und ihnen zuzuhören: mit ihnen zu sprechen und das auf mich einwirken zu lassen. Manchmal dauert es drei oder vier Monate, manchmal sogar ein Jahr, bis dann eine kleine menschliche Betrachtung entsteht. Sie ist manchmal nicht klein, manchmal ist sie sogar böse und bissig.

Ich will gar keine Wahrheit verkünden, weil das ja nun schwer ist, die Wahrheit zu suchen, und erst recht, sie zu finden. Wenn Sie zitieren: »Wir wollen nicht mehr über die Herren dieser Welt reden«, dann möchte ich damit sagen, die Sprache, die dort gesprochen wird, kann gar nicht mehr meine Sprache sein! Das Wichtigste, was ich auch heute noch unterstreichen würde, ist der Satz: »ein äußerst skeptisches Kabarett«. Ich meine, skeptisch nicht nur gegenüber dem, was man in der Zeitung liest, sondern gegenüber allem, was einem begegnet, vor allem aber gegen sich selbst, also zweifeln. Wenn ich versuche, eine Sache zu betrachten, merke ich, dass ich mit drei Sätzen vorstoßen kann und beim dritten Satz mir dann sage: Moment, Vorsicht, wie ist denn das, nun bist du schon fast übers Ziel hinausgeschossen. Weil ich genau weiß, da sind irgendwelche anderen Gruppen von Menschen, die können dir genau das Entgegengesetzte vorhalten, und die haben wahrscheinlich auch recht. Es entsteht eine gewisse Vor- und Rückmethode. Ich komme immer wieder dazu, dass ich mir sage: Wie kommst du eigentlich dazu, dich auf die Bühne zu stellen und nun zu tun, als hättest du die ganz, ganz große Wahrheit gefunden und darfst sie nun auch zwei Stunden den Leuten, die auch ihr Eintrittsgeld bezahlt haben und sich bequemt haben zu kommen, von oben heruntergepfeffert verkünden?

Das kann ich nicht. Einmal ist das eine Temperamentsfrage, zum anderen geht es mir rein künstlerisch gegen den Strich.

Nehmen wir einmal ein ganz konkretes Thema, Vietnam, worüber viele Lieder geschrieben werden, die bestimmt auch alle gut gemeint sind. So habe ich mir überlegt, was könnte ich zu Vietnam sagen? Ich bin gar nicht so genau informiert, vielleicht ist das ein Fehler, vielleicht sollte man sich besser informieren.

Ich würde zum Beispiel zu einem alten Erdkundebuch von vor dem Indochinakrieg greifen, in dem dieses Land in der typischen Art eines Schulbuches beschrieben ist und wo steht: So und so viel Reis, und schöne Täler und herrliche Flüsse, und die Menschen sind lieb und zauberhaft und haben diesen merkwürdigen asiatischen Charme. Das würde ich vorlesen und würde sagen: aus einem alten Erdkundebuch, Velhagen & Klasing, aus dem Jahre 1942 oder 1943. Licht aus und weg. Das wäre meine Art.

Sie verfolgen also primär ein franziskanisches Element, in dem sie unabhängig von persönlichen Sympathien und Antipathien das Verständnis der Dinge herausstellen. Von der Voraussetzung ausgehend, dass, je mehr man beobachtet und glaubt die Zusammenhänge zu erkennen, umso mehr sich diese Zusammenhänge relativieren und umso weniger ein eindeutiges Urteil möglich ist. Ihr Satz »Ich bin nicht dafür, ich bin nicht dagegen« ist wohl die programmatische Überschrift dieses Reflexionszustandes.

Wenn wir mal bei diesem Chanson bleiben: Die Kritiker, die nur die ersten vier Zeilen beachten und sagen, »Aha da sieht man wieder die Standpunktlosigkeit«, diese Kritiker haben dann versäumt, sich den Rest anzuhören, wo ich versuche zu erklären, wie schwer es für mich ist, hinter die Dinge zu schauen.

Ich bin da sehr viel vorsichtiger geworden. Früher habe ich zum Beispiel gesagt: »Wer Pro sagt, muss auch These sagen.« Das haben die Leute als hautnah empfunden und bejubelt; aber das kann ich heute nicht mehr. Mir gelingt zwar alle zwei, drei Jahre eine Nummer, die dann als Resümee der jeweils vorausgegangenen Zeit erscheint. Das hindert nicht daran, dass die Kritiker fragen, wo bleibt der Hüsch von vor 15 Jahren, der Hüsch, der noch aggressiv auftrat.

Nun wird dieses Argument meistens von Leuten gebracht, die mit Werner Finck sinngemäß meinen, »Kabarett kann erst dann wieder wirksam werden, wenn sich die Polizei im Zuschauerraum eingenistet hat«. Der Widerspruch, der in dieser Forderung steckt, würde heißen, dass nur der Wirksamkeit des Kabaretts wegen die politischen Verhältnisse sich denen im Dritten Reich nähern müssten. Doch gerade jene Verhältnisse möchte man mit dem Kabarett im Keim ersticken. Dieser Satz verbirgt darüber hin­aus ein erklecklich Maß an Eigenliebe: Das Angehörtwerden, die Wirkung, die angestrebte Einflussnahme des Kabarettisten ist politischen Verhältnissen, in denen sich einigermaßen erträglich leben lässt, vorzuziehen.

Da frage ich mich auch, was soll das. Bei allem Engagement, dem ich mich verpflichtet fühle, darf ich vielleicht sagen, ich möchte innerhalb des Kabaretts das sein, was zum Beispiel innerhalb der Pantomime Marcel Marceau ist. Nicht dieselben Geschichten, aber auch eine Figur. Und zwar eine Figur, die Freunde gewinnen will. Dabei ist es mir egal, ob das Freunde unter Kommunisten, Katholiken, Kapitalisten, Andersfarbigen sind. Das sind dann tatsächlich die Leute, die einem folgen, die noch da sind.

Wenn ich mein Fazit ziehe, dann muss ich sagen: Mehr kommt dabei für mich nicht heraus. Vielleicht aber klingt das heute zu idyllisch.

Das Gespräch führten Martin Degenhardt und Reinhard Hippen in Mainz. Veröffentlicht unter dem Titel »hüsch« in »Song. Chanson Folklore Bänkelsang«, Nürnberg, 4/1967

»Die Welt ist noch nicht zu Ende gedacht«

Aus welchen Gründen sind Sie Kabarettist geworden?

Ich bin in einer relativ unmusischen Beamtenfamilie groß geworden, nette Leute, die aus mir einen Kabarettisten gemacht haben, ohne dass sie es wussten und wollten.

Dann habe ich sehr früh festgestellt, dass es Menschen gibt, die andere ständig beurteilen und verurteilen aufgrund blödsinniger Dinge, sei es, dass sie eine andere Religion oder Lebensführung haben oder dass sie gesellschaftlich nicht irgendwie besonders sind. Das war das Erste, was ich auffing und wogegen ich mich innerlich wehrte, gegen diese Kategorisierung von Menschen und gegen dieses Sich-Dünken, besser zu sein und es auch besser zu machen.

In einem Ihrer Lieder singen Sie vom »Marsch der Minderheit« – was ist das für eine Minderheit, und welches sind deren Ziele?

Ich meine eine Minderheit, die schon seit Jahrtausenden unterwegs ist, diese Welt zu verbessern und zu verändern, für den Menschen Zustände herzustellen, die ihn eigentlich erst zum Menschen machen; eine Minderheit sind für mich die Leute alle, die in der langen Menschheitsgeschichte als Utopisten, Träumer und als Forderer von Dingen, von denen man gemeinhin annimmt, dass sie unmöglich sind, auftreten und die im Grunde genommen bis heute noch nicht viel erreicht haben. Ich glaube eben an diese Minderheit, die natürlich in jedem Jahrhundert anders aussieht.

In diesem Lied sind ja ganz verschiedene Bilder drin, es sind die christlichen Katakomben, es ist das polnische Ghetto, es sind die Judenverfolgungen, die Chinesen auf ihrem langen Marsch, es ist Da Nang, Harlem, es sind überall die Minderheiten, die sich gegen Unterdrückung wehren und die darüber hinaus der Welt ein neues Bild geben können, wobei natürlich nicht gesagt ist, dass das von heute auf morgen anders sein muss. Wir stehen vielleicht gerade erst am Anfang oder in der Mitte dieses Marsches, aber wir sollten ihn fortsetzen.

Wenn überhaupt – worin unterscheiden Sie sich von Ihren Kollegen Neuss, Süverkrüp und Degenhardt?

Ich bin von allen vieren, mich jetzt also mitgerechnet, der »Mildeste« und »Liebenswürdigste«, das immer in Anführungszeichen, denn der Hintergrund der Geschichten ist weitaus böser, als er vorgetragen wird. Aber auch meine politische Meinung tendiert sehr stark nach links, das heißt aber, wie in meinem neuen Chanson, »ich lasse mir von niemandem etwas vorschreiben«, was ich zu singen und zu sagen habe.

Was missfällt Ihnen an unserer heutigen Gesellschaft?

Wir stehen still, es geht uns gut, aber der heutige Mensch lebt für sich hin, er sieht zu, dass es ihm gut geht, aber für die Entwicklung des Menschen allgemein wird nichts getan. Ich höre immer: »Ich weiß gar nicht, was Sie wollen, es geht uns doch gut!« Das bestreite ich ja nicht; auch mir und meinen Kollegen geht es gut. Aber die Welt ist noch nicht zu Ende gedacht; es geht darum, die Gesellschaft, in der wir leben, ständig zu verbessern und über sie zu diskutieren.

Wollen Sie die permanente Evolution oder die permanente Revolution?

Ich möchte eine permanente Revolution, was sich bei mir aber nicht unbedingt in Straßenschlachten, Barrikaden und Steinwürfen ausdrücken soll, sondern ein ständiges Verändern der Dinge, das heißt ein ständiges Arbeiten an den Dingen, und dass ein Arbeiten an den Dingen ein Verändern der Dinge bedeutet, ist doch ganz klar.

Was missfällt Ihnen an der parlamentarischen Demokratie?

Alle vier Jahre darf ich wählen, was heißt das schon? Ich kann mich an den Plakaten orientieren: »Sicherheit und Ordnung«, »Wohlstand und Fortschritt«, mehr bringen mir die Parteien doch nicht entgegen. Dann wähle ich irgendeine Partei, damit die Rechte nicht stärker wird. Zum Beispiel jetzt bei der Notstandsgesetzgebung: Warum hat man das Volk nicht befragt? Das Modell unserer Demokratie ist einfach nicht gut. Die Demokratie muss verzweigter werden, denn sie wird ja mehr oder weniger von oben angeordnet, das ist ja gar keine Demokratie.

Wäre Ihnen eine Rätedemokratie lieber?

Ich weiß nicht, ob Sie mir lieber wäre, aber man könnte sie vielleicht einmal ausprobieren. So etwas tut man ja in Deutschland nicht! Ich verlange natürlich nicht, dass von heute auf morgen eine Räterepublik ausgerufen wird, es geht darum, dass die Minderheit, die sich gegenwärtig dafür einsetzt, vergrößert wird und dass daraus vielleicht einmal eine Mehrheit wird – und das heißt: sehr viel Arbeit.

Bekennen Sie sich zur außerparlamentarischen Opposition?

Ja, ich bekenne mich zu ihr ohne Einschränkung. Ich muss ihr allerdings vorwerfen, dass sie in manchen Dingen große taktische Fehler begangen hat. Auch stelle ich mich auf den Standpunkt, dass die APO, insbesondere der SDS, die bürgerliche Mitte viel zu sehr außer Acht lässt und sich stattdessen nur auf den Arbeiter konzentriert. Trotzdem sind die Erfolge bei den Arbeitern minimal. Der deutsche Arbeiter ist inzwischen auch schon ein Kleinbürger, der in vielen Dingen faschistischer denkt, als wir gerne wahrhaben wollen.

Was halten Sie, kurz zusammengefasst, von den Notstandsgesetzen?

Ich lehne sie ab! Muss denn das deutsche Volk, das die Nazizeit gerade einigermaßen hinter sich gebracht hat, sofort wieder in seiner Freiheit eingeschränkt werden, ganz davon abgesehen, dass ich meine, ein Volk sollte so wenig wie möglich regiert werden. Liest man nun die großen Annoncen der Bundesregierung in den Zeitungen: »Keine Zwangsarbeit, keine Pressezensur« und so weiter – das ist doch lachhaft; keine Pressezensur, wo ich doch ständig bei Rundfunk und Fernsehen zu tun habe – überall ist Zensur!

Was muss an unserem Schulsystem geändert werden, und kann der Streik ein Mittel der Schüler sein, ihre Forderungen durchzusetzen?

Unser ganzer Schulbetrieb müsste völlig über den Haufen geworfen werden. Man müsste politisch viel pragmatischer werden und den Kindern, wie es die katholische Kirche in ihren Dingen tut, eine Art politischen Lebensunterricht von Anfang an vermitteln, dass es ganz wichtige Dinge im Leben gibt, zum Beispiel gegen Krieg, gegen Rassenvorurteile, Religionsvorurteile, gegen Ausbeutung. Das halte ich für wichtiger als manche altphilologische Lektüre. Nun zum Streik: Er kann ein Mittel sein, aber ich verspreche mir keinen großen Erfolg davon. Die Schüler sollten im Unterricht mit den Lehrern diskutieren und agitieren, davon verspreche ich mir allein einen Erfolg.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Der größte Plan ist, dass wir im Oktober das »Quartett 68« starten wollen, das heißt das Quartett Neuss, Degenhardt, Süverkrüp, Hüsch; das wird eine Tournee, die von Berlin aus durch die Bundesrepublik gehen soll. Ende Juli habe ich eine zehntägige Tournee durch die Schweiz vor; außerdem habe ich verschiedene Rundfunkverpflichtungen und Fernsehangebote. Das ist so der große Plan, der bis ins Frühjahr 1969 hineinreichen wird. In Mainz selbst möchte ich eigentlich sehr sparsam auftreten.

Das Gespräch führten Volker Breidecker und Jürgen Kammler um 22.30 Uhr auf dem Vorplatz des Mainzer Städtischen Theaters. Veröffentlicht unter dem Titel »Ein Interview mit H. D. Hüsch« in »XYZ« (Schülerzeitung des Willigis-Gymnasium Mainz), 9/1968

»Keine Pointen mehr aus dem ironischen Teich!«

Er gehört zu den noch jungen Altmeistern. Er ist Alleingänger. Nach der Zeit der »arche nova« hat Hüsch sich auf sich selber zurückgezogen und blieb dort. Er ist nicht nur ein meisterhafter Texter, der alle seine Texte selber schreibt, er ist auch ein meisterhafter Interpret. Ironisches Gefunkel ist bei ihm nicht Selbstzweck. Er bezeichnet sich selber als Kabarettisten.

Und auf die Frage, wie er Kabarett definieren würde, kam die Antwort: »Wenn überhaupt, dann kann man wohl nicht mehr sagen als dies: Kabarett ist die kleine Form vor kleinem Publikum in kleinem Raum.«

Es gibt da zum Beispiel ein Publikum, das lacht schon, wenn ich sage: »Seine Frau«. Das merkt die feinen Unterschiede! Es gibt aber auch ein Publikum, das lacht erst, wenn ich sage: »Seine Frau hätte meiner Frau«. Und dann gibt es ein Publikum, das lacht auch da nicht!

Wie löst man das Problem des Lachens, wenn man Kabarett macht, um etwas zu bewirken, wenn man sich für ein Problem engagiert und wenn einem dann die publikumswirksamen Elemente in die Quere kommen?

Es ist wohl immer gut, wenn man ein Programm macht, das gemischt ist. Ich könnte kein Programm machen, in dem 20 Tiefschläge hintereinander kommen. Das würde auch den Effekt solcher Nummern abschwächen. Hinzu kommt: Ganz persönlich brauche ich für mich von der Aktion her einige Nummern, die mich selbst ein wenig befreien, wo ich selbst spielen kann und wo ich auch fast – was ich gern tue – über mich selber lachen kann.

Es wird natürlich oft die Frage gestellt, hatten Sie den Eindruck, dass oft an falschen Stellen gelacht wurde? Oder zu laut? Meistens sage ich darauf nicht viel. Aber ich möchte doch sagen, die Leute sollen lachen, und selbst wenn sie mal an den falschen Stellen lachen, das ist nicht so schlimm. Das Lachen kann ja auch eine Abwehrreaktion auf momentane Betroffenheit sein. Hinzu kommt auch noch, dass ich nach wie vor – wenn man das auch nicht als vollgültiges Etikett nehmen kann – doch auch ein Kabarettist bin, von dem man erwartet, dass er wirklich einige Pointen hat, wo man auch lachen kann. Das können sehr geistreiche, sehr spitze Pointen sein, das können sogar Kalauer sein, warum nicht? Das ist legitim. Hinzu kommt: Wenn die Leute lachen, hat man sie am nächsten. Wenn sie nicht lachen oder nicht applaudieren, weiß man oft nicht genau, haben sie begriffen, hat es ihnen gefallen, sind sie mitgekommen?

Ich habe ja bisher Programme gemacht, die, gerade in den letzten vier, fünf Jahren, durchweg sehr heiter waren. Heiter in dem Sinne, dass sie ironisch waren und mir auch wirklich zum eigenen Spaß gedient haben. Das ist eigentlich ein langer Weg gewesen von den ersten Auftritten, speziell auch hier in Basel, bis zu dem heutigen Programm [»Eine schöne Gesellschaft«]. Es hat dazwischen tatsächlich etwas gefehlt, was man mit Pathos bezeichnen könnte. Das war in den ersten Programmen viel stärker. Da war doch manche heitere Nummer, und dann sprang es auf einmal auf eine Nummer über, die ganz ernst war.

Ist der »Kinderkreuzzug« ein Beispiel?

Ja, solche, die ganz dichte Atmosphären hatten. Ich würde wahrscheinlich heute einen »Kinderkreuzzug« nicht mehr – doch, ich würde ihn wohl noch schreiben können, aber nicht mehr so wie damals. Ich würde ihn fast dokumentarischer schreiben, nicht mehr so lyrisch – das würde ich wohl auch gar nicht mehr hinkriegen. Ich weiß es nicht. Wie ja im Grunde jede Sache zu ihrer ganz bestimmten Zeit gehört. Auch in den Frieda-Geschichten haben sich die Geschichten verändert.

Um noch einmal auf das Lachen zurückzukommen: Ich lache selbst sehr gern. Ich freue mich beim Schreiben an Wendungen, an Pointen, die ich schon erkenne, das ist die Vorfreude des Kabarettisten: Da wird wahrscheinlich gelacht werden. Das ist für die Arbeit eine ganz wichtige Sache. Wobei mir manchmal überhaupt der Arbeitsprozess am Schreibtisch fast noch mehr Freude bereitet als der Gang auf die Bühne. Jeder Kabarettist, jeder Schauspieler produziert sich gern, das ist nun mal so – vor allem, weil man ja auf das Publikum angewiesen ist. Aber die Arbeit am Schreibtisch – ja, ich will jetzt nicht wieder sagen, sie macht mir mehr Spaß, aber es ist noch alles im Werden, eine Zeile entsteht nach der anderen – es gibt einige Nummern, die ich mit wahnsinnigem Spaß geschrieben habe, und die sind dann auch ganz leicht geschrieben worden. Zum Beispiel »Ausländisch essen«, wenn da so Sätze kommen wie »Wir sitzen an einem Wiesenrain und säen nicht und ernten nicht« – eine solche Formulierung, das ist beim Schreiben ein großer Spaß.

Das ist jetzt quasi ein erstes Mal da!

Ja, das ist dann noch ganz neu. Ich bringe diese alten Nummern auch immer noch sehr gern, allerdings nur vor einem Publikum, das sie noch nicht kennt. Und das dann mit den Formulierungen mitgehen kann.

Ihre ersten Programme waren doch – ich bitte um Berichtigung, wenn ich mich irre – sehr positiv engagiert. Während ich jetzt manchmal das Gefühl habe, als breitete sich eine ganz leise Resignation aus. Täusche ich mich?

Das kann man eigentlich nicht sagen. Die Nummern, wie zum Beispiel »Kinderkreuzzug«, hatten ein gewisses humanistisches Engagement, was eigentlich alle Menschen aus allen Schichten bejahen können. Die Nummern heute haben mehr sozialistisches Engagement. Der Witz bei der Geschichte mit der Resignation ist einfach der, dass man auch dem eigenen Engagement gegenüber einen Schuss Skepsis besitzen sollte. Das führt dann gerade bei der »schönen Gesellschaft« zu den scheinbaren Widersprüchen. Aber im Grunde genommen sind doch gerade die engagierten Nummern, etwa der »Marsch der Minderheit«, ausgesprochen optimistisch, oder zumindest fortschrittlich. Ich bin ja selber beim Schreiben noch dauernd über diese Texte gestolpert, weil ich mir sagte, du hast dich die letzten vier, fünf Jahre doch in einer sehr skeptischen, individualistischen Region bewegt und wolltest dich doch eigentlich gar nicht mehr engagieren lassen, und jeder Engagierte, der auf mich zukam und mir irgendwelche Stichwörter und Schlagwörter zurief, brachte mich nur dazu, mich abzuwenden und mich zu distanzieren. Aber das würde ich heute nicht mehr tun, ich würde doch meinen, dass ich zu einem neuen Engagement gefunden habe nach einer Strecke absoluter Skepsis. Dieses neue Engagement ist nicht mehr das des »Kinderkreuzzugs«, oder schweizerisch ausgedrückt, es nützt eben nichts, dass wir alle mit dem Hut herumgehen und für ein Kinderdorf sammeln. Das ist es nicht. Wir können die Welt nicht verändern, indem fünf nette, ältere Damen jeden Dienstag ein paar Leibchen häkeln. Das eine, wofür der »Kinderkreuzzug« stehen mag, war systemimmanent. Das heißt: Das System so belassen, wie es ist, aber innerhalb dieses Systems ein bisschen moralische Aufrüstung betreiben, wir müssen uns alle von innen und so! Ich glaube nicht mehr so sehr daran. Ich glaube, wir müssen doch versuchen, an der gesamten Gesellschaft einige Dinge zu verändern. Der »Kinderkreuzzug« ist mir auch zu schön, ein schönes Chanson. Hat die Leute ergriffen. Ganz nach dem alten Gesetz, wonach man Kinder, Betrunkene und Hunde auf die Bühne stellen kann und die Leute sind so menschlich gerührt. Ein rührendes Lied. Das möchte ich vermeiden. Ich möchte mit den neuen Chansons nicht rühren, die Möglichkeiten habe ich anderweitig, da kann ich Frieda-Geschichten vortragen. Ich will mich auch selbst ein wenig zurechtfinden, für mich die Dinge erklären und zu einer gewissen Solidarität kommen, zur Einsicht, dass die Welt, so wie sie ist, dass die Ordnung in dieser Welt geändert werden muss. Zumindest so, dass einmal eines unmöglich wird: dass Kriege geführt werden können.

Entscheidend für mich ist, dass ich eingesehen habe, dass ich nicht weiter in einem ironischen Teich fischen kann nach schönen Pointen, die sehr geistvoll sind und sehr brillant, dass ich nicht jetzt schon den abgeklärten Individualisten spielen kann. Das kam mir selber verdächtig vor. Und das hat mich dazu gebracht, zu sagen, mit deinen Mitteln sollst du doch wieder dich persönlich einsetzen können für etwas, was eigentlich immer deine politische Einstellung war, ganz besonders nachdem ich durch dieses Tal einmal hindurch war. Das wird sich ja auch noch bei diesen sehr, sehr engagierten Kollegen herausstellen, ob sie nicht nach einigen Jahren – das Repertoire ist größer geworden, und man muss ja auch weiter produzieren – auch in dieses Tal hinabmüssen und zu einer anderen Zelt wieder nach oben kommen. Aber bei allem Engagement bin ich nicht der Ansicht, dass bei einem Kabarettprogramm von zehn Nummern zehn Nummern politisch sein müssen. Vier, vielleicht fünf, aber das andere sollte schon auch ein bisschen das Private, das ja genauso politisch sein kann, berühren. In Deutschland wird dieses Private ja leider schon als nette, menschliche und belanglose Betrachtung abgewertet.

Wie empfangen Sie Ihr Publikum, das da zu Ihnen in einen Keller hinabsteigt? Wie stellen Sie sich dieses Publikum beim Schreiben vor? Denn irgendeine Vorstellung von Publikum muss man doch wahrscheinlich haben, wenn man ein Programm macht?

Ich habe überhaupt keine Vorstellung, Sie werden lachen. Und ich habe sie nie gehabt. Ich habe nie für ein Publikum besonderer Art geschrieben, ich habe meine Sachen beim Schreiben nie auf ein besonderes Publikum zugeschnitten. Ich habe jede Nummer, wie immer sie ausgefallen ist und in welcher Schublade sie auch landete, im Grunde genommen immer zuerst für mich selber geschrieben.

Das Gespräch führte Reinhardt Stumm. Veröffentlicht in »Schweizer Theater Zeitung«, hg. vom Organ der Schweizerischen Gesellschaft für Theaterkultur et. al. (Volksverlag, Elgg), 2/1969

»Tucholsky ist mein großes Vorbild«

Ich nehme an, Sie halten nicht viel von dem Wort »Protestsänger«?

Nein. Ich halte das für eine völlig falsche Bezeichnung. Denn ich bin ein Kabarettist, und vor allen Dingen entsteht ein völlig falscher Eindruck beim Publikum, den ich dann wieder aufarbeiten muss. Ich mache auch Chansons, aber ich mache in der Hauptsache Texte; Texte und Lieder, so könnte man allenfalls sagen.

Was halten Sie von Handke?

Ja, den lieb ich sehr. Aber darf ich eins richtigstellen: Ich hab in meinem Programm zwar verschiedene Reihungen, die ja an Handke erinnern, aber zumindest die Reihung »Alle haben sie recht« habe ich schon 1957 geschrieben. Allerdings diese zwei Sachen »Der deutsche Lästerer« und die Sache mit der Oder-Neiße-Linie, die sind, muss ich zugeben, ein bisschen von Handke inspiriert.

Tucholsky ist wahrscheinlich ein Vorbild?

Ja. Tucholsky ist mein großes Vorbild. Auch was meine heiteren Sachen betrifft. Wissen Sie, es ist eben mal so, jeder Schreiber hat so ein bisschen Ehrgeiz (wenigstens ich), eine möglichst breite Skala zu haben. Ich möchte nicht nur politische Dinge schreiben, auch menschliche Beobachtungen, parodistisch-ironische Sachen, die gar nichts mit Politik zu tun haben, die aber auch genauso entlarvend sein können. Ich finde, auch die Mischung bei Tucholsky entspricht sehr meiner Mischung. Dass er zum Beispiel die »Rote Melodie« geschrieben hat oder »Laternenanzünder« und ähnliche Dinge, und hat daneben aber »Rheinsberg« geschrieben oder »Gripsholm«.

Glauben Sie an die Einheit von Kunst und sozialer politischer Aussage?

Wissen Sie, das ist für mich eine furchtbar schwere Frage. Ich glaube, dass das immer abwechselt, es wird immer eine Zeit geben, wo man nur Kunst macht, dann wird wieder eine Zeit kommen, wo Kunst nur politisch ist. Ich bin der Ansicht, dass jeder Künstler ein politischer Mensch ist. Kunst ist ja schon in den Anfängen zunächst einmal ein Protest gegen die Umwelt, in der wir leben – und mag sie noch so ästhetisch sein, dass es einem gar nicht auffällt. Aber ich kann diese Frage nicht so exakt beantworten.

Was beabsichtigen Sie mit Ihren Chansons?

Ich muss da einmal ganz egoistisch sein. Das ist meine Arbeit, das ist mein Leben, das ich damit ausfülle. Ich möchte versuchen, vielleicht den einen oder andern Menschen zu meinen Ansichten herüberzuziehen oder ihm auch klarzumachen: Du stehst auf einer falschen Seite, oder: Fällt dir das nicht auch auf? Ich meine, ich hab das in dem einen Lied ausgedrückt, wir sollten uns alle auf einem langen Marsch befinden und sollten immer wieder daran arbeiten, diese Welt zu verändern im Sinne von verbessern. Denn so gut kann die Welt nicht sein, dass man sie jetzt einfach so lässt, wie sie ist.

Veröffentlicht unter dem Titel »Wir sprachen mit Kabarettist Hanns Dieter Hüsch« in »Fränkisches Volksblatt«, Würzburg, vom 16. April 1969

In Zimmerlautstärke die Welt verändern

Ihre Popularität steht hinter der Ihrer Sangesbrüder, Süverkrüp und Degenhardt etwa, zurück. Woran liegt das?

Ich glaube, meine Art, zu schreiben und vorzutragen, ist eine unsensationelle Art. Die Ausstrahlung meiner Werke und die Ausstrahlung meiner Person dürfte vor allem auf die jungen Leute zu konventionell wirken – konventionell im Sinne von einfach, nicht im Sinne von reaktionär, konservativ. Es passiert nicht viel, es wird nicht geschrien. Hinzu kommt – rein äußerlich –, dass ich ein Instrument des 19. Jahrhunderts handhabe, das Klavier – nicht die Gitarre.

Sie haben einmal gesagt: »Die Welt ist besser, wenn man sich über sie in Zimmerlautstärke unterhält.« Wie ist das zu verstehen?

In Zimmerlautstärke heißt: Ich habe nichts übrig für laute Töne, für Geschrei, für vorschnelle Urteile. Man muss das Gespräch mit dem anderen führen, den Dialog. Das kann man am besten, wenn man es in Zimmerlautstärke tut.

Gibt es auch andere Möglichkeiten?

Ich bin ein Vertreter absoluter Gewaltlosigkeit – immer noch. Obwohl ich Verständnis für die Leute habe, die – nehmen wir das Beispiel Südamerika – nach jahrzehntelangem Ausharren keinen anderen Weg sehen, als zum Gewehr zu greifen. Aber ich persönlich möchte in unserer Lage noch nicht zum Gewehr greifen oder Leute dazu überreden.

… aber Sie überreden die Leute, das System zu verändern. So rufen Sie in einem Ihrer Lieder, dem »Friedenslied«, dazu auf, das System zu verändern. Fühlen Sie sich frustriert, wenn das Publikum dann selbstgefällig Beifall klatscht, die Intention Ihrer Aussage aber verkennt?

Ich bin mir darüber im Klaren, dass ich das Publikum durch mein Programm nicht dazu bewegen kann, ein völlig neues Leben anzufangen. Ich bin allerdings immer wieder erstaunt, wenn Leute meinen Aufruf »Verändert das System« beklatschen, obwohl ich genau weiß, dass sie politisch anders denken. Ich fände es ehrlicher, wenn sie an dieser Stelle nicht klatschen würden: Das passt mir nicht, Herr Hüsch, ich gehe raus.

Was bedeutet Applaus für Sie?

Es gibt viele Leute, die eine solche Einstellung haben: Wir wollen keinen Applaus, und wenn wir Applaus kriegen, sind wir nicht gut gewesen. Das ist reiner Masochismus! Es geht mir nicht um den Applaus, sondern es geht mir einfach um den richtigen Applaus. Es gibt zum Beispiel den ganz spontanen politischen Applaus, es gibt den typisch heiteren Applaus, wo die Leute schallend gelacht haben und hinterher auch entsprechend klatschen. Und es gibt auch das absolute Schweigen, was man auch als Applaus – als indirekten Applaus – bezeichnen könnte. Dann weiß ich, das Publikum hat mich verstanden, meine Absichten begriffen – und das muss ich irgendwo spüren. Jeder Künstler braucht Applaus!

Kabarettistische Sprechgesänge nennen Sie das, was Sie singen. Warum nicht Lied oder Chanson?

Ich mache viele Texte, die eigentlich gar keine Liedform haben. Es ist nicht einmal Gesang, sondern nur ein »Sprechgedicht mit Musik« – wie man es exakt nennen müsste. Natürlich mache ich auch Chansons, weniger Lieder. Aber das meiste, was ich mache – was ich so am Klavier vortrage, wo man vielleicht erwartet, aha, jetzt kommt ein Lied oder ein Chanson –, sind doch jene Dinge, wo ich zu 90 Prozent spreche.

Diese »Sprechgedichte mit Musik« zeichnen meist hintergründiger Humor und beißende Satire aus. Viele Ihrer Aussagen entbehren nicht einer gewissen Esoterik. Wäre es nicht sinnvoller, in Bezug auf die Wirkung einfachere Texte zu schreiben?

Das ist eine Frage des Könnens: Ich meine, jeder macht das, was er kann – abgesehen davon, dass ich natürlich auch gewisse literarische oder künstlerische Ambitionen habe. Ich will keine Kunst machen. Aber ich bin überzeugt, wenn man Leute faszinieren will, wenn man sie von dieser oder jener Absicht überzeugen will, dann ist das künstlerische Mittel das geeignetste. Viele werfen mir vor, ich sei ein Ästhet. Aber meine Texte sind nach wie vor, mit wenigen Ausnahmen, so geschrieben, dass jeder, der sich darum bemüht, sie verstehen kann.

Was ist wichtiger: die künstlerische Form oder das soziale Engagement?

Beides! Das eine muss das andere ergänzen. Wenn ich Soziologe, Politologe oder Referent in der Gewerkschaft bin und über soziale Probleme spreche, brauche ich keine künstlerische Aussage. Dann halte ich ein Referat. Aber mir stehen nun einmal, ob man mich Künstler, Kabarettist oder Vortragsmensch nennt, nur künstlerische Mittel zur Verfügung.

1948 schrieben Sie, wenn ich mich recht erinnere, Ihre ersten Chansons. Heute – 1969 – schreiben Sie immer noch Chansons. Tragen Sie mit Ihren Liedern zu einer Bewusstseinsveränderung bei? Oder konkreter: Können Lieder, Ihre Lieder, ein System verändern?

Ich glaube nicht, dass meine Lieder ein System verändern können. Aber sie können zur Bewusstseinsveränderung beitragen. Welche Veränderung sie bewirken, lässt sich selbst mit dem Rechenschieber nicht ausmessen. Ich habe auch Verständnis, wenn junge Leute heute fordern: »Stellt die Gitarren in die Ecke!« – Wir, das heißt meine Generation (Jahrgang 1925), haben versucht, mit Kabarett und Kellertheater an diese Gesellschaft heranzukommen, sie zu mobilisieren. Und was ist gewesen? Nichts! Nun sind die jungen Leute diese Mittel leid. Sie gehen auf die Straße. Sie provozieren. Sie machen Aktionen. Man sollte aber das Lied nicht abschaffen!

Das Lied hat also eine Funktion. Sie sind aber weniger Sänger oder Chansonnier denn Kabarettist, Solokabarettist, um genau zu sein. Welche Funktion kommt dem Kabarettisten in unserer Gesellschaft zu?

Der Kabarettist hat immer die gleiche Aufgabe in unserer Gesellschaft – vor 50 Jahren und in 100 Jahren. Zunächst kommt er auf die Welt, wie alle anderen. Und er leidet an dieser Welt. Er leidet an seinen Mitmenschen. Er kann sich nicht damit abfinden, dass in der Welt Hass, Vorurteile, Ausbeutung und Sklaverei existieren, selbst im 20. Jahrhundert. Dieses Bewusstsein setzt er um in Spiel, Sprache, sekundär auch in Musik. Er versucht, den anderen Menschen dieses Bild immer wieder vor Augen zu halten. Dies, meine ich, ist die Aufgabe des Kabarettisten in unserer Gesellschaft. Zum anderen ist Kabarett kein Hobby, sondern eine Infektion, eine Krankheit. Es ist eine Sache, die einem in die Wiege gelegt worden ist.

Können Sie sich eine Gesellschaftsform ohne Kabarettisten vorstellen?

Eigentlich nicht. Das soll aber nicht heißen, dass wir Kabarettisten unbedingt das Salz in der Suppe sind. Es wird immer Leute geben, die an den Zuständen, unter denen sie leben, Kritik üben – sei es auf heitere, sei es auf bitterernste Weise.

Franz Josef Degenhardt, Ihr Sangesbruder, singt – wie er selbst formuliert – weder für »die vollgestopften Allesfresser mit der Tischfeuerzeugkultur, die ihre Frauen so wie Steaks behandeln und vor Rührung schluchzen, wenn ihre fetten Köter sterben«, noch für »die High-Life-Spießer mit der Architektenideologie«, sondern für die, »die nicht schlafen können, wenn sie an damals denken«. Für wen singen Sie?

Ich könnte nicht sagen, dass ich für eine bestimmte Gruppe schreibe. Das möchte ich auch nicht. Ich habe 1948 angefangen, »Liederchen« zu schreiben, im Peter-Igelhoff-Stil, ein bisschen kabarettistisch formuliert. Erst viel später hat sich dann das politische – wie man so schön sagt – Engagement eingestellt, das natürlich für mich als Privatmann immer vorhanden war. Für wen ich singe? Nun, ich habe in meinem letzten Programmheft deutlich gesagt: Ich bin ratlos. Also schreibe ich für die Ratlosen. Vielleicht ist das nicht ganz logisch. Nach wie vor schreibe ich zunächst einmal für mich. Zum anderen für die Leute, die, genau wie ich, immer noch in der Auseinandersetzung stehen mit sich und ihrer Umwelt, deren Position nicht so fest ist, die ehrlich darum bemüht sind, in unserer Gesellschaft sich politisch, gesellschaftlich und kritisch auseinanderzusetzen, sich eine eigene – unabhängig eigene – Meinung zu bilden. Das wäre die politische Seite.

Daneben gibt es eine Reihe von Texten, die einen ganz privaten Ton haben. Das sind Texte, die ich für die Menschen schreibe, die sich mit Dingen herumschlagen, die eigentlich in die »vierte Welt« gehören, nämlich Dinge, die so privat sind, dass sie weder vom Kapitalismus noch vom Sozialismus, noch vom Christentum gelöst werden können. Dinge, die immer existieren werden, auch wenn wir das sozialistischste Paradies, das freundlichste Jahrhundert hätten. Ich glaube, Max Frisch hat einmal gesagt, es sei Aufgabe des Schriftstellers, das Private zu beschreiben. Damit meint er nicht das Idyllische, das Neckisch-Kleine, die Gartenlauben-Existenz, sondern Dinge, die sich weder von der Wissenschaft noch von irgendeiner politischen Richtung her lösen lassen.

Junge Menschen in aller Welt zeigen verstärktes politisches Interesse, lehnen sich gegen jedes Etablierte auf. Hat diese Unruhe unter der Jugend auch Ihren Arbeiten, die ja in letzter Zeit politisch konkreter wurden, neue Intentionen verliehen?

Die Unruhe unter der Jugend hat meiner Arbeit weniger Intentionen verliehen als das Aufkommen eines neuen Faschismus. Von 1961 bis 1965/66 habe ich fast nur unpolitische Programme gemacht – sehr ironisch, sehr geistreich, sehr verspielt, mich selbst in Frage stellend. Als aber die NPD aufkam, sagte ich mir: »So geht es nicht! Du kannst nicht den intellektuellen Till Eulenspiegel mimen. Du musst dich stärker engagieren!« Natürlich hat auch die Unruhe unter der Jugend viel dazu beigetragen, dass ich wieder neuartige Lieder geschrieben habe.

Im Vorjahr wurden Sie auf der Waldeck von linken Gruppen heftig kritisiert, denen Ihr Engagement zu leise war. Vor allem wurde Ihnen vorgeworfen, Sie gingen nicht in die Fabriken, in die Betriebe. Warum nicht?

Nun, wir müssen doch an allen Fronten arbeiten! Und das breite Bürgerpublikum ist nun mal mein Publikum. Auch das muss man ansprechen! Die Welt besteht ja nicht nur aus Straßen und Fabriken, sondern auch aus dem sogenannten Mittelstand, aus dem gebildeten Bürgertum, aus dem sogenannten linken Akademiker, der noch nicht ganz weiß, wo er hingehört.

Das Gespräch führte Günter Schenk. Veröffentlicht in »Deutsche Volkszeitung« vom 8. August 1969. In leicht veränderter und ergänzter Form unter dem Titel »Ein intellektueller Till Eulenspiegel« auch in »Junge Welt«, Berlin, 5/1969. In leicht veränderter und ergänzter Form unter dem Titel »Können Lieder ein System verändern?« auch in »Das andere Deutschland«, Hannover, 8/1969

Exhibitionistisch in der Schweiz

Einer der Ersten, die »politische Kleinkunst« machten, war der kabarettistische Einzelgänger Hanns Dieter Hüsch. Zusammen mit Franz Josef Degenhardt, Wolfgang Neuss und Dieter Süverkrüp half er der APO auf die Beine. Heute freilich hat er sich zurückgezogen und will ausspannen. Er will ab Februar nur noch in der Schweiz auftreten – und auch das nur gelegentlich. Hüsch und sein deutsches Publikum haben sich entzweit.

Hanns Dieter Hüsch macht keine Revolution mehr, Hanns Dieter Hüsch macht nur noch Unterhaltung. Stimmt’s?

Hanns Dieter Hüsch macht keine Revolution mehr, Hanns Dieter Hüsch macht nur noch Unterhaltung. Was soll ich dazu sagen? Ich glaube – es ist furchtbar schwierig, ich muss mich da ganz vorsichtig vortasten. Ich glaube, dass ich eigentlich nie – so rein vom Typ her – ein Revolutionär war, und auf der anderen Seite auch nie ein ausgesprochener Unterhaltungsfritze war. Ich gebe allerdings zu, dass meine allerersten Sachen, so vor 20 Jahren, so ein bisschen kabarettistische Igelhoff-Masche waren, aber das war so eine Entwicklungsphase, bis man so richtig reinkam. Was ja auch übrigens bei allen anderen Kollegen der Fall gewesen ist, dass sie nie gleich als politische Sänger, geschweige denn als Revolutionäre aufgetreten sind, sondern das politische Engagement ist eigentlich erst viel später hinzugekommen. Macht keine Revolution mehr, jetzt auf die Zukunft hin, das ist noch nicht gesagt. Zuerst einmal möchte ich eine Pause machen, in der ich mich wieder mal richtig an den Schreibtisch setzen kann oder mehr Zeit habe, um Zusammenhänge konkreter zu erfassen.

Und was passiert dann?

Vielleicht ist nach dieser Pause ein ganz neuer Hüsch da, ich kann nicht versprechen, dass das nun wieder ein revolutionärer Hüsch ist, aber es kommen natürlich auch einige andere Dinge hinzu, warum ich mich ein bisschen von der Plattform der politischen Sänger zurückziehen will. Ich stelle eben fest, dass meine Art, die Dinge zu sagen, wie ich sie sehe, momentan vielleicht – ich will nicht sagen, gestrig ist, aber so ein paar Monate immer zurückhinkt.

Wollen Sie denn überhaupt noch mithalten, heutig sein?

Ich glaube nicht, nein. Es ist also beides. Einmal kann ich es nicht, und weil ich nicht kann, will ich wahrscheinlich auch nicht mehr. Es wäre also jetzt, wissen Sie, wenn ich – die Formen des politischen Liedes oder auch des politischen Kabaretts sind so weit vorgeprescht, dass – ich konnte nicht folgen. Sagen wir es richtig so. Ich konnte einfach nicht folgen, weil ich vielleicht von meiner Art her langsamer bin und intuitiver arbeite und natürlich auch mehr vom literarischen Kabarett herkomme als vom politischen Kabarett.

Wie reagiert denn das deutsche Publikum heute auf Sie?

Also, ich würde so sagen: Von zehn Veranstaltungen gehen etwa acht daneben, das heißt, einmal spüre ich den Widerstand des Publikums, dass es nicht zufrieden ist, dass es etwas ganz anderes erwartet hat, Informationen, konkrete Mitteilungen und so weiter, und das andere Publikum, das sogenannte »Hüsch-Publikum«, das ist wieder das sogenannte unkritische, bürgerliche Publikum, das liberale Publikum, also im Grunde genommen ist man mit beidem eigentlich nicht einverstanden.

Und deshalb wollen Sie sich jetzt zurückziehen?

Ja, wissen Sie, ich werde in den nächsten Jahren nur noch in die Schweiz gehen, weil ich dort ein Publikum habe, wo ich wirklich den Abend in der Hand habe, wo ich also wie jeder Künstler, der sich ja auch exhibitionistisch betätigen will, weil es ihm Spaß macht, weil er Lust daran hat, ein Publikum finde, das auf Ironie, auf Humor und aber gleichzeitig auch auf politisches Engagement so eingeht, wie ich es hier in Deutschland nicht mehr finde, das muss ich leider sagen, es tut mir leid.

Das Gespräch führte Henryk M. Broder. Veröffentlicht in »Spontan«, Hamburg, 1/1970

»Ich bin Stoiker«

Hanns Dieter Hüsch hat der Kabarettbühne Adieu gesagt. Sind Sie müde geworden, oder ist Ihnen die Munition ausgegangen?

Beides nicht. Ich bin eben ein literarischer Kabarettist. Das ist heute nicht gefragt. Meine Art, mein Programm sind manchen nicht progressiv genug: zu wenig Agitprop, zu wenig Schock. Das sollen die machen, die Tucholsky für einen alten Hut halten. Mir macht das keinen Spaß mehr. Ich mach mal Pause, wenigstens auf der Bühne.

Hat es das Kabarett vielleicht deshalb schwer, weil die Straße zum Überbrettl geworden ist? Ersetzt heute das Go-in die Satire, das Flugblatt die Pointe, der Sprechchor das Chanson?

Ja, die Straße wird die Bühne des Kabaretts von morgen. Aber ich glaubte: Alle, egal mit welchem Inhalt, egal in welcher Form, könnten auf die Straße gehen. Doch ich musste einsehen: »Ästheten« wie ich sind auch auf der Straße nicht gefragt.

Aber hatten nicht Teufel und Langhans mehr Erfolg als alle Kabarettisten zusammen? Ihre Aktionen in Berlin beschäftigten die Justiz so lange, bis sie sich mit sich selbst beschäftigen musste …

Das stimmt sicher. Die Frage ist nur, ob das auch oder noch Kabarett ist. Für mich ist Kabarett eben immer noch eine Form von Kunst. Ich arbeite anders. Auf meine Art: Weniger Che Guevara, mehr Beckett.

Noch lachen und schießen ja auch die etablierten Kabaretts. Und ihr Publikum applaudiert freundlich. Ist dieser Applaus nicht die Bankrotterklärung dieses Kabaretts?

Das mag sein, aber auch das ist nicht mein Stil und nicht mein Publikum: diese TEE-Fritzen und feinen Nerzstola-Damen, die sich einen netten Abend machen wollen.

Macht es sich das etablierte Kabarett heute vielleicht auch schwer, weil Brandt Bundeskanzler ist und Kiesinger abgeschlagen in der Opposition?

Vielleicht, aber nicht für lange. Dann wird auch die neue Regierung ihre Kritik bekommen. Für mich ist das kein Problem: Ich schreibe an der Tagesgeschichte vorbei. Mein Thema ist: der Mensch. Nicht nur der deutsche Mensch, nicht nur der Mensch als Partei- oder Vereinsmitglied. Mein Ziel ist: Misstrauen gegenüber dem Menschen überhaupt zu wecken. Aber wer will das schon hören?

Sind Kabarettisten eigentlich bessere Menschen?

Nein, im Gegenteil: Sie sind viel unmenschlicher als die Leute, die sie angreifen. Ich bin für den Dialog. Ich bin gegen den moralischen Zeigefinger im etablierten Kabarettbetrieb, aber auch gegen die neuen Polit-Missionare, die die Hosen runterlassen. Und überhaupt: Ich misstraue mir selbst auch ständig. Warum sollen gerade die Kabarettisten den Stein der Weisen gefunden haben? Aber das hört man nicht gern oder überhört es gern.

Wären Sie gern ein Clown?

Ja, sehr gern: kein sentimentaler Zirkusclown mit einer Träne im Knopfloch, sondern ein verrückter Clown aus der Gummizelle, imprägniert von der Wirklichkeit, aber nicht der Wirklichkeit verfallen.

Haben die Deutschen Humor?

Ich will nicht pauschal sagen: Sie haben keinen Humor. Aber Humor kommt schon in ihrer Kinderstube nicht vor, wie denn später? Noch weniger haben sie Sinn für Ironie. Hoffentlich habe ich jetzt nicht wieder das eigene Nest beschmutzt.

Lachen Sie auch über Kollegen?

Ja, gern sogar. Nur gibt es so wenige, bei denen man lachen kann.

Wie Werner Finck mit seinem Stotterstil, Wolfgang Neuss mit seiner Berliner Schnodderschnauze sind Sie ein Solist unter den Kabarettisten. Was ist Ihr spezifischer Stil?

Schwierige Frage. Vielleicht eine merkwürdige Mischung aus Infantilität und Intellekt, die rührt, aber auch zersetzt. Aber das ist altmodisch. Die jungen Kabarettisten von heute sind alle so fürchterlich gesund. Die haben offenbar keine Probleme.

Möchten Sie manchmal jemand anders sein?

Nein, im Großen und Ganzen bin ich mit mir zufrieden. Ich möchte der Mensch bleiben, der ich bin. Mit allen Fehlern und Schwächen.

Was tun Sie gegen Ärger?

Sehr wenig, ich bin Stoiker. Die Schöpfung ist schon eine ziemliche Unverschämtheit. Aber alles geht vorbei. Damit rede ich mir Mut zu.

Angenommen, übermorgen geht die Welt unter. Was tun Sie?

Nichts. Was soll ich tun, wenn die Welt ohnehin untergeht?

Das Gespräch führte Armin Halstenberg. Veröffentlicht in »Kölner Stadt-Anzeiger« (»Heute am Telefon«) vom 11./12. April 1970

»Die Bühne ist für mich seit 25 Jahren ein einziger Lernprozess«

Name: Hüsch

Vorname: Hanns Dieter

Beruf: Kabarettist und Schriftsteller

Alter: 48

Vorname der Ehefrau: Marianne

Kinder: Anna (22)

Größe: 1,73 m

Gewicht: 65 kg

Haarfarbe: rötlich blond

Augenfarbe: hellbraun

Auto: ohne Führerschein

Lieblingsgericht: Linsensuppe mit Speckwürfeln

Lieblingsgetränk: ein schöner rheinhessischer Wein, beispielsweise »Oppenheimer Krötenbrunnen«

Lieblingsbekleidung: wie es mir gefällt

Lieblingsfarbe: kräftiges Blau

Lieblingsschriftsteller: neuerdings Robert Walser

Lieblingsmaler: wechselnd

Lieblingskomponist: sehr viele

Lektüre auf dem Nachttisch: Robert Walser: »Ausgewählte Geschichten und Aufsätze«, und Ludwig Marcuse: »Argumente und Rezepte«

Gegenwärtige Hauptbeschäftigung: Tournee mit Jubiläumsprogramm: »Hanns Dieter Hüsch – 25 Jahre Life-Kabarett«

Projekt für die nächste Zukunft: Fernseh- und Bühnenfassung meiner »Frieda-Geschichten und Frieda-Dialoge« mit der Schweizer Schauspielerin Silvia Jost als Partnerin.

Wo endet für Sie die Komik – wo beginnt die Tragik?

Beidseits gibt es keinen Anfang und kein Ende, beide Extreme vermischen sich, wie ja auch das Leben selbst eine stete Vermischung ist (was manchmal schwer zu verkraften ist). Und zudem: Echte Komiker sind auch große Tragiker.

Wie reagieren Sie auf die Bemerkung, das Kabarett habe heute keine Funktion mehr?

Die Funktion des Kabaretts besteht nicht nur darin, brandaktuell auf politische Ereignisse zu reagieren, es gibt auch zeitlos gültige, existentielle Themen und Probleme, die ebenso sehr der kabarettistischen Aussage bedürfen.

Zu welcher Art Prostitution könnte man Sie mit keinen Mitteln zwingen?

Auf der Bühne etwas zu bieten, wozu ich künstlerisch und weltanschaulich nicht stehen könnte. Was keineswegs gegen reine Unterhaltung »ohne höheren Anspruch« spricht, denn unterhalten bedeutet für mich auch unterstützen.

Bei welcher Gelegenheit hatten Sie das Gefühl, die Mehrheit der Menschen sei dumm?

Wer so denkt, bedenkt nicht, dass wir alle Kreaturen sind und dieses Leben so oder so zu bewältigen haben. Mein geistiger Standort auf der Bühne: Ich bin einer von euch, kann höchstens ein wenig besser formulieren, doch das ist Talent, nicht Leistung.

Welche bürgerlichen Gepflogenheiten wird man nie an Ihnen finden?

Ich habe durchaus bürgerliche Gewohnheiten, stamme auch aus einem bürgerlichen Milieu und bin bestrebt, immer wieder Vorurteile gegenüber Menschen anderer Ansicht oder anderer Nation zu bekämpfen.

Welche Erinnerung an welche Menschen beschäftigt Sie am häufigsten?

Sehr oft denke ich beim Hören von Musik an meinen Vater, der, obschon preußischer Beamter, ein sehr musischer Mensch war und mir das »Reich der Oper« erschloss.

In welchem Film haben Sie am ausgelassensten gelacht – welcher hat Sie traurig gestimmt?

Ausgelassen gelacht: »The Knife« mit Rita Tushingham. Traurig gestimmt: »Les enfants du Paradis«.

Wenn Sie das Gefühl haben, sich verkriechen zu müssen – was schwebt Ihnen vor?

Ziellos durch die Straßen zu schlendern.

Wann in Ihrem Leben waren Sie froh, nicht allein zu sein?

Es gibt Momente auf der Bühne, da man sich als Solist allein fühlt und dankbar ist, dass »einige da unten sitzen, die man kennt«.

Inwiefern wollen und können Sie den Rheinländer in sich nicht verleugnen?

Jeder Mensch wird wesentlich durch die Landschaft geprägt, in der er aufgewachsen ist: Die Sprache am Niederrhein, die dortige Landschaft – endlose, flache Wiesen, sehr viel Nebel – möchte ich nicht missen.

Wenn Sie sich morgen für immer in einer andern Stadt niederlassen müssten – wo?

Am liebsten wieder in Mainz, wo ich heute wohne. Diese große Kleinstadt liegt mir sehr (zudem bin ich ein schlechter Zügler). Ich könnte aber auch ewig über Land fahren.

Welches Publikum werden Sie nie vergessen?

Von circa 200 Vorstellungen pro Jahr gibt es drei bis fünf Abende, bei denen man das beglückende Gefühl hat, das Publikum bestehe aus lauter »Hüsch-Leuten« und mache selber das Programm (was übrigens auch bei meinem jüngsten Zürcher Gastspiel einmal zutraf).

Worauf haben Sie bisher vergeblich gewartet?

Auf eine bessere Honorierung meiner Arbeit – nicht in finanzieller Hinsicht, sondern was die bundesdeutsche Public-Relations-Öffentlichkeit und eine gewisse Kritik betrifft.

Welcher Ihrer Einfälle bringt Sie selber heute noch zum Lachen?

Einen Kurdirektor habe ich einmal als »Spatenstich-Natur« bezeichnet.

Wofür möchten Sie das absolute Gedächtnis?

Um Gespräche, wie sie hier, auf der Straße, im Zug oder in einer Kneipe an mein Ohr dringen, absolut behalten zu können.

Wenn Sie wissen, dass Sie einer Person unrecht getan haben – was tun Sie?

Ich bemühe mich um eine Entschuldigung, wobei ich ganz offen sein kann.

Wann wurde Ihnen Ihre Selbstkritik zum Verhängnis?

Selbstkritik ist kein Verhängnis, sondern immer ein Mittel, die Dinge wieder zu differenzieren, auf die Gefahr hin, dadurch unpopulär zu werden. Indessen geht es ja nicht darum, populär zu sein, vielmehr darum, etwas herzustellen, was stimmt!

Inwiefern glauben Sie, dass bei einem Kabarettisten Alter und Erfolg voneinander abhängig sind?

Mein Programm heißt: Geboren werden, leben, sterben. Meine Themen sind Lebens-Lust und Lebens-Verlust, Gefühl und Verstand, existentielle und nicht zeitgebundene Probleme – somit ein Programm, das mit zunehmendem Alter sich eventuell vertiefen und verfeinern kann (sofern die physische Kraft ausreicht).

Wofür möchten Sie eine Versicherung abschließen können?

Aus Vernunftgründen, um nicht im Alter irgendwo in einem Restaurant zu sitzen und schüchtern fragen zu müssen: »Dürfte ich noch einen Kaffee haben?«

Was unterscheidet Ihrer Meinung nach den Kabarettisten vom Schauspieler?

Der Schauspieler, im Ensemble integriert und eine bestimmte Rolle interpretierend, muss »nach innen« spielen, der Kabarettist aber »nach unten«, er spricht sein Publikum gezielt und direkt an.

Was kann in Ihnen eine Art Heimweh auslösen?

Vielleicht am ehesten Musik – ganz alter, lyrischer Jazz oder auch nur ein einfaches Lied.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Reise planen?

Ziemlich exakt und programmatisch: Ich möchte zum Voraus genau wissen, wann ich irgendwo ankomme, dadurch schaffe ich mir den nötigen Ausgleich zum hektischen Metier und schone meine Nerven. Schon Thomas Mann meinte, gerade Künstlern unterwegs sollte man die Organisation des Reisens möglichst erleichtern.

Was halten Sie von der Ansicht, Zynismus sei uneingestandener Weltschmerz?

Schon möglich.

Welches politische Amt würden Sie unter welchen Umständen wo annehmen?

Keines unter keinen Umständen.

Welche Vorstellungen haben Sie, wenn Sie a) Arzt b) Polizist c) Buchhalter hören?

a) Ich wollte ursprünglich Arzt werden (habe sogar […] ein Semester Medizin studiert).

b) Ich bin sehr uniformscheu.

c) Ein Buchhalter ist für mich nicht unbedingt das Abbild eines fantasielosen Bürokraten. Auch Menschen mit klobigen Händen können sehr sensibel sein.

Wie schützen Sie sich selber vor Klischees?

Durch das Zwischenschalten ironischer Wendungen, von Gesten ohne Worte.

In welche Angelegenheit hätten Sie schon längst Ordnung bringen wollen?

In meine eigenen Angelegenheiten, mein »Einmann-Betrieb« – ich mache alles allein – ist im Laufe der Zeit zu einer Mini-Fabrik geworden und wächst mir über den Kopf.

Was zu verlieren wäre für Sie am härtesten?

Menschen, die ich liebe und die mich lieben.

Wo fühlen Sie sich in Zürich am meisten zu Hause?

Hier im Hotel und auf der Bühne, ab und zu sitzend am See.

Welche Chancen geben Sie dem politischen Kabarett im Jahr 1973 in Deutschland?

Diese Chance kommt wohl erst, wenn auch die sozialliberale Regierungskoalition Fehler macht, ohne dass man dabei in den Ruf oder Verruf kommen muss, deutlich auf der andern Seite zu stehen.

Wer steht Ihnen näher, der Textdichter Hüsch oder der Schauspieler Hüsch?

Der Textdichter.

Was hat Sie bewogen, Ihre Frisur zu ändern?

Jeder Künstler hat seinen Tick, momentan macht mir die Haarmähne Spaß, in ein paar Wochen vielleicht schon nicht mehr. Zudem ist sie zu einer Testfrisur geworden: »Hüsch finde ich nett, aber leider hat er diese langen Haare …«

Welches sind Ihre besonderen Schwierigkeiten, die sich aus dem Allein-Auftreten ergeben?

Es gibt keine Schwierigkeiten, nur Grenzen. Ob es gelingt, die Spannung zu halten, die Leute locker am Zügel zu führen, ohne sie zu manipulieren, ist eine Frage der künstlerischen Intensität.

Nach welchen Prinzipien oder Methoden möchten Sie Ihre Tochter erzogen wissen?

Mit 22 ist sie schon erzogen, allerdings genoss sie eine bewusst nicht-antiautoritäre, aber großzügige Erziehung, um später ihr eigenes Leben zu leben. Das Problem des Weglaufens und Ähnliches kam bei uns nie auf.

Was würden Sie tun, wenn Sie bemerken müssten, dass Sie vor einem vollkommen »falschen« Publikum spielen?

Ich bemerke es nicht sogleich, aber sobald ich es bemerke, bemühe ich mich, freundlich zu bleiben, die Chance zu wahren, es doch noch erobern zu können. Dieser Versuch dauert aber höchstens 30 Minuten lang – wenn die intellektuellen Voraussetzungen nicht stimmen, wird es für beide Seiten zur Quälerei. Lernen kann man dabei immer, die Bühne ist für mich seit 25 Jahren ein einziger Lernprozess.

Betrachten Sie sich

a) eher als Europäer

b) eher Ihrer Heimat am Niederrhein zugehörend?

Als Zeitgenosse, zufällig und amtlich als Deutscher.

Welches Gefühl hatten Sie, als Sie zum ersten Male allein auf der Bühne standen?

Meine anfängliche Schüchternheit entwickelte sich zu einer persönlichen Note, wie vielleicht bei Werner Finck das spezifische Artikulieren.

Was, glauben Sie, könnten

a) wir Schweizer von den Deutschen lernen?

b) was die Deutschen von den Schweizern?

a) Im Moment vielleicht, ein bisschen fortschrittlicher zu sein, die Demokratie realer zu praktizieren.

b) Mehr Freundlichkeit, mehr Sinn für alte Dinge und in Ruhe zum Essen zu gehen.

Wann hatten Sie das Gefühl, wirklich Geld verdient zu haben?

Von 1948 bis 1956 lebte ich praktisch von der Hand in den Mund. Seither ist es mir immer besser ergangen, allerdings nur dank harter Arbeit – mein Monat sollte 50 Tage haben.

Wann stand für Sie fest, dass Sie Kabarettist werden sollten?

Den letzten Anstoß bildete ein Besuch im Düsseldorfer »Kom(m)ödchen« (1947): Es gab effektiv so etwas, wie ich es mir schon seit langem kraus vorgestellt hatte.

Wann haben Sie davon profitiert, Deutscher zu sein? Wann haben Sie sich Ihrer Nationalität geschämt?

Profitiert eigentlich nur von der deutschen Sprache. Geschämt? – Meine Generation schämt sich natürlich noch immer für das, was im Namen des Großdeutschen Reiches geschah.

Wenn Sie zum Thema Paragraph 218 eine Nummer machen müssten – wie?

Sehr schwierig – jedenfalls bin ich der Meinung, dass keine Institution im Namen der »Moral« hinsichtlich Familienplanung verbindliche Vorschriften machen darf, wie ich überhaupt jede Bevormundung des menschlichen Willens und der menschlichen Verantwortung ablehne.

Sex – welchen Platz nimmt das Thema in Ihrem Programm ein?

Höchstens zwischen den Zeilen.

Wovor haben Sie Angst?

Vor einem Krieg, unberechenbarer Rohheit, unheilbaren Krankheiten.

Welches politische Ereignis in letzter Zeit hat Ihnen am meisten zu denken gegeben?

Der Vietnamkrieg – das Bild aus einer deutschen Illustrierten geht mir nie aus dem Sinn: Ein Vater flieht mit seinem Kind im Arm über eine Straße, hinter ihm die südvietnamesische Artillerie, vor ihm diejenige des Vietcong, über ihm die amerikanischen Bombenflugzeuge.

Wenn Sie irgendwo einen staatsmännischen Entscheid zu treffen hätten – welchen wo?

Ich würde veranlassen, dass sich die wichtigsten Staatsmänner jeden Monat zu einem Ausflug mit Damen treffen, um sich näher kennenzulernen, Duzfreundschaft zu schließen, um dann bei einer brisanten Situation telefonisch zu vereinbaren: »Das machen wir nicht.«

In welcher Hinsicht sind Sie Snob?

Vielleicht darin, dass mich aphoristische Formulierungen à la Oscar Wilde faszinieren. Ich habe eine Lieblingsgeschichte: Während der Französischen Revolution lässt sich eine zum Tode verurteilte Aristokratin von ihrer Zofe zum Schafott begleiten. Auf der untersten Stufe dreht sie sich, im Blick auf den Henker, nochmals um und sagt zur Zofe: »Was geb ich denn dem Herrn, ich mach das zum ersten Mal.«

Was meiden Sie wie die Pest?

Arrogante Leute.

In welcher Hinsicht sind Sie spießig?

Davor glaube ich mich bis heute bewahrt zu haben.

Welchen Standpunkt würden Sie einnehmen in einer Diskussion »Ehe heute«?

Für mich ist die Institution der Ehe immer noch zeitgemäß – als Möglichkeit für zwei Menschen, das Experiment zu wagen, ein Leben lang miteinander auszukommen.

Wie alt fühlen Sie sich?

Trotz 48 meistens wie 30 und gelegentlich wie 72.

Veröffentlicht unter dem Titel »In die Zange genommen: Hanns Dieter Hüsch … möchte nicht schüchtern fragen müssen: ›Dürfte ich noch einen Kaffee haben?‹« in »Femina« (Conzett & Huber Verlag, Zürich), Ausgabe ?/1971

»Ich habe heute kein Ziel mehr«

Hanns Dieter Hüsch, haben Sie sich, als Sie mit Ihrem literarischen Wirken begannen, ein Ziel vorgenommen?

Am Anfang ist zunächst gar kein Ziel im sogenannten hohen und hehren Sinne da, man macht das aus reiner Freude. Es war auch keine Existenzfrage im ökonomischen Sinne, ich spielte meine Sachen damals ja sowieso nur vor einem kleinen Freundeskreis. Ich, und auch fast alle meine Kollegen, hatten am Anfang nur das Bedürfnis, sich zu produzieren. Natürlich hat bei dem Ganzen sehr früh eine kritische Note mitgeschwungen, neben aller Unterhaltung, was durch die Zeit bedingt war: Der Krieg war zu Ende, die Nazis waren endlich weg, wir waren alle antifaschistisch und vor allen Dingen antimilitaristisch eingestellt. Eine direkte Zielsetzung in dem Sinne, dass ich sage, ich will das Publikum verändern und das und das erreichen, ist bei mir sehr verdeckt. Mein Ziel war es immer, durch Qualität einfach zu überzeugen. Ich verstehe mich ja eigentlich als literarischer Entertainer, mit der Betonung auf Entertainer. Seit ’71 ungefähr bin ich zum absoluten Solisten geworden. Ich bewege mich heute auf eine sehr absurde Form zu, die sehr ins Clowneske geht, die aber eigentlich nichts mit der Nonsens-Welle zu tun hat. Ich befinde mich in einem absoluten Freiraum, der eher kulturpessimistisch ist. Das ist natürlich eine Seite, die sehr schwer zu verkaufen ist. Um wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen: Ich bin heute so weit, dass ich eigentlich gar kein Ziel habe. Ich stelle lediglich Dinge her und trage sie vor. Dabei muss ich natürlich gewärtig sein, dass die Leute sagen: Was ist das, was bietet uns der Hüsch für ’nen Scheiß an?

Wie, glauben Sie, sieht Ihr Publikum aus?