Am Meer der Zeit - Lorenzo Cipriani - E-Book

Am Meer der Zeit E-Book

Lorenzo Cipriani

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Beschreibung

Auf den Wellen der Geschichte Erleben Sie mit Lorenzo Cipriani eine einzigartige Segelreise, die Sie durch die Jahrtausende der Zivilisation führt. "Am Meer der Zeit" ist mehr als ein Segelreise, es ist eine Zeitreise zu den Wurzeln unserer westlichen Kultur. Faszinierende Entdeckungstour Erleben Sie ein Abenteuer, das Sie von den Küsten Italiens und seinen Inseln bis zu den Ufern Istanbuls und der türkischen Küstenlandschaften führt. Begeben Sie sich an Bord einer Reise, die Mythen, Legenden und spannende Charaktere neu belebt. Historisches Wissen und heutige Denkanstöße • Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart durch fundierte historische und philosophische Einblicke • Fesselnde Geschichten aus den antiken Hafenstädten des Mittelmeerraums • Perfekt für Leser, die Geschichte und Philosophie mit Abenteuer kombinieren möchten Entdecken Sie die Ursprünge unserer Gesellschaft auf unterhaltsame und lehrreiche Weise und lassen Sie sich inspirieren von der Leidenschaft eines großen Erzählers. "Am Meer der Zeit" ist ein unvergleichbares Werk, das sowohl tiefgründige Denkanstöße als auch unterhaltsame Lesestunden bietet.

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2025

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LORENZO CIPRIANI

AM MEER DER ZEIT

Eine mediterrane Segelreise auf den Spuren alter Kulturen

Die deutsche Ausgabe wurde

bearbeitet von Sebastian Junge

DELIUS KLASING VERLAG

Inhalt

1 Der Urknall im Mittelmeer

2 Die etruskische Küste

3 Der Kaiser auf Elba

4 Ponza und die Verlockungen der antiken Welt

5 Die Insel Ventotene und John Steinbecks Bluff

6 Das Tor zum Golf von Neapel

7 Die Herrschaft der Sirenen und der Ruhm von Amalfi

8 Das Haus des Poseidon

9 Der Wohnsitz des Aeolus

10 Skylla, Charybdis und ein Brief der Muttergottes

11 Die Wut des Zyklopen und die Geburt der Schauspielkunst

12 Syrakus und das Schicksal des Ödipus

13 Lefkada und der Sturz der Sappho

14 Die Leiden des jungen Foscolo und das Schweigen des Hermes

15 Die Augen von Venedig und die versunkene Stadt

16 Das Meer der Aphrodite und das Kap der Stürme

17 Hydra und die Tage der Freundlichkeit

18 Epidaurus und das Schweigen der Orakel

19 Der Hafen des Perikles und die Schule von Athen

20 Negroponte und der Aufbruch der Achäer

21 Am Berg Athos

22 Das Haus des Hephaistos und die Terrakotta-Sirenen

23 Troja

24 Die Stadt aus Gold

25 Barbarossas Fehde und die Mädchen von Lesbos

26 Die Träne von Chios

27 Die Insel des Pythagoras und die Stadt des Heraklit

28 Patmos, die Insel des Friedens

29 Milet und das Orakel des Apollo

30 Zur Zeit der italienischen Dodekanes

31 Die Medizin des Hippokrates

32 Der Gott Pan und das Seefahrervolk

33 Die Stadt des Orakels und die Heimat des heiligen Nikolaus

34 Der Koloss von Rhodos und der Kelch der Helena

35 Astypalea und die Erfindung des Stockfischs

36 Santorin, die Insel der Vampire

37 Die Venus von Milo und das Rätsel der fehlenden Arme

38 Im Schatten des Minotaurus

39 Die Ritter von Malta und die Kreuze des Mittelmeers

40 Das Tal der Tempel und eine alte Legende

41 Die Gärten von Pantelleria und der Spiegel der Venus

42 Auf der Route der Phönizier nach Sardinien

43 Mirós Zug und die Nächte der Göttin Tanit

44 Das Ende des Meeres und die Erinnerung an die Natur

Referenz-Bibliographie

Danksagung

Meinem Vater, der mich lehrte, Bücher zu lieben – und das Mittelmeer

1 Der Urknall im Mittelmeer

In der Antike blieben die Boote den Winter über im Hafen. „Der Frühling öffnet die Meere für diejenigen, die segeln“, schrieb Plinius der Ältere etwa 77 n. Chr. in seiner Naturalis historia. Die Römer nannten das winterliche Mittelmeer passenderweise mare clausum, das geschlossene Meer. Der griechische Dichter Hesiod warnte davor, „Schiffe auf dem weinfarbenen Meer zu steuern“. Damit meinte er die Wasseroberfläche, die von der Reflexion der bleiernen Wolken in den Wintermonaten verdunkelt wurde.

Im Mittelalter war es in einigen Seerepubliken üblich, lediglich vom Tag des Heiligen Georg bis zum Tag des Heiligen Demetrius, also vom 5. Mai bis zum 26. Oktober, zu segeln. Das geschah nicht nur, um winterliche Stürme zu vermeiden, sondern auch, weil die Windverhältnisse das Segeln im Frühjahr und im Sommer auf vielen Routen zwischen den Küsten und den Inseln der Mittelmeerländer begünstigten.

Und so segeln wir auch heute noch. Wir folgen denselben Routen wie unsere Vorfahren, wir ankern in denselben Buchten, um uns vor dem Wind zu schützen, wir steuern vertraute Häfen an, wo wir mit unveränderten Knoten an den Anlegepollern festmachen.

Kaum etwas hat sich daran geändert: Wir werden von den schon in der Antike bekannten Winden angetrieben und sind mit den gleichen Wellen konfrontiert. Kurze, steigende, kreuzende, längs- und querschlagende, schäumende Wellen. Wir werden von uralten Strömungen getragen, orientieren uns nachts an den seit Jahrtausenden vertrauten Sternen und werden von Leuchttürmen an Landzungen und Klippen geleitet. Auch heute noch betrachten wir das Meer als Vater, als großen Lehrer oder als schreckliche Gottheit. Und obwohl wir inzwischen über hypertechnologische, moderne Ausrüstungen verfügen und unsere Boote aus festeren Materialien gebaut sind, ist die Beziehung des Menschen zum Meer die gleiche.

Schon lange bevor ich zu meiner fünfmonatigen Entdeckungsreise ins mare nostrum, in das uns umgebende Mittelmeer, aufbrach, gingen mir immer wieder Fragen zu unserer Reise durch den Kopf. Können wir uns eine Geschichte vorstellen, die vor der Ilias und der Odyssee geschrieben wurde? Ein Epos vor dem Mythos von Gilgamesch?

Gibt es poetische Verse, die vor den griechischen Lyrikern gedichtet wurden? Wurden bereits vor Sokrates philosophische Gedanken formuliert, die unser Leben, die Beziehung zur Gottheit und die Phänomene der Natur überdenken?

Das Mittelmeer der antiken Welt war der Ort, an dem es zu einer Art zweitem Urknall in der Zivilisations- und Menschheitsgeschichte kam. Es war dieser eine Moment, der alles verändern sollte. Unsere moderne Gesellschaft wurde geboren und von der außergewöhnlichen Fähigkeit zu denken geformt. Die Welt organisierte sich fortan nach Regeln, die sich an der Natur orientieren und die das Informationsprinzip des Universums in all seinen Erscheinungsformen bewahrt – selbst in den kleinsten und unbedeutendsten. Doch aus welchen Gründen kam es genau dann zu dieser revolutionären Veränderung an diesem Meer der Zeit?

All das ging mir also durch den Kopf, als ich mich an einem Morgen im April darauf vorbereitete, mit der milanto, der Schaluppe meines Freundes Valerio Bardi, aus dem Hafen von Viareggio auszulaufen. Die Kunst-Odyssee, wie wir unsere Segelreise nannten, sollte hier im Nordwesten der Toskana beginnen.

Mein Freund Valerio und ich träumten schon lange von diesem Segelprojekt. Wir würden uns wie üblich finanzieren: durch die Aufnahme von Schiffskameraden, die sich die Kosten für zwölf lange Segeltörns mit uns teilen würden. So zeichneten wir unsere geplante Route auf einer großen Karte des Mittelmeers ein.

Durch die Straße von Messina würden wir ins Ionische Meer einfahren und in Griechenland anlanden; dann den Peloponnes umrunden und die Ägäis bis nach Athen hinaufsegeln. Anschließend würden wir das Kap Sounion umrunden und entlang der attischen Küste an Euböa vorbeisegeln, um schließlich die Sporaden und die Halbinsel Chalkidiki zu passieren und bis zur Meerenge der Dardanellen zu gelangen, wo die antike Stadt Troja lag. Anschließend wollten wir in das Marmarameer einfahren, um Istanbul, das Tor zum Osten, zu erreichen; von dort aus begleitet vom Meltemi, dem Sommerwind der Ägäis, zwischen den griechischen Inseln und entlang der türkischen Küste nach Süden segeln und nach Osten in die Levante vordringen.

Hier würde die lange Rückreise beginnen: über Rhodos, zu den Kykladen und gen Kreta, um dann die lange Reise über das südliche Ionische Meer nach Malta und zurück nach Sizilien anzutreten, entlang der Küste nach Pantelleria und zu den Ägäischen Inseln. Die Route sollte uns weiter nach Norden zur Südküste von Sardinien führen, dann zu den Balearen. Von dort würden wir Kurs auf Italien nehmen und hielten uns südlich des Golfs von Lion, bis wir Sardinien erreichen und in die Bocche di Bonifacio einfahren, Korsika hinaufsegeln und schließlich zu unserem Ausgangspunkt zurückkehren würden.

Es sollte aber auf dieser Reise nicht nur um die Wurzeln unserer Kultur gehen. Vom Fachbereich Biologie der Universität Florenz hatte ich ein Forschungsstipendium für ein Projekt zur Untersuchung der Mikroorganismen erhalten, die Mikroplastik im Meer abbauen. Biologen der Universität hatten mich geschult, um Wasserproben und Proben von Fischdärmen zu sammeln. Indem sie die Auswirkungen der Mikroplastikverschmutzung auf die Meeresumwelt untersuchen, wollen die Biologen Antworten auf eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit finden.

In den Tagen vor der Abreise hatte ich in der Bilge zahlreiche leere Flaschen verstaut, mit denen ich während der Reise Meerwasserproben nehmen sollte. Ich hatte Dutzende von Ampullen mit einer flüssigen Lösung zur Konservierung der DNA von Fischdärmen in den Innenfächern untergebracht; hatte Platz für eine Präzisionswaage, sterile Gaze, Flaschen mit Alkohol, chirurgische Instrumente und Arbeitsplatten gefunden. Kurzum, jetzt war alles an Bord, was man für die Forschung braucht. Die milanto wurde so zu einem kleinen mobilen Labor.

Ebenso hatte ich auch meine Bücher über das Mittelmeer in den bordeigenen Bücherschrank gestellt und darauf geachtet, dass auch bei starkem Wellengang nichts herausfallen konnte. Valerio und ich hatten den Proviant ordentlich in der Kombüse verstaut, die Sicherheitsausrüstung überprüft, die Segel gefaltet und das Material in der Kajüte sortiert. Alles war an Bord, was wir benötigten, um unsere Reise an die Orte der Geschichte zu beginnen, eine Reise über das Meer in eine andere Zeit.

Die milanto war zudem nachhaltig umgerüstet worden: Wir hatten sie mit einem propellergetriebenen Stromgenerator am Heck ausgestattet, den wir bei Bedarf ins Meer absenken konnten; vier ultraleichte, mobile, hochmoderne Solarzellen versorgen die Bordbatterien für die beiden Kühlschränke und die Navigationsinstrumente mit Strom; zwei tragbare Solarmodule verwenden wir zum Aufladen von Mobiltelefonen. Wir würden versuchen, beim Energieverbrauch an Bord fast völlig autark zu sein und den Stromgenerator nur bei Bedarf und den Dieselmotor nur bei Windstille und zum Manövrieren im Hafen nutzen.

„An den Tagen von Venus und Mars heiratet man nicht und bricht nicht zu einer Reise auf “, sagt ein Seemannsspruch, den Valerio und ich immer beherzigen, bevor wir uns auf eine lange Fahrt begeben. Der Dienstag, der dem Kriegsgott gewidmet ist, könnte einen Sturm heraufbeschwören, während der Kabbala zufolge an Freitagen, die der Venus zugeschrieben werden, böse Geister erwachen können, die man besser nicht stören sollte.

Auch aus diesem Grund zögerten wir unsere Abfahrt hinaus, aber vor allem wegen des Libeccio-Windes, der die Wellen aufpeitschte und es gefährlich machte, den Hafen zu verlassen. Selbst die Fischerboote fuhren nicht aufs aufgewühlte Meer und verharrten untätig an ihren Anlegestellen.

Während wir warteten, kehrten wir jeden Abend in den Negroni Club zurück, eine Institution im alten Viareggio. Hier treffen sich die Negroni-Musketiere, wenn auch aus Altersgründen nur noch selten. Athos ist der Besitzer des kleinen Clubs, der einst ein Treffpunkt für Künstler war. Er besteht nur aus ein paar Tischen auf der Straße vor dem Eingang und einem schmalen Korridor im Inneren gegenüber der Theke, der nur wenigen Gästen Platz bietet. Hier ist noch der alte Geist der Bohemiens lebendig, der sich so vertraut anfühlt. Es ist uns zu einer lieben Gewohnheit geworden, auf einen Aperitif hierher zu kommen, bevor wir zu einem Segeltörn aufbrechen. In jenen Tagen des Wartens auf günstigeres Wetter kehrten wir mehrmals dort ein und wurden Tag für Tag ungeduldiger, endlich in See stechen zu können.

Am letzten Abend vor unserer Abreise schenkte uns Athos als Zeichen der Freundschaft und als Wunsch für einen guten Wind eine große Flasche Negroni, gemischt nach dem Geheimrezept der Musketiere, dazu eine Negroni-Salami und eine Flasche eines konzentrierten Negroni-Likörs, den er selbst kreiert hatte und der nach seiner Empfehlung für besondere Anlässe gedacht war. Kurzum, wir hatten reichlich Negroni. Wir mussten nur noch unseren Anker lichten.

2 Die etruskische Küste

Am Mittwoch, dem 27. April 2022, stachen wir bei Tagesanbruch in See. Der letzte Wintereinbruch hatte die scharfen Gipfel der Apuanischen Alpen weiß gefärbt. Vom Meer sahen sie noch glänzender aus als sonst.

Ich hielt Ausschau nach den Steinbrüchen des Altissimo, an dessen Hängen ich als Student auf den Spuren Michelangelos gewandelt war. Der Meister hatte hier zwei Jahre lang geschuftet, um „die Berge zu zähmen und die Menschen zu lehren“, indem er Marmor für Monumente abbaute, die von den Medici oder vom Papst in Auftrag gegeben wurden. Ich erinnerte mich an die bildhafte Beschreibung von Emanuele Repetti in seinem berühmten, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts veröffentlichten Dizionario geografico fisico storico della Toscana, der sich das Gebirge als „ein versteinertes stürmisches Meer“ vorstellte – als eine majestätische und erhabene theatralische Szenerie, die sich hinter der Küste in den Himmel erhebt.

Betrachtet man sie vom Meer aus, sieht man die bewaldeten Hänge, die von rauschenden Bächen zerfurcht sind und den Glanz der Steinbrüche und Marmorschluchten bis hin zu den Gipfeln von Pania della Croce, Pizzo d'Uccello, Monte Forato und Tambura, die sich gewaltig vom blauen Himmel abheben. In der toskanischen Küstenlandschaft der Versilia steht das Meer dem Land herausfordernd gegenüber. Vielleicht ist der Charakter der Bewohner hier deshalb abgehärteter und weniger zugänglich als anderswo: An der Riviera zum Beispiel lächeln die Menschen mehr, sie sind umgänglicher. Aber die ganz eigene Schönheit der Versilia beruht auf ihren kontrastreichen, kräftigen Tönen und einem landschaftlichen Charakter, der sich als zurückhaltend beschreiben lässt. Das gilt für die Gegend und ebenso für die Menschen, die hier leben.

Ein alter Marmorarbeiter, der mich vor vielen Jahren bei meiner Erkundung der stillgelegten Medici-Steinbrüche begleitete, behauptete, dass in der Versilia alles zu finden sei und dass der Ursprung des Namens genau diese Vielfalt zum Ausdruck bringe. Historiker sind sich hingegen einig, dass sich der Name vom Hydronym Vessidia ableitet, also vom germanischen Wort für Wasser. Aber ich bin überzeugt, dass in der Theorie des Marmorarbeiters ein Körnchen Wahrheit steckt. Folgt man oberhalb der Dörfer Pietrasanta, Seravezza und Cappella seiner imaginären Landkarte der von Generation zu Generation weitergegebenen Erinnerungen, kann man in der Vegetation des Waldes auf Gestein in allen Farben stoßen. Ein alter verlassener Steinbruch leuchtet in Rubinrot, schotterartige Brekzien schimmern in der Farbe von Pfirsichblüten; und in Richtung Arni-Pass fanden wir schwarze Steine, grauen Bardiglio, gesprenkelte Grüntöne. Der Marmorarbeiter erzählte mir von einem Ort, an dem es sogar Goldvorkommen gäbe, wenn auch in sehr geringen Mengen, und behauptete, dass an einem anderen Ort Uran zu finden wäre; ein Ort, den Insekten und andere Tiere offenbar meiden würden.

Wir umrundeten die Sandbank gegenüber der Mündung des Hafens von Viareggio, wo jedes Jahr etliche Boote auf Grund laufen, und hissten das Großsegel. Von den Bergen, die wir hinter uns ließen, wehte ein leichter Landwind und blähte unsere sonnenbeschienenen Segel auf. Die milanto setzte sich sofort in Bewegung, und der Bug begann, sanft durch die Wellen zu pflügen. Wir setzten einen südlichen Kurs und winkten den Fischerbooten, die in den Hafen zurückkehrten, zum Abschied zu. Unser Abenteuer im Mittelmeer hatte begonnen. Wir hatten das Leben an Land mit all seinen Regeln, Konventionen, Logiken und Gewissheiten hinter uns gelassen, um in die Welt der Ungewissheiten, Mythen, Träume und Geheimnisse einzutauchen.

Wir passierten die Mündung des Arno und hielten uns von den Untiefen von Meloria fern, wo ein Turm mitten im Meer steht. Er erinnert an die Schlacht vom 6. August 1284, die den Niedergang der Seerepublik Pisa und den Aufstieg Genuas markiert. Es war eine vernichtende Niederlage, Tausende wurden auf beiden Seiten getötet und unzählige pisanische Gefangene wurden nach Genua deportiert. Unter ihnen war Rustichello da Pisa, dem wir die Niederschrift von Marco Polos Milione verdanken. Die beiden trafen sich im Gefängnis des Palazzo San Giorgio, gegenüber dem alten genuesischen Hafen. Marco Polo war von den Genuesen nach der Niederlage Venedigs in der historischen Schlacht bei der dalmatinischen Insel Curzola im Jahr 1298 gefangen genommen worden. Im Kerker begegnete er dem Schriftsteller Rustichello, der dort schon 14 Jahre festgehalten wurde. Viele seiner pisanischen Kameraden waren tot und in dem genuesischen Viertel begraben, das noch heute Campopisano heißt, andere waren nach langen Jahren der Gefangenschaft gegen Zahlung eines hohen Lösegelds nach Hause zurückgekehrt.

In Pisa waren zu dieser Zeit die wichtigsten Monumente der Piazza dei Miracoli bereits errichtet worden, und als ich an der Küste entlang segelte, konnte ich in der Ferne die Kuppel der Kathedrale erkennen, wo ich viele Jahre zuvor an der Marmorrestaurierung der Fassade mitgearbeitet hatte. Ich erinnere mich, dass ich an Wintertagen am Horizont auf das Meer blickte, das bei Sonnenuntergang glühte, und an die Herrlichkeit von Pisa dachte, das nach der Niederlage bei Meloria so arm an Menschen und Reichtümern war, dass man sagte: „Wenn du Pisa sehen willst, schau dir Genua an.“

Wir segelten weiter an der Küste entlang, ließen den Hafen von Livorno, die Uferpromenade von Ardenza, die Klippen von Calafuria, Quercianella, den Golf von Castiglioncello, die weißen Strände von Rosignano, die Schornsteine und die Werft von Solvay hinter uns. Vor uns lag nun das Meer der Etrusker und das Land der Tuscia, wie die Römer Etrurien nannten, als sie das Volk der Etrusker verdrängten. Mit ihnen verschwand eine große, geheimnisvolle, kultivierte und lebensfrohe Zivilisation.

In der Toskana sind noch heute zahlreiche archäologische und kulturelle Zeugnisse der Etrusker erhalten. Manches lebt in den Bräuchen, der Mentalität und sogar in der Physiognomie und der Sprache der Menschen dieser Gegend fort. Es heißt, dass man auf historischen Gemälden und in den abgelegeneren Dörfern des Landesinneren noch immer Gesichter sieht, deren Züge den der Porträts ähneln, die wir von antiken Sarkophagen kennen. Und noch immer spricht man in der Toskana einen Dialekt mit einem gehauchten C, wie es im Land der Tuscia üblich war.

Die etruskische Zivilisation war in gewisser Weise überraschend modern. Die Rolle der Frau war nicht der des Mannes untergeordnet. Insofern waren sie ihrer Zeit weit voraus. Im spirituellen Leben herrschte ein ausgeprägter Sinn für Schönheit, der eng mit der Kultur des Essens und der Kleidung verbunden war. Die Etrusker besaßen eine Eleganz, von der noch heute die prächtigen aus Stein gehauenen oder in Ton modellierten Sarkophage zeugen. Der etruskische Handel erstreckte sich schließlich auf den gesamten Mittelmeerraum, wie die Funde zahlreicher bemalter Vasen zeigen, die den Toten in ihren Gräbern als Gabe mit auf den Weg ins Jenseits mitgegeben wurden.

Es ist überliefert, dass der kultivierte römische Kaiser Claudius 20 Bücher über diese alte und edle Zivilisation verfasst hat, darunter ein Werk mit dem Titel Tyrrenika, das leider nicht erhalten geblieben ist – vielleicht, weil es aus politischen Gründen nicht weiterverbreitet werden durfte. Wir wissen jedoch, dass zwei oder drei der sogenannten antiken Könige Roms etruskischer Abstammung waren; außerdem war Tyrrenhoi der Name, mit dem die Griechen die Etrusker bezeichneten und den das Meer, über das wir fuhren, noch heute trägt.

Am Horizont tauchte nun vor uns Populonia auf. Die antike Stadt war Teil der Dodekapolis, dem ionischen Bund, dem nur 12 Städte angehören durften. Populonia nahm in dieser Konföderation eine besondere Stellung ein, denn sie war die einzige Stadt, die am Meer lag. Außerdem war sie führend in der Verarbeitung von Eisenerz, das die Etrusker von der nahegelegenen Insel Elba (auf etruskisch Ilva, was Funke bedeutet) bezogen. In Populonia schmiedeten geschickte Handwerker Kriegs- und Friedenswerkzeuge, die an den Seehandel geliefert wurden.

Wir wissen bis heute nicht, woher die Etrusker kamen. Herodot berichtet von einer antiken Einwanderung aus Lydien, das sich auf dem Gebiet der heutigen Türkei befand: Der lydische König Atys hatte, um eine langanhaltende Hungersnot zu bekämpfen, angeordnet, dass sein Volk nur an einem von zwei Tagen essen und den darauffolgenden Fastentag mit Spielen am Tisch verbringen sollte, um Kräfte zu sparen und den Hunger zu vergessen. Brettspiele, mit Ausnahme des von den Arabern stammenden Damespiels, wurden demnach wahrscheinlich in Lydien erfunden. Wie auch immer – es wurde bald klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Also teilte der König sein Volk auf: Die eine Hälfte sollte zu Hause bleiben, die andere sollte in ein anderes Land ziehen und es besiedeln. Die von Tyrsenos, dem Sohn des Atys, angeführte Gruppe stach in See und überquerte das Mittelmeer in das Land der Umbrer, wo sie den Namen Tyrsenoí annahmen, später Tyrsenós, der im attischen Dialekt Athens zu Tyrrhenós wurde.

Soweit die Legende. Doch Historiker unserer Tage halten es für wahrscheinlicher, dass die Zivilisation der Etrusker durch das Verschmelzen verschiedener mediterraner Kulturen entstand, begünstigt und beeinflusst durch den Handel griechischer und phönizischer Schiffe. Doch den etruskischen Seefahren lag nicht nur der Handel, sondern auch das Kriegerische im Blut: Vom Tyrrhenischen Meer aus unternahmen sie jahrhundertelang Piratenexpeditionen im gesamten Mittelmeerraum, sodass die Griechen den Begriff Tyrsenoí als Oberbegriff für barbarische Piraten verwendeten.

Als wir im Golf von Baratti den Anker warfen, erblickten wir nun von Nahem das mittelalterliche Populonia, das auf einem 170 Meter hohen Vorgebirge thront. Der Name Populonia leitet sich vom Gott des Weins ab, der im etruskischen Fufluns genannt wurde. Daraus entstand der Name Fufluna und später Pupluna, den die Römer in Populonia umwandelten.

Wir setzten das Beiboot ins Wasser, um den Strand zu erreichen, und gingen bald darauf vor einer kleinen Kapelle an Land, die dem heiligen Cerbone gewidmet ist, einem frühmittelalterlichen Bischof, der lange Zeit über die Diözese der Region herrschte und gegen die Langobarden kämpfte.

Der gesamte Strand von Baratti leidet unter dem steigenden Meeresspiegel: Die Wellen reichen inzwischen bis zur Küstenstraße, die an der ältesten etruskischen Nekropole der Stadt vorbeiführt. Sie wurde 1908 entdeckt, als die ersten Ausgrabungen zu der Erkenntnis führten, dass sich unter vielen Metern Eisenschlacke eine antike Totenstadt befand. Da die Etrusker nur einen kleinen Teil des Eisenerzes für die Verhüttung nutzten, entstanden große Schlackehalden, von denen eine im Lauf der Jahrhunderte die Nekropole unter sich begraben hatte. Mit dieser Entdeckung begannen die modernen Studien der Etruskologie.

Wir spazierten zur Spitze des Vorgebirges, wo eine mittelalterliche Festung steht, die das Meer und die Insel Elba überblickt. Der Platz war menschenleer, und die Tür der kleinen Renaissancekirche Santa-Croce stand offen. Ich trat ein und fand mich in der Dunkelheit des Kirchenschiffs vor einem kleinen Altar wieder, der von der Marmorplatte eines wiederverwendeten römischen Sarkophags getragen wurde. Die Platte ist mit sogenannten Strigilati, wellenförmigen Mustern, verziert. Verwendet wurde ein antikes Metallwerkzeug, eine Art Schaber, mit dem die Athleten nach dem Wettkampf ihren Körper von Schweiß und Öl reinigten. Ganz sicher sind in Populonia derartige Werkzeuge geschmiedet und wer weiß wohin verschifft worden.

Die Sonne stand schon tief am Horizont und Möwen kreischten hoch über den Türmen der Verteidigungsbastionen. Wir beschlossen, an Bord zurückzukehren und gingen zum Strand hinunter, wo wir das Beiboot zurückgelassen hatten. Wir lichteten den Anker, hissten die Segel und nahmen Kurs auf Elba, um noch vor Einbruch der Dunkelheit im Hafen von Portferraio zu ankern.

3 Der Kaiser auf Elba

Schon oft war ich bei Sonnenuntergang auf der Insel Elba gelandet, wenn die letzten Sonnenstrahlen die eisernen Hügel über dem Meer in Flammen aufgehen ließen und die Ruinen der Burg auf dem Gipfel von Volterraio beleuchteten.

An diesem Abend erinnerte ich mich an die Lektüre einer historischen Quelle. Dort hatte ich einen Eintrag des Bürgermeisters von Elba gelesen, in dem er vom Tag berichtete, an dem die hms undaunted mit Seiner Kaiserlichen Majestät, König Napoleon, dem großen Kaiser der Franzosen, in Begleitung von S.E. Großmarschall Graf Bertrand, Graf Drouot und 32 weiteren Personen aus seinem Gefolge im Hafen von Portoferraio vor Anker ging. Es war der 3. Mai 1814, als Napoleon hier auf Elba sein erstes Exil antreten musste.

Auch hatte ich eine kürzlich erschienene Biographie über den Aufenthalt des Kaisers auf Elba gelesen und fragte mich: Was mag Napoleon gefühlt haben, als er den mit Granit gepflasterten Kai vor dem Medici-Tor gegenüber dem Hafen betrat? Und was mögen die Inselbewohner gedacht haben, die im Dorf versammelt waren, um die Ankunft des Mannes mit dem grimmigen Blick zu erwarten, der das Schicksal der Welt verändert hatte?

Zunächst einmal war die Reede vor Portoferraio ganz anders als sie heute ist. Wenn man sich Drucke aus dem 19. Jahrhundert ansieht, war die gesamte Westseite, wo sich heute die Werften und das Industriegebiet befinden, von Salinen bedeckt, die in große Konkretionsbecken unterteilt waren. In der Pinacoteca Civica Foresiana in Portoferraio befindet sich ein Gemälde des Elbaner Malers Giuseppe Mazzei, der zur Zeit der Macchiaioli, den italienischen Vorläufern der Impressionisten, lebte und in seinen Gemälden die harte Arbeit der Inselbewohner darstellte, wie sie das Meersalz mit Schaufeln einsammelten, in Weidenkörben abtropfen ließen und auf ihren Schultern forttrugen.

Bei Napoleons Ankunft waren die Zustände auf der Insel jedoch noch bescheidener. Aus historischen Quellen wissen wir, dass er während der 300 Tage seiner erzwungenen Anwesenheit eine umfassende Umgestaltung der Infrastruktur der Insel vornahm, indem er das Straßennetz, die hygienischen Bedingungen, den Handel und die Landwirtschaft verbessern ließ und öffentliche Bauten in Auftrag gab. So wurde das kleine Fürstentum Elba, das ihm durch den Vertrag von Fontainebleau zugewiesen worden war, tiefgreifend reformiert. Man kann sagen, dass Napoleons Aufenthalt einen Tourismus-Boom nach sich zog, weil zahlreiche Reisende aufgrund der Anwesenheit des kaiserlichen Hofes nach Elba strömten.

Das erste Gebäude, das der Herrscher beauftragte, war der Bau seiner persönlichen Residenz, die sich noch heute am Patrouillenweg zwischen dem Fort Falcone und dem Fort Stella befindet, wo es zu dieser Zeit nur drei Windmühlen auf dem Felsen gab. Deshalb wurde sie Villa dei Mulini genannt und in weniger als 20 Tagen in militärischem Tempo errichtet: In der Nacht vom 21. auf den 22. Mai schlief der Kaiser zum ersten Mal in seiner neuen Residenz. In den folgenden Tagen ließ er Möbel und Einrichtungsgegenstände aus Paris und den toskanischen Residenzen seiner Schwester Élisa herbeischaffen.

Auch wir erreichten – wie einst die hmsundaunted – vor Anbruch der Nacht den Hafen und warfen unseren Anker vor der mediceischen Bastion. Wir aßen zu Abend, während die Hafenbeleuchtung die Bucht erhellte. Am nächsten Morgen setzten wir das Beiboot ins Wasser, um an Land zu gehen. Die Anlegestellen waren halb leer und die Bars am Wasser hatten geöffnet. Der Gedanke, dass nur wenige Monate später dieselben Orte von unzähligen Touristen heimgesucht werden würden, löste bei mir eine gewisse Euphorie aus. Ich fühlte mich privilegiert und versuchte, in die historische Erinnerung einzutauchen, als würde ich in die Zeit Napoleons zurückkehren. Ich stieg die mit rosa Kalkstein gepflasterten Treppen der Altstadt zur Villa dei Mulini hinauf. Die Hausmeister hatten gerade die Eingangskasse geöffnet, und ich betrat die Villa, die einst mehrere Prunkräume beherbergte, darunter einen Ballsaal und die privaten Gemächer Napoleons. Das Gebäude war ganz ähnlich wie die Pariser Kaiserresidenzen Napoleons aufgeteilt, wenn auch mit einem etwas reduzierten Grundriss. In den beiden Sälen der Bibliothek wurde die Büchersammlung aufbewahrt, die schon Alberto Moravia beeindruckt hatte, der sie 1939 in einem Artikel beschrieb: Es handelte sich um mehr als 5.000 Bände, die aus Fontainebleau mitgebracht und später zusammen mit allen anderen Besitztümern des Kaisers der Gemeinde von Portoferraio geschenkt wurden. Von den Sälen im Erdgeschoss gelangt man durch die Tür zu den Außengärten, dem italienischen Garten und dem Privatgarten Napoleons, die noch im Originalzustand angelegt sind. Von hier aus genoss der Kaiser der Franzosen einen einzigartigen Blick auf die Bucht und die Berge der gegenüberliegenden Küste, wie in einem Hortus conclusus, einem in sich abgeschlossenen Garten über dem Meer – ein Ort der Meditation und Entspannung. Wer weiß, wie oft er beim Blick auf den Horizont verbittert über die wechselnden Schicksalsschläge nachgedacht haben muss.

Vielleicht las er dort die Passagen aus seinem geliebten Der Fürst von Machiavelli, in denen der Autor empfiehlt, die Gelegenheiten zu ergreifen, die sich je nach den Umständen ergeben können. Dabei mag Napoleon auch Rachepläne geschmiedet und über neue Eroberungen nachgedacht haben.

Am Nachmittag segelten wir an der Nordseite der Insel entlang zu den Hängen des Monte Capanne. Wir umrundeten das Kap von Enfola, ließen das Dorf Marciana und die Klippen von Sant'Andrea hinter uns und fuhren an der Westküste entlang. Ich sinnierte noch immer über Napoleons seelischen Zustand, als er am 25. Februar 1815 die Insel Elba verließ, nach Frankreich zurückkehrte und nach den schicksalhaften 100 Tagen die Niederlage von Waterloo erlitt, von der er sich nie wieder erholen sollte. Beim Anblick der blauen Berge Korsikas, die sich nun vor uns am Horizont abzeichneten, dachte ich daran, dass dort, in einem kleinen Dorf, dieser außergewöhnliche Mann geboren worden war, der wohl oder übel die Chancen des Schicksals nutzte, grandiose Aufstiege und große Abstürze erfuhr und vielleicht auf Elba ein paar friedlichere Tage erlebte.

Nachdem wir das Kap von Punta Polveraia umrundet hatten, segelten wir an der Küste entlang zum Dorf Pomonte, wo ich viele Erinnerungen an meine Ferien als Junge habe. Auf diesen Felsen hatte ich erste Liebeserlebnisse; meinen ersten Kuss gab ich hier einer kleinen deutschen Freundin. Während der Ferien, die einen Monat andauerten, hatten wir uns ewige Liebe geschworen. Danach haben wir uns nie wiedergesehen.

Wir ankerten in der Nähe des Ogliera-Felsens, nur wenige Meter vom Wrack des Handelsschiffs elviscot entfernt, das dort 1972 in zwölf Metern Tiefe gesunken war. Um den vom Meer korrodierten Stahlrumpf herum hatte ich meine ersten kleinen Freitauchversuche unternommen und mir die Einrichtung der Kabinen angesehen. Im Laufe der Jahre haben Tauchtouristen dann alles vom Wrack als Souvenirs mitgenommen, was sich entfernen ließ. Heute ist das geplünderte Schiff vollständig von Algen bedeckt, und zwischen den Bullaugen der Breitseite haben sich Muränen eingenistet. Das Wasser war noch kalt und zeugte von der Strenge des vergangenen Winters, aber die Sonne begann zu wärmen, und es war angenehm, einen kurzen Tauchgang zwischen den Schwärmen von Lippfischen zu machen, bevor wir die Fahrt fortsetzten.

Wir segelten an der Insel Pianosa vorbei, während Montecristo sich immer deutlicher am Horizont abzeichnete. Einige Jahre zuvor hatte ich die Insel mit einem Segelboot besucht, zusammen mit einigen Freunden, die die Erlaubnis der Inselregierung für einen Besuch erhalten hatten.

Montecristo ist seit 1971 ein staatliches Naturschutzgebiet und darf nur eingeschränkt betreten werden. Damals lebte hier, isoliert von der Welt, das Hausmeisterehepaar Maraj und Luciana, das für die Besucherpfade und die Pflege der Räume der Villa Reale zuständig war. Die beiden führten ein einfaches, manchmal hartes Leben im Einklang mit der Natur und ihren Zeitläufen. Vom Aufwachen im Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang verrichteten sie ihren Dienst als Wächter. Der Winter war für sie sehr lang. Wir schlossen damals Freundschaft und sprachen über das alte Kloster San Mamiliano, auf dem die Legende von einem Schatz beruht, den Mönche vor einer Invasion der Sarazenen dort versteckt haben sollen. Diese Geschichte, die zur Zeit von Alexandre Dumas auch in französischen Zeitungen erschien, inspirierte den berühmten Schriftsteller wahrscheinlich zu den Abenteuern von Edmond Dantes, die in Der Graf von Monte Cristo erzählt werden.

Das Kloster, das wir über einen jahrhundertealten, in den Granit gehauenen Weg erreichten, erwies sich als eine von Ziegen behauste Ruine, die ständig auf der Suche nach essbaren Pflanzen waren. Bedauerlicherweise war das alte Gebäude 1890 von der königlichen Marine als Übungsziel ausgewählt worden, und die dem Meer zugewandte Anlage wurde damals durch Kanonenbeschuss völlig zerstört. Die Apsis der kleinen Kirche ist jedoch noch intakt und mit kleinen einbogigen Fenstern versehen, von denen sich eines in Form eines Kreuzes vor dem Hintergrund des türkisfarbenen Wassers der Cala Maestra abzeichnete, wo ich zuvor unser Boot an der Boje festgemacht hatte.

Nachdem die Mönche das Kloster nach dem letzten Angriff des türkischen Piraten Dragut im 16. Jahrhundert aufgegeben hatten, wurde es von Einsiedlern bewohnt, die dort lange Jahre in völliger Abgeschiedenheit lebten. Auch David Lazzeretti, bekannt als Christus von Amiatia, zog sich für eine gewisse Zeit an diesen Ort zurück. Er war ein Lastenträger aus Arcidosso, der Mitte des 19. Jahrhunderts als Prediger mit messianischen Visionen sehr berühmt wurde und einen mystischen Sozialismus mit äußerst innovativen Zügen propagierte, was ihm Repressionen und schließlich die Verurteilung durch das Heilige Offizium als Ketzer einbrachte. Lazzeretti wurde während einer Prozession ermordet. Später sind seine sterblichen Überreste vom Kriminalanthropologen Cesare Lombroso exhumiert worden, um sie zu Studienzwecken zu untersuchen.

Die Sonne ging unter, und am Horizont sah es aus, als würde Montecristo glühen; die rosafarbenen Granithänge schienen sich auf dem Gipfel wie Feuerzungen zu vereinen. Der Wind hatte ein paar Knoten zugelegt. Wir rollten die Genua ein, um das Großsegel zu halsen und gingen nach Backbord, um die Segel in Erwartung unserer ersten Nachtfahrt zu reduzieren. Auf dem Weg nach Ponza würden wir an der Insel Giglio vorbeikommen. Wir aßen Farro mit Gemüse, das wir am Nachmittag zubereitet hatten, und trafen unsere Vorkehrungen für die Nacht. Wie geplant hatten wir unsere erste Crew an Bord genommen und teilten unsere mitreisenden Gäste nun paarweise in zweistündige Wachen ein. Die Nacht war klar, wir befanden uns in einer Hochdruckperiode, und die Vorhersage ließ keine nennenswerten Windänderungen erwarten. Ausgestattet mit Schwimmwesten mussten sie nur nach anderen Schiffen Ausschau halten und den Bordcomputer mit seinem Automatic Identification System (AIS), dem Antikollisionssystem, im Blick behalten. Valerio und ich würden, wie üblich, Alleinschichten übernehmen und für alle navigatorischen Erfordernisse auf der Hut sein. Mein Dienst würde erst um zwei Uhr morgens beginnen. Nachdem ich zeitig aufgewacht war auf und meine Schuhe angezogen hatte, fand ich Valerio am Kartentisch vor. Wir kamen zügig voran, der Mond war untergegangen und der Himmel zeigte sich wolkenlos. Ich konnte Cassiopeia inmitten der Milchstraße erkennen, Perseus weiter unten am Horizont, und hoch über dem Zenit leuchtete der Große Bär.

Der toskanische Archipel besteht aus sieben Inseln, von denen jede ihre eigenen geschichtlichen, natürlichen und traditionellen Besonderheiten aufweist. In den Sommermonaten verwandeln sie sich in Touristenattraktionen, doch ihr wahres Gesicht zeigen sie nur außerhalb der Saison. Oft habe ich den Erzählungen der Inselbewohner über das Meer zugehört. Im Sommer ist es schwierig, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, denn sie haben dann meist wenig Zeit. Die besten Geschichten habe ich im Frühjahr gesammelt, wenn das Meer nach der Winterpause wieder zum Leben erwacht. Einige von ihnen sind völlig unbekannt, andere fast vergessen. Als wir zwischen Giglio und Giannutri segelten, erinnerte ich mich an eine Geschichte, die mir ein alter Professor erzählt hatte und die genau diesen Abschnitt des Meeres betraf: die Geschichte von Zanara, der imaginären Insel, der Insel, die es nicht gibt.

Ab 1589, als Gerardo Mercatore sie in seiner Seekarte für Tuscia eingezeichnet hatte, wurde Zanara auf allen tyrrhenischen Karten dargestellt, bis man 1720 feststellte, dass sie überhaupt nicht existierte. Doch fast zwei Jahrhunderte lang hatten alle großen Kartographen sie dort platziert, wo sich die Secca di Mezzo Canale befindet: gegenüber von Monte Argentario, im 19. Jahrhundert noch Secca delle Vedove – die Sandbank der Witwen – genannt, weil sich dort mysteriöse Schiffbrüche ereigneten, bei denen unzählige Seeleute ihr Leben verloren. Die Legende besagt, dass sogar der Heilige Mamiliano, der Einsiedler, der das Kloster Montecristo gründete, einige Jahre auf der Insel Zanara verbrachte. Ist es also möglich, dass sie einst wirklich existierte und dann unterging? Vielleicht ist sie durch eruptive Aktivitäten verschwunden, blieb aber als Eintragung auf den Seekarten erhalten. Einige Leute fragen sich das noch immer und führen Unterwasserforschungen durch, aber ich bezweifle, dass sie jemals eine Antwort finden werden.

Und dennoch lässt sich durchaus die Ansicht vertreten, dass der toskanische Archipel nicht aus sieben, sondern aus acht Inseln bestanden hat, wenn man Zanara, die Insel, die es nicht (mehr) gibt, mitzählt.

4 Ponza und die Verlockungen der antiken Welt

Das Morgenlicht begrüßte uns, als wir mit gehissten Segeln zügig querab segelten. Die Sonne trocknete das von der Feuchtigkeit der Nacht durchnässte Deck und erwärmte die von ihren Wachen müde gewordene Mannschaft.

Unsere vier Reisegefährten trugen noch immer ihr Ölzeug und tranken im Cockpit heißen Kaffee. Sie betrachteten das Meer am Horizont und sprachen über die aufregende Nacht, die sie gerade hinter sich gebracht hatten. Keiner von ihnen hatte den anderen gekannt, bevor sie an Bord gekommen waren, aber schon am dritten Tag waren sie eine eingeschworene Gemeinschaft: Sie würden für immer Freunde bleiben. So ist das nun einmal, wenn man diese Art von Erfahrung auf See macht – ganz anders als bei einem gewöhnlichen Segelurlaub, bei dem man normalerweise nur von einer Ankerstelle zur nächsten fährt, um schwimmen zu gehen oder einen Hafen anzulaufen, um einen Ausflug an Land zu machen. Die Besatzung dieser ersten Etappe hatte ein gemeinsames Ziel: fast 300 Meilen durch das Tyrrhenische Meer zu segeln, entlang von Handelsrouten, die im Laufe der Geschichte verschiedene Völker und Zivilisationen miteinander verbunden hatten. Jeder fühlte sich als Teil der gesamten Reise, die insgesamt fünf Monate dauern würde, so wie die anderen Reisegefährten, die auf den nächsten Etappen an Bord kommen würden. Als wir die Insel Ponza erblickten, die im Morgennebel in der Ferne am Horizont auftauchte, begleitete uns eine Delphinschar und begann, vor dem Bug der milanto herzujagen. Jedes Mal wieder ist es ein wunderbarer Anblick, ihnen bei ihrem Spiel zuzuschauen. Ich frage mich, was sie dazu bewegt, auf den Bugwellen einer Segelyacht zu reiten. Halten sie das Boot für ein großes Meerestier, mit dem sie spielen können? Oder versuchen sie so, mit uns Menschen zu interagieren?

Die mediterranen Zivilisationen der Antike betrachteten den Delphin als Freund des Menschen: als Prinz des Meeres, der Schiffbrüchige rettet, oder als Gottheit, die mit Poseidon, dem Herrscher der Meere, verbunden ist. Es besteht kein Zweifel, dass die Antike Delphine liebte.

Die Kreter zum Beispiel glaubten, dass sich die Toten auf den Inseln der Seligen am Ende der Welt versammeln und dass Delphine sie auf ihrem Rücken in die Unterwelt tragen: die sogenannten Seelenführer-Delphine, die Fährmänner der Seelen. Die homerische Hymne an Apollon erzählt, dass der Gott sich an der Küste von Chrysa in einen Delphin verwandelte, bevor er Delphi erreichte (benannt nach eben dieser Legende), wo er das Orakel einsetzte, durch das der Kosmos in eine neue Ordnung gebracht wurde. Eine andere Hymne erzählt, dass sich Dionysos auf einem Schiff tyrrhenischer (d. h. etruskischer) Piraten auf dem Weg nach Naxos befand und diese ihn als Sklaven verkaufen wollten. Um dies zu vereiteln, verwandelte er die Ruder in Schlangen und machte das Schiff manövrierunfähig, indem er auf der Brücke Weinranken wachsen und schließlich eine Bärin an Bord erscheinen ließ. Die Piraten, die durch diese schrecklichen Wunder zu Tode erschraken, stürzten sich ins Meer, wurden zu Delphinen, um nun reumütig fortan in Not geratene Seeleute zu retten. Im Altgriechischen ist delphys auch eine Bezeichnung für die Gebärmutter, während phállaina der Wal ist, von dem der Begriff „phallus“ abgeleitet wird.

Der Delphin wurde auch als Gottheit der etruskischen Flotte verehrt. Die christliche Ikonographie hingegen sieht den Delphin als Sinnbild für die Seele des Menschen, die in den unruhigen Gewässern des Daseins den Hafen der Erlösung erreicht. Das Mittelalter übernahm schließlich das Wissen der Antike und sah im Delphin eines der wenigen menschenfreundlichen Meerestiere; so heißt es im Cambridge Bestiary aus dem 12. Jahrhundert: „Delphine nennt man die Fische, die die Angewohnheit haben, der menschlichen Stimme oder sogar der Musik zu folgen, wenn sie sich in Gruppen zusammenfinden. Nichts ist auf dem Meer schneller als Delphine. Sie springen mit großen Sätzen über Schiffe hinweg, und es ist eine weit verbreitete Tradition, Delphine, die zwischen den Wellen spielen und sich der Kraft der Wellen mit großen Sprüngen widersetzen, als die Boten der Stürme zu betrachten.“

Auch wir auf der milanto halten uns beim Segeln an manche abergläubische Regel, die sich seit jeher unter den Seeleuten eingebürgert hat. Wehe, man fängt Delphine oder isst ihr Fleisch! Wehe, man beschimpft sie! Wenn Delphine auftauchen, können wir die Angelschnur einholen: Weil wir nichts fangen würden, bis die Schule weitergezogen ist. Und wenn wir sie spielerisch vor unserem Bug springen sehen, dann wissen wir, dass der Wind bald nachlässt oder dass ein Sturm aufzieht.

Wir erreichten Ponza am späten Vormittag. Die Klippen der Küste hoben sich hell zwischen dem Kobaltblau des Meeres und dem Blau des Himmels ab. Wir näherten uns der felsigen Bucht der Chiaia di Luna langsam und bewunderten die steilen Wände aus weißem Tuffstein mit Blick auf das türkisfarbene Meer und den hellen Sandstrand.

Dieser Anlegeplatz wurde schon in frühester Zeit genutzt, und die Römer hatten einen Tunnel gegraben, um den Strand mit dem Hafen auf der anderen Seite der Insel zu verbinden. Bis vor einigen Jahren war der fast zwei- bis hundert Meter lange, mit Steinen ausgekleidete Gang noch offen und wurde von den ursprünglichen in den Fels gehauenen Oberlichtern erhellt. Dann kam ein junger Tourist bei einem Kletterversuch an den Felsen der Bucht ums Leben, und die Inselbehörden sahen sich gezwungen, den Tunnel und somit den Zugang zur Bucht zu schließen. Heute kann man sie nur noch vom Meer aus erreichen, aber es ist aus Sicherheitsgründen verboten, sich am Strand aufzuhalten.

Wir ließen den Anker in der Mitte der Bucht fallen. Als wir den Motor abstellten, saß ich am Bug und lauschte dem Rauschen der Brandung, das vom Ufer kam, und sah den Vögeln zu, die über die Klippen flogen. Die Römer nannten diese Bucht Diva Luna und errichteten eine Nekropole auf der Spitze des Felsens. Auch hier, wie in Baratti, entdeckte ich antike Gräber mit Blick auf das Meer. Aber in diesem Fall war ihre Lage noch malerischer.

Spirituell gesehen verband das Meer der Antike die Erde mit dem Jenseits. Zum Schutz der prächtigen Grabkammern stellte man Skulpturen von geflügelten Wesen auf, die mich an die Vögel erinnerten, die ich am Himmel über der Nekropole fliegen sah. Der Sprung in die Vergangenheit schien nun vollendet: Es war, als würde ich in der Zeit zurückgehen. In dieser Bucht nahm ich die Welt wahr, wie sie vor mir gewesen war. Und diese Welt schaute mich erstaunt an. Ich fühlte sie durch die Brise atmen, die die Oberfläche des Meeres kräuselte, ich hörte sie in den Rufen der Seevögel. Ich konnte ihren Ruf hören, süß und schrecklich, wie ein entferntes Wehklagen.

Die Sonne neigte sich dem Meer zu, und wir segelten langsam an der Küste entlang, um Punta della Guardia zu umrunden, wo der rot-weiße Leuchtturm die mit orangefarbenen Flechten bedeckten Klippen überragt. Schließlich fuhren wir zwischen zwei Felsinseln, der Formiche und der Scoglia della Madonna, hindurch und liefen in den Hafen ein, wo wir an einer Anlegestelle kurz vor dem Gebäude des Hafenamtes festmachten. Ich ging mit den Festmacherleinen in der Hand an Land, um sie um zwei große rostige Poller zu winden. Die Stimmung im Hafen von Ponza war entspannt und friedlich, nichts im Vergleich zu dem Trubel, den ich hier einige Jahre zuvor mitten im August erlebt hatte. Damals war es unmöglich gewesen, einen Liegeplatz für die Nacht zu finden.

Ich ging am Kai entlang in Richtung der Pfarrkirche, von der ich einen Teil der Fassade und die Kapelle aus dem 18. Jahrhundert zwischen den Häusern des Dorfes ausmachen konnte. Beim Eintreten fand ich mich in einem runden Schrein wieder, der mit architektonischen Ornamenten, Mosaiken und bescheidenen Gemälden lokaler Künstler aus den vergangenen Jahrhunderten geschmückt war. Über dem Hauptaltar befindet sich eine Tafel, die die Dreifaltigkeit darstellt, flankiert von zwei Heiligenfiguren. Sie zeigt ein Boot mit gerefften Segeln auf stürmischer See, das den Wellen ausgeliefert ist. Oben, am Himmel, wie um die Szene zu beobachten, scheinen einige Heilige die gefährliche Schifffahrt zu beschützen. Ich fragte mich, wie viele Seeleute sich im Laufe der Jahre an dieses Bild gewandt hatten, wie viele Ehefrauen für ihre auf See gebliebenen Männer hier gekniet und gebetet hatten.

Kirchen in Häfen und auf Inseln sind immer mit den Geschichten der Seeleute verbunden. Das erinnerte mich an die kargen Kapellen der Lofoten in Norwegen, wo die umgedrehten Rümpfe der Boote von Walfängern und Kabeljaufischern an den Decken der Kirchenschiffe hingen. Oder an die reichen Kathedralen der großen spanischen Häfen am Atlantik, wo das Gold Amerikas anlandete, mit weinenden Madonnen in Vitrinen, die mit Muscheln und anderen Meeresobjekten verziert waren. Aber die Kirchen im Mittelmeer, die mich am meisten bewegt haben, fand ich in kleinen Häfen wie diesem. Sie waren von Einheimischen mit viel Einfallsreichtum gebaut und geschmückt worden. In jeder dieser Kirchen gab es einen Altar oder eine Kapelle, die der Stella maris gewidmet war. Stella maris ist eine Anrufung Marias, der Mutter Jesu. Unter dieser Anrufung ist sie die Schutzpatronin der Seeleute und symbolisiert den rettenden Stern, der dem Nautiker die Richtung weist.

Ich folgte der Straße, die den Hügel oberhalb von Chiaia di Luna erklimmt, und suchte auf dem Rückweg ins Dorf ein Restaurant zum Abendessen. Viele Lokale waren wegen Renovierungsarbeiten geschlossen, die Sommersaison stand vor der Tür. Ich fand eines an der hoch gelegenen Straße, die wie eine Terrasse mit Blick auf den Hafen um das Dorf herumführt. Die letzte Fähre des Abends war gerade angekommen. Wie ein großer Wal mit weit aufgerissenem Maul schüttete sie die Seeleute und ein paar Inselbewohner, die auf dem Festland arbeiteten, an Land.

Eine Gruppe von Hafenarbeitern, die ihre Anlegemanöver beendet hatten, steuerte auf das Restaurant zu, das auch ich ins Auge gefasst hatte. Das vermittelte mir den Eindruck, die richtige Wahl getroffen zu haben. Ich gab der Mannschaft der milanto Bescheid, und eine Stunde später befanden wir uns alle in einem ehemaligen Lagerhaus, dessen Gewölbedecke mit Kalk getüncht war. Die Wände des Raums waren mit krummen Treibhölzern aus dem Meer dekoriert, kleine, blau gerahmte Gemälde mit Meeresmotiven und maritimen Laternen in derselben Farbe. Wir wählten den Fisch des Tages und eine Karaffe Rotwein. Nach dem Essen bot uns der Besitzer einen lokalen Schnaps an, und wir unterhielten uns über das Leben auf der Insel.

Im Mai sind die Menschen, die im Tourismus arbeiten, entspannt, hilfsbereit und lächeln oft. Die Tage werden länger und wärmer, die Luft duftet nach Blumen, die Farben des Meeres leuchten und das Wasser ist kristallklar. Die einzigen Touristen, denen man begegnet, sind Deutsche, Niederländer und ein paar andere Nordländer, die sich nicht vor den noch etwas kühlen Wassertemperaturen fürchten. Mit ihnen startet die Saison. Etwa Mitte Juni bis Mitte August folgt das Chaos des italienischen Tourismus, bis dann Ende September die letzten Urlauber in die Städte zurückkehren. Im Oktober atmen die Einheimischen auf und bereiten sich in aller Ruhe auf den Winter mit seiner langen, eintönigen Wartezeit vor – bis der neue Sommer vor der Tür steht.

Am nächsten Morgen setzten wir die Segel in Richtung Palmarola, das nur fünf Meilen nordwestlich von Ponza liegt. Die See war ruhig, und wir steuerten die Nordseite der Insel an. Unter Motor erreichten wir die Küste, hielten uns von den Felsen und den Bojen der örtlichen Fischer fern, umrundeten die Landzunge von Tramontana und fuhren an den kleinen Felsen von Galeere und Piatti vorbei in die Cala di Porto, eine Bucht von außerordentlicher natürlicher Schönheit: Das türkisfarbene Wasser sah an diesem Tag aus wie das eines Bergsees, und der leuchtend weiße Streifen des Kiesstrands trennte das Meer von der Kalksteinküste, nur gelegentlich von Vegetation durchbrochen. Wir ankerten in fünf Metern Wassertiefe, lauschten den Geräuschen der Natur und waren ganz allein in dieser verwunschenen Bucht.

Die Insel ist menschenleer, nur in den Sommermonaten wird ein kleines Haus am Meer bewohnt. Zur Zeit der sarazenischen Invasionen suchten die Einwohner von Ponza in Palmarola Zuflucht, wo ihnen die zahlreichen natürlichen Höhlen entlang der Küste Schutz gewährten. Mit der Zeit bauten sie diese zu kleinen Häusern aus, die später von den Fischern genutzt wurden. Vom Bug aus konnte ich sehen, wie der gesamte Berg gleich einem Schweizer Käse ausgehöhlt war, und ich bemerkte die kleinen Eingänge, die sich zwischen den von Wind und Salz erodierten Felswänden verstecken. Ein Fischschwarm hielt sich neugierig um den Kiel der milanto herum auf, und die Sonnenstrahlen glitzerten auf der Wasseroberfläche.

Im Japanischen ist nagi ein Wort für die Ruhe des Meeres. Daran angelehnt bezeichnet nagomi den Zen-Weg, das harmonische Ganze, das Gleichgewicht der Entspannung des Geistes. Ich dachte, dass es Momente wie diesen gibt, in denen die Natur uns einen Augenblick von unvergänglicher Schönheit schenkt, der so tiefgreifend ist, dass er zur Ruhe des Geistes führt – wie bei einer Meditation. Kurze Zeit später fuhr ein kleines Fischerboot in die Bucht ein, und der Zauber der Einfachheit begann: Ein kleiner Hund stand am Bug und bellte, während der alte Fischer am Heck die Pinne hielt und eine Zigarette rauchte. Ich sah, wie er etwa 100 Meter von uns entfernt den Anker warf, um in der Sonne seine Netze aufzuräumen. Wir winkten ihm zu, der Mann antwortete herzlich und setzte seine Arbeit fort. Dann fragte ich ihn, ob er uns frischen Fisch verkaufen könne, und rief gerade so laut, dass er mich aus der Entfernung hören konnte. Der alte Mann verschwand aus unserem Blickfeld und tauchte dann wieder auf, wobei er mit beiden Händen einen großen Fisch hochhielt. Nach einer kurzen Beratung unter den Besatzungsmitgliedern beschlossen wir, ihn zu kaufen. Also sprang ich mit einer Tasche in der Hand und ein paar Geldscheinen im Neoprenanzug ins Wasser. Als ich auf dem Boot ankam, stellte sich der alte Mann als Pietro Lo Sparviero vor: „Jeder hier kennt mich. Ich fische schon seit 50 Jahren vor den Inseln.“ Er zeigte mir den Fisch: einen riesigen Schnapper, ich hatte noch nie einen so großen gesehen. Wir verhandelten den Preis, die nassen Geldscheine, die ich bei mir hatte, reichten kaum aus, aber ein so schöner frischer Fisch war ohnehin unbezahlbar. Pietro säuberte ihn von seinen Innereien und verschloss ihn für mich in der Tasche, an der ich eine dünne Leine befestigte, um ihn mitzuschleppen. Ich schwamm zurück zur milanto. Die Mannschaft konnte sich auf ein schmackhaftes Abendessen freuen.

Auf einem Boot findet man die Freude an kleinen Dingen wieder: einen frischen Fisch an einem abgelegenen Ankerplatz zuzubereiten, ein Glas Wein zu trinken, aus einer Schüssel auf dem Schoß zu essen und dabei am Horizont der untergehenden Sonne zuzuschauen. Manchmal ist sehr wenig genug, um glücklich zu sein.

5 Die Insel Ventotene und John Steinbecks Bluff

Von der pittoresken Felsinsel Faraglione di Mezzogiorno vor Palmarola sind es 27 Meilen bis zur Spitze des Bogens der Insel Ventotene, die zum Pontinischen Archipel gehört. Dann führt die Route noch ein paar Meilen die Küstenlinie hinauf bis zum alten römischen Hafen. Unser Plan war, die Südspitze von Ponza erneut zu umrunden und in der Nähe des majestätischen Meeresfelsens Scoglio della Botte, der zwischen den beiden Inseln liegt, vorbeizukommen, sodass wir laut Windvorhersage Ventotene in etwa sechs Stunden Segelzeit erreichen würden. Wir lichteten den Anker, als die Sonne im Zenit stand, und rechneten damit, noch deutlich vor dem Abend anzukommen. Nachdem wir die Segel gehisst hatten, schien die milanto den Kurs fast ohne Steuermann zu halten, und ich nutzte die Gelegenheit, die Geschichten über die Insel nachzulesen.

Die alten Griechen nannten den Ort Pandoteira (wörtlich übersetzt: die, die alles verteilt), was vielleicht auf das Vorhandensein eines einer Göttin geweihten Tempels zurückzuführen ist. Ihnen folgten die Römer nach, die den Ort seit der Zeit des Augustus bewohnten. Der erste römische Kaiser ließ dort eine prächtige Villa errichten und einen Hafen in den Tuffsteinfelsen hauen. Bekannt wurde der Ort aber als Gefängnis für seine Tochter Julia. Nach den Memoiren des Macrobius, der ihr Vormund war, hatte Augustus vor Freunden beteuert: „Ich habe zwei geliebte Töchter, um die ich mich kümmern muss: die Republik und Julia.“ Er war gerade Kaiser geworden, als er von dem Komplott gegen sein Leben erfuhr, an dem auch seine Tochter beteiligt gewesen sein soll. So ließ er sie wegen Ehebruchs und Hochverrats verhaften, und in der Folge schlug Augustus Enttäuschung in Verbitterung um.

Zwar verschonte er das Leben seiner Tochter, verbannte sie aber in die kaiserliche Villa auf Ventotene, wo sie fünf Jahre lang lebte – ohne die Privilegien ihres Standes zu genießen. Zudem war sie nur von Frauen umgeben. Sueton, der Biograf des Kaisers, berichtet, dass Augustus einmal sagte: „Ich wünschte, ich wäre ohne Frau oder würde ohne Kinder sterben.“ In der Spätantike wurde die Insel entvölkert, und erst im Mittelalter wieder besiedelt – von Zisterziensermönchen. Sie wurde in Bentitiene umgetauft, was so viel wie „aus der guten Tiefe“ bedeutet. Eine sehr seltsame Namensgebung für eine Insel ohne windgeschützte Buchten, deren felsiger Meeresgrund voller Tücken ist. Vielleicht bezog sich der Name auf die Tatsache, dass der Anker, wenn er einmal an den Felsen festhing, sich nicht mehr losreißen konnte, aber wer, so fragte ich mich, sollte sich dann um das Aushaken kümmern? Jedenfalls wurden in diesem Teil des Meeres sehr viele römische Anker von Unterwasserarchäologen gefunden.

Während des Faschismus unter Mussolini war die Insel Ventotene ein Ort der Gefangenschaft für Dissidenten. Das Regime hatte diejenigen, die es als gefährliche politische Kriminelle betrachtete, auf diese kleine Insel deportiert, ohne zu ahnen, dass es damit einen Ort des freiheitlichen Denkens schaffen würde. Man kann sagen, dass der Ursprung der Idee eines vereinten Europas auf dieser Insel geboren wurde: niedergelegt im Ventotene-Manifest von Altiero Spinelli, Ernesto Rossi und Eugenio Colorni. Am 25. Juli 1943 brach das Mussolini-Regime zusammen, und die Dissidenten konnten von der Insel fliehen. Doch Ventotene blieb zunächst von 100 gut ausgerüsteten deutschen Soldaten besetzt, die mit einem leistungsfähigen Radar ausgestattet waren, mit dem herannahende, feindliche Flugzeuge geortet werden konnten. Dennoch landeten am 8. September 1945 amerikanische Fallschirmjäger auf Ventotene, und es gelang ihnen mithilfe von Zivilisten, die Nazis glauben zu machen, dass sie zahlenmäßig überlegen waren. Während die deutschen Besatzer abzogen und zum Hafen marschierten, verließen die wenigen Amerikaner ihre Stellungen und liefen durch die Gassen, um sich entlang der Straße neu zu formieren. Auf diese Weise erschienen sie zahlreicher als sie tatsächlich waren. Durch diesen Bluff wurde unnötiges Blutvergießen vermieden. Der bekannte amerikanische Schriftsteller John Steinbeck hat diese abenteuerliche Nacht in seinem Buch Es war einmal ein Krieg beschrieben. Steinbeck war nicht die einzige Berühmtheit unter den US-Fallschirmspringern auf Ventotene: Mit von der Partie waren auch Douglas Fairbanks Jr., der Hollywood-Schauspieler, der 1947 Sindbad den Seefahrer spielte, und Henry Ringling North, der in den 1950er Jahren Direktor von Ringling & Barnum, einem der berühmtesten Zirkusse der Welt, werden sollte. Vielleicht gelang die Täuschung gerade deshalb so gut, weil ein Schriftsteller, ein Schauspieler und ein Zirkusartist mitwirkten.

Am späten Nachmittag erreichten wir den römischen Hafen, dessen Einfahrt von zwei großen Tuffsteinpoller markiert wird. Die Römer benutzten sie, um eine Kette von einer Seite zur anderen zu spannen, um so die Zufahrt verschließen zu können. Häuser in Pastell-, Ocker-, Rosa- und Korallenfarben umrahmten die in den dunklen Fels gehauenen Kais. Kurz hinter der Hafeneinfahrt wurde das Meerwasser zu einem ruhigen See: Unglaublich, dass ein Hafen, der vor mehr als zwei Jahrtausenden gebaut wurde, immer noch ein so sicherer Ort ist. Wir gingen an Land, um auf der Insel Kräuter zu kaufen, mit denen wir unseren Schnapper zubereiten wollten.

Antonio, ein Fischer im Ruhestand, verkaufte die Erzeugnisse seines Gemüsegartens neben einer Piaggio Ape, einem dieser klassischen italienischen Kabinenroller mit Ladefläche. Er hatte seinen kleinen improvisierten Stand vor den alten, in die Tuffsteinmauer am Kai eingelassenen Lagerhäusern aufgebaut, in denen sich heute Restaurants und Geschäfte für Touristen befinden. Er stellte sich als großartiger Verkäufer heraus: Ich war losgezogen, um ein paar Büschel Kräuter zu kaufen, und kehrte mit zwei Säcken voller Gurken und Essiggurken, von ihm selbst in Gläser abgefüllt, zum Boot zurück.

Am nächsten Tag joggte ich gleich nach dem Aufwachen zur Landzunge Punta Aeolus, wo die Ruinen der kaiserlichen Villa stehen, dem einstmals goldenen Käfig von Julia und den anderen Matronen, die dort ihr Leben im Exil verbringen mussten. Der architektonische Komplex, der auf einer natürlichen, dem Meer zugewandten Terrasse erbaut wurde, ist nach Osten ausgerichtet. Daher beleuchten die Strahlen der aufgehenden Morgensonne die Überreste des Wohnbereichs, der Diensträume, der Gärten, der Heiligtümer, auch Nymphäen genannt, sowie der Bäder. Es scheint, als hätten die Erbauer auch hier, wie beim Hafen, die Beschaffenheit des Felsens ausgenutzt und einen Dialog zwischen der natürlichen Umgebung und dem Bauwerk gesucht.

Ich wanderte zwischen Ginster und Mohnblumen an den Ruinen entlang und setzte mich, um in die Vergangenheit einzutauchen. Es gibt ein Gedankenspiel mit einer imaginären Zeitmaschine, das ich seit meiner Kindheit zu spielen pflegte: Ich blinzelte, um meine Sicht ein wenig zu trüben, und erschuf mithilfe meiner Vorstellungskraft, was die Jahrhunderte weggenommen hatten, etwa die reichen Mosaikböden, die mit Fresken bemalten Wände, die Marmorstatuen. Dann stellte ich mir vor, wie Julia – als Ehebrecherin verdammt, in eine einfache Toga gekleidet, mit einem Nadelkranz aus Knochen im Haar – zwischen den Säulengängen umherwanderte und von Langeweile geplagt auf das Meer blickte. Das Gedankenexperiment begann mich zu bedrücken. Ich stand auf, und die Geister der Vergangenheit wurden von einer Windböe hinweggefegt. Ein Wanderfalke flog in konzentrischen Kreisen hoch über den Klippen: Er musste eine Maus oder eine Dorngrasmücke erspäht haben. Schon bald würde er sich pfeilschnell auf seine Beute stürzen.

Ich kehrte ins Dorf zurück, um auf der Piazza einen Kaffee zu trinken und in der Buchhandlung Ultima Spiaggia vorbeizuschauen, die sich auf Meeresthemen spezialisiert hat und die ich seit Jahren sehr schätze. Der Besitzer, ein gebürtiger Genuese, scherzte über die Sparsamkeit seiner Landsleute, und wir plauderten über das Banner des Heiligen Georg, das die Republik Genua seit dem Jahr 1190 England zur Nutzung überlassen hat – gegen die Entrichtung einer jährlichen Gebühr. Bekannterweise ziert das Georgskreuz bis heute die englische Fahne. Allerdings, darauf wies mich der Buchhändler hin, habe die englische Krone etwa 250 Jahre lang nichts oder zu wenig gezahlt. Nun würde der Bürgermeister von Genua darüber nachdenken, die Briten endlich um die Begleichung ihrer Schulden zu bitten. Mein Gesprächspartner erzählte mir auch, dass die Handelsschiffe der Genueser Flotte seinerzeit an den Kanonen sparten, um den gesamten verfügbaren Raum unter Deck für die Ladung von Waren zu nutzen. Stattdessen bemalte man die Kanonen-Luken mit Mündungsfeuer, um so Feuerkraft vorzutäuschen.

Ich fand unsere Mannschaft in einer Bar und wir beschlossen, gleich nach dem Mittagessen weiter zu segeln. Vorher kaufte ich bei einem örtlichen Fischer noch vier Meeräschen für unser Wissenschaftsprojekt, sezierte die Innereien, steckte diese in Flaschen und entnahm eine Wasserprobe aus dem Riff vor dem Hafen. Da ich an die berühmte genuesische Sparsamkeit dachte, legte ich die Fischfilets beiseite, um daraus eine Soße für Pasta zuzubereiten.

6 Das Tor zum Golf von Neapel

Beim Verlassen von Ventotene passierten wir die hohen Klippen von San Stefano, hissten den Spinnaker und nahmen Kurs auf Procida. Wir hatten nur 27 Seemeilen vor uns, der Himmel war bedeckt, die See nicht sehr rau, und der Wind blies stetig von achtern mit knapp über zehn Knoten. Wir saßen während der gesamten Fahrt in der Kajüte, während die Insel Ischia am Horizont immer deutlicher sichtbar wurde. Am späten Nachmittag liefen wir in die Marina Grande von Procida ein. Die Kanonen, die 1799 von Nelsons Truppen zurückgelassen wurden und seitdem als Poller auf dem Wellenbrecher dienen, sahen aus wie eine Reihe von Posten, die die Insel bewachten. Ein zarter Zitrusduft lag in der Luft, und der Klang der Glocken der Pietà-Kirche hallte im Hafen wider und mischte sich mit dem schrillen Gelächter der Möwen.

Procida, das Tor zum Golf von Neapel, ist eine Insel von Seeleuten, und die recyceln alles. Es gibt hier keine antiken Ruinen, aber zuweilen stößt man auf ein korinthisches Kapitell, das als Sitz neben einer Tür verwendet wird, oder man entdeckt eine korinthische Säule, die in das Mauerwerk eines Hauses eingelassen ist. Einen Ort der Freuden nannten ihn die Römer, die hier wunderbare Villen, Thermen und andere Vergnügungen bauten.

Ich ging am Hafenkai entlang zur Kirche der Pietà und begann von dort aus die schmale Straße hinaufzusteigen, die zum Belvedere auf der Piazza dei Martiri oberhalb von Corricella, dem ältesten Fischerdorf, führte. Das ist das Viertel, das die Procidaner Semmarezio nennen, nach der barocken Wallfahrtskirche Santa Maria delle Grazie, deren Kuppel über dem Platz thront. Von hier aus beginnt der Aufstieg zur Burg, auf der die Abtei San Michele Arcangelo steht, die der Überlieferung nach von der Spitze des Felsens aus die Insel vor Piraten schützte. Die Sonne ging am Horizont unter, und der Panoramablick auf Corricella sah aus wie eine neapolitanische Krippe von der Via degli Armeni. Ich ging weiter bis zur Piazza d'Armi, wo der dekadente Palazzo d'Avalos steht, der zunächst ein Königspalast war, dann eine Militärschule beherbergte und schließlich bis 1988 als Gefängnis genutzt wurde.

Am Steilhang von Punta dei Monaci angekommen, kehrte ich um und wanderte nach Corricella hinunter, dem von Touristen am häufigsten fotografierten Ort der Insel. Die Farben der Häuser, die Gassen, die zum Meer hinunterführen, und die Restaurants, deren Tische so nah an den Fischerbooten platziert sind, dass man meint, auf dem Wasser zu speisen, sind beliebte Fotomotive. Doch bis vor einigen Jahrzehnten war dies das Viertel der Armen, und Außenstehende waren nicht willkommen. Die Menschen lebten ausschließlich vom Verkauf des Fischfangs und aßen selbst nur die unverkauften, oft nicht mehr ganz frischen Fische. Blieb der Fang wegen schlechten Wetters aus, mussten die Familien hungern, bis die Männer wieder hinausfahren konnten. Corricella war eine Welt für sich, eine Insel auf der Insel. Das Trinkwasser wurde zweimal wöchentlich von einem Tankwagen herangeschafft. Zwar verfügte jedes Haus über einen Brunnen, dessen Wasser war aber nicht trinkbar, sondern konnte nur für den häuslichen Gebrauch, wie etwa das Waschen der Wäsche, genutzt werden. Ich hatte schon häufiger vor Corricella geankert, und jedes Mal war es ein einzigartiges Erlebnis gewesen, selbst im Hochsommer, wenn die Insel von Touristen regelrecht belagert wird. Aber an diesem Abend machte ein maurischer Mond in der Mitte des Sternenhimmels die Bucht noch stiller und schöner. Das Meer hatte sich in einen Spiegel verwandelt, in dem die Lampen der Fischerboote vor der Küste glitzerten.

Am nächsten Tag stachen wir im Morgengrauen in See. Wir wollten früh im Hafen von Mergellina ankommen, wo wir einen Liegeplatz gebucht hatten. Die Einfahrt in den Golf von Neapel bei Tagesanbruch ist eines der schönsten Segelerlebnisse: Die Sonne geht über dem Vesuv auf und die Stadt erwacht wie eine sich öffnende Muschel.