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Die Vereinigten Staaten von Amerika versprachen, ein Land zu werden, das alles besser machen würde. Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. So lauten die Gründungsprinzipien, auf deren Fundament die USA erbaut wurden. Doch wie lassen sich diese noblen Werte mit der grausamen Geschichte unzähliger Sklaven in Einklang bringen? Wie passen christliche Fundamentalisten ins Bild, die auf der einen Seite Liebe predigen, gleichzeitig jedoch Hassverbrechen gegen Mitmenschen begehen, die anders aussehen oder leben als sie selbst? Und was wird aus Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück, wenn ein korrupter Milliardär mit autokratischen Fantasien in solch einer Gesellschaft zum Präsidenten aufsteigt? Jakob J. Paulus nimmt uns mit auf eine kurzweilige Reise durch das Dickicht des US-amerikanischen Alltags. Forsch, anregend und humorvoll erkundet er dabei die Frage, wo die Seele der Nation geblieben ist, die es hätte besser machen sollen als der Rest.
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Seitenzahl: 256
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Auf ein Vorwort
Eine kurze Geschichte Amerikas
Trump, die Republikaner und eine Wahl
Ein Land der Extremen
Geld bewegt die Welt
Das Streben nach Glückseligkeit
Die Corona-Pandemie
Die Macht der Kirchen
Wissen ist Macht
Asoziale Medien
Die wichtigste Wahl unseres Lebens
Der weitere Weg
Danksagung
Anhang
Werteste Leserin,
wertester Leser,
werteste lesende Person,
ich darf Sie herzlich zu einer kurzen Reise durch das Dickicht des US-amerikanischen Alltags begrüßen. Zur Optimierung dieser Erfahrung gebe ich Ihnen an erster Stelle einige Gratis-Anregungen mit, die Ihnen bei der Navigation behilflich sein werden:
Dieses Buch behandelt Teile der Geschichte und Prognosen über mögliche zukünftige Wege der Vereinigten Staaten von Amerika. Leider habe ich meine Kristallkugel zu Hause vergessen und kann keine Garantie darauf geben, dass eine dieser Prognosen tatsächlich eintritt.
Sie halten ein Sachbuch in der Hand. Dennoch werde ich auch meine persönlichen – meist liberalen – Gedanken und Blickwinkel mit Ihnen teilen. Kauf und Benutzung dieses Buches verpflichten Sie NICHT dazu, sich diesen anzuschließen.
Gedanken und Blickwinkel, die nicht auf meinem Mist gewachsen sind, finden Sie mühelos in chronologischer Reihenfolge im Quellenverzeichnis im Anhang. Textbelege sind hierbei in Klammern gesetzt.
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Fußnoten, die am Ende der jeweiligen Seite etwas im Text angesprochenes näher erläutern, sind ohne Klammern gekennzeichnet.
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Donald Trump ist nicht Hauptthema dieses Buches. Als ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten und Symptom vieler der im Buch beschriebenen Probleme werden wir uns dennoch öfter mit ihm befassen dürfen.
Die Vereinigten Staaten sind ein riesiges Land mit einer Jahrhunderte alten Geschichte. Über fast jedes angeschnittene Thema ließen sich ohne Weiteres mehrere Bücher füllen. Zur Vereinfachung des Leseflusses werden nur die Punkte behandelt, die dem zugrunde liegenden Sachverhalt und der Erörterung meiner eigenen Gedankengänge dienlich sind.
Da das Wichtigste nun geklärt ist, wünsche ich eine angenehme Reise und viel Spaß.
Ihr Jakob J. Paulus
1 Ich bin eine Fußnote.
Die Vereinigten Staaten von Amerika: Eine Nation, die schwer zu beschreiben und noch viel schwieriger zu verstehen ist. Die USA sind ein Land der Superlative: Mit einer Fläche von knapp 10 Millionen Quadratkilometern und mehr als 320 Millionen Einwohnern belegen sie in beiden Kategorien den dritten Platz auf der Rangliste unserer Erde. Das Festland erstreckt sich von der Atlantikküste im Bundesstaat Maine im Osten der Vereinigten Staaten bis zum Kap Prince of Wales in Alaska, wo die an dieser Stelle nur etwa 80 Kilometer breite Beringstraße die USA von Russland trennt. In nord-südlicher Richtung ist von der alaskischen Tundra bis zu den trocken-heißen Wüsten Nevadas und den immerfeuchten Mangrovenwäldern Floridas für jeden Geschmack etwas dabei. Auch über Geografie und Klima hinaus strotzen die Vereinigten Staaten nur so vor Rekorden. Sie sind beispielsweise mit ihrer über 200 Jahre alten Verfassung die am längsten durchgehend bestehende moderne Demokratie in der Geschichte der Menschheit. Die US-amerikanische Volkswirtschaft ist die größte der Welt, zahlreiche global agierende Unternehmen und Organisationen – unter anderem Apple und die Vereinten Nationen – wurden in den USA gegründet oder haben dort ihren Hauptsitz. Darüber hinaus waren die Vereinigten Staaten nach Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 für lange Zeit die einzig verbliebene Supermacht aus der Ära des Kalten Krieges. In dieser Hinsicht werden sie jedoch wahrscheinlich in nicht allzu ferner Zukunft sowohl von der Europäischen Union als auch von der Volksrepublik China Gesellschaft bekommen. Im Rahmen ihrer Funktion als Supermacht verfügen die USA außerdem über das mächtigste Militär der Welt, für das sie jährlich mehr Geld ausgeben als die nachfolgenden elf Nationen2 zusammengerechnet.
Das amerikanische Volk schaut oft mit ehrerbietendem Blick auf die eigene Geschichte und die vielen amerikanischen Errungenschaften zurück. Angesichts der unzähligen Erfolge, die das Land vorzuweisen hat, ist dieser Stolz in weiten Teilen sogar gerechtfertigt. So ist es beispielsweise nur schwer abschätzbar, wie unser Planet heute aussähe, wenn die USA sich aus dem Zweiten Weltkrieg herausgehalten hätten.
Es wäre nicht weit hergeholt zu behaupten, dass Amerikaner überdurchschnittlich positiv über ihr Land denken: In einer Umfrage unter den Bevölkerungen 19 verschiedener Länder mit über 21.000 Befragten gaben 41 % der Amerikaner an, dass es sich bei ihrem Land ihrer Meinung nach um das beste Land der Welt handeln würde. Im Vergleich dazu bejahten nur durchschnittlich 15,2 % der Befragten anderer Länder diese Frage.[1]
Bei dieser ausgeprägten Liebe für das Heimatland beginnen jedoch auch die ersten Probleme der Vereinigten Staaten, die Hauptthema dieses Buches sein werden. Nationalstolz und Patriotismus, wie man sie in den Bevölkerungen vieler Länder vorfindet, sind grundsätzlich nicht schädlich. Definiert man eine patriotische Einstellung in erster Linie als Bewunderung gegenüber den demokratischen Grundprinzipien von Freiheit und Gleichheit, die Würdigung der eigenen Gesellschaft und den gegenseitigen Respekt zu seinen Mitbürgern, so ist Patriotismus in der Tat eine feine Sache. Beschäftigt man sich jedoch mit dem Beispiel der Vereinigten Staaten, wird rasch deutlich, dass vielen Amerikanern oft von Kindesbeinen an eine Art nationaler Hochmut anerzogen wird.
Besonders deutlich wird dies mit dem sogenannten »Pledge of Allegiance«3. Bei dieser in öffentlichen Schulen meist täglich durchgeführten Zeremonie werden Kinder bereits im Vorschulalter dazu aufgefordert, sowohl der Flagge als auch der Republik der Vereinigten Staaten ihre Treue zu schwören. Obwohl die Teilnahme am Treueschwur auf freiwilliger Basis beruht, wird die Praxis zu Recht regelmäßig kritisiert. In den vergangenen Jahrzehnten war der Pledge of Allegiance bereits Streitthema mehrerer Gerichtsverfahren des Obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten.
Der Treueschwur bei Kindern und Jugendlichen wird mit gutem Grunde von vielen mit einem argwöhnischen Blick betrachtet. Selbst wenn man davon absieht, dass sich viele, gerade jüngere Kinder dem Schwur wohl nur anschließen, um bei ihren Lehrern und Klassenkameraden nicht negativ aufzufallen, ist auch fragwürdig, ob und wie weit eine Gruppe Fünf- bis Sechsjähriger dazu in der Lage ist, die Bedeutung eines solchen Schwurs richtig einzuschätzen. Gegner des regelmäßigen Pledge of Allegiance an US-amerikanischen Schulen führen unter anderem an, dass derartige Treuegelübde üblicherweise eher in totalitär regierten Gesellschaften abgehalten werden. Tatsächlich ist die potenzielle Gefahr durch Indoktrination von Kindern nicht von der Hand zu weisen. Hierfür liefert uns die Geschichte unseres eigenen Landes das eindeutigste Beispiel: Auch in Nazideutschland wurden Kinder von klein auf zur Unterwerfung gegenüber des nationalsozialistischen Regimes erzogen. Nun lässt sich die Gleichschaltung der Nationalsozialisten freilich nicht mit einem simplen Treuegelübde in amerikanischen Klassenzimmern vergleichen, die zugrunde liegenden Mechanismen in der kindlichen Psyche sind jedoch dieselben. Das Beispiel der Nationalsozialisten macht klar, dass sich eine gefügige Gesellschaft am einfachsten dann errichten lässt, wenn Kindern möglichst früh die eigene Ideologie als immer gültige Wahrheit eingetrichtert wird. Aufgrund der hohen Effektivität und der potenziellen Zerstörungskraft sollte die frühkindliche Indoktrination nicht Bestandteil des Stundenplans öffentlicher Schulen sein.
Anhaltspunkte für die lauernde Gefahr durch den Pledge of Allegiance gibt es bereits: Laut einer Studie unter amerikanischen High-School-Schülern, die seit Beginn ihrer Schulzeit regelmäßig den Treueschwur leisteten, zeigten viele von ihnen Anzeichen von blindem Patriotismus. Dieser äußert sich unter anderem dadurch, dass Betroffene sich ausschließlich auf die positiven Seiten ihrer Nation konzentrieren, während Negatives verdrängt wird. Weil die vom Patriotismus geblendeten Schüler also davon ausgingen, dass in ihrem Land ohnehin alles nach Plan lief, fühlten sie sich nicht dazu berufen, auch tatsächlich für die Republik und die Werte einzutreten, der sie ihre Treue schworen.[2] Allein der Pledge of Allegiance ist mit seinem Potenzial als Indoktrinationsinstrument für blinden Patriotismus in einer freiheitlich-demokratischen Nation wie den Vereinigten Staaten vollkommen fehl am Platz. Doch auch außerhalb der Schule wird die amerikanische Bevölkerung von vielen Seiten regelmäßig mit der Nachricht konfrontiert, dass es sich bei den USA um die großartigste Nation der Welt handelt. Diese Dauerbeschallung hat über Generationen hinweg eine Gedankenkultur herangezüchtet, die in dieser Form ausschließlich in den USA existiert: Den »American Exceptionalism«4.
Beim Amerikanischen Exzeptionalismus dreht sich grundlegend betrachtet alles um die Überzeugung, dass es sich bei den Vereinigten Staaten von Amerika um eine einzigartige Nation handelt, die weltweit unter allen anderen heraussticht. Während der American Exceptionalism für viele Amerikaner nur eine weitere Facette der »Die USA sind die Nummer Eins«-Doktrin sein dürfte, ist er zweifelsohne auch eine treibende Kraft hinter dem bereits angesprochenen blinden Patriotismus. Im besten Falle kann der Amerikanische Exzeptionalismus als eine Art Wundpflaster verstanden werden, mit dem sich das amerikanische Selbstverständnis darüber hinwegtröstet, dass das Land heute in kaum einer Disziplin mehr den ersten Platz belegt. Tatsächlich finden sich die USA in vielen essenziellen Bereichen – unter anderem der Bildung und Gesundheitsversorgung – im Vergleich mit ähnlichen Ländern immer öfter auf den hinteren Rängen wieder.[3, 4] Im schlimmsten Fall ist Amerikanischer Exzeptionalismus aber ein höchst problematisches Gedankenkonstrukt, mit dem sich Nationalismus, Arroganz und der Geist des Totalitarismus schnell in die Köpfe und Herzen der mächtigsten Nation der Welt säen lassen können. Es ist nicht schwer, sich die zerstörerische Wirkung eines autoritären US-Regimes vorzustellen, welches seine Gefolgschaft unter dem Deckmantel der Verteidigung amerikanischer Überlegenheit zur Gewalt anstachelt. Mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten im Jahre 2016 wäre es beinahe genau so gekommen. In den nur vier Jahren, die er im Weißen Haus verbrachte, musste die internationale Gemeinschaft mit ansehen, wie es einem einzelnen Mann gelang, die amerikanische Gesellschaft um Jahrzehnte zurückzuwerfen und ein lange totgesagtes Gefühl der Gewalt und Unterdrückung wieder zum Leben zu erwecken.
In jedem Fall aber ist der Gedanke eines einzigartigen Staates kein neuer. Als Weltreiche auf dem Höhepunkt ihrer Macht glaubten unter anderem auch die Römer, die Perser und das Britische Imperium daran, einzigartig oder von Göttern auserkoren worden zu sein. Im Verlauf der Menschheitsgeschichte war es dann jedoch oft eben jene Überheblichkeit und die damit einhergehende Anfälligkeit für gravierende Fehler, die den alten Imperien den ersten Stoß zu deren Zerfall versetzten. Werfen wir heute einen Blick in die Vereinigten Staaten, werden wir Zeugen der dort stattfindenden gesellschaftlichen Zerrüttung, der grassierenden Armut, dem erneuten öffentlichen Aufstreben rechtsextremer Gruppen und den ebenfalls erneut aufflammenden Protesten gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt. Es stellt sich also zu Recht die Frage, ob sich die Vereinigten Staaten gegenwärtig noch auf dem Scheideweg zwischen einer besseren Zukunft und dem beginnenden Zerfall ihrer Union befinden, oder ob sie bereits die ersten Schritte in Richtung ihres Niedergangs gemacht haben. Im öffentlichen Diskurs ist der American Exceptionalism eines der wenigen Themen, auf das sich die breite Masse der Bevölkerung verständigen kann. Vielleicht ist dies auch der Grund, weshalb sich das amerikanische Volk mit all seiner Kraft an die Geschichte der Einzigartigkeit seiner Nation klammert.
Um heutige Probleme einer beliebigen Nation zu verstehen, ist es sinnvoll, sich zumindest kurz mit dessen Geschichte auseinanderzusetzen. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind hierbei keine Ausnahme. Über all der berechtigten Kritik und der Seitenhiebe, die heutzutage zu Recht gegen die USA und ihren angeblichen Exzeptionalismus gerichtet werden können, darf ein wichtiger Umstand nicht vergessen werden: Zur Zeit der Staatsgründung der Vereinigten Staaten waren viele der Grundfesten, auf denen die amerikanischen Gründerväter ihre Vorstellung eines idealen Staates errichten wollten, wahrhaftig visionär.
Die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten war bei ihrer Ratifizierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts das bis dahin einzige Staatsdokument, welches allen Menschen eine angeborene Gleichheit und Freiheit zusicherte. Zu einer Zeit, in der in Frankreich unter Ludwig XVI. ein absolutistischer Herrscher seine Macht noch durch Gottes Gnade legitimierte, arbeiteten die Gründerväter der USA an der Grundlage für den Aufbau eines säkularen und demokratisch regierten Staates. Angesichts der augenscheinlichen Fortschrittlichkeit der Männer, auf deren Ideenfundament die USA erbaut wurden, sind die Geschichte des Landes und die Spaltung, die sich bis heute bemerkbar macht, umso erschreckender.
Deutlich wird diese Kluft in der amerikanischen Verfassung von 1787. Obwohl auch in diesem Dokument gleich zu Beginn vom »Glück der Freiheit« die Rede ist, stellte die amerikanische Verfassung die Weichen für die fast ein ganzes Jahrhundert andauernde Versklavung und Unterdrückung der schwarzen Bevölkerung.
In der Originalversion der Verfassung legten die Gründerväter fest, dass sich die Anzahl der Kongressabgeordneten eines Staates sowie die Höhe seiner Steuerlast direkt aus seiner Einwohnerzahl ergibt. Hierbei sollten zusätzlich zur Gesamtzahl freier Menschen noch drei Fünftel aller weiteren Personen5 gezählt werden.[5] Somit wurden Sklaven nicht nur ganz offiziell als minderwertig gebrandmarkt, darüber hinaus erhielten die sklavenhaltenden Südstaaten bis zur Abschaffung der Sklaverei durch die Drei-Fünftel-Klausel eine überproportional starke Stimme im Kongress. Diese Macht wurde von den Südstaaten ausgiebig unter anderem dazu genutzt, Einfluss auf die Präsidentschaft und den Obersten Gerichtshof auszuüben, aber auch um die Sklavenhaltung weiterhin abzusichern und zu erleichtern.
Einige konservative Historiker und Institutionen wie die »Heritage Foundation« streiten bis heute ab, dass die Verfassung die Sklaverei ausdrücklich befürwortete. [6, 7] Weil die Verfassung den Begriff der Sklaverei nicht explizit erwähnt und auch sonst keinerlei Recht auf den Besitz von Menschen nennt, sind diese Ansichten theoretisch sogar korrekt. Theoretisch korrekt reicht jedoch in der Debatte um eine Institution, in der Millionen von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe versklavt wurden, schlicht und ergreifend nicht aus. Zu behaupten, die Verfassung der Vereinigten Staaten würde die Sklaverei nicht fördern, weil sie die Praxis nicht explizit erwähnt, hat den gleichen Wahrheitsgehalt wie das alte Sprichwort »Baue einem Mann ein Lagerfeuer, und du wärmst ihn für einen Tag; setze einen Mann im Brand, und du wärmst ihn für den Rest seines Lebens«: Technisch gesehen korrekt, jedoch werden hierbei einige wichtige Folge-Ereignisse außer Acht gelassen und gleichzeitig gegen geltendes Menschenrecht verstoßen.
Unabhängig von der eigenen politischen Ausrichtung muss gesagt werden, dass die amerikanische Verfassung zur Zeit der Staatsgründung zum Thema der Sklaverei wahrscheinlich bewusst schwammig formuliert wurde. Es ist denkbar, dass die Gründerväter die Geburt der amerikanischen Union nicht an der Befreiung der schwarzen Bevölkerung scheitern lassen wollten, die selbst damalige Sklaverei-Gegner häufig als untergeordnete Rasse betrachteten.
Die Sklaverei wird in den Rachen eines »Freesoilers« gestopft. (1856) Zu sehen sind die demokratischen Präsidentschaftskandidaten und Befürworter der Sklaverei James Buchanan, Lewis Cass, Stephen Douglas und Franklin Pierce. Ein Freesoiler (Einwohner eines sklavenfreien Bundesstaates) wird an die Demokratische Parteiplattform gebunden, während ihm gewaltvoll ein schwarzer Sklave eingeflößt wird. Im Hintergrund sind eine aufgeknüpfte Person sowie eine Familie sichtbar, die aus ihrem brennenden Haus flieht. Der Künstler weist der Demokratischen Partei die Schuld für die Gewalt zu, die im Zuge des Kansas-Nebraska-Acts gegen Sklaverei-kritische Siedler verübt wurde. Die Worte Kansas, Kuba und Zentralamerika stehen für die Gebiete, in denen die Demokratische Partei eine Expansion der Sklaverei plante. [8]
Vielleicht diente die unklare Haltung gegenüber der Sklaverei zu einer Zeit, in der die Ablehnung dieser Institution immer lauter wurde, auch der Wahrung des amerikanischen Gesichts auf der internationalen Bühne. Zahlreiche Kritiker im In- und Ausland hatten zu Zeiten der amerikanischen Staatsgründung zu Recht auf das Lippenbekenntnis der Vereinigten Staaten als angeblichen Vorreiter für Freiheit und Gleichheit hingewiesen.
Welche Motive letztendlich dafür verantwortlich waren, dass die Gründerväter der USA bei der fundamentalen Frage nach dem Recht auf Sklavenbesitz so sehr um eine eindeutige Antwort herumdrucksten, lässt sich heute kaum mehr nachvollziehen. Nicht nur fällt es heutzutage schwer, sich in die Gedankenwelt von Männern zu versetzen, die seit über 200 Jahren tot sind. Auch die Aufzeichnungen und persönlichen Notizen, die Historikern lange Zeit als Hinweise für die Ansichten und Beweggründe der Gründerväter dienten, könnten äußerst irreführend sein. So fand eine Professorin der Universität von Boston im Rahmen ihrer Untersuchungen beispielsweise heraus, dass James Madison6 seine eigenen Notizen und Tagebucheinträge massiv abänderte, um sich von unlieb gewordenen Aussagen – oder auch Nicht-Aussagen – zu distanzieren.[9] Eines dieser Ereignisse betrifft auch das Thema der Sklaverei: Obwohl Madison sich während des Verfassungskonvents von 1787 nicht zur Sklaverei äußerte, fügte er seinen persönlichen Notizen im Nachhinein eine Passage hinzu, die ihn für die Nachwelt als feurigen Gegner des Sklavenhandels inszenierten sollte.
So wenig Aufschluss die amerikanische Verfassung über die Akzeptanz zur Sklavenhaltung in den noch jungen Vereinigten Staaten aussagt, so sehr schuf sie günstige Bedingungen für die Sklaventreiberei der Südstaaten. Dieser Umstand und die Tatsache, dass es für die landesweite Abschaffung der Sklaverei erst zu einem Bürgerkrieg kommen musste, sollten Hinweis genug dafür sein, dass die amerikanische Verfassung die Sklaverei trotz fehlender Erwähnung sehr wohl legitimierte.
Die ehemalige Sklaverei in den Vereinigten Staaten ist lediglich eines der vielen verfassungsrechtlichen und soziologischen Probleme, die in der Aufarbeitung der amerikanischen Geschichte leider nur unzulänglich aufgelöst wurden und bis heute einen Keil in die amerikanische Gesellschaft treiben. In den folgenden Kapiteln dieses Buches werden wir uns gemeinsam einer Reihe weiterer Themen widmen, die in den Vereinigten Staaten für Unruhe sorgen und für die massiven Konflikte mitverantwortlich sind, derer Zeugen wir zurzeit werden und die oft bereits seit Jahrzehnten im Land toben.
Sucht man nach einer schnellen Antwort für die Gründe der zahlreichen Schwierigkeiten in den USA, so fällt oberflächlich betrachtet vor allem eines auf: Fast all diese Probleme lassen sich zumindest teilweise auf die Differenz zwischen dem Selbstanspruch der Vereinigten Staaten und den Lebenswirklichkeiten von Millionen Amerikanern zurückführen, die diesem Anspruch nicht genügen.
Auf der einen Seite finden wir all die wunderbaren Versprechen, welche die amerikanische Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung jedem Bewohner der USA zusichern. Diese lauten unter anderem wie folgt: Gleichheit, Freiheit sowie das Recht auf Leben und das Streben nach Glückseligkeit. Diese Prinzipien stehen stellvertretend für all das, was Amerika tatsächlich besonders gemacht hat: Die Idee einer Festung der Hoffnung, in der Menschen aller ethnischen Hintergründe und Glaubensüberzeugungen im friedlichen Miteinander leben können. Eine Nation, in der jede Frau, jeder Mann und jedes Kind selbstbestimmt und aus eigener Kraft unabhängig von der eigenen Startposition bis ganz an die Spitze gelangen kann.
Auf der Kehrseite der Medaille findet sich ein Land, welches von der – vorsichtig ausgedrückt – übleren Sorte der Menschheit lautstark als deren rechtmäßige Heimat beansprucht wird. Ein Land, welches auf der Unterdrückung und weitgehenden Ausrottung der amerikanischen Ureinwohner durch europäische Siedler errichtet wurde und in dem Millionen von schwarzen Sklaven für beinahe ein Jahrhundert vergeblich auf die von Gott geschenkte Freiheit warteten. Ein Land, in dem Andersfarbige und -gläubige bis heute vernachlässigt und diskriminiert werden, während waffen- und bibelschwingende Rassisten ihr glorreiches Erbe besingen. Kurzum: Ein Land, welches den Geist seiner Gründerväter bereits zu seiner Staatsgründung wieder verdrängte.
2 China, Saudi-Arabien, Russland, Indien, Vereinigtes Königreich, Frankreich, Japan, Deutschland, Südkorea, Brasilien, Italien.
3 Deutsch »Treueschwur«.
4 Deutsch »Amerikanischer Exzeptionalismus«.
5 Sprich: Sklaven.
6 Gründervater, maßgeblicher Autor der Verfassung sowie vierter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Wer im Jahre 2016 den Prozess und die Nachrichten zur Wahl von Donald Trump zum US-amerikanischen Präsidenten verfolgte, könnte sich leicht vorgekommen sein, als würde er in einem Science-Fiction-Magazin blättern oder sich eine Sitcom mit miserablem Drehbuch anschauen. Der Mann mit der merkwürdigen Frisur und der auffälligen, orange-stichigen Haut hatte sich innerhalb von nur anderthalb Jahren von einem politischen Außenseiter, den keiner wirklich ernst nehmen wollte, zu der einzig realistischen Chance auf einen republikanischen Präsidenten gemausert.
Dieser Umstand ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass der 45. Präsident der USA – trotz aller Selbstglorifizierung – in seinem Leben nur wenig geleistet und noch viel weniger geschaffen hat. Dennoch gelang es ihm, einem großen Teil des amerikanischen Volkes den Bären seiner Eignung für das Präsidentenamt aufzubinden. Im Wesentlichen beschränkt sich Trumps selbst verschrienes Anrecht auf die Präsidentschaft auf einige wenige Punkte:
Trump, der Wunder-Unternehmer:
Donald Trump stützt einen großen Teil seiner Selbstinszenierung auf Behauptungen über seine Vergangenheit als angeblich erfolgreicher Großunternehmer. Fleiß und Unternehmertum fallen überall in der westlichen Welt auf fruchtbaren Boden. Dies gilt insbesondere in den Vereinigten Staaten, die die Phrase »Vom Tellerwäscher zum Millionär« schon seit jeher als inoffizielles Staatsmotto führen.
Trump, der geniale Kopf:
Auch im Bezug auf den eigenen Intellekt ist Donald Trump sich keines Superlativs zu schade. In Interviews und den sozialen Netzwerken, aber auch auf Pressekonferenzen und zu politischen Anlässen verwendet er seine geistige Überlegenheit gerne als Totschlagargument, mit dem er sich aus jeglicher Ecke befreit, in die er sich gedrängt fühlt. Umgekehrt stellt er passenderweise gleichzeitig die intellektuellen Kapazitäten seines Gegenübers infrage. Trump sieht sich selbst als eine außerordentlich clevere Person. Er hält sich für ein Genie höchster Güte, das jedem beliebigen Menschen in jeder beliebigen Disziplin überlegen ist.
Trump, der Retter Amerikas:
Der dritte wichtige Grundstein in Donald Trumps Rhetorik lässt sich leicht aus den anderen beiden ableiten. Erstens: Das amerikanische Volk ist bis heute zu großen Teilen mit dem alten Märchen vom ewigen Kampf zwischen glorreichem Kapitalismus auf der einen Seite und dem Schreckgespenst des Kommunismus auf der anderen Seite indoktriniert. Tatsächlich ist »Kommunist« ein gern genutztes Schimpfwort von Republikanern und Rechtsextremen im Alltag und im politischen Diskurs. Doch auch vielen gemäßigteren Gruppen ist jeglicher Gedanke an sozialen Fortschritt zumindest ein dicker roter Dorn im Auge.
Zweitens: Trump verkauft sich selbst als hochintelligenten und psychisch stabilen Kämpfer des US-amerikanischen Mittelstandes und der kleinen Leute. Außerdem spricht er jenen, die ihm nicht helfend gegenüberstehen, genau diese Eigenschaften ab. Von hier aus ist es nur ein kleiner und folgerichtiger Schritt von Trump zu behaupten, er allein besäße die notwendigen Kompetenzen, die Vereinigten Staaten vom Weg ins Verderben zurück auf den rechtschaffenen Pfad des Erfolgs und Reichtums zu leiten.
So weit, so falsch. Schauen wir uns diese drei Eckpfeiler etwas genauer an. Donald Trumps Herkunft, die wenigen offiziellen und glaubwürdigen Geschäftszahlen und fehlende Steuerunterlagen malen so einiges, jedoch kein Bild, welches ihn als kompetenten Geschäftsmann darstellt.
Geboren wurde er im Sommer 1946 als Sohn des erfolgreichen New Yorker Baulöwen Fred Trump und dessen Frau Mary Anne. In den 1970- und 80ern nahm Donald Trump sowohl Bankkredite als auch Zuwendungen von seinem Vater in Anspruch und übernahm mit der Leitung von Fred Trumps Firma ein Vermögen von 200 Millionen US-Dollar. Nach zahllosen finanziellen und rechtlichen Skandalen und einem Beinahe-Bankrott mit 3,2 Milliarden US-Dollar Schulden in den 90ern wurde sein Vermögen im Jahr 2018 auf etwas über 3 Milliarden Dollar geschätzt. Somit hat er es innerhalb von knapp 45 Jahren verfünfzehnfacht.
Zum Vergleich: Paris Hilton, die den meisten Menschen nicht als Business-Genie im Gedächtnis geblieben sein dürfte, verwandelte ihre 5-Millionen-Dollar-Erbschaft in ein Imperium von knapp 2 Milliarden US-Dollar, was einer vervierhundertfachung entspricht und Trump in einer rosa glitzernden Staubwolke zurücklässt. [10]
Auch in Sachen Bildung existieren nur wenige Dokumente, die zuverlässige Rückschlüsse auf Trumps geistige Fähigkeiten erlauben. Von Donald Trump sind weder Schulzeugnisse noch Ergebnisse von anderen standardisierten Tests zu finden. Es ist bekannt, dass er während seiner Schulzeit oft in Schwierigkeiten kam, aggressiv und überheblich war und seine Leistungen sich üblicherweise am unteren Ende des Spektrums befanden. All das lässt sich schön in einem Zitat von William Kelley zusammenfassen, ein ehemaliger Professor Trumps an der Universität Pennsylvania: »Donald Trump war der dümmste gottverdammte Student, den ich jemals hatte!«[11] Soll nun trotz fehlender Unterlagen Donald Trumps Bildungsniveau eingeschätzt werden, braucht man sich nur wahllos ein paar seiner öffentlichen Auftritte anzusehen und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit Treffer erzielen. Zur Optimierung des Leseflusses präsentiere ich einige Ideen aus dem Hause Trump:
Während der Coronavirus-Pandemie im Jahre 2020, welche er anfangs noch geleugnet und später häufig heruntergespielt hatte, schlug Donald Trump auf einer Pressekonferenz mit führenden Ärzten und Virologen vor, Patienten Desinfektionsmittel zu injizieren. Er schien irgendwo aufgeschnappt zu haben, dass solche Mittel das Virus innerhalb kürzester Zeit eliminieren sollten.
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Im Grunde genommen ein guter Plan. Zumindest dann, wenn man keine Skrupel davor hat, den Patienten gleich mit zu eliminieren.
Während einer Besprechung mit hochrangigen Sicherheitsfunktionären über die Gefahr durch Hurrikans teilte der Präsident den Anwesenden mit, die Bedrohung dadurch beseitigen zu wollen, indem die Wirbelstürme mit dem einen oder anderen Atombömbchen attackiert werden.
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Dies ist gleich aus mehreren Gründen kein guter Vorschlag. Vor allem muss man aber wissen, dass ein durchschnittlicher Hurrikan etwa alle 20 Minuten die Energie einer 10-Megatonnen-Atombombe freisetzt.
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Solch eine Bombe hätte eine über 8-mal größere Zerstörungskraft als die stärkste Atombombe, die sich momentan im nuklearen Arsenal der USA befindet und würde einen Feuerball mit einem Radius von 3,2 Kilometern erzeugen. Bei der Detonation einer solchen Bombe im Zentrum Berlins würden Sie noch Verbrennungen dritten Grades erleiden, wenn Sie zu diesem Zeitpunkt in Potsdam spazieren wären. Eine Atombombe auf einen Hurrikan abzuwerfen dürfte diesen also in etwa so viel stören, wie wenn ich Sie mit einer Handvoll Erbsen bewerfe. Wenn man eine nukleare Bombe auf einen Hurrikan wirft, hat man lediglich eine nukleare Bombe weniger und einen radioaktiv verseuchten Sturm mehr.
Doch bei allen lustigen – und potenziell zerstörerischen – Ideen, mit denen Donald Trump vor und während seiner Präsidentschaft um sich warf, darf eines nicht vergessen werden: Zwischen Bildung und Intelligenz gibt es einen wichtigen Unterschied. Trump mag außerordentlich wenig Wissen über fast alle Themen besitzen. Wenn es um die Führung einer Nation geht, wird sein Wissen sogar sehr nah bei null liegen. Was ihm jedoch an Bildung fehlt, macht er mit einer gefährlichen Mischung aus Hinterlist und Kulissenreißerei wieder wett.
Bei oberflächlicher Betrachtung könnte es so scheinen, dass Donald seinen Lebenslauf und seine Kompetenzen für die Präsidentschaft hier und da ein wenig aufgehübscht hat. Befasst man sich jedoch genauer mit Donald Trumps Wesen sollte sich jedem, der nicht mit politisch-ideologischen Scheuklappen durchs Leben stolpert, eine erschreckende Wahrheit offenbaren: Während seiner Zeit im Amt nutzte der 45. Präsident der Vereinigten Staaten gezielte Verschleierungstaktiken und pressewirksame Skandale, um die gesamte mediale Aufmerksamkeit sowohl wohlgesinnter als auch kritischer Stimmen auf sich zu vereinen.
Analysen haben ergeben, dass Donald Trump im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl im Jahre 2016 netzwerkübergreifende Medienberichterstattungen im Wert von bis zu 5 Milliarden US-Dollar praktisch geschenkt bekam. Seine Widersacherin Hillary Clinton musste sich hingegen mit nur etwas mehr als der Hälfte dieser geldwerten Vorteile begnügen.[15] Selbst wenn ein großer Teil von Trumps Bildschirmzeit zweifelsohne von Trump-kritischen Nachrichtenagenturen ausgestrahlt wurde, stellt diese Allgegenwart für den demokratischen Prozess ein massives Problem dar. In solch einer Situation kommt das alte Sprichwort »Jede Publicity ist gute Publicity« zum Tragen: Nehmen wir einmal an, dass Donald Trump in einer unruhigen Sekunde mal wieder einen reißerischen Tweet veröffentlicht. Unabhängig vom Inhalt oder der politischen Relevanz würden konservative Sender wie Fox News den Präsidenten wahrscheinlich hoch loben, was sie aber größtenteils auch ohne eine vorherige Aktion von seiner Seite aus machen. Doch auch Sender, die sich auf dem politischen Spektrum weiter links ansiedeln, würden über die Sache berichten und ihren Unmut über den Tweet und Trump kundtun. In jedem Falle erhält er wertvolle Sendezeit, die ansonsten der Berichterstattung über liberalere Themen und Kandidaten gewidmet werden könnte.
Selbstverständlich ist kritische Medienberichterstattung äußerst wichtig und hätte sogar potenziell nachteilig für Donald Trump sein können. Dafür hätte man bei der Auswahl der Inhalte jedoch etwas selektiver vorgehen und sich auf hochbrisante Aussagen beschränken müssen. Trumps extravagante Anziehungskraft machte aber auch vor jenen Zuschauern und Sendern keinen Halt, die ihn eigentlich nicht im Weißen Haus haben wollten. Ganz im Gegenteil: Sowohl konservative als auch liberale Sender untersuchten fleißig jeden Schritt, jede Provokation und vor allem jeden Tweet aufs Genaueste. Bei einem Präsidenten, der in den fünf Jahren von der Bekanntgabe seiner Kandidatur für die Präsidentschaft bis knapp zum Ende seiner ersten Amtszeit beinahe 30.000 Tweets veröffentlichte,[16] blieb für andere Themen nur noch wenig Sendezeit übrig. Donald Trump hatte sich durch seine Interaktionen mit der Öffentlichkeit ein exklusives Monopol auf Medienpräsenz gesichert.
Nach der Bekanntgabe seiner Kandidatur für die Präsidentschaft am 16. Juni 2015 distanzierten sich sowohl Fernsehsender als auch republikanische Politiker nach einigen teils fremdenfeindlichen, aber in jedem Falle medienwirksamen Äußerungen von Trump. Offensichtlich hatte niemand so recht Lust, sich durch eine Zusammenarbeit mit dem einzigen Präsidentschaftskandidaten ohne jegliche politische oder militärische Erfahrung seit Beginn des Zweiten Weltkrieges die Finger zu verbrennen. Doch wie so oft in seinem Leben gelang es Trump durch eine gehörige Portion Glück und vorteilhafter Umstände, innerhalb weniger Wochen den bisherigen republikanischen Favoriten Jeb Bush in Umfragen auf Platz 2 zu verweisen. Dennoch wurde er von vielen großen Namen der Republikanischen Partei weiterhin nicht als ernst zu nehmender Kandidat betrachtet. Dies änderte sich erst, als Trump öffentlich mit dem Gedanken spielte, sich notwendigerweise als unabhängiger Kandidat abseits von Parteigrenzen ins Amt wählen zu lassen. Anfang September 2015, nur 12 Wochen nach Bekanntgabe der Kandidatur, handelten die Republikaner einen Deal aus, in dem Donald Trump seine Loyalität zur Republikanischen Partei bekundete und auf eine freie Kandidatur verzichtete.
Zu Beginn des Vorwahl-Prozesses im Jahr 2015 ließen sich, Trump nicht mit eingeschlossen, insgesamt 16 alteingesessene Republikaner als Präsidentschaftskandidaten aufstellen. Diese Zahl sprengte bereits die verfügbaren Plätze auf den Bühnen für Podiumsdiskussionen. In den Vorwahlen einigen sich die politischen Parteien in einem langen Verfahren auf ihren jeweiligen Präsidentschaftskandidaten. Sowohl im Bezug auf die ideologischen Positionen und die benutzte Rhetorik, aber auch äußerlich unterschieden sich die Kandidaten der republikanischen Partei nur wenig: 14 von ihnen waren weiß, 15 von ihnen männlich. Alle lehnten die gleichgeschlechtliche Ehe ab und wollten Schwangerschaftsabbrüche entweder komplett verbieten oder nur im Extremfall7 erlauben. Auch nahmen sie alle Donald Trump anfangs nicht ernst. Viel mehr gingen die anderen republikanischen Kandidaten davon aus, dass sich dieses Problem früher oder später von selbst erledigen würde. Statt sich also mit Donald Trump herumzuschlagen, verwendeten sie ihre Zeit und ihre finanziellen Mittel lieber dafür, sich gegenseitig auszustechen und die Stimmen der republikanischen Wähler mehr oder weniger gleichmäßig untereinander aufzuteilen.
Hier kam erneut Trumps Reality-TV-Gespür für eine gute Show ins Spiel. Durch seine laute und offensive Art des Wahlkampfes füllte er den größten Teil der Sendezeit aus und drängte alle anderen Kandidaten als Zuschauer an den Rand. Offen fremdenfeindliche Positionen, die er im Gegensatz zu anderen Rechtspopulisten wie Ted Cruz weder herausfilterte noch schön verpackte, sicherten ihm die Zustimmung vieler Weißer der unteren Einkommensschichten in ländlichen Gebieten sowie von offen rassistischen Teilen der Bevölkerung. Als die ersten Präsidentschaftskandidaten aus dem Rennen ausgeschieden waren, hätte sich der Aufstieg Trumps womöglich sogar noch stoppen lassen können, wenn sich die Partei gesammelt hinter einen alternativen Kandidaten gestellt hätte. Am Ende stolperte die gemäßigtere republikanische Parteibasis aber über ihre eigenen Füße, um sich anschließend von Trump überrollen zu lassen. In der oben stehenden Grafik ist die Bereitschaft der republikanischen Wähler, Trump als ihren Präsidentschaftskandidaten anzuerkennen, chronisch dargestellt. Der starke Anstieg der Umfragewerte kurze Zeit nach Beginn der Kandidatur sticht sofort ins Auge. Auch hier half Trumps Fähigkeit, alle Aufmerksamkeit auf seine Person zu richten.
Trumps Umfragewerte in der republikanischen Parteibasis vor der formellen Ernennung zum republikanischen Präsidentschaftskandidaten der Wahl 2016. [17]
Doch waren es nicht nur die Republikaner, die Trump zum Wahlsieg verhalfen. Auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums wurden grobe Schnitzer gemacht und Trump für einen zu langen Zeitraum eher als Witzfigur belächelt. Hinzu kam, dass Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidatin der Demokraten in der amerikanischen Öffentlichkeit äußerst unbeliebt war. Sie war ohnehin in vielerlei Hinsicht eine ungeeignete Kandidatin, jedoch die denkbar schlechteste Option für die Präsidentschaftskandidatur, wenn man die Stimmung der Bevölkerung in der Zeit vor der Wahl bedenkt.
