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Nach vier Jahren an der prestigereichen Brown University in den USA möchte Vincent Stamer sich von Amerika verabschieden. Wie? Er fährt mit dem Fahrrad einmal quer durch das Land - alleine, 50 Tage lang, 5.777 Kilometer weit. Die Reise führt ihn von der Ostküste, durch endlose Prärie, über die Rocky Mountains, bis nach Seattle an der Westküste. Dabei geht ihm das Trinkwasser in einem mysteriösen Indianerreservat aus, er verfährt sich in einem unheimlichen Canyon, begegnet wilden Tieren und durchlebt viele andere Abenteuer, Höhen und Tiefen. Gleichzeitig berichtet Stamer von spannenden Unterhaltungen mit verschiedensten Einheimischen. Gespickt mit Wissenswertem zur Gesellschaft der USA geht das Werk über einen Reisebericht weit hinaus. Auf informative und unterhaltsame Weise lernen wir das Land zwischen den so bekannten Küsten Amerikas kennen.
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für meine Familie,
mit großem Dank an Lisi, Luis, Lukas, Patricia und alle meine Gastgeber in den USA
Vor der Fahrt
Woche 1
- Deutscher Pavian
Woche 2
- Rustbelt
Woche 3
- Heartland mit Herz
Woche 4
- Tea Party in der Grassteppe
Woche 5
- Forever West
Woche 6
- Gastfreundschaft in den Bergen
Woche 7
- Endspurt in Gefahr
Fahrrad (
DB Haanjo Comp
2015)
1-Personen-Zelt (
Easton Rimrock
)
Schlafsack (12 ºC Grenztemp.)
Luftmatratze (
Klymit Static V2
)
Vier Fahrradtaschen
Drei Wasserflaschen
Fahrradlicht
Fahrradschloss
Helm
Sonnenbrille
Brille
Zwei Schläuche
Drei Speichen
Kombiwerkzeug
Luftpumpe
Reifenheber
Flickzeug
Taschenmesser
Zahnbürste & Zahnpasta
Biologisch abbaubare Seife
Zehn Schmerztabletten
Zehn Allergietabletten
Zwei Durchfalltabletten
Vaseline/ Reibungsschutzcreme
Sonnencreme
Kunststoff Besteck
Ohrstöpsel
Kamm
Portemonnaie
Handy
Ladegerät
Zusatzbatterie für Handy
Solarzelle
Ohrhörer
Kamera
Mp3-Player
Stirnlampe
Laufschuhe
Ein Paar Socken
Laufhose
Fahrradhose
Fahrradjersey
Langärmliges Sportshirt
T-Shirt
Faltbare Regenjacke
Reisepass
Erste-Hilfe-Paket
Pfefferspray
Trillerpfeife
Kondom
Fischölkapseln
Wasserfilter
Tabletten für Wasseraufbereitung
Aufgewachsen bin ich in Ratzeburg, einer Kleinstadt bei Lübeck. Nach einiger Zeit auf dem örtlichen Gymnasium wachsen im elften Jahrgang meine Neugierde, mein Fernweh und eine tiefliegende Sehnsucht nach „mehr“ so groß, dass ich mich bei den United World Colleges um einen Platz an einem der internationalen Internate bewerbe. Den Platz bekomme ich in Hongkong und dort ziehe ich mit 17 Jahren alleine hin. Ab jetzt begleitet mich Druck in der Schule und Wahnsinn im Alltag: Mit drei anderen Jungen teile ich mir ein etwa 40 qm. großes Zimmer. Um dem Campus zu entkommen, zieht es mich entweder auf den nächsten Berg oder ich erkunde die Distrikte in Hongkong zu Fuß. Ich empfand es immer als magisch, welche Welten sich eröffnen, wenn sie nicht am Zugfenster der U-Bahn vorbeirauschen.
Einige Jahre später studiere ich offiziell Volkswirtschaftslehre (Economics) an der Brown University in der US-Amerikanischen Stadt Providence. Weil man an einem amerikanischen College aber auch Kurse außerhalb seiner Fakultät belegen kann, besuche ich mindestens so viele Kurse in Biologie wie in Wirtschaft und würze die Mischung noch weiter mit Kursen in Informatik und Russisch. Die Fächer haben zwar nie zusammengepasst, mir aber immer viel Spaß gemacht. Umso klarer kristallisiert sich mein Berufswunsch: Nun möchte ich Karriere an der Wall Street machen. Dafür muss ein Sommerpraktikum in New York an einer namhaften Bank her.
Im Gegensatz zu Hongkong macht mir die Erkundung von New York an Sonntagen schon nach wenigen Wochen keinen Spaß mehr. Ich fühle mich eingesperrt von dem Praktikum, von dem Lärm und den sich wiederholenden Beton- und Glasbauten. Zum Glück ist mein Rennrad bei mir. Denn anstatt zum zehnten Mal Bus oder Bahn von Providence nach New York zu fahren bin ich vor dem Praktikum die Strecke in zweieinhalb Tagen mit dem Fahrrad gefahren. Daher kann ich mich am Sonntag auf den Sattel schwingen und am Hudson Fluss entlang dem Großstadtdschungel entkommen. Wohin würde mich mein Fahrrad führen, wenn ich immer weiter flussaufwärts fahre und nicht nach New York zurückkehre? Wie lange würde ich körperlich und mental durchhalten? Tage, Wochen, Monate?
Ich phantasiere von dem Land jenseits der dicht bevölkerten Küsten, von weiten Prärien, den Großen Seen, hohen Bergketten, berühmten Nationalparks und den Menschen, die diese Landstriche bewohnen. Wie leben und denken wohl die Leute in Indiana, Iowa oder Idaho? Bereits im Nordosten der USA, ja alleine in Providence, bin ich vielen unterschiedlichsten Menschen begegnet, die in keine Schublade passen. Und eine Fahrradtour durch das unbekannte Land zwischen den Küsten soll eben meinem Mosaikbild der USA noch viele verschiedene Farben und Facetten hinzufügen. Für mich steht am Ende des Sommers in New York fest: Wenn ich nach dem Abschluss an der Uni genügend Zeit habe, fahre ich mit dem Fahrrad durch die USA.
Im letzten Jahr an der Uni muss ich also nur noch herausfinden, wie ich diesen Traum verwirklichen kann. Einige meiner besten Freunde haben sicher die Fitness, um mit mir fahren zu können. Allerdings wollen diese ihre letzten freien Monate zwischen Abschluss und dem Ernst des Lebens entspannter verbringen als schwitzend auf einem schmalen Sattel. Um für Etappen gemeinsam zu fahren, sind die logistischen Hindernisse zu groß und die Anschaffungskosten für Fahrrad und Material zu hoch. Auch hätten Begleiter für das Training bereit sein müssen. Seitdem Mitte November feststeht, dass ich die kommenden Sommermonate frei haben werde und erst danach anfange zu arbeiten, trainiere ich etwa viermal in der Woche Kraft und Ausdauer. Sechs Monate später verbuche ich pro Woche etwa 120 km auf dem stationären Fahrrad und insgesamt zehn Stunden im Sportstudio und teste an Wochenenden Material und Muskeln bei zweitägigen Probefahrten. Dann wird es ernst.
Deutscher Pavian (921 Kilometer)
Tag 1 - Providence, Rhode Island (0 km.)
„Zwei Vollkorn-Bagel, bitte. Beide getoastet, einen mit Knoblauch-Kräuter-Frischkäse und den anderen mit getrockneten-Tomaten-Frischkäse. Dazu ein großer Kaffee, dunkle Röstung, mit einem Schuss Milch. Alles zum Mitnehmen, bitte!“ Die selbe Bestellung habe ich bei Bagel Gourmet schon oft aufgegeben und sicherlich kennen die drei mexikanischen Frauen hinter dem Tresen sie eigentlich auch schon auswendig. Vier Jahre lang habe ich an der Brown University in der US-Amerikanischen Stadt Providence studiert. Und weil ich im zweiten Jahr direkt gegenüber von dem kleinen Imbiss gewohnt habe, habe ich mir morgens vor der ersten Vorlesung hier oft den für mich überlebenswichtigen Kaffee geholt. Auch mit meiner Freundin, Anya, bin ich am Wochenende häufig hierhergekommen. Heute aber bin ich allein.
Alles ist heute anders - trotz der Routine bei der Bagel-Bestellung. Die letzten Prüfungen im Frühlingssemester liegen bereits drei Wochen zurück und Anya besucht ihre Familie in Philadelphia. Als mir eine der mexikanischen Frauen lächelnd die verpackten Bagels reicht, gehe ich zu keiner Vorlesung, sondern fahre zum India Point Park. Am Rande der Innenstadt gelegen überblickt der kleine Park die weite Bucht, die zum großen Atlantik führt. Das Wasser glitzert ruhig in der aufsteigenden Morgensonne und das Gras im Park bewegt sich in den Meeresbrisen sanft vor und zurück. Es ist eine besänftigende Kulisse für den Start einer Fahrradtour, die mich von der Ostküste der Vereinigten Staaten über Chicago und die Rocky Mountains bis nach Seattle an der Westküste führen soll. Heute geht es los.
Obwohl ich hungrig das Frühstück aus der Tasche hole, breitet sich ein flaues Gefühl in meinem Bauch aus. Für den 4. August habe ich den Flug von Seattle zurück zur Ostküste gebucht. Kurz danach fliege ich weiter nach Deutschland, denn Ende August beginnt in Hamburg mein erster Job. Heute ist der 7. Juni. In 58 Tagen muss ich also die Strecke von etwa 5.700 Kilometern nach Seattle überbrücken – ansonsten verpasse ich meine Flüge. Schätze ich meine Geschwindigkeit richtig ein? Genügen die drei Tage eingeplanter Puffer? Was passiert, wenn ich ernsthaft krank werde, einen schweren Unfall habe oder wichtige Teile am Fahrrad kaputtgehen?
Vor den Gefahren habe ich zwar keine akute Angst, nervös bin ich schon. Die Strecke führt mich in den Rocky Mountains durch das Habitat von Bären und Berglöwen, von Wölfen und Schlangen. Den Bundesstaat Iowa durchquere ich während der Tornadosaison. Auch einem Überfall durch Menschen könnte ich als einzelner Fahrradfahrer wenig entgegensetzen. Meine besorgte Familie in Deutschland erinnert mich gerne an die hohe Waffengewalt in den USA und meine Großmütter befürchten sowieso das Schlimmste. Auch Anya hat mich immer wieder gebeten, vorsichtig zu sein. Etwas optimistischer sind meine amerikanischen Freunde aus der Uni. Owen sagte mir vor Kurzem: „Ich glaube, dass du es bis an die Westküste schaffen kannst. Allerdings wird es viel schmerzhafter werden als du es dir vorstellst. You´re gonna be miserable!“ Mit diesen Gedanken schlucke ich den letzten Rest des Bagels herunter, packe meinen Mut zusammen und kehre der Atlantikküste den Rücken zu.
Zunächst führt die Route ins Unbekannte quer durch die Stadt, die ich so gut kenne. Die farbig angestrichenen Holzfassaden der Häuser, die typisch für die Region Neuengland sind, scheinen wie alte Freunde für den Abschied Spalier zu stehen. Ein letztes Mal fahre ich durch den Stadtteil College Hill und den Campus der Brown University. Erst vor wenigen Wochen wuselten hier noch siebentausend Studenten zwischen den historischen Gebäuden aus der Kolonialzeit herum. Auch ich habe hier erst vor wenigen Wochen noch mit großen Augen hilflos auf die Aufgabenblätter der Klausuren gestarrt. Und dennoch wirkt der Campus auf mich nun etwas fremd. Einerseits tauchen nur hin und wieder einsame Studenten zwischen den Gebäuden auf, andererseits bin ich offiziell nun „graduated“ – ein Absolvent und gehöre damit nicht mehr dazu.
Sobald ich die ehrwürdigen Gebäude hinter mir lasse, träume ich bereits von weiten Prärien und hohen Bergen. Ich kann vor dem inneren Auge schon sehen, wie ich gegen Stürme und Berglöwen kämpfe und als Held in Seattle gefeiert werde. Die Realität holt mich im nächsten Gedanken wieder ein. „Habe ich etwa meine Unterhose vergessen?“, frage ich mich. Unter der Fahrradhose trägt man keine Unterwäsche. Und wie bei einer Tagestour habe ich heute Morgen nach dem Umziehen nicht daran gedacht, die Unterhose einzupacken. Ich hoffe, dass sich die gute Freundin, bei der ich übernachtet habe, nicht allzu sehr an meiner Unterhose auf ihrem Sofa stört. Denn um zurückzufahren ist es jetzt zu spät und in den nächsten Wochen stellt sich heraus, dass ich auch ohne Unterwäsche fantastisch leben kann. Tatsächlich habe ich äußerst leicht gepackt: Alle meine Habseligkeiten passen in vier Taschen, die an meinem Lenker, auf dem Vorbau, an meinem Rahmen und hinter meinem Sattel angebracht sind. Somit komme ich sogar ohne Gepäckträger und typische Gepäcktaschen an den Seiten aus.
In den bunten Vororten von Providence drängen sich auf der rechten Seite der Straße nebeneinander ein puerto-ricanisches Gemeindezentrum, Dr. Petrovskis Zahnarztklinik, eine kleine christliche Kapelle und ein pakistanisches Restaurant. Auf der anderen Seite schreien auf einem Spielplatz ein Dutzend Kinder auf Spanisch und Englisch. Das hätte sich wohl Roger Williams in seinen kühnsten Träumen kaum vorstellen können. Dem Theologen Williams drohte in der Massachusetts Bay Colony des 17. Jahrhunderts – Vorläufer des gleichnamigen Bundesstaates – unter anderem für seine Kritik an der Kirche die Verhaftung. Entgegen des Mythos von amerikanischen Kolonien, die ein pluralistischer Hafen für religiös verfolgte Europäer gewesen seien sollen, war Massachusetts strikt puritanisch. Andersgläubige wurden angeglichen oder ausgeschlossen. Williams kam diesem Schicksal zuvor und ruderte im Frühling 1636 einfach mit einem Dutzend Anhänger auf die andere Seite des Seekonk Flusses jenseits des Gebietes von Massachusetts. Dort gründete Williams schließlich eine neue Kolonie – Rhode Island and Providence Plantations. Rhode Island wurde als Gegengewicht zu restriktiveren Kolonien zum ersten Bundesstaat mit Religionsfreiheit und führte als erstes die Trennung von Staat und Kirche ein. Heute zeichnet Providence eine besonders bunte Mischung aus Menschen mit Wurzeln in Italien, Irland, Puerto Rico, Kolumbien und Portugal aus. Auch das hat mir geholfen, mich in Rhode Island einzuleben.
Wohl fühlen kann ich mich auch in der schönen Landschaft Neuenglands. Die Landschaft in Rhode Island gleicht sogar meiner Heimat in Schleswig-Holstein. Viele assoziieren mit Schleswig-Holstein die Küstenregionen und flache Rapsfelder dazwischen. Ich stamme aber aus dem schönen Ratzeburg im Süden des Bundeslandes. Und wie in der Landschaft der Lauenburgischen Seen um Ratzeburg verstecken sich auch in Rhode Island und Massachusetts unzählige kleine Seen in dem Netz aus dichten Laubwäldern. Am Straßenrand spenden hohe Eichen kühlen Schatten in der Mittagssonne, Elstern und Schwalben zwitschern im Hintergrund und graue Eichhörnchen flitzen vor mir über die Straße. Bis zum Abend fahre ich durch Wälder bis sich die Landschaft von der schönsten Seite zeigt.
Als ich das 100-Quadratkilometer große Quabbin Reservoir erreiche, das einen großen Teil Massachusetts mit Trinkwasser versorgt, funkelt die orangene Sonne bereits über der schimmernden Wasseroberfläche. Dichter Laubwald umringt das Wasser als wolle er den See beschützen. Dieser friedliche Anblick bietet einen gewaltigen Kontrast zu den Städten Providence und Boston. Nach einem Tag Fahrt wirkt der Ballungsraum bereits weit entfernt. Die untergehende Sonne bedeutet auch, dass ich nun einen Platz zum Zelten finden muss. Aber wo?
Das Zelten um den See herum ist zum Schutz der Trinkwasserqualität streng verboten. In Belchertown, einem Dorf in der Nähe, frage ich verschiedene Anwohner nach einer Möglichkeit zum Zelten – seien es auch nur zwei Quadratmeter im Vorgarten –, bekomme aber nur Kopfschütteln als Antwort. Eine Dame, die von ihrem Auto über den Vorgarten zu ihrem Haus geht, dreht sich nicht einmal richtig um und zuckt nur mit den Schultern. Wieder und wieder versuche ich es – ohne Erfolg. Enttäuscht gelange ich an das Ende von Belchertown. Und nun? Die nächstgrößere Stadt ist zu weit entfernt. Selbst ein öffentlich zugängliches Waldstück kann ich nicht finden. Das Gebiet zwischen Belchertown und dem Quabbin Reservoir scheint gänzlich in privatem Besitz zu sein und Eigentümer schützen ihr Grundstück konsequent mit Zäunen. Obwohl die Seenlandschaft in Massachusetts meiner Heimat ähnelt, gelten hier andere Gesetze.
Als ich mich gerade auf den Weg zurück zum Quabbin Reservoir mache, fällt mir eine große Auffahrt auf, die von der Landstraße abgeht. Etwa dreißig Meter abseits der Straße steht ein größeres Haus und dahinter erstreckt sich ein weitläufiger Schrottplatz am Waldesrand. Die Einfahrt ist nicht abgezäunt und die Hügel aus Metallschrott liegen im Dunkeln. Jenseits der Schrotthügel am Waldesrand würde man mich sicher nicht entdecken. Kurzerhand biege ich von der Straße ab. Ich fahre schnell die Auffahrt entlang und fixiere mit meinen Augen die Fenster des Hauses. Ich registriere keine Bewegung hinter den Scheiben und komme unbemerkt auf den Schrottplatz. Zehn Meter tief in den Wald hinein schiebe ich mein Fahrrad und schlage hier das Zelt auf. Trotzdem ist mir dieser Zeltplatz nicht geheuer. Schließlich befinde ich mich ohne Erlaubnis auf privatem Gelände. Jetzt wünsche ich mir insgeheim schon, nicht alleine zu reisen.
Auf mich alleine gestellt wird gleich die erste Übernachtung zu einem Abenteuer. Werde ich unentdeckt bleiben?
Tag 2 - Belchertown, Massachusetts (118 km.)
Ich breche früh auf, als Belchertown noch schläft. Dichter Nebel wabert zwischen Autokarossen und Metallhügeln. Und obwohl bereits Licht aus der Richtung des Hauses durch den Nebel schimmert, kann ich eine Begegnung mit dem Schrottplatzbesitzer vermeiden. Umso dringender muss ich den Tag und vor allem die Nacht besser im Voraus zu planen. Dafür stoppe ich in der Kleinstadt Northampton. In einem Café wärme ich mich mit einem großen Kaffee auf und weiß bereits nach einem Tag auf der Straße das gemütliche Ambiente des Cafés zu schätzen. Aufwachend recherchiere ich meine exakte Route. Weil ich früh gestartet bin, könnte ich heute auch eine längere Strecke radeln als gestern. Denn um in 55 Tagen in Seattle zu sein, muss ich an sechs Tagen der Woche etwa 125 Kilometer abreißen. Lieber bin ich aber auf der sicheren Seite und plane Tagesstrecken über dem Minimalziel von 125 Kilometern ein. Dementsprechend verlockt die 160 Kilometer entfernte Stadt Albany im Bundesstaat New York als Etappenziel. Nach der enttäuschenden Nacht steigt meine Motivation wieder. Aber die 160 Kilometer werden schmerzhaft.
Den Westen von Massachusetts bestimmen nämlich die Berkshire Mountains und direkt hinter der Staatsgrenze zu New York lauern bereits die Taconic Mountains. Beide Höhenzüge bilden Teile der Appalachen und sind mit bis zu 1.170 Meter hohen Bergen nicht zu unterschätzen. Insgesamt erwarten mich drei Anstiege, bei denen ich jeweils etwa 400 Höhenmeter bezwingen muss. (Zum Vergleicht liegt die Turmkugel des Berliner Fernsehturms auf knapp über 200 Metern.) Die Appalachen bedeuten eine erste Kraftprobe. An einer Stelle steigt die Straße acht Kilometer lang unaufhörlich bergauf. Der hellgraue Asphalt der Straße verläuft schnurgerade wie ein Band den dunkelgrünen Berg hinauf. Fast herausfordernd baut sich die Härteprüfung so vor mir auf. Hier setzt sich jedes Kilogramm der Ausrüstung in Milchsäure um und sticht in die schmerzenden Beinmuskeln. Gleich am zweiten Tag arbeiten die brennenden Muskeln an der Belastungsgrenze. Kann ich diese Belastung wochenlang aushalten? Für den Moment versuche ich die Zweifel zu unterdrücken.
Dabei ist meine Ausrüstung sehr leicht. Das Fahrrad wiegt kaum zehn Kilogramm. Bewusst habe ich mich für ein Hybrid-Fahrrad entschieden. Dessen Aluminiumrahmen ist ähnlich leicht und in ähnlichen Winkeln gebogen wie der eines Rennrades. Durch größere Bauteile ist das Fahrrad aber vergleichbar stabil wie ein Trekking-Fahrrad. Außerdem sitzt man etwas aufrechter auf diesem Hybrid-Fahrrad als auf einem Rennrad. Daher krümmt sich der Rücken nicht dauerhaft zu einer Quasimodo-Haltung. Auch jedes Ausrüstungsstück habe ich im Internet genau studiert und aufgeregt meinen genervten WG-Mitbewohnern gezeigt, bevor ich auf „Kaufen“ geklickt habe. Aber das Ergebnis kann sich sehen und wiegen lassen: Die Taschen schlagen mit Zelt, Luftmatratze, Schlafsack, Ersatzteilen, Werkzeug, Hygieneartikeln, Kleidung, Solarzelle, Elektronikgeräten und Snacks nur mit 12 Kilogramm zu Buche. Das ist eine absolut minimalistische Ausrüstung und mein ganzer Stolz. Und dennoch werden die Beine auf den Bergen immer schwerer. Spätestens jetzt wird mir klar, dass die Fahrradtour sportliche Knochenarbeit wird – und zwar bis zu zehn Stunden am Tag. Genauso heute.
Erst um sechs Uhr abends erreiche ich die Grenze zu New York und überquere die Taconic Mountains. Vor mir erstreckt sich nun das schöne Tal des Hudson Flusses, der mehr als 500 Kilometer durch den Empire State Bundesstaat fließt. Hier wäre ich also irgendwann vorbeigekommen, wenn ich bei meinen Tagesausflügen aus New York City hinaus nicht umgedreht wäre. Tiefliegende Wolken tauchen die Landschaft in sanfte, grüne und blaue Pastelltöne. Diese Region verbindet man selten mit New York. Selbstverständlich dringen zunächst Bilder vom Menschengewirr zwischen den Häuserschluchten von New York City vor das innere Auge. Man assoziiert mit der Metropole die atemberaubende Skyline und wirtschaftlichen Erfolg, aber auch Exzesse der Finanzindustrie und Stress. Der eine empfindet New York City als einzigartiges Zentrum der Zivilisation, der andere meidet die Stadt. Genauso liegen Meinungen über die gesamten USA unvereinbar auseinander. Im 20. Jahrhundert konnten Europäer noch das Fehlen einer Sozialversicherung bemängeln, aber gleichzeitig den „Fünf-Dollar-Tag“ bei Ford gut finden, berichten die Historiker Lüdtke, Marßolek und von Saldern in ihrem Buch Amerikanisierung. Heute polarisieren die USA die Europäer. Das Beispiel von New York aber illustriert ein Problem dieses Trends: New York ist eben nicht nur New York City, sondern auch ein gewaltiger Bundesstaat, der so groß ist wie 40% der Fläche Deutschlands. Ländliche Gegenden des Hudson Tals vor mir, eine schwindende Schwerindustrie im Nordwesten und endlose Wälder im Nordosten prägen den Bundesstaat genauso wie die Metropole an dessen südöstlichem Zipfel. Kann eine strikt positive oder negative Meinung über New York oder gar dem gesamten Land der Realität gerecht werden? Wohl kaum.
Aufziehende schwarze Gewitterwolken trüben mittlerweile die schöne Aussicht über das Hudson Tal und meine Laune. Heftige Regenfälle erwischen mich immer wieder. Als ich drei Stunden später in einem billigen Hotel einchecke, bin ich nicht nur klatschnass, ausgekühlt und erschöpft bis ins Mark, sondern habe auch große Schmerzen am Gesäß. Bereits bei den ersten Anstiegen in den Taconic Mountains hatte ich ein unangenehmes Jucken gespürt, das sich in den letzten Stunden im Regen zu einem Brennen entwickelt hat. Der Blick in den Spiegel bestätigt meine Selbstdiagnose: Pavian-Hintern. Die Nässe und der rutschige Sitz der Fahrradhose fordern ihren Tribut. Nach nur zwei Tagen Fahrt ist die Haut an meinem Gesäß, die mit dem Sattel in Kontakt kommt, gereizt und wund. Owen behält also Recht: Die Fahrradtour wird schmerzhafter als ich sie mir vorgestellt habe. Dass ich aber nach nur 270 Kilometern so große Probleme bekomme, beunruhigt mich ungemein. „Scheiße, scheiße, scheiße,“ murmele ich in Trance vor mich hin, als ich das Gesicht unter den Händen vergraben auf dem Bett liege. Wenn die Wunden sich in den nächsten Tagen verschlimmern, ist die Fahrradtour zu Ende, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat.
Tag 3 - Albany, New York (277 km.)
Am nächsten Morgen macht mir mein Gesäß weiterhin große Sorgen. Dass ich nun häufig die betroffenen Stellen desinfizieren und Wundcreme auftragen muss, ist klar. Wie kann ich aber neue Abreibungen vermeiden? Kurzerhand stoppe ich bei einem Sportladen und kaufe eine hochwertigere Fahrradhose mit Hosenträgern und dazu Antireibungscreme. Die neue Hose schlägt mit 150 US-Dollar schwer zu Buche. Aber die Investition lohnt sich: Die Hose sitzt wie angegossen und rutscht keinen Millimeter. Und nach sieben Monaten Training und zweitausend US-Dollar, die ich für Fahrrad und Ausrüstung ausgegeben habe, soll die Tour nicht an einem wunden Hintern scheitern. Auch bei der Reibungsschutzcreme bin ich neugierig. „Großzügig anwenden“ steht auf der Tube. Ich folge der Aufforderung. Als ich mich erstmals wieder auf den Sattel setze, beruhigt die Creme die geschürften Stellen so überraschend gut, dass mir unwillkürlich ein herzhaftes Stöhnen herausrutscht. Ich kann fühlen wie meine Sorgen etwas abfallen, als ich aus der Stadt Schenectady herausrolle.
Jenseits der Stadt führt die Route mich flussaufwärts am Mohawk River entlang, immer tiefer in den Bundesstaat New York hinein und immer weiter von den Städten weg. Die Gegend wird ländlicher und ich kann auf den Seitenstreifen der breiten und unbefahrenen Landstraßen kräftig in die Pedale treten. Am Rande der Landstraße stehen vereinzelt Scheunen aus Holzbohlen, die als Set für einen kitschigen Film dienen könnten: Die länglichen Dächer sind rundlich geformt und die rot angestrichenen Holzbohlen der Wände heben sich von den sattgrünen Wiesen ab. Natürlich sehen auch viele Häuser an der Landstraße anders aus, manche sind gar aus Stein.
An einer Stelle weicht die Landstraße etwas von dem Mohawk Fluss ab und führt prompt auf ein angrenzendes Plateau. An einer Stelle kann man das weite Flusstal überblicken, das sich verlassen in weichen Farben unter grauen Wolken erstreckt. Passend zu dem trüben Wetter steht etwas abseits der Straße eine alte Scheune, die ihre besten Tage bereits hinter sich hat. Der typisch rote Anstrich ist an den meisten Stellen einem grau gewichen oder einfach abgeblättert. Einige Holzplanken fehlen komplett. Eifrig diesen Kontrast zu der glitzernden Weltmetropole im Süden des Bundesstaates festzuhalten, hole ich meine Kamera heraus, betrete die Auffahrt, gehe dann ein paar Meter auf das Feld und schieße einige Fotos.
Dann merke ich, dass sich hinter der Scheune etwas bewegt. Direkt an der Hinterseite der Scheune scheint ein Zaun einen kleinen Flecken von etwa zwanzig Quadratmetern zu begrenzen. Zwei Rinder strecken ihre Köpfe über den Zaun und beobachten mich. Gleichzeitig fährt ein Auto auf der einsamen Straße an meiner Position vorbei. Als ich mich umdrehe, sehe ich wie der Beifahrer, ein junger Mann mit kahlgeschorenem Haupt, seinen Kopf zu mir umdreht und mich mit seinen Augen fixiert. Ich kann fühlen, wie ich beobachtet werde. Lieber fahre ich weiter.
Ein bis zwei Kilometer bringe ich hinter mich. Dann taucht wie aus dem Nichts ein schwarzer Pick-up Wagen hinter mir auf. Mit einem voluminösen Dröhnen des Motors donnert der Wagen nah an mir vorbei. Er überholt mich, bremst dann rapide ab und stoppt etwa zwanzig Meter vor mir. Ich halte zuerst mein Fahrrad an, dann die Luft. Ein kräftiger Mann in schmutziger Arbeitskleidung reißt die Fahrertür auf und springt aus dem Auto. Er läuft in großen Schritten auf mich zu und schreit aus voller Lunge:
„Was zur Hölle hast du in meiner Farm gemacht?“
Ich bin wie versteinert. Mein Herz schlägt gegen meinen Brustkorb.
„Ich war nicht in Ihrer Farm“, stammele ich.
„Was hast du in meiner Scheune geklaut? Mein Nachbar hat dich gesehen!“
„Ich bin nur ein Fahrradfahrer, ich hab nur ein paar Bilder gemacht.“
„Bist du also ein verdammter Tierschützer oder so etwas?“
Dann rutscht mir das Herz noch tiefer in die Hose.
„Ich hab die Schnauze voll“, schreit der Farmer wutentbrannt und greift in seine Tasche.
„Scheiße, nach drei Tagen Fahrradfahrt werde ich abgeknallt“, rasen meine Gedanken. Wie paralysiert starre ich die Hand des Mannes an. Ich bin viel zu perplex, um eventuell nach meinem Pfefferspray oder dem Taschenmesser zu greifen. Dass ich dem Farmer lediglich mit leeren Händen gegenüberstehe, ist wohl mein Glück: Der Mann holt nur sein Handy aus der Tasche.
„Ich habe die Schnauze voll. Ich rufe die Polizei!“ Große Erleichterung entspannt die Muskeln in meinem Gesicht. Meinetwegen kann die Polizei, das FBI, die CIA, Navy, Air Force und die Army kommen, ich habe nichts getan. Selbst das Betreten der Auffahrt kann ja in den USA wohl kaum mit dem Tod bestraft werden. Im schlimmsten Fall muss ich für eine Stunde mit auf das Revier kommen oder meine Fotos löschen. Beides ist weniger gravierend als Schussverletzungen.
Der Mann versucht sichtlich nervös die Nummer der Polizei anzurufen. Fast lächelnd bekräftigte ich den Mann darin und wiederhole immer wieder, dass ich nichts zu verbergen habe. Erstaunlicherweise kann der aufgeregte Mann aber niemanden erreichen. Um die Wogen zu glätten und ihn abzulenken biete ich ihm an, meine Bilder auf der Kamera und meinen Reisepass zu sehen. Ich zeige ihm die Aufnahmen von der Landschaft und seinem Haus. Glücklicherweise sind auf der Speicherkarte auch Bilder von anderen Farmen und anderen Landschaften.
„Noch weiter nach rechts!“, befiehlt er. Der Mann will noch mehr Bilder sehen. Als er nun Fotos des Quabbin Reservoirs in Massachusetts begutachtet, beruhigte sich der Mann endlich.
„Du bist wirklich nur ein Fahrradfahrer?“
Das bestätige ich. Anscheinend muss ich wohl jetzt doch nicht mehr um mein Leben fürchten.
Daraufhin erklärt der Mann mir, dass ihn ein Nachbar angerufen habe. Dieser habe ihm berichtet, dass er beim Vorbeifahren an der alten Scheune jemanden hat einbrechen sehen. Nachdem ich noch ein bisschen von mir erzähle, strecke ich ihm letztendlich die Hand aus.
„Ich bin übrigens Vincent“, sage ich.
„Ich bin Joe. Nice to meet you.“ Die Floskel „Nice to meet you“ rutscht Joe wohl reflexartig raus. Als ich schmunzelnd „Nice to meet you, too“ antworte, fällt auch bei dem Landwirt die letzte Spannung ab. Das Eis ist gebrochen. Joe erklärt, dass er einfach besorgt um seine Kälber im Stall gewesen sei und daher wohl überreagiert habe. Er beteuert, dass nicht alle Leute in den USA so hitzköpfig seien wie er. In einem Moment schreit der Mann mich noch an, im nächsten Moment lädt er mich zum Abendessen in sein eigentliches Haus ein. Das Abendessen lehne ich aber dankend ab, denn ich habe immer noch drei bis vier Stunden Fahrradfahrt vor mir. Joes Rat, den er mir schlussendlich auf den Weg gibt, nehme ich mir allerdings zu Herzen: Ich solle nächstes Mal vorsichtiger sein, ein Grundstück zu betreten. Die meisten Farmer hätten nämlich im Gegensatz zu ihm entweder Schusswaffen oder Hunde dabei. Gut, dass ich diese Erfahrung im Osten gemacht habe.
Obwohl Joe und ich uns freundlich verabschieden, fühlen sich meine Knie immer noch weich an und mein Herz schlägt immer noch schnell. Wieder und wieder muss ich über die Situation nachdenken. Bestätigt Joes Aggressivität und Impulsivität Vorurteile gegenüber Amerikanern?
Seit Tagen berichten alle lokalen und nationalen Medien über den Ausbruch von zwei wegen Mordes verurteilten Häftlingen aus einem Hochsicherheitsgefängnis im Norden von New York State. Vielleicht ist das Betreten eines Grundstückes in der amerikanischen Gesellschaft außerdem ein größeres Vergehen als in Deutschland. Das wäre zumindest anzunehmen, denn es sind ja auch alle noch so abgelegenen Felder und Wälder eingezäunt. Und letztendlich haben Joes Hände vor Nervosität stärker gezittert als seine Lungen geschrien haben. Vielleicht entspringt die Aggressivität also gar nicht seinem eigentlichen Naturell?
Tag 4 - Herkimer, New York (405 km.)
Meine Beine fühlen sich so schwer an wie Blei und so starr wie Beton. Als ich aufwache sind die schmerzenden Muskelfasern im Oberschenkel das Erste, das in mein Bewusstsein dringt. Erst nachdem ich mich fünfzehn Minuten dehne und dreißig Minuten langsam auf dem Fahrrad durch den kalten Nieselregen fahre, wärmen sich meine Muskeln auf und beginnen, sich rund zu bewegen. Zu allem Übel bohrt sich auf der vielbefahrenen Hauptstraße ein rostiger Nagel in den Hinterreifen. Bereits in den ersten Tagen wird die Fahrt ein mechanischer und psychologischer Kraftakt.
Glücklicherweise belohnt mich die Route entlang des Mohawk Rivers mit vielen schönen Aussichten. Der Mohawk River trennt nämlich die zwei großen Bergketten im Bundesstaat New York, die Catskills und Adirondacks, voneinander. Außerdem verbindet das System aus Mohawk Fluss, Erie Kanal und Hudson Fluss die großen Seen im Landesinneren mit dem Atlantik. Damit erlangte die Gegend in den vergangenen Jahrhunderten militärisch und ökonomisch enorme Bedeutung. Tafeln und Denkmäler informieren über vergangene Schlachten, die hier im Siebenjährigen Krieg (die Kolonien von Großbritannien und Frankreich bekämpften sich ab 1756 stellvertretend für die Großmächte) und im Unabhängigkeitskrieg stattfanden. Historische Wassermühlen und Lagerhäuser zeugen von einem regen Handel, durch den zunächst landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Felle aus dem Westen und später industrielle Produkte aus Gebieten um die Großen Seen hier über den Wasserweg zur Ostküste gelangten. Den Städten am Erie-Kanal wie Utica, Syracuse und Buffalo half das zu dramatischem Wachstum.
In Syracuse beispielsweise, dem Ende der heutigen Etappe, symbolisiert das gotische Prachtgebäude der Syracuse Savings Bank den einstigen Wohlstand der Stadt. Direkt am Fuße eben dieses Gebäudes, mitten in der Innenstadt, verlief der Erie Kanal zwischen den Häusern hindurch. Seit langem aber fließt kein Wasser mehr durch die ehemalige kommerzielle Ader der Stadt. Der alte Kanal musste dem Erie Boulevard aus Asphalt weichen. Nur der längliche Brunnen auf dem Clinton Platz erinnert noch daran, dass der Kanal hier mitten durch die Stadt floss.
In Syracuse tröstet mich ein sehr preiswertes Hotelzimmer darüber hinweg, dass es im Umkreis von zwanzig Kilometern keinen Zeltplatz gibt. Dafür ist die Stadtregion einfach zu groß und das Umland zu dicht besiedelt. Über die zuverlässige Internetverbindung im Hotel freue ich mich besonders. Denn ein schneller Internetzugang hilft mir, noch einfacher mit meiner Familie und meinen Freunden in Kontakt zu bleiben.
Mit Anya und meinen Eltern schreibe ich mir eigentlich SMS oder WhatsApp-Nachrichten. Das WLAN im Hotel bietet mir aber so schnellen Internetzugang, dass ich auch Skype auf dem Handy benutzen kann, um kostengünstig bei meiner Familie in Deutschland anzurufen. So hören meine Eltern und Großmütter, dass es mir wirklich gut geht. Allerdings filtere ich bei den Telefonaten sehr bewusst, was ich sage. Als ich am nächsten Morgen meine Mutter anrufe, – durch die Zeitverschiebung geht das nur, bevor ich morgens aufbreche – erzähle ich ihr beispielsweise davon, dass die Wunden am Hintern nicht mehr größer werden. Ich berichte ihr auch gerne, dass das schlechte Wetter zwar meine Laune trübt ich daher nachts aber immer sicher in einem Hotel übernachte. Beide Nachrichten freuen meine Mutter sehr. Die Begegnung mit dem wütenden Farmer verschweige ich aber.
Tag 5 - Syracuse, New York (531 km.)
Auf dem acht Zentimeter langen Vorbau, der den Lenker mit dem Rahmen verbindet, findet eine kleine Tasche für meine Elektronikgeräte Platz. Die Tasche befindet sich genau am unteren Rand meines Blickfeldes und besitzt praktischerweise ein kleines Plastikfenster. Hinter diesem Fenster lagert nun auch eine Supermarktrechnung, auf deren Rückseite ich ein paar Zahlen und Linien gekritzelt habe. Mittlerweile genügen mir diese Kritzeleien für die Navigation. Denn hinter den Zahlen auf dem Zettel verbergen sich die Nummern von Highways, wie etwa des Highway 20, dem ich ab dem späten Vormittag folge. Der Highway, offiziell „U.S. Route 20“, führt nicht nur durch die Städte Buffalo und Erie, zwei meiner Etappenziele, sondern verbindet Boston am Atlantik mit der weit entfernten Pazifikküste im Bundesstaat Oregon. Theoretisch könnte ich also die Navigation darauf beschränken, durch den Stand der Sonne die nach Westen führende Fahrbahn der US 20 zu bestimmen.
Umso mehr Aufmerksamkeit kann ich der schönen Landschaft um die Finger Lakes schenken. Bei einer Eiszeit vor etwa zwei Millionen Jahren hat ein Gletscher hier bestehende Flusstäler vertieft, sodass elf lange aber schmale Seen entstanden. Diese Seen, die etwa nord-südlich ausgerichtet sind, sehen auf einer Karte mit etwas Phantasie eben aus wie die Finger von zwei Händen. Daher rührt der Name „Finger Lakes“. Bei einer zweiten Mittagspause genieße ich an der nördlichen Stirnseite des Seneca Lakes die Aussicht über den spiegelglatten See. Das hellblaue, klare Wasser des Sees hebt sich deutlich von den tiefgrünen Kronen der Buchen und Ahornbäume am Ufer ab. Der See strahlt eine alles einnehmende Ruhe aus. Als wolle sie diese unantastbare Ruhe bewahren, gleitet eine historische Passagierbarkasse sanft über den See. Die Unterseite des Bootes strahlt dank eines weißen Anstrichs und die dunkle Vertäfelung des Decks und des Kabinenaufbaus wirkt sehr edel. Das sonnige Wetter, die einfache Navigation und die schöne Aussicht über die Seen ergänzen sich. So macht das Radeln Freude!
Die Route führt weiter durch Moore und friedliche Laubwälder, in denen kleine Bäche am Rande der Straße plätschern. Ebenso fahre ich durch verschlafene Städte wie Seneca Falls, Auburn und Geneva, in denen alte Fabrikhäuser und Wassermühlen an die Industrialisierung im 19. Jahrhundert erinnern. Insbesondere in Seneca Falls wurde auch kulturelle Geschichte geschrieben. Hier trafen sich im Jahr 1848 Frauen und Männer, um im Rahmen der Seneca Falls Convention – einer Versammlung – Frauenrechte zu diskutieren. Innerhalb von zwei Tagen vereinbarten Teilnehmer die sogenannte Erklärung der Rechte und Meinungen (Declaration of Rights and Sentiments
