Verlag: Goldmann Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2011

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E-Book-Beschreibung Amnesie - Michael Robotham

Halb ertrunken wird Detective Inspector Vincent Ruiz aus der Themse geborgen und liegt tagelang im Koma. Wieder bei Bewusstsein fängt sein Alptraum allerdings erst an, denn er kann sich an die letzten Wochen nicht erinnern. Sein einziger Anhaltspunkt ist das Foto eines Mädchens: Die kleine Mickey Carlyle war drei Jahre zuvor entführt worden und gilt seither als tot. Mit Hilfe des Psychologen Joe O‘Loughlin gelingt es Vincent, Teile seiner Erinnerung zurückzugewinnen. In ihm wächst der Verdacht, dass Mickey noch lebt und in großer Gefahr schwebt …

Meinungen über das E-Book Amnesie - Michael Robotham

E-Book-Leseprobe Amnesie - Michael Robotham

Buch

Schwer verletzt wird Detective Inspector Vincent Ruiz aus der Themse geborgen und in ein Londoner Krankenhaus eingeliefert. Erst Tage später erwacht er aus dem Koma – und kann sich nicht mehr erinnern, was geschehen ist, weder in der Nacht, in der er verunglückte, noch in den Wochen davor.

Der einzige Anhaltspunkt ist das Foto eines Mädchens, das er bei sich trug: Die siebenjährige Mickey Carlyle war drei Jahre zuvor entführt worden und blieb spurlos verschwunden. Ruiz selbst hatte in diesem Fall ermittelt und das Kind monatelang verzweifelt gesucht – vergeblich. Dass es einen Zusammenhang geben muss, wird ihm schnell klar, als Aleksej Kuzner, der Vater des verschwundenen Mädchens und ein skrupelloser russischer Mafioso, eines Nachts an seinem Bett steht und die Rückgabe von Diamanten im Wert von zwei Millionen Pfund verlangt. Ruiz weiß nicht, wovon Aleksej spricht, doch als er die Juwelen bald darauf tatsächlich in seiner Wohnung entdeckt, begreift er, wie tief er in Schwierigkeiten steckt. Gemeinsam mit seinem alten Bekannten, dem Psychologen Joe O’Loughlin, gelingt es Ruiz nach und nach, sein Erinnerungsvermögen zurückzuerlangen. Dabei muss er feststellen, dass er zum Spielball in einer perfiden Intrige geworden ist – und dass die Drahtzieher ihn bereits zum zweiten Mal ins Visier genommen haben …

Autor

Michael Robotham wurde 1960 in New South Wales, Australien, geboren. Er war lange Jahre als Journalist für große Tageszeitungen und Magazine in London und Sydney tätig, bevor er sich ganz seiner Laufbahn als Schriftsteller widmete. Nach seinem international erfolgreichen Debüt »Adrenalin« legt Robotham mit »Amnesie« seinen zweiten Thriller vor, der von der australischen »Crime Writers’ Association« zum »Crime Book of the Year« gewählt wurde. Michael Robotham lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Sydney.

Von Michael Robotham außerdem im Goldmann Taschenbuch erschienen

Adrenalin. Roman

Inhaltsverzeichnis

Über den AutorWidmungKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20 Kapitel 21 Kapitel 22 Kapitel 23 Kapitel 24 Kapitel 25 Kapitel 26 Kapitel 27 Kapitel 28 Kapitel 29 Kapitel 30 Kapitel 31 Kapitel 32 Kapitel 33 Kapitel 34 Kapitel 35 Kapitel 36 Kapitel 37 Kapitel 38 Kapitel 39 Danksagung Copyright

Für meine Mutter und meinen Vater

Gut verloren – etwas verloren!Ehre verloren – viel verloren!Mut verloren – alles verloren!

(nach Johann Wolfgang Goethe)

1

Die Themse, London

Irgendwer hat mir mal erzählt, man wisse, dass es kalt ist, wenn man einen Anwalt mit den Händen in den eigenen Taschen sieht. Jetzt ist es noch kälter. Mein Mund ist taub, und ich habe bei jedem Atemzug das Gefühl, Eissplitter in die Lunge zu saugen.

Menschen schreien und leuchten mir mit Taschenlampen in die Augen. Ich klammere mich derweil an eine große gelbe Boje, als wäre sie Marilyn Monroe. Die ziemlich dicke Marilyn Monroe, die angefangen hatte, Tabletten zu schlucken, und so langsam verkam.

Mein Lieblingsfilm ist Manche mögen’s heiß mit Jack Lemmon und Tony Curtis. Ich weiß nicht, warum mir das gerade jetzt einfällt, obwohl es mir bis heute ein Rätsel ist, wie irgendjemand Jack Lemmon für eine Frau halten kann.

Ein Typ mit einem wirklich buschigen Schnauzbart und einem Atem, der nach Pizza riecht, haucht in mein Ohr. Er trägt eine Schwimmweste und versucht, meine Finger von der Boje zu lösen. Ich kann mich vor Kälte nicht rühren. Er schlingt beide Arme um meine Brust und schleppt mich rückwärts durchs Wasser. Weitere Menschen, die ich wegen der Lichter nur in Umrissen wahrnehme, greifen nach meinen Armen und ziehen mich an Deck.

»Mein Gott, guck mal, sein Bein!«, sagt irgendjemand.

»Er ist angeschossen worden!«

Über wen reden die?

Wieder fangen irgendwelche Leute an zu brüllen, rufen nach Verbandszeug und Blutplasma. Ein Schwarzer mit einem goldenen Ohrring sticht eine Nadel in meinen Arm und drückt einen Beutel auf mein Gesicht.

»Ich brauche Decken. Wir müssen ihn warm halten.«

»Puls bei einhundertzwanzig.«

»Einhundertzwanzig?«

»Puls bei einhundertzwanzig.«

»Irgendwelche Kopfverletzungen?«

»Negativ.«

Ein Motor heult auf, und wir setzen uns in Bewegung. Ich kann meine Beine nicht spüren. Ich spüre gar nichts – nicht einmal mehr die Kälte. Die Lichter verblassen auch. Dunkelheit sickert in meine Augen.

»Fertig?«

»Ja.«

»Eins, zwei, drei.«

»Vorsicht mit den Transfusionsschläuchen.«

»Alles klar.«

»Beatmung fortsetzen.«

»Okay.«

Der Typ mit dem Pizzaatem keucht jetzt schwer und rennt neben der Trage auf und ab. Er drückt seine Faust auf den Beutel vor meinem Gesicht, um Luft in meine Lunge zu pressen, die sich gleich darauf hebt. Quadratische Lichter gleiten über mich hinweg. Ich kann noch sehen.

Eine Sirene heult in meinem Kopf. Jedes Mal, wenn wir bremsen, wird sie lauter und eindringlicher. Jemand spricht in ein Funkgerät. »Er kriegt gerade seine vierte Konserve. Er verblutet uns. Der systolische Druck sinkt.«

»Er braucht Volumen.«

»Drück ihm noch einen Beutel rein.«

»Herzstillstand!«

»Herzstillstand. Siehst du?«

Eine der Maschinen stößt einen anhaltenden Warnton aus. Warum schaltet sie keiner ab?

Pizzaatem reißt mein Hemd auf und klatscht mir zwei Gummimatten auf die Brust.

»ALLES KLAR!«, brüllt er.

Der Schmerz bläst mir beinahe die Schädeldecke weg.

Wenn er das noch mal macht, brech ich ihm beide Arme.

»ALLES KLAR!«

Ich schwöre bei Gott, ich werde dich nicht vergessen, Pizzaatem. Ich werde mich genau erinnern, wer du bist. Und wenn ich hier rauskomme, suche ich dich. Im Fluss war ich glücklicher. Bringt mich zurück zu Marilyn Monroe.

Jetzt bin ich wach. Meine Augenlider flattern, als kämpften sie gegen die Schwerkraft an. Ich drücke sie fest zu, versuche es erneut und blinzele in die Dunkelheit.

Ich drehe den Kopf und kann die orangefarbene Leuchtanzeige einer Maschine neben dem Bett ausmachen, außerdem einen grünen Lichtpunkt, der über ein LCD-Display flimmert wie bei diesen Stereoanlagen mit hüpfenden farbigen Lichtwellen.

Wo bin ich?

Neben meinem Kopf steht ein Chromständer, im Metall spiegeln sich Sterne. An einem Haken hängt ein Plastikbeutel, prall voll mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, die durch einen biegsamen Plastikschlauch fließt und unter einem abgeklebten Verband an meinem linken Unterarm verschwindet.

Ich bin in einem Krankenhauszimmer. Als ich nach einem Block greifen will, der auf dem Nachttisch liegt, fällt mein Blick auf meine linke Hand – das heißt, weniger auf die Hand als auf einen Finger. Er fehlt. Statt eines Fingers und eines Eherings ist dort ein klobiger Verband, den ich idiotisch anstarre, als wäre ich Opfer eines Zaubertricks.

Mit den Zwillingen habe ich früher immer ein Spiel gespielt, bei dem ich mir scheinbar einen Daumen ausgerissen habe, aber sie mussten nur draufniesen, dann war er wieder da. Michael hätte sich jedes Mal beinahe vor Lachen in die Hose gemacht.

Ich taste nach dem Block und lese den Briefkopf: »St. Mary’s Hospital, Paddington, London«. In der Schublade liegen nur eine Bibel und ein Koran.

Ich entdecke ein Klemmbrett, das am Fußende des Bettes hängt. Als ich danach greife, explodiert in meinem rechten Bein ein Schmerz und schießt durch meinen Kopf hindurch. Herrgott! Tu das auf gar keinen Fall noch einmal.

Ich rolle mich zusammen und warte, dass der Schmerz abebbt. Ich schließe die Augen und atme tief ein. Wenn ich mich auf einen ganz bestimmten Punkt in meinem Kiefer konzentriere, kann ich spüren, wie unter meiner Haut das Blut fließt, in immer kleinere Kanäle drängt und Sauerstoff verbreitet.

Meine Frau Miranda, mit der ich nicht mehr zusammenlebe, konnte so schlecht schlafen, dass sie immer behauptet hat, mein Herz würde sie wach halten, weil es zu laut klopft. Ich habe nicht geschnarcht oder bin aus nächtlichen Albträumen hochgeschreckt, aber mein Herz hat gepumpt wie wild. Das steht auch auf Mirandas Liste von Scheidungsgründen. Ich übertreibe natürlich. Sie braucht keine zusätzliche Rechtfertigung.

Ich mache die Augen wieder auf, und die Welt ist noch da.

Ich atme tief ein, packe das Laken und hebe es ein paar Zentimeter an. Ich habe nach wie vor zwei Beine. Ich zähle extra nach. Eins. Zwei. Das rechte ist mit Schichten von Mull bandagiert, der an den Rändern abgeklebt ist. Irgendjemand hat mit Filzschrift etwas auf meinen Oberschenkel geschrieben, aber ich kann es nicht lesen.

Weiter unten sehe ich meine Zehen, die mir zur Begrüßung zuwinken. »Hallo, Zehen«, flüstere ich.

Zögernd greife ich nach unten, lege die Hand unter meine Genitalien und lasse die Hoden zwischen meinen Fingern hin und her rollen.

Eine Krankenschwester schlüpft lautlos durch die Vorhänge. Ihre Stimme erschreckt mich. »Ist das ein sehr intimer Moment? «

»Ich habe – ich habe – bloß nachgesehen.«

»Also, ich glaube, Sie sollten das Ding vorher zum Essen einladen. «

Sie spricht mit irischem Akzent, und ihre Augen sind grün wie frisch gemähtes Gras. Sie drückt auf den Rufknopf über meinem Kopf. »Gott sei Dank sind Sie endlich aufgewacht. Wir haben uns sehr große Sorgen um Sie gemacht.« Sie klopft gegen den Beutel mit der Flüssigkeit und überprüft die Fließgeschwindigkeit, bevor sie meine Kissen glatt streicht.

»Was ist passiert? Wie bin ich hier gelandet?«

»Sie sind angeschossen worden.«

»Von wem?«

Sie lacht. »Oh, das dürfen Sie mich nicht fragen. So was erzählt mir nie jemand.«

»Aber ich kann mich an nichts erinnern. Mein Bein… mein Finger…«

»Der Arzt sollte jeden Moment hier sein.«

Sie hört mir offenbar nicht zu. Ich packe ihren Arm. Sie versucht, sich loszureißen, hat plötzlich Angst vor mir.

»Sie verstehen mich nicht – ich kann mich nicht erinnern! Ich weiß nicht, wie ich hierher gekommen bin.«

Sie blickt zum Alarmknopf. »Man hat Sie im Fluss gefunden. Das habe ich aufgeschnappt. Die Polizei hat die ganze Zeit darauf gewartet, dass Sie erwachen.«

»Wie lange bin ich schon hier?«

»Acht Tage… Sie lagen im Koma. Ich dachte gestern schon, dass sie vielleicht zu sich kommen. Sie haben Selbstgespräche geführt.«

»Was hab ich denn gesagt?«

»Sie haben ständig nach einem Mädchen gefragt und gesagt, Sie müssten sie finden.«

»Wie war ihr Name?«

»Das haben Sie nicht gesagt. Bitte lassen Sie mich los. Sie tun mir weh.«

Ich lockere den Griff, sie bringt sich in Sicherheit und reibt sich den Arm. Sie wird nicht mehr in meine Nähe kommen.

Mein Herz beruhigt sich nicht. Es pocht weiter und weiter, schneller und schneller, chinesischen Trommeln gleich. Wie kann ich schon seit acht Tagen hier sein?

»Was für ein Tag ist heute?«

»Der dritte Oktober.«

»Hat man mir Medikamente gegeben? Was haben Sie mit mir gemacht?«

»Sie bekommen Morphium gegen die Schmerzen«, stottert sie.

»Was noch? Was haben Sie mir sonst noch eingeflößt?«

»Nichts.« Sie blickt erneut zum Alarmknopf. »Der Doktor kommt gleich. Versuchen Sie, ruhig zu bleiben, sonst muss er Sie sedieren.«

Sie huscht hinaus und kommt bestimmt nicht zurück. Als die Tür zufällt, sehe ich auf einem Stuhl vor dem Zimmer einen Polizisten sitzen, die Beine ausgestreckt, als wäre er schon lange da.

Ich sinke aufs Bett zurück und rieche Verbände und getrocknetes Blut. Ich halte die Hand hoch und versuche, mit dem fehlenden Finger zu wackeln. Wie kann es sein, dass ich mich nicht erinnere?

Für mich hat es so etwas wie Vergessen nie gegeben, nichts ist verschwommen oder an den Rändern ausgefranst. Ich horte meine Erinnerungen wie ein Geizkragen, der ständig sein Gold zählt. Jeder Schnipsel eines Augenblicks wird aufbewahrt, solange er irgendeinen Wert hat.

Die Dinge sind nicht fotografisch in mir gespeichert. Ich stelle vielmehr Verbindungen her und verwebe sie wie eine Spinne, die ihr Netz spinnt und einen Faden an den nächsten knüpft. So kann ich Details von fünf, zehn, fünfzehn Jahre zurückliegenden Kriminalfällen aus dem Gedächtnis kramen, als wären sie erst gestern passiert. Namen, Daten, Tatorte, Zeugen, Täter, Opfer – ich kann sie heraufbeschwören und noch einmal durch dieselben Straßen laufen, dieselben Gespräche führen und dieselben Lügen hören.

Jetzt habe ich zum ersten Mal etwas wirklich Wichtiges vergessen. Ich weiß nicht mehr, was passiert ist, und wie ich hier gelandet bin. Das schwarze Loch in meinem Kopf ähnelt dem Schatten auf einem Röntgenbild. Ich habe diesen Schatten gesehen. Ich habe meine erste Frau durch Brustkrebs verloren. Schwarze Löcher saugen alles auf. Nicht einmal das Licht entgeht ihnen.

Zwanzig Minuten später rauscht Dr. Bennett durch den Vorhang. Er trägt Jeans und eine Fliege unter seinem weißen Kittel.

»Detective Inspector Ruiz, willkommen zurück im Land der Lebenden und der hohen Steuern.« Sein Akzent klingt schwer nach Privatschule, und er hat eine affige Ponyfrisur à la Hugh Grant. Die Strähnen fallen ihm in die Stirn wie eine Serviette über einen Schoß.

Er leuchtet mit einer Stablampe in meine Augen und fragt: »Können Sie mit den Zehen wackeln?«

»Ja.«

»Irgendein Kribbeln irgendwo?«

»Nein.«

Er schlägt das Laken zurück und kratzt mit einem Schlüssel über die Sohle meines rechten Fußes. »Spüren Sie das?«

»Ja.«

»Ausgezeichnet.«

Er nimmt das Klemmbrett an meinem Fußende und kritzelt mit einer knappen Handbewegung seine Initialen darauf.

»Ich kann mich an nichts erinnern.«

»Sie meinen den Unfall.«

»Es war ein Unfall?«

»Ich habe keine Ahnung. Sie wurden angeschossen.«

»Wer hat mich angeschossen?«

»Sie können sich nicht erinnern?«

»Nein.«

Dieses Gespräch läuft im Kreis.

Dr. Bennett klopft mit dem Stift gegen seine Zähne und bedenkt seine Antwort. Dann zieht er einen Stuhl heran, setzt sich verkehrt herum drauf und legt seine Arme auf die Rückenlehne.

»Sie wurden angeschossen. Eine Kugel ist direkt über dem Gracilis-Muskel Ihres rechten Beines eingetreten und hat ein sechs Millimeter großes Loch hinterlassen. Sie ist durch die Haut, die Fettschicht und genau zwischen den femoralen Blutgefäßen und dem Nerv durch den Pectineus, den Quadratus femoris, den Kopf des Biceps femoris und den Gluteus maximus gedrungen, bevor sie auf der anderen Seite wieder ausgetreten ist. Die Austrittswunde war ungleich imposanter. Die Kugel hat ein Loch von zehn Zentimetern Breite gerissen. Alles weg, keine Hautfetzen, keine Reste. Ihre Haut ist einfach verdampft.«

Er pfeift beeindruckt durch die Zähne. »Sie hatten noch einen Puls, aber keinen messbaren Blutdruck mehr, als man Sie fand. Ihre Atmung hatte ausgesetzt. Sie waren tot, aber wir haben Sie zurückgeholt.«

Er hält Daumen und Zeigefinger hoch. »Die Kugel hat Ihre Oberschenkelarterie um so viel verfehlt.« Ich kann die Lücke zwischen seinen Fingern kaum ausmachen. »Andernfalls wären Sie binnen drei Minuten verblutet. Außerdem mussten wir die Entzündungsgefahr in den Griff kriegen. Ihre Kleidung war schmutzig. Weiß der Himmel, was alles in diesem Wasser war. Wir haben Sie mit Antibiotika voll gepumpt. Sie hatten Glück.«

Soll das ein Witz sein? Wie viel Glück braucht man, um angeschossen zu werden?

»Was ist mit meinem Finger?« Ich halte meine Hand hoch.

»Weg, fürchte ich, direkt über dem ersten Knöchel.«

Ein hagerer Assistenzarzt mit der Frisur des ewig Zweiten steckt den Kopf durch den Vorhang. Dr. Bennett stößt ein leises Knurren aus, das nur Untergebene hören. Er steht auf und vergräbt die Hände in den Taschen seines weißen Kittels.

»Warum kann ich mich nicht erinnern?«

»Ich weiß es nicht. Das ist nicht mein Fachgebiet, fürchte ich. Wir können ein paar Untersuchungen veranlassen, am besten eine Computer- oder Kernspintomographie, um einen Schädelbruch und Gehirnblutungen auszuschließen. Ich sage der Neurologie Bescheid.«

»Mein Bein tut weh.«

»Gut. Es heilt. Sie machen sehr gute Fortschritte. Sie brauchen einen Rollator oder Krücken zum Laufen. Eine Physiotherapeutin wird mit Ihnen ein Programm zur Stärkung der Beinmuskulatur erarbeiten.« Er wirft seinen Pony aus der Stirn und wendet sich zum Gehen. »Das mit Ihrem Gedächtnis tut mir Leid, Detective. Seien Sie dankbar, dass Sie noch leben.«

Dann ist er verschwunden und lässt nur einen Hauch von Aftershave und Überlegenheit zurück. Warum kultivieren Chirurgen eine Aura, als würde die Welt ihnen gehören? Ich weiß, dass ich dankbar sein sollte. Wenn ich mich daran erinnern könnte, was passiert ist, würde ich den Erklärungen vielleicht mehr trauen.

Ich sollte also tot sein. Ich habe stets vermutet, dass ich eines plötzlichen Todes sterben würde. Ich bin gar nicht besonders tollkühn, habe aber die Angewohnheit, Abkürzungen zu nehmen. Die meisten Menschen sterben nur ein Mal. Ich habe jetzt zwei Leben. Dazu drei Ehefrauen. Man könnte also meinen, ich hätte mehr als meinen gerechten Anteil am Leben gehabt. (Auf die drei Ehefrauen würde ich ganz klar verzichten, falls jemand sie zurückwill.)

Meine irische Krankenschwester ist wieder da. Sie heißt Maggie und beherrscht dieses aufmunternde Lächeln, das man auf der Schwesternschule lernt. In der Hand hat sie eine Schüssel warmes Wasser und einen Schwamm.

»Fühlen Sie sich besser?«

»Es tut mir Leid, dass ich Sie erschreckt habe.«

»Ist schon in Ordnung. Zeit für ein Bad.«

Sie schlägt die Decke zurück, und ich ziehe sie wieder hoch.

»Da ist nichts drunter, was ich noch nicht gesehen hätte«,

sagt sie.

»Da bin ich leider anderer Meinung. Ich kann mich ziemlich gut erinnern, wie viele Frauen ein Tänzchen mit dem alten Lolly gewagt haben, und wenn Sie nicht das Mädchen in der letzten Reihe von Shepherd’s Bush Empire beim Yardbirds-Konzert 1961 waren, glaube ich nicht, dass Sie dazugehören.«

»Mit dem alten Lolly?«

»Meinem ältesten Freund.«

Sie schüttelt den Kopf und sieht aus, als hätte sie Mitleid mit mir.

Neben ihr taucht eine vertraute Gestalt auf – ein gedrungener, kantiger Mann ohne Hals und mit Bartschatten. Campbell Smith ist Chief Superintendent, sein Händedruck zermalmend und sein Lächeln von No-Name-Qualität. Die silbernen Knöpfe seiner Uniform sind poliert, und sein Hemdkragen ist so steif, dass er Gefahr läuft, sich zu enthaupten.

Jeder behauptet, Campbell zu mögen – selbst seine Feinde –, aber kaum jemand ist je froh, ihn zu sehen. Ich jedenfalls nicht. Nicht heute. An ihn kann ich mich erinnern! Das ist ein gutes Zeichen.

»Mein Gott, Vincent, du hast uns wirklich einen Schrecken eingejagt!«, dröhnt er. »Eine Zeit lang hing es wirklich am seidenen Faden. Wir haben alle für dich gebetet – jeder im Präsidium. Siehst du all die Karten und Blumen?«

Ich wende den Kopf und sehe einen Tisch voller Blumen und Obstschalen.

»Jemand hat auf mich geschossen«, sage ich ungläubig.

»Ja«, erwidert er und zieht sich einen Stuhl ans Bett. »Wir müssen wissen, was passiert ist.«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Du hast sie nicht gesehen?«

»Wen?«

»Die Leute auf dem Boot.«

»Welches Boot?« Ich sehe ihn mit leerem Blick an.

Seine Stimme wird unvermittelt lauter. »Man hat dich in der Themse gefunden, zusammengeschossen, keine halbe Meile entfernt von einem Boot, das aussah wie ein schwimmendes Schlachthaus. Was ist passiert?«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Du kannst dich nicht an das Massaker erinnern.«

»Ich kann mich nicht mal an ein beschissenes Boot erinnern.«

Campbell hat allen Anschein von Freundlichkeit fallen lassen. Er läuft im Zimmer auf und ab, ballt die Fäuste und versucht, die Fassung zu wahren.

»Das ist gar nicht gut, Vincent. Wirklich sehr unschön. Hast du irgendjemanden getötet?«

»Heute?«

»Komm mir nicht mit Witzchen. Hast du deine Waffe abgefeuert? Deine Dienstpistole ist ordnungsgemäß aus der Waffenkammer ausgegeben worden. Werden wir Leichen finden?«

Leichen? Ist es das, was geschehen ist?

Campbell streicht sich frustriert durch die Haare.

»Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel Scheiße schon durch die Luft fliegt. Es wird eine umfassende Untersuchung geben. Der Kommissar verlangt Antworten. Die Scheißpresse wird einen inneren Vorbeimarsch haben. Auf dem Boot wurde das Blut von drei verschiedenen Personen gefunden, darunter deins. Die Spurensicherung sagt, dass es mindestens einen Toten gegeben haben muss. Man hat Gehirnmasse und Schädelsplitter gefunden. «

Ich habe das Gefühl, dass die Wand hin und her schwankt. Vielleicht liegt das an dem Morphium oder der stickigen Luft. Wie könnte ich so etwas vergessen?

»Was hast du auf dem Boot gemacht?«

»Es muss ein Polizeieinsatz gewesen sein…«

»Nein«, erklärt er wütend und tut nicht einmal mehr so, als wären wir Freunde. »Du hast nicht an einem Fall gearbeitet. Es war kein Polizeieinsatz. Du warst allein.«

Wir fechten ein altmodisches Blickduell aus, das ich locker gewinne. Vielleicht blinzele ich nie wieder. Die Antwort ist Morphium. Es fühlt sich verdammt gut an.

Schließlich lässt Campbell sich wieder auf einen Stuhl sinken und greift eine Hand voll Weintrauben aus einer braunen Papiertüte.

»Was ist das Letzte, woran du dich erinnern kannst?«

Wir sitzen schweigend da, während ich versuche, die Fetzen eines Traums zu fassen. Bilder treiben durch meinen Kopf, erst blass, dann scharf: eine gelbe Rettungsboje, Marilyn Monroe…

»Ich kann mich erinnern, dass ich eine Pizza bestellt habe.«

»Ist das alles?«

»Tut mir Leid.«

Ich starre auf den Mullverband an meiner Hand und staune, dass ein Finger, der gar nicht da ist, jucken kann. »Woran hab ich denn gearbeitet?«

Campbell zuckt die Achseln. »Du hattest Urlaub.«

»Warum?«

»Weil du eine Pause brauchtest.«

Er lügt. Manchmal glaube ich, er vergisst, wie lange wir uns schon kennen. Wir haben gemeinsam unsere Ausbildung an der Polizeischule in Bramshill absolviert. Und ich habe ihn bei einem Grillfest vor fünfunddreißig Jahren mit seiner Frau Maureen bekannt gemacht, was sie mir nie ganz vergeben hat. Ich weiß nicht, was sie mehr empört – meine drei Ehen oder die Tatsache, dass ich sie mit einem anderen verkuppelt habe.

Es ist lange her, dass Campbell mich Kumpel genannt hat, und seit er Chief Superintendent ist, waren wir nicht mehr zusammen Bier trinken. Er ist ein anderer geworden. Nicht besser oder schlechter, sondern einfach anders.

Er spuckt einen Weintraubenkern in seine Hand. »Du hast dich immer für etwas Besseres gehalten, Vincent, aber ich bin vor dir befördert worden.«

Du bist ein Arschkriecher.

»Ich weiß, dass du denkst, ich sei ein Arschkriecher. (Er kann Gedanken lesen.) Aber ich war einfach schlauer. Ich habe die richtigen Kontakte geknüpft und das System für mich arbeiten lassen, statt es zu bekämpfen. Du hättest vor drei Jahren in den Ruhestand gehen sollen, als du noch die Chance hattest. Niemand hätte dir einen Vorwurf gemacht. Wir hätten dir einen großen Abschied bereitet. Du hättest dich zur Ruhe setzen, ein bisschen Golf spielen und vielleicht sogar deine Ehe retten können. «

Ich warte, dass er noch etwas sagt. Aber er starrt mich nur an, den Kopf zur Seite gelegt.

»Vincent, darf ich dir etwas sagen?« Er wartet meine Antwort nicht ab. »Dafür, was alles passiert ist, wirkst du ziemlich gelassen, aber ich habe das Gefühl, dass du … nun ja … dass du ein trauriger Mann bist. Aber da ist noch etwas anderes… du bist wütend.«

Verlegenheit lässt die Haut unter meinem Nachthemd prickeln wie Hitzepocken.

»Manche finden Trost in der Religion, andere haben Menschen, mit denen sie reden können. Ich weiß, dass das nicht deine Art ist. Schau dich doch an. Deine Kinder siehst du praktisch nie. Du lebst alleine… Und jetzt hast du dir auch noch deine Karriere versaut. Ich kann dir nicht mehr helfen. Ich habe dir gesagt, du sollst die Sache ruhen lassen.«

»Was sollte ich ruhen lassen?«

Er gibt keine Antwort. Stattdessen nimmt er seine Mütze und poliert mit seinem Ärmel den Schirm. Jeden Moment wird er sich mir zuwenden und sagen, was er meint. Aber das tut er nicht. Er geht einfach zur Tür hinaus und den Flur entlang.

Meine Weintrauben sind ebenfalls weg. Die Stängel sehen aus wie abgestorbene Bäume auf einer Ebene aus zerknülltem braunem Papier. Daneben beginnen im Korb die Blumen zu welken. Begonien und Tulpen werfen ihre Blütenblätter ab wie fette Fächertänzerinnen und streuen Blütenstaub über den Tisch. Zwischen den Stängeln steckt eine kleine weiße Karte mit einem eingeprägten Schnörkel. Den Gruß kann ich nicht lesen.

Irgendein Schwein hat auf mich geschossen! Es sollte mir ins Gedächtnis gebrannt sein. Ich sollte es mit Worten immer wieder durchleben können wie die jammernden Opfer in den Nachmittags-Talkshows, die eine Kurzwahl für ihren Schadensersatzanwalt eingespeichert haben. Aber ich erinnere mich an nichts. Und das ändert sich auch nicht, egal wie oft ich die Augen zukneife und mit der Faust gegen meine Stirn schlage.

Wirklich seltsam ist, woran ich mich zu erinnern glaube. Zum Beispiel die Umrisse von Menschen im harten Gegenlicht; maskierte Männer mit Plastikduschhauben und Papierschlappen, ihr Gerede über Autos, Pensionsfonds und Fußballergebnisse. Das könnte natürlich auch eine Nahtoderfahrung gewesen sein. Ich habe einen Blick in die Hölle getan, und sie war voller Chirurgen.

Wenn ich mit den einfachen Sachen anfange, komme ich vielleicht an den Punkt, an dem ich mich erinnern kann, was mit mir passiert ist. Ich starre an die Decke und buchstabiere stumm meinen Namen: Vincent Ruiz; geboren am 11. September 1946. Ich bin Detective Inspector bei der London Metropolitan Police und Leiter des Dezernats für schwere Gewaltverbrechen (Western Division). Ich wohne in der Rainville Road in Fulham…

Früher habe ich immer gesagt, ich würde gutes Geld dafür zahlen, den größten Teil meines Lebens zu vergessen. Jetzt will ich meine Erinnerungen wiederhaben.

2

Persönlich kenne ich nur zwei Menschen, die angeschossen wurden. Der eine war ein Bursche, der mit mir zusammen auf der Polizeischule war. Er hieß Angus Lehmann und wollte immer der Erste sein – Erster in den Prüfungen, Erster an der Bar, Erster bei der Beförderung.

Vor ein paar Jahren leitete er einen Einsatz gegen ein Drogenlabor in Brixton und stürmte als Erster durch die Tür. Das komplette Magazin einer Halbautomatik pustete ihm sauber den Kopf weg. Darin liegt irgendeine Lektion verborgen.

Ein Bauer namens Bruce Curley aus unserem Tal ist der andere. Er schoss sich bei dem Versuch, den Liebhaber seiner Frau durch das Schlafzimmerfenster zu vertreiben, selber in den Fuß. Bruce war fett, graue Haare quollen aus seinen Ohren heraus, und Mrs. Curley duckte sich jedes Mal wie ein Hund, wenn er die Hand hob. Schade, dass er sich nicht zwischen die Augen geschossen hat.

In meiner Polizeiausbildung habe ich einen Kurs über Schusswaffen absolviert. Der Leiter war ein gewisser Geordie mit einem Kopf wie eine Billardkugel, und er hatte vom ersten Tag an etwas gegen mich, weil ich vorgeschlagen hatte, dass man den Lauf einer Waffe am besten mit einem Kondom sauber hielt.

Wir standen auf einer offenen Schießanlage und froren uns den Arsch ab. Er zeigte auf die Pappfigur am Ende des Schießstands, die Silhouette eines kauernden Banditen mit Pistole. Kopf und Herz waren mit weißen Kreisen markiert.

Dieser Geordie nahm einen Revolver, ging mit gespreizten Beinen in die Hocke und feuerte sechs Schüsse ab – jeweils einen Herzschlag voneinander entfernt –, die alle in den oberen Kreis trafen.

Er ließ das rauchende Magazin in seine Hand fallen und sagte: »Nun, ich erwarte nicht, dass das einer von Ihnen nachmacht, aber versuchen Sie wenigstens das beschissene Ziel zu treffen. Wer möchte als Erster?«

Niemand meldete sich freiwillig.

»Wie wär’s mit dir, Kondomheld?«

Der Kurs lachte.

Ich trat vor und hob den Revolver. Ich hasste es, wie gut er sich in meiner Hand anfühlte. Der Ausbilder sagte: »Nein. Nicht so, beide Augen offen halten. In die Hocke runter, zählen und abdrücken.«

Noch bevor er fertig war, ging die Waffe in meiner Hand los und erschütterte die Luft und etwas tief in mir.

Der Pappkamerad schwankte, als er per Zugvorrichtung über den Schießstand auf uns zuschwebte. Sechs Einschüsse, so dicht beieinander, dass sie ein großes zerfetztes Loch in die Pappe gerissen hatten.

»Er hat ihm das Arschloch weggeschossen«, murmelte irgendjemand erstaunt.

»Mitten durch den Khaiberpass.«

Ich sah den Ausbilder nicht an, sondern wandte mich ab, sicherte die Waffe und nahm die Ohrenschützer ab.

»Daneben«, sagte er triumphierend.

»Wenn Sie es sagen, Sir.«

Ich schrecke aus dem Schlaf, und es dauert eine Weile, bis mein Herz sich beruhigt hat. Ich sehe auf meine Uhr, wobei mich weniger die Uhrzeit als das Datum interessiert. Ich will sichergehen, dass ich nicht zu lange geschlafen und noch mehr Zeit verloren habe.

Vor zwei Tagen habe ich das Bewusstsein wiedererlangt.

An meinem Bett sitzt ein Mann.

»Ich bin Dr. Wickham«, erklärt er lächelnd. »Ich bin Neurologe. «

Er sieht aus wie einer dieser Ärzte, die in Nachmittags-Talkshows auftreten.

»Ich habe Sie einmal für die Harlequins gegen die London Scottish spielen sehen«, sagt er. »Sie hätten es in jenem Jahr in die Nationalmannschaft geschafft, wenn Sie sich nicht verletzt hätten. Ich habe selbst ein wenig Rugby gespielt. Nie höher als in der zweiten…«

»Wirklich? Auf welcher Position?«

»Außendreiviertel.«

Das dachte ich mir – er hat den Ball wahrscheinlich nicht mehr als zwei Mal pro Spiel berührt und redet immer noch von den Punkten, die er hätte erzielen können.

»Die Ergebnisse der Kernspintomographie liegen vor«, sagt er und klappt eine Mappe auf. »Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Schädelbruch, Aneurysmen oder Hirnblutungen.« Er blickt von seinen Notizen auf. »Ich möchte ein paar neurologische Tests durchführen, um genauer zu bestimmen, was Sie vergessen haben. Das bedeutet, dass Sie einige Fragen über die Schießerei beantworten müssen.«

»Ich kann mich nicht daran erinnern.«

»Ja, aber ich möchte, dass Sie trotzdem antworten – selbst wenn Sie raten müssen. Es ist ein so genannter Forced-Choice-Recognition-Test, der die Versuchsperson, wie der Name schon sagt, Entscheidungen zu treffen zwingt.«

Ich glaube, es zu verstehen, ohne den Sinn zu begreifen.

»Wie viele Leute waren auf dem Boot?«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Sie müssen sich für eine Antwort entscheiden«, wiederholt Dr. Wickham.

»Vier.«

»War Vollmond?«

»Ja.«

»Hieß das Boot Charmaine?«

»Nein.«

»Wie viele Motoren hatte es?«

»Einen.«

»War das Boot gestohlen?«

»Ja.«

»Lief der Motor?«

»Nein.«

»Lag das Boot vor Anker, oder ist es getrieben?«

»Getrieben.«

»Haben Sie eine Waffe getragen?«

»Ja.«

»Haben Sie Ihre Waffe abgefeuert?«

»Nein.«

Das ist doch lächerlich. Welchen Nutzen soll das haben? Ich rate die Antworten.

Dann dämmert es mir mit einem Mal. Sie glauben, dass ich die Amnesie nur vortäusche. Dies ist kein Test, um festzustellen, an wie viel ich mich erinnere – sie überprüfen die Richtigkeit meiner Symptome. Sie zwingen mich zu Entscheidungen, um auszurechnen, wie viel Prozent der Fragen ich richtig beantworte. Wenn ich die Wahrheit sage, sollte ich durch reines Raten etwa fünfzig Prozent der Fragen korrekt beantworten. Alles, was signifikant darunter oder darüber liegt, könnte bedeuten, dass ich das Ergebnis zu ›beeinflussen‹ versuche, indem ich vorsätzlich richtig oder falsch antworte.

Ich weiß genug über Statistik, um den Hintergedanken zu erkennen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand mit Gedächtnisverlust von fünfzig Fragen nur zehn richtig beantwortet, ist geringer als fünf Prozent.

Dr. Wickham hat sich Notizen gemacht. Zweifelsohne betrachtet er die Verteilung meiner Antworten, sucht nach Mustern, die auf etwas anderes als reinen Zufall hindeuten könnten.

»Wer hat diese Fragen geschrieben?«, unterbreche ich ihn.

»Ich weiß es nicht.«

»Dann raten Sie.«

Er blinzelt mich sichtlich verlegen an.

»Kommen Sie, Doktor, wahr oder falsch? Geraten ist auch gut. Dient dieser Test dazu festzustellen, ob ich den Gedächtnisverlust nur vortäusche?«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, stottert er.

»Wenn ich die Antwort errate, können Sie es auch. Wer hat Sie dazu angestiftet – das Dezernat für Interne Ermittlungen oder Campbell Smith?«

Er rappelt sich mühsam auf, klemmt sein Brett unter den Arm und wendet sich zur Tür. Ich wünschte, ich hätte ihn mal auf dem Rugbyfeld getroffen. Ich hätte seinen Kopf in ein Schlammloch gerammt.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett und setze einen Fuß auf den Boden. Das Linoleum ist kühl und leicht klebrig. Ich schlucke schwer gegen den Schmerz an und gleite mit den Armen in die Plastikmanschetten der Krücken.

Eigentlich soll ich eine Gehhilfe auf Rädern benutzen, aber dafür bin ich zu eitel. Ich laufe doch nicht in einem Chromkäfig herum wie ein Greis in der Schlange bei der Post. Ich suche im Schrank nach meiner Kleidung, doch er ist leer.

Ich weiß, es klingt nach Verfolgungswahn, aber sie erzählen mir nicht alles. Irgendjemand muss wissen, was ich auf dem Fluss gemacht habe. Irgendjemand wird die Schüsse gehört oder etwas gesehen haben. Warum hat man keine Leichen gefunden?

Ich sehe, wie Campbell und Dr. Wickham ein Stück den Flur hinunter miteinander reden. Bei ihnen stehen zwei Detectives. Den einen kenne ich. Ich habe mit ihm zusammengearbeitet, bis er sich der Antikorruptionseinheit der Metropolitan Police, auch Ghost Squad genannt, angeschlossen hat. Dort ermittelt er jetzt gegen die eigenen Leute.

Keebal ist der Typ Bulle, der alle Schwulen »Arschficker« und alle Asiaten »Pakis« nennt. Er ist laut, borniert und völlig besessen von seinem Job. Als das Ausflugsschiff Marchioness in der Themse gesunken war, hatte er noch vor dem Mittagessen dreizehn Angehörige telefonisch benachrichtigt, dass ihre Kinder ertrunken sind. Er wusste genau, was er sagen und wann er schweigen musste. So jemand kann kein ganz schlechter Mensch sein.

»Was glaubst du, wohin du gehst?«, fragt Campbell.

»Ich dachte, ich schnapp ein bisschen frische Luft.«

»Ja, ich hab da auch was aufgeschnappt«, geht Keebal dazwischen.

Ich dränge mich an ihnen vorbei zum Fahrstuhl.

»Sie können unmöglich gehen«, sagt Dr. Wickham. »Ihr Verband muss alle paar Tage gewechselt werden. Sie brauchen Schmerzmittel.«

»Geben Sie mir was mit, und ich verabreiche es mir selbst.«

Campbell packt meinen Arm. »Sei kein verdammter Idiot.«

Ich merke, dass ich zittere.

»Habt ihr irgendjemanden gefunden? Irgendwelche… Leichen? «

»Nein.«

»Ich mache euch nichts vor. Ich kann mich wirklich nicht erinnern. «

»Ich weiß.«

Er führt mich sanft von den anderen weg. »Aber du kennst doch die Vorschriften. Die unabhängige Polizeibeschwerdekommission muss ermitteln.«

»Und was macht Keebal hier?«

»Er will mit dir reden.«

»Brauche ich einen Anwalt?«

Campbell lacht, aber es beruhigt mich nicht so, wie es sollte. Bevor ich meine Alternativen abwägen kann, führt Keebal mich schon den Flur hinunter in einen kargen, fensterlosen Aufenthaltsraum mit angekokelten orangefarbenen Sofas und Postern von gesunden Menschen. Er knöpft seine Jacke auf, setzt sich und wartet, dass ich mich mit meinen Krücken ebenfalls niederlasse.

»Ich habe gehört, du hättest um ein Haar den Sensenmann getroffen.«

»Er hat mir ein Zimmer mit Aussicht angeboten.«

»Und du hast abgelehnt?«

»Ich reise nicht gern.«

Dann plaudern wir zehn Minuten über gemeinsame Bekannte und die alten Zeiten, als wir im Londoner Westen gearbeitet haben. Er fragt nach meiner Mutter, und ich erzähle, dass sie in einer Seniorenanlage wohnt.

»Diese Dinger können ziemlich teuer werden.«

»Ja.«

»Und wo wohnst du mittlerweile?«

»Gleich hier.«

Der Kaffee kommt, und Keebal redet immer weiter. Er teilt mir seine Ansichten über die Verbreitung von Schusswaffen, sinnloser Gewalt und sinnlosen Verbrechen mit. Die Polizei sei gleichermaßen leichtes Opfer und billiger Sündenbock. Ich weiß, was er vorhat. Er will mich in ein Wir-Guten-müssen-zusammenhalten-Gefühl einlullen.

Keebal ist einer jener Polizisten, die sich ein Kriegerethos angeeignet haben, als unterschiede sie irgendetwas vom Rest der Gesellschaft. Sie hören Politiker vom Krieg gegen das Verbrechen, vom Krieg gegen die Drogen und vom Krieg gegen den Terror faseln und bilden sich ein, sie seien Soldaten, die dafür kämpfen, dass die Straßen sicher bleiben.

»Wie oft hast du schon dein Leben riskiert, Ruiz? Glaubst du, das kümmert einen von den Drecksäcken. Sie nennen uns Bullen oder sogar Nazis. Sieg, Sieg, oink! Sieg, Sieg, oink!«, ruft er und reißt den rechten Arm zum Hitlergruß hoch.

Ich starre auf den Siegelring an seinem Finger und denke an Orwells Farm der Tiere.

Keebal kommt langsam in Fahrt. »Wir leben nicht in einer perfekten Welt, und es gibt auch keine perfekten Polizisten, was? Aber was erwarten die denn? Wir haben keine beschissenen Mittel und kämpfen gegen ein System an, das die Verbrecher schneller wieder laufen lässt, als wir sie schnappen können. Und dieser ganze neue esoterische Psychokuschelscheiß, den man uns als Verbrechensprävention verkauft, hat uns beiden gar nichts gebracht. Und den armen fehlgeleiteten Kindern, die in die Kriminalität abrutschen, auch nicht.«

»Vor einer Weile war ich auf einer Konferenz, und so ein Schwabbelarsch von einem Kriminologen mit amerikanischem Akzent hat uns erklärt, dass ein Polizist keine Feinde hat. ›Nicht die Verbrecher sind der Feind, sondern das Verbrechen‹, meinte er. Mir kommen die Tränen. Hast du schon mal so was Bescheuertes gehört? Ich musste mich echt zurückhalten, um dem Typen nicht eine zu langen.«

Keebal beugt sich ein Stück näher zu mir. Sein Atem riecht nach Erdnüssen.

»Ich mache es keinem Polizisten zum Vorwurf, wenn er angepisst ist. Und ich kann auch verstehen, wenn jemand ein bisschen was für sich selbst abzweigt, solange er nicht mit Drogen handelt oder Kindern wehtut, was?« Er legt eine Hand auf meine Schulter. »Ich kann dir helfen. Erzähl mir einfach, was in dieser Nacht passiert ist.«

»Ich kann mich nicht erinnern.«

»Gehe ich recht in der Annahme, dass du demzufolge auch nicht die Person identifizieren kannst, die auf dich geschossen hat?«

»Diese Annahme wäre durchaus zutreffend.«

Mein Sarkasmus scheint ihm Feuer unter dem Hintern zu machen. Er merkt, dass ich ihm seine Wir-sind-alle-verdammt-einsam-im-Schützengraben-Nummer nicht abkaufe.

»Wo sind die Diamanten?«

»Welche Diamanten?«

Er versucht, das Thema zu wechseln.

»Nein. Nein. Warte! Welche Diamanten?«

Er brüllt mich nieder. »Das Bootsdeck war voller Blut. Menschen sind gestorben, aber wir haben keine Leichen gefunden, und niemand wurde vermisst gemeldet. Worauf lässt das deiner Meinung nach schließen?«

Ich werde nachdenklich. Die Opfer hatten entweder keine engen Bindungen oder waren in etwas Illegales verwickelt. Ich will auf die Diamanten zurückkommen, aber Keebal hat seine eigene Tagesordnung.

»Ich habe neulich eine interessante Statistik gelesen. Fünfunddreißig Prozent aller für schuldig befundenen Mörder behaupten, sich nicht an die Tat erinnern zu können.«

Noch mehr verdammte Statistiken. »Du glaubst, ich lüge.«

»Ich glaube, dass du in der Sache nicht ganz sauber bist.«

Ich greife nach meinen Krücken und schwinge mich auf die Füße. »Da du ja immer alles weißt, Keebal, sag mir doch, was passiert ist. Ach richtig – du warst nicht dabei. Aber das bist du ja nie. Wenn die echten Polizisten da draußen ihr Leben riskieren, liegst du zu Hause im Bett und guckst dir die Wiederholung eines alten Fernsehkrimis an. Du riskierst nichts und verfolgst ehrliche Kollegen mit einer moralischen Messlatte, über die du nicht mal rüberpissen könntest. Verschwinde. Und wenn du das nächste Mal mit mir reden willst, kommst du besser mit Haftbefehl und Handschellen.«

Keebals Gesicht läuft rot an, als wäre er geohrfeigt worden. Bei seinem Abgang lässt er jede Menge Muskeln spielen und brüllt über die Schulter: »Der Einzige, dem du etwas vormachen kannst, ist dieser Neurologe. Sonst glaubt dir kein Mensch. Du wirst dir noch wünschen, dass diese Kugel die Sache gründlich erledigt hätte.«

Ich versuche, ihm zu folgen, humpele auf einer Krücke den Flur hinunter und schreie. Zwei schwarze Pfleger halten mich zurück und drücken mir die Arme in den Rücken.

Als ich mich schließlich beruhigt habe, bringen sie mich zurück in mein Zimmer. Maggie flößt mir eine sirupartige Flüssigkeit aus einem kleinen Plastikbecher ein, und kurz darauf fühle ich mich wie Alice im Wunderland, die in ihrem Zimmer schrumpft. Die Falten des weißen Lakens sind eine arktische Wüste.

Der Traum duftet nach Lipgloss mit Erdbeergeschmack und nach Kaugummi – ein vermisstes Mädchen in einem rosa-orange-farbenen Bikini. Es heißt Mickey Carlyle und klemmt zwischen den Felsen in meinem Kopf wie ein sonnengebleichtes Stück Treibholz – so weiß wie ihre Haut und die zarten Härchen auf ihren Unterarmen. Sie ist ein Meter zwanzig groß, zupft an meinem Ärmel und sagt: »Warum haben Sie mich nicht gefunden? Sie haben es meiner Freundin Sarah versprochen.«

Sie sagt es sogar in demselben Tonfall, in dem Sarah mich nach dem Eis gefragt hat. »Sie haben es mir versprochen. Sie haben gesagt, ich kriege eins, wenn ich Ihnen alles erzähle.«

Mickey ist ganz in der Nähe verschwunden. Vielleicht kann man aus dem Fenster sogar die Randolph Avenue sehen, eine Schlucht aus rotem Backstein. Die großen Wohnblocks aus viktorianischer Zeit waren damals eine billige Bleibe, aber inzwischen kostet so eine Wohnung hunderttausende von Pfund. Ich könnte zehn Jahre sparen oder zweihundert und mir nie eine leisten.

Ich habe noch den Fahrstuhl vor Augen, einen altmodischen Metallkäfig, der zwischen den Etagen rumpelt und klappert, und die Treppe, die sich um den Fahrstuhlschacht windet. Auf diesen Stufen hat Mickey gespielt und nach der Schule improvisierte Konzerte gegeben, weil die Akustik so gut ist. Sie hat beim Singen gelispelt, wegen der Lücken zwischen ihren Vorderzähnen.

Seither sind drei Jahre vergangen. Die Welt hat sich von ihrer Geschichte abgewandt, weil andere Verbrechen für den gruseligen Nervenkitzel gesorgt haben – tote Schönheitsköniginnen, der Krieg gegen den Terror, Sportler, die sich danebenbenehmen … Mickey ist nicht verschwunden. Sie ist immer noch hier, das Gespenst, das mir bei jedem Festmahl gegenübersitzt, die Stimme in meinem Kopf, wenn ich einschlafe. Ich weiß, dass sie lebt. Tief drinnen, wo meine Eingeweide sich zu harten Knoten verschlungen haben, weiß ich es, aber ich kann es nicht beweisen.

In mein Leben getreten ist sie in der ersten Woche der Sommerferien vor drei Jahren. Fünfundachtzig Stufen und dann Dunkelheit; sie ist verschwunden. Wie kann ein Kind in einem Haus mit nur fünf Etagen und elf Wohnungen verschwinden?

Wir haben sie alle durchsucht – jedes Zimmer, jeden Schrank und jede Nische. Ich habe immer wieder dieselben Orte überprüft, habe irgendwie erwartet, sie trotz aller vergeblichen Bemühungen plötzlich zu finden.

Mickey war sieben Jahre alt, hatte blonde Haare, blaue Augen und ein Lächeln voller Zahnlücken. Als sie zuletzt gesehen wurde, trug sie einen Bikini, ein weißes Haarband, rote Leinenschuhe und ein gestreiftes Badelaken unter dem Arm.

Die Straße war mit Polizeiwagen abgesperrt, und Nachbarn hatten Suchaktionen organisiert. Irgendjemand hatte Krüge mit Eiswasser und Sirupflaschen auf einen Klapptisch gestellt. Schon um neun Uhr morgens war es dreißig Grad, und die Luft roch nach heißem Asphalt und Autoabgasen.

Ein fetter Typ in weiten grünen Shorts machte Fotos. Zuerst erkannte ich ihn nicht, aber ich wusste, dass ich ihn schon mal irgendwo gesehen hatte. Nur wo?

Dann fiel es mir wieder ein, wie immer. Cottesloe Park – ein anglikanisches Internat in Warrington. Er hieß Howard Wavell, eine unmögliche, unglückliche Gestalt, drei Jahrgangsstufen unter mir. Wieder hatte mein Gedächtnis triumphiert.

Ich wusste, dass Mickey das Haus nicht verlassen hatte. Ich hatte eine Zeugin. Sie hieß Sarah Jordan und war erst neun Jahre alt, aber sie wusste, was sie wusste. Sie saß auf der untersten Stufe, nippte an einer Dose Limonade und strich sich das mausbraune Haar aus den Augen. An ihren Ohrläppchen hingen winzige Kreuze wie kleine Stückchen Silberfolie.

Sarah trug einen blau-gelben Badeanzug, weiße Shorts, braune Sandalen und eine Baseballkappe. Ihre Beine waren blass und von aufgekratzten Insektenstichen übersät. Noch zu jung, um sich ihres Körpers bewusst zu sein, öffnete und schloss sie ständig die Knie, die Wange an das kühle Geländer gelehnt.

»Ich bin Detective Inspector Ruiz«, sagte ich und setzte mich neben sie. »Erzähl mir noch mal, was passiert ist.«

Sie streckte seufzend die Beine. »Wie ich schon sagte, ich habe auf die Klingel gedrückt.«

»Welche Klingel?«

»Nummer elf. Wo Mickey wohnt.«

»Zeig mir den Knopf, auf den du gedrückt hast.«

Sie seufzte noch einmal und ging durch die Halle zu der großen Haustür. Die Gegensprechanlage war direkt neben dem Eingang. Sie zeigte auf den obersten Knopf. Ihr Finger war rosa lackiert, der Lack an manchen Stellen abgeblättert.

»Sehen Sie! Ich kenne die Zahl elf.«

»Klar. Was ist dann passiert?«

»Mickeys Mum hat gesagt, dass Mickey sofort runterkomme. «

»Hat sie das genau so gesagt? Wortwörtlich?«

Sie runzelte konzentriert die Stirn. »Nein. Zuerst hat sie Hallo gesagt, und ich habe auch Hallo gesagt. Und dann habe ich gefragt, ob Mickey zum Spielen runterkommen kann. Wir wollten uns im Garten sonnen und mit dem Gartenschlauch abspritzen. Mr. Murphy erlaubt uns, den Rasensprenger zu benutzen. Er sagt, wir helfen ihm, den Rasen zu gießen.«

»Und wer ist Mr. Murphy?«

»Mickey sagt, ihm gehört das Haus, aber ich glaube, er ist bloß der Hausmeister.«

»Mickey ist nicht runtergekommen.«

»Nein.«

»Wie lange hast du gewartet?«

»Urzeiten.« Sie fächert sich mit der Hand Luft zu. »Kann ich ein Eis haben?«

»Gleich… Ist irgendjemand vorbeigekommen, als du gewartet hast?«

»Nein.«

»Und du bist nicht von der Treppe aufgestanden – nicht mal, um was zu trinken…«

Sie schüttelt den Kopf.

»… oder um mit einer Freundin zu reden oder einen Hund zu streicheln?«

»Nein.«

»Was ist danach passiert?«

»Mickeys Mum kam mit dem Müll runter und sagte: ›Was machst du denn hier? Wo ist Mickey?‹ Und ich habe gesagt: ›Ich warte noch immer auf sie.‹ Und sie hat gesagt, sie sei schon vor Stunden runtergegangen. Aber das ist sie nicht, weil ich ja die ganze Zeit hier gewartet habe…«

»Und was hast du dann gemacht?«

»Mickeys Mum hat gesagt, ich soll warten. Ich soll mich nicht von der Stelle rühren. Also bin ich auf der Treppe sitzen geblieben.«

»Ist irgendjemand an dir vorbeigekommen?«

»Nur die Nachbarn, die geholfen haben, Mickey zu suchen.«

»Weißt du die Namen?«

»Manche.« Sie nahm ihre Finger zu Hilfe und zählte sie auf.

»Ist das ein Rätsel?«

»So könnte man es wohl nennen.«

»Wohin ist Mickey gegangen?«

»Ich weiß es nicht, Schätzchen, aber wir werden sie finden.«

3

Professor Joseph O’Loughlin ist gekommen, um mich zu besuchen. Ich sehe ihn über den Krankenhausparkplatz gehen, sein linkes Bein schwingt hin und her, als wäre es geschient. Sein Mund bewegt sich – er lächelt, wünscht den Leuten einen guten Morgen und scherzt darüber, dass er seine Martinis geschüttelt und nicht gerührt trinkt. Nur der Professor kann sich über Parkinson lustig machen.

Joe ist klinischer Psychologe und sieht genau so aus, wie man sich einen Psychologen vorstellt – groß und dünn und mit wirrem braunem Haar, wie ein zerstreuter Professor, der gerade aus einem Hörsaal entkommen ist.

Wir haben uns vor ein paar Jahren bei einer Mordermittlung kennen gelernt. Damals hatte ich ihn für den möglichen Mörder gehalten, bis sich herausgestellt hatte, dass der Täter einer seiner Patienten war. Ich glaube nicht, dass er das in seinen Vorlesungen erwähnt.

Er klopft leise, öffnet die Tür und lächelt betreten. Er hat eines dieser vollkommen offenen Gesichter mit den braunen Augen eines Robbenbabys, das gleich erschlagen wird.

»Ich habe gehört, Sie haben Erinnerungslücken.«

»Ja, wer sind Sie, verdammt noch mal?«

»Sehr gut. Schön, dass Sie Ihren Humor nicht verloren haben.«

Er dreht sich ein paar Mal um die eigene Achse und versucht zu entscheiden, wo er seinen Aktenkoffer abstellen soll. Dann zückt er einen Notizblock, zieht sich einen Stuhl heran und setzt sich. Seine Beine berühren das Bett. Nachdem er endlich so weit ist, sieht er mich an und sagt nichts – als hätte ich ihn gebeten zu kommen, weil mir etwas auf der Seele lastet.

Das hasse ich an Psychologen: die Art, wie sie eine Stille entstehen lassen, in der man an seinem eigenen Verstand zu zweifeln beginnt. Das war nicht meine Idee. Ich kann mich an meinen Namen erinnern. Ich weiß, wo ich wohne. Ich weiß, wohin ich meinen Autoschlüssel gesteckt habe und wo der Wagen parkt. Alles paletti.

»Wie fühlen Sie sich?«

»Irgendein Schwein hat auf mich geschossen.«

Ohne Vorwarnung beginnt sein linker Arm zu zucken und zu zittern. Verlegen drückt er ihn nach unten.

»Wie steht’s mit dem Parkinson?«

»In Restaurants bestelle ich keine Suppe mehr.«

»Sehr klug. Und Julianne?«

»Ihr geht es großartig.«

»Und die Mädchen?«

»Werden groß.«

Der Austausch von Smalltalk und Familiengeschichten war nie ein Schwerpunkt unserer Beziehung gewesen. Normalerweise lade ich mich bei ihm zum Essen ein, trinke seinen Wein, flirte mit seiner Frau und klaue schamlos seine Ideen für meine ungelösten Fälle. Das weiß Joe natürlich – nicht weil er so verdammt clever ist, sondern weil ich so durchschaubar bin.

Ich mag ihn. Er war auf einer Privatschule, ein bürgerlicher Salonliberaler, aber das ist in Ordnung. Und ich mag Julianne, seine Frau, die aus irgendeinem Grund glaubt, sie könne mich noch einmal verheiraten, weil man mir meine bisherige Bilanz nicht zum Vorwurf machen dürfe.

»Ich nehme an, Sie haben meinen Chef kennen gelernt.«

»Den Chief Superintendent.«

»Was halten Sie von ihm?«

Joe zuckt die Achseln. »Er macht einen sehr professionellen Eindruck.«

»Kommen Sie, Prof, das können Sie besser. Sagen Sie mir, was Sie wirklich denken.«

Joe stößt ein leises »Tss« aus, wie ein verklingendes Becken. Er weiß, dass ich ihn herausfordern will.

Er räuspert sich und betrachtet seine Hände. »Der Chief Superintendent ist ein redegewandter Karrierebeamter, der Komplexe wegen seines Doppelkinns hat und sich die Haare färbt. Er hat Asthma, benutzt Aftershave von Calvin Klein, ist verheiratet und hat drei Töchter, die ihn so eng um ihren kleinen Finger wickeln, dass man ihn in Silber tunken und mit einer Gravur verzieren könnte. Er liest Romane von P.D. James und bildet sich ein, er sei eine Art Adam Dalgleish, obwohl er keine Gedichte schreibt und auch nicht besonders scharfsinnig ist. Außerdem hat er die ärgerliche Angewohnheit, den Leuten eher Vorträge zu halten, als ihnen zuzuhören.«

Ich stoße einen leisen Pfiff aus.

»Haben Sie den Typ beschattet?«

Joe ist plötzlich verlegen. Andere hätten es wie einen Partytrick aussehen lassen, er aber wirkt jedes Mal ehrlich überrascht, dass er auch nur die Hälfte von all diesen Dingen weiß. Und er greift diese Details nicht aus der Luft. Ich könnte ihn auffordern, seine Behauptungen zu belegen, und er würde die Antworten herunterrasseln. Er hat sicher Campbells Asthmaspray bemerkt, das Aftershave erkannt, ihn beim Essen beobachtet und Fotos der Kinder gesehen…

Das macht mir Angst an Joe. Es ist, als könnte er den Kopf anderer Menschen knacken und den Inhalt deuten wie Teeblätter. So jemandem möchte man nicht zu nahe kommen, weil er einem irgendwann vielleicht den Spiegel vorhält und zeigt, was die Welt sieht.

Joe blättert durch meine Patientenunterlagen, wirft einen Blick auf die Ergebnisse der Kernspin- und der Computertomographie und klappt die Mappe wieder zu. »Was ist passiert?«

»Eine Waffe, eine Kugel, das Übliche.«

»Was ist das Erste, woran Sie sich erinnern können?«

»Hier aufzuwachen?«

»Und das Letzte?«

Ich antworte nicht. Seit zwei Wochen – seit ich aufgewacht bin – zermartere ich mir das Hirn und komme immer nur auf Pizza.

»Wie fühlen Sie sich jetzt?«

»Frustriert. Wütend.«

»Weil Sie sich nicht erinnern können?«

»Niemand weiß, was ich dort auf dem Fluss zu suchen hatte. Es war kein Polizeieinsatz. Ich habe auf eigene Faust gehandelt. Ich bin kein störrischer Einzelgänger. Ich ziehe nicht einfach los wie ein Punk mit einem ›Born to Lose‹-Tattoo auf der Brust… Die behandeln mich hier wie so eine Art Verbrecher.«

»Die Ärzte?«

»Die Polizei.«

»Das Gefühl könnte auch eine Reaktion darauf sein, dass Sie sich an nichts erinnern. Sie fühlen sich ausgeschlossen. Sie denken, jeder außer Ihnen kennt das Geheimnis.«

»Sie glauben, ich leide unter Verfolgungswahn.«

»Ein verbreitetes Symptom im Zusammenhang mit Amnesie. Man glaubt, die Leute würden einem etwas verheimlichen.«

Ja, aber das erklärt auch nicht, was Keebal von mir will. Er hat mich schon drei Mal besucht und mir falsche Anschuldigungen und wüste Behauptungen an den Kopf geworfen. Je hartnäckiger ich mich weigere zu sprechen, desto härter geht er auf mich los.

Joe rollt seinen Stift über seine Fingerknöchel. »Ich hatte einmal einen fünfunddreißigjährigen Patienten ohne jede neurologische oder psychische Vorbelastung. Er ist auf einem vereisten Weg ausgerutscht und mit dem Kopf aufgeschlagen. Er ist nicht ohnmächtig geworden oder irgendwas. Er ist sofort wieder aufgestanden und weitergegangen…«

»Hat die Geschichte auch eine Pointe?«

»… Er konnte sich nicht an den Sturz erinnern und wusste auch nicht mehr, wohin er unterwegs war. Er hatte komplett vergessen, was in den zwölf Stunden zuvor passiert war, wusste aber trotzdem seinen Namen und erkannte auch seine Frau und seine Kinder. Das nennt sich transiente globale Amnesie, wahrscheinlich in Verbindung mit retrograder Amnesie. Minuten, Stunden oder Tage verschwinden. Man weiß noch, wer man ist, und die Betroffenen verhalten sich auch normal, können sich jedoch an ein bestimmtes Ereignis oder eine fehlende Zeitspanne nicht erinnern.«

»Aber die Erinnerungen kommen wieder, oder?«

»Nicht immer.«

»Was ist mit Ihrem Patienten geschehen?«

»Anfangs dachten wir, er hätte nur den Sturz vergessen, aber auch andere Erinnerungen fehlten. Er konnte sich nicht mehr an seine frühere Ehe erinnern und an ein Haus, das er gebaut hatte. Und er wusste nicht, dass John Major je Premierminister gewesen war.«

»Dann hatte es ja auch seine guten Seiten.«

Joe lächelt. »Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob Ihr Gedächtnisverlust dauerhaft ist. Ein Schädeltrauma ist nur eine Möglichkeit. In den meisten aktenkundigen Fällen ging körperlicher oder emotionaler Stress voraus. Angeschossen zu werden gehört sicher dazu. Geschlechtsverkehr oder ein Sprung in kaltes Wasser haben ebenfalls schon solche Episoden ausgelöst…«

»Ich werde drauf achten, nicht im Tauchbecken zu vögeln.«

Mein Witz kommt nicht an. »Bei traumatischen Erlebnissen ändert sich die Balance von Hormonen und Chemie im Gehirn fundamental«, erklärt Joe weiter. »Es ist wie unser Überlebensinstinkt – unsere Kampf/Flucht-Reaktion. Manchmal verharrt das Gehirn noch für eine Weile in diesem Überlebensmodus, wenn die Bedrohung schon vorbei ist – für alle Fälle. Wir müssen unser Gehirn davon überzeugen, dass es loslassen kann.«

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Lost« bei Time Warner Books

1. Auflage Taschenbuchausgabe November 2007

Copyright © der Originalausgabe 2005

by Michael Robotham Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Umschlaggestaltung: UNO WerbeagenturUmschlagfoto: FinePicIK · Herstellung: Str.

eISBN 978-3-641-06304-7

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