Amrum ist gut fürs Herz Vol. 4 - Sissi Kaipurgay - E-Book

Amrum ist gut fürs Herz Vol. 4 E-Book

Sissi Kaipurgay

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Beschreibung

Regelmäßig fährt Karsten nach Amrum, in seinen Wohnwagen auf dem Campingplatz. Für ihn ist die Insel der Inbegriff für Erholung. Seit seiner Scheidung und nachdem er jobtechnisch kürzertreten kann, ist er so gut wie jedes Wochenende in seinem Feriendomizil. Überraschend taucht bei einem seiner Aufenthalte ein alter Klassenkamerad auf. Sascha, der mit einem Kumpel im Schlepptau aufkreuzt, weckt widersprüchliche Gefühle in ihm.

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Seitenzahl: 114

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Inhaltsverzeichnis

Amrum ist gut fürs Herz - Vol. 4

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Epilog - 2 Monate später

Amrum ist gut fürs Herz - Vol. 4

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig. Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

Texte: Sissi Kaipurgay/Kaiserlos

Korrekturen: Aschure, Dankeschön!

Foto Cover: shutterstock_179129984, Leuchtturm, Insel: Sissis Malkünste

Kontakt:http://www.bookrix.de/-sissisuchtkaiser/, https://www.sissikaipurgay.de/

Sissi Kaiserlos/Kaipurgay

c/o Karin Rogmann

Kohlmeisenstieg 19

22399 Hamburg

Amrum ist gut fürs Herz - Vol. 4

Regelmäßig fährt Karsten nach Amrum, in seinen Wohnwagen auf dem Campingplatz. Für ihn ist die Insel der Inbegriff für Erholung. Seit seiner Scheidung und nachdem er jobtechnisch kürzertreten kann, ist er so gut wie jedes Wochenende in seinem Feriendomizil. Überraschend taucht bei einem seiner Aufenthalte ein alter Klassenkamerad auf. Sascha, der mit einem Kumpel im Schlepptau aufkreuzt, weckt widersprüchliche Gefühle in ihm.

1.

Es wehte ein scharfer Wind. Der Himmel war grau bewölkt und das Meer kabbelig. Die Fähre tangierte das kaum. Unbeirrt bahnte sie sich einen Weg durch die Dünung.

Seit Karsten seine wöchentlichen Arbeitsstunden reduziert hatte, fuhr er fast jedes Wochenende nach Amrum. Davor hatte er die Insel maximal alle zwei Monate besucht. Am Freitag war er stets so erschöpft gewesen, dass er das ganze Wochenende zur Regeneration benötigte. Das gehörte glücklicherweise der Vergangenheit an, genau wie seine Ehe.

Die Scheidung hatte ihn finanziell ganz schön angegriffen. Marlies, seine Ex, wollte das Haus und dazu noch Unterhalt. Letzteres war abgeschmettert worden, doch die Immobilie ihr zugefallen. Die Richterin meinte, dass Marlies für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen konnte, da die Kinder - zu dem Zeitpunkt 16 und 19 - keine Betreuung mehr brauchten.

Für die beiden zahlte Karsten natürlich, aber für seine Ex keinen Cent. Marlies war nach der ersten Geburt zu Hause geblieben und hatte nie eine Anstrengung unternommen, etwas zum Familieneinkommen zuzusteuern. Insgeheim tat sie ihm ein bisschen leid. Schließlich hatte er sie nie so geliebt, wie es ihr zugestanden hätte. Anfangs mochte er sie sehr, aber im Laufe der Jahre war es zu einem lauwarmen Gefühl verkommen. Zum Ende hin hatte er sie sogar ein wenig verachtet, schlussendlich auch der Grund, weshalb er endlich um eine Trennung bat.

Im Rückblick musste er sich eingestehen, dass er sie lediglich wegen seines Kinderwunsches geheiratet hatte. Wäre sie nicht da gewesen, hätte er eine andere genommen. Seine Sprösslinge Maja und Emil waren sein ganzer Stolz. Beide würden es im Leben noch weit bringen, davon war er überzeugt. Emil studierte Sozialwissenschaften und Maja plante, sich für Medizin einzuschreiben.

Mittlerweile hatte sich die Fähre dem Anleger genähert. Karsten begab sich aufs Autodeck, wo sein Fahrrad mitsamt Gepäck stand. Den alten Drahtesel, den er sonst auf der Insel benutzte, musste er entsorgen. Durch die salzige Meeresluft war das Ding vollkommen verrostet gewesen.

Zusammen mit ungefähr zehn Passagieren, die ebenfalls Fahrräder mit sich führten, wartete er darauf, von Bord gehen zu dürfen. Trotz Hochsaison hielt sich die Anzahl der Mitreisenden in Grenzen. Das war der Vorteil daran, wenn man bereits donnerstags losfuhr. Freitags war die Fähre nämlich meist brechend voll.

Das schwächelnde Sommerwetter suchte sich den Moment aus, in dem sich die Leute in Bewegung setzten, um einen Regenguss über den Ankömmlingen niedergehen zu lassen. Im Nu war der Busunterstand voll belegt, so dass Karsten weiter radelte und den nächstbesten Schutz in Anspruch nahm: Das Vordach eines Ladens, der Sportklamotten anbot.

So schnell, wie der Guss begonnen hatte, hörte er auch wieder auf. Karsten schwang sich in den Sattel und fuhr die Hauptstraße entlang, wobei er genüsslich die frischgewaschene Luft einsog. Zum Glück hatte er eine gefütterte Regenjacke an. Bei zwanzig Grad, ohne Sonnenschein und mit stetigem Wind wäre es sonst unangenehm geworden.

Am Zeltplatz angekommen sagte er in der Rezeption Hallo. Elke, normalerweise stets zu einem Schwätzchen aufgelegt, nickte ihm bloß zu. Sie war mit zwei Urlaubern, die Anmeldeformulare ausfüllten, beschäftigt.

Karsten schob sein Fahrrad ums Gebäude und über den Sand zu seinem Domizil, wo er es im Vorzelt abstellte. In Wohnwagen roch es nach abgestandener Luft. Er öffnete zwei Luken und fing an, seine Taschen auszupacken.

Er hatte gerade alles verstaut, da klopfte jemand gegen die Außenwand des Wagens. Paul schaute herein. „Hi. Hast du das Scheißwetter angeschleppt?“

„Ich hab vergeblich versucht, es auf der Autobahn abzuhängen.“ Karsten holte ein Sixpack Pils, das er in einen der Schränke gestellt hatte, wieder hervor. „Willkommensbierchen gefällig?“

„Aber immer!“

Dieses Ritual hatte sich in den vergangenen Jahren eingebürgert. Manchmal uferte es zu einem längeren Gelage mit anschließendem Besuch der Blauen Maus aus, manchmal ging Paul nach einem Bier. Je nachdem, wie die Stimmung in dessen heimischen vier Wänden war. Paul und Jutta waren seit zwei Jahren in Rente und seitdem nahezu ständig auf Amrum. Ihre Ehe war schon vorher kein Zuckerschlecken gewesen. Das dauernde Aufeinanderhängen trug nicht dazu bei, die Situation zu verbessern.

Warum die beiden noch zusammen wären, hatte er Paul mal gefragt. Ich mag nicht allein sein, lautete die Antwort. Karsten fand das krass. Es schienen allerdings viele Menschen so zu ticken, denn er hatte häufig beobachtet, wie alte Ehepaare gegeneinander stichelten. Für ihn wäre das unerträglich. Deshalb hatte er sich ja auch lieber scheiden lassen, als weiter in solcher Beziehung zu leben. Seine Ex war nämlich genauso drauf gewesen. Sogar vor den Kindern hatte sie Anspielungen über ihr unbefriedigendes Sexualleben gemacht.

Er zog es vor allein zu sein, statt gemeinsam einsam, obwohl durch die Scheidung etliche soziale Kontakte verlorengegangen waren. Der Kegelclub, die Doppelkopf-Runde. Beide bestanden aus Ehepaaren, unter denen er sich wie das fünfte Rad am Wagen gefühlt hätte. Außerdem wäre er Marlies bei den Treffen begegnet. Etwas, worauf er gern verzichtete.

Sie ließen sich im Vorzelt nieder. Durch die Plastikfensterscheibe hatte man Ausblick auf die Rückseite des Gebäudes und den Zugang zu den Waschräumen. Momentan trieb sich niemand auf dem Weg, der rund ums Haus führte, herum. Eine Seltenheit. Sonst herrschte ein reges Kommen und Gehen, weil ja jeder mal aufs Klo musste. Auch der an der Hausvorderseite befindliche Krämerladen mit Imbiss erfreute sich großer Beliebtheit.

„Morgen soll es wieder schön werden“, meinte Paul, öffnete eine Bierdose und trank einen Schluck.

„Habt ihr irgendetwas geplant?“ Karsten griff ebenfalls nach einer Dose.

„Jutta möchte rüber nach Föhr, ein bisschen shoppen.“

„Kompensationskäufe?“ So nannte er es, wenn man Unzufriedenheit mit sinnlosen Einkaufstouren übertünchte.

Paul seufzte und verdrehte die Augen. „Gut erkannt. Meist ist sie danach eine Woche friedlich, je nachdem, was ihr in die Netze gegangen ist.“

„Dann lohnt es sich ja, Geld zum Fenster rauszuwerfen.“

„Ihre Ansprüche sind ja nicht groß. Sie guckt schon auf die Preise, wenn sie sich die hundertste Handtasche oder den tausendsten Schal kauft.“

„Wo lagert ihr eigentlich den ganzen Scheiß?“

„Zu Hause in Lübeck. Der Keller ist voll mit solchem Zeug.“ Wieder setzte Paul die Dose an und trank.

Karsten kannte das Problem. Auch Marlies hatte dazu geneigt, ihren Frust mit Geld ausgeben zu kompensieren. Im letzten Jahr ihrer Ehe war nahezu jeden Tag ein Paket von irgendeinem Internetshop eingetroffen. Insofern brauchte sie das Haus wirklich, weil es genug Platz für den ganzen Müll bot.

„Wie war deine Woche?“, wechselte Paul das Thema.

„Viel zu tun. Zum Glück kann ich mittwochs den Kram, den ich nicht geschafft habe, den Kollegen aufbürden.“

„Du hast es gut. Ich musste bis zum Schluss Vollzeit ran.“

Obwohl Paul und Jutta keine Kinder hatten, war sie zu Hause geblieben. Angeblich schaffte sie es mental nicht, einen Job auszuüben. Egal. Das war nicht Karstens Baustelle.

Nach einer Dose Bier verschwand Paul. Ihm war das mehr als recht. Manchmal nervte ihn ihr oberflächliches Gelaber, manchmal kam er gut damit klar. Heute war einer der Tage, an dem er zu ersterem neigte.

Der Himmel war weiterhin wolkenverhangen. Er zog daher wieder seine Regenjacke an, stopfte zwei Stoffbeutel in die Taschen und schob sein Fahrrad durch den Dünensand zum befestigten Weg.

Auf der Fahrt nach Wittdün kamen ihm einige Radler mit Gepäck entgegen. Offenbar hatte gerade die nächste Fähre angelegt. Im Supermarkt füllte er einen Korb mit den Lebensmitteln, die er nicht aus Hamburg mitgebracht hatte, wie frische Milch, zwei Sorten Käse, Brot, Kartoffeln und ein Steak.

Zurück auf dem Campingplatz machte er es sich im Vorzelt gemütlich. Leise Musik, ein Becher Kaffee und gutes Buch. Das war für ihn der Inbegriff von Entspannung.

Zum Abendessen gab es das Steak mit Kartoffeln, Kräuterbutter und Coleslaw-Salat. In solchen Momenten, wenn er allein vor seinem Teller saß, fühlte er sich schon ein wenig einsam. Es war eben schöner, in Gesellschaft zu essen. Dennoch würde er dafür niemals den Preis bezahlen, den Paul in Kauf nahm.

Am nächsten Morgen strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Gähnend trat Karsten aus dem Vorzelt und reckte die Arme über den Kopf. Einige Meter entfernt steuerte Jutta gerade auf ihren Wohnwagen zu und winkte, als sie ihn erblickte.

„Morgen!“, rief sie ihm zu und huschte ins Vorzelt.

Schon merkwürdig, dass sich Ehepartner im Laufe der Jahre immer mehr glichen. Genau wie Paul trug Jutta etliche Pfunde zu viel auf den Rippen und die grauen Haare kurz. Wenn sie in identischen Klamotten rumlaufen würden, könnte man sie glatt für Zwillinge halten. Oder hatten sie vielleicht schon immer gewisse Ähnlichkeit besessen?

Nach einem gemütlichen Frühstück packte er eine Flasche Mineralwasser, zwei Äpfel, ein Handtuch und Sonnencreme in seinen Rucksack. Auf dem Weg zum Hinterausgang des Campingplatzes guckte er sich aufmerksam nach links und rechts um. Hier und da kam ihm ein Gesicht bekannt vor. Viele Camper waren Wiederholungstäter. Die Insel besaß eben Suchtpotential. Ihn hatte es ja auch beim ersten Besuch gepackt. Okay, Marlies nicht, aber die Kinder kamen ebenfalls regelmäßig her.

Am Ende der Umzäunung wandte er sich nach links. Der Bohlenweg führte über Dünentäler und durch kleine Ansammlungen von Kiefern. Noch roch die Luft nur salzig, doch schon bald, wenn die Sonne an Kraft gewann, würde sich der Duft von Kiefernöl dazu mischen.

Auf der Düne, hinter der sich der Strand erstreckte, verharrte er eine Weile. Links und rechts nichts als Sand und geradeaus die Nordsee. In der Ferne wanderten ein paar Menschen am Wassersaum entlang. Was für ein Unterschied zu den dicht bevölkerten Stränden auf den Balearen oder in anderen Badegebieten. Himmlisch!

Karsten zog seine Schuhe aus und stapfte durch den tiefen Dünensand, runter, zum plattgetretenen Teil des Kniepsands. Am Wasser angekommen prüfte er mit den Füßen die Temperatur. Arschkalt! Diesbezüglich war er eine Mimose.

Während er in Richtung Nebel spazierte, erinnerte er sich an Gegebenheiten, als Emil und Maja noch klein waren. Einmal wollten seine Kinder unbedingt auf eine Sandbank, um dort eine Burg zu bauen. Damals hatte Karsten von Ebbe und Flut noch keine Ahnung, also ließ er die beiden ziehen. Es kam ihm vor, als hätte er nur einmal kurz weggeschaut, da hatte das Wasser den Kindern bereits den Weg zum Strand abgeschnitten. Die beiden standen auf dem immer kleiner werdenden Fleckchen Sand, umklammerten ihre Schaufeln und Eimer und heulten. Mit Marlies hatte er die Früchte seiner Lenden gerettet.

Ein anderes Mal hatten sie die Kinder in einem Bollerwagen über den Strand gezogen. Emil, verrückt nach Muscheln, versuchte vom Gefährt aus, welche zu sammeln. Eine Glasscherbe wurde seinem Sohn zum Verhängnis.

Mit dem schreienden, blutenden Emil waren sie im Schweinsgalopp zur nächsten Ortschaft, Süddorf, gerannt. Mitten im Laufen hatte Karsten versucht, ein Taxi zu rufen. Man teilte ihm mit, dass der einzige verfügbare Wagen in einer halben Stunde eintreffen könnte. Sie nahmen also den Bus, der glücklicherweise kam, als sie Süddorf erreichten. Eine Diskussion über das Verbot von Bollerwagen im örtlichen Nahverkehr schenkte sich der Fahrer, angesichts des verletzten Emils.

In Wittdün, in der einzigen Arztpraxis der Insel, hatten sie wiederum Glück. Die Sprechzeit begann zwar erst eine Stunde später, doch die Ärztin war bereits im Haus und nahm sich Emils an. Sein Sohn bekam eine Tetanusspritze und die Wunde wurde geklammert.

Maja hatte dieses Ereignis genauso mitgenommen wie ihren Bruder. Sie wich Emil in den nächsten Tagen nicht mehr von der Seite und bedachte jede Muschel mit bösen Blicken. Damals war sie vier und Emil sieben.

Karsten blieb stehen und tauschte seine Klamotten gegen eine Schicht Sonnencreme aus. Auf seine Figur, schlank mit einem Schwimmringansatz um die Leibesmitte, war er nicht sonderlich stolz. Hier sah ihn aber niemand. Ach, es war ihm sowieso egal. Er hatte mit Beziehungen, insbesondere mit Frauen, nichts mehr am Hut. Davon war er durch Marlies gründlich kuriert worden.

2.

Gegen drei stieg er an der Haltestelle Blaue Maus aus dem Bus. Er war bis Norddorf gelaufen, hatte sich drei Kugeln Eis gegönnt und entschieden, den Rückweg lieber fahrenderweise zurückzulegen.

---ENDE DER LESEPROBE---