An mir selbst wachsen...! - Martin Bürki - E-Book

An mir selbst wachsen...! E-Book

Martin Bürki

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Beschreibung

Eine wunderbare, praktische Anleitung für mehr Selbstliebe! Wie achtsam gehen Sie mit sich um? Behandeln Sie sich selbst mit genauso viel Empathie und Liebe, wie Sie Ihre beste Freundin oder ihren besten Freund behandeln? Oder Ihre Partner und die Kinder? Bei den meisten von uns gibt es noch großes Verbesserungspotenzial in Sachen Selbstachtsamkeit! "An mir selbst wachsen...!" ist ein Selbsthilfebuch mit vielen Denkanstössen, die zur Reflexion anregen und die Achtsamkeit in Bezug auf sich Selbst erhöhen. Sie können lernen, zu sich und Ihren Bedürfnissen zu stehen, ohne egoistisch zu sein. Das Buch spannt einen Bogen über das ganze Leben: von Grundsteinlegung unserer Persönlichkeit in unserer Entwicklung über die verschiedenen Lebensrollen bis hin zum selbstachtsamen Umgang mit der Endlichkeit des Lebens. Mit vielen praktischen Beispielen, die Ihnen Anregungen für den Alltag geben. Leben Sie mehr Selbstachtsamkeit und finden Sie die Liebe zu sich selbst!

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Vorwort

Einführende Gedanken

Das zugrunde liegende Menschenbild

Wie entsteht die Persönlichkeit eines Menschen?

«Nature»: genetische Faktoren

«Nurture»: das soziale Geschlecht («gender»)

Die Familienkonstellation

Der Erziehungsstil

Wie entsteht das Gewissen?

Zusammenfassende Erkenntnisse für die Selbstachtung

Die Bedeutung der Selbstachtsamkeit

Wer oder was bin ich?

Wie gehe ich mit mir um?

Die fünf Schritte zu mehr Selbstachtung

Bewusstwerdung der mangelnden Selbstachtung

Verantwortung für das eigene Leben übernehmen

Abgrenzen und nein sagen können

Erste Erfolge erzielen

Selbstreflexion

Mein neuer Umgang mit mir

Was für ein Mensch möchte ich sein?

Was ist das Wesentliche in meinem Leben?

Wie begegne ich mir in meinem Alltag?

Auswirkungen auf mögliche Lebensrollen

Mutterrolle

Vaterrolle

Elternrolle

Arbeitsrolle

Führungsrolle

Rolle als Lebenspartner und -partnerin

Eigene Entwicklerrolle

Auswirkungen auf die Gemeinschaft

Die Verständnisvollen

Die Beziehungsreduzierenden

Über das Du zu mir selbst

Selbstachtsamkeit und das innere Kind

Selbstachtsamkeit und Partnerschaft

Selbstachtsamkeit, Verzeihung, Vergebung und Versöhnung

Verzeihung

Vergebung

Versöhnung

Selbstachtsamkeit, Mitgefühl, Mitleid und Empathie

Mitgefühl und Mitleid

Selbstmitleid

Empathie und Selbstempathie

Selbstachtsamkeit und Spiritualität

Selbstachtsamkeit und die Endlichkeit des Lebens

Die Angst vor dem Tod

Selbstachtsame Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod

Ein Leben nach dem Tod?

Mögliche Grenzen und falsch verstandene Selbstachtung

Übungen zu mehr Selbstachtung

Übungen, um das Gegenüber besser verstehen zu lernen

Übungen zur Stärkung des Mitgefühls

Übungen zur Stärkung der Selbstachtung

Literaturverzeichnis

Nachwort

Der Autor

VORWORT

Wollen Sie mehr über sich selbst erfahren und Ihre Lebensqualität verbessern? Falls ja, sei Ihnen dieses Buch ans Herz gelegt! Es handelt von einem Thema, das in einer schnelllebigen Zeit sowohl im privaten Leben als auch in der sich stark wandelnden Arbeitswelt von zentraler Bedeutung ist: der Selbstachtsamkeit. Der hohe Stellenwert resultiert insbesondere daraus, da es sich um ein zutiefst menschliches Thema handelt. Dabei geht es um Fragen, wie achtsam und respektvoll wir mit uns selbst umgehen. Stehen wir zu uns und unseren Werten oder missachten wir sie? Das Buch beschreibt, wie wir unsere Selbstachtsamkeit in den verschiedenen Lebensrollen leben und fördern können und wie wir besser für unsere Bedürfnisse einstehen können. Ein fundierter Theoriebezug und praktische Beispiele zeigen auf, wie wir mehr Bewusstsein für uns selbst und andere gewinnen können.

Was hat mich dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben? Einerseits war es mein langersehnter Traum, andererseits regte sich der Wunsch in mir, etwas von meinen Erfahrungen als Coach und individualpsychologischer Berater weiterzugeben. Zudem hatte sich die Thematik in den letzten Jahren in verschiedenster Art und Weise in den Coachingsitzungen akzentuiert. Dies war dann der finale Auslöser, mein Wissen darüber zu vertiefen und mit anderen zu teilen.

Es ist empfehlenswert, das Buch von vorne nach hinten zu lesen, da es nach den einführenden Gedanken einen Bogen von der Geburt und der Persönlichkeitsentwicklung über wichtige Aspekte in zwischenmenschlichen Beziehungen und der Beziehungsgestaltung zu sich selbst bis zum Tod spannt. Es kann aber auch kapitelweise gelesen oder spontan – in verschiedensten Situationen – als Nachschlagewerk verwendet werden.

Nun wünsche ich Ihnen viele weitergehende (Selbst-) Erkenntnisse, neue Inspirationen für Ihr Leben und ganz einfach viel Freude bei der Lektüre.

«Lesen und erkennen Sie wohl!»

Martin Bürki Rüthi, im November 2022

EINFÜHRENDE GEDANKEN

Bei der Kunst des Lebens ist der Mensch sowohl der Künstler als auch der Gegenstand seiner Kunst. Er ist der Bildhauer und der Stein, der Arzt und der Patient.

Erich Fromm

Nicht durch das Erkennen, sondern durch ein Erleben der Welt kommen wir in ein Verhältnis zu ihr.

Albert Schweitzer

Politik fordert Partei, Menschlichkeit verbietet Partei.

Hermann Hesse

Haben Sie sich schon einmal eingehender gefragt, wie Sie mit sich umgehen? Oder vergehen die Stunden, Tage und Wochen so schnell, dass Sie glauben, keine Zeit für solche Fragen zu haben? Es ist oftmals bequemer, Dinge zu ignorieren, statt sich ihrer bewusst zu werden. Im Alltag ist es vermeintlich einfacher, über diese Fragen hinwegzusehen, als neue Wege zu gehen. Selbstachtung hat – wie es das Wort ausdrückt – zur Folge, sich selbst zu achten und in der Art und Weise mit sich umzugehen, wie es den eigenen Vorstellungen entspricht. Sind diese Vorstellungen bewusst? Werden sie gleichberechtigt für sich und andere angewendet? Gibt es unterschiedliche Vorstellungen? Wer nicht in angemessener Form für seine Werte eintritt, das eigene Selbst nicht zum Ausdruck bringt oder das «So-Sein» nicht behauptet, verletzt seine Selbstachtung. Wem ist dies nicht schon passiert: Man schweigt, statt zu reden, oder verleiht seinen wahren Überzeugungen und Gefühlen keinen Ausdruck. Dafür gibt es sicherlich Gründe, die der eigenen Rechtfertigung dienen. Letztlich ist man nicht für sich selbst eingestanden und hat somit die eigene Selbstachtung verletzt. In diesem Kapitel werden einige grundsätzliche Gedanken ausgeführt, um die Voraussetzung für ein besseres Verständnis der vielschichtigen Zusammenhänge zu schaffen.

Das zugrunde liegende Menschenbild

Wir alle tragen ein Bild sowohl von uns als auch von den anderen in uns. Im Laufe der Zeit haben wir uns ein Grundverständnis angeeignet, wer wir sind. Dieses Bild des Menschen ist für den Umgang mit uns selbst und den anderen wichtig, um nicht zu sagen entscheidend. Warum? Weil dieses Menschenbild einer Haltung entspricht, die den Umgang mit uns selbst und anderen leitet. Welches Menschenbild bewirkt, dass ich mich selbst als angenehm erlebe und die anderen ebenfalls als angenehm empfinde? Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie, hat dazu Aussagen gemacht, die für den Aspekt der Selbstachtung1 wie folgt zusammengefasst werden können (Ansbacher & Ansbacher, 1995): Der Mensch ist ein soziales Wesen, das ohne die Zuneigung und die Betreuung von Bezugspersonen nicht überleben kann. Jeder Mensch ist wertvoll und gleich viel wert wie sein Gegenüber.2 Der Mensch ist, wie das Wort Individuum besagt, unteilbar, er ist somit eine Ganzheit.3 Er ist auf Beziehungen zu anderen Menschen angewiesen, da er bei seiner Geburt allein nicht überlebensfähig ist. Er macht sich in den ersten Lebensjahren im Austausch mit seinen primären Bezugspersonen ein Bild von sich, den anderen und der Welt. Adler spricht vom Lebensstil. Dieser Begriff der Individualpsychologie ist im allgemeinen Sprachgebrauch am ehesten mit «Charakter» oder «Persönlichkeit» gleichzusetzen. Adler betont dabei die kompensierende Eigenschaft des Lebensstils, da dieser die individuelle Antwort des Menschen auf das selbst erfahrene und meist unbewusst akzeptierte «Nichtgenügen» im Austausch mit seiner Umwelt darstellt.

Wie entsteht die Persönlichkeit eines Menschen?

Grundsätzlich wird die Persönlichkeit in den ersten Lebensjahren gebildet. Sie wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst: «nature» und «nurture». Diese beiden Schlagworte umreissen einen alten Streit, welche Faktoren den Menschen mehr bestimmen: seine Genetik («nature») und die daraus resultierende körperliche Beschaffenheit oder die «weichen» Faktoren der Sozialisation («nurture»). Weiche Faktoren sind beispielsweise das soziale Geschlecht («gender») und die daran geknüpften Erwartungen, die Familienkonstellation und der Erziehungsstil. Hinzu kommt eine Art schöpferische Kraft des Kindes, die es ihm ermöglicht, die wahrgenommenen Dinge zu deuten und diese auch wieder zu verwerfen. Das heisst, dass für die Entstehung der Persönlichkeit objektive, reale Dinge nicht relevant sind, sondern deren subjektive Deutung. Nimmt das Kind beispielsweise die elterliche Mimik wahr, entwickelt diese Wahrnehmung, für sich genommen, nicht die Persönlichkeit des Kindes. Erst die Einordnung der Mimik und die (Be-)Deutung, die das Kleinkind dieser Wahrnehmung in diesem Moment zuweist, tragen zu seiner Persönlichkeitsentwicklung bei. Dies ist im Erwachsenenalter auch so. Daher empfiehlt es sich in vielerlei Hinsicht, zwischen der Wahrnehmung und ihrer Deutung zu unterscheiden. Die Folge sind weniger Selbstzweifel, weniger Potenzial für Missverständnisse, weniger Vermutungen, die sich selbst verstärken, weniger Belastungen.

Dazu folgendes Beispiel: Jemand sieht, wie eine alte, ganz in Schwarz gekleidete Frau die Strasse überquert. Unwillkürlich denkt dieser Jemand, dass die Frau in Trauer ist: Ist ihr Mann, ihr Kind, ihre beste Freundin gestorben? Dies ist jedoch bloss eine Vermutung, denn das einzig Sichere ist, dass die Person eine schwarz gekleidete Frau sieht. Vielleicht trägt die Frau auch immer schwarze Kleider, einfach weil ihr das so gefällt. Vielleicht hat sie ihre übrige Bekleidung gerade in die Reinigung gebracht. Oder vielleicht ist ihr am Morgen ein Missgeschick passiert und ihr neues Kleid ist dabei dreckig geworden – es gibt viele Erklärungsmöglichkeiten. Dies ist ein einfaches Beispiel, das sich auf das Leben der Beteiligten wahrscheinlich nicht auswirken wird.

Explosiver ist die folgende Situation: Eine Frau ruft ihre Bekannte an, um sich von deren Geburtstagsfeier abzumelden. Wenn die einladende Gastgeberin die Absage als Zurückweisung versteht («Sie hat was gegen mich!»), fängt die Vermutungsspirale an, sich zu drehen. Das Eskalationspotenzial geht bis zu einer immerwährenden Feindschaft. Eine direkte Klärung ist deswegen selbstachtsam und angesagt, weil nur so ein mögliches Missverständnis mit belastenden Folgen verhindert werden kann.

Oftmals seufzen Eltern ratlos: «Weshalb sind unsere Kinder so unterschiedlich? Wir haben doch alle gleich erzogen!» Die nachfolgenden Aspekte geben eine Antwort darauf und zeigen auf, dass kein Kind die gleiche Ausgangslage für die Entwicklung seiner Persönlichkeit hat. Durch diese Betrachtungsweise kann erkannt und nachvollzogen werden, dass jeder Mensch der Schöpfer seiner eigenen Welt ist.

«Nature»: genetische Faktoren

Unter diesen Faktoren sind diejenigen Aspekte zu verstehen, die vererbt werden. Dazu gehört die Beschaffenheit unseres Körpers (Körperbau), unsere genetischen Anlagen und die Beschaffenheit der Organe.

Eine körperliche Behinderung kann sich auch auf die Bildung der Persönlichkeit auswirken, und zwar entweder durch Entmutigung, Resignation oder durch Kompensation und Resilienz (Widerstandsfähigkeit). Kommt ein Kind beispielsweise blind auf die Welt, kann es mit seinem Schicksal und der Ungerechtigkeit hadern oder aber diese Behinderung in einen anderen Rahmen stellen. Vielleicht bemerkt es, dass es zwar nichts sieht, aber dafür umso feiner hört, riecht und tastet. Vielleicht kommt es deswegen zu dem Schluss, dass die Vorteile einer so feinen Sinneswahrnehmung die Nachteile des Blindseins ausgleichen können. Wieder ist hier die Deutung der Tatsache der Baustein für die Persönlichkeitsentwicklung, nicht die Tatsache selbst.

«Nurture»: das soziale Geschlecht («gender»)

Die englische Sprache unterscheidet zwischen biologischem Geschlecht («sex») und sozialem Geschlecht («gender»). Das biologische Geschlecht wird durch das Vorhandensein primärer Geschlechtsorgane bestimmt. Hier geht es jedoch nicht primär um das Geschlecht an sich, sondern um die Rolle, um die Bedeutung, die einem Geschlecht in der Familie, in der Gesellschaft und in der Kultur zukommt. Welche Bedeutung misst eine Familie dem Geschlecht bei? Ist es für ein Ehepaar wichtiger, ein Mädchen oder einen Knaben zu bekommen? Zudem spielt die Reihenfolge der Geschwister eine Rolle (einziges Mädchen unter Knaben oder einziger Knabe unter Mädchen). In einer eher männlich orientierten Familie kann ein Mädchen beispielsweise das Verhalten eines Jungen annehmen oder ein Knabe, der sich als Junge unterlegen fühlt, kann eher weibliche Züge übernehmen.

1 Die Individualpsychologie ist – im Gegensatz zur heutigen Bedeutung des Wortes «individuell» – eine Sozialpsychologie, in der es auch um das Zusammenleben in der Gemeinschaft geht. So prägte Alfred Adler die Begriffe der «eisernen Logik des Zusammenlebens» und des «Gemeinschaftsgefühls».

2 Diese Gleichwertigkeit ist eine wichtige Voraussetzung für die Selbstachtung, da sie mitunter deren Wahrnehmung legitimiert.

3 Dennoch gibt es in der abendländischen Tradition die Dreiteilung des Menschen in Leib, Geist und Seele. Diese Aufteilung dient hier dazu, die Komplexität des Menschen zu erfassen und dem Zusammenwirken dieser drei Aspekte Rechnung zu tragen.

Die Familienkonstellation

Bei der Familienkonstellation sind neben den Werten, die in einer Familie gelten, die soziale Stellung (Arbeiter-, Akademiker-, Mittelstandsfamilie, berühmte Eltern), die Beziehung zu den eigenen Eltern, die Geschwisterreihe und die Familienatmosphäre zentrale Aspekte.

In der Familie lernt und entwickelt das Kind die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, die dann auch als Vorbild dienen, wie das Kind diese in der Umwelt (Tagesstätte, Kindergarten, Schule) lebt. Das Kind versucht, seinen Platz in der Familie zu finden. Sein Streben ist darauf ausgelegt, ein Gefühl der Sicherheit, ein Gefühl des Dazugehörens zu erreichen. Es entwickelt und pflegt diejenigen Eigenschaften, von denen es sich Bedeutung verspricht. Es beeinflusst damit die anderen Familienmitglieder, die es ihrerseits beeinflussen.

Bei der Geschwisterreihe kann zwischen dem Einzelkind, dem ersten, dem zweiten, dem mittleren (von dreien oder in grösseren Familien) und dem jüngsten Kind unterschieden werden. Das Einzelkind hat einen schweren Start, da es in seiner ganzen Kindheit das einzige Kind unter Erwachsenen ist, die mehr können. Es kann dann versuchen, Fertigkeiten zu entwickeln, von denen es sich Bedeutung bei den Erwachsenen verspricht. Es setzt sich hohe Ziele, da es sich an den Standards der Erwachsenen misst. Bei den Eltern ist zu unterscheiden, ob sie mehr als ein Kind wollten, aber keine mehr haben konnten, oder ob sie gar kein Kind haben wollten. Im ersten Fall ist die Versuchung gross, dass Eltern eine einengende und oder auch überbehütende Beziehung zu ihrem Nachwuchs entwickeln. Im letzteren Fall besteht das Risiko, dass das Kind abgelehnt wird – entweder prägen dann Kälte und Gefühlsarmut die Kindheit oder eine übermässige Besorgtheit, wenn sich die Eltern vor ihrem Kind schuldig fühlen, um ihre wahren Gefühle zu verbergen. Ein Einzelkind kann – aus diesen Überlegungen heraus – Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung zu Gleichaltrigen entwickeln.

Mögliche Merkmale für Einzelkinder sind:

im Mittelpunkt stehen wollen,

tendenziell nur an sich selbst interessiert sein,

ehrgeizig sein,

erfolgsorientiert sein,

unsicher sein, weil die Eltern Verlustängste haben («Du bist alles, was wir haben!»).

Das erste Kind ist in den meisten Fällen für einige Zeit ein Einzelkind, und zwar so lange, bis das zweite geboren wird. Es hat in dieser Zeit die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern, die neu in dieser Rolle sind. Durch die Geburt des zweiten Kindes kann es entmutigt werden: Die Geburt eines Geschwisters kann für erstgeborene Kinder auch als «Entthronung» bezeichnet werden. Es besteht die Tendenz, Verantwortung zu übernehmen, sich verantwortlich zu fühlen.

Mögliche Merkmale des ersten Kindes:

kann sich durch die Fortschritte des zweiten Kindes bedroht fühlen,

versucht durch Überlegenheit gegenüber dem anderen Kind «erste*r» zu bleiben,

fühlt sich möglicherweise nicht mehr so geliebt, weil es bemerkt, wie sehr sich die Eltern um das Neugeborene kümmern,

um die Oberhand zu behalten, kann es das kleine Geschwisterkind als grosser Bruder oder grosse Schwester beschützen.

Das zweite Kind versucht, seinen älteren Bruder oder seine ältere Schwester zu erreichen. Häufig überholt es sein älteres Geschwister zu einem gewissen Zeitpunkt in seiner Entwicklung. Das zweite Kind kann sich herausgefordert fühlen, da es dem ersten nacheifert. Die Eltern haben erste Erfahrungen gemacht und dürften gegenüber dem zweiten Kind ruhiger und gelassener sein.

Mögliche Merkmale des zweiten Kindes:

hat nie die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern,

steht immer an zweiter Stelle, was die Gleichwertigkeit für dieses Kind in Frage stellt,

kann sich wie in einem Wettrennen fühlen und demzufolge sehr aktiv sein,

kann sich tendenziell unsicher fühlen, wenn das erste Kind erfolgreich ist – sowohl in Bezug auf sich selbst als auch auf die eigenen Fähigkeiten,

kann oftmals das Gegenteil des ersten Kindes sein, da die Rolle, die das erste ausfüllt, bereits besetzt ist,

sucht die Anerkennung tendenziell weniger bei den Erwachsenen, sondern eher bei den Gleichaltrigen.

Beim mittleren Kind ist zu unterscheiden, ob es das mittlere von dreien oder von mehreren Kindern ist. Das mittlere Kind von dreien kann auch als «Sandwich-Kind» bezeichnet werden. Es kann sich vernachlässigt fühlen, da das ältere Geschwister mehr kann und das jüngere mehr Aufmerksamkeit erfährt. Beim mittleren Kind einer grösseren Familie dürften Konflikte zwischen den Geschwistern weniger stark ausgeprägt sein, da auch das «Streben nach Konkurrenz» untereinander kleiner ist. Die Eltern haben weniger Zeit, die Kinder zu bedienen, sie zu verwöhnen oder sich in die Beziehung einzumischen. Zudem hängen die Kinder mehr voneinander ab, müssen zusammenhalten und zusammenarbeiten. Sie sind faktisch gezwungen, Verantwortung für sich zu übernehmen.

Mögliche Merkmale des mittleren Kindes:

hat weder die Rechte des älteren Kindes noch die Vorteile des jüngeren,

kann sich dadurch auch weniger geliebt oder gar ungeliebt fühlen.

Das jüngste Kind wird im Gegensatz zu seinen älteren Geschwistern nie entthront. Diese Position hat einen Vor- und einen Nachteil: Einerseits kann es sich sehr schnell entwickeln, da es den Rückstand zu den anderen Geschwistern aufholen möchte, andererseits kann es sich gegenüber den anderen unterlegen und somit entmutigt fühlen.

Mögliche Merkmale des jüngsten Kindes: Es

bekommt oft weniger Druck der Eltern zu spüren,

hat die Möglichkeit, andere in seinen Dienst zu stellen (Babyrolle, gewohnt, dass andere für es Dinge entscheiden oder erledigen),

kann sich möglicherweise von seinen Geschwistern nicht ernst genommen fühlen.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass nur das Einzelkind und das Jüngstgeborene gleichbleibende Rollen haben. Das Einzelkind bleibt in seiner Rolle, weil es keine Geschwister hat, das Jüngste, weil es nur ältere Geschwister hat oder immer das «Nesthäkchen» bleibt.

Das erstgeborene Kind übernimmt die Rolle des Einzelkindes und diejenige des oder der Ältesten, während die mittleren Kinder in der Position sind, ältere und jüngere Geschwister zu haben.

Obwohl die genetischen Voraussetzungen bei gleichen Eltern ähnlich sind, die Eltern ihre Kinder auch nach Kräften gleich behandeln, können die Kinder aufgrund ihrer Position in der Familie ganz unterschiedliche Erfahrungen machen und diese auch unterschiedlich deuten. So kommen die grossen Unterschiede in der Geschwisterreihe zustande – ganz zu schweigen von den unbegrenzten, facettenreichen und nuancierten Interpretationen dieser Rollen im Alltag.

Die Familienatmosphäre kann am ehesten mit den Werten umschrieben werden, die in einer Familie gelten. Wenn beide Elternteile die gleichen Werte als wichtig erachten, können sich Familiennormen entwickeln, die die Familienatmosphäre prägen. Gehen die Familienmitglieder wohlwollend, freundschaftlich, wertschätzend oder unterdrückend, ablehnend, herabsetzend miteinander um? Lässt man die Türen sperrangelweit offen, angelehnt oder fest verschlossen – auch im übertragenen Sinne? Das Kind muss dann wohl oder übel zu diesen Normen einen Standpunkt einnehmen. Wenn ein Kind eher angepasst ist, wird es diese Werte und Normen vermutlich akzeptieren. Hat es eher ein rebellisches Temperament, wird es diesen Normen und Werten eher den Rücken zuwenden.

Je nach wahrgenommener Familienatmosphäre sind die Konsequenzen für das Kind unterschiedlich. Dabei müssen die geltenden Werte nicht einmal ausgesprochen sein – das Kind bemerkt sie an der Mimik, Gestik oder am Verhalten der Eltern. «Ein alter Indianer kennt keinen Schmerz!» – wenn in einer Familie ein solches Motto herrscht, kann dies die Familienatmosphäre stark prägen. Das Motto muss nicht einmal ausgesprochen werden: Das Kind bemerkt es an der ungehaltenen, vielleicht ablehnenden Mimik oder Gestik der Eltern, wenn es aus Schmerz weinen will. Dass dieses Kind im Erwachsenenalter Schwierigkeiten haben wird, seine Gefühle zu zeigen, dürfte auf der Hand liegen.

Der Erziehungsstil

Es gibt verschiedene Erziehungsstile, die von der autoritären bis zur antiautoritären Erziehung reichen. Der Unterschied zwischen diesen beiden Stilen liegt darin, wie viele Regeln und wieviel Strenge zu deren Durchsetzung verwendet werden. Bei der autoritären Erziehung gibt es viele Ge- und Verbote, und im Bedarfsfall werden diese mit Vehemenz durchgesetzt. Bei der antiautoritären Erziehung existieren Regeln und Strenge hingegen praktisch nicht.

Wie selbstachtsam ein Mensch später mit sich umgeht, hängt jedoch nicht so sehr vom autoritären oder antiautoritären Erziehungsstil ab, sondern von der folgenden Frage: Wird ein ermutigender oder ein entmutigender Erziehungsstil angewendet? Der ermutigende Erziehungsstil stärkt das Kind und bereitet sein Sozialverhalten auf das Leben vor – eine Erziehung zur Gemeinschaft, sodass das Kind später möglichst gut und selbstbestimmt durch das Leben gehen kann. Von diesem Erziehungsstil kann behauptet werden, dass er für das ganze Leben ausgelegt ist, weil er die Kinder in ihrer Entwicklung und in ihrer Einzigartigkeit unterstützt und respektiert. Zudem kann ihm eine existenzielle Bedeutung zugeschrieben werden, da er eine persönlichkeitsstärkende und -fördernde Wirkung hat. Es gilt, das Kind zu begleiten, wenn es sich impulsiv mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Es soll sich altersadäquat mit den Folgen seines Handelns auseinandersetzen, um sein Wachstum zu fördern und sich von seinem eigenen Wert zu überzeugen. Das Kind erhält mit diesem Erziehungsstil die Bestätigung, dass es gut ist, wie es ist, und den Respekt anderer verdient. Vertrauen spielt dabei eine grosse Rolle: Das Kind soll sich auf seine Bezugspersonen verlassen können. Deswegen sind die primären Bezugspersonen wie die Eltern so wichtige Vorbilder.

Eine positive Erziehungshaltung der Eltern kann nach Posth auch «in der Ausgewogenheit und Sachbezogenheit ihres kommentierenden Eingreifens» (2009, S. 261) erkannt werden. «Das heisst, das verdiente Lob ist so förderlich wie der berechtigte Tadel» (Posth, 2009, S. 261).

Der entmutigende Erziehungsstil kann auch als falscher Erziehungsstil bezeichnet werden. Merkmale dafür sind Lieblosigkeit und Härte. Der Erziehungsperson geht es dabei um Macht. Es entsteht eine Hierarchie, ein «Oben und Unten». Tadel und Kritik werden als häufiges Erziehungsmittel eingesetzt, insbesondere dann, wenn das Kind Fehler macht. «... Komm, lass mich das machen …» ist eine nicht selten gehörte Reaktion ungeduldiger Eltern.4 Damit wird das Kind der Möglichkeit beraubt, sich selbst durchzukämpfen und zu lernen. Daraus kann das Kind ableiten, dass es wichtiger ist, Fehler zu vermeiden, als neue Herausforderungen anzugehen und zu meistern. Weiter besteht die Tendenz, Regelüberschreitungen des Kindes mit rigiden Sanktionen zu begegnen. Strafe ist dann eine willkürliche Massnahme und keine «logische Auswirkung» des Verhaltens. Die entmutigende Wirkung dieses Erziehungsstils hat zur Folge, dass das Kind mit Gefühlen der Ablehnung, des Hasses und des Misstrauens reagiert, und zwar nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen. Selbstablehnung kann entstehen, weil es bestimmte Gefühle nicht ausleben darf. Um von seinen Eltern akzeptiert und geliebt zu werden, klammert es diese Gefühle aus und entwickelt so eine Überlebensstrategie, für die es später einen Preis zahlen wird. Dann wird das Kind gefordert sein, sich diese Gefühle wieder mit gutem Gewissen zu erlauben.

An dieser Stelle sei es erlaubt, ein Plädoyer gegen die Gewalt in der Erziehung zu halten.

Gewalt bedeutet in diesem Zusammenhang, die Macht und die Mittel zu haben, um einen Menschen zu etwas zu zwingen oder von etwas abzuhalten – auch gegen seinen Willen. Diese Gewaltform kann physisch oder psychisch sein. Physische Gewalt richtet sich unmittelbar gegen den Körper, psychische gegen die Seele des oder der Betroffenen. Im Fall der psychischen Gewalt stellt sich die Frage, wo sie eigentlich beginnt.

«Eine Ohrfeige zur rechten Zeit hat noch niemandem geschadet» – diese Aussage ist schlicht falsch. Sie legitimiert die Gewalt des Stärkeren gegen den Schwächeren, während sie dem Opfer abspricht, eines zu sein. Die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage wird nur von der Häufigkeit, mit der sie genannt wird, übertroffen.5 Bestrafung, um Gehorsam oder Ordnung zu erzwingen, bewirkt, dass das Kind abgehalten wird, die Tat zu bereuen! Trotz- und Schuldgefühle werden neben Rachegelüsten geweckt. Damit wird der verheerende und unnütze Kreislauf von Fehlverhalten – Bestrafung – Wut – Rachegefühlen – erneutes Fehlverhalten in Gang gesetzt. Was verhindert werden sollte, wird durch die Bestrafung erst recht angeheizt!

Was bewirken also Bestrafung oder Gewalt bei einem Kinde? Genau das Gegenteil von dem, was die meisten Eltern für ihre Kinder wollen und wünschen: Selbstvertrauen, die Förderung der Selbständigkeit und die Möglichkeit, sich zu entfalten. Den eigenen Kindern soll es später einmal gut gehen. Sie sollen selbstbewusst durchs Leben gehen können, sich eine gute Ausbildung und einen spannenden Job zutrauen, möglichst nicht die Probleme haben, unter denen die Eltern gelitten haben. Wer sein Kind mit Gewalt erzieht, wird aber genau das Gegenteil erreichen. Neben dem physischen Schmerz wird das Kind gedemütigt, wird zum Objekt gemacht, fühlt sich ungeliebt, ohnmächtig und unverstanden. Zudem wird es in seiner Selbstachtung verletzt. Weiter kann es in seinen kognitiven Leistungen beeinträchtigt werden (z. B. Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten). Der Hass wird geschürt und bei regelmässigem Einsatz von Gewalt kann ein Trauma entstehen. Spätfolgen können auch ein aggressives, kriminelles oder antisoziales Verhalten sein – viele erwachsene Gewalttäter und Gewalttäterinnen haben in ihrer Kindheit selbst Gewalt erfahren – ein Teufelskreis, wenn diese Menschen eigene Kinder aufziehen.

Auch die psychische Gewalt hinterlässt Spuren, denn auch sie ist schädlich. Sie fängt dort an, wo das Selbstvertrauen und das Vertrauen des Kindes in seine Bezugspersonen untergraben wird. Psychische Gewalt kann sich durch Schreien, Drohen, Demütigen, Angstmachen, Zurückweisen, Blossstellen oder Liebesentzug (längere Zeit das Gespräch verweigern oder Aussagen wie «Ich habe dich nicht mehr lieb») äussern.6

Oftmals sind die Eltern überfordert, und es ist ein Zeichen der eigenen Hilflosigkeit, wenn sie mit Gewalt reagieren. Dessen sollten sich die Eltern bewusst sein und ihren Stress nicht über die Kinder abbauen. Eine hilflose und gewalttätige Reaktion ist nicht selbstachtsam und hat keine vorbildhafte Wirkung auf die Kinder. Selbstachtsam ist ein solches Verhalten insbesondere deshalb nicht, weil danach (richtiger- und berechtigterweise) Schuldgefühle aufkommen, das Kind schlecht behandelt zu haben.

Besser wäre es, sich in einer ruhigen Phase zu fragen, in welchen Momenten das Kind mit seinem Verhalten dieses negative Gefühl, das in einem selbst existiert, auslöst und welche Bedürfnisse sich dahinter verstecken, zum Beispiel Aufmerksamkeit, Anerkennung oder Macht. Die Entwicklung des Kindes kann durch die psychische Gewalt behindert werden, da es seine Orientierung und seinen Halt zu verlieren droht. Ebenso kann sich das Kind minderwertig oder wertlos fühlen.

Eine sehr subtile Art der psychischen Gewalt ist, wenn die Eltern ihrem Kind sagen, dass sie traurig sind, weil es nicht gehorcht hat («Du machst mich traurig, wenn du mir nicht gehorchst!»). Die Mutter oder der Vater versucht, mit einer solchen Aussage an das schlechte Gewissen des Kindes zu appellieren, um das ungehorsame Verhalten zu korrigieren oder die Kooperationsbereitschaft des Kindes zu erhöhen. Der Elternteil erhofft sich davon, dass das Kind einlenkt, weil es seine Eltern trösten will. Man könnte dem Kind stattdessen einfach direkt sagen, dass man mit seinem Verhalten nicht einverstanden ist («Ich bin nicht damit einverstanden, wenn du so mit deiner Schwester sprichst»)!

Fehler passieren in der Erziehung – das ist menschlich. Im Umgang mit Fehlern haben die Eltern eine sehr gute Möglichkeit, dem Kind zu zeigen, wie man vorbildlich damit umgeht. Es ist zentral und wichtig, dem Kind eine emotionale Sicherheit nicht nur zu geben, sondern diese auch zu leben. Die Zuwendung der Eltern sollte sich das Kind nicht verdienen müssen, sondern sie sollte stabil und zuverlässig gegeben werden. Das Kind sollte aus Erfahrung lernen können, dass es die Zuwendung der Eltern ohne Bedingungen bekommt. Dadurch fühlt sich das Kind in seiner Person auch geachtet. Es hat eine zuverlässige Anlaufstelle, wenn es ihm nicht so gut geht oder im schulischen Alltag etwas passiert ist, das es stark beschäftigt. Auch später in der Pubertät oder in der Adoleszenz brauchen die Jugendlichen die Eltern. Selbst wenn die Beziehungspflege in dieser Phase oftmals einseitig ist, ist es wichtig, dass sie bestehen bleibt. Das Eltern-Kind-Verhältnis geht in eine Beziehung wohlwollender Freundschaft über. Für das Kind da zu sein und damit implizit mitzuteilen «Ich interessiere mich für dich», wird zu einer neuen, wichtigen und zugleich herausfordernden Rolle für die Eltern.

Psychische Gewalt geschieht oft aus dem Affekt heraus. Sie zeigt die Hilflosigkeit der Eltern. Diese täten gut daran, sich darüber zu informieren, was das Kind in welchem Alter insbesondere in der Emotionsregulierung kann und inwieweit es überfordert ist. Sicherlich würde dies auch helfen, realistische und altersadäquate Forderungen an das Kind zu stellen. Eltern können ausserdem das Selbstvertrauen des Kindes fördern (Dinge beibringen, die für ein unabhängiges Leben benötigt werden, z. B. kochen oder Gegenstände reparieren). Damit wächst beim Kind das Vertrauen in seine Fähigkeiten stetig. Weiter kann dem Kind Verantwortung für Aufgaben in der Familie übertragen werden. Es leistet somit einen Beitrag zum Gelingen des Alltags (z. B. Haustiere füttern, Tisch decken oder ein Vorhaben eigenverantwortlich planen). Das Kind erfährt und entwickelt dabei das Gefühl, gebraucht zu werden, was für die Stärkung des Selbstwertgefühls wichtig ist. Daraus entsteht «Nahrung für die Selbstachtung», nämlich das Gefühl, «geliebt zu werden» und «kompetent zu sein» (André & Lelord, 2011, S. 24). Die Eltern können die Selbstachtung des Kindes auch fördern, indem sie auf ausgesprochene Selbstzweifel des Kindes eingehen. So ergibt sich die Gelegenheit, den Umgang mit diesem Gefühl vorzuleben. Dies ist wichtig, weil das Kind dann den sozialen Rückhalt spürt. Die Eltern sollen das Kind ihre echte Anteilnahme fühlen lassen und die Wahrnehmung des Kindes nicht bagatellisieren: «Ach, das ist doch nicht so schlimm …» hilft eben meistens nicht. Das Kind darin zu unterstützen, eigene Lösungen zu finden, ist hilfreich, vertieft die Beziehung und stärkt die Selbstachtsamkeit.

Mit diesem im Zusammenhang stehenden Plädoyer sei aufgezeigt, dass Gewalt in der Eltern-Kind-Beziehung schadet, denn miteinander kommt man viel besser ans Ziel!

Ein weiterer entmutigender Erziehungsstil ist die Verwöhnung. Diese zeichnet sich durch eine «übertriebene Milde» und eine «übertriebenen Nachsicht» aus (Brunner, Kausen & Titze, 1985). Das Kind ist bei diesem Erziehungsstil versucht, seine Macht auszudehnen und die Erziehungsverantwortlichen gefügig zu machen.

Neben diesen vier Hauptaspekten der Persönlichkeitsbildung (genetische Faktoren, soziales Geschlecht, Familienkonstellation und Erziehungsstil) können auch wichtige, einschneidende Ereignisse einen Einfluss haben. Hier sind insbesondere Unfälle, Krankheiten, häufige Umzüge, Umzüge in ein anderes Milieu, Tod eines Elternteils oder eines Geschwisters, Aufnahme eines Familienangehörigen, Scheidung, Krieg, Hungersnöte, Pandemien oder sexuelle Schockerlebnisse zu nennen.