ANA AVILA - Jutta Kindler - E-Book

ANA AVILA E-Book

Jutta Kindler

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Beschreibung

Hanna Schaffmann verliebt sich und heiratet ihre große Liebe. Schon nach einer kurzen Ehezeit beginnt ihr Ehemann, sie zu misshandeln, zu schlagen und zu quälen, wie immer es ihm gerade einfällt. Hanna kann sich nicht wehren, doch instinktiv wächst in ihr der Plan, sich für all die Qualen zu revanchieren. Sie beginnt seine Aktivitäten zu überwachen und stellt fest, dass er nicht nur gewalttätig, sondern auch betrügerisch in der Welt des Immobilienhandels tätig ist. Sie findet gehortete Gelder in seinem Safe sowie auf verschiedenen Konten, und ihr Plan beginnt zu reifen. Die portugiesische Putzfrau im Haus, auch eine der Betrogenen, wie sich herausstellt, wird zu ihrer Freundin und schließlich zu ihrer Komplizin. Eine gute Portion Glück, ihre wachsende Kraft und die dumme Selbstherrlichkeit dieses Mannes machen es möglich, diesen Ehemann zu demontieren, ihm alles zu nehmen, und letztlich selbst unauffindbar zu sein. Als veränderte Frau mit neuer Nationalität geht sie mit ihrer Freundin nach Portugal und genießt fortan ihre Freiheit.

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EPUB
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Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jutta Kindler

ANA AVILA

eine kluge Frau verschafft sich Freiheit

ROMAN

1, Auflage

Verlag & Druck

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg

Copyright © 2023

 

 

Autorin

:

Jutta Kindler alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung:

 

Jutta Kindler

Fotos

:

Jutta Kindler

ISBN

:

Softcover      978-3-347-99388-4 Hardcover     978-3-347-99389-1 E-Book          978-3-347-99390-7

Das Werk einschl. seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich, jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig, Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.

Die Geschichte und die teilnehmenden Personen mit deren Namen und Wohnorten sind frei erfunden.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Jutta Kindler

ANA AVILA

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Kapitel 1

Jutta Kindler

ANA AVILA

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Der satte Sound eines Boxermotors ist auf der Avenida do Brasil zu hören. Jeder, der diesen Ton schon aus der Ferne im Ohr hat, weiß mittlerweile, dass das Ana sein muss, die wieder einmal einen ihrer Ausflüge lebt und dabei so sanft lächelt. Sie bleiben stehen bis sie an ihnen vorbeirauscht, winken ihr zu und schauen ihr und dem Schweif aus wehenden Haaren und feiner Stoffumhüllung nach. Sie hasst die Motorradkluft, die sie so sehr einengt. Jeder hier kennt und schätzt die freundliche und herzliche junge Frau, die vor einigen Jahren in der Altstadt von Porto, nahe der Avenida dos Aliados, eine Boutique eröffnet hat, in der sie nicht nur Mode aus der eigenen Werkstatt, sondern auch ihre eigenen Bilder präsentiert.

Und alle Nachbarn wissen, dass ein Plausch mit dieser bezaubernden Ana stets mit dem Genuss eines köstlichen Espressos verbunden ist, oder auch ein Gläschen Portwein in den Sesseln vor ihrem Laden ausgeschenkt wird. Sie wissen auch, dass das mit ihr gemeinsam nur dann möglich ist, wenn deren imposante Maschine davor geparkt ist. Ana liebt diese kurzen Trips zwischendurch und nimmt sich die Zeit, wann immer es möglich ist, um mit ihrer BMW am Atlantik entlang zu brausen oder die Gegend in und um Porto herum noch intensiver kennenzulernen. Man soll sie schließlich für eine Einheimische halten.

Die Weite des Meeres ist für Ana der Inbegriffe von Freiheit und sie genießt jede Sekunde, in denen sie ihren Blick bis zum Horizont schweifen lassen kann. Es gibt eine Stelle, an der ein dicker Fels im flachen Wasser steht. Ein malerisches Bild.

Auf jedem ihrer Ausflüge steuert sie ihre Maschine über den Strand dorthin, bockt sie davor auf, klettert auf den Gesteinsbrocken und setzt sich obenauf. Dieses Bild ist noch malerischer, denn hier hält Ana inne und thront eine Zeit lang bewegungslos auf der Steinwölbung, wie von einem Bildhauer erschaffen. Von der kühlen Meeresbrise umweht lässt sie ihren Gedanken freien Lauf, schaut nur übers Wasser, genießt die Sonne auf der Haut und dieses Gefühl von Freiheit, das immer noch so neu für sie ist.

Nach einiger Zeit fährt sie zurück in den Laden, begrüßt Kunden, freut sich auf die gemeinsamen Espressos mit ihnen oder mit den wieder einmal dahockenden Nachbarn. Noch mehr jedoch auf das Gläschen mit ihrer vertrauten Geschäftspartnerin und Freundin Joana Silva.

Joana ist der Fels in ihrem Geschäft. Eine kleine zarte Portugiesin, fünfundvierzig, die trotz heftiger Nackenschläge im Leben überaus freundlich ist. Sie stammt aus Porto und kennt sich auch nach langer Abwesenheit in ihrer Heimatstadt sehr gut aus. Die Familie lebt hier seit Generationen. Heute hat sie nur noch ihren alten Vater, in dessen Restlaufzeit sie es sich beide so richtig gut gehen lassen.

Die beiden Frauen verbindet seit sehr vielen Jahren eine innigliche Freundschaft. Joana kümmert sich um den Verkauf, um Bestellungen von Materialien und Stoffen, um die Buchhaltung und sonst noch im Geschäft zu Erledigendes. Diese Aufgaben lassen sie förmlich aufblühen und – sie hat ein besonderes Händchen für alles, was diesen Laden und ihre Ana betrifft.

Irgendwann im Laufe des Tages, wenn das Licht im Atelier gut ist, bringt Ana neue Ideen zu Papier und staunt immer wieder aufs Neue, wie verlässlich diese Hände ihre Gefühle auf die Leinwand bringen. Dann wieder näht sie an einem bestellten Kostüm oder zeichnet den Entwurf eines neuen Kleides, je nach Lust und Laune und natürlich den Ansprüchen der Kundschaft entsprechend. Manche Tage sitzt sie bis in den späten Abend an den Maschinen, um den Wünschen ihrer Damen so schnell wie möglich gerecht zu werden. Die glänzenden Augen und das befriedigte Lächeln der Frauen, wenn sie ihr fertiges Stück betrachten und ein letztes Mal anprobieren, machen Ana sehr glücklich.

Es gibt kaum noch betrübliche Gedanken in ihrem Leben, obwohl sie die Vergangenheit wohl nie ganz verlassen wird. Sie denkt so manches Mal, dass sie noch immer auf der Hut sein müsste. Jedoch läuft das Geschäft gut, die Gelder aus dem alten Leben sind sicher eingelagert und ihr Wohlbefinden ist nahezu unumstößlich.

Ana Avila ist eine Frau Mitte Dreißig, sehr schlank, wohlgeformt und von stattlicher Größe. Ihr langes dunkelbraunes Haar trägt sie grundsätzlich offen, manchmal aber, meist während ihrer Arbeit, bindet sie es zu einem Knoten ganz oben auf dem Kopf zusammen.

Ihr Gesicht ist zart, ihr Teint immer leicht gebräunt. Die braunen Augen sind wach und aufmerksam, ihnen entgeht kaum etwas. Ihre portugiesischen Nachbarn mögen dieses anteilnehmende Wesen und deren Aufmerksamkeit, hilft Ana doch jedem, der ihr ein Problem anvertraut, wann und wie es nötig und möglich ist. Sie selbst nimmt es als oberstes Gebot anderen zu helfen oder einfach zuzuhören. Sie weiß nur zu gut, wie es ist, dringend Hilfe zu benötigen und die dann auch verlässlich zu bekommen.

Jeden Tag, wenn sie sich im Spiegel betrachtet, spürt sie das unendliche Glücksgefühl, diesen Stolz und diese Zufriedenheit. Sämtliche Blessuren aus alten Zeiten sind gänzlich verschwunden und ihr Äußeres, zwar immer noch manchmal etwas fremd, ist perfekt und ohne sichtbare Anzeichen erneuert. Bei jedem Blick freut sie sich diebisch über dieses andere Spiegelbild, ist sie doch nicht wirklich mehr wiederzuerkennen.

Heute sitzt José auf einem der Sessel, als Ana von ihrer Rundfahrt zurückkommt. Er wirkt amüsiert und lächelt, während er an seinem Gläschen Portwein schlürft, sein wohliges Gefühl steht ihm ins Gesicht geschrieben. Der warme und herzliche Blick, als er Ana kommen sieht, berührt sie sehr. Joana ist unterdessen mit einer Kundin beschäftigt, die mit einem gut verpackten Bild dabei ist, das Geschäft zu verlassen. Joana sieht Ana schon vor dem Laden und ruft etwas auf Portugiesisch zur Tür hinaus, was die Nationalität der Frau beschreibt und ein Stichwort darüber gibt, welches der Bilder die Dame gekauft hat. Eine deutsche Touristin mit dem gerade erworbenen Werk unter ihrem Arm lacht fröhlich, als sie beim Gehen vor der Tür auf Ana trifft. Die Malerin begrüßt sie und stellt sich in ihrem erlernt gebrochenen Deutsch vor. Ein Handschlag, kurz eine Erzählung über das Motiv der Malerei, im Gegenzug eine Information über die Stadt, aus der die Deutsche kommt, über die leider schon morgige Abreise und die damit verbundene Traurigkeit. Zum Schluss schwört sie noch, sie würde ganz sicher wiederkommen, weil es ihr so gut gefallen habe. Mit diesen Worten und der neuen Errungenschaft im Gepäck geht sie in Richtung Haltestelle der Linie1, der alten Tram aus den 1940er Jahren, mit der sie ein letztes Mal in diesem Urlaub entlang des Douro bis zum Hotel fahren möchte.

Nach dieser Verabschiedung nimmt Ana ihren José in den Arm, der sofort aufgestanden ist und auf sie zu tritt. Sie verharren lange so umarmt. Obwohl sie sich oft sehen, ist diese körperliche Begrüßung immer dieselbe, überaus herzlich, dankbar, mit tiefer Zuneigung und ohne viele Worte.

José Silva ist ein Mann mit fünfundsiebzig Jahren. Ein hübsch anzusehender Kerl, nicht sehr groß, schlank, ja immer noch drahtig, mit kurzen schwarz grauen Haaren, buschigen grauen Augenbrauen und sehr gutmütigen dunklen Augen, ganz Joanas Vater.

Er ist Uhrmacher. Ein Handwerk, das schon seit Generationen von den Vätern der Familie betrieben wurde. Josés Geschäft für Uhren und Schmuck liegt ganz in der Nähe. Defekte Uhren repariert er noch, doch muss er heute nicht mehr ständig im Laden sein.

Er hatte ein sehr schönes Leben gemeinsam mit seiner geliebten Frau, die ihn viel zu früh verlassen musste. Die beiden bewohnten ein feines altes, einst dekoratives aber nicht sehr großes Haus am Rande von Ribeira, das noch aus der vorherigen Generation stammte. Jeden Morgen verabschiedete ihn seine Frau an der Gartentür mit vielen Küssen auf Mund und Stirn, und er machte sich auf ins Geschäft.

Seit er dieses sinnliche Gefühl nicht mehr haben durfte, spürte er nur noch wenig Lebenswertes in sich. Zumal seine einzige Tochter auch nicht bei ihm sein konnte, und die dazu nicht wirklich Gutes aus dem fernen Deutschland zu berichten hatte. Zutiefst betrübt und sorgenvoll ließ er alles um sich herum schleifen, um Haus und Garten kümmerte er sich kaum noch. Seine Evita, die immer so liebevoll und umsichtig gewesen war, fehlte ihm sehr. Nur das Geschäft musste wohl oder übel in Gang bleiben, halbwegs einträglich, denn er brauchte die Einnahmen. Trotz Niedergeschlagenheit schaffte er das, allerdings hatte er darüber hinaus keine Kraft für Neues oder gar für Verschönerndes, weder im Haus, noch im Geschäft.

Beides hatte schon längst einen alten, verstaubten und muffigen Geruch angenommen. Kunden kamen nur noch, wenn sie ihre Lieblingsuhr reparieren lassen wollten. Kein Wunder, war doch das Äußere des Ladens nur wenig einladend und schon gar nicht so verführend, dass auch kauflustige Touristen ins Geschäft gelockt wurden. Selbst die vielen Freunde und Bekannten – er verstand sich einfach mit jedem in seiner Stadt, mit den Guten genauso wie mit den etwas Anrüchigen – schafften es nicht, ihm wieder neuen Lebensmut einzureden.

Das änderte sich deutlich, als seine Tochter wieder nach Hause gekommen war. Mit ihr lernte er von neuem, wie sich Fröhlichkeit anfühlt, wie gut lachen tut, und wie genüsslich seine Restlaufzeit sein kann. Und dann auch noch zusammen mit dieser Ana, die er nie zuvor gesehen hatte, für die er aber einmal einen seiner eher fragwürdigen Kontakte aktiviert hatte, um einen portugiesischen Pass möglich zu machen.

Die Frauen waren nach ihrer Ankunft in Porto mit je einem Rollkoffer in das alte Haus gezogen und alles wendete sich zum Guten. Joana hatte ihren Vater gebeten Ana auch aufzunehmen. Er hatte nichts dagegen, denn die Freundin seiner Tochter war ihm selbstverständlich ebenso willkommen. So viele Nächte hörte er den Erzählungen der beiden zu und erfuhr auch Anas unter allen Umständen zu bewahrendes Geheimnis.

Ana hatte ihrer Freundin versprochen, ihr wieder ein gutes Leben in der Heimat zu verschaffen, wenn sie nur immer akribisch aufeinander hören und nie zu viel über den anderen erzählen würden. Dieses von beiden gegebene Versprechen sollten sie für immer halten.

Mit Josés Einverständnis beauftragte Ana Avila die Renovierung und Instandsetzung des alten Hauses, sorgte für die Neugestaltung des Gartens und bezahlte die von José ausgesuchten Handwerker, Techniker und Gärtner gut. Es dauerte nur vier Monate, und Haus und Garten erstrahlten in neuem Glanz. Es waren zwei getrennte Wohnungen für Vater und Tochter mit einem gemeinsamen Platz in dem wieder wunderschönen Garten entstanden.

Gleich nach Abschluss aller Arbeiten hier hatte Ana die Handwerker in Josés Laden weiterbeschäftigt. Umsichtig verpackten die beiden Frauen Uhren und Schmuck, schafften alles ins Haus und leiteten die Renovierung in die richtigen Bahnen. Neue Vitrinen wurden angeschafft und mit hochwertigen Uhren bestückt. Der echte Schmuck aus altem Bestand bekam einen eigenen Schaukasten aus Glas, edler Modeschmuck für die Damen wurde eingekauft und von den beiden Frauen auf den Glasböden im Schaufenster dekoriert. Daneben schmückten sie die Auslage mit den Uhrenkollektionen international bekannter Werke. Die installierte Technik erlaubte schließlich die dezente Überwachung der wertvollen Stücke.

Joana wurde nach dem zwangsweisen Auszug aus dem ehelichen Haus in Norddeutschland von einer portugiesischen Freundin Unterschlupf gewährt, bei der sie geraume Zeit bleiben musste, weil sie keine erschwingliche Wohnung in der Umgebung finden konnte.

Luciana Mendès hatte ihr ganz selbstverständlich geholfen. Sie hatte Joana nicht ein einziges Mal gedrängt wieder auszuziehen. Zu dieser Zeit ging es allen nicht besonders gut, und so war es völlig klar sich gegenseitig zu helfen. Joana blieb, obwohl das Zusammenleben nur auf engem Raum möglich war. Als Dank dafür half sie mit den Kindern und im Haushalt.

Luciana und ihr Mann Henrique waren vor fünfzehn Jahren nach Deutschland ausgewandert, um ihr Glück zu suchen. Mittlerweile hatte Henrique seine Arbeit verloren, außer Gelegenheitsarbeiten fand er nichts Festes. Drei Kinder im Alter von drei, fünf und zwölf Jahren waren zu versorgen, das Geld vom Arbeitsamt und die wenigen Cents, die Luciana in einer Putzkolonne verdiente, reichten kaum. Auch Luciana konnte nur eine Arbeit als Reinigungskraft finden, obwohl sie eine kompetente Verkäuferin bei einem renommierten Juwelier war. So war das Glück in Deutschland dann wohl nicht wie erträumt zu finden.

Nach Joanas Rückkehr in die Heimat erzählte ihr Luciana In jedem Telefonat, wie liebend gern sie ihr folgen wollte, aber dass es dafür am nötigen Geld und an geeigneten Möglichkeiten fehlte. Dazu die Kinder und der arbeitslose geliebte Ehemann, der sich zutiefst für die Unfähigkeit schämt, der Familie kein Glück beschert zu haben.

„Welch eine vortreffliche Fügung“, hatte sich Ana gedacht, als Joana ihr den Wunsch der Freundin erzählte, und sie hatte sofort einen Vorschlag parat. Sie würden in Porto eine Wohnung für die Familie finden, die Schule für den Großen, die Betreuung für die beiden Kleinen organisieren und eine gut bezahlte Festanstellung in Papa Josès Uhren- und Schmuckgeschäft garantieren. Ana würde ihnen das nötige Geld schicken, damit sie die Rückkehr in die Heimat und alles damit Verbundene in die Wege leiten könnten.

Eine Arbeit für Henrique würde sicher auch bald gefunden, wenn er zum Beispiel sein Hobby der Informationstechnik intensiv erweitern könnte und damit zur Haupterwerbsmöglichkeit werden lassen würde.

So war rasch alles spruchreif, die Umsiedlung nach Porto vorbereitet, eine familiengerechte Wohnung gefunden, die Kinder untergebracht und die Stelle bei José angetreten. Nichts Besseres hätte ihnen einfallen können. Luciana hegt und pflegt Josés Geschäft wie ihr eigenes, Henrique hat eine gut bezahlte Aufgabe in einer IT-Firma gefunden, die Kinder fühlen sich wohl, Geld ist jetzt ausreichend vorhanden und die Familie ist wieder in der Heimat. Zu guter Letzt ist auch Joanas Vater entlastet, ohne sein Geschäft aufgegeben zu haben.

Heute steht José jeden Morgen auf der Terrasse und betrachtet sein ansehnliches Haus dankbar und zufrieden. Dann frühstückt er mit seiner Tochter und nimmt sie auf dem Weg zu ihrem Tagewerk am Gartentor noch einmal in den Arm. „Amo-te“, haucht er ihr jedes Mal ins Ohr, und seine Tochter küsst ihn auf die Wange.

Macht er sich dann langsam selbst auf den Weg zu seinem Geschäft, und kommt er mit etlichen Stopps bei Freunden endlich an, bleibt er auch hier vor der neuen, heute so ansprechenden Front des Ladens stehen und schaut sie sich lange an.

„S I L V A“ thront mit bronzenen Lettern über der bogenförmigen Schaufensterfront. Ein paar Minuten beobachtet er noch die geschäftige Luciana durchs Fenster. Wie gut sie sich macht – sein Glück ist kaum fassen.

Unterdessen hatte José für Ana einen Laden mit Wohnung hintendran ganz in der Nähe in derselben Straße aufgetan. Er kannte den Besitzer schon Jahrzehnte und wusste, wie händeringend der seine Immobilie verkaufen musste. José feilschte mit ihm um den Preis, und das machte er geschickt. Ana hatte sich das Objekt angesehen. Sie war begeistert von der Lage, von der Größe und von der gut geschnittenen Wohnung direkt hinter dem Geschäft. Erst recht von diesem durch José ausgehandelten Preis. Sie hatte sich sofort verliebt und konnte gar nicht anders, als zu kaufen.

Der Laden bestand aus einem Verkaufsraum mit großen Schaufenstern zur Rua do Bonjardim, einer belebten Geschäftsstraße. Die dahinter befindlichen Räume ließ Ana so umbauen, dass eine Teeküche, ein Kunden-WC, eine Anprobe und eine kleine Schneiderwerkstatt entstanden. Über einen kurzen Flur gelangte sie in die anschließende Wohnung, die nach Südwesten ausgerichtet hell und freundlich erschien.

Zwei große Zimmer, ein Nebenraum, Küche und Bad waren zwar renovierungsbedürftig, doch Ana gefiel sehr, was sie gekauft hatte.

Sie ließ Küche und Bad umbauen, die Fenster mit gesicherter Terrassentür zu dem kleinen Innenhof innerhalb der alten Bebauung erneuern und eine Wohnungseingangstür zwischen Ladenfläche und Wohnung einbauen. Nach der Restaurierung von Wänden und Decken malerten sie selbst, Joana und José die Flächen mit weißer Latexfarbe. Hiernach strahlten ihr neues Geschäft und ihr neues Zuhause noch heller, noch freundlicher.

Der Nebenraum wurde zu ihrem Atelier, obwohl sie sich an das Licht für ihre Malerei erst gewöhnen musste. Nach Einrichten von Laden und Wohnung erstand sie noch vier zierliche Metallsessel und einen passenden Tisch für alle, die sie besuchen wollten. Sie nähte die Kissenbezüge aus auffällig farbenfroh bedrucktem Leinen, dazu die Hüllen zur Aufnahme der weichen Polyesterflocken, drapierte die fertigen Kissen und schmückte den Tisch mit einer blühenden Pflanze, farblich passend zu den Kissen. Dieses einladende Plätzchen vor ihrem Geschäft ist bis heute jeden Tag gern besucht.

Ana ließ Flyer mit der Einladung zur Eröffnung drucken und verteilte sie zusammen mit José in der gesamten Stadt. Die Feier für Nachbarn, potentielle Kunden und für jeden hier entlang schlendernden Touristen wurde ein großer Erfolg. Fröhlich und immerzu plaudernd schnabulierten alle von dem üppigen Buffet und tranken den aus einer der besten Kellereien kredenzten Wein.

Ana lauschte zudem zufrieden den Werbungen der Nachbarn. Was könnte belebender sein.

Seither ist es amtlich, sie ist bekannt wie ein bunter Hund, diese Ana Avila aus Faro, dieses kraftvolle Weib mit dem dicken Motorrad vor der Tür, die Freundin von Josés Tochter, die sich mit ihrer wohl nicht unerheblichen Erbschaft eine neue Existenz in Porto geschaffen und den Silvas wieder Glück ins Haus gebracht hat.

Maria Joana Weigand lebte mit ihrem Ehemann in Bad Zwischenahn im Niedersächsischen.

Hier, ganz in der Nähe des Zwischenahner Meeres, der Städte Oldenburg und Wilhelmshaven an der Nordsee, hatte Alex Weigand einst sein Elternhaus geerbt. Ein großes, sehr edel gestaltetes Gebäude, in das Maria gerne eingezogen war.

In einem Urlaub in der Algarve sah sie diesen Mann am Tresen einer Strandbar sitzen und als sich ihre Blicke trafen, verliebte sie sich Hals über Kopf. Auch Alex schien diese Begegnung alles andere als einen oberflächlichen Flirt wert zu sein. Zu zweit war die Urlaubszeit von nun an um vieles schöner und hätte am liebsten niemals enden sollen.

Sie machten lange Strandspaziergänge, liebten sich an heimlichen Orten zwischen den Felsen, tobten im Meer wie kleine Kinder und lagen schließlich erschöpft und wortlos in der Sonne.

Alex hatte ein Sport Cabrio gemietet, knallrot, und wie er etwas hochmütig erklärte, selbstverständlich kostenlos, weil von seiner Firma in Deutschland bezahlt. Maria beeindruckte diese, wenn auch ein wenig prahlerische Art ihres Alex, seine Freude daran, und wie er seinen Hang für schöne Dinge unbedingt und sofort in die Tat umsetzte.

Die Ausflüge in die Umgebung mit ihm und dazu in diesem imposanten Gefährt waren für Maria ein einziges Vergnügen.

Sie besuchten Monchinique, Loulé und schließlich Benagil, wo sie abenteuerlich in Meereshöhlen und auf Felsen umher kraxelten. Auch Bartolomeu de Messines sollte nicht fehlen, was nahezu zum Höhepunkt aller Touren wurde. Zur Nacht hatte Alex dort ein Hotel an der Roa Nova da Boa Vista angesteuert und ein Zimmer gebucht, wo sie nach einem vorzüglichen Abendessen von ihrem kleinen Balkon den Blick auf den Monte Branco genossen. Er hatte alles bezahlt und Maria war entzückt von seiner Großzügigkeit. Wirtschaftlich ging es ihm offenbar sehr gut, und er gab ihr keinen Anlass daran zu zweifeln.

Zehn Tage verbrachten sie gemeinsam und beiden fiel der Gedanke an den Abschied schwer. Als sie sich im Terminal des Flughafens in Faro trennen mussten, konnten sie sich kaum aus der Umarmung lösen. Sein Flieger nach Bremen ging etwas früher, er musste los, lief so lange rückwärts zum Check-in, wie er Maria durch die Glasscheiben sehen und ihr zuwinken konnte. In den letzten Sekunden hatte er ihr noch ins Ohr geflüstert, dass sie ihn ganz schnell besuchen müsste, er würde darauf warten.

Bis zu ihrer Abfertigung hatte sie noch Zeit, weshalb sie sich in das nächstgelegenen Bistro setzte. Sie trank den servierten Kaffee und versank völlig verzückt in den Gedanken an diesen Alex.

Sie war wirklich verliebt und konnte sich sogar eine Zukunft mit ihm vorstellen, das hatte sie schon nach wenigen Tagen gespürt. Doch all diese Blitze in ihrem Kopf trugen nicht dazu bei, ihr Genaueres vor Augen zu führen. Wie sollte das auch möglich sein so entfernt voneinander. Wie sollte sie ändern, was ihr Leben hier ausmachte – das wüsste sie gerne. Mittlerweile blinkte auch ihr Flug nach Lissabon auf der Anzeige. Sie bezahlte und tobte zum Flugsteig. Die Eile und die Beschäftigung mit Julio Batido, dem Winzer in Lissabon, mit dem sie Geschäftliches zu besprechen hatte, ließen die Gedanken an Alex für den Moment in den Hintergrund geraten.

Schließlich war in Lisboa alles erledigt, der Flieger nach Porto genommen und ihr Chef am gleichen Abend über das Ergebnis der Gespräche informiert. Er schien sehr zufrieden.

Kaum zu Hause gab es schon das erste Telefonat mit Alex und eine ausgiebige Erzählung für Mama und Papa. Sie hörten begierig, was ihre Tochter zu erzählen hatte. Es entging ihnen natürlich nicht, wie glücklich ihr Kind war, und mit welchem Entzücken sie allein den Namen dieses Mannes aussprach. Allerdings konnte Vater José schon hier ein paar unangenehme Gefühle tief in sich nicht verhehlen. Diese Blicke, dieses Glück, diese kindliche Freude der Tochter waren schließlich nur die eine Seite, in der Realität könnte es auch Negatives beinhalten. Diese andere Seite hatte ihn sofort ergriffen. Die große Entfernung – die Veränderungen – der Verlust der Tochter – so weit weg – der Mann, noch so fremd für sie – war er der Richtige – und viele Fragen mehr schossen ihm durch den Kopf.

Die schwärmerischen Schilderungen seiner Tochter berührten das Vaterherz dann doch hauptsächlich positiv. Und schließlich war es seine Frau, die ihn noch vor dem Einschlafen beruhigte. „Es wird sicher alles gut“, wie sie mit einem Lächeln prophezeite. Jeden Tag telefonierte Maria mit ihrem Alex und sie machten Pläne für die Zukunft. Sie wollte unbedingt, dass ihre Eltern ihn kennenlernen, und kaum hatte sie ihren Wunsch ausgesprochen, war Alex auch schon da. Nur ein paar Tage, weil sein Resturlaub nicht mehr Zeit erlaubte, doch die wollten sie in vollen Zügen genießen. Das Treffen mit den Eltern war leicht, fröhlich und sehr einvernehmlich, doch sollten die kritischen Gedanken des Vaters nicht vollständig ausräumt sein. Diese wichtigtuerische Art des Deutschen trug ihren Teil dazu bei. Seiner Tochter zuliebe ließ Papa José sich jedoch nichts anmerken.

Auf Drängen von Alex buchten die beiden bereits während dieser Tage einen Flug für Maria nur drei Wochen später. Am liebsten hätte Maria ihn sofort begleitet, doch so hatte sie Zeit, den Chef um den Urlaub zu bitten, noch ein paar Dinge mit ihm zu besprechen und die anstehenden Aufgaben auf den Weg zu bringen.

Der erste Aufenthalt im Niedersächsischen war für Maria ein einziges Vergnügen. Wann immer Alex die Möglichkeit hatte, machte er Ausflüge mit seiner Geliebten, zeigte ihr die Umgebung, ging mit ihr in schöne Restaurants, auf Partys, oder er stellte ihr seine Freunde und seine vielen Bekannten vor. Er sorgte dafür, dass Maria keine Minute Langeweile verspürte. Das Haus machte ihren ersten Eindruck perfekt. Eigentlich viel zu groß für zwei, doch sehr angenehm gestaltet und mit allem bestückt, was für ein schönes Leben im eigenen Heim notwendig ist. Von der ersten Minute an fühlte sich Maria wohl, so, wie die gerade ernannte Herrin des Anwesens. Die Zeiten, in denen Alex arbeiten musste, verbrachte sie genüsslich auf der Terrasse unter der Sonne, machte sich hübsch in dem edlen Badezimmer oder ging einkaufen und bereitete ein Abendessen für sich und ihren tollen Alex. Wunderschöne erste Wochen in diesem Haus, mit diesem Mann und mit allem, was zu seinem Leben gehörte, ließen den Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft größer als zuvor werden. Noch ein, zwei Male reisten die beiden hin und her, als Alex sie schließlich fragte, ob sie seine Frau werden und hier im Norden mit ihm zusammen leben wollte. Sie strahlte und konnte nur „JAAA“ sagen. Knapp ein Jahr nach ihrem Kennlernen in dem Urlaub in der Algarve waren die zwei verheiratet und begannen ein gemeinsames Leben.

Alex arbeitete als gelernter Industriekaufmann in der Automobilbranche und verdiente gutes Geld. Maria hätte auch gern gearbeitet, doch war ihr Beruf als Winzerin hier im Norden nicht sehr gefragt. Alex reagierte zudem außerordentlich unwillig, wenn sie die Suche nach einer Arbeit ansprach. Er wollte, dass Maria nur für ihn da ist. Die Frau an seiner Seite, die ihn draußen wie drinnen repräsentiert. Er wollte seine Maria nicht mit irgendeiner Arbeit teilen, er könnte schon allein dafür sorgen, dass es seiner Liebsten gut ginge.

Alex verwöhnte sie tatsächlich und Maria gewöhnte sich an dieses schöne Leben ohne Verpflichtungen, ohne Druck von außen und somit ohne Stress.

Ihr Traummann schenkte ihr exklusive Garderobe, hochwertige Taschen, die schönsten und teuersten Schuhe, brachte sie regelmäßig zum besten Friseur und schenkte ihr Gutscheine für die Kosmetik und Nagelpflege. Maria war das oft nahezu peinlich, es schien verkehrt, so in den Tag hinein zu leben und dennoch alles zu bekommen. Es war nicht richtig, das wusste sie genau, und sie ertappte sich ab und an bei den Gedanken, sich verloren zu haben. Doch sie liebte Alex und vertraute ihm, dass er das alles nur aus Liebe zu ihr tat. Sie erwischte sich auch immer wieder bei den Gefühlen, dass es schließlich auch wunderbar ist, so umhegt und beschenkt zu werden und all die Dinge zu haben, die ein Leben so lebenswert, so sorglos, dazu so extravagant machten. Und dafür sorgte er, zwar ohne sie je zu fragen, doch ganz sicher von Herzen.

Manchmal stellte sie sich die Frage, wie Alex diese abgehobene Lebensführung finanzieren konnte. Sie hatte nie eine Gehaltsabrechnung sehen können. Wenn sie ihn behutsam darauf ansprach, erklärte er das mit seiner Erbschaft und mit den Provisionen aus Verkäufen hochwertiger Autos neben seinem regelmäßigen Gehalt.

Maria gab sich damit zufrieden, hätte es ohnehin nicht nachprüfen können – oder nicht wirklich wissen wollen? Für eine Nachforschung im Detail hatte sie nicht den Mut, das könnte Alex schließlich als einen großen Vertrauensbruch ansehen. Wenn aber seine Erklärungen tatsächlich nicht stimmten, und würden sich ganz andere Einnahmequellen herausstellen, würde plötzlich alles negativ, das wollte sie nicht. Maria hatte Angst, sich intensiv damit zu befassen, auch wenn sie immer öfter ein diffuses Gefühl in sich spürte, dass an den für das Alles hier benötigten Gelder und deren Herkunft etwas nicht stimmen konnte. Außerdem hatte sie als seine Ehefrau Angst, dass ihr eine Mitschuld an eventuell dubiosen Machenschaften zugesprochen werden könnte. Maria verdrängte diese Gedanken stets schnell wieder. Sie war sich doch letztlich ganz sicher, dass ihr Alex kein Betrüger sein könnte und ehrlich wäre.

Marias Mama ging es mit der Zeit nicht sehr gut, wie Papa José am Telefon immer wieder berichtete. Der Lungenkrebs hatte Evita im Griff, ihr Zustand wurde zusehends schlechter. Maria wollte bei ihr sein und drängte auf eine Reise zu den Eltern. Alex schlug vor, dass sie sich allein die Zeit nehmen sollte, er könnte sowieso nicht weg, aber für sie wäre es schließlich kein Problem, auch wenn er sie sehr vermissen würde. Maria entschloss sich schnell, buchte den Flug und verbrachte die nächsten Wochen bei ihrer Mutter, überaus bekümmert, die Mama so leiden zu sehen. Die Therapien schienen anfangs noch Erleichterung zu verschaffen, doch bald wurde sie von Tag zu Tag geschwächter und verbrachte viel Zeit im Bett.

Vier Wochen war Maria schon an ihre Seite, was Evita trotz der Beschwerden sehr fröhlich sein ließ. Sie freute sich so sehr, ihre einzige Tochter endlich einmal wieder länger um sich haben zu dürfen und gab sich dafür eisern. Doch es war ihr anzusehen, dass sie die gemeinsamen Stunden mit Essen, mit Spaziergängen, mit Ausflügen an schöne Orte oder einfach den geselligen Abenden mit ihrer Tochter nur noch mit Mühe wahrnehmen konnte.

Der Abschied fiel schwer, doch Maria musste zurück nach Deutschland. Alex fing langsam an zu drängeln, wollte sie wieder zu Hause haben. Sie könnte doch ohnehin nichts für die Mutter tun, wie er am Telefon so oft wiederholte. Also buchte Maria ihren Rückflug.

Im Haus war alles beim Alten, wie unbenutzt, nur etwas staubiger als bei ihrer Abreise. Alex begrüßte sie überschwänglich, der Liebesakt war so begierig und intensiv wie in den Anfängen ihrer Beziehung. Die Eindrücke der vergangenen Wochen verzogen sich in die hinteren Gefilde ihrer Gedanken. Sie liebte ihren Mann und wusste, er hatte recht. Sie konnte für die Mama nichts tun, wenn auch ihre Anwesenheit für ein etwas besseres, aber wohl eher vorübergehendes Wohlbefinden sorgen konnte.

Alex war unterdessen dem Golfsport verfallen, und er verbrachte jede freie Minute auf dem Platz der nahegelegenen Anlage. Stolz prahlte er von der erlangten Platzreife, von seinen besser werdenden Abschlägen und dem bereits erspielten Handicap15, das ihn zu einem guten Spieler im Mittelfeld machte. Es wäre genau sein Sport, wie er stets euphorisch berichtete, das Laufen in der gepflegten Anlage, die frische Luft, ganz zu schweigen von den Kontakten, die im Club geknüpft werden. Seine Begeisterung war ihm anzusehen. Die noblen Clubmitglieder hätte er bereits kennengelernt, er könnte sie mit Fug und Recht schon als Geschäftsfreunde bezeichnen, gab er zu Marias Verwunderung von sich. Hier liefen Deals, an denen er gutes Geld verdienen würde, so hörte sie ihn weiter berichten, alle hier wären reich und angesehen, hätten Einfluss in Wirtschaft und Politik, wovon er nur profitieren könnte. Sie müsste ihn unbedingt begleiten, beschwor er seine Frau und beschloss ganz für sich, sie schon Anfang der Woche mitzunehmen.

Ein wenig erquickliches Unterfangen für Maria, wie sie schon geahnt hatte, obwohl Alex ihr eigens für diesen Tag golftaugliche Kleidung gekauft hatte. Schließlich musste ihr Äußeres stimmen. Sie konnte diesem Sport nichts abgewinnen, die Bezeichnung allein fand sie schon fragwürdig. Diese Kontakte zu den Clubmitgliedern, Geschäftsleuten oder mitunter nur vermeintlichen, empfand sie wenig bereichernd. Diese erzwungene Kommunikation erschien Maria hochtrabend und oberflächlich. Selbst Schlüpfriges musste sie sich anhören, was ihr ganz und gar widersprach. Sie mochte solch anzügliche Sprüche ohnehin nicht, doch wenn sie obendrein von recht beleibten, dickbäuchigen, bei genauerem Hinsehen nicht wirklich gepflegten älteren Männern gesäuselt werden, ist aller Respekt dahin.

Jedenfalls war Maria nach diesem Tag der festen Überzeugung, dass sie nicht in diese Welt passte. Für Alex zählte das allerdings zu einem Leben auf dem Weg nach oben, als Mitspieler in höheren, in besseren Kreisen. Wie geschaffen für Alex, wie Maria einmal mehr feststellte, und was auch so sein durfte, nur müsste er auf sie leider fortan verzichten.