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Es ist die Geschichte der Julia Hauser, die in dem Berlin der Nachkriegsgeschichte als ungeliebtes Kind in einer Arbeiterfamilie aufwächst. Keiner achtet besonders auf dieses hinter dem älteren Bruder zurückgestellte Mädchen, selbst nicht, als ein älteres Paar zur Untermiete in die Wohnung geholt wird. Julia ist fünf Jahre, als dieser gute alte Onkel beginnt, des Nachts in ihr Zimmer zu kommen und sich vermeintlich unbeobachtet immer wieder an dem kleinen Mädchen zu vergreifen. Während ihrer Kindheit und Jugend begegnen ihr noch weit mehr dieser fragwürdigen Begierden bestimmter Männer, die sie alle tief in ihrer Seele vergräbt. Ihr unumstößlicher Wille, eine unbändige Kraft und ein klarer Verstand, sowie auch ein Quäntchen Glück machen es möglich, sich im Laufe von Jahren von allem Leid zu erlösen und Frieden für sich zu gewinnen. Es wird aber auch deutlich, dass es sich nicht um ein Einzelschicksal handelt, dass derartige Missbräuche und Belästigungen allgegenwärtig sind und Julia Hauser nur eines der vielen Opfer sexueller Übergriffe ist. Der kriminalistische Teil des Romans rankt sich um einen getöteten Kinderschänder, einen Kommissar, einen Apotheker, um Gerechtigkeit und einen unerwarteten, fast befriedigenden Abschluss. Niemals reißerisch, äußerst feinfühlig, den Leser immer hautnah mit dem Geschehen verbindend, werden auch die Gedanken um den Umgang mit dem Verbrechen des Kindesmissbrauchs und dessen Problematik angeregt. Ein ergreifender Roman, der auf zartfühlende Weise vom Leben eines Missbrauchsopfers erzählt.
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Seitenzahl: 506
Veröffentlichungsjahr: 2020
Jutta Kindler
WOHL
und
ÜBEL
Roman
1. Auflage
Verlag & Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Copyright © 2020
Autorin:
Jutta Kindleralle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung:
Jutta Kindler
Fotos:
Jutta Kindler
ISBN:
978-3-347-11471-5 (Paperback)
978-3-347-11472-2 (Hardcover)
978-3-347-11473-9 (e-Book)
Obwohl die Geschichte von wahren Begebenheiten beeinflusst ist, sind die teilnehmenden Personen, deren Namen sowie deren Geschichten frei erfunden.
„Es ist ein Geist des Guten in dem Übel,zög ihn der Mensch nur achtsam da heraus.“
William Shakespeare
Kapitel 1
In einer Zeitungsmeldung vom 06.06.1966 ist zu lesen:
Berliner Hausmeister tot aufgefunden!
Der 68jährige Walter Z. wurde am 03. Juni dieses Jahres um 16.20 Uhr in seinem Wohnzimmer auf dem Boden liegend entdeckt. Die Mieter des Hauses in der Wilmersdorfer Landshut Straße alarmierten die Polizei, nachdem dieser mehrere Tage den Aufgaben im Haus nicht nachgekommen war.
Es waren äußere Verletzungen festzustellen. Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus, da die Anwesenheit einer zweiten Person zu vermuten ist. Kriminalhauptkommissar Jens Steinert ermittelt in dem Fall, eine Obduktion wurde veranlasst.
Fakt ist, dass Walter Z. erst vor einem Viertel Jahr aus einer zweijährigen Haft wegen Kindesmissbrauch entlassen worden war. Ein Zusammenhang mit diesem Straftatbestand ist nicht ausgeschlossen. Die Kripo hält sich bedeckt und spricht derzeit nicht über die laufenden Ermittlungen.
Sebastian Reiter für die NZ
Kommissar Steinert von der Berliner Kripo war sofort zu Stelle. Er hatte auch in dem Missbrauchsfall vor fast zweieinhalb Jahren, zu Beginn des Jahres 1964, ermittelt, war allerdings an den Ergebnissen seiner Ermittlungen und an dem Urteil nahezu verzweifelt. Dieser Fall ließ ihn nicht in Ruhe. Er war überzeugt, dass dieser Mann als Mehrfachtäter hätte verurteilt werden müssen, so viele Indizien sprachen dafür, doch Steinert fand keine eindeutigen Beweise.
Walter Zürner konnte nur aufgrund der einen sehr detaillierten Aussage der fast zwölfjährigen Apothekertochter Marion Ehrmann verurteilt werden. Während dieser Ermittlungen hatte Steinert über lange Jahre zurück jeden Wohnort des Täters recherchiert und festgestellt, dass Walter und Erna Zürner immer als Paar in Untermiete bei Familien mit Kindern gewohnt haben, immer bei Familien mit wenigstens einem kleinen Mädchen um die fünf Jahre.
Jede dieser Familien hatte Jens Steinert während seiner Suche nach Beweisen aufgesucht. Er hatte Fragen zu dem damaligen Zusammenleben mit diesen Untermietern gestellt, Fragen zu außergewöhnlichen Vorkommnissen oder zu merkwürdigen Verhaltensweisen des Paares. Fragen zu Auffälligkeiten im Kontakt zu den Kindern, vornehmlich zu den Mädchen – keine Ergebnisse. Es gab keine Antworten, keine klaren und hilfreichen Aussagen. Steinert hatte die Zurückhaltung gespürt. Er erhielt zwar die Erlaubnis, die Mädchen zu befragen, doch wurden die wenigen Worte der Kinder von den Eltern schnell unterbrochen und aus deren Sicht beantwortet. Steinert konnte die Scham und die Hilflosigkeit, ja sogar Angst förmlich riechen. Es herrschte Schweigen. Bis zu zehn Jahre waren seit den Untermietverhältnissen vergangen, ein derart langes Schweigen wird offenbar noch schwerer durchbrochen.
Er näherte sich den Familien mehrmals, redete ihnen gut zu und versprach für Gerechtigkeit zu sorgen. Abweisung und betretenes Schweigen, mehr war nicht zu holen. Das Jugendamt konnte auch nicht weiterhelfen, schließlich gab es nur die gefühlten Verdachtsmomente des Kommissars.
Er folgte den Kindern und sprach sie ohne die Eltern an. Er wusste wohl, dass er das eigentlich nicht durfte, aber er hatte die Hoffnung auf irgendetwas Hilfreiches.
Er redete mit den damaligen Familienmitgliedern der Nachbarskinder, mit den befreundeten Eltern, den Kindergärtnern, Lehrern, Einzelhändlern. Er hatte keinen ausgelassen, denn er hoffte von jedem Befragten irgendetwas Hilfreiches zu erfahren. Doch er erreichte nichts. Selbst die Schulfreundin von Marion, die Julia Hauser schwieg, obwohl deren Satz zu ihrer Freundin für den Kommissar eindeutige Erfahrungen erahnen ließ. Dieses Mädchen hätte mehr über frühere Zeiten in der elterlichen Wohnung sagen können, das fühlte er genau. Doch, wo immer er auftrat, eisiges Schweigen – ein Thema, über das nicht geredet wird!
Steinert war überaus verzweifelt, wenn er las, wie niederträchtig und skrupellos der Missbrauch von Kindern in dieser Welt betrieben wurde.
Welchen gesellschaftlichen Kreisen diese Abartigkeiten offenbar wichtig waren. Er selbst befasste sich zum ersten Mal mit derartigen Auswüchsen männlicher Begierden. Er war zum ersten Mal gezwungen, sich mit dieser Art Verbrechen auseinanderzusetzen. Manches Mal war er so wütend, drauf und dran, eher seiner Karriere zu schaden als weiter tatenlos zusehen zu müssen. Ihn berührten die zerbrechlichen kleinen, zarten Wesen, die von diesen obskuren Eigenarten bestimmter Männer geschändet werden. So sehr, dass er den Tätern gerne kurzerhand den Garaus gemacht hätte. Schließlich hatte er selbst eine Tochter, die er mit allen Mitteln vor einem solch schweren Gepäck fürs Leben behüten wollte.
Er wünschte sich, alle kleinen Geschöpfe aus den Fängen solcher Menschen befreien, ihnen diese missratene Welt ersparen zu können. Doch es schien nahezu unmöglich! Die weitreichenden Seilschaften, diese Ringe eng verbandelter, jedoch geschickt versteckter Tätergruppen waren kaum zu durchblicken, geschweige denn zu enttarnen und dingfest zu machen.
Er musste seinerzeit als Ermittler und Vater hilflos mit ansehen, dass Walter Zürner ausschließlich wegen der Übergriffe an Marion Ehrmann verurteilt werden konnte. Das Strafmaß war viel zu gering, doch dem Richter blieb nichts anderes übrig, es gab keine weiteren Beweise für Taten in der Vergangenheit.
Steinert war von den Wiederholungen des Täters überzeugt, hatte es doch ein Muster gegeben. Ein Muster, das ihm sein Verlangen immer wieder mit Leichtigkeit erfüllen konnte. Sich ausschließlich bei Familien mit Kindern einzumieten, sich als altes Ehepaar auszugeben, immer mit kleinen Mädchen im direkten Kontakt sein zu können ohne suchen zu müssen, das war sein schlaues Vorgehen. Dabei konnte er immer als der liebenswerte Onkel auftreten, den keiner besonders beachten müsse.
Doch ohne Zeugen, in diesem Meer von Schweigen – wie sollte Steinert da etwas nachweisen?
Er hatte damals die Hoffnung auf die Ehefrau des Täters gesetzt. Die wollte er zu einer Aussage bringen. Doch es hatte sich herausgestellt, dass Erna Zürner nicht die Ehefrau, sondern die Schwester von Walter Zürner war. Damit hatte sie wohl ihre eigene verschwiegene Geschichte und nicht die Kraft, sich dieser Entdeckung zu stellen. Noch während der Ermittlungen zum Missbrauch von Marion Ehrmann nahm sie sich das Leben.
Ein weiteres Indiz für die Schuld, ein Glied in der Kette wie Steinert ahnte, doch er hatte keinerlei Beweise, so intensiv und verbissen er auch suchte.
Nun war Walter Zürner nach zwei Jahren Haft entlassen worden. Er hatte eine Hauswartstelle antreten können, für die eine Wohnung bereit stand. Die Arbeiten im Haus erfüllte er ordentlich ohne Beanstandungen. Die Mieter waren zufrieden mit dem neuen Hausobmann.
Pflichtbewusstsein wird ihm nachgesagt, Ordnung und Sorgfalt. Manchmal sei er ein wenig aufdringlich mit seinen Worten, aber freundlich.
Schon während der Haftzeit hatte Steinert ihn im Auge. Jetzt, Anfang 1966, verfolgt er argwöhnisch dessen Entlassung und den Antritt seiner Stelle. Es gab zwar erst einmal keinen Grund zur Unruhe, doch der Kommissar blieb achtsam, so, wie sein Dienst das erlaubte, um gegebenenfalls sofort reagieren zu können. Viel zu sehr quälten ihn die Fragen nach der Wahrheit, nach den Gründen für Scham, für Schweigen. für die Angst der Mädchen?
Warum gab es so wenige wie Marion Ehrmann, die zwar Opfer geworden war, doch sofort reden konnte. Die so viel Vertrauen zu ihren Eltern haben durfte und die sie nicht enttäuscht haben. Welchen Lieblosigkeiten waren die anderen Mädchen ausgesetzt, die ihre Wunden lieber ein Leben lang mit sich herum tragen und den Schmerz vergraben. Warum konnte Marion Ehrmann aufbegehren und die vielen anderen Mädchen nicht? Lag es an dem Alter, als es passierte, Marion war schließlich schon fast zwölf? Warum schweigt Julia Hauser, obwohl sie in ihrer Freundin ein Vorbild sehen konnte? Warum war ihr Vertrauen zu den Eltern so dürftig? Oder hatte sie nicht geschwiegen, hatte er sich das als zorniger Vater, nur eingebildet? Nein, es war keine Einbildung, das wusste Steinert genau. Allerdings wusste er nicht, ob er seiner eigenen Tochter eine solche Schmach, eine solche Entwürdigung hat ersparen können.
Dieses Thema erschütterte den Kommissar immer wieder aufs Neue, es würde ihn nie wieder loslassen! Steinert hatte sich mit dem Ehepaar Ehrmann angefreundet.
Vielleicht sogar, weil er von ihnen lernen wollte wie „Vater“ sein müsste, wie Familie gelebt werden muss, wie Eltern Vertrauen schaffen.
Und er war weiterhin über alles um den Walter Zürner informiert. Wenigsten vor ihm sollten die Mädchen geschützt werden, er sollte nie wieder etwas Derartiges tun können.
Marion und Julia blieben Schulkameradinnen, sie blieben Freundinnen, doch sollte Marion erst spät von der Freundin erfahren, was die verschwiegen hatte.
Julia Hauser wird 1952 in Berlin geboren, ihr Bruder Jochen drei Jahre zuvor. Mutter Hanna und Vater Werner Hauser ist ein junges Elternpaar aus der Arbeiterschicht. Eine besondere Zeit für diese Stadt, diese Fünfziger Jahre, in denen der Zwiespalt zwischen Zerrissenheit und kleinmütiger Bescheidenheit vorherrscht. Nachkriegsbedingte Mutlosigkeit, allgemeine Unsicherheit und dennoch wachsende optimistische Aufbruchsstimmung fordern von jedem enorme Kraftanstrengungen und Disziplin.
Es gibt überall riesige, durch Kriegseinwirkung entstandene Freiflächen. Auf vielen Grundstücken sind nur noch die Kellerräume vorhanden, in die man von oben hineinsehen kann und aus denen Gestrüpp wuchert.
Über ganze Straßenzüge gibt es Grundstücke mit zerbombten Häusern und nicht geräumten Ruinen. Nur zwischendrin stehen vereinzelt recht gut erhaltene Wohnhäuser, die aber in so manchen Straßen an einer Hand abzuzählen sind.
Noch lange sollen die geheimnisvoll, fast bedrohlich in den Himmel ragenden Restmauern, umringt von Abenteuer verheißenden Urwäldern, den wilden Entdeckungstouren der Straßengören dienen.
Einige der stehengebliebenen Häuser sind nur in Teilen beschädigt und von den Eigentümern so provisorisch repariert, dass wenigstens die verbliebenen Wohnungen vermietbar sind.
Zu Julias Geburt wohnen die Eltern bei Hannas Mutter in einem Miethaus in der Schöneberger Steinmetzstraße. Das Vorderhaus ist vollständig zerbombt und erhebt sich nur noch als Trümmerhaufen auf dem straßenseitigen Grundstück. Der Teil eines Seitenflügels ist noch halbwegs bewohnbar. Ein aus zusammengeklaubten Holzplanken angelegter Weg führt über den Trümmerberg zu dem Hauseingang. In zwei Zimmern und einer Küche, mit einem Kohleofen, dem Klo auf dem Treppenabsatz und rationierter Wasser- und Stromversorgung, drängen sich fünf Personen. Das Baby Julia wird hier ein Jahr werden.
Mutter Hanna Hauser ist bei der Geburt ihrer Tochter vierundzwanzig. Anfang der vierziger Jahre tut Hannas Vater durch Mundpropaganda einen Schneidermeister auf, der seine Tochter ganz gegen ihren Willen in die Lehre nimmt. Und Hanna hat sich zu fügen.
Acht Grundschuljahre und die fehlenden Möglichkeiten der Familie, anderes als Überleben im Sinn zu haben, lassen jeden Widerspruch im Keim ersticken. Später wird Julia aus den Erzählungen ihrer Mutter erfahren, wie widerwillig die ihren Verpflichtungen in der Lehrzeit nachgegangen war.
Hanna ist eine äußerst reizvolle Frau, groß, wohlgebaut, mit formschönen Beinen, üppigem Busen und dicken, kräftigen langen Haaren.
Sie formt das Deckhaar zu einer großen Rolle, die von der Stirn bis zum Hinterkopf verläuft und mit Haarnadeln festgesteckt ist, während das restliche herunterhängende Haar ihrem ebenen Gesicht mit großen dichten Wellen schmeichelt. So ist es Mode zu dieser Zeit und es steht ihr gut.
Der Schneidermeister vergisst gern seine eigentlichen Aufgaben als Ausbilder und stellt seinem weiblichen Lehrling erbarmungslos nach. Er betatscht Hanna hinterfotzig bei jeder sich bietenden Gelegenheit, drängt sie zu sexuellen Spielchen und bringt Hanna damit immer wieder in ausweglose Zwangssituationen. Es wird so unerträglich, dass sie sich schließlich ihrem Vater anvertraut. Hannas konsequente Weigerung diese Schneiderei je wieder zu betreten, lässt ihren Vater auf die Suche nach einem Betrieb gehen, in dem seine Tochter die Lehre beenden kann. Es soll gelingen.
Hanna lernt noch ein Jahr bis zur Gesellenprüfung, zwar ohne weitere Aufdringlichkeiten, dafür aber mit noch tieferer Ablehnung dieses Berufs. Die schlechten Lehrmeister und das fehlende Talent lassen sie keine gute Schneiderin werden.
Ihre Tätigkeiten beschränken sich in späteren Jahren ausschließlich auf Änderungen und Zuarbeiten. Die wird sie allerdings akribisch und gekonnt ausführen.
Als ihre beiden Kinder bereits auf der Welt sind, findet Hanna die eine oder andere Arbeit, in der genau dieses Geschick gebraucht wird.
Die Mutter nimmt alles, was sich ihr bietet, selbst, wenn es sich nur um ein klägliches Zubrot handelt. Sie will so bald wie nur irgend möglich ein neues, eigenes Heim für sich und ihre kleine Familie finden, nur dafür ist sie fleißig und überaus sparsam.
Neben ihren Hausarbeiten und der Versorgung ihrer Kinder putzt Hanna in fremden Wohnungen und in Treppenhäusern, scheuert Klosetts in Kasernen, mangelt Wäsche in den Großwäschereien der Besatzungsmächte und besorgt Haushalte von Bessersituierten.
Hanna muss schon vor der Geburt ihres Sohnes um den Mann kämpfen, der der Vater des in ihrem Leib wachsenden Nachkömmlings ist. Dieser Mann wird von seiner Mutter festgehalten, die ihren Sohn braucht in dieser Zeit. Schließlich war der Vater im Krieg geblieben. Zudem kann sie die Mutter ihres zukünftigen Enkels überhaupt nicht leiden. Dennoch gewinnt Hanna den Kampf. Werner Hauser entscheidet sich für die Mutter seines Sohnes, er will ihn nicht ohne Vater aufwachsen lassen. 1949, kurz vor Jochens Geburt, wird diese Entscheidung zwischen Werner und Hanna vor dem Standesbeamten in Berlin-Schöneberg besiegelt.
Von nun an zählt für Hanna ausschließlich die Zukunft. Mehr Platz für die Familie, ein eigenes schönes Heim und mehr Geld, um es einrichten zu können. Dafür gibt Hanna all ihre Kraft, die niemals zu versiegen scheint.
Werner ist ein Jahr jünger als Hanna. Nach Absolvierung seiner acht Grundschuljahre kurz vor Ende des Krieges findet er eine Lehrstelle als Flugzeugbauer. Doch nach zwei Lehrjahren ist plötzlich alles vorbei, denn gleich nach Kriegsende wird festgestellt, dass dieses Unternehmen keine Lehrlinge ausbilden darf.
Es findet sich kein Ersatzunternehmen und Werner muss mehr schlecht als recht auf jede nur erdenkliche andere Art für den Unterhalt seiner kleinen Familie sowie für die Mutter sorgen. Er macht den Führerschein für Lastkraftwagen und kann so sein Geld als Kraftfahrer verdienen.
Er beliefert die Berliner Milchläden mit Tonnen voll Frischmilch, verdient sich als Kohlenlieferant und als Fernfahrer. Diese Arbeiten beschränken sich nicht nur auf das Fahren der Laster, beim Ein- und Ausladen muss auch er kräftig mit anpacken. Wer die Arbeit behalten will, muss sich anstrengen.
So stählt Werner seine Körperkräfte, indem er die Milchkübel durch die engen Luken in die Ladenkeller der „Tante Emma Läden“ wuchtet. Auch transportiert er die zentnerweise sortierten Kohlekästen mit dicken Tragegurten in die Miethauskeller oder direkt in die Wohnungen bis in die obersten Stockwerke. Das schürt den Hunger, den er mittags mit belegten Broten aus der Blechdose befriedigt.
Abends kocht Hanna so gut und so reichlich wie nur irgend möglich, um ihren Mann bei Kräften zu halten.
Julia erinnert sich an alte Fotos, auf denen ihr Vater mit dem noch winzigen Sohn an der Hand groß und schlank, ja nahezu dünn zu sehen ist.
Diese Schwerstarbeit und die Besonderheiten aus Hannas Kochtöpfen haben ihn mit der Zeit in einen kräftigen Bullen verwandelt. So lange Julia denken kann, nennt die Mutter ihn, allerdings nur in gutem Einvernehmen, dann aber sehr liebevoll und passend, „Bully“. Wenn es nicht stimmt zwischen den beiden, erinnert Julia allerdings ganz anderslautende, eher negative Kraftausdrücke, die Hanna ihrem Mann an den Kopf wirft. Werner ist ein stiller Mann, von unerschütterlichem Gleichmut, wortkarg, die Sprache nahezu verweigernd. Hanna will immerwährend reden. Sie will sich unterhalten, ihm alles erzählen, was über den Tag so passiert ist, was ihr durch den Kopf geht, was sie sich für die Zukunft wünscht oder was sie ändern will. Doch ihr Wortschwall prallt stets gegen eine Mauer aus dieser stoischen Ruhe. Hanna macht das schier irre! Sie findet, dass diese Sturheit leicht abzuändern wäre, wenn er es nur wollte.
Sie hält es für Gefühlskälte und unterstellt ihrem Mann ein liebloses Wesen. Eine gewisse Zeit hält sie durch, einfach nur zu schmollen, wenn keine Reaktionen kommen. Auch straft sie ihn mit Liebesentzug, den Julia schon als Kind unschwer erkennen kann, doch ist der Bogen für Hanna überspannt und die eheliche Zwietracht vollends ausgebrochen, verwünscht sie ihn lautstark.
So werden der häusliche Frieden und die Ruhe in all den gemeinsamen Jahren durch diese unglücklich aufeinander treffenden Eigenarten zweier Menschen gestört. Julias Bruder Jochen ist ein hübscher und braver Junge, dessen Anwesenheit Julia, genau wie die ihres Vaters kaum wahrnehmen kann. Er ist ähnlich still. Aus wenig erklärlichen Gründen bekommt ihn Julia nur selten zu Gesicht. Eigentlich müssten sich beide schon wegen der häuslichen Enge sehr nahe sein, doch Julia erinnert sich kaum an gemeinsame Spiele in der frühen Kindheit.
Einmal kriecht er unter den Esstisch, als es heißt, Julias Schnürsenkel seien nicht gebunden und sie könne das doch noch nicht alleine. Schließlich ist er älter und beherrscht bereits die Technik des Schleife Bindens. Das auf Bitten der Mutter unter Beweis zu stellen gelingt ihm in Sekunden unter diesem Tisch, allerdings nicht ohne Genugtuung in seinem Blick auf Julia, den er ihr von unten an der Tischkante vorbei zuwirft. Hannas Lob ist ihm wie immer sicher, sie liebt ihren Jungen, sein braves Verhalten, seine guten Eigenschaften. Sie ist sehr stolz auf ihn.
„Seht mal, wie gut er schon mit Messer und Gabel essen kann“, fordert sie jeden stets auf, es ebenfalls anzuerkennen und „schaut nur, wie hübsch und sauber mein Junge immer aussieht, der macht sich nicht schmutzig!“ Mit ihm hat Hanna keine Sorgen, er gibt ihr keinen Anlass für Unzufriedenheit.
In Gesellschaft ihres Sohnes ist sie ruhig und entspannt.
In diese Welt wird Julia geboren, als „Mieke“ wie sie abfällig genannt wird, als die Eltern sich kurz nach der Entbindung damit abfinden müssen, dass der Nachwuchs dieses Mal ein Mädchen ist. Obendrein gehören zu den ersten von ihm wahrzunehmenden Tönen die Flüche und Verwünschungen, die Hanna gegen ihren Mann ausstößt. Obwohl es diesen Vater ja dennoch gibt, ist er nie wirklich vorhanden. Er schweigt einfach nur beharrlich, wenn er nach getaner Arbeit nach Hause kommt und meist vor Erschöpfung einschläft, kaum, dass er sich nach dem Essen in seinem Sessel niederlässt.
Julia ist schon in ihrer frühesten Kindheit unentschlossen, an wen sie sich halten, wem sie sich anschließen soll. Die Eltern scheinen sich zu lieben und gleichzeitig zu hassen. Mal spürt Julia eine Art Zärtlichkeit, ein anderes Mal geht die Mutter mit zornigen Schimpfkanonaden auf ihren Mann los und der tut, als würde ihn das überhaupt nicht betreffen.
Nur selten erlebt Julia ein belohnendes Lächeln für den anderen nach einer kleinen Mühe, ein liebes Wort in trauter Umarmung, eine Unterhaltung mit ruhigem Ausklang.
Wenn das dann aber manchmal doch geschieht, weiß sie, dass diese Eltern ihr besser gefallen.
Und doch ist ihr einer so nah wie der andere. Der Vater ist durch die schwere und lange Arbeit selten daheim, wenn doch, erholt er sich wortlos. Gerade das zieht Julia zu ihm hin, zumal diese Art von Dickfälligkeit auch etwas Beruhigendes, etwas gleichbleibend Sicheres hat.
Die Mutter ist laut und unberechenbar, aber sie ist immer da und kümmert sich verlässlich um alles!
Die Stunden, die Hanna außerhalb ihrer kleinen häuslichen Welt verbringt, fallen Julia nicht auf. Mutters Präsenz ist einfach allumfassend und sie regiert diesen kleinen Staat mit all der ihr zur Verfügung stehenden Kraft, Energie und Dominanz.
Also ist sehr eindeutig, an wen Julia sich zu halten hat!
Mit wachsendem Verstand entsteht nicht nur eine große Ehrfurcht, sondern auch ein Gefühl von Mitleid für die Mama. Wenn sie auch mitunter sehr herrische Züge zeigt, so kümmert sie sich doch beflissen um alles in diesem Haushalt. Jedenfalls entwickelt sich in Julia schon früh Zwiespältiges um die Mama, die ihre Tochter zudem eher als lästig empfindet. Ganz im Gegensatz zu dem geliebten Sohn, für den sie immer ein offenes Ohr und liebevolle Worte hat.
Hanna ist jedenfalls unermüdlich in ihrer Suche nach neuer Arbeit, neuen Kontakten und damit nach einer möglichen neuen Wohnung.
Schließlich verrichtet sie Änderungsarbeiten bei Donna, die als Modistin ein Atelier für hochwertige, maßgeschneiderte Damenoberbekleidung betreibt.
Das Atelier befindet sich in einer kleinen Seitenstraße in dem gutbürgerlichen Wohnbezirk Wilmersdorf, unweit des Kurfürstendamms. Dasselbe Miethaus braucht einen Hauswart und aus Dankbarkeit für Hannas gute Arbeit vermittelt Donna den Kontakt zum Hauseigentümer.
Der liebenswürdige alte jüdische Herr, der noch mehr Häuser in dieser Straße besitzt, schließt Hanna sofort in sein Herz. Donnas Leumundszeugnis über Fleiß und Zuverlässigkeit tun das Übrige und Hanna erhält den heißersehnten Mietvertrag für die neue Wohnung.
Es ist ein wunderschönes altes Haus mit Stuck an der Fassade, rotbraun glänzende Holzvertäfelungen an den Torwänden und mit verschnörkelten Treppengeländern. Die neue Wohnung befindet sich im Erdgeschoss des zwar weniger attraktiven Seitenflügels, doch die Äußerlichkeiten sind insgesamt bestechend.
Die Wohnung hat nur zwei Zimmer und eine Küche, doch darüber hinaus zwei herausragende Vorzüge: es gibt ein kleines Bad mit einer Wanne auf wulstig geformten Stahlfüßen neben der Kloschüssel und einem Waschbecken, und es gibt eine Zentralheizung, die das warme Wasser direkt aus der Wand liefert.
Die Heizung muss zwar im Keller mit Kohle gefüttert werden, was der Pflicht des Hauswarts obliegt, doch für derartige Vorteile tut Hanna alles. Es gibt drei Treppenaufgänge, deren wöchentliche Reinigung fortan ebenfalls zu Hannas Pflichten gehört. Ein Quergebäude gibt es nicht, hinter dem Grundstück liegen dicht begrünte Grundstücke ohne Bebauung, die die Belichtung des Hofes und auch der Wohnungen im Erdgeschoss hell und freundlich gewährleisten. Um die Pflege des begrünten Innenhofes und den einwandfrei sauberen Gehweg muss sich die neue Hauswartin auch kümmern. Selbstverständlich einschließlich dem Winterdienst.
Das alles ist Julias Mutter nicht zu viel.
Allein der Gedanke daran, dass sie zukünftig in einer besseren Gegend, weg von ihrer Mutter und noch dazu mietfrei wohnen darf, verleiht ihr riesige Kräfte. Es ist ein großer Schritt nach vorn und dafür gibt Hanna Hauser alle Kraft.
Sie organisiert ihre Arbeit so gut, dass ihr noch Zeit für die Treppenhäuser der anderen Wohnhäuser des Eigentümers bleibt. Schließlich kommt damit mehr Geld in die Haushaltskasse!
Julia ist währenddessen immer an der frischen Luft. Entweder steht ihr Kinderwagen im Hof oder sie wird vor Donnas Ateliertür in der Sonne abgestellt, wenn Hanna statt im eigenen Haus in den Treppenhäusern der entfernteren Gebäude sauber macht.
Das muss sich jemand viel später vorstellen – das Jugendamt würde nach kurzer Zeit an die Tür klopfen!
Während Hannas Hausarbeiten steht ein Ställchen in der Küche, in dem Julia hockt und sich in den Stand quält, um all die Köstlichkeiten auf dem Esstisch besser sehen zu können. Sie isst für ihr Leben gern und wird mit der Zeit ein rechter Wonneproppen. Sie kommt schnell dahinter, wie man einen Fuß vor den anderen stellt und wie man am besten das Gleichgewicht hält. Sie beeilt sich sehr, das aufrechte Vorwärtskommen zu perfektionieren, vielleicht sogar, um sich schneller diesen wohlduftenden Wurstsorten, dem frisch gebackenen Brot oder dem süßen Pudding nähern zu können. „Wuscht“, ruft sie eines Tages, als Hanna ihren Einkauf auf dem Esstisch ablädt, rennt auf den Tisch zu, packt die Tischdecke mit beiden Händchen und kann gerade noch fallen. Die rutschende Decke und der gesamte Einkauf folgen ihr in Sekundenschnelle und begraben Julia unter sich.
Das genau ist es, was sie offenbar von ihrem Bruder unterscheidet und die Mutter immer überaus zornig macht.
„Nie kann man dich auch nur einen kurzen Augenblick unbeobachtet lassen“, schreit Hanna völlig außer sich und schlägt auf ihre Tochter ein.
Julia plärrt lauthals wegen des Sturzes, wegen der rasch aufeinanderfolgenden Aufschläge der Lebensmittelverpackungen auf ihrem Rücken und vor allem wegen Hannas wütender Schläge, vor denen sie sich mit ihren Ärmchen über dem Kopf zu schützen versucht.
Diese Tage sind gelaufen! Hanna ist sauer und flucht lauthals, wie schlecht sie es habe, dass sie sich um alles allein kümmern müsse, dass niemand ihr das je danken könne, dass alle nur auf ihr herum trampeln würden und keiner Rücksicht nähme. Gepaart mit diversen Schimpfworten scheinen die Flüche und Klagen kein Ende zu nehmen. Julia wird mit kraftvollem Nachdruck hinter das Laufgitter verbannt und traut sich nach Versiegen der Tränen keinen Mucks mehr zu tun. Wo sich Jochen in diesen Zeiten aufhält, weiß Julia nicht! Aber auch diese Tage gehen vorbei und Mutter und Tochter trainieren sich im Umgang mit solchen Vorfällen. Manchmal ist es heftig, manchmal weniger heftig und Julia lernt damit zu leben. Viel wichtiger ist es für sie, ihre Umgebung immer wieder neu zu erkunden.
Und das erst recht, nachdem sie die Geschwindigkeit des Laufens aufs Äußerste steigern kann ohne umzufallen. Unfälle kann sie dabei natürlich nicht vermeiden, schließlich ist sie noch zu tollpatschig. So gehören Dramen zur Tagesordnung, außer, wenn Julia schläft.
Hannas Mühen werden durch erkleckliche Mehreinnahmen belohnt. Sie spart jeden Pfennig für die kleinen Extras. Mal hier ein Zoobesuch mit Eis am Stiel, mal dort ein Ausflug ins Grüne mit Picknick oder manchmal sogar mit einem Imbiss im preiswerten Ausflugslokal. Das erste Fahrrad mit Stützrädern für den Jungen, ein Stoff für den Vorhang, Wolle für Pullover, nötiges Schuhwerk oder die kleinen Geschenke zu den Festtagen.
Stets liefert Hanna Gutes und Reichliches auf den Tisch, und sie ergattert die Zutaten mit Raffinesse und Findigkeit immer irgendwie preiswerter als üblich.
Sie kocht gute Hausmannskost, der zwar nur sonntags ein Fleischstück beigelegt werden kann, aber dennoch jeden Tag die hungrigen Mäuler füllt. Hanna macht aus allem überaus Schmackhaftes und es scheint nichts zu geben, was sie nicht zubereiten kann. Zudem macht sie aus einem Stück Fleisch mehrere Gerichte, was der Haushaltskasse überaus dienlich ist. Ist es so weit und es ist aufgetischt, braucht jeder nur ein genüssliches „mmhhh“ von sich geben und Hanna sprüht vor Stolz.
Hanna hat die Gabe und die Übersicht, immer die richtigen Mengen zuzubereiten und vorzukochen, sowie die Einteilung für die nächsten Tage so präzise vorzunehmen, dass in ihrer Küche niemals etwas verkommen muss. Vorgekochtes wird in Portionen verpackt und in Ermangelung eines Kühlschrankes auf dem Fenstersims zum Kühlen abgestellt. Lebensmittel wegwerfen zu müssen, hätte Hanna einen Stich ins Herz versetzt, das hätte sie sich und natürlich auch anderen niemals verziehen! Jedes einzelne Stück Essbares wird verarbeitet und verspeist, selbst, wenn es nicht mehr ganz so frisch ist.
„Ist doch noch gut, kann man noch essen“, hört Julia den Vater oft sagen, während er die Nase dicht an einen Rest hält und ihn nach dem sorgfältigen Entfernen kleinerer, gerade aufgetretener Alterserscheinungen ganz normal verputzt.
Julia behält diese Eigenart ihres Vaters so tief in Erinnerung, dass sie ihr Leben lang genauso verfahren wird, um ja nichts verkommen zu lassen, selbst, wenn der Überfluss das alles längst vergessen gemacht haben wird.
Nach all dieser tagtäglichen Plackerei sitzt Hanna bis lange in die Nacht hinein mit ihrem Strickzeug bei spärlichem Licht auf der Couch, um ihren Mann und die Kinder mit warmen Pullovern, Jacken, Socken, Mützen und Handschuhen zu versorgen. Es dauert noch geraume Zeit, bis Hanna in der Lage sein wird, sich den ganz selbstverständlichen Einkauf solch wärmender Kleidungsstücke gestatten zu können.
Es ist das Jahr 1955 und Julia ist schon fast drei Jahre. Ein aufgewecktes, munteres Kind, das immerwährend durch die Gegend tobt, um Neues zu ergründen. Ihre kleinen Eskapaden lassen so manchen Haushaltsgegenstand zu Bruch gehen und den Zorn der Mutter immer wieder aufs Neue entfachen. Dennoch sucht das kleine Wesen stets einen Zipfel von Hannas Schürze zu erhaschen, um in der Nähe der fleißigen Mama bleiben zu können. Obwohl sie immer dieses erdrückende Gefühl spürt, eigentlich umsorgt, doch gänzlich unerwünscht zu sein, zieht es sie zur Mutter hin.
Hanna ist immer in Eile, hetzt von einer Aufgabe zur anderen und reagiert lautstark erzürnt, wenn Julia nicht folgen oder artig auf ihrem zugeteilten Platz bleiben will.
Mit der Zeit stellt sich heraus, dass es ein Glück ist, wenn Julia bei Donna oder bei sonstigen Nachbarn abgegeben wird. Dort ist sie nämlich die artige, die geschickte, die lustige und mit ihrem herzigen Lachen ansteckende kleine Göre. Jeder mag dieses aktive und hübsche kleine Fräulein. Und wie Julia die ungetrübte Zuneigung und das fröhliche Miteinander genießt! Niemand schreit sie an, niemand tadelt sie, sie ist einfach nur das gern gesehene Kind der Hauswartfrau!
Hier lernt sie Selbstvertrauen und die Gewissheit, nicht so doof und unbeliebt zu sein, wie es ihr die Mutter einredet.
Donna hat eine ganz besondere Art ihre Julia zu beschäftigen, dem kleinen Mädchen lange Zeiten höchster Konzentration zu entlocken. Sie hat große bunte Pappen, auf denen einzelne Körperteile von Tieren gemalt sind. Diese Gliedmaßen sind so vorgestanzt, dass Julia sie vorsichtig aus dem Bogen herauslösen und der Gestalt der Tiere entsprechend zusammensetzen muss. Die Körperteile sind jeweils mit besonderen Druckknöpfen zu verbinden, wodurch sie so beweglich wie mit richtigen Gelenken sind.
Julia sitzt stundenlang auf den Stufen des Ladeneingangs und stellt auf diese Weise wunderschöne Tiere her.
Anfangs ist sie noch ungeschickt aber eifrig und mit der Zeit immer routinierter.
Sie hat sehr viel Freude an den schließlich über ihrem Bett aufgehängten beweglichen Tieren und fühlt sich wie in ihrem eigenen Zoo. Pustet sie ganz fest, hüpfen die lustig umeinander. Immer wieder freut sich Julia auf diese Zeiten bei Donna, wenn sie dann bleiben und nach einem neuen Bogen fragen darf. Lob und Anerkennung für ihr Geschick sind ihr hier jedenfalls immer sicher.
In ihrem Elternhaus bleibt dieses Ziel eher unerreicht, hier ist ihr Schicksal längst besiegelt, eine ungehorsame, ungeschickte und tölpelhafte „Mieke“ zu sein. Die lautstarke Häme vornehmlich der Mutter und selbst die des altklugen Bruders, wenn der dann mal präsent ist und etwas von sich gibt, beschämen Julia immer wieder aufs Neue und verletzen sie tief.
Der wache Verstand dieses Mädchens lässt sich allerdings nur begrenzt unterdrücken! Eine wunderbare Gabe der Natur lässt es zu, dass Julia ihr grundsätzlich fröhliches und fideles Wesen nicht verliert, sondern nur manches Mal verstecken soll. Es gelingt ihr auch, keine niederträchtigen Gefühle aufkommen zu lassen oder solche ganz einfach im Keim zu ersticken.
Nur Trotz und Widerspruchsgeist wachsen in ihr und sie bekommt ein feines Gespür für Recht und Unrecht, für Schuld und Unschuld. Diese Kleine strengt sich an, es anderen recht zu machen, einfach um zu bekommen, was ihr so oft fehlt.
Wenn ihr das gelingt, springt sie fröhlich umher, dann auch wieder begierig, alles Neue zu erkunden.
Es gehört zu ihrem Wesen sich nicht in sich selbst zu vergraben. Manchmal fühlt sie sich allein gelassen, einsam, von den Eltern ausgestoßen, nicht beachtet, doch das ändert nur wenig. Ihre kindliche Neugier und ihr positives Gemüt helfen ihr zuverlässig, aus solchen Stunden zu flüchten. Sind die Wogen von Zwietracht dann und wann geglättet, fühlt sie sich schnell wieder glücklich. Zu unerträglich sind die Tage, in denen Hanna ihr die Zuwendung und die Ansprache, ja sogar jeden Blick versagt. Nicht eine Sekunde länger als nötig will Julia in dem eigenen Kämmerlein traurig verharren. Und Julia ist schnell wieder fröhlich!
Allerdings muss sie zur eigenen Verwunderung feststellen, dass gerade diese Eigenschaft Anlass bietet, die Mutter vollends gegen sie aufzubringen.
Für Hanna ist der rasche Stimmungswechsel der Tochter ein unumstößlicher Beweis für bösartige Gleichgültigkeit, für eine Art durchtriebene List. „Typisch“, zischt sie laut gerade in dem Moment, in dem Julia sich mit einem verschmitzten Grinsen wieder aus ihrer Verbannung heraus traut, um auszukundschaften, ob sich diese kränkende Tortur endlich beenden ließe.
„Schauspielern, Fiole schieben, das kannst du, aber sonst nichts“, schimpft Hanna, doch schon etwas verhaltener, da von dem verschmitzten Lächeln ihrer Tochter nicht gänzlich unberührt.
Julia hat längst gelernt, dass Gehorsam und die Mühe, es jedem recht zu machen, nie wirklich gelingen sollten. So versucht sie, solche Sätze der Mutter mit dem Gefühl der eigenen Unschuld trotzig abzuschütteln. Hauptsache, die Stille ist durchbrochen, die ihr die Mutter aufbürdet und sie so schwer erträgt. Alle unterhalten sich, nur sie wird vollends links liegen gelassen.
Julia bleibt ein freundliches Kind, dass ihr herziges Lachen nicht verliert, denn schließlich gibt es da noch die anderen, die lieben Nachbarn, die ihr Zuneigung und Anerkennung schenken und ihr Selbstvertrauen stärken. Scheinbar ungebrochen ist sie stets rasch wieder obenauf, bereit, Neues zu erkunden und neugierig zu erforschen.
Sie lernt den Gebrauch der für den alltäglichen Nutzen notwendigen Gegenstände zu verstehen und auszuprobieren.
Das Misslingen von Versuchen bringt ihr zwar immer wieder neue Demütigungen ein, doch das ist egal. Sie probiert es eben so lange, bis sie die Handhabungen endlich perfekt zuwege bringen kann, möglichst perfekter als andere. Bleiben beschämende Beschimpfungen aus, ist es perfekt. Sie trainiert klug zu beobachten, mit ihren Begabungen Lösungen zu finden und entsprechend zu reagieren. Das soll sie auch später noch so manches Mal unter Beweis stellen können.
Die Mutter lässt nicht nach in ihrem Wunsch, ein besseres und gemütlicheres Leben für sich und ihre Familie herzustellen. Jeden Pfennig teilt sie ein und schuftet den ganzen Tag bis in die Nacht hinein.
Sie organisiert, kocht, putzt, strickt und näht für ihre Familie und für andere, um jede erdenkliche Besserung für ihr kleines spärliches Heim zu erreichen.
Sie tut dies alles mit einem so unerschütterlichen Eifer und mit dem grenzenlosen Ehrgeiz einer Marathonläuferin, dass Julia nicht umhin kommt, eine tief in ihrer Seele verwurzelte Liebe und Achtung für die Mutter zu entwickeln. Nur die Ablehnung von Hanna ihrer Tochter gegenüber bleibt davon unberührt und soll diese liebevollen Gefühle von Julia ein Leben lang zersetzen.
Eines Abends tönt Hanna fröhlich und leicht tänzelnd: „ich habe eine neue Wohnung für uns gefunden“, während sie gerade vor ihrem Kochtopf steht und die Teller zum Abendessen füllt. „Hm“, ist Vaters kurze Antwort, der mit den Kindern bereits am Esstisch sitzt und hungrig auf seine Portion wartet.
„Sie ist nur zwei Straßen von hier entfernt! Und im Vorderhaus! Und in der ersten Etage! Und mit Balkon zur Straße!“ erzählt Hanna mit sichtlicher Erregtheit. „Hm“, brummt er wieder, doch Hanna lässt sich nicht beirren.
„Wir können sie haben, wir können gleich einziehen! Keine Hauswartstelle mehr! Keine Treppenhäuser!“ trällert Hanna ausgelassen, während sie die Teller mit Erbsensuppe trotz ihrer Beschwingtheit sicher auf den Platzdecken abstellt.
„Unser Hausbesitzer ist zwar sauer, weil er einen neuen Hauswart finden muss, so dass ich jetzt auch seine sonstigen Treppenhäuser nicht mehr putzen soll, aber ich finde schon andere Arbeit“, erklärt sie. Sie sitzt jetzt auch auf ihrem Platz und fixiert ihre Drei nacheinander erwartungsvoll.
„Na und, was haltet ihr davon?“ „Wenn du meinst“, raunt der Vater und schluckt weiter bedächtig Löffel für Löffel seine Suppe hinunter. Jochen sagt kein Wort, er isst ordentlich wie immer ohne Unterlass. Ihn scheint diese Neuigkeit nicht sonderlich zu berühren.
Julia allerdings ist außer sich vor Freude und erhöht ihr Tempo den Teller zu leeren so eifrig, als müsse sie ihre Spielsachen gleich nach dem Essen in die neue Wohnung tragen. „Ich helfe“, ruft sie halb sitzend, halb stehend, noch den letzten Löffel in sich hinein schiebend, in fröhlicher Erwartung die neue Wohnung sofort ansehen zu dürfen.
Zu dieser Zeit fährt der Vater Fernlaster und wie so oft, ist er wieder einmal nur ein bis zwei Tage daheim. Schon bald muss er sich wieder auf den Weg machen.
Seine neue Tour soll ihn erst in den Norden Deutschlands an die See führen, dann quer durch Schleswig-Holstein bis nach Holland. Acht Tage wird er wegbleiben.
„Willst du mit mir kommen?“ fragt er Julia am nächsten Morgen beim Frühstück. – Das ist ja noch viel verführerischer als die neue Wohnung, die just in diesem Moment in Vergessenheit gerät. „Hurra, ich fahre mit Papa! Ich fahre Laster! Ich darf mit!“ ruft sie völlig aus dem Häuschen. Sie weiß natürlich nicht, dass die Eltern über Nacht beschlossen hatten, das ungestüme Wesen während des Umzuges aus dem Weg zu schaffen. Allerdings ist das auch überhaupt nicht wichtig! Julia darf mit ihrem Papa mit, das ist entscheidend und hierfür gibt sie ihm alle Liebe.
Am darauf folgenden Morgen geht es schon los. Für Julia wird ein kleines Täschchen gepackt mit einem Spielzeug und ein wenig Wechselwäsche und Papa trägt eine große Reisetasche, gefüllt mit dem Proviant für die ersten Tage und sonst noch nötigen Dingen. Mit dem Bus fahren beide in Papas Betrieb, um den bereits beladenen Lkw abzuholen. Es ist sehr früh und Julia ist noch zu müde, um wach zu bleiben. Sie schläft im Omnibus ein.
Die Müdigkeit ist rasch verflogen, als sie endlich in das Fahrerhaus klettern darf. Ihr Platz ist die Kajüte hinter der Bank für den Fahrer, die mit einer harten Matratze, einem schmalen, flachen Kopfkissen und einer Wolldecke bestückt ist. Werner zieht zwei Kissen und warme kuschelige Decken aus seiner Reisetasche und räumt damit die Koje ein. Alles riecht nach Hannas Wäscheschrank.
Schließlich setzt er den Teddy in die Kissen und hilft seiner Tochter beim hineinkrabbeln.
Los geht die große Fahrt und Julia ist durchflutet von einem übergroßen, überaus tiefen Glücksgefühl. Sie hockt in ihrer Koje und lehnt über der halbhohen Trennwand zu der Fahrerbank.
Sie klemmt sich ein Kissen unter die verschränkten Ärmchen, damit es weicher und gemütlicher ist. Von hier aus kann Julia ihren Papa genauestens beobachten.
Und wie gelassen der hinter dem übergroßen Lenkrad auf der breiten, mit strapazierfähigem Rindsleder bezogenen Bank sitzt!
Die riesige Windschutzscheibe erlaubt einen weiten Blick und Julia genießt die Aussicht über Felder und Wiesen aus dieser Höhe. Werner führt den Lastwagen mit Anhänger, diesen Koloss, so verlässlich über die Autobahnen, Landstraßen, ja sogar durch all die engen Dorfstraßen, dass Julia sehr stolz auf ihren Vater ist. Sie fühlt sich sicher und geborgen. Mit niemandem würde sie jetzt tauschen!
Sie ist erst dreieinhalb und staunt über all die Dinge, die sie zu sehen bekommt. Die übergroßen Wiesen und Wälder, die wie gemalt da liegen. Die Tiere, die in der Entfernung auf den Lichtungen zu erkennen sind und auf die der Vater zwischendurch zeigt. Die breiten Straßen, auf denen so viele Autos unterwegs sind und den Lkw immerzu überholen. Die Landstraßen, auf denen der Vater sehr aufpassen muss, weil es den Gegenverkehr gibt.
Die Ortschaften mit all diesen wunderhübschen kleinen Häusern, die ganz anders aussehen als die in Berlin. Nachts fahren sie auf Parkplätze, die nur für die großen Laster da sind und beide schlafen tief und fest in Mutters Wäsche. Wie anders und aufregend das alles ist! Julia ist überglücklich bei ihrem Vater sein zu dürfen und all das Neue zu sehen.
Nach gut einer Woche zurück, lenkt Werner ihren Fußweg von der Bushaltestelle aus, vorbei an der alten, direkt in Richtung der neuen Wohnung so, als wäre es der übliche Heimweg.
Das Haus hat eine schlichte Fassade, ganz anders als das mit der vorherigen Wohnung.
Es ist mit glattem Putz versehen und sandfarben gestrichen. Es gibt zwei Vorderhausaufgänge, über den linken gelangen sie fortan in ihre neue Wohnung. Hanna hat bereits ein Namensschild an der Klingel angebracht und der Vater betätigt den Knopf.
Noch vor Kriegsende hat eine Bombe dieses Haus getroffen und das Dach als auch die oberen zwei Etagen der linken Aufgangsseite weggerissen. Das zweite Stockwerk ist hier mit einem flachen Dach so abgedeckt, dass die Wohnung darunter wieder bewohnbar ist. Der Raum zwischen dem Seitenflügel und dem Vorderhaus ist ebenfalls empfindlich getroffen und bis in den Keller ausgehöhlt. Durch diesen fehlenden Raum hat die Wohnung zwar auch nur zwei Zimmer, die aber viel größer, schöner und vor allem heller sind. Es gibt kein Badezimmer mit einer Badewanne, wie in der alten Wohnung.
Das kleine Innenklo grenzt an dieses tiefe, schwarze, ja nahezu unheimliche Bombenloch und hat ein kleines Fenster hierhin.
Julia kann sich an dem Waschbecken hochhangeln und neugierig hineinsehen. Viel kann sie nicht erkennen, denn es ist zu dunkel. Nur schemenhafte Bilder und gespenstisch anmutende übergroßen Schatten von unzähligen Tauben, die sich dort eingenistet haben und immerwährend lautstark gurren. Das verursacht bei Julia jedes Mal ein mulmiges Gefühl.
Die Körperwäsche muss von allen in der Küche an einer Waschschüssel vorgenommen werden. Doch Hanna ist das alles egal. Sie will diese Wohnung trotz der Nachteile, weil ihr die Vermieterin den Ausbau und die Wiederaufstockung des Miethauses für die nahe Zukunft und damit auch die neu entstehende Wohnung im vierten Stock zugesichert hat. Dafür nimmt sie gern alle Mängel in Kauf!
Julia findet es jedenfalls wunderschön hier! Die Mutter hat alles komplett und gemütlich eingerichtet und Julia staunt nicht schlecht.
Ihr kleiner Verstand kann nicht wirklich begreifen, wie ihre Mutter das alles allein bewerkstelligen konnte und sie spürt einen großen Stolz auf die Mama.
Es gibt einen kleinen Balkon, der an einem riesigen mit vielen großen Fenstern bestückten Erker klebt. Der wird fortan von Hanna für alle nur erdenklichen Aktivitäten genutzt. Alles wird hinaus getragen, die Lebensmittel zur Essensvorbereitung, die Bügelwäsche, die Handarbeiten. Hanna liebt die Arbeit an der frischen Luft.
Julias Aufmerksamkeit gilt jedoch meist diesem schwarzen Loch und sie hält sich, wann immer sie unbeobachtet ist, in dem winzigen Klosettraum auf. Sie ist doch so neugierig und muss sich unbedingt einen besseren Blick durch das viel zu kleine und viel zu hoch gelegene Fenster verschaffen.
Sie ist mittlerweile ein sehr kräftiges und pummliges, für ihre Größe recht gewichtiges Kind geworden, so dass das Waschbecken ihren Klimmzügen eines Tages nicht mehr standhalten kann.
Unter knirschenden Geräuschen reißt es, das eine Mal zu viel, aus der Verankerung, fällt auf den Boden und zerbricht in tausend Stücke.
Julia ist ihrem Ruf als tollpatschige und ungezogene Göre wieder einmal gerecht geworden. Vater repariert in der wenigen Freizeit und mit Hilfe des Ersparten, was Julia demoliert hat. Von Hanna hagelt es böse Worte und der Liebesentzug nimmt kein Ende. Das trifft Julia zwar sehr, dennoch kommt sie nicht umhin, alles auszuprobieren und zu erkunden. Selbst wenn ihre noch sehr kleinen und manchmal eben ungelenken Händchen nicht immer überaus hilfreich funktionieren.
So bleibt ein lebenslang krummer Zeigefinger nach dem Versuch, mit dem Brotmesser das papierne Schild des Fabrikanten auf dem frischen Brot zu entfernen. Julia ist wieder einmal außerhalb der Essenszeiten unbändig hungrig und kann wegen dieser unerträglichen Leere im Bauch nicht auf die gemeinsame Brotzeit warten. Hanna ist auf der Arbeit und Vater liegt im Wohnzimmer auf der Couch und schläft. Jochen scheint auch nicht im Haus zu sein. Sie angelt sich das Brotmesser aus der Schublade, in die sie nur mit äußerster Anstrengung auf die Zehenspitzen gestellt gerade so hineinsehen kann. Der grenzenlose Appetit macht es möglich.
Sie greift sich das Brot, das immer in einem der unteren Fächer des Küchenschrankes liegt. Sie eilt mit beidem zum Küchentisch, um die Sitzbank zu erklimmen, ohne Brot und Messer aus der Hand zu legen.
Oben angekommen, macht sie sich an das Abschneiden einer Brotscheibe. Das Papierschild klebt nicht wie sonst auf dem Ende des Brotes, sondern ist soweit zur Mitte hin aufgebracht, dass es sich auf ihrer Scheibe befindet, wenn sie es nicht vorher entfernt. Es klebt fest. Julia hat schon gesehen, dass das flach angesetzte Messer irgendwie seitlich in die Brotkruste unter das Schild zu führen ist und versucht sich daran. Sie hält das Brot mit der linken Hand so kraftvoll wie möglich fest, setzt das scharfe Messer an, rutscht ab und ehe sie sich versieht, hängt die Kuppe ihres linken Zeigefingers nur noch wie an einem seidenen Faden herunter. Julia spürt zuerst gar keinen Schmerz, doch das Blut spritzt so heftig über das Brot und auf den Tisch, dass sie wie am Spieß loskreischt, von der Sitzbank stolpert und zu Papa ins Zimmer rennt. Sie schreit herzzerreißend und hält ihre blutüberflutete Hand über die Armlehne, auf der Papas Kopf ruht. Erst durch das dicht neben ihm ertönende Geschrei wird Werner jäh aus seinem immer tiefen Schlaf gerissen. Noch schlaftrunken sieht er das Malheur und springt auf.
Sofort hellwach, rennt er hinaus ein Tuch zu holen und stürmt in Windeseile zurück, während das Blut unaufhaltsam auf die Lehne tropft.
Der grüne, wenn auch ohnehin nicht mehr sehr edel anmutende Brokat verfärbt sich in tiefes Rot.
„Das wird meiner Mama nicht gefallen“, denkt Julia, doch sie kann sich keinen Zentimeter von der Stelle rühren, starrt nur entsetzt auf ihre hängende und entsetzlich blutende Fingerkuppe.
Die stoische Ruhe ihres Vaters lindert den aufkommenden Schmerz ein wenig. Er richtet die Kuppe wieder gerade, umwickelte den Finger mit dicken Tüchern und lässt Julia den Arm in die Höhe halten. Mit zwei Holzspänen baut er danach eine Schiene, gibt Jod auf die Wunde, was Julia zu neuem Schmerzgeschrei veranlasst, legt einen mit blutstillender Salbe getränkten Tupfer auf die Wunde und umwickelt den mit der Schiene begradigten Zeigefinger dick mit Mullbinde. Es puckert heftig unter dem festen Verband und der Schmerz wird fast unerträglich!
Allerdings stellt sich bei Julia schon nach kurzer Zeit ein gewisser Stolz über den ungewöhnlich imposanten Finger ein. Sie juxt schon wieder herum, kaum, dass sie diesen Stolz in sich wahrnimmt und der Schmerz ist darüber fast vergessen.
Das Entsetzen von Hanna über ihre schöne, aber jetzt so versaute Couch ist unaussprechlich! Während sie sich wutschnaubend sofort an die Reinigung der Couch macht, verflucht sie Julia wegen ihrer grenzenlosen Dummheit und der so überaus verhassten Ungeschicklichkeit.
Julia verkriecht sich in ihre Spielecke und vermeidet eine geraume Zeit ihrer Mutter zu begegnen. Der Schmerz lässt allmählich nach, die Fingerkuppe wächst wieder an, doch bleibt der Finger ein wenig krumm und zeigt ein Leben lang einen weißen bogenförmigen Strich quer über die Spitze des Zeigefingers.
Hanna hat neben ihrer vielen Arbeit tatsächlich enorme Mühe, dieses ständig umher schwirrende, alles anfassende und erkundende kleine Frauenzimmer im Zaum zu halten.
Zum Beispiel hört Julia zwar die mehrfachen Warnungen ihrer Mutter, dass das Bügeleisen sehr heiß sei, doch will sie das nicht recht glauben. Irgendwie will sie es neugierig selbst testen, steht es doch da im Wohnzimmer auf dem Fußboden auf einem Teller. „Nicht anfassen, es ist heiß!“ ruft Hanna mit erhobener Stimme und langgezogenen Worten.
Sie beobachtet von ihrem Balkon aus, wie ihre Tochter neugierig und kurz vor dem abschließenden Test um das heiße Eisen schleicht. „Julia, du sollst das nicht anfassen, hörst du? Es ist heiß!“ mahnt Hanna zum x-ten Mal lautstark und stürmt, dem Ungehorsam schließlich überdrüssig, sofort nach dieser letzten Ermahnung ins Wohnzimmer, ergreift die Hand ihrer Tochter und drückt die kleine Handfläche gegen die Unterseite des Bügeleisens. Es kommt Julia wie eine Ewigkeit vor, dass die Mutter ihre Hand auf dieser heißen Fläche festhält, und sie schreit verzweifelt vor Schmerzen! „Ist es nun gut? Ist Deine Neugier nun endlich befriedigt?
Ausziehen, Waschen und ab ins Bett, mein Fräulein!“ ruft Hanna zornig und ihre Stimme überschlägt sich.
So steht der häusliche Segen einmal mehr schief und für Julia wird es immer schwieriger die Wogen durch ein Lächeln zu glätten. Hanna hat ihr den Stempel eines unartigen, nicht folgsamen, ja gar bösartigen Kindes längst und unwiderruflich aufgedrückt.
Dabei will Julia ihre Mutter nicht ärgern, sie will doch nur alles erkunden, alles ausprobieren. Dabei passieren Dinge, die das Vorstellungsvermögen des kleinen Irrwischs übersteigen, deren Ausmaß sie mit ihrem kindlichen Verstand nicht vor Beginn des Dramas erkennen kann. Äußerlich kann Julia diese Demütigungen, diese körperlichen Züchtigungen durch Schläge mit den Händen, mit Kochkellen oder mit Kleiderbügeln abschütteln, doch allmählich macht sich ihre zerbrochene Seele bemerkbar.
Angst machende Träume überfallen sie. Träume, die den Schlaf immer häufiger zu einem grässlichen Erlebnis machen. Ihr Deckbett wächst und wächst und wird immer schwerer. Es verwandelt sich in eine riesengroße eklige Kröte, beginnt sich langsam selbst zu bewegen und umklammert Julias kleinen Körper mit übermächtigen Kräften. Ihre Zunge schwillt zu einem dicken saugenden Schwamm an, der das Atmen unmöglich macht und ihren Speichel restlos in sich aufnimmt und nicht mehr abzugeben bereit ist. Mit der ganzen Kraft ihrer winzigen Ärmchen schlägt Julia um sich und versucht sich zu befreien, es scheint unmöglich. Ihr krampfhaftes Bedürfnis zu atmen mobilisiert die Kräfte um sich herum nur noch mehr.
Julias Mund ist nicht mehr in der Lage sich zu öffnen, die Nase wird zugepresst und kurz vor dem drohenden Ersticken erwacht sie keuchend.
Nur langsam verkriecht sich diese widerliche Riesenkröte in ihre ursprüngliche Gestalt als Deckbett.
Es dauert immer eine Weile, bis sich Julias lähmende Angst legt und sie begreift, dass es nur ein Traum war.
Auch kommt des Nachts eine Fliege surrend auf sie zu. Je näher sie kommt, desto größer, hässlicher und lauter wird sie. Mit grässlichem Aussehen, furchtbar behaarten Beinen und einem schwarzgrünen, glänzend dicken Körper setzt sie sich auf das Deckbett dicht vor Julias Gesicht.
Die übergroßen Flügel schwirren wie bewusst gesteuert so, dass die Luft zum Atmen immer dünner wird, als würde direkt vor Julias Gesicht ein Vakuum erzeugt. Die unbändige Angst zu ersticken oder gar von diesem Viech gefressen zu werden lässt sie schweißgebadet wach werden.
Erst lange nach diesen schrecklichen Träumen fällt sie unter letzten auf den Wangen trocknenden Tränen wieder in den Schlaf.
Dennoch hat sie nur manchmal am Abend Angst schlafen zu gehen, sieht sich zwar vorher im Zimmer nach Fliegen um oder überprüft ihr Deckbett, hat meist aber tagsüber die nächtlichen Strapazen so verdrängt, dass sie nahezu unbekümmert in ihr Bett geht, wenn Mutter Hanna es verlangt.
Nach dem Ertönen des morgendlichen Weckrufs der Mama durch die Kinderzimmertür ist Julia trotz dieser Träume immer erste in ihren Hausschuhen und tobt in die Küche zum Waschen und Zähne putzen. Wenn sie dabei an ihr Spielzeug, die vielen neuen Eindrücke, an die Sonne und, ungeachtet aller Drangsal, auch an die Mama denkt, glaubt sie zu wissen, dass der wache Tag viel schöner sein würde! Schnell ist sie angezogen, und immer wieder fröhlich bereit, in der Nähe der Mutter den neuen Tag zu erforschen.
Wie die Hauswirtin es zugesichert hat, wird der Kriegsschaden an dem Haus ausgebessert und die Aufgangsseite über Julias Zuhause erhält zwei neue Etagen. Auch dieses unheimliche Bombenloch wird gereinigt, erhält neue Geschossdecken und wird zu dem dritten Zimmer in den vorhandenen und den neuen Etagen.
Am Ende des Flures wird jeweils ein großes Bad mit Badewanne, Waschbecken, Toilette und einer Nische für einen riesengroßen Einbauschrank über fast die gesamte Länge des Badezimmers gebaut.
An der Stelle, wo sich die Innentoilette befand, ist von nun an eine kleine Abstellkammer. In der obersten Wohnung, der für Hanna reservierten, thront ein riesiger Balkon auf der gesamten Erkerlänge der darunterliegenden Wohnungen.
Hanna ist überglücklich, dass die Hauswirtin die Zusage zum Erstbezug der neuen Wohnung in der vierten Etage aufrechterhalten hat. Kaum ein Jahr ist bisher in diesem Haus vergangen und Hanna erhält den neuen Mietvertrag für die wunderschönste Wohnung, die sie in ihrem Leben je gesehen hat und selbst beziehen darf.
Der Malergeruch ist noch nicht vollends verflogen, da ist die Wohnung auch schon eingerichtet. Es kann noch nicht viel Neues gekauft werden, auch für einen Kühlschrank ist noch kein Geld da. Doch es ist auch mit den alten Möbeln gemütlich, wenn die auch nur für zwei Zimmer ausreichen. Die monatliche Miete übersteigt die bisherige bei weitem, doch es muss irgendwie gehen. Hanna beschließt, den einen der zwei großen straßenseitigen Räume, den ohne Balkon, zu vermieten, um damit die Kosten zu senken. Schließlich haben sie alle auch bisher ohne größere Probleme in zwei Zimmern gelebt. Jochen und Julia erhalten das hofseitige Zimmer, das über dem ehemaligen Bombenloch, von dessen Fenster aus man nun auf das neugedeckte nur leicht geneigte Dach des Seitenflügels schauen, und was viel reizvoller ist, auch klettern kann.
Das erste, straßenseitige Zimmer mit dem großen Balkon, ausgestattet mit der Klappcouch, der Schrankwand und dem Couchtisch mit Sesseln, dient nachts als Schlafzimmer für die Eltern und tagsüber als Wohnzimmer für die Familie.
Hanna ist wild entschlossen, den Weg weiter zu gehen, der sie bisher ihren Zielen und Träumen so erfolgreich näher gebracht hat.
Sie weiß, eine Untervermietung würde ihr vieles erleichtern, also macht sie sich auf die Suche. Sie fragt den Metzger, den Bäcker, klebt Zettel an die Fenster des Milchladens um die Ecke, an den Zeitungskiosk und an die Litfaßsäule. Sie spricht mit den Nachbarn und ihren Arbeitgebern, und gibt nicht eher Ruhe, bis alle in der Umgebung von ihrem Vorhaben wissen.
Schließlich meldet sich ein älteres Ehepaar, das sofort nach der ersten Inaugenscheinnahme bereitwillig das große und helle Zimmer beziehen will.
„Und du bist die kleine Julia?“ fragt der alte Mann an der Eingangstür mit dem Blick auf das kleine Mädchen, das gerade viereinhalb ist und erst die Hälfte der Körperlänge ihres Bruders erreicht hat. Seine Stimme ist tief und ruhig, und der freundliche Blick heftet sich auf Julias Gesicht. „Ja“, sagt Julia artig und reicht ihm die Hand, die er, sich zu ihr hinunter bückend, lange und fest in seiner behält. „Du bist aber hübsch!“ sagt er und sieht ihr intensiv in die Augen. Das ist Wasser auf Julias Mühlen, so etwas Schönes hat sie noch nie gehört! Sie ist ein wenig beschämt über seine Worte, und da er das zu spüren scheint, wendet er seinen Blick schließlich wieder an die Mutter und lässt die Hand der Kleinen los. Julia steht wie angewurzelt da und mustert ihn gebannt und neugierig.
Er ist groß und schlank und Julia ahnt, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Sein Gesicht ist nicht sehr hübsch und die Haut zeigt viele Falten. Buschige Augenbrauen kleben wie dichte Fellstreifen über den Lidern und scheinen die kleinen, wasserblauen Augen noch tiefer in den Höhlen versinken zu lassen. Die Augenränder sind dick und faltig und in der Mitte protzt eine große, knubbelige Nase, deren Nasenlöcher aus Julias Perspektive Phantasien von Maulwurfsgängen oder Höhlen erzeugen.
Die wenigen Haare sind glatt und über die wohl schon vorhandene Glatze vom tiefen Scheitel der einen Seite zur anderen gekämmt. Julia wird später oft darüber kichern, wenn das nur aufliegende Haar während des Herumalberns von der Glatze rutscht und seitlich lang herunterhängt. Sein schmaler Mund verrät irgendetwas nicht ganz Angenehmes, doch, wenn er lächelt, verfliegt dieses ungenaue Gefühl. Dann wirkt er freundlich und liebevoll. Seine Kleidung ist alt und viel getragen, aber er wirkt ordentlich. Julia kennt diese Art von Kleidung und weiß, dass eben geflickt und ausgebessert werden muss, wenn das Geld für neue Sachen nicht reicht. Und so ist ihr der erste Moment dieser Begegnung, zum einen wegen seines offenbar freundlichen Wesens aber hauptsächlich wegen seiner so betörenden Worte für sie, nicht unangenehm.
Auch seine Frau, die die ganze Zeit hinter ihm steht, jetzt aber vortritt, gibt dem kleinen Mädchen die Hand und Julia macht einen artigen Knicks. Sie ist eine etwa gleichgroße, aber recht füllige Person mit einem großen Busen und einem noch größeren Po. Sie trägt ein geblümtes Kleid aus Perlon, das ein wenig zu eng ist und zudem mit einem Gürtel in der Taille so fest zusammengeschnürt wird, dass sich das Hinterteil noch üppiger zeigt.
Über dem angewinkelten linken Arm trägt sie eine leicht angegraute, eigentlich weiße Handtasche mit kurzen Henkeln, die schräg nach außen abstehend auf dem runden und ebenso dicken Bauch ruht. Ihr Haar ist kraus und grau und mehr als ungeschickt zu einem Turm aufgesteckt.
Ihr Gesicht wirkt freundlich und ruhig und eigentlich recht ansehnlich, nur die diversen größeren Pickel, aus deren Mitte Härchen wachsen, verleihen ihr das Aussehen einer Hexe aus dem Märchenwald.
Julia ist das ganz und gar nicht unangenehm, denn sie kennt das von ihrer Oma, Papas Mutter, deren Gesicht neben diesen dicken, behaarten Pickeln obendrein von einem weißen, flaumigen Bartwuchs auf dem Kinn bis hoch in die Wangen verziert wird – und diese Oma liebt Julia sehr.
Einzig der Geruch ist für Julia ein wenig befremdlich. Seit dem Moment, da die beiden die Wohnung betreten haben, verbreiten sie diesen eigentümlichen Duft. Eine Mischung aus Staub, Schweiß und Kernseife, versucht Julia in Gedanken zu definieren. „Das muss am Alter liegen“, würde Hanna später einmal, nicht ohne ein gewisses Naserümpfen zu ihrer Tochter sagen, „die Herrschaften sind schließlich schon Mitte fünfzig, da riecht man eben so!“ Julia gibt sich schnell zufrieden mit dieser Erklärung und findet diese offenbar unabänderliche Tatsache, im Gegensatz zu ihrer Mutter, ohnehin nicht mehr sonderlich schlimm. Schließlich zeigt sich etwas ganz anderes, etwas für Julia Wunderschönes, seit diese zwei hier wohnen, Julia ist endlich nicht mehr so allein!
Beide, insbesondere der Opa, sind immer zum gemeinsamen Spiel bereit, jede Begegnung wird von Zärtlichkeit, Liebkosungen und liebevollen Worten begleitet. Wann immer Julia das Bedürfnis hat, darf sie die beiden in ihrem Zimmer besuchen. Julia kann ihnen alles berichten und häufig sitzt sie nur auf seinem Schoß, wenn beide gemütlich in ihren dicken, schweren Sesseln an dem großen, runden Tisch Platz genommen haben und Kaffee und manchmal einen Schnaps trinken.
Dann liest die alte Dame aus Julias Märchenbuch oder beide lauschen, immer aufs Äußerste zugewandt, den Erzählungen und Phantasien ihres kleinen Mädchens.
Es ist wunderbar für Julia, sie liebt diese Stunden, und sie liebt natürlich ganz besonders das von beiden bei jeder Gelegenheit ausgesprochene Lob für ihr kleines Mädchen. Hier ist sie weder ungeschickt, noch dumm! Eine nie gekannte Zuwendung wird ihr zuteil und wann immer Julia durch die Wohnung tobt, sucht sie die Nähe und die Gesellschaft dieser beiden Alten.
Während all dieser Zeit hat Julia nur wenige Erinnerungen an ihren Bruder Jochen. Er ist bereits acht und geht schon zur Schule, so dass er morgens schnell verschwunden ist. Hat er dann Schulschluss und kommt nach Hause, schmeißt er seinen Ranzen in die Ecke und verschwindet so hektisch wie er gekommen ist, um sich in das Spiel seiner Kumpels auf der Straße einzureihen.
Julia sieht ihn meist nur zu den Essenszeiten und, obwohl sie seine Gegenwart sehr genießt, ist er dann eben auch nur mit den Augen wahrzunehmen. Er ist so still, bringt nur höchst selten einen Ton heraus, isst ruhig und artig sein Essen auf und verschwindet mit Hannas Zustimmung wieder auf die Straße zum Spielen.
Für beide ist zwar das gemeinsame Kinderzimmer eingerichtet, doch nur manchmal halten sie sich dort zu zweit auf oder spielen gar miteinander.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommt Jochen folgsam, wie es ihm aufgetragen wurde, wieder nach Hause. Nach dem Abendessen geht es ab ins Bett. Auch Jochen macht sich bettfein, wozu er löblich allein in der Lage ist, doch wirklich ins Bett muss nur Julia. Jochen darf im Pyjama noch bis in den späten Abend bei Mama in der Küche sitzen, die Schulaufgaben machen und das Lesen üben.
So manchen Abend kann Julia nicht einschlafen, da die Gefühle von Eifersucht und Ausgeschlossenheit von ihr Besitz ergreifen. Meist fällt sie dann aber doch in den Schlaf, noch bevor Jochen ebenfalls ins Bett geht. Nur morgens hört sie ihn kurz rumoren, wenn er sich anzieht und seinen Schulranzen vollstopft. Danach flitzt er wortlos aus dem Haus.
Julia spielt nur noch mit dem neuen Onkel, der übrigens Walter heißt, und den sie sehr lieb gewinnt. Er ist immer für sie da, kümmert sich um sie, nimmt sie auf den Schoß, ist zärtlich zu ihr und was das Wichtigste ist, er entschuldigt Julias kleine oder auch große Eskapaden vor Hanna. Er nimmt sie immer in Schutz.
Julia macht Onkel Walter und seiner Frau Erna viel Freude, das spürt sie genau. Nichts kann die beiden aus der Ruhe bringen, niemals fällt ein böses Wort. Für Julia ist die Familie nur durch diese beiden alten Menschen perfekt, so, wie sie sich eine Familie in ihrer Phantasie immer ausgemalt hat. Nur nachts quälen Julia diese Träume! Sie kann schon selbst auf die Toilette gehen und, wie ihr die Mama aufgetragen hat, ist sie immer bemüht rechtzeitig loszulaufen um ihr Geschäft auf dem Klo verrichten zu können.
Ist sie im Bad angekommen und hat die Tür hinter sich verschlossen, öffnet sie diese vorsichtshalber noch einmal und versichert sich der Tatsache im richtigen Raum zu sein, setzt sich dann erst auf die Kloschüssel und puscht mit Wonne hinein. Kaum, dass sie den warmen Saft an ihren Schenkeln spürt, wacht Julia in ihrem Bett liegend auf.
Wieder hat sie die geliebte Mutter verärgert! Das geschieht so oft auf diese Weise, dass Julia ihren Klogang mehrmals kontrolliert, indem sie die Tür dreimal, ja viermal wieder öffnet und sich genau umsieht. Es nutzt nichts, wie immer träumt sie es. Kaum, dass sie das Wohlwollen der Mutter durch einigermaßen artiges Verhalten am Tage errungen hat, wird es in solchen Nächten wieder zunichte gemacht! Dabei fühlt Julia eine so tiefe, mitleidende Anteilnahme für die arme, so schwer arbeitende Mutter, die sich so unermüdlich um alles kümmert.
Die viele Wäsche beispielsweise, die sie in einem riesigen Bottich, in dem sich Julia hätte verstecken können, auf dem Beistellofen in der Küche zum Kochen bringt.
Wenn dann der Inhalt lange genug in dem Seifenwasser gekocht hat, bugsiert sie den schweren sehr warmen Behälter ins Bad und entleert ihn in die Badewanne. Fast randvoll ist dann die Wanne. Drei bis viermal wechselt Hanna das seifige Wasser gegen frisches aus und spült die Wäsche unter ständigem Stuken und Schwenken, immer in der über die Wanne gebückten Haltung.
