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In meinem Buch geht es um kurze und längere Geschichten, die das Leben schreibt.
Das E-Book Kurzes und Längeres wird angeboten von tredition und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Kurzgeschichten, Erfahrungen, Gutes und weniger Gutes, Gesehen und erzählt, kaum zu glauben, kleine Nachtlektüre
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2022
Kurzes und Längeres von
Kindern
Mädchen
Schülerinnen
Pubertierenden
jungen Frauen
Ehefrauen
dummen Frauen
klugen Frauen
Abenteurerinnen
alten Frauen
weisen Frauen
1. Auflage
Verlag & Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Copyright © 2021
Autorin:
Jutta Kindler
alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung:
Jutta Kindler
Fotos:
Jutta Kindler
ISBN:
978-3-347-64767-1 (Paperback)
978-3-347-64774-9 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Obwohl die Geschichten von wahren Begebenheiten inspiriert sind, sind die teilnehmenden Personen, deren Namen sowie deren Geschichten frei erfunden.
Gedanken vorab
Manches im Leben ist gut, manches einfach nur schlecht,
manches scheint unwirklich und ist doch so echt,
Bin ich klein, sind die Geschichten groß,
bin ich dann groß, gibt‘ s von denen so viele mehr,
die machen ein Leben zwar spannend und famos,
doch oft auch ein wenig zu schwer.
Es sind die Regeln, die in mir entstehen,
die vielen Erinnerungen, die bei mir bleiben,
die bunten Anekdoten, die vergehen,
die mir schließlich die Regeln zeigen.
Und bleiben die Geschichten für immer an mir dran,
und erzähl‘ ich sie dann nach so vielen Jahren,
freut es mich, dass ich lächeln kann,
will ich mir das Lächeln doch bewahren.
Egal, ob im Leben manches gut ist oder manches schlecht,
wichtig ist nur, das ist das Leben und das ist echt.
Welche Geschichten sind wo zu finden…
Titel
Der rote Pulli
Dumme Konsequenz
Verantwortung
Der Schreck
Dunkle Flecken
Tobi und die Vopos
Die nackte Freiheit
Neu Gelerntes
Langer Einkauf
Gentleman
Nachttaxi
Schnapsdrossel
Überraschungen
Flüchtig
Poltergeister
Der frühe Vogel
Süchtiges
Fliegende Kostproben
Die Tote im Dach
Gesicht in Stein
Eingebrannt
Naiv
Diebische Elstern
Der erste Tanz
Der Betrüger
Nichtschwimmerin
Das erste Mal
Der rote Pulli
Winterlich dunkel ist’ s noch. Sophie ist wie an jedem der letzten Tage viel zu früh hellwach und in aufgeregter Erwartung. Sie reibt sich die Augen, um sie auch so wach zu bekommen und springt putzmunter aus ihrem Bett. Ungelenk versucht sie in die Hausschuhe zu schlüpfen, die wie immer falsch herum stehen. Heute ist es endlich so weit, heute ist ein so besonderer Tag!
Kaum in den Schuhen, ist sie auch schon an der Tür und zieht vorsichtig und so lautlos wie möglich die Türklinke herunter. Ihr kleiner Körper ist in völliger Anspannung und ihre Ohren lauschen in den Flur – nichts zu hören.
Sophie huscht hin zur Wohnzimmertür, alles ist ruhig. Hinter dieser Tür werden sieben Kerzen auf ihrem Lieblingskuchen auf sie warten, einem Nusskuchen, noch etwas klietschig, so, wie sie ihn besonders liebt. Der Duft hängt noch im Flur.
Hinter dieser Tür wird ein Tisch nur für sie gedeckt sein. Kleine Päckchen in buntes Papier gewickelt und mit Schleifen hübsch verziert, werden um den Kuchen herum liegen, und was erst drinnen zu finden sein wird? Wahrscheinlich ist alles wie immer noch mit Tüchern abgedeckt. Das macht die Mutter so, um vor verfrühten Blicken zu schützen, doch das ist egal! Sophie kann nicht warten, sie muss es wenigsten ein Mal sehen können. Ein Mal schauen, ob es wirklich wieder so ist, wie jedes Jahr.
Mutter mag es nicht, wenn ihre Tochter so neugierig ist und nicht abwarten kann. Sie kann sehr böse werden. Also muss sie jetzt ganz vorsichtig sein.
Das Bewegen der Klinke gibt ein so lautes Geräusch von sich, das ein heftiger Schreck ihren Körper durchfährt. Sekundenlang ist sie wie erstarrt. Doch sie wagt noch einen zweiten Versuch. Das Knarren ist ohrenbetäubend und ihr Körper wie gelähmt. Entmutigt lässt Sophie von ihrem Vorhaben ab, flitzt lautlos in ihr Zimmer und ist mit einem Satz zurück in ihrem Bett. Ihr Herzschlag wetteifert mit dem Ticken der Uhr, doch alles sonst um sie herum ist still.
Sie weiß sehr wohl, wie viel besser es ist, geduldig auf die Überraschung zu warten. Es wird ja auch nicht mehr lange dauern, bis die Mutter aufsteht und den Geburtstag ihrer Tochter ganz in deren Sinne vorbereitet. Es wäre nicht gut, ihrem Ungehorsam freien Lauf zu lassen, das weiß Sophie nur allzu gut!
Sie ist ein kleines zierliches Mädchen, aufgeweckt und lebhaft, immer voller Frohsinn. Sie weiß schon gut, dass es in diesem Leben zwar viel Anlass zur Freude gibt, aber auch Traurigkeit oft nicht lange auf sich warten lässt. Sie geht schon ein halbes Jahr in die Schule, und dem macht sie wirklich gerne! Sie liebt alle um sich herum und ist selbst sehr beliebt, weil sie ein so frohes Gemüt hat.
Ihre lustvolle Neugierde verbunden mit einem großen Maß an Tollpatschigkeit treibt die Mutter allerdings oft in den Wahnsinn. Und wenn sie genervt ist, wird sie sehr streng – jedenfalls mit Sophie.
Markus, Sophies Bruder, ist schon groß, sie sieht ihn meist nur beim Frühstück, bevor er zur Arbeit geht. Er macht eine Lehre als Modellbauer. Sophie verehrt ihn, denn die kleinen Häuser, die er aus Holz, Pappe und Glas baut, sind wunderhübsch.
Markus sieht sie kaum, hat er doch wenig Interesse für die kleine Schwester. Zudem spricht er überhaupt nur wenig.
Der Vater ist vor kurzem weg. Sie haben so viel gestritten.
„Aber heute wird er kommen“, denkt Sophie und zieht ihre Decke bis unter die Nasenspitze. Eine Träne kullert unmerklich über ihre Wange. „Was wird Papa mir mitbringen? Wird er bleiben? Bestimmt wird er das! Bestimmt hat er ein wunderschönes Geschenk für mich.“ Die Gedanken sausen ihr durch den Kopf, während die Augenlider schon wieder schwerer werden – es ist so schön warm unter der Decke.
„Happy birthday, Sophie“, trällert es durch die gerade aufgestoßene Zimmertür. „Aufstehen! Willst du denn gar nicht sehen, was dich erwartet?“
Natürlich will sie! Tagelang schon wartet Sophie auf diesen Moment. Wie immer hat Mutters Ton etwas Bedrohliches, etwas Einschränkendes. Sophie ist ein wenig zögerlicher als noch vor zwei Stunden. Doch endlich kann sie das Wohnzimmer betreten.
Jedes Jahr an diesem Tag glaubt Sophie, niemals zuvor etwas so Schönes gesehen zu haben. Es ist nur für sie, es ist ihr Geburtstagstisch! Diese Pracht! Dieses Glitzern im Kerzenlicht! Ein wundersames Glücksgefühl durchströmt ihren Körper, sie ist den Tränen nahe. Die flackernden Lichter auf dem Lieblingskuchen, sie verschwimmen vor ihren feuchten Augen.
Eine Puppe, ein Schal, ein Schlafanzug, alles legt sie nach dem Auspacken behutsam wieder auf den Tisch. In einem Päckchen ist eine rote Federtasche mit Buntstiften. Mit einem dicken Radiergummi, Bleistiftspitzer aus Metall und einem Füllfederhalter. Sophies Aufregung ist unbändig!
„Da ist noch etwas für dich!“ Die Mutter zeigt auf ein Päckchen hinten an der Wand. Jetzt erst sieht sie hinter all den ausgepackten Geschenken den Karton, eingewickelt in rotes Papier mit goldenen Sternen und einer großen glänzend gelben Schleife. Sie muss aufpassen, dass das schöne Papier nicht zerreißt, Gleich ist es geschafft!
Sophie hebt den Deckel an, und zum Vorschein kommt ein wunderschöner Pullover. Knallrot, mit Muster und einem riesigen gerippten Rollkragen. Gedankenversunken schaut sie in den Karton und streichelt die weiche Wolle. Plötzlich erinnert sie sich an das leise monotone Ratschen von Papas Strickmaschine. Bis in die Nacht war es zu hören, rhythmisch und langanhaltend. Die Geduld bei seiner Arbeit konnte Sophie sogar durch die Wand erspüren, und diese Verlässlichkeit des Vaters hatte ihr oft beim Einschlafen geholfen.
„Wann kommt Papa denn?“ – und sie schaut ihrer Mutter ins Gesicht.
„Wir wollen frühstücken, du kannst den neuen Pullover anschließend anprobieren!“
Auch auf dem Frühstückstisch brennen Kerzen. Es gibt Nusscreme und frische Brötchen. Zur Feier des Tages darf Sophie schon ein Stück von ihrem Geburtstagskuchen essen. „Wenn Papa nur hier wäre – der Kuchen würde ihm auch schmecken. Er muss ihn heute Nachmittag gleich als erstes kosten!“ Die Mutter macht ein ernstes Gesicht und beginnt eifrig die Pausenbrote für Markus herzurichten, weiß sie doch sehr genau, dass er nicht kommen wird! Schließlich sind sie getrennt, da wird er hier wohl nicht aufschlagen, selbst wenn heute der Geburtstag seiner Tochter ist!
„Was möchtest du drauf haben?“ „Egal“, antwortet Markus genervt und verschwindet auch gleich in sein Zimmer, um sich fertig zu machen. Sophies Appetit lenkt erst einmal von den Geschenken ab, doch dauert es nicht lange und sie wird zappelig. „Darf ich schon aufstehen?“
In Windeseile ist sie wieder an ihrem Tisch. Es wird anprobiert, kontrolliert, jedes Detail begutachtet. Sie saust hin und her zwischen Tisch und Flurspiegel und staunt mit großen Augen, wie hübsch sie aussieht mit den neuen Sachen von der Mutter.
Doch Papas Pullover ist der Schönste! Sophie zieht ihn an, dreht sich vor dem Spiegel, streichelt über die Arme, zeichnet mit dem Zeigefinger liebevoll und mit stolzer Bewunderung das schöne Muster nach und beschließt, dieses wunderbare Geschenk nie wieder auszuziehen.
Es ist schnell Nachmittag geworden. Sophie sitzt auf ihrem Bett. Der dicke Pulli hat kleine Schweißperlen auf ihre Nase gezaubert, doch sie will ihn unbedingt anbehalten. Sie malt mit den neuen Buntstiften.
Onkel Wilhelm und Tante Helma sind schon da, sie haben all die Utensilien zum Malen für ihr kleines Mädchen mitgebracht. Jetzt sitzen sie im Wohnzimmer mit der Mutter, trinken Kaffee, tratschen und essen Nusskuchen. –
Das Telefon klingelt. Sophies Herz fängt an zu rasen.
„Papa!“ Sie flitzt aus ihrem Zimmer, sie ist die erste am Telefon und reißt den Hörer von der Gabel, „Papi?“ –
„Nein, aber du bist sicherlich Sophie, kann ich bitte deine Mama sprechen?“
Dumme Konsequenz
Endlich sind die Schulaufgaben erledigt und Mara hat ihren Schreibtisch ordentlich aufgeräumt. Die Mutter ruft zum Essen – es schmeckt hervorragend. Mara ist ein kleines rundliches Mädel, das so gerne isst, zumal die Mutter kocht wie eine Zauberin. Sie liebt es, ihr bei den Zubereitungen zuzuschauen, doch heute gab es keine Zeit dafür. Es waren zu viele Aufgaben, die Mara unbedingt für den morgigen Schultag zu erledigen hatte.
Sechs Personen sitzen um den Küchentisch herum, und sobald die Mutter allen Hungrigen aufgetan hat, wird es mucksmäuschenstill. Gulasch mit Rotkohl und Klößen, das schmeckt jedem am Tisch. Gern überlegt sich die Mama, aus den Resten noch ein weiteres Essen für den nächsten Tag zu kreieren. So würde aus dem Rest Gulasch mit neuen Zutaten wie Pfeffergürkchen, Kartoffelstücken, Staudensellerie und Brühe eine deftige Kartoffelsuppe, die wiederum eine Mahlzeit für alle ausmacht. Doch heute hat sie sich verrechnet – alles wird alle. So ist es manchmal, wenn alle sechs nach einem anstrengenden Tag so Köstliches serviert bekommen.
Mara schlingt beinahe, wenn auch genießend, beeilt sich aber dennoch, möchte sie doch noch auf die Straße. Sie hat die Nachbarskinder schon vor dem Essen beim Rollschuhlaufen durchs Fenster beobachtet und – solange es noch hell draußen ist, darf sie auch noch raus.
Alles fertig, die Turnis übergestreift, die Jacke gegriffen und los. Sie wählt die Strickjacke, die die Mutter gestrickt hat und die sie so gerne trägt. Es ist eine rosafarbene Jacke aus vielen verschiedenen Mustern. Ein großes Muschelmuster ist hauptsächlich in Front und Rücken zu sehen und macht die Jacke sehr attraktiv. Der Kragen umschmeichelt den Hals in Wellen, halb stehend, halb liegend. In der Taille gibt es eine Kordel, hergestellt aus der gleichen Wolle, die durch Löcher gefädelt ist und vorn zu einer Schleife gebunden wird. Der Schoß fällt dadurch wie eine breite Rüsche und zeigt am Rand eine kunstvoll gehäkelte Borte, die gleiche übrigens wie am Kragen und an den Ärmelbündchen. Die Ärmel sind im Schulterbereich weiter gestrickt, als es für den Armausschnitt notwendig wäre und daher wie Puffärmel eingesetzt. Die Manschetten sind im Patentmuster gestrickt und schmiegen sich eng an die Handfesseln. Mit dieser Jacke kann es Mara nicht kalt werden. Sie liebt sie und fühlt sich mit ihr wie eine kleine Prinzessin. Sie springt drei Stufen auf einmal hinunter. Mara hat keine Lust auf die Rollschuhe, schließt sich lieber dem Versteckspiel an.
Das Nachbarhaus wird gerade neu gebaut und ist erst im Rohbau fertig. Die Baustelle ist überall zugänglich, wenn man nur ein paar verhalten hergestellte Absperrungen überwindet. In so einem Bau herumzuturnen ist für Mara sehr aufregend! Alle Räume sind durchgängig, es gibt keine Türen, keine Fenster, nur Rüstungen vor den Fassaden und improvisierte Geländer an den Treppen. Alles Fertige ist ausschließlich zu erahnen.
Bastian von nebenan ist auch draußen. Ein komischer Vogel, aber sehr lustig. Er wippt so ulkig auf und nieder beim Laufen, weil er sich bei jedem Schritt in seine Zehenspitzen drückt. Er ist fröhlich und nett und für jeden Unsinn zu haben. Mara und Bastian verschwinden in dem Haus. Sie versucht sich vor ihm zu verstecken, kommt aber immer wieder an nicht vermuteten Stellen zum Vorschein. „Huhu, hier bin ich“, ruft sie neckisch und verschwindet gleich wieder. Bastian rast hinterher, kann sie aber nicht wirklich erwischen. Petra, Sabine und Mark sind auch noch hier und da zu hören, wenn auch nicht zu sehen. Auch hier ist der Huhu-Ruf immer wieder da, dass es fast ein wenig nervt. Jemanden mal hier und mal da rufen zu hören, ihn aber nicht sehen zu können, kann schon gewaltig verrückt machen.
Auf dem Vorplatz treffen sich alle wieder und staunen, was es hier zu bewundern gibt. Etliche Bewehrungsmatten liegen aufeinander, darauf herumzuturnen ist wie ein Tanz auf einem Trampolin. Dicke Verbindungsmuffen für die Stahlrohre der Rüstung liegen auf einem großen Haufen, Bastian erklimmt den Hügel, rutscht zwischen die sich bewegenden schweren Stahlteile und bekommt einen dumpfen Schlag am Knöchel. Sofort wird der Fuß dick und Bastian bekommt merklich schlechtere Laune. Alle sprengen auseinander. „Fang mich doch“, ruft Mara und Bastian humpelt ihr hinterher, den Schmerz überwindend. Die Straße hinauf und wieder herunter landen die beiden erneut auf dem Bauplatz. Mara hat sich hinter das große Teerfass gerettet, dass noch bis zur Hälfte mit der zähen schwarzen Flüssigkeit gefüllt ist. Will Bastian nach ihr greifen schiebt sie sich entlang der Tonne zur einen und wieder zur anderen Seite – er bekommt sie nicht zu fassen, so oft er es auch versucht.
Auf dem Rand der Tonne klemmt eine breite Bürste, die offenbar der Verteilung der Masse auf den Flächen dient. Bastian greift sie sich, taucht sie ein, hebt sie mit Schwung aus der Tiefe hoch und fährt Mara mit einem Streich über die Jacke von der Taille bis unter das Kinn – ein Aufschrei, dann Totenstille. Mara kann ihren Blick gar nicht mehr von dem Drama auf ihrer Brust abwenden, sie ist starr vor Entsetzen.
Bastian lässt nur noch die Bürste fallen, sie klatscht in den Bottich zurück und taucht unter. Auch Bastian zieht es vor, rasch unterzutauchen und verschwindet in Windeseile. Mara steht an der Tonne wie angewurzelt, sie weiß überhaupt nicht, was sie jetzt tun soll. Ihre Mutter wird ihr den Hintern versohlen, wochenlang nicht mit ihr sprechen, sich alle möglichen Strafen für sie ausdenken, ihr niemals verzeihen! Und sie hätte recht! Diese wunderschöne Jacke! Mit einem Streich verdorben, kaputt, irreparabel! Wie könnte sie das jemals wieder gutmachen?!
Es gibt keine Strafe, keine Schläge, kaum Worte, nur eine nahezu verzweifelte, immer bleibende Enttäuschung. Die Mama wird nie wieder etwas für ihre Tochter stricken. Die Jacke, die auch durch Fachleute nicht vom Teer befreit werden kann, würde Mara dreißig Jahre später in Mutters Schrank, sorgfältig in einen Stoffbeutel eingepackt, wiederfinden.
Verantwortung
Ein ganz normaler Schultag. Wie immer ist Silvie guter Dinge und freut sich auf den Tag. Heute ist jedoch etwas anders als sonst. Ihr Freund Peter, der in dem Neubau an der nächsten Straßenecke wohnt, und den sie jeden Morgen abholt, um mit ihm gemeinsam zur Schule zu gehen, kommt heute nicht runter. Sie wartet minutenlang, es kommt ihr vor wie eine Ewigkeit. Doch sie traut sich nicht zu klingeln, um nachzufragen, könnte sie doch stören. So geht sie schließlich allein zur Schule und versucht, die verlorene Zeit mit schnellen Schritten aufzuholen. Der Weg scheint heute besonders lang, denn selbst, wenn sie es eilig hat, ist sie immer noch auf alles neugierig und sie möchte am liebsten alle paar Minuten anhalten, wie immer, wenn sie verträumt durch die Straßen läuft. Doch heute rennt sie zwischendurch sogar, wenn sie doch wieder zu lange an einem besonderen Fahrrad gehalten oder eine frische Knospe auf der Wiese betrachtet hat.
Ihre vierte Klasse befindet sich im Obergeschoss des Schulgebäudes. Sie stürzt ins Haus, rennt zur Treppe und nimmt zwei Stufen auf einmal, um nicht noch mehr Zeit einzubüßen. Die Tür des Klassenzimmers ist bereits geschlossen, was immer heißt, dass der Unterricht begonnen hat. Doch die Lehrerin muss auch gerade eingetreten sein, wie Silvie etwas erleichtert sehen kann. Sie ist noch dabei, den Inhalt ihrer Tasche auf dem Lehrerpult zu drapieren, so, wie sie es stets akribisch vor Unterrichtsbeginn erledigt.
Silvia schließt vorsichtig leise die Tür und huscht auf ihren Platz. Auch sie legt ihre Aufgabenhefte aus der Mappe auf den Tisch. Alle tuscheln noch, erzählen sich noch leise, was sie gerade berührt, oder was sie vorhin noch gesehen oder auf dem Schulweg erlebt haben.
Es wird erst mucksmäuschenstill, als Frau Weber ernst hochschaut und sich wortlos frontal vor die Klasse stellt.
Silvie ist froh, dass ihr Zuspätkommen von ihrer Lieblingslehrerin übergangen wird und sie nicht einmal einen ungnädigen Blick ertragen muss. Der Unterricht beginnt.
Bei dieser Lehrerin ist Silvie nichts zu schwer, sie versteht alles und kann sogar einiges zum Unterricht beitragen. Fragen beantworten, Lösungen finden und an die Tafel schreiben, Erklärungen liefern, all das gelingt ihr spielend und Frau Weber erfreut sich an der regen Teilnahme ihrer Schülerin. Es scheint, als hätte Silvie das Rechnen ausschließlich durch diese besondere Frau richtig gut gelernt, was wohl auch stimmt.
Der Tag vergeht wie immer ohne besondere Ereignisse, heute mit Rechnen, Heimatkunde und Deutsch sowie Sport und Musik. In den Pausen lassen sich alle das Schulessen schmecken, es gibt Milchreis mit Zucker und Zimt und ist bei allen beliebt. Danach wird auf dem Schulhof noch ein wenig getobt, miteinander geratscht oder einfach nur rumgehangen.
Auch am nächsten Tag kommt Peter nicht runter und Silvie läuft allein zur Schule. Peter ist so ein lieber Freund, sie mag ihn sehr. Er ist außerordentlich lang für seine zehn Jahre und überragt Silvie mindestens um zwei Köpfe. Dazu ist er sehr dünn und wackelt so schlaksig neben ihr her, dass Silvie ihm so gerne zuschaut. Sie findet seinen Gang zu komisch. Aus welchen Gründen auch immer, muss sie wohl diese Tage auf seine Begleitung verzichten.
Zwei Schultage vergehen noch, als am dritten mitten im Deutschunterricht die Tür geöffnet wird und der Direktor den Raum betritt.
Herr Rombach ist ein honoriger Herr, der durch sein Wesen wie auch durch seine Erscheinung jedem den gebührenden Respekt abverlangt. Silvie ist jedes Mal ganz verschämt, wenn sie ihm begegnet. Nun steht er da vorn im Klassenzimmer, in seinem dunklen, gut sitzenden Anzug, mit seinem weißen Oberhemd und einer dezent farbigen Krawatte. Sein dichtes schwarzes Haar ist glatt zurück gekämmt und wie ständig neu durch einen guten Schnitt gebändigt. Seine Haut ist immer samtig braun und seine Hände sind schön und kraftvoll mit strahlendweißen Fingernägeln. Der breite Ehering ist nicht zu übersehen. Seine dunklen Augen scheinen heute besonders dunkel und irgendwie traurig, wie Silvie sofort sieht. Sie mag ihn sehr und beobachtet ihn intensiv, wenn sie ihn schon mal sehen darf.
Er hat einen Auftrag für eine der Schülerinnen und hält einen größeren Brief in die Luft. Er nennt Silvie beim Namen und erklärt, dass er wisse, sie würde in Peters Nähe wohnen und bitte sie, diesen Brief heute noch in den Briefkasten der elterlicher Wohnung einzuwerfen. Silvie fühlt sich geehrt, auf der anderen Seite irgendwie unangenehm berührt. Warum soll sie als Mitschülerin einen Brief bei Peter einwerfen, warum gibt es keine Erklärung für die ungewöhnliche Aktion, warum scheint die zudem so überaus wichtig zu sein, wie die Worte des Direx erahnen lassen?
Doch sie geht nach vorn, nimmt den Brief und verspricht auf sein nachdrückliches und beharrliches Einreden, es ganz bestimmt nicht zu vergessen.
Ein paar Tage sind vergangen. Alles läuft normal. Silvie schlägt die Augen auf, es ist dunkel im Zimmer, sie liegt in ihrem Bett, schlägt die Decke weg, springt auf und rennt im Raum auf und ab. Sie starrt auf die Uhr – zwei Uhr! Sie wühlt in ihrem Ranzen, packt alles auf ihren Schreibtisch, bis sich nichts mehr in der Mappe befindet. Sie schiebt ihre Hefte auseinander, die vielen losen Zettel hin und her – um Himmels willen, da ist er! Sie hatte vergessen, diesen Brief einzuwerfen. Was war nur passiert? Wie konnte sie das vergessen? Völlig verzweifelt sitzt sie auf der Bettkante und weint. Sie schämt sich so sehr, kein Pflichtbewusstsein, keine Verantwortlichkeit bewiesen zu haben. Was soll sie nur tun? Alles um sie herum war offenbar wichtiger als ihr Versprechen zu halten. Sie kann nicht mehr einschlafen und kommt am Morgen völlig zerschlagen in der Schule an.
