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Zwei Frauen, geboren im Berlin der zwanziger Jahre, lernen sich 1965 als verheiratete Mütter im Westen der Stadt kennen und begleiten sich seither. Zwei unterschiedliche, daneben auch recht ähnliche Frauen gehen parallel durch das jeweils eigene Leben, das bei beiden sowohl bieder als auch aufregend sein kann. Zwei fleißige und rechtschaffene, das Leben begehrende Frauen, deren Leben ohne Männer nicht denkbar zu sein scheint. Sie gehen oft nicht sehr freundlich miteinander um, obwohl beide Ähnliches vom Leben erträumen. Sie ziehen einander an und stoßen sich wieder ab, aber sie bleiben beieinander. Trotz großer Zuneigung füreinander schwelt im Hintergrund stets mehr Neid und Missgunst, als sie tatsächlich sagen. Die eine still, die andere laut manchmal ist es unerwartet umgekehrt. Nach dem Tod der einen, lebt die andere deren Leben in erstaunlich ähnlicher Form weiter.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2022
Verlag & Druck:tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Copyright © 2022
Autorin:
Jutta Kindler
alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung:
Jutta Kindler
Fotos:
Jutta Kindler
ISBN:
978-3-347-56459-6 (Softcover)
978-3-347-56472-5 (Hardcover)
978-3-347-56476-3 (E-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Obwohl die Geschichte von wahren Begebenheiten beeinflusst ist, sind die teilnehmenden Personen, deren Namen sowie deren Geschichten frei erfunden.
Freundschaft ist wie Liebe
nur ein Wort
geschlossen ohne Grund
gelebt unergründlich
jk
Inge Fiedler ist eine Frau Mitte Fünfzig, die nie etwas anderes im Sinn hat, als mit oder auch durch einen Mann ein sorgloses Leben führen zu können. Nicht, dass sie selbst keinen Anteil dazu beitragen würde, ganz im Gegenteil, doch sind die finanziellen Voraussetzungen mit einem gut verdienenden Mann eine viel bessere Lebensgrundlage, wie sie unumstößlich zu wissen meint. Nur darauf sind stets alle ihre Sinne ausgerichtet, nichts sonst zählt wirklich. So ist sie zum vierten Mal verheiratet und hat ihrer Voraussage nach endlich den Richtigen. Die drei Kinder aus der ersten Ehe bekommen diese Art und Ausrichtung der Mutter zeit ihres Erwachsenwerdens deutlich zu spüren. So haben sie das Elternhaus sofort verlassen, als sie nur einen Tag offiziell dazu berechtigt waren. Inge Fiedlers Aufmerksamkeit gilt weiterhin ihren jeweiligen Männern und ihrem Haushalt. Beides lenkt sie akribisch und ganz nach ihrem Willen, was hier eben ausschließlich in ihrer Macht steht.
Eine neugierige Anwandlung hatte fast zwanzig Jahre vor diesem jetzigen Vierten eine Frau in Inges Dunstkreis geführt. Eine um vier Jahre ältere, mit einem auf den ersten Blick gänzlich anderen Wesen. Eine, die mit ihr über die dubiosen Männergeschichten streitet, die aber dennoch mit ihr verbandelt bleiben will. Helga Winter ist tatsächlich immer da, wenn sich Inge ausweinen will, doch zieht sie sich auch länger zurück, wenn ihr das Gezeter dieser Frau zu viel wird. Ohnehin kümmert sich Helga lieber um ihr eigenes ordentliches Leben, um ihren guten Ehemann, um eine wunderbare Tochter und um ihre alle Kraft benötigende gutgehende Druckerei.
Schon morgens um vier Uhr dreißig ist für die Winters die Nacht vorbei. Horst wird aus dem Bett geschubst, ins Bad gedrängelt und Helga verschwindet in der Küche. Der Kaffee ist wichtig zum Wachwerden, danach ist das Frühstück vorzubereiten. Eine Stunde nehmen sich beide jeden Morgen Zeit für das gemeinsame Frühstück, mit dem zweiten und dritten Pott des frisch Gebrühten, den selbstgebackenen Brötchen, feinstem Belag und der täglichen Zeitung, die neben seinem Teller liegt. Gegen sechs bricht Horst als erster auf, um die Maschinen für die abzuwickelnden Aufträge anzuwerfen.
Ist Helga mit der Wohnung fertig, so dass alles wieder wie unbenutzt vorzufinden ist, hat sie sich selbst für den Tag hergerichtet, den Einkauf von Lebensmitteln erledigt, und die Notizen für die nächste Fahrt zum Großmarkt verlängert, geht es gegen elf auch für sie ins Geschäft. Die gemeinsame Arbeit geschieht ohne Worte, beide wissen genau, was zu tun ist, jeder Handgriff sitzt. Sie ergänzen sich und für beide ist es immer wieder eine Freude, den Betrieb gemeinsam ein paar Stunden am Tag florieren zu lassen. Am Nachmittag geht Horst zu Altkunden, liefert fertige Produkte aus oder bespricht neu anstehende Aufträge. Er besucht die noch nicht zu ihren Kunden gehörenden Berliner Restaurants, Kneipen und Bars, sowie Hotels und Pensionen. Sie alle wollen sich präsentieren und ihre Geschäfte bewerben. So klappert Horst diese Betriebe nacheinander ab und hat gut zu tun damit. Schließlich gibt es in diesem aufstrebenden Berlin überaus viele Etablissements für gastliche Unterkünfte oder für das nächtliche Vergnügen.
Es ist Helgas Aufgabe, den Betrieb am frühen Abend abzuschließen, nach Hause zu gehen, das Abendessen zu richten und dann und wann auf ihren Mann zu warten. Die Wartezeiten füllt sie gerne mit den buchhalterischen Aufgaben aus, wenn nicht die Freundin plötzlich auf der Matte steht und sie nach draußen holt.
Wenn für Helga schon der Bettzipfel zieht, wird Inge allerdings erst richtig munter, schließlich beginnt Inges Dienst zwar auch am sehr frühen Morgen, doch wird ihr abgebrochener Nachtschlaf sofort nachgeholt, kaum dass sie nach getaner Arbeit gegen zehn Uhr vormittags nach Hause kommt. So ist sie am Nachmittag für alle Aufgaben bereit und am Abend nahezu hellwach. Inge hat sich längst an diesen Rhythmus gewöhnt, doch sind diese überschüssigen allabendlichen Kräfte der Freundin für Helga immer wieder gewöhnungsbedürftig.
Allerdings gibt es Tage, an denen sich die beiden Frauen schon am frühen Nachmittag für ein schönes Vorhaben verabreden und dafür gerne mal alle fünf gerade sein lassen. Helga mag diese Atempausen von dem Alltag, obwohl sie nach ihrer Zusage zu einem Treffen noch mindestens eine halbe Stunde darüber nachdenken muss, was alles noch vorher zu erledigen ist. Die quirlige Freundin sorgt aber schnell dafür, dass die wunderbaren Angebote der Läden, die Einkäufe oder das Bierchen zwischendurch im Biersalon am Kudamm wichtiger als die vermeintlich unterlassenen Erledigungen zu Hause sein dürfen. Es sind gänzlich unterschiedliche, dennoch sehr ähnliche Frauen, viele Jahre werden miteinander vergehen.
Es gibt mal wieder Stress im Hause Fiedler, Uneinigkeit liegt in der Luft. Günter ist noch nicht zu Hause und zudem auf stumm geschaltet. Er kann nicht anders, wenn seine Frau anfängt rumzuzanken. Dann zieht er sich erst einmal zurück und beeilt sich nicht, nach Hause zu kommen. In solchen Momenten bleibt er lieber an seinem Arbeitsplatz. Er bietet sich dann gerne für Ersatzdienste an oder räumt Lager und verteilt notwendige Materialien für den täglichen Gebrauch an den Schaltern.
Inge schafft es im Handumdrehen, schlechte Laune um sich herum zu verursachen. Für sie ist es ein Leichtes, Günter durch Schikanen zu vergraulen. „Mach dies“, „mach jenes“, „stell dich nicht immer so an“, „so wird das doch nichts“, „ach, du immer mit deinen ungelenken Händen“, „kannst du nicht endlich auch mal…“!
Ist sie erst einmal so drauf, wird sie nicht müde, an ihrem Mann herumzunörgeln. In solchen Phasen ist Günter nur froh, wenn er sich intensiv um seinen Postschalter kümmern kann! Dort kann er ganz nach seinem Wesen zeigen, was er für ein freundlicher Dienstleister ist. Und das ist er in der Tat!
Er liebt seine Arbeit und wickelt die überaus umsichtig und beflissen ab. Dienstanweisungen hat er im Blut, sie werden von dem korrekten Beamten stets beachtet. Die Kollegen, die manches nicht so genau nehmen, es aber tun sollten, wissen seine Hilfe diesbezüglich zu schätzen! Er schafft es spielend, auf dem schmalen Grat zwischen Besserwisserei und Kollegialität spazieren zu gehen, ohne als unsolidarisch empfunden zu werden.
Die Leitung der Postfiliale zeigt sich äußerst zufrieden. Sie findet so manches Mal entsprechend anerkennende Worte. Die gesamte Belegschaft mag ihren eifrigen und stets hilfsbereiten Kollegen. Die Kunden stehen gern mal länger an seinem Schalter, nur um sich von dem netten Postbeamten mit dem besonderen Humor bedienen zu lassen. Hier gefällt er sich selbst und weiß sich bestätigt, spätestens, wenn er wieder in eine höhere Gehaltsklasse aufsteigt. Was natürlich nichts mit dem liebenswürdigen Charakter zu tun hat, sondern ganz automatisch passiert!
Eigentlich wünschte er sich diese Eintracht auch mit seiner Frau, doch macht sie ihm die überaus schwer. Nichts gelingt ihm zu ihrer Zufriedenheit, bei ihr hat er meistens zwei linke Hände. Nur manchmal ist das ganz anders, dann ist sie plötzlich eine Zuckersüße, ein zauberhafter Engel. Günter wird nie herausfinden, wann und warum welche ihrer Eigenarten gerade angesagt sind!
Günter Fiedler steht kurz vor dem Fünfzigsten. In seinem früheren Leben war er einmal verheiratet und ist mit zwei Kindern gesegnet. Er fragt sich allerdings oft, ob das tatsächlich ein Segen ist. Umso geschmeichelter fühlt er sich, dass er unter seinen Postkolleginnen immer noch als der begehrteste Junggeselle, der begehrteste unter den noch freien Beamten gilt.
Er lernt Inge Weigelt, wie sie nach dritter Ehe offiziell heißt, auf einer betrieblichen Feier kennen. Sie fällt ihm sofort auf, so adrett und hübsch wie sie ausschaut. Zu seinem Erstaunen hat er sie nie zuvor gesehen oder auch nur bemerkt. Sie kann nicht zu den Kolleginnen an den Schaltern oder in den Büros gehören, das hätte er sofort gewusst. Schließlich kennt er sie alle – nur diese Frau nicht.
Er bringt schnell in Erfahrung, dass sie die Räume der Postfiliale ganz außerhalb seiner Dienstzeiten putzt. Ein gutes Omen? Er weiß es nicht. Doch an diesem Abend lässt er sie nicht mehr aus den Augen. Auch Inge ist von ihm ähnlich angetan. Sie läuft ihm auf dieser Feier über den Weg, sieht ihm in die Augen und wittert sofort ihre Chance. Endlich könnte sie jemanden angeln, durch den sie tatsächlich einer anderen, einer besseren Schicht angehören würde. Mit einem Beamten in gesicherter Position würde sich ihr Leben endgültig verbessern, das weiß sie von der ersten Minute an! Sie blüht förmlich auf, wenn sie daran denkt, ein schönes Leben mit mehr Geld führen zu können. Diesbezüglich hatte sie nämlich bisher keine so guten Karten.
Inges erster Mann und Vater ihrer drei Kinder, muss sie seinerzeit heiraten, weil die Große unterwegs ist. Dieser immer fleißig und korrekt arbeitende Mann wird von den unterschiedlichen Betrieben zwar gern genommen, aber sein Verdienst wird nicht etwa der Leistung entsprechend angepasst oder erhöht, nur weil die Firmenchefs so zufrieden sind. Also wechselt Werner die Arbeitsstellen immer dann, wenn woanders mehr Lohn lockt.
In den wirren Zeiten des Krieges und danach muss er anderes im Sinn haben als eine ordentliche Ausbildung. Der Vater verschollen, die Mutter zu unterstützen, und später ist dazu seine recht schnell anwachsende Familie zu ernähren. Ausbildungsplätze sind zu der Zeit ohnehin nicht so dicht gesät und eher nur mit guten Beziehungen zu bekommen.
Damit ist er zwar ein guter Arbeiter, aber eben keiner in einem gut bezahlten Fachbereich. Fast zwei Jahrzehnte haben die Menschen mit dem Wiederaufbau zu tun, treiben das Wirtschaftswunder voran und profitieren bis zur Mitte der sechziger Jahre immer mehr davon. Selbst der ungelernte Arbeiter wird bald schon besser bezahlt und Werner sorgt mit seiner Vielseitigkeit für eine immer gute Wahl seiner Arbeitgeber. Jedenfalls gelingt es ihm, die monatlichen Einnahmen arbeitsam, fleißig und beflissen, ohne Krankenstand und mitunter eben auch ein wenig vermehrt in der Lohntüte nach Hause zu tragen. Neben ihm ist es den Fähigkeiten seiner Inge zuzuschreiben, dass die recht schnell auf fünf Personen angewachsene Familie mit Vaters Lohn immer gut zurechtkommt. Außerdem kümmert sie sich um einen kleinen steten Zuverdienst. Ganze einundzwanzig Jahre schaffen die beiden ein gemeinsames Leben und ziehen am gleichen Strang. Doch neben all den Mühen um die Familie und um bestes Gelingen verlieren sie sich schließlich doch. Die Trennung ist nicht abzuwenden. Wenn auch beide versuchen aneinander festzuhalten, sind da längst andere Menschen im Spiel, die den Neustart in eigener Sache zu verhindern wissen.
Inges neuer Gefährte Toni ist bezüglich eines besseren und sicheren Lebens zwar zu Beginn eine sehr große Hoffnung, dann aber doch ein Reinfall. An diesem Mann stimmt nämlich gar nichts, wie sich herausstellt!
Toni ist ein Blender, ein Mann mit Großmannsallüren als komme er aus der Hochfinanz, doch eigentlich ist er ein Müllwerker, was ihm niemand abnehmen würde. Immer gut und teuer ausstaffiert, geschniegelt und gebügelt, mit einer nicht zu leugnenden Extravaganz. Doch das soll wohl jeden erst einmal hinters Licht führen, niemandem etwas von der vermeintlich anrüchigen Arbeit verraten. Bei Inge gelingt das jedenfalls und sie ist ihm im Nu verfallen, träumt sich sofort in eine bessere Welt.
Dieser Kerl lässt sich allerdings niemals in die Karten schauen, er bleibt stets sein eigener Regisseur! Gibt es zwischendurch finanzielle Engpässe, erklärt er die so überzeugend, dass seine Inge ihm immer zur Seite steht und durch Umsicht oder durch die eine oder andere Einschränkung zu helfen weiß, ohne sich in größere Zweifel versetzt zu sehen.
Manchmal füttert er sie nur für solche Fälle an, wenn er zwischendurch gut bei Kasse ist. Dann führt er seine Frau in erstklassige Restaurants, bestellt vom Feinsten und bezahlt alles mit großen Scheinen. Anschließend geht es in irgendwelche Bars, die Inge nicht kennt, in denen er aber als ein offensichtlich gern gesehener Gast überschwänglich begrüßt wird. Stets ist eine Flasche des teuersten Whiskys für ihn zurückgestellt, wird nach Eintreten der beiden sofort hervorgezaubert und neben Eis gefüllten Gläsern auf dem Tresen platziert. Es scheint jedes Mal aufs Neue, als seien die gemütlichsten Plätze, in welcher Bar auch immer, nur für ihn und seine jeweilige Begleiterin freigehalten worden. Er lädt sie in seine feudale Wohnung ein und Inge ist total hingerissen. Er präsentiert ihr eine gänzlich andere Welt, glänzend, schillernd, abgehoben, mondän, eben völlig anders als ihre. Sie genießt dieses luxuriös anmutende Leben, wenn sie auch manchmal ein ganz klein wenig skeptisch ist.
Nach ihrer Scheidung von Werner haben sie auf Tonis Wunsch hin schnell geheiratet. Anfänglich denkt Inge noch über den Altersunterschied von zwanzig Jahren nach, was sie aber eigentlich stolz macht und Zweifel schnell verwerfen lässt. Niemals hätte sie geglaubt, dass der größte Teil seiner Welt eine Scheinwelt sein könnte, dass nur die Arbeit bei der Müllabfuhr die einzige Realität ist. Eine Realität, die er versteckt, die ihm aber mit dem monatlichen Lohn eine gewisse Sicherheit garantiert und ihm seine Spielchen erlaubt. Inge wird nie auch nur eine Lohnabrechnung ihres Mannes zu sehen bekommen.
Diese wunderschöne Wohnung, die Inge kennenlernt, verkauft er samt Inventar nur für sie, für ihre gemeinsame Zukunft, wie er erklärt. Nie wieder hätte er einen solchen Gewinn erzielt, der doch schließlich jetzt ihnen beiden zugutekäme. Mit dieser Erklärung versucht er Inge zu überreden, sich darüber zu freuen. Und er zieht schnell bei ihr ein. Erst viel später wird sie erfahren, dass er diese Wohnung gar nicht hatte verkaufen können – sie gehörte ihm nicht.
Inge soll erst spät herausfinden, wann und warum ihre finanzielle Situation mal so überaus bedenklich sein kann, dann wieder kurzfristig sehr sorglos hinzunehmen ist.
In ihrer ersten Ehe hat sie sich allein um die Einteilung der vorhandenen Gelder gekümmert. Werner hat seinen Lohn bedenkenlos auf Heller und Pfennig abgeliefert und ein festgelegtes Taschengeld akzeptiert. Schließlich teilte seine Frau gekonnt ein, sparte eisern und wusste immer genau, wie es um das übrige Geld nach Abzug aller Kosten bestellt ist.
Mit Toni gibt es für Inge keine Vollmachten und damit auch keinerlei Durchblick. Nicht einer ihrer weiblichen Tricks hätte das je ändern können! Was immer sie versucht, Toni vermeidet es strikt, seiner Frau Einblick zu gewähren. Er hat es sehr nötig, diesen Nimbus eines Mannes aus reichem Hause aufrechtzuerhalten und zu pflegen, hätte dieser Gernegross, dieser Angeber doch sonst einiges mehr zu erklären. So flunkert er immer wieder glaubhaft über die Phasen, in denen sehr viel Geld vorhanden ist, wie über die Durststrecken, die mitunter Monate anhalten können.
Er habe einem Kumpel eine große Summe geborgt oder Verliehenes plötzlich in einem Betrag zurückerhalten. Einem anderen Freund habe er einen hohen Geldbetrag vorgeschossen, den der gerade unbedingt benötigt, aber erst Wochen später selbst aufbringen kann. Dringend notwendige Ausgaben für sein eigenes krankes Kind, die Unterstützung für die Mutter des Kindes oder auch bedürftige Kollegen werden als Alibi für die Phasen mit finanziellen Nöten herangezogen.
In guten Zeiten sind das verkaufte Aktienpaket aus dem Familienbesitz oder auch ein größerer Lottogewinn erklärend im Spiel. Erst während der Scheidung wird sich herausstellen, dass jede dieser Geschichten frei erfunden ist. Weder finden sich Belege für den Familienbesitz, für Kredite an Freunde, für Zahlungen an eine Mutter, geschweige denn für einen Lottogewinn! Das Kind gehört zu den nur ausweichend erörterten Details im Leben dieses Mannes. Inge soll dieses angebliche Kind nie kennenlernen. Fünf Jahre nimmt sie diese unzähligen Ungereimtheiten hin, zweifelt, vertraut wieder, beantwortet sich Fragen selbst, um ihr Gemüt zu beschwichtigen, und hofft erneut, dass doch alles völlig normal ist. Sie hört die Lügen, die Beteuerungen, die Schwüre und Erklärungen dieses Mannes und erlebt, wie monatlich immer wieder sehr unterschiedliche Gelder zur Verfügung stehen. Das alles treibt Inge im Laufe der Zeit an den Rand des Wahnsinns und sie will ihm nichts mehr glauben.
Sie beginnt ihren Mann zu verfolgen, seine Feierabende zu überprüfen, die Kollegen heimlich vor dem Werkstor abzufangen und zu befragen, nach seiner Familie zu forschen. Selbst seine Kleidung wird durchsucht, um Antworten auf ihre Fragen zu bekommen und irgendeine Wahrheit aufzudecken. Es sind sehr viele Aktionen nötig, bis sie aus den zusammengetragenen Puzzleteilen die Spielsucht von Toni erkennen muss. Für Inge nicht zu fassen!
Es braucht noch einige Zeit, einige Antworten und Hilfe von außen, bis sie das Problem ganz und gar begriffen hat. Sie ist völlig hilflos und überfordert damit, schließlich kann es das in ihrer Welt nicht geben! Nicht eine Sekunde hätte sie sich eine derartige Lebensgrundlage ausdenken können! Und weil es einen solchen Weg für sie nie gegeben hätte, ist es auch so schwer, ihn überhaupt zu erkennen und hinter das Geheimnis ihres Mannes zu steigen. Ein solches Resultat hätte sie nicht erwartet! Letztlich bringt sie eine Mischung aus Angst vor dieser Sucht und dem Bedürfnis, die eigene Existenz zu sichern, dazu, die Verbindung konsequent und schnell zu beenden.
Wie es sich für Toni gehört, zieht er eigens für diesen Schlussstrich Spendierhosen an, wenn er die Trennung schon nicht ändern kann. Schließlich will er die nun von ihm Geschiedene direkt nach Verlassen des Gerichts, gönnerisch wie eh und je, ins feinste Restaurant zu einem fünf Gänge Menü einladen. Inge ist natürlich sofort einverstanden, ist ihr doch jetzt die Herkunft des Geldes egal und liebt sie diese Extravaganzen ja dennoch sehr. Danach ward Toni wie vom Erdboden verschluckt. Die wenigen Sachen bewahrt Inge noch einige Zeit lang auf, kann sie dann aber von einem seiner Kollegen abholen lassen, wofür sie sich mit einem guten Essen aus eigener Zubereitung bedankt.
Dieser Kollege ist zwar nett, versucht auch, ein wenig anzubändeln, doch ist das kein Mann für ein weiteres Geflecht mit der Berliner Stadtreinigung, wie Inge schon während des Essens feststellt. Viel zu alt, zu rigide und rechthaberisch, irgendwie knurrig und dazu, für Inge am schlimmsten, stolzer Besitzer einer Gartenlaube auf einem gepachteten Grundstück. Völlig ungeeignet für ihre Zukunftspläne! Sie liebt ihre Wohnung und ihren Balkon viel zu sehr, als dass sie in einem Holzhäuschen übernachten wollte, geschweige denn, in einem Garten Unkraut zupfen oder Kürbisse ernten und IHN dabei dickbauchig mit kurzen Hosen, Socken und Sandalen, im Klappstuhl sitzend, betrachten zu müssen. So ist besser an anderer Stelle ein neuer Anwärter zu suchen.
Der neue, blitzschnell gefundene und verehelichte Dritte im Bunde ist nur sechzehn Jahre jünger als sie. Alfred Weigelt ist Bauarbeiter, Eisenflechter, um genau zu sein. Ein hartgesottenes Mannsbild hat Inge da in einer der Kneipen kennengelernt, die sie so gerne ansteuert, wenn sie unstet nach Abwechslung sucht. Er ist kleiner als sie, überaus muskulös, ein Pulverfass mit großer Klappe, die auch gerne mal den Inhalt von fünf bis fünfzehn Flaschen seines Lieblingsbrauers in sich aufnimmt.
Dieser kraftvolle Kerl jagt seine Inge nach einem Streit um einen vermeintlichen Rivalen im Nachthemd durch die kleine Wohnstraße des Wilmersdorfer Bürgertums. Inge rennt zwar schreiend vor Angst die Straße entlang, doch geschieht das sehr früh am Morgen und sie hat niemals später erfahren, ob das irgendein bereits wacher Nachbar gehört oder sie gar erkannt haben könnte. Jedenfalls schämt sie sich noch lange. Das ist nur einer der Exzesse, die sich die beiden in ihrer Ehezeit liefern. Die Eifersucht dieses kleinen starken Mannes steigt in kürzester Zeit ins Uferlose und vergiftet die vermeintliche Liebe bis in die letzten Winkel beider Herzen. Er braucht nur eine winzige Ahnung von einem Mann in Inges Nähe zu haben, verbeißt er sich schon in die Idee, sie könne fremdgehen. Er ist ohnehin felsenfest davon überzeugt, dass sie das Wildern in Nachbars Garten grundsätzlich nicht von sich weisen würde.
Diese immer wieder eskalierenden Streitereien, voll von Unterstellungen, Beschuldigungen, ohne Vertrauen und Zusammenhalt sind für Inge kaum mehr zu ertragen. Schließlich verweigert sie ihm die körperliche Nähe, was ihn noch zorniger macht – Alkohol tut den Rest. Sie kann nicht mehr anders und ihr Verhalten zielt sehr eindeutig auf eine endgültige Trennung ab. Für ihn liegt das veränderte Verhalten seiner Frau noch immer an einem imaginären Nebenbuhler, den er nur nicht zu Gesicht bekommt, weil sie ihn so geschickt zu verbergen weiß. Ein nervenzerreißendes Unterfangen, das sich in den letzten Monaten des Ehelebens immer häufiger entlädt. Hier hilft nichts mehr und Inge ist gedanklich längst auf dem Trennungsweg.
Nach den langen zerrüttenden Prozeduren müssen sich beide schließlich einigen, um Schlimmeres zu vermeiden. Weil auch ihm das zum Glück sehr deutlich wird, stimmt er ohne weiteren Widerstand, ganze drei Jahre nach ihrem gemeinsamen Jawort, einer Scheidung zu. Es wird noch fast ein Jahr dauern, bis er den Versuch einer erneuten Annäherung aufgeben und Inge loslassen kann. Danach sollen sie sich nie wiedersehen.
Helga ist immer wieder recht irritiert durch diese so oft wechselnden Männerbekanntschaften, ja sogar neuen Ehen von Inge. Für ihr eigenes Leben ist das geradezu undenkbar und völlig inakzeptabel, allerdings aus der Entfernung auch irgendwie spannend, wie Helga sich heimlich eingesteht. Wann und wo hätte sie auch sonst die Möglichkeit, so viele Männer kennenzulernen. Sie hört sich zwar immer alle Einzelheiten an, die Inge bereitwillig erzählt, tröstet auch, wenn aufgestauter Zorn aus Inges Gemüt weicht und sich Traurigkeit oder gar Angst breitmacht, doch verstehen kann sie diese so völlig anders denkende und fühlende Frau nicht wirklich.
Inge spürt Helgas Unverständnis, doch tut das der Verbindung offenbar keinen Abbruch. Sie ist einfach nur froh, eine Bekannte zu haben, bei der sie sich ausweinen darf, wenn die Erlebnisse einmal mehr zu aufreibend sind. Allerdings gelingt es Inge dennoch gut, sich auch von dieser letzten heftigen, immerzu hoch explosiven Verbindung zu erholen. Sie streckt bereits wieder ihre Fühler aus, um einen Passenderen zu finden. Inge ist nicht gerne allein, was sie schon in finanzieller Hinsicht nicht wirklich lange sein will. Sie kann zwar sparsam wirtschaften, doch mag sie es ganz und gar nicht, das Leben einzig mit ihren wenigen Einnahmen finanzieren zu müssen.
Mehr Geld ausgeben zu können macht einfach mehr Spaß! Also muss ein Mann her, den sie zwar bekochen und verwöhnen muss, der sich aber im Gegenzug mit erklecklichen monatlichen Abgaben für die umfassende Pflege revanchiert. Ein Mannsbild, mit dem sie, ob in Eintracht oder im Zwist, durch ein Leben laufen darf, das sie sich alleine nicht leisten kann.
Und so trifft sie auf den vierten im Bunde, auf Günter Fiedler, den Postbeamten, der sie so intensiv beäugt auf dieser Betriebsfeier. Sie weiß sofort sehr genau, was zu tun ist und holt ihn umgehend in ihr Bett und an ihren Esstisch. Es fällt ihr nicht wirklich schwer, denn das ist ihr offenbar in die Wiege gelegt. Und Günter liebt Frauen an seiner Seite, die ihn verwöhnen und ihm das häusliche Leben versüßen, ohne dass er sich selbst viel bewegen muss. Dafür darf sie dann auch den Ton angeben.
Das alles gelingt Inge so meisterhaft, dass auch Günter gerne und ohne Zögern bleibt. Sie putzt nämlich nicht nur die Räume der Postfiliale so umsichtig und penibel, dass sie für ihre Reinlichkeit gelobt wird, auch daheim erledigt sie sämtliche Aufgaben im Haushalt, an sich selbst und ihren Mann betreffend mit einer so selbstverständlichen Umsicht, dass ihr dafür die größte Hochachtung gebührt. Das ansehnliche und dauerhaft schöne Resultat macht auch Günter sehr viel Freude.
Schon in ihrem Elternhaus lernt Inge als älteste Tochter die umsichtige Bewältigung eines Haushalts, wie auch die Betreuung wichtiger Menschen um sich herum. Hier muss sie die immerzu kränkelnde Mutter ersetzen, die mitunter tagelang das Bett nicht verlassen will. Sechs Personen sollen in sauberen, ordentlichen Verhältnissen, in recht spärlich bemessenen Räumlichkeiten zusammen leben können, und das in Kriegszeiten unter damit überaus erschwerten Bedingungen! So bleibt ihr nichts anderes übrig, als den Befehlen der Mutter zu gehorchen und die Arbeiten wie gefordert zu erledigen. Später dann, in den fünfziger und sechziger Jahren kann sie ihre Fähigkeiten in ihrem ersten eigenen Haushalt als Ehefrau und Mutter von drei Kindern perfektionieren. Der jeden Tag hart arbeitende, das Geld heranschaffenden Werner hat zudem jede Art Fürsorge für seine Mühen verdient. Lange belohnt Inge ihn gerne, was aber nicht heißt, dass die Ehe deshalb ein Leben lang halten wird.
Zu lange wird diese umsichtige und fleißige Frau nämlich wie selbstverständlich von ihrem Ehemann übergangen! So flattert dieses Weib mit dem starken Ego, die, die sich so vernachlässigt fühlt, ganze einundzwanzig Jahre nach Eheschließung wie ein schöner bunter Schmetterling zum nächsten Kavalier. Zu einem, der ihr Besseres für ihr Leben zu versprechen scheint.
Dieser erste Ausbruch von Inge bringt Helga völlig aus der Fassung. Die Frau, die Helga gerade vier Jahre zuvor kennenlernt, mit der sie sich erstmalig vor ihrem Geschäft unterhält, ist zu der Zeit schon siebzehn Jahre an der Seite dieses, wie Helga findet, gutmütigen und überaus fleißigen Mannes. Inge hat drei Kinder von ihm, die zu dem Kennenlernen der beiden Frauen gerade siebzehn, fünfzehn und vierzehn Jahre zählen und von Inge und ihrem Mann pflichtbewusst ins Leben geführt werden.
Helga kann nicht verstehen, warum Inge dieses Leben aufgibt, diese Ehe nach so langer Zeit einfach verlässt. Das hatte für Helgas ersten deutlichen Rückzug, für eine längeren Sendepause gesorgt. Erst nach intensivem Nachdenken findet Helga das eigene Verhalten nicht mehr richtig und geht wieder auf Inge zu.
Es ist Inges Leben, sie selbst hat kein Recht, diese Frau dafür zu verurteilen, geschweige denn, strafend zu meiden!
Helga empfindet Inge trotz all dieser Geschichten von Herzen als ein sehr ordentliches, umsichtiges, fleißiges und rechtschaffenes Wesen. Genau diese Eigenschaften haben zu der bisherigen Verbundenheit der beiden so unterschiedlichen Frauen geführt. Schließlich sind sie sich hierin sehr ähnlich. Zudem gehören beide zu den Frauen, die trotz ihrer überaus achtbaren Tugenden immer unbemerkt, unsichtbar und ohne Anerkennung bleiben. Zwei nicht wirklich verehrte und geschätzte, ja eher unerwähnte Frauen. Niemals werden die vielen Vorzüge gelobt oder hervorgehoben, nicht von den Angetrauten, und schon gar nicht von der öffentlichen Meinung. Ehefrauen scheinen eher minderwertig!
Trotz der erneuten Annäherung wird Helga auf Abstand gehalten, weil Inge wegen des Rückzugs noch lange deutlich gekränkt bleibt. Auch braucht es immer noch eine gewisse Zeit, bis Helga sich selbst davon überzeugt, dass Inges Verhalten allein deren Sache ist, dass sie kein Recht hat, den moralischen Maßstab vorzugeben. So versucht sie einzulenken, muss sich jedoch gewaltige Mühe geben, denn der Disput ist für Inge nicht so leicht zu vergessen. Hat sie sich doch schon so oft gefragt, warum Helga immer den Moralapostel spielt, wo sie doch als Frau ähnliche Ungerechtigkeiten empfinden muss. Beide haben schließlich den gleichen Stand im Leben, werden eher abschätzig bewertet und verdanken diese Geringschätzung nur den von multifunktionalen Frauen umsorgten Männern.
Inge kann Helgas Moralität nicht akzeptieren und es dauert lange, bis sie sich wieder unbekümmert auf diese Tugendwächterin einlassen kann. Mit der Zeit glückt es aber und die Verbindung reißt tatsächlich nicht ab. Dennoch bleibt es nicht aus, dass Inges schnell neu geschlossenen Ehen, deren merkwürdige Eigenarten und deren Trennungen von Helga stets kritisch kommentiert werden. So lassen sich Uneinigkeit und kurze Auszeiten nie ganz vermeiden. Allerdings können sie sich daneben auch köstlich über die Männer amüsieren, die Inge vor einer größeren Konsequenz immer wieder vergisst zu überprüfen. Und jetzt steht auch noch der Vierte auf der Matte.
Inge ist auch dieses Mal etwas älter als ihr Neuer, ihr Vierter, allerdings nur knapp sechs Jahre. Er ist Beamter, was in den heutigen für alle schon viel besseren Zeiten, etwas Besonderes ist. Für Inge lohnt es sich damit, erst recht fleißig zu sein. Nahezu jeder kann sich längst den einen oder anderen Luxus gönnen, vorausgesetzt, er hat eine gute Arbeit und kann sie behalten.
Und jetzt darf auch Inge das. Die Zugehörigkeit beider zur Post, sie als Arbeiterin, er verbeamtet, ist überaus hilfreich und sie ist sehr glücklich über ihr neues, nahezu reiches Leben. Helga spürt eine deutliche Veränderung in dem Gemüt der Freundin. Es scheint, als habe sie dieses Mal tatsächlich den Richtigen gefunden, wie der häufig zufriedene Gesichtsausdruck untrüglich zeigt.
Günters Beamtengehalt und Inges Verdienst reichen für ganz neue Erfahrungen. Inge kann sich jetzt so vieles mehr leisten als je zuvor, und sie muss die Mark nicht mehr umdrehen, bevor sie sie ausgibt. Gern nimmt sie sich des für sie neuen Wohlstands an und beweist dem Gatten ihr Geschick, Ersparnisse anzuhäufen, sie zu vermehren, und ihm dennoch ein gutes Leben mit allem Komfort zu besorgen. Zwar hauptsächlich durch seinen großen finanziellen Anteil, aber dennoch beflissen und so umsichtig, wie es sich für eine gute Ehefrau gehört. Auch er, wie die drei Männer zuvor, spielt fortan für Inge die erste Geige! Sie kocht vorzüglich, hält die Wohnung stets in bemerkenswerter Ordnung und teilt sein Geld so ein, dass er auf nichts verzichten muss und erkleckliche Sümmchen übrig bleiben. Inge bekommt schnell alle Vollmachten übertragen, hat Günter doch so gar keine Lust, sich mit solchen Aufgaben herumzuschlagen.
Das kann seine Frau viel besser, wie er schnell erkennt. Die beiden erlauben sich fortan all die kleinen als auch manchmal etwas größeren Extravaganzen, die Inge so begehrt und deutlich mehr braucht als ihr Mann.
Für sie ist das die ersehnte Anerkennung, gibt es doch nach wie vor nur wenige lobende Worte für ihren Einsatz. Immerhin kann sie den Erfolg jetzt sehen und fühlen, ja ihrer Meinung nach allein ihrem Tun zuschreiben. Günter ist zufrieden, doch bleibt er ohne anerkennende Worte. Schließlich ist Inges Mühe so etwas wie der gebotene Ausgleich für ihr besseres Leben, wie er findet. Ist er es doch letztlich, der diese vielen neuen Möglichkeiten mit seinem guten Gehalt eröffnet! Das lässt sich auch durch ihre Umsicht nicht wegdenken.
Inges Kinder sind alle längst aus dem Haus. Günter hat den einstigen Familiensitz, eine große Wohnung in der Gropiusstadt, Jahrzehnte mit seinem Sohn bewohnt, die der Junge übernimmt, als der Vater nach Wilmersdorf zur neuen Frau zieht. Es braucht nicht viel Zeit und das Namensschild an Inges Wohnung wird wieder einmal ersetzt, dieses Mal durch eines mit der Aufschrift Günter und Inge Fiedler. Der Akt der Verehelichung, mit Helga und Horst als Trauzeugen, ist vollzogen.
Inge fühlt sich glücklich und zufrieden mit der neuen nach außen vorzeigbaren und rechtmäßig dokumentierten Verbindung. Ihr Leben hat sich auch beruflich erheblich verbessert. Sie muss nicht mehr in der Postfiliale putzen, sondern ist auf Antrag in die Verteilungsstelle versetzt. Das ist zwar eine finanzielle Verbesserung, auch hält sich die körperliche Anstrengung bei weitem in Grenzen, doch gibt es anfangs einige Schwierigkeiten. Die Arbeit ist wegen der so einseitigen körperlichen Beanspruchung überaus gewöhnungsbedürftig. Hier steht Inge nämlich vor einem rund drei Meter langen und zwei Meter hohen Regal, das horizontal wie vertikal in Fächer für die zwölf Westberliner Bezirke, die elf Ostberliner, sowie die sonstigen Bestimmungsorte Deutschlands unterteilt ist. In diese Fächer sortiert sie alle Briefsendungen aus den Postsäcken ein, die nach Leerung der Briefkästen in die Filiale gebracht werden. Die Auslandssendungen werden in weiteren Fächern anderer Regale vorsortiert. Das alles erledigt Inge mit dem rechten Arm, rauf, runter, rechts, links und wieder von vorn beginnend. Das rechte Schlüsselbein reagiert postwendend mit oft auftretenden Schmerzen und einer sich langsam aber stetig zeigenden Verkrümmung. So ist die neue Arbeit zwar nur mit den periodisch auftretenden Schmerzen zu bewältigen, doch ist sie körperlich dennoch sehr viel weniger beschwerlich als das Putzen. Zudem ist das Entgelt so viel höher, dass es sich auch in der Rente bemerkbar machen wird, wie Inge schnell erfährt. Zusammen mit dem Gehalt ihres Mannes hat sie nun alles, was sie sich an jedem Tag ihres Lebens erträumte. Allerdings erledigt sich das Tragen von Oberteilen mit größeren Halsausschnitten, da die Missbildung des Schlüsselbeins sichtbar ist. Nicht so attraktiv wie einst!
Dafür kann die Wohnung endlich intensiv renoviert und verschönert werden. Eine neue moderne Einrichtung darf zu einem eleganten Zuhause beitragen. Der Abriss der Kohleöfen schafft Platz für die ausgesuchten Möbel und lässt endlich diese unleidlichen Reinigungsarbeiten rund herum, die Ascheentsorgung, die Beschaffung von Holz und Kohle und das ständigen Beheizen der Öfen in jedem Raum der Vergangenheit angehören. Fortan sorgt die neue zentrale Heizung für eine saubere und wohlige Wärme.
Kleidung darf Inge endlich nicht nur im Schaufenster bewundern, sondern auch erwerben. Mal hier eine neue Uhr, mal dort ein hübscher Modeschmuck, der Mantel und der Hut für ihn, das Pelzjäckchen mit Tasche für sie. Besuche der Kinder in Düsseldorf, Karlsruhe oder in Fischhausen am Ufer des Schliersees. Städtereisen nach Paris, Madrid, Rom oder Kopenhagen zum Flanieren und Einkaufen ganz in Inges Sinne. Dazu Reisen in die Sonne auf fremde Inseln und in fremde Länder, alles ist möglich geworden. Es macht Inge sehr glücklich, nie mehr so klamm sein zu müssen wie früher und sich viel Gutes gönnen zu dürfen. Eine glückliche Zeit für sie und ihren Mann!
Inge teilt ihre Freude auch gern mit der Freundin. Es kommt kaum mehr Streit auf und Helga ist sehr angetan von Inges Frohsinn. In solchen Momenten scheint es zwischen den beiden Frauen so, als hätten es nie irgendwelche Unstimmigkeiten gegeben.
Auch Helgas Geschäft läuft gut und ihr Mann ist wie immer überaus fleißig und dazu bestrebt, neue Aufträge an Land zu ziehen. Gern treffen sie sich zu Viert, wenn die Zeit es zulässt. Dann steht Inge immer völlig hilflos vor ihrem mittlerweile überfüllten Kleiderschrank und weiß nicht, was sie anziehen soll. Will sie doch dem Horst, dem Günter und allen anderen Männern gefallen und bei den Frauen, nicht zuletzt bei ihrer Freundin, Eindruck schinden. Schließlich hat sie gelernt, dass Kleider Leute machen, deshalb kauft sie auch stets mehr, als sie eigentlich braucht.
Außerdem zeigt Inge so gerne, was sie sich Schönes leisten kann, und wie geht das am besten, als mit Äußerlichkeiten. Nach den Jahren der Enthaltungen ist es eben einfach nur wunderbar, eine gute Arbeit zu haben, gutes Geld zu verdienen, eine schöne Wohnung gehoben einrichten zu können und den eigenen Pkw vor dem Haus zu wissen.
Es ist einfach nur gut, dass so viele Menschen von dem Wirtschaftswunder profitieren können, dass so viele kaum mehr Existenzängste haben müssen, Wohlstand erfahren und Sicherheit genießen dürfen. Das verfügbare Einkommen ist beträchtlich gestiegen und damit der allgemeine Lebensstandard, eben auch der für Inge und für alle anderen in Inges Umfeld. Gern wird mehr und mehr in ein hochkarätiges Auto investiert, was neben dem materiellen Wohlstand auch die individuelle Freiheit der Leute symbolisiert.
Zu dieser neuen Form der Autonomie gehört natürlich auch, sich gepflegt und extravagant herauszuputzen, feine Restaurants aufzusuchen, Discos zu besuchen, oder auch ein gediegenes Tanzlokal zu wählen. Sich in einer exklusiven Bar sehen zu lassen oder aufregende Abende in Kneipen zu verbringen, gehört für alle zu der neuen selbstbestimmten Freizeitgestaltung und jeder genießt, was der Unterhaltung dient.
Auch Inge und Günter lieben es, sich hier und da in dieser stetig wachsenden Berliner Vergnügungsszene einzufinden, die den Alltag nach getaner Arbeit so angenehm amüsant sein lässt.
Helga und Horst sind da eher zurückhaltend. Die Arbeit im eigenen Druckereibetrieb nimmt die beiden deutlich mehr in Anspruch und macht wenig Freizeit möglich. Angestellte mit geregelten Arbeitszeiten und festgelegter Entlohnung, ja erst Beamte, sind eben deutlich besser dran als der selbständige Unternehmer. Doch mögen auch sie es, sich manchmal an einem Wochenendtag ohne Gedanken ans Geschäft vergnügen zu dürfen!
Entsprechend verändert sich diese Stadt in rasanter Geschwindigkeit, so, dass sich jeder Berliner nach seinen ganz individuellen Bedürfnissen vergnügen kann. Mit über 5000 Bars, Clubs, großen und kleinen Kneipen, ist es für jeden Menschen möglich, einen passenden Ort für interessante Begegnungen oder einen Stammplatz für Treffen mit Bekannten und Freunden zu finden. Kurz, alle können sich das ihnen angenehme zweite Wohnzimmer in der Öffentlichkeit schaffen.
Die große Lust, die vibrierende Luft der so aufregenden Gastronomie schnuppern zu wollen, ist bei jedermann deutlich zu spüren. Sich abends in einer anheimelnden Bar zu verlustieren, zum Tanzen zu gehen oder auch mal fremdländische Küchen auszuprobieren wird zu einem grundsätzlichen Bedürfnis. Und seien es auch nur die vielen Kiezkneipen, in denen man auf den Nachbarn, auf das Paar mit dem Zeitungskiosk, auf den Postboten mit dessen Frau oder auf alle sonst noch in der Umgebung wohnenden und arbeitenden Leute trifft. Jung und Alt ist in den vielen Pinten anzutreffen. Fröhliche Würfelrunden bei Bier und Schnaps, ein Tanz mit der Netten von nebenan oder einfach abschalten nach getaner Arbeit sind nur einige der Bedürfnisse in diesen meist winzigen Etablissements.
Auch freut sich jeder auf einen immer wieder neu entfachenden Flirt mit einer der jeweils wunderbarsten Wirtinnen der Berliner Kneipenszene. Schließlich sind diese raffinierten weiblichen Exemplare hinter den Tresen alle gleich – nämlich nach etlichen Getränken einfach wunderbar! Christa Albert ist eine von denen. Ein unübertrefflich rassiges Weib mittleren Alters, für den herzigen Ausschank wie geschaffen. Sie hat eines Tages einen Laden in der Münchener Straße übernommen, in eine Bar verwandelt und sofort gezeigt, was eine gute Wirtin ausmacht.
Dieses kleine Lokal ist bald eines von vielen in dem gutbürgerlichen Wilmersdorfer Wohnbezirk. Es liegt in einem seinerzeit neu erstellten Gebäudetrakt auf dem Grundstück zwischen der Bayerischen, Münchner und Motzener Straße.
Ein riesiges Gebäude ohne gerade Hausfronten, mit vor und zurück springenden Fassadenteilen und einem großen zugänglichen Innenhof. Das Lokal liegt etwas zurückgesetzt an einer der schrägen Seiten des trapezförmigen Grundstückes. Das über dem Laden in der ersten Etage vorspringende Geschoss lässt von der Straße aus zunächst nur die kleine Terrasse mit Vorgarten wahrnehmen. Erst dahinter ist der Eingang mit dem einleuchtenden Namen „das Versteck“ zu erkennen. Dieses hübsch eingerichtete Lokal mit dem zutreffenden Namen verfügt nur über einen Gastraum mit einem alles vereinnahmenden U-förmigen Tresen für gut zwanzig Personen. Dicht stehende Barhocker lassen die Gäste rund um den Tresen Platz nehmen. Bis zur Decke hängen Regale, die mit etlichen Schnapssorten und wohlpolierten Gläsern vollgestellt sind, gerade so hoch, dass sich die Gäste als auch die Bewirtenden nicht den Kopf stoßen. Ein paar Tische und Bänke als kleine Nischen reihen sich auf der einzigen freien Wand auf und eine Musikbox erfreut sich vieler Einsätze.
