EIN MANN     EIN ZEBRA     EINE UMARMUNG - Jutta Kindler - E-Book

EIN MANN EIN ZEBRA EINE UMARMUNG E-Book

Jutta Kindler

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Beschreibung

"Africa is not for sissies" oder die Geschichte des Augsburgers Bernd Beigl der in 120 Tagen mit dem Fahrrad von Kairo nach Kapstadt fährt. Ein brachialer Sturz zwingt ihn zur Aufgabe - nur vorübergehend, denn er stößt halbwegs genesen kurze Zeit später wieder dazu und durchlebt fortan zwölf Länder mit großartigen Begegnungen. Vom Pillendreher bis zur schwarzen Mamba, von Massai-Kriegern, der Swahili-Lehrerin und von Gorillas, ganz dicht an seiner Seite, bis zum Skorpion, der ihm auf die Füße fällt, lernt er von Tag zu Tag mehr von dieser ihm so unbekannten Welt. Ein beinharter Wettkämpfer und zugleich zart besaiteter Mann, dessen Vater den Selbstwertverlust des Sohnes ein Leben lang füttert, ohne Bedenken und in tiefer Ablehnung. Dieser Sohn verschafft sich in allen Lebenslagen Gehör und sorgt für mehr und mehr Anerkennung, spürt aber auf dieser Reise, in diesem Abenteuer, dass er es nicht nötig hat, irgendjemandem etwas zu beweisen, außer sich selbst.

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Jutta Kindler

EIN MANN EIN ZEBRA EINE UMARMUNG

Nach den Berichten des Augsburger Tour d‘ Afrique Teilnehmers Bernd Beigl

Erzählung

1. Auflage

Verlag & Druck:

tredition GmbH · Halenreie 40-44 · 22359 Hamburg

Copyright © 2020

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.

Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Autorin:

Jutta Kindler

 

alle Rechte vorbehalten

Umschlag:

Jutta Kindler

Fotos:

Bernd Beigl und Jutta Kindler

Tourbericht:

Bernd Beigl

 

mit allen Rechten überlassen

ISBN:

978-3-347-00944-8 (Paperback)

 

978-3-347-00945-5 (Hardcover)

 

978-3-347-00449-8 (e-Book)

Obwohl die Geschichte von wahren Begebenheiten begleitet und beeinflusst wird, sind die teilnehmenden Personen, deren Namen sowie deren Geschichten frei erfunden.

Wenn du niemals vom Weg abkommst, weiß du nicht, wie deine Umgebung aussieht

eine Freundin

Ich liege irgendwo auf einer Straße und starre in einen Himmel voller bedrohlicher Figuren, mit Unheil verkündenden Fratzen. Sie bewegen sich im schnellen Lauf über die endlos weißblaue Fläche - zig Fragezeichen türmen sich auf.

Bin irritiert, kann mich nicht bewegen. Noch eben war alles tief schwarz… keine Gedanken… keine Gefühle… keine Bilder. Ein Schlaf ohne Traum… dunkel… ausgeschaltet! Ist dieser Himmel jetzt die Wirklichkeit? Wo bin ich? Bin ich allein? Versuche mich zu sammeln, die Gedanken rasen durch meinen Kopf – was ist passiert? Will mich umsehen, doch es geht nicht, bin wie erstarrt!

Versuche meinen Körper zu spüren - bewege mich ganz vorsichtig. Es fühlt sich an wie weit entfernt von mir, dumpf, nicht real. Meine Gedanken rufen: Kilometer 75…

Ich denke an ein bezauberndes Bild auf einer Anhöhe, an eine Person, die auf dem höchsten Punkt steht. Erinnere mich an den Lunchtruck da oben mit seinem Vorzelt für unseren Essplatz und… an eine Ortszeit - exakt 7: 40 Uhr.

Doch hiernach nichts mehr – ich suche in meinem Kopf – keine Bilder – kein Erlebnis – alles erloschen! Ich blicke in diesen Himmel. Es ist Sonntag, fällt mir ein, es ist der Himmel über Afrika, es ist mein Abenteuer, meine Tour d’ Afrique. Warum sitze ich nicht auf meinem Rad? Die Bilder werden wieder klarer! Es ist der dritte Tag unseres Rennens, jetzt erinnere ich sogar das Datum, es ist der 15. Januar 2017.

Wo ist mein Handy? zischt mir durch den Kopf, was habe ich damit gemacht? Es muss hier irgendwo liegen - ich möchte es sofort suchen, doch ich kann nicht. Ich höre Stimmen - sie sind real. In meinem Kopf scheint alles wieder wirklicher zu werden, doch mein Körper gehorcht mir nicht. Auch kommen keine Bilder von einer Gefahr zurück, keine Erinnerung an irgendetwas, das gewesen sein könnte, an ein Ereignis, das mich jetzt hier unbeweglich liegen lässt. Ich spüre meinen Mund, hier stimmt überhaupt nichts mehr! Meine Zähne scheinen nicht mehr vorhanden – ich schmecke Blut! Es läuft mir in die Kehle, ich merke, wie es über mein Gesicht auf den Boden fließt. Es muss unbändig viel sein, denke ich nur und wundere mich über die nicht zu erfühlenden Zähne. Warum weiß ich nicht, was passiert ist, warum liege ich hier? Sind es Sekunden, Minuten oder ist es eine Ewigkeit? Erinnere mich schlagartig an Chester, der direkt vor mir geradelt ist. Bin ich auf ihn drauf gefahren? Habe ich Straßenschäden übersehen? Hat er womöglich gebremst? Es will mir nicht einfallen! Nur den Lunchstopp sehe ich wieder vor meinem geistigen Auge, aufgebaut auf dieser Anhöhe. Unsere Gruppe fährt gerade die letzten Meter da hoch.

Hetty schaut mir in die Augen, ich erkenne sie und das beruhigt mich. Sie ist unsere Ärztin, die uns während der gesamten Tour begleitet und sich während der Sprechstunden in ihrem kleinen medizinischen Abteil des Lunchtrucks aufhalten wird. Es ist also die Wirklichkeit! Bin sehr glücklich sie sehen zu dürfen. Sie habe einen Knall gehört, sofort reagiert und sei herbeigeeilt, sagt sie mir. Allerdings kommt mir sofort wieder in den Kopf, wie sie da oben auf der Anhöhe steht und in unsere Richtung schaut. Und jetzt diese Erklärung? Egal… ihre Stimme tut mir gut!

Sie rettet meine Brille, sucht mein Handy und hilft mir beim Aufstehen. Bis hoch zum Truck stützt sie mich. Ich bewege mich wie in Trance, aber mit ihrer Hilfe schaffe ich es bis in ihren kleinen Behandlungsraum.

Das Blut rennt über mein Gesicht, sie versucht es zu stillen.

Meine Gedanken wetteifern unerbittlich in meinem Kopf. Was ist passiert? Ich bin doch wieder recht klar, doch ich erinnere mich nicht an eine gefährliche Situation. Bin ich auf Chester aufgefahren? Bin mir fast sicher, doch der hat gar nichts, wie ich später erfahre, und, er wird mir auch nichts erklären. Meine Erinnerung scheint mir zu sagen, dass ich ihn tatsächlich Reifen an Reifen berührt habe, als er unmittelbar vor mir fuhr. Das könnte mich zu Fall gebracht haben, müsste allerdings auch von ihm bemerkt worden sein. Die nachträglichen Prüfungen werden ergeben, dass es auch keine größeren Fahrbahndefekte an dieser Stelle gibt. Keiner wird zu meinem Erstaunen etwas Genaues wissen!

Doch das hat jetzt auch keine Priorität – in meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Was wird jetzt passieren? Kann ich jetzt sofort weiter fahren? Ich mag nicht in dem Lunchtruck mitfahren schon am dritten Tag – das kommt gar nicht in Frage! Ich bin doch hier, um das Rennen zu gewinnen! Und wenn ich es nicht gewinnen kann, will ich wenigsten „every fucking inch“ gefahren sein und die Medaille dafür einheimsen! Es kann doch nicht sein, dass ich als ein so starker und vielleicht sogar stärkster Fahrer schon am dritten Renntag die Segel streichen muss!

Ich verspüre überhaupt keine Schmerzen, was mich einen winzigen Moment optimistisch sein lässt. Noch ahne ich nicht, dass sich das bald ändern wird, doch ich erkenne allmählich, wie groß dieses Ding tatsächlich sein muss. Sämtliche Klamotten, mein Gesicht, mein Hals, alles ist voller Blut! Und es hört nicht auf, aus mir heraus zu quillen, wie mir scheint!

Hetty übt mit mir ein paar Bewegungen – es geht - fast beruhigend! Ihre Einschätzung ist dennoch nicht sehr positiv. Bei meinem Handy sieht das anders aus, das funktioniert einwandfrei. Ich bitte Hetty um ein Foto, damit ich sehen kann, warum das Blut nach wie vor aus meinem Gesicht strömt und nicht aufhören will. Obwohl das nur mit Zeichensprache möglich ist, das Sprechen ist eher schwierig. Sie macht es schnell zwischendurch mit ihrem Handy, denn für sie gibt es derzeit nur eine Priorität - die Blutungen zu stillen. Es ist tatsächlich etwas Größeres, ich muss in ein Krankenhaus gebracht werden. Das Foto beweist es mir!

Die Spitzengruppe der Tour d’ Afrique wird in Ägypten grundsätzlich von einer Militäreskorte begleitet, wegen der Überfälle auf Touristen, die sich häufen. Für mich nur gut, denn von diesen Militärs kann sofort ein Krankenwagen geordert werden.

Die Tour d’ Afrique, das Abenteuer, für das ich mich entschieden habe, als mir zu Hause alle Felle weggeschwommen sind. In 120 Tagen über 12000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt mit dem Rad, ein Abenteuer, ein Rennen, eine Prüfung für mich als Wettkämpfer, als Mensch, als Mann - und es hat so gut angefangen.

Ich kann nicht beurteilen, wie lange dieser Krankentransport auf sich warten lässt, es dauert und dauert – wie mir scheint viel zu lange. In dieser grauenhaften Wartezeit versinke ich in einem Abgrund. Ich war doch so sicher, dass ich diese Tour, diese Erlebnis erholt und stolz überstehe und jetzt? Jetzt ist alles noch viel schlimmer!

Langsam kommen die Schmerzen. Ich beginne die Zähne zu spüren, die sich noch an ihrem Platz befinden aber wackeln, spüre die Lücken, die die

Herausgeschlagenen hinterlassen haben. Zumindest ertastet meine Zunge die spitzen Reste im vorderen Bereich. Die Schmerzen werden von Minute zu Minute größer. Schlagartig erinnere ich, dass ich mir vor vielen Jahren einmal ein Stück vom Daumen abgesägt hatte – diese Schmerzen heute sind ähnlich. Mir wird kalt, Schweiß bricht aus, ich zittere vor Kälte, die Pritsche im Lunchtruck ist hart, Hetty kümmert sich fürsorglich.

Der Krankenwagen kommt. Ich werde auf deren Liege umgebettet und hinten in den Transporter geschoben, der mich nach Hurghada ins Klinikum bringen wird. Mein Kopf und mein Genick bleiben ohne Halt, ohne Fixierung und damit von keiner Erschütterung verschont. Die Hetty begleitet mich, ihr erster ernsthafter Fall überhaupt, sie beruhigt die Sanitäter im Krankenwagen und mich mit ihrer Professionalität. Sie ist mein sanfter Engel und ich weiß, das werde ich ihr immer hoch anrechnen. Sie hilft mir so sehr, obwohl sie gar nicht viel tun kann – die Verletzungen sind zu umfangreich! Doch allein ihre Anwesenheit rettet mich vor dem Kollaps. Die Schmerzen werden schier unerträglich. Schmerzmittel gibt es keine, denn nur ein hiesiger Arzt könnte die verabreichen. Doch gibt es keinen in dem Sanitätswagen und auch Hetty ist dazu nicht berechtigt.

So donnern sie mit mir rund eine Stunde über die Wüstenpiste. Schweißgebadet, angespannt und voller Schmerzen liege ich da und traue mich weder zu bewegen, noch mit der Zunge nachzufühlen, wie viele Zähne tatsächlich fehlen.

Es ist schlichtweg der absolute Horror! Der Tag, der so wunderbar begonnen hat, ist jetzt zum vollkommenen Desaster ausgewachsen!

Endlich komme ich im Krankenhaus an. Durch das zum Glück funktionierende Funkgerät der Sanitäter, stehen Ärzte und Schwestern bereit, mich in Empfang zu nehmen.

Die von Blut getränkten Klamotten werden mir vom Leib geschnitten. Recht schnell komme ich in die unterschiedlichen Röntgenapparate, durch die festgestellt wird, welche Verletzungen ich tatsächlich davongetragen habe.

Doppelter Nasenbeinbruch, das Jochbein angebrochen, Zahnhälse ausgeschlagen, Zähne gelockert oder gänzlich ausgebrochen, das Gesicht zerrissen, aufgedunsen und rot blau verfärbt, zudem noch einige Wunden und Schädigungen an Körper und Gelenken.

Mein Glück: nichts Gravierendes an der Wirbelsäule und am Gehirn. Bin ein wenig beruhigt – die Ärzte auch.

Nach einiger Zeit kommt auch ein Zahnarzt, der helfen soll. Er spricht Deutsch, hat seine Ausbildung in Deutschland gemacht. Der versucht, die noch verwurzelten Zahnfragmente heraus zu ziehen. Scheint ein schwieriges Unterfangen zu sein und ist zudem überaus schmerzhaft. Mich wundert, dass ich nicht das Bewusstsein verliere. Auf einem Frontzahn gibt es ein Implantat, das er mit Gewalt ausreißt - die Ausbildung muss schon lange her sein, schaffe ich gerade noch zu denken, bin aber betäubt vor Schmerz! Mein Zahnarzt in Deutschland wird später feststellen, dass dieser Klempner das besser nicht hätte tun sollen.

Nach gut zwei Stunden sind alle ersten Maßnahmen und Untersuchungen abgeschlossen. Ich werde in ein Einzelzimmer geschoben, umgebettet und an den Tropf gehängt. Die Schwester schaltet den Fernseher ein.

Es läuft das Traumschiff und ich denke an Sarah, eine Freundin, die einmal auf der AIDA gearbeitet hat und seither Fan dieser Serie ist. Mache sogleich ein Foto und schicke es ihr. Sie ist auch die erste, die von den so umfangreichen und schlimmen Verletzungen erfährt. Das Foto erspare ich ihr noch.

Die Betreuung in diesem Krankenhaus ist tatsächlich überwältigend. Alle wuseln um mich herum und tun alles, es mir besser gehen zu lassen. Allmählich komme ich zur Ruhe und informiere meine Lieben zu Hause. Mein lädiertes Gesicht poste ich auf facebook - das müssen jetzt alle ertragen. Schließlich habe ich sie schon mit sehr schönen Fotos von den Pyramiden, von der Landschaft und von Sonnenuntergängen verwöhnt. Beruhige mich selbst mit dem Hinweis, dass körperlich nicht so Schlimmes passiert ist, nichts, was nicht heilbar wäre.

Kurz nach dem Mittagessen kommen Sidney und Bruce, zwei unserer Crewmitglieder, die mir meine Klamotten in der Reisetasche bringen. Hetty hat allen mitgeteilt, dass eine weitere Teilnahme, derzeit jedenfalls, nicht möglich sein wird.

RAUS BIN ICH…

Die kanadische Organisation hat unterdessen aufgrund des Vorfalls beschlossen, dass in den kommenden Jahren keine Rennen mehr durchgeführt werden.

Ich bin gar nicht sicher, ob tatsächlich das Rennen Schuld an meinem Unfall ist, weiß schließlich nach wie vor nicht, was genau passiert ist – und erstaunlicherweise kann auch jetzt keiner sonst den Ablauf dieses Sturzes beschreiben.

Gibt ein Wettkämpfer vielleicht alles und achtet dabei zu wenig auf Gefahren? Oder könnte es sein, dass so manch einer alles für einen Sieg tun würde?

Ich kann es nicht bewerten und vor allem nichts beweisen! Alle sind jedenfalls überaus betroffen und wünschen mir eine gute und schnelle Besserung.

Ich solle doch so bald wie möglich zurück kommen können, um wieder in die Tour d’ Afrique einzusteigen.

Oh Mann, wie ich mich fühle! Zum Glück bin ich immer wieder abgelenkt in meinem Krankenzimmer, doch ist es zwischendurch ruhig, kommen die Gedanken – schwer – verzweifelt – hilflos!

Hätte ich die Zeichen besser erkennen müssen?

Es fängt so gut an, an dem Dienstag meiner Abreise, an diesem 10. Januar des Jahres 2017. Eine Nachricht klickt rein, es ist 8: 00 Uhr früh. Sie ist von Sarah, sie wünscht mir alles Gute für die lange Reise. Ich kenne sie seit dem ersten Weihnachtsfeiertag im letzten Jahr, als in Augsburg eine Bombe entschärft wurde. Ich hatte mein Domizil für alle angeboten, die evakuiert werden mussten - und da kam auch sie.

Sarah ist Heilpraktikerin und sehr spirituell veranlagt. Sie hat mir die letzten zwei Wochen den einen oder anderen Tipp gegeben, manchmal sogar die Augen geöffnet mit ihrer Art der Sinneswahrnehmung. Und… ja, ich bin mehr als froh, sie kennengelernt zu habe!

Allerdings spüre ich auch ein wenig Angst, da wir beide ein bisschen mehr füreinander zu empfinden scheinen. Gerade schickt sie mir ein Bild mit einem auf ihrem Balkon im Schnee gezeichneten Herz. Das freut mich natürlich sehr, aber ich hatte gerade eine missglückte Beziehung hinter mir!

Der Schnee lässt mich aber auch gleich wieder fühlen, wie kalt es gerade in Deutschland ist, während ich in ein paar Stunden in Ägypten sein werde. Hier werden ganz andere Temperaturen herrschen – hoffe ich zumindest.

Ich bin dennoch ein wenig hin und her gerissen, habe nicht gut geschlafen. Die Insolvenz – meine Kinder - mein Plan - Sarah! Ist es richtig, jetzt einfach abzuhauen und alles stehen und liegen zu lassen? Flüchte ich vor all den Schwierigkeiten, die sich hier mittlerweile anhäufen?

Wie auch immer, es gibt kein Zurück mehr! Schiebe die Fragen beiseite, schließlich bin ich voller Tatendrang, freue mich auf alles, was diese Tour betrifft und, da ich nicht genau weiß, was das sein wird, freue ich mich vor allem auf die Wärme. Ich liebe Sonne und Wärme!

Jetzt gibt es noch ein paar Dinge zu erledigen. Zum Beispiel eine Krankenversicherung fürs Ausland abschließen – auf den letzten Drücker, wie so oft! Zudem letzte Emails schreiben, die allen die notwendigen Informationen über mein Treiben geben. Schnell noch das Gepäck checken – wieder alles ganz knapp - um 9.55 Uhr geht‘ s zum Flughafen.

Freija, meine Tochter, wünscht mir noch alles Gute - 9.45 Uhr - der Transfer ist da!

60 kg Gepäck sind verladen mitsamt Fahrrad, alles gut verpackt in einem Karton.

Zum Glück kennt sich der Fahrer gut aus auf dem Flughafen, ich bin etwas gestresst. Mir wird warm, habe den dicken Winterpulli an, der muss jetzt runter! Ich schaue dabei auf den Druck auf meinem T-Shirt „normal People scare me“ - normale Leute machen mir Angst. Hab es ganz unbewusst angezogen, aber jetzt? Es scheint sagen zu wollen: Ich bin ein bisschen anders, ich bin gerade in diesem Moment für etwas ganz „Unnormales“ bereit.

Auf dem Flughafen kriege ich weitere Anrufe, noch ein letztes Münchner Weißbier und es geht in den Flieger.

Er startet - ein seltsames Gefühl - ein Start für 4 Monate…

Ich habe so etwas noch nie gemacht, eine aufregende Spannung übermannt mich – was wird mich erwarten? Ich schließe die Augen und träume. Ich werde gewinnen! Ich werde diesen Anforderungen gerecht werden! Ich werde es mir und IHM? beweisen! Plötzlich sind so schöne Erinnerungen da. Es war das Jahr 2014. Ich erhielt den Integrationspreis für mein Projekt der Kulturküche in Augsburg und ER war dabei! Mein Vater feierte genau an diesem Tag seinen 75sten Geburtstag und, wie es offenbar von keinem übersehen werden konnte, zeigte er sich in seiner persönlichen Runde, unter seinen Freunden und Bekannten stolz und zufrieden über die Leistungen seines Sohnes. Vor mir hielt er sich zwar eher zurück, doch er nahm mich hier tatsächlich das erste Mal in meinem Leben in den Arm und lobte mich mit anerkennenden Worten. Fremd, ungewohnt, nahezu unglaublich für mich – aber ein so gutes Gefühl!

Ich fliege einer Welt entgegen, die mir fremd ist, die mich vielleicht aber auch umarmt… ein dringender Wunsch!

Kairo von oben, tausend Lichter, es ist spät abends, der Flieger landet. Pit, der Verantwortliche für Ägypten, holt mich ab und bringt mich in die Flughafenhalle, wo Suse, eine der Teilnehmerinnen, wartet. Wir zwei werden in das Hotel gebracht, in dem alle drei Tage lang bleiben, bis es mit dem Rennen tatsächlich los geht. Das ganze Hotel steht uns Fahrern zur Verfügung, einige sind schon angereist und eingecheckt, andere kommen noch.

Das Haus ist recht neu, steht nahe den Pyramiden am Nordrand von Kairo und wurde von den Verantwortlichen ausgewählt, um am Starttag die Millionenstadt nicht gänzlich durchqueren zu müssen.

Die Organisation nennt sich TDA, Tour d’ Afrique, und ist vor 15 Jahren ursprünglich in Kanada von Henry Gold gegründet worden. Heute agiert sie weltweit. Henry Gold, den ich zu meiner Freude später am Lake Victoria treffen werde, hatte mit 50 seinen Job und alles sonst noch Wichtige verloren. Nach diesem Tief hatte er beschlossen etwas zu ändern. Mit Herzblut wuchs die Idee als erster Mensch mit dem Fahrrad durch Afrika zu fahren! 2001 setzte er seinen Plan in die Tat um.

Ich spüre eine Verbindung zu ihm, noch ohne ihn persönlich zu kennen. Schließlich bin ich 50 und auch in meinem Leben verändert sich gerade etwas. Ich bin fast glücklich, nicht allein mit einer solchen Entscheidung zu sein. Zu sehen, wie andere Menschen nach Niederlagen wieder aufstehen. Wie sie ihrem Instinkt, ihren Talenten, ihren Vorlieben und ihrer Neugierde folgen. Wie sie Neues suchen, es finden und schließlich vielleicht sogar erfolgreich in Szene setzen, wie Henry in seinem imposanten Fall.

Ich bin sehr gespannt auf die anderen Teilnehmer, mit denen ich mich messen werde, auf deren Geschichten, die mir Erkenntnisse liefern. Und natürlich auf deren Stärken, die mich meine Chancen ausmachen lassen! Habe allerdings auch gehörigen Respekt vor dieser Nähe, die wir unweigerlich haben werden, wie ich vermute.

Nachdem ich meine Sachen auf mein Einzelzimmer gebracht habe, gehen Suse und ich langsam vor zu den Teilnehmern, die größtenteils in den Tagen zuvor eingecheckt sind und bereits einige Stadtbesichtigungen hinter sich haben.

Mittlerweile sind alle komplett, wir begrüßen uns. Manche kennen sich bereits übers Internet, jedoch nicht persönlich. Wir hatten alle vorher recherchiert, uns über die Medien gefunden und ausgetauscht, wer was und wie viel mitnimmt und welche Ängste die größten sind.

Die Suse ist knapp über 60 - mit ihr bin ich schon seit einiger Zeit über das Netzwerk facebook verbunden. Suse wusste als erste von meiner größten Angst, meinem schlechten Englisch! Ihr ging es ähnlich und das ließ uns dann auch persönlich enger zueinander stehen – ich bin froh, dass sie da ist.

Sie ist Norwegerin und betreibt ein Projekt am Lake Malawi, für das sie in der Heimat Geldspenden einsammelt. Sie hat online einen Deal festgemacht, mit dem sie von den beteiligten Sponsoren für jeden gefahrenen Kilometer Geld bekommt, das sie ihrem Projekt zugutekommen lassen wird. Sie arbeitet für einen sozialen Träger in Bergen, der sich um die Lebensbedingungen Benachteiligter kümmert. Der Projekte entwickelt und durchführt, in deren Rahmen Menschen Arbeit verschafft wird und schließlich ihre Kommunikation und Eigeninitiative fördert.

Geht es um das Dorf am Malawisee, um Suses Herzensprojekt, ist sie mehrere Monate mit Hilfe ihres Unternehmens nur für diese intensive Sozialarbeit vor Ort abgestellt.

Für mich ist Suse wie eine gute Mutter, die auch mich ein wenig an die Hand nimmt und mir zeigt, wo es auch noch lang gehen könnte. Obwohl sie wirklich nur wenig Englisch spricht, hat sie den schnellen Überblick über das, was gemeint ist und wie sie darauf antworten kann. Sie findet immer geschickt Umschreibungen, wenn ihr die geeigneten Worte fehlen. Suse klärt Probleme ganz pragmatisch, hat immer das Ziel im Auge. Sie ist so taff und ich empfinde ihre Ängste, zumindest hinsichtlich der Sprachbarrieren, schon seit unseren ersten gemeinsamen Momenten als völlig unnötig. Ich mag sie sehr!

Insgesamt sind wir 27 Teilnehmer und ich bin der einzige Mann aus Deutschland. Je vier Fahrer kommen aus Amerika, Kanada, Südafrika und Australien. Die Suse stammt aus Norwegen, Anna ist die Frau aus Österreich und Mandy die einzige Deutsche. Ein Schwede und ein paar Engländer sind auch noch dabei. Wir schütteln uns freundlich die Hände, die übliche Floskel „how are you“ ist rundum zu hören. Ein paar belanglose Sätzchen übers gute Essen hier, über die Kälte, die alle nervös macht und einiges mehr. Langsam wird es 23 Uhr an diesem Dienstag.

Es ist so bitterkalt, dass es mich ärgert, weil ich das in Kairo nicht erwartet hätte! Doch es ist Frühjahr, der Winter gerade am Ausklingen – so hat‘ s eben nur 10 bis 12 Grad. Allerdings ist es damit immer noch wärmer als in Deutschland!

Sidney, dem Tourleader, begegne ich noch. Trotz der späten Stunde quatschen wir ausgiebig. Er ist Südafrikaner, um die dreißig und zum vierten Mal dabei. Hemdsärmelig mit langen Haaren, die zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden sind, sitzt er neben mir. Für mich ist er nicht der typischer Südafrikaner – obwohl ich nicht wirklich weiß, wie ein typischer Südafrikaner aussieht. Er wirkt aber auf mich äußerlich eher wie ein Surfer, der auf den Wellen vor Floridas Küsten reitet und abends Getränke in der Strandbar ausschenkt. Nur nicht so smart als Typ, eher kraftvoll, gern auch mit einem Whisky in der Hand. Als ganz junger Mann hatte er auf einem professionellen Fischfangkutter vor dem Kap der guten Hoffnung angeheuert, die raue See hat ihn geformt. Entsprechend derb ist seine Aussprache, er sagt, was er denkt und meint es genau so, ganz offen, ganz ehrlich, ganz direkt. Sidney bringt immer alles auf den Punkt und macht keine Umwege.

Ich sehe den Kutter vor meinen Augen – und ich denke an Moby-Dick, es ist kein Fischkutter, male ich mir aus, es ist ein Walfänger, Sidney will den Riesenwal einfangen.

Fischen ist seine Leidenschaft, wie er erzählt, aber er braucht neben einer guten und beständigen Arbeit das Abenteuer. Auch braucht er die Natur mit den atemberaubenden Phänomenen und die Tiere, die sich wie selbstverständlich darin zurechtfinden, wenn wir ihnen den Lebensraum nicht stehlen oder ihn verunstalten. All das findet er hier während seiner Arbeit, immer im direkten Kontakt mit dieser Welt, frei und dennoch irgendwie bodenständig.

Auch mit Anna gibt es noch einen Plausch, sehr angenehm Deutsch sprechen zu können.

Eine wagemutige Frau, die vor einem Jahr erst den Kilimandscharo bestiegen hat. Ein Buch ist über diesen Kraftakt entstanden. Sie ist eine Perfektionistin, um die 25, mit blonden langen Haaren, so eine typisch neue Frau, die weiß, was sie will. Nach dieser Tour plant sie einen nachhaltigen Tourismus in Afrika aufzubauen, eine Tourismusplattform zu schaffen. Das alles macht sie offenbar absolut straight - sie scheint tatsächlich genau zu wissen, was sie will und wie sie ihre Vorstellungen verwirklicht, ja auch durchsetzt.

Nicht mein Frauentyp! Fühle mich wohler, wenn ich helfen kann, wenn ich gebraucht werde. Sie braucht niemanden für ihre Entscheidungen, aber - sie spricht Deutsch! Und genau deshalb brauche ich auch so eine „typisch Neue“ an meiner Seite – das kann nur hilfreich sein!

Mitternacht – ich gehe auf mein Zimmer. Die Gedanken schwirren durch meinen Kopf, mir ist nicht wirklich wohl! Heimweh? Die Situation ist nicht beruhigend. Zu neu! Die Menschen – zu beeindruckend! Die Probleme in Augsburg – zu nachhaltig! Ich krame noch ein wenig in meinen Sachen und da ist Flixi, der kleine Hase, den mir meine Tochter ins Gepäck geschmuggelt hat. Es war ein Geschenk von mir für sie vor über zwanzig Jahren und sie hat ihn als Beschützer überall hin mitgenommen – jetzt soll er mich beschützen!

Es macht sich tatsächlich ein wenig Sicherheit breit und ich denke an meine Wünsche das Rennen als erster Deutscher zu gewinnen, hiernach zu Hause in Augsburg wieder Fuß fassen zu können, alle Krisen zu bewältigen und neu durchzustarten. Über diesen Gedanken schlafe ich ein.

Ein neuer und heller Tag dieser Mittwoch, die Sonne über Kairo weckt mich und die Welt sieht ein wenig besser aus! Ich springe aus meinem Bett und öffne das Fenster. Es ist noch immer kalt, aber der Blick auf die Anlage und den Pool ist so inspirierend, dass ich in diesem Moment weiß die beste Entscheidung getroffen zu haben. Schließlich hatte noch der Jakobsweg eine Rolle in meinen Überlegungen und Recherchen über etwas Neues, etwas Abenteuerliches gespielt. Der war mir allerdings zu überlaufen, irgendwie Mainstream. Doch im August 2016 war sie plötzlich vor meinen Augen, die Tour d’ Afrique. Es hatte nur dreieinhalb Sekunden gebraucht bis zur Registrierung. Mit diesem Blick aus dem Fenster des Hotels ist klar – hier bin ich richtig.

Noch zwei Tage und es geht los.

Ich mache mich daran, mein Fahrrad auszupacken, mein Zebra, das ich wie ein solches lackiert habe, um dem afrikanischen Gedanken Nachdruck zu verleihen. Kein Rennrad, kein langsames Mountainbike, einfach ein stabiler Cyclocrosser - ein schnelles Zebra. Wunderhübsch – bin ganz verliebt in das Ding! Suse ist auch dabei, ihres auszupacken. Wir haben uns hierfür einen Platz am Pool reserviert. Nichts kann uns ablenken, akribisch schrauben wir und fügen alles zusammen. Sind ganz heiß auf die erste kleine Probefahrt am Nachmittag.

Das erste Mittagessen gibt es auch am Pool. Das freut mich, bin schon gewaltig hungrig und es schmeckt hervorragend! Verzichte auf ein Bier zum Mittag. Monty ein 65jähriger australischer Mitfahrer, der sich als unverwüstlich entpuppen wird, genehmigt sich gleich drei der ägyptischen Tusker Biere – bin ja zwar ein guter Biertrinker, doch das wäre mir jetzt zu gefährlich!

Während dieses Essens ergeben sich dann auch schon ein wenig tiefere Gespräche mit den Teilnehmern, die gestern nur das oberflächliche „how are you?“ übrig hatten. Jeder der Fahrer hat seine eigene Geschichte über die Entscheidung für eine solche Tour, über die viermonatige Auszeit. Manche sind gerade mit dem Studium fertig und wollen vor dem beruflichen Einstieg erst einmal afrikanische Luft schnuppern. Einige haben sich dieses Abenteuer zum Ruhestand geschenkt und andere nehmen es einfach als Pause vom Alltag. Das Ausmachen der eigenen Stärken und Grenzen spielt zudem eine für alle große Rolle. Auf diese Weise erfahre ich ein wenig mehr über die Motivation der anderen, eine solche Strapaze auf sich zu nehmen. Schließlich wird es genau das werden, wie ich vermute. Oder habe ich überhaupt irgendeine Ahnung, was uns tatsächlich erwartet?

Nach dem Mittagessen greifen Suse und ich unsere Räder und fahren aus der Hotelanlage raus. Ich war noch nie in Ägypten und es fühlt sich an, als wäre ich noch nie in Afrika gewesen, obwohl ich vor drei Jahren mit einer ehemaligen Freundin in ihrer Heimat Südafrika und einen Tag in Hurghada war. Von Land und Leuten hatte ich jedenfalls nur wenig mitbekommen! Wir fahren in eine Seitengasse – es ist schockierend. Plötzlich erleben wir aufgehäuften Müll, herumschleichende abgemagerte Tiere und Dreck, wo immer wir hinsehen – es ist unglaublich! Unfassbar für uns Mitteleuropäer, wie und unter welchen Umständen Menschen hier hausen. Rund zwanzig Millionen Menschen sollen in Kairo leben – ob das wohl überall so ist wie gerade hier und jetzt? Wir biegen in ein paar mehr Seitenstraßen ein, bleiben aber in der Nähe des Hotels.

Wir mühen uns durch die Schlaglöcher und Müllberge, vorbei an Eselgespannen und Kindern. Selbst die Esel beäugen uns neugierig, wann bekommen sie schon so seltsame Gestalten mit heller Haut auf diesen komischen Fahrrädern zu sehen, die hier in ihrer Gegend herumfahren?

Ich mache einige Fotos und merke, dass ich meine sieben Sachen gut im Auge behalten und alles dicht an mir dran belassen muss. Wir müssen wirklich aufpassen, die Situationen sind nicht ohne Brisanz und wir sehen zu, wieder ins Hotel zu kommen.

Mittlerweile ist es Abend geworden. Ich fühle mich immer noch nicht so unbedingt wohl. Aber ich muss mir noch die SIM-Karte besorgen, was uns alle im Übrigen die gesamte Tour über beschäftigen wird. Der Markt ist groß, es wird gehandelt mit Datenvolumen und mit den besten Verbindungen. Viele machen ihr Geschäft damit – wer bietet die beste Karte – wer hat das beste Paket. Ich finde einen Shop mit dem ersten Afrikaner, der mir ein wenig von seinen Schwierigkeiten und seinem täglichen Kampf erzählt.

Er verkauft SIM-Karten und allerhand anderen Kruscht, Souvenirs, die keiner braucht. In den Wintermonaten ist das Hotel nicht so gut belegt, dann wird es besonders schwer für ihn, erzählt er. Er ist so gastfreundlich, ist mein Tee ausgetrunken, wird sofort nachgeschenkt. Er berichtet von seinen Versuchen, das Geschäft am Laufen zu halten und sogar, von welchem größeren Händler in der Umgebung er die SIM-Karten bezieht. Mir scheint, als wäre das Geschäft mit diesen Karten eher illegal, eher unter der Hand eingefädelt, ein Schwarzmarkt, doch lässt sich das von mir nicht wirklich ergründen – so viel erzählt er mir dann doch nicht.

Schließlich hat er mir mit seiner Karte eine gute Verbindung ermöglicht, denn nach 36 Stunden kann ich mein erstes Lebenszeichen absenden. Mit ein bisschen Nachdenklichkeit allerdings, ob sie alle zu Hause wohl froh sind von mir zu hören. Habe den Entscheidungsdruck und meine Unsicherheiten schon Monate vor meiner Abreise auf alle um mich herum übertragen und sie sicher sehr genervt.

Doch egal, jetzt muss ich ihnen erst einmal sagen, dass ich gut angekommen und wohlauf bin. So geht der zweite Tag zu Ende.

Mein erster Vollmond in Afrika. Herrliche Ruhe liegt über der Anlage. In dieser Nacht schlafe ich besser.

Ein schöner, ein sonniger, ein ausgeruhter Morgen an diesem dritten Tag in Kairo, obwohl nach wie vor unerwartet kalt. Nach dem Frühstück wird es ein erstes Teamtreffen geben, was mir sicherlich mehr Überblick verschaffen wird, denn noch fühle ich mich unwohl, uneins, nicht angekommen. Erst einmal genieße ich mein Frühstück und freue mich auf das erste Meeting. Die Crewmitglieder stellen sich uns Fahrern, den „guys“ vor.

Den jungen Sidney kenne ich ja schon, den rauchenden und Whisky trinkenden Typ aus Südafrika. Der zweite Führer der Gruppe ist Mac, ein Mann um die 40 aus Kanada. Das komplette Gegenteil von Sidney! Ruhig, reflektiert, Antialkoholiker und augenscheinlich äußerst pflichtbewusst. Ob die sich wohl gut ergänzen?

Ethan stellt sich vor. Der glatzköpfige Koch, auch Südafrikaner… selbst für mich furchteinflößend. Sein Wortschatz besteht hauptsächlich aus „fuck“, alles ist „fucking“ - allumfassend.

Er braucht diese freie Art mit Menschen umzugehen, sich keinen Umgangsregeln unterwerfen zu müssen, allerhöchstens seinem Befinden zu unterliegen. Er braucht es, seinen Lieblingsbeschäftigungen, dem Kochen und Backen nachzukommen, ohne sich über Gebühr zu verbiegen. Dieser kahlköpfige Haudegen fühlt sich wohl unter Menschen, die sich etwas trauen und denen er mit seinen Künsten helfen kann, durchzustehen, was sie sich vorgenommen haben. Seine Vorliebe ist das Kochen und Backen ohne viel Technik drum herum, und das wird zu bewundern sein, wie wir alle noch merken werden. Er redet nicht viel, bleibt kurz angebunden, wenn er aber den Mund aufmacht, sind seine Worte eher rotzig und dreist, eben fucking.

Allerdings spüre ich auch einen weichen Kern unter der harten Schale, der besonders hervortritt, redet er vom Essen, von seiner Küche und von den Einkäufen hierfür auf den regionalen Märkten.

Sam ist unser Fahrer, um die 45, aus Tansania kommend. Er erinnert mich an die Augsburger Puppenkiste, an Lukas den Lokomotivführer, nur dunkelhäutig. Ein so gemütlicher und liebevoller Typ, eine Seele von Mensch, den ich sofort in mein Herz geschlossen habe.

Unser Mädchen für alles wird Micky sein. Ein Äthiopier aus Adis Abeba. Er hilft beim Kochen und übernimmt alle notwendigen Dienste rund um unsere Truppe.

Hetty stellt sich als unsere Ärztin vor. Sie will Praxis lernen, im Ausland, in einem besonderen Projekt, mit besonderen Menschen. Will nicht sofort in einem anstrengenden Klinikbetrieb versinken. Möchte Wege finden, die vielleicht andere Wege eröffnen, eine andere Welt sehen lassen.

Eine sympathische Frau, 30 Jahre jung, aus Schottland. Ihr Slang stellt für mich eine besondere Herausforderung dar, aber ihr Wesen entlockt mir Vertrauen, sofort und uneingeschränkt. Sie lässt sich die Impfpässe vorlegen und erfragt und notiert alle unsere Vorbedingungen. Mögliche Infektionen, Unverträglichkeiten, Besonderheiten und Notfallnummern. Ich spüre, wie sie sich engagiert und sich freut, auf einer solchen Tour Erfahrungen sammeln und sich um uns kümmern zu dürfen. Ich fühle mich schon jetzt aufgehoben, obwohl ich ja noch gar nicht wissen kann, dass ich derjenige sein werde, um den sie sich besonders wird kümmern müssen!

Vincent stellt sich uns als derjenige vor, der das Lenkrad des Lunchtrucks nicht aus der Hand geben wird. Ein 50jähriger Südafrikaner und erfahrener Spezialist für Safaris und derart geführte Radtouren. Er wird dafür sorgen immer auf der Hälfte unserer Tagesstrecke zu stehen, um uns mit Snacks, Wasser, Iso Getränken und schließlich auch mit Mut machenden Worten zu stärken.

Lans ist unser Bikemechaniker, der nicht viel über sich erzählt außer, dass er sich mit der Technik von Rädern auskennt. Gut zu wissen, dass es immer Hilfe geben wird unterwegs!

Zu guter Letzt lernen wir Bruce kennen, den Fotografen und Berichterstatter, der die Ergebnisse der Tour offiziell in die Medien bringt, was nahezu unentbehrlich für derartige Vorhaben ist. Der dafür sorgt, dass alles für die Organisation genauestens protokolliert und denen übermittelt wird. Und letztlich der, der alle interessanten Ereignisse medienrelevant aufbereitet und der Öffentlichkeit präsentiert, ob nun werbetechnisch oder als Existenz begründete Öffentlichkeitsarbeit notwendig.

Diese illustre Gruppe von Crewmitgliedern hockt da nun etwas höher auf einem Podest. Sie tragen rote Pullis oder Shirts mit TDA-Aufdrucken. Wir Fahrer sitzen unten vor ihnen, alle noch käseweiß, frisch rasiert, gestriegelt und fein gemacht. Wie das wohl in Südafrika aussehen wird? Es gibt viele Fragen. Ich muss mich anstrengen alles zu verstehen. Halte mich zurück, wegen meiner sprachlichen Ungewandtheit. Ich stelle mich zwar auch vor, betone aber meinen Wunsch, dass die Anderen bitte etwas langsamer mit mir sprechen sollten. Dass ich mich nicht so gut ausdrücken kann, merken ja alle… hoffe aber auf deren Rücksicht und spüre meine Berührungsängste. Für den Nachmittag ist eine erste gemeinsame Ausfahrt geplant, auf der die verschiedenen Kommandos und Verhaltensregeln verinnerlicht werden sollen. Nichts Neues! Leicht zu merken! Es ist eine kleine Tour, rund 15 Kilometer am Nil entlang und zurück zum Hotel. Für mich gibt es die Startnummer 103. Sofort schicke ich die an Sarah, meine großen Feng Shui Spezialistin, die für diese Nummer eine spirituelle Einschätzung geben soll - na toll, die Nummer soll ja wohl nicht die beste sein!

Nach dem kleinen Ausflug erhalten wir den genauen Plan für die nächsten Tage. Wir werden 7 Tage bis zur ersten Station in Luxor fahren. Jeder Tag wird 120 km lang sein und führt uns zuerst zum Suezkanal, weiter entlang des roten Meeres, dann ins Landesinnere zum Nil zurück und den längs auf den letzten Etappen bis Luxor.

Der Plan scheint mir zwar recht anspruchsvoll, dennoch ist mir nicht bange. Ich freue mich auf das Fahren mit meinem Zebra, selbst wenn es rund 800 Kilometer bis zum ersten Ruhetag sein werden.

Shit, ich habe die Luftpumpe in Augsburg vergessen! Geht ja gar nicht! Eine Panne unterwegs, allein auf der Strecke – unmöglich! Frage rundum nach einer Ersatzpumpe und muss mich dann doch übers Internet nach dem nächsten Fahrradladen in Kairo erkundigen. Ich finde einen, der Technik sei`s gedankt. Leider nur mitten in Kairo. Ich schnappe mir ein Taxi auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Fahrer ist recht irritiert und runzelt die Stirn. Es ist Donnerstagabend, Freitag ist Feiertag und damit an diesem Abend noch mehr Verkehr als sonst ohnehin schon! Und genau das erfahre ich innerhalb der nächsten 4 Stunden schmerzhaft. Es ist so unvorstellbar diese Stadt zu durchfahren – allerdings scheinen sich alle in diesem Getümmel von Blechkisten zurechtzufinden. Dicht an dicht düsen alle mehr oder weniger behände durch die engen Straßen und mir scheint, ich sollte meinen Arm besser nicht aus dem Fenster legen, der könnte abgefahren werden. Blechlawinen über Blechlawinen fließen rasant durch diese Stadt. Die Zeit fliegt dahin und ich glaube schon nicht mehr an eine neue Luftpumpe.

Doch es klappt tatsächlich! Dieses Glück lässt mich auf eine Idee kommen – ich rufe eine Plattform ins Leben, die es Afrikanern ermöglicht sich auszutauschen, selbständig miteinander Probleme zu erörtern und zu lösen, sich gegenseitig zu helfen und zu kommunizieren, wann immer ein Bedürfnis besteht. Dieser Fahrradhändler in der Innenstadt von Kairo ist neben mir der zweite Teilnehmer auf der von mir soeben installierten und „African League“ genannten Seite. Mit Stolz werde ich viel später davon berichten können, dass die Zahl auf 140 Teilnehmer angestiegen ist und tatsächlich eine rege Kommunikation stattfindet.

Bin dankbar zurück im Hotel, doch komme ich nicht mehr rechtzeitig zum Verladen meiner Gepäckstücke. Alle sind bereits verstaut, nur meine fehlen. Jeder Fahrer hat 2 davon, ein Permanentbag und ein Dailybag. Den Rucksack oder die Tasche für den täglichen Bedarf mit Zelt, Waschzeug und Klamotten für den ersten Wechsel. Den Koffer für alles, was nicht täglich benötigt wird, und der ganz hinten auf dem Dinnertruck verstaut ist. Hier kommen wir nur an den Ruhetagen dran, wenn alles ausgeladen wird.

Unsere Dailybags werden weiter vorn auf dem LKW verstaut, jeweils in der Früh aufgeladen und abends am Zielort wieder abgeladen. Ich muss alles noch packen!

An diesem Donnerstagabend gibt es zum Abschluss auch noch ein großes Buffet im Hotel. Zum letzten Mal so richtig Vitamine, zum letzten Mal alle Tanks aufladen, denke ich so unbedarft, wie man als erstmals Teilnehmender nur denken kann. Ich esse so viel wie nie zuvor und es schmeckt so gut. Allerlei wunderbare ägyptische Spezialitäten, frisches Obst und auch zwei bis drei Biere – ein sehr lustvolles Schlemmen. Ich genieße es!

Die letzte Nacht verbringen wir zu meinem Leidwesen mit einem Bettnachbarn. Es ist Henry, ein junger Kanadier mit indischen Vorfahren, 25 Jahre jung. Er ist gerade mit dem Studium der internationalen Betriebswirtschaft fertig und seine Äußerlichkeiten zeigen eher keine Verbundenheit mit diesem Metier. Ein Draufgänger, ein Kerl mit schwarzem Bart, genau so lang wie meiner. Wer in Kapstadt den längeren hat, kriegt ein Bier vom kürzeren – so lautet die Wette. Im Wetteifern bin ich gut, so werde ich mir auch dieses Bier verdienen.

Ich sage hier schon mal, dass es genau so sein wird. Hätte ich allerdings um seine Verbindung zu dieser Branche gewettet, hätte ich sicher falsch gelegen. Nach Ende unserer Tour werden unser Kontakt und ein Foto von ihm zeigen, wie sehr er ins Finanzmanagement passt. Nie hätte ich vermutet, wie wandelbar dieser Mann ist!

Vorerst aber ist Henry nur ein zwar ruhiger, jedoch alle Regeln abstreifender, dazu recht unkomplizierter Kerl, sehr sympathisch und – ein Schnarcher.

Diese Nacht wird die erste und letzte mit ihm in einem Zimmer gewesen sein. Er macht im Schlaf so unglaublich intensive Geräusche, dass mir die von zehn wetteifernd über den Acker tobenden Traktoren in meiner Phantasie dagegen leise erscheinen. Diese unfassbaren Töne, gepaart mit meiner Aufregung vor dem Start - eine einzige Katastrophe. Nichts hilft, dieser Trecker ist nicht anzuhalten! Die Nacht durchwacht bin ich froh, dass es um 4 Uhr morgens in der ersten Dämmerung vorbei ist…

Der vierte Tag in Kairo ist auch der erste Streckentag der Tour d’ Afrique mit insgesamt 87 Etappen. Es gibt noch ein kleines Frühstück, das größere mit Buffet wird erst an den Pyramiden serviert.

Freitag, der 13te? Ein schlechtes Omen? Zumindest müssen durch meine gestrige Luftpumpenaktion und mein dadurch am Abend nicht verladenes Gepäck alle an diesem Morgen auf mich warten. 5 Uhr früh, geplante Abfahrtzeit zum Startpunkt, alle lauern nur auf mich, auch unser Trecker Henry, der offenbar ausgeschlafen und ausgeruht ist. Ich bin der Allerletzte am Bus!

Schließlich ist alles geschafft, mein Gepäck und mein Rad sind ebenfalls verstaut und auch ich bin jetzt bereit.

Die Verkehrs- und Sicherheitslage lässt es nicht zu, mit den Rädern bis zu den Pyramiden und dann zum ersten Checkpoint außerhalb von Kairo zu fahren, von wo aus das Rennen beginnen soll. So sind alle Räder auf dem Lunch- und dem Dinnertruck verteilt und wir Teilnehmer werden mit dem Bus zum Start gefahren.

An den Pyramiden werden erstmalig Visa und Ausweisdokumente kontrolliert und ein sensationelles Buffet der ägyptischen Tourismusbehörde erwartet uns. Aufregung bei allen, keiner möchte auf die Fotomotive verzichten. Aber selbstverständlich nicht als Fußgänger, alle wollen auf ihren Rädern vor den Pyramiden verewigt werden – also müssen die Räder abgeladen werden! Einige lokale Politiker sind anwesend, geben uns ihren Segen und wünschen uns Glück.

Es gibt eine erste Diskussion unter den weiblichen Teilnehmerinnen wegen der nicht vorhandenen Toiletten und der grundsätzlich auf der gesamten Tour vorgegebenen Art, sein Geschäft verrichten zu müssen. Schließlich wird es Buschcamps geben, in denen von Toiletten gar keine Rede sein wird. Die Spaten für die Notdurft auf freiem Feld scheinen doch deutlich zu irritieren. Es wird hitzig zwischen den Frauen, doch es legt sich nach einiger Zeit. Sie erkennen wohl, dass es eh nicht zu ändern ist und arrangieren sich.

Frisch ist es an diesem Morgen. Lange Hosen und alle Körperteile bedeckenden Oberteile sind äußerst zuträglich. Checkpoint an der Stadtgrenze Kairos, jetzt geht es richtig los. 127 Kilometer nach Fanar de luna, einem kleinen Ort am Suezkanal.

Ich starte mit den Letzten, will mich zurückhalten, will es ruhig angehen lassen und erst einmal spüren, was es mit mir macht. Wir starten in eine Mondlandschaft – alles ist graubraun, ockerfarben gesprenkelt, steinig, sandig, nichts Imposantes… dafür herrlicher Sonnenschein. Allerdings herrscht unglaublicher Gegenwind vom roten Meer her kommend. Diese erste Etappe ist nicht wirklich ein Zuckerschlecken!

Ich fahre mit Harold Brake, einem kraftvollen Südafrikaner, der die Tour größtenteils schon kennt, aber wegen gesundheitlicher Probleme in dem Jahr zuvor ausgestiegen war.

Zu allem Übel hat der nach 500 Metern die erste Reifenpanne und ich helfe bei der Reparatur zusammen mit dem sogenannten Sweeper, dem letzten Fahrer der Crew in allen Etappen. Lans, Bruce der Fotograf und Hetty die Ärztin wechseln sich in der Aufgabe des Auskehrers ab und geben jeweils den, der alle aufsammelt, wenn es Pannen, Verletzungen oder sonstige Schwächungen der Teilnehmer gibt. Dieses Mal ist es Lans. Ich helfe noch kurz, dann schickt er mich weiter – soll mich nicht unter die Letzten gesellen.

Ich folge seiner Aufforderung und sause los. Komme immer besser in Fahrt - spüre etwas von Befreiung. Es fühlt sich an wie Luft kriegen, nachdem Nase und Mund länger von jemandem zugehalten wurden.

Freiheit – ein sehr schönes Gefühl! Nach so vielen Jahren anstrengender Arbeit, Anpassung, Beziehungsdramen und sonstiger Probleme - ein erhebendes, ein bedeutendes Gefühl!

Nach und nach hole ich die ein, die bereits Meilen vor mir sind. Ich spüre diese diebische Freude, einen nach dem anderen hinter mir zu lassen, ja selbst die stärksten Fahrer mit ihren Rennrädern einzuholen. Mein Körper gehorcht mir, meine Kraft wird fließend, ich spüre ein großes Glücksgefühl!

Nach 80 Kilometern der erste Lunchstopp und ich bin tatsächlich unter den Ersten. Chester war einer von denen in der Spitzengruppe. Ein Fahrer aus Simbabwe, ein gut situierter junger Weißer aus besseren Kreisen kurz vor dem Studium, vermutlich abgesichert durch die Eltern. Selbstbewusst, draufgängerisch und, wie mir scheint überaus ehrgeizig. Eloquent in seiner Ausdrucksweise, sympathisch aber auch zu Skepsis Anlass gebend, ein wenig undurchschaubar, wie ich empfinde.

Neben all diesen meinen ganz subjektiven Bewertungen ist dieser Fahrer ein uneingeschränkt starker auf dem Rad. Ich merke, dass mein Wunsch, dieses Rennen als erster Deutscher zu gewinnen, mit ihm sehr schwierig zu erfüllen sein wird, nachdem ich alle anderen der Führungstruppe abgecheckt habe. Ein tolles Rennrad, ein runder Tritt, durchtrainierte Muskeln, das alles hat mir schon zu Beginn des Kennenlernens gezeigt, dass er ein echter Rivale sein wird. An diesem Fahrer werde ich mir wohl die Zähne ausbeißen, den Burschen von der Spitze zu verdrängen wird eine ganz besondere Herausforderung. Wie wird er wohl über mich denken? Der Zweite ist Mills, ein unkonventioneller Typ aus London, um die 26, mit Brille - erinnert mich an Harry Potter. Fährt ohne die üblichen Radfahrerklamotten, trägt eher legeren Freizeitlook. Ist irgendwie durchschaubarer, ehrlicher, aber wegen seiner sportlichen Qualitäten eben auch gern an Chesters Seite.

Auch er hat ein sehr gutes Rennrad, ist zäh im Durchhalten und damit auch ein erfolgreicher Fahrer. Ich glaube, an ihm werde ich mich wohl messen. Der Dritte in der Spitzengruppe ist Jack, ein Australier, Mitte 40 und ein ebenso guter Rennradfahrer. An diesem ersten Tag ist er der stärkste Fahrer.

Mit den Dreien werde ich mich um das Podium streiten müssen, denke ich mir etwas übermütig meinem jetzigen Wunsch geschuldet, wenigstens als Dritter auf dem Siegerpodest zu stehen.

Es gibt zudem einen Anspruch, der noch über dem Sieg steht und dem ich so gerne gerecht würde, dem sogenannten EFI, Every Fucking Inch. Bedeutet, diese Medaille erhalten die Fahrer extra, die jeden Zentimeter, jeden Inch, jeden Kilometer ohne Krankheit, ohne alles, mit dem Rad bis nach Kapstadt fahren. Every Fucking Inch als überlagerndes Ziel, das muss und möchte ich unbedingt schaffen. Schließlich kann ich recht sicher sein - meine Konstitution, meine Ausdauer, meine sportlichen Fähigkeiten lassen es mich ahnen. Es müsste drin sein, denke ich mir, doch noch kenne ich nichts von dem, was mich alsbald ereilen könnte.

So fahre ich Richtung Suezkanal in der Spitzengruppe, auch Anna, die Österreicherin und der Lars aus Schweden sind dabei. Alle fahren in der Reihe gegen den Wind, im Windschatten des Vorfahrenden, um Kraft zu sparen. Ich spiele schnell meine Kräfte, mein Potential aus, bin oft an der Spitze und genieße es! Schließlich muss das für die Anderen überraschend sein, dass der mit dem Zwitterrad so viel Stärke demonstriert und sie in seinem Windschatten fahren lässt. Ich habe das so nötig… bin stolz und fühle mich ausgezeichnet, ohne besondere Anstrengung.

Allerdings nehme ich wieder Fahrt raus, es ist noch kein Renntag. Der erste offizielle Renntag findet erst am dritten Tag statt – das heißt Kräfte schonen. Bis jetzt ist es nur ein Test für den Ablauf eines Rennens. Nach dem Luchstopp fahre ich also hinter Chester, Mills und Jack zusammen mit Lars bis zur ersten Unterkunft.

Fanar de Luna ist ein kleines Fischerdörfchen am Suezkanal. Im Januar ist es ruhig dort, weil unterbelegt. Zelten kommt nicht in Frage, ist bis Safarga von dem Sicherheitspersonal der ägyptischen Regierung untersagt. So heißt es ab in Hotels in den ersten drei Tagen, allerdings dummerweise immer zu Zweit im Zimmer. Selbstverständlich verweigere ich vehement Henrys nächtliche Gesellschaft und Prowie wird mir zugewiesen.

Diese Nacht schlafe ich etwas ruhiger.

Vor dem Schlafengehen gibt es aber noch das allererste Dinner von unserem Ethan und seiner Mannschaft. Ein wunderbares Ereignis, er ist tatsächlich ein phantastischer Koch, leider werden wir immer länger auf sein gutes Essen warten müssen. Ihr müsst euch vorstellen, wir fahren alle ins Ziel, doch das Feld ist sehr weit zersplittert - rund drei Stunden nach den Ersten kommen die Letzten an. Es wird immer so sein, dass jeder Eintreffende seine Unterkunft oder sein Zelt bezieht, es dann eine heiße Suppe gibt, ein Keks und ein Kaffee gegriffen werden kann, aber das Dinner warten muss, bis alle eingetroffen sind.

Sind alle da, so gegen 18 Uhr, wird serviert.

Die Dinnercrew kauft auf den lokalen Märkten, was sie braucht und zaubert ein der Gegend entsprechendes Essen, wo Ethan täglich in seinem Element sein wird. Vegetarisch, mit Fleisch oder

Fisch, es wird alles geboten. Die meisten sind Fleischfresser und ich ziehe mit. Heute wähle ich ein Linsencurry mit Hühnerfleisch. Mich hat schon bei der Planung die Angst vor Infektionen und Bakterienbefall beschlichen, so dass ich mein eigenes Geschirr und Besteck eingepackt habe. Schon hier war der Gedanke vorherrschend, unhygienischen Situationen so gut wie möglich ausweichen zu wollen. Wasser aus Tanks, notdürftiges Abspülen und die Aufbewahrung haben mich so umsichtig sein lassen. Doch ist schnell klar, dass, nur weil es meine Utensilien sind, nicht mehr Sauberkeit oder Hygiene möglich werden.

So esse ich an diesem ersten Tag mein erstes Dinner auf der Tour d’ Afrique von einem roten Teller aus meinem persönlichen Bestand, einem mir von meinen Köchinnen der Kulturküche Mitgegebenen. Das ist natürlich fotografisch festgehalten und für alle getwittert.

Es ist empfindlich kalt an diesem Abend. Irgendwie stimmt es noch nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Das Radfahren war schon mal gut für meinen Körper, für meine Seele, für mein Ego, doch ansonsten bin ich noch nicht so recht warm geworden. Ich kann es nicht wirklich ergründen. Heimweh ist es nicht, denn was hätte ich zu Hause gewollt in der insolventen Firma, in dem Chaos?

Aber diese Situation hier, die ist nun auch nicht wirklich real. Ich bin nicht zufrieden, es fehlt irgendwas, ein Gefühl, etwas Gutes, etwas Veränderndes. Es fehlt so etwas wie loslassen und sich ergeben können, einfach etwas ganz besonders Anderes.

Gut, es ist faszinierend, wenn diese riesigen Fracht- und Tankschiffe direkt am Hotel vorbei durch den Kanal fahren! Die Aussicht ist großartig und trotz der so imposanten Ereignisse in der Umgebung ist die Hotelanlage sehr ruhig. Mein Blues hätte ein Bier vertragen können. Es gibt aber keines – Muslime.

Ich hänge meine durchschwitzten Klamotten auf dem Balkon zum Trocknen auf und gehe zügig ins Bett. Prowie muss aus für mich noch nicht klaren Gründen unwahrscheinlich viel Tabletten nehmen, aber immerhin schnarcht er nicht.

Auch mit meinen zwiespältigen Gefühlen gleite ich dank ihm ruhig und ungestört in meine nächtliche Traumwelt. Sehr ausgeruht kann ich an diesem Samstagmorgen des 14ten Januar die nächste Etappe in Angriff nehmen.

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