Anatomie der US-Hegemonie - Mohssen Massarrat - E-Book

Anatomie der US-Hegemonie E-Book

Mohssen Massarrat

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Beschreibung

Das US-dominierte kapitalistische Weltsystem befindet sich in einer tiefen Krise. Während Chinas Aufstieg zur ökonomischen Macht der Entstehung einer multipolaren Ordnung einen kräftigen Impuls erteilt, sind die USA nicht gewillt, den drohenden Verlust ihrer globalen Vormachtstellung hinzunehmen. Die Weltgemeinschaft steht vor ihrer größten Herausforderung. Die Gefahr eines Weltkriegs ist dabei nicht zu unterschätzen. Den USA war es in den vergangenen hundert Jahren gelungen, die mächtigste Hegemonialmacht in der Menschheitsgeschichte aufzubauen. Dies erfolgte durch die Kontrolle des globalen Ölsektors und die Kaperung zentraler Institutionen der Weltarbeitsteilung wie Weltbank und IWF, durch die Errichtung von über 800 Militärstützpunkten in allen Weltregionen sowie durch die Instrumentalisierung des Dollars. MOHSSEN MASSARRAT analysiert die Transformation von der gegenwärtigen US-dominierten in eine zukünftige multipolare Weltordnung.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Mohssen MassarratAnatomie der US-Hegemonie

Vom amerikanischen Zeitalter zur multipolaren Welt

  

© 2026 Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien

Umschlaggestaltung: Gisela Scheubmayr

Coverfoto: Shutterstock

ISBN: 978-3-85371-941-1(ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-85371-559-8)

Der Promedia Verlag im Internet: www.mediashop.atwww.verlag-promedia.de

Der Autor

Mohssen Massarrat, geboren 1942 in Teheran, ist Professor für Wirtschaft und Politik i. R. des Fachbereichs Sozialwissenschaften der Universität Osnabrück. Er lebt in Berlin. Seit Jahrzehnten publiziert er zu Imperialismus, dem Weltenergie- und Weltfinanzsektor, über den Mittleren Osten und Iran. Seine Publikationen erscheinen auf Deutsch, Englisch, Japanisch, Persisch und Spanisch.

Widmung

Dieses Buch widme ich vor allem den Opfern aller Kriege der jüngeren Menschheitsgeschichte:

den über 80 Millionen Opfern der beiden Weltkriege,den direkten und indirekten mehreren Millionen Opfern der US-Hegemonialkriege in Vietnam, im Mittleren Osten und anderswo,den allein seit 1971 verursachten 27 Millionen Opfern westlich-amerikanischer Sanktionen,den Opfern des israelischen Völkermords an Palästinensern in Gaza,den getöteten Soldaten und Zivilisten im Ukraine-Krieg.

Danksagung

Dieses Buch entstand im Zeitraum zwischen Herbst 2022 und Januar 2025 und wurde Anfang 2026 überarbeitet und ergänzt. Der darin erarbeitete Stoff ist ein wesentlicher Ausschnitt meiner Forschung, die ich seit meiner im Jahr 1973 abgeschlossenen Doktorarbeit betrieben habe. Der Umfang meiner Publikationen ist für mich inzwischen beinahe unüberschaubar geworden. Es sind über 20 Bücher und hunderte Einzelartikel, die allein in deutscher Sprache erschienen sind. Dabei ist Deutsch nicht meine Muttersprache. Und meine literarische Ausdrucksweise, selbst in meiner Muttersprache Persisch, lässt zu wünschen übrig. Dass alle meine Texte dennoch gut lesbar geworden sind, hat einen guten Grund: meine Frau und Lebensgefährtin Mechthild. Sämtliche Texte sind von ihr durchgelesen und grammatikalisch korrigiert. Sie hat mich auf logische Schwächen aufmerksam gemacht und mir schöpferische Anregungen gegeben, die Texte stilistisch lesbarer zu machen. Daher ist die Unterstützung meiner Frau für die Präsentation meiner Gedanken und Forschungsergebnisse nicht mit Worten zu fassen. Sie hat jedenfalls einen großen Anteil an meinen gesamten Publikationen.

Danken möchte ich auch Farid Farsinfard, der mich seit Jahren bei Computerproblemen unermüdlich unterstützt.

Mein Dank gilt zudem dem Promedia Verlag und Hannes Hofbauer als tragender Säule dieses verdienstvollen Anbieters kritischer Literatur im deutschsprachigen Raum. Promedia gehört zu den wenigen Verlagen, der sich sehr aktiv um die Verbreitung der Bücher, die er publiziert, kümmert. Auch deshalb ein Dankeschön an das ganze Verlagsteam.

MohssenMassarrat, Berlin, imFebruar2026

Vorwort

Die gegenwärtige Weltordnung befindet sich in einer tiefgreifenden Krise. Während Chinas Aufstieg zu einer ökonomischen Weltmacht der Entstehung einer multilateralen Weltordnung einen kräftigen Auftrieb erteilt, sind die USA offensichtlich nicht gewillt, den drohenden Verlust ihrer Vormachtstellung hinzunehmen. Die begonnene globale Transformation ist daher mit extrem ungünstigen Bedingungen konfrontiert. Diese Tatsache erfordert eine gründliche Analyse der sichtbaren und eine Entschleierung von unsichtbaren Mechanismen und Potenzialen der weiterhin bestehenden Vormachtstellung der USA. Dieses Buch soll hierzu einen Beitrag leisten.

Das Manuskript dieses Buches war bereits Mitte Januar 2025 abgeschlossen, bevor die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten stattgefunden hatte und bevor Donald Trump mit der Unterzeichnung von 78 Dekreten gleich am ersten Tag seines Amtes die Welt aufschreckte. Seitdem weht aus Washington ein neuer Wind. Meine Frau, die das Manuskript Korrektur gelesen hatte, sagte zu mir: »Jetzt musst Du das Buch neu schreiben«. Dies ist jedoch nicht nötig. Denn an der Struktur, den Mechanismen und den Triebkräften des amerikanischen Hegemonialsystems, wie sie in diesem Buch untersucht werden, hat sich trotz Trump nichts Wesentliches geändert. Der Trumpismus bringt jedoch durchaus neue Tendenzen in der US-Innen- und Außenpolitik zum Ausdruck, die, soweit schon jetzt erkennbar, berücksichtigt werden müssen. Dies geschieht im Anschluss an einen ersten Überblick über die vielen Dimensionen des US-Hegemonialsystems, der zunächst wie folgt vermittelt wird:

Zuallererst muss die Frage beantwortet werden, wie, nach welchen Regeln und Ordnungs- und Strukturprinzipien das US-dominierte Hegemonialsystem funktioniert. Die gängigen Theorien wie die Imperialismustheorie, die Weltsystemtheorie etc. reichen dafür nicht aus. Im Kapitel 1 wird daher nach einer geeigneten Theorie gefragt, die helfen kann, den komplexen Analyseweg zu beleuchten. Bei genauerer Betrachtung wirkt das US-Imperium wie ein monopolistisches Unternehmen mit allen Vor- und Nachteilen, die das Monopol hervorbringt – die Vorteile freilich für den Monopolisten und die Nachteile für die anderen. Nahezu alle Handlungsstrategien des Imperiums lassen sich daher aus den Gesetzmäßigkeiten erklären, die einem gigantischen Monopolunternehmen eigentümlich sind. Diese Gesetzmäßigkeiten des monopolistischen Unternehmens in allen seinen Verschachtelungen und Schattierungen sichtbar zu machen, erfordert eine scharfsinnige politökonomische Analyse. Dieses System, das sich, so wie wir es kennen, am Ende des 20. Jahrhunderts vollständig herausgebildet hatte, entwickelte sich in historischen Schritten. Die Reihenfolge der Analyse dieser Entwicklung in den Kapiteln 2 bis 7 orientiert sich im Wesentlichen an diesem historischen Prozess.

Es beginnt mit der Kontrolle des globalen Öl- und Energiesektors, die im Kapitel 2 untersucht wird. Das Öl und die Hegemonie gehören ohne Zweifel über den gesamten Zeitraum vom Beginn an bis heute zusammen – die US-Hegemonie besitzt mit der Entwicklung des Ölsektors eine gemeinsame Geschichte. Hatte Großbritannien, der Hegemonialstaat des 19. Jahrhunderts, mit dem iranischen Qajar-König Mozaffar El Din Schah zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen neokolonialistischen Ölausbeutungsvertrag geschlossen, den man rückblickend als den historischen Beginn der Symbiose Öl und Hegemonie betrachten muss, so drückten die USA als militärischer Sieger des Zweiten Weltkrieges und die neue Hegemonialmacht im 20. Jahrhundert mit dem Sturz der iranischen Regierung Mossadegh 1953 dem sich rasant emporsteigenden Hegemonialsystem ihren Stempel auf. Der Iran – mein ursprüngliches Heimatland – erlebte um die Mitte des 20. Jahrhunderts eine antikolonialistische Volksbewegung, die sich angeschickt hatte, jenen neokolonialistischen Ölvertrag vom Jahrhundertbeginn aufzukündigen, um das eigene Öl frei zu Weltmarktpreisen zu vermarkten und Staatseinnahmen für die Industrialisierung des Landes einzusetzen. So wurde 1951 der Repräsentant dieser Bewegung, Mohammad Mossadegh, demokratisch zum Ministerpräsidenten gewählt. Es handelte sich dabei um die erste demokratische Wahl in der Geschichte des Mittleren Ostens überhaupt. Als Elfjähriger und durch meinen Vater politisierter Schüler und Mossadegh-Anhänger musste ich jedoch im August 1953 miterleben, dass die USA ausgerechnet diese populäre Regierung durch einen von der amerikanischen CIA und dem britischen MI6 durchgeführten Militärputsch stürzten. Heute, nach über 70 Jahren, stelle ich fest, dass die USA mit dieser subversiven Intervention und dem Regime Change im Iran den Gang der Geschichte im Mittleren Osten und vermutlich darüber hinaus gründlich verändert haben: Die Islamische Revolution von 1979 im Iran, der achtjährige Iran-Irak-Krieg, zahlreiche andere Kriege und das andauernde Wettrüsten in der Region wären den betroffenen Völkern und auch der Welt vermutlich erspart geblieben.

Meine erste äußerst negative Begegnung mit den USA als angehender Teenager hatte bei mir persönlich wie bei der iranischen Bevölkerung offensichtlich traumatische Auswirkungen. Daher dürfte es durchaus kein Zufall sein, dass die Symbiose US-Hegemonie und Öl zu einem wichtigen Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Forschung geworden ist. Mich interessiert brennend auch die Rolle Europas in der beinahe 80-jährigen Hegemonialgeschichte der USA. Europäische Staaten folgen seit 1945 bis heute in allen wichtigen internationalen Fragen nahezu blind der US-Außenpolitik. Was steckt also wirklich hinter den Interessen der Vereinigten Staaten, sich nicht nur den Globalen Süden, sondern auch ihre westlichen Verbündeten, insbesondere Europa, zum Untertan zu machen, auch wenn die Europäer das noch nicht so sehen? Ein wichtiges Ergebnis dieser mich bewegenden Fragen ist die Formulierung der Theorie der neokolonialistischen Weltarbeitsteilung in den Kapiteln 2 und 3, die den Weg zur Analyse dieser Fragen freilegen.

In der Tat ist die Menschheit mit einer neokolonialistischen Weltarbeitsteilung zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden konfrontiert. Diese Arbeitsteilung macht – ganz wie im Zeitalter des Kolonialismus – den Globalen Süden zum Lieferanten billiger Rohstoffe, von landwirtschaftlichen und in arbeitsintensiven Sektoren produzierten Produkten für den Globalen Norden. Zudem macht sie den Globalen Süden zum Empfänger der industriell hergestellten Waren zu teilweise Monopolpreisen. Die USA als Siegermacht des Zweiten Weltkrieges haben diese Weltarbeitsteilung seit 1945 fest unter ihrer Kontrolle und instrumentalisieren sie als einen wirkungsmächtigen Anker ihrer Hegemonie. Sie verteidigen diesen Anker mit allen erdenkbaren Mitteln, um ihre Hegemonie durchzusetzen und den Gang der Weltgeschichte in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Den USA und ihren Finanzinstitutionen ist zuzuschreiben, dass der Globale Norden sich Jahr für Jahr einen gigantischen Teil der Wertschöpfung aus dem Globalen Süden einseitig aneignen kann. Dieser Aspekt ist m. E. wichtig genug, um ihn schon in der Einleitung hervorzuheben. Allein im Jahr 2021 betrug, wie im Kapitel 3 näher dokumentiert wird, dieser unsichtbare Süd-Nord-Werttransfer 17 Billionen, also 17.000 Milliarden Dollar, eine Summe, die dem Bruttoinlandsprodukt aller 27 EU-Staaten im selben Jahr entspricht. Europa profitiert von diesem Werttransfer demnach ganz massiv. Gerade dieser ökonomische Vorteil macht klar, warum die Europäische Union gewillt ist, ihre Unterordnung unter die Hegemonie der Vereinigten Staaten freiwillig zu akzeptieren. Die Analyse der globalen Weltarbeitsteilung im Kapitel 3 legt den Weg frei, um die Mechanismen dieser gigantischen Süd-Nord-Umverteilung nach vielen Irrwegen innerhalb der Forschung theoretisch schlüssig zu begründen.

Ohne den neokolonialistisch kontrollierten globalen Ölsektor und unter der Bedingung, dass die Ölstaaten des Globalen Südens eine politisch selbstständige Entwicklung durchlaufen hätten, wären die Energiekonzerne gezwungen gewesen, den Weg zum Ausbau von erneuerbaren Energietechnologien mindestens ein halbes Jahrhundert früher einzuschlagen. So wären den künftigen Generationen zum einen die existenziell bedrohende CO2-Konzentration und Klimakrise erspart geblieben. Zum anderen wäre auch der Menschheit das gegenwärtige fossil basierte Industrialisierungsmuster, das den Planeten zerstört, nicht aufgezwungen worden. Es wäre sicherlich anmaßend und auch spekulativ, die Entwicklung einer Welt ohne die US-Hegemonie mit allen Details beschreiben zu wollen. Allerdings wäre es auch unverantwortlich, die Ereignisse und Faktoren, die zweifelsohne aus dem Hegemonialstreben der USA hervorgegangen sind, zu ignorieren:

Zu den Ereignissen gehören ganz sicher die subversive US-Intervention 1953 im Iran und die unzähligen Ölkriege zu Beginn des 21. Jahrhunderts im Irak, in Afghanistan, in Libyen und in Syrien. Statt den Freihandel, die DNA der Marktwirtschaft, in der Weltwirtschaft zu stärken, hat man den Ölhandel militarisiert, den Ölsektor zum strategischen Wirtschaftssektor erklärt und damit den Vorwand konstruiert, um die Energiepreise im Dienste der Hegemonieausübung zu manipulieren. Doch der Energiesektor allein reichte der neuen Hegemonialmacht nicht. Die gesamte Weltwirtschaft wurde auf der Basis der neokolonialistischen Weltarbeitsteilung organisiert. Die neu geschaffenen Bretton-Woods-Institutionen, die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) übernahmen die Funktion, mit ihren Strukturanpassungsprogrammen die neokolonialistische Weltarbeitsteilung und den ungleichen Tausch von billigen Rohstoffen, landwirtschaftlichen und arbeitsintensiv produzierten Produkten aus dem Globalen Süden gegen Industrieprodukte aus dem Globalen Norden teilweise zu Monopolpreisen durchzusetzen.

Die Aussicht, nur mit den mächtigen USA die neokolonialistische Ausbeutung des Globalen Südens fortsetzen zu können, verlieh diesem Staat die einzigartige Macht- und Monopolposition, sämtliche Optionen zu torpedieren, die nach der Niederlage des deutschen Faschismus den Aufbau einer friedlichen Welt ermöglicht hätten. Die zwischen den antifaschistischen Ost- und West-Alliierten (und im Schatten der Gräuel des Zweiten Weltkrieges) gemeinsam erarbeitete Charta der Vereinten Nationen, die 1945 in der US-Stadt San Francisco verabschiedet wurde, war eine ethisch sehr gute Grundlage für einen anderen, auf Frieden aufgebauten Gang der Weltgeschichte. In drei von sieben Absätzen der Präambel dieser Charta wird der Aufbau friedlicher Beziehungen in der Welt als Ziel der Menschheit erklärt, nachdem der deutsche Faschismus die halbe Welt in Schutt und Asche gelegt hatte. Großbritannien und die USA, also die alte und die werdende Hegemonialmacht, hatten sich jedoch schon während des Zweiten Weltkrieges auf eine neokolonialistische und antisowjetische Nachkriegsordnung verständigt. Kein Wunder, dass sämtliche Vorschläge der Sowjetunion, darunter der Umbau Deutschlands zu einem neutralen Staat, von der westlichen Seite kategorisch abgelehnt wurden. Stattdessen wurde die Spaltung Deutschlands hingenommen, die NATO gegründet, die Sowjetunion zum Hauptfeind erklärt, die Blockkonfrontation geschürt und ein gigantisches Wettrüsten, konventionell und nuklear, in Gang gesetzt. Der militärisch-industrielle Komplex (MIK) hatte, wie im Kapitel 4 untersucht wird, dank beider Weltkriege offensichtlich in der Gesellschaft und im Staat der USA schon damals tiefe Wurzeln geschlagen. Auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben die USA der Kooperationsbereitschaft der russischen Elite die kalte Schulter gezeigt und Russland zu ihrem Feind erklärt. Eine ganzheitliche Analyse der Anatomie der US-Hegemonie erlaubt vor dem Hintergrund historisch begründeter Fakten die Formulierung folgender Hypothesen:

Erstens war die gegenwärtig vorherrschende unipolare Weltordnung durchaus nicht alternativlos, diese wurde vielmehr nach dem Zweiten Weltkrieg gezielt und systematisch durch die britisch-amerikanischen Oligarchen vorangetrieben;

zweitens dienten die vermeintlichen Feinde des Westens – also erst die Sowjetunion, dann Russland und nun die VR China – und die angeblich existenzielle Bedrohung, die von diesen feindlichen Staaten ausgeht, lediglich dazu, sämtliche Verbündeten der USA unter ihrer Hegemonie fest einzubinden;

drittens wurde die hemmungslose Ausbeutung des Globalen Südens zum Hauptgegenstand der unipolaren Weltordnung.

Selbst wenn in der Sichtweise dieser Hypothesen nur ein Hauch von Wahrheit stecken sollte, hätte diese Weltordnung nicht die geringste moralische Legitimation, weiter die Geschicke der Menschheit zu bestimmen. Aber nicht die Moral und auch nicht die Vernunft, das gehört auch zur Realität, sondern der Wille einer kleinen, mit allen Machtfacetten ausgestatteten Weltelite dominiert diese Weltordnung. Der Geist, nein das Gespenst dieser Weltelite, entpuppt sich u. a. in der Gründung des Nordatlantikpakts (NATO) und zahlreicher Wettrüstungsprojekte wie die Stationierung der US-Mittelstreckenraketen in den 1980er Jahren in Westeuropa, die auch jetzt erneut für 2026 auf der Agenda steht. Die sozialdemokratische Entspannungspolitik der 1970er Jahre und die West-Ost-Annäherung in Europa erschien dieser Weltelite als eine Gefahr für ihre Vorherrschaft. Auf diese Gefahr hin reagierten die USA am Ende des letzten Jahrhunderts, wie im Kapitel 5 dargestellt wird, zunächst mitten in Europa mit dem Jugoslawienkrieg, um den Beginn einer West-Ost-Kooperation und den Aufbau von Institutionen wie die OSZE im Keim zu ersticken. Auch der von den USA provozierte Ukrainekrieg, den 2022 Putin vom Zaun gebrochen hat, soll Europa schwächen und die russisch-europäische Kooperation im Interesse des Fortbestands des amerikanischen Hegemonialprojekts für Jahrzehnte unmöglich machen.

Das sichtbarste Kennzeichen der US-Hegemonie dürfte jedoch unbestritten der Dollar als Weltwährung sein, die mit dafür sorgt, dass die Welt den militärisch-industriellen Komplex des monopolistischen Unternehmens finanziert: Zum einen kann der Dollar als Weltgeld seine Stabilität und die weltweite Akzeptanz, wie im Kapitel 6 näher begründet wird, dadurch erlangen, dass wichtige global nachgefragte Handelsgüter, vor allem das Öl, in Dollar gehandelt werden, ein Ziel, das notfalls auch durch Regime Change und blutige Ölkriege im Globalen Süden durchgesetzt wurde. Durch die einmalig vorteilhafte Position des Dollars in der Weltwirtschaft kann sich der Monopolist unbegrenzt verschulden und Jahr für Jahr Billionen Dollar Kaufkraft aus der ganzen Welt absorbieren und damit das eigene Haushaltsdefizit finanzieren sowie das Handelsdefizit abdecken. Zum anderen ermöglicht der Dollar als Weltgeld auch eine gigantische Interventionsmacht für den Monopolisten, seine Kontrahenten erbarmungslos zu sanktionieren und zu Zugeständnissen zu zwingen.

Die USA, dieses monopolistische Unternehmen, haben auch außerhalb der NATO zahlreiche Verbündete und Allianzen. Israel ist angesichts seiner geopolitischen Bedeutung ihr wichtigster Verbündeter im Mittleren Osten, der für die Kontrolle des globalen Energiesektors wichtigsten Region der Welt. Seit seiner Gründung im Herzen der arabisch-islamischen Welt und der Vertreibung der Palästinenser aus ihrer Heimat Palästina ist Israel ein wichtiger Grund für Konflikte und Instabilität in der gesamten Region geworden. Israel verfolgt seit seiner Gründung konsequent das zionistische Ziel, ganz Palästina in eine Siedlungskolonie für Juden aus der ganzen Welt zu verwandeln. Dafür nahmen alle israelischen Regierungen in Kauf, militärisch und wirtschaftlich von den USA existenziell abhängig und letztlich auch zum Vorposten ihrer Hegemonie zu werden. Der israelische Staat ist dadurch, wie im Kapitel 7 dokumentiert wird, in der Tat bestens dazu prädestiniert, die hegemoniale Handlungsstrategie divide et impera in der Region sehr wirkungsvoll möglich zu machen, oder wie der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz es ausdrückte, »für uns die Drecksarbeit zu machen«.

Israel erhält dafür beinahe unbegrenzte militärische und wirtschaftliche Unterstützung der USA und des gesamten Westens. Hinzu kommt der Freibrief, das palästinensische Volk mit allen Mitteln – einschließlich eines Genozids – sukzessive von seiner angestammten Heimat zu vertreiben. Das zionistische Projekt Israel ist jedoch seit dessen Gründung eine der Ursachen für das Aufkommen nationalistischer und islamistischer Bewegungen sowie für die Vertiefung und Radikalisierung religiöser und ethnischer Spaltungen. Es ist darüber hinaus auch ein wichtiger Grund für das regionale Wettrüsten und die Kriege – daher eine ernsthafte Gefahr für den Weltfrieden. Im Ergebnis ermöglicht dieses Projekt den USA, ihre Dominanz im Mittleren Osten und dem globalen Energiesektor durchzusetzen.

Nie zuvor hat ein US-Präsident wie Donald Trump so drastisch vor Augen geführt, was die Vereinigten Staaten von universal gültigen Werten und Prinzipien wie dem Völkerrecht und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker halten. Genau genommen gar nichts, es sei denn zur ideologischen Legitimation ihrer Hegemonialpolitik. Und kein anderer Präsident hat so klar zum Ausdruck gebracht, wozu ihre ökonomischen, politischen und militärischen Verbündeten gut sind. Eigentlich zu nichts anderem als zu nützlichen Werkzeugen, die die USA notfalls auf dem Altar ihrer kurzfristigen egoistischen Interessen opfern.

Das sind sehr harsche Aussagen, die hier der führenden Macht des Westens entgegengebracht werden, dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Sie hervorzuheben, ist jedoch die moralische Pflicht eines wissenschaftlichen Beobachters, der es sich zu seiner Aufgabe gemacht hat, eine politökonomische Analyse der Anatomie derselben Weltmacht zu formulieren und die Gefahren, die diese Weltmacht für den Weltfrieden hervorbringt, beim Namen zu nennen. Dies umso mehr, weil die westlichen Verbündeten der USA, allen voran die Europäische Union, durch 70 Jahre Unterwerfung und Bevormundung offensichtlich verblendet und mundtot gemacht worden sind. Die USA sind nicht irgendein Staat, sondern die größte Ökonomie und vor allem die mächtigste Militärmacht der Erde mit über 800 Militärstützpunkten in allen Teilen des Globus. Und sie verfügen über 6000 Atomsprengköpfe, die ausreichen, um die Erde mehrmals zu zerstören.

Das US-dominierte Hegemonialsystem ist wie jedes Monopol eine äußerst fragile und den Weltfrieden bedrohende Konstruktion und muss daher samt seiner unipolaren Weltordnung einer antimonopolistischen, multipolaren regelbasierten Weltordnung weichen, und zwar so schnell wie möglich. Mit dem Aufstieg der VR China zu einer neuen Weltmacht, die sich anschickt, alsbald zur stärksten Wirtschaftsmacht der Welt zu werden, ist so gesehen, und das ist der Gegenstand des Kapitels 8, ein Hoffnungsschimmer für eine bessere Welt entstanden. Die VR China ist in der Tat ein Weckruf gegen das monopolistische Weltunternehmen USA, die, genauso wie ein Monopol innerhalb einer Wirtschaft Gegenkräfte hervorruft, als wirkungsmächtige Gegenkraft auf der Weltbühne in Erscheinung tritt und wie im Kapitel 9 ausgeführt wird, über das Potenzial verfügt, den Gang der Weltgeschichte in Richtung einer multipolaren Weltordnung zu verändern.

Welche Bedeutung eine grundlegende Umwälzung der gegenwärtigen unipolaren hin zu einer multilateralen Weltordnung für alle Völker und Staaten, für Europa und andere Kontinente auf dem Globus haben könnte, hat ein chinesisches Unternehmen Ende Januar 2025 vorexerziert, das mit seiner offensichtlich deutlich effizienteren und mit einem winzigen Bruchteil von Investitionen produzierten KI-Technologie das Monopol des teureren ChatGPT gebrochen und die Kurse aller mit KI tätigen US-Tech-Konzerne wie Microsoft, Google und Nvidia in den Keller gestürzt hat. Die Konkurrenz der VR China ist gegenwärtig im Begriff, das Gebäude des monopolistischen Weltunternehmens USA auf breiter Front zu erschüttern. Sie läutet damit jedenfalls das Ende des Monopols der US-Tech-Konzerne und das Ende von Billionen Dollar Umverteilung von Monopolprofiten ein, die in den letzten Dekaden Jahr für Jahr aus der ganzen Welt in die US-Wirtschaft strömten und mehrere Hundert Multimilliardäre hervorbrachten. In einer multipolaren Weltordnung würden jedenfalls die USA lediglich eine Supermacht darstellen, die mit mehreren Supermächten konkurrieren und sich den Regeln der multilateralen Weltordnung unterwerfen müsste.

Diese im Ansatz friedvolle Perspektive dürfte jedoch mit gewaltigen Umbrüchen als Folge des zu erwartenden Machtverlusts der Vereinigten Staaten einhergehen. Die unvermeidlichen Kollateralschäden dieser Entwicklung dürften erheblich sein, weil die USA, so wie sie sich gegenwärtig aufstellen, dabei sind, ihre Hegemonialstellung mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, einschließlich der militärischen, zu verteidigen. Sich mit der Perspektive einer Supermacht unter anderen Supermächten abzufinden und den Verlust sämtlicher monopolistisch angeeigneter Privilegien hinzunehmen, dürfte den Vereinigten Staaten schwerfallen.

Donald Trump ist das Symptom des Machtverlusts

Der Machtverlust der USA ist ein schleichender Prozess und im Grunde bereits gegen Ende des 20. Jahrhunderts erkennbar. Und zwar in dem Maße, wie Chinas Reformen, die von Deng Xiaoping durchgesetzt wurden, begannen, Früchte zu tragen und Chinas Anteil am Weltsozialprodukt zu steigern. Auf diese Entwicklung hin reagierten die US-Neokonservativen unter Führung von George W. Bush, Richard Cheney, Donald Rumsfeld, Condoleezza Rice u. a. mit ihrem aggressiv-militaristischen Projekt des American Century Anfang des 21. Jahrhunderts. Sie brachen, wie im Irak und in Libyen, folgenreiche Kriege vom Zaun und riefen des Weiteren im Mittleren Osten ein neues Wettrüsten hervor. Donald Trump und seine Make-America-Great-Again-(MAGA)-Bewegung sind der deutliche Ausdruck des Machtverlusts, nachdem es sich herausgestellt hat, dass die VR China im Begriff ist, ökonomisch die USA in der Weltwirtschaft zu überholen. Trump verdankt seinen Sieg allerdings auch vielen innenpolitischen Faktoren, vor allem dem tief sitzenden Vertrauensverlust der Amerikaner gegenüber den US-Regierungen. Die offene Debatte über einen Deep State in den letzten Jahrzehnten muss als Symptom dieses Vertrauensverlusts angesehen werden. Trump und seine Anhänger verstanden es meisterhaft, die wachsende politische Legitimationskrise zu nutzen und die Bekämpfung von Deep State als ihre innenpolitische Strategie und sich als Vorkämpfer der Bürgerinteressen zu präsentieren. Tatsächlich hatte der Wahlkampf zwischen Donald Trump und Kamala Harris den Schein erweckt, es handle sich um die Auseinandersetzung von zwei parteiübergreifenden Lagern: dem Deep State und dem MAGA-Lager. Die Tatsache, dass prominente Repräsentanten der Republikaner wie John Bolton, Dick Cheney, Paul Wolfowitz und andere vor der Wahl 2024 bekannt gaben, nicht Donald Trump, dem Kandidaten der Republikaner, sondern Kamala Harris ihre Stimme geben zu wollen, verstärkt diese Annahme.

Erst nach der Amtseinführung Trumps stellte sich immer deutlicher heraus, dass Trump die Bekämpfung des Tiefen Staates als einen wirkungsvollen Kampfbegriff benutzt, um den US-amerikanischen Staat zu einem autoritären Staat umzubauen und dabei die politischen Gegner als Unterstützer des verhassten Tiefen Staates anzuprangern und zu isolieren. Experten sind sich darüber einig, dass Trump auf diesem Weg in Galoppschritten voranschreitet.1 Durch politische Entscheidungen an den beiden Kammern, dem Kongress und dem Senat, vorbei, durch das Ignorieren von Gerichtsentscheidungen, durch Bekämpfung von liberalen Universitäten mittels Budgetkürzungen, durch willkürliche Personalpolitik, durch Klagen gegen missliebige Medien wie beispielsweise gegen die NewYorkTimes auf den astronomischen Betrag von 14 Milliarden Dollar Schadenersatz, durch den Einsatz der Nationalgarde in den demokratisch regierten Bundesstaaten etc., verdichten sich die Konturen eines von Trump angestrebten autoritären Staates. Diese Politik führt jetzt schon zum Exodus vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA. Drei der profiliertesten Intellektuellen der Vereinigten Staaten – der Historiker Timothy Snyder, die Osteuropa-Expertin Marci Shore und der Faschismusforscher Jason Stanley – haben sich entschlossen, die Yale University in Richtung der Universität von Toronto in Kanada zu verlassen. Jason Stanley, ein international renommierter Faschismusforscher, begründet seine Entscheidung damit, »er wolle nicht seine Kinder in einem Land aufwachsen sehen, das auf dem Weg in eine faschistische Diktatur sei.«

Doch ist die Charakterisierung von Trumps Regierungsform als faschistisch weniger treffsicher als die von dem Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel in Anlehnung an Max Weber beschriebene sultanistische Regierungsform. Merkel begründet seine These im Interview mit der FrankfurterRundschau vom 23. August 2025 mit dem Einsatz von »Bedrohung und Belohnung« als Instrumente zur Durchsetzung der eigenen Politik, die man als sich wiederholendes Muster bei Trump beobachten kann. Diese Strategie unterminiere besonders effektiv den Widerstand, weil »Furcht Folgebereitschaft« erzeuge. »Denn wenn man folgt, wird man auch belohnt. Etwa mit großen wichtigen Positionen in der Administration in Washington oder auch bei geschäftlichen Interessen.« Schon jetzt dominiert in den USA eine Atmosphäre der »Angst, der Anpassung und des Denunziantentums«, die wie in der McCarthy-Ära einen sich reproduzierenden »Kreislauf erzeugt«, so der Journalist Michael Hesse in der FrankfurterRundschau vom 30. September 2025.

Es ist schwer, Trumps Regierungsform endgültig zu beschreiben. Sicher ist, dass er versucht, innenpolitisch seine Machterweiterung über die verfassungsmäßigen Grenzen hinaus auszutesten. Der Einsatz der Nationalgarde in demokratisch regierten Bundesstaaten mit dem Vorwand, die Kriminalität zu bekämpfen, ist durch die US-Verfassung nicht gedeckt und offensichtlich gegen die Demokraten gerichtet. Noch ist unklar, wohin die Reise geht. Trump spricht bei manchen von der Konkurrenzpartei regierten Bundesstaaten von »Kriegsgebieten« und Orten als Übungsplatz für die US-Armee. Gegenwärtig findet die Auseinandersetzung über diese Grenzüberschreitungen in den US-Gerichten statt. Denkbar ist, dass sich hinter diesen Vorstößen die Strategie verbirgt, die innenpolitischen Auseinandersetzungen zu militarisieren und die aufkommenden Protestbewegungen einzuschüchtern. Solche Tendenzen bei Trumps MAGA-Bewegung sind mit der von Max Weber beschriebenen sultanistischen Regierungsform nicht zu erfassen.

Zwei zusammenhängende Faktoren werfen ein klareres Licht auf Trumps Außenpolitik: Zum einen die neue Nationale Sicherheitsstrategie der USA (NSS), die Anfang Dezember 2025 veröffentlicht wurde, und zum anderen die Militärintervention in Venezuela Anfang Januar 2026. In der NSS formuliert die Trump-Administration u. a. die Wiederherstellung der vollständigen Dominanz der USA in der westlichen Hemisphäre gemäß der Monroe-Doktrin von 1823, den Ausbau des Finanzsystems und den Status des US-Dollars als globale Reservewährung als existenzielles Interesse der USA.

Neu ist, dass die NSS das Völkerrecht systematisch ignoriert. Stattdessen wird kein Zweifel daran gelassen, dass fortan für die USA das Recht des Stärkeren Vorrang hat. Mit Schlüsselbegriffen wie »unkonventioneller Diplomatie« oder »Flexibler Realismus« wird in der neuen NSS Trumps Unberechenbarkeit, Willkür und zuweilen auf Selbstüberschätzung und Wahnvorstellungen beruhende Realitätswahrnehmung zu einer für das Zusammenleben der Völker folgenreichen Strategie erklärt.

Trumps »America First«-Politik scheint eine hastige Reaktion auf den drohenden Verlust der US-Hegemonialposition zu sein, die sich nicht auf eine durchdachte Gesamtstrategie stützt, sondern vielmehr, wie im Folgenden konkretisiert wird, auf kurzfristig erzielbare ökonomische und politische Erträge zielt und die in ihrer Wirkung widersprüchlich sowie für die Menschheit folgenreich ist:

Erstens: Die Migrationspolitik durch massenhafte und willkürliche Verhaftungen von Migranten beim Einsatz der Nationalgarde entspringt rassistischen Motiven. Sie schadet den US-Unternehmen, deren Existenz an Billiglöhne gekoppelt ist. Sie macht Migranten durch Abschiebung in ihre Heimatländer arbeitslos. Und sie ruft in den Heimatländern der Migranten, z. B. in den mittelamerikanischen Staaten, die zu einem erheblichen Teil von Überweisungen aus den USA angewiesen sind, Finanzkrisen hervor.

Zweitens: Wirtschaftswachstum durch Senkung aller nach Trumps Meinung »überflüssigen« Kosten. Zweifelsohne orientiert sich die Verschlankung des Staates am Kostensenkungsprinzip. Dazu setzt Trump viele Vorschläge aus dem von der Heritage Foundation ausgearbeiteten Project2025 um, das Multi-Milliardäre und christliche Evangelikale erarbeitet hatten. Zu diesen Vorschlägen gehörten der Auszug der USA aus der WHO, die Streichung zahlreicher Projekte im Gesundheitsbereich, die Streichung des USAID-Programms und der Kahlschlag von zahlreichen Abteilungen und Unterabteilungen der Ministerien unter der Leitung des Multi-Milliardärs Elon Musk sowie die Entlassung von mehreren Hunderttausend Staatsbediensteten am Kongress vorbei. Besonders gravierend ist der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. Ob durch diese Strategie die beabsichtigten Effekte tatsächlich erreicht werden, muss stark bezweifelt werden. Zwecks Steigerung der Rüstungsexporte beabsichtigt Trump, zusätzlich zu den historisch aufgetürmten Hegemonialrenten (Süd-Nord-Umverteilung, unbegrenzte Staatsverschuldung gegenüber dem Rest der Welt durch das Monopol an der Weltwährung etc.) sämtliche hegemoniale Machthebel in Gewinne für die US-Ökonomie umzumünzen, die hier an zwei aktuellen Beispielen illustriert werden sollen:

Trump verlangt von den Verbündeten in der NATO, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen. Er ging dabei so weit, mit dem Abzug von US-Truppen, beispielsweise aus Europa, und sogar mit dem Austritt aus der NATO zu drohen. Damit erreichte Trump, dass die Bellizisten der EU offensiv für eine eigenständige europäische Armee und Nuklearwaffen werben, um angeblich Europas sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA zu verringern oder gar ganz zu überwinden. Noch wichtiger als Ergebnis von Trumps Drohung ist die Bereitschaft sämtlicher EU-Staaten – mit Ausnahme von Spanien und der Slowakei – in vorauseilendem Gehorsam ihre Verteidigungsausgaben von bisher 2 ab sofort auf 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen: »Präsident Trump verlangt von den Nato-Partnern, ihre Verteidigungsausgaben von 2 auf 5 Prozent zu erhöhen. Wir folgen ihm«, so der deutsche Außenminister Johann Wadephul im August 2025. Dies macht z. B. 2024 fast 900 Milliarden Euro aus. Von dieser Summe wird aller Wahrscheinlichkeit nach ein bedeutender Teil bei der US-Rüstungsindustrie ausgegeben und ganz im Sinne von Trumps Strategie zu mehr Wachstum in den USA beigetragen. Doch rufen diese nur kurzfristigen Vorteile Kräfte hervor, die die US-Hegemonie nicht mehr als selbstverständlich ansehen. Eine EU, die langfristig nicht mehr unter dem nuklearen Schirm der USA steht und sicherheitspolitisch insgesamt völlig unabhängig ist, würde deutlich weniger bereit sein, die US-Hegemonie zu akzeptieren und bestrebt sein, sich selbst und mit der eigenen Währung Euro neben den USA und China als den dritten Pol einer multipolaren Weltordnung zu definieren. Eine solche EU würde sich auch um die eigene Sicherheit sorgen und zwar irgendwann sogar auch durch die gemeinsame Sicherheit im Europäischen Haus von Lissabon bis Wladiwostok. Damit würde Trump mit seiner Politik der Einnahmenmaximierung genau das hervorrufen, was er verhindern will: den weiteren Machtverlust der USA auf das Niveau einer Supermacht unter mehreren Supermächten.

Eine Zerschlagung des US-Monopols an der Weltwährung und der Zwang zur Konkurrenz des Dollars mit dem Euro und anderen Weltwährungen dürften US-Ökonomie und Gesellschaft mit gigantischen Erschütterungen konfrontieren. Denn gegenwärtig können die USA dank ihres Monopols an der Weltwährung, wie im Kapitel 6 ausgeführt wird, durch unbegrenzte Staatsverschuldung gegenüber dem Rest der Welt ihre Handelsdefizite ausgleichen und die Rüstungsausgaben finanzieren. Unter der Bedingung, dass der Dollar dieses Monopol und damit die Möglichkeit der unbegrenzten Verschuldung verlöre, stünden die USA vor der Entscheidung, einerseits die eigene, stark vom Dollar-Monopol abhängige Wirtschaft durch umfassende Reformen auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig zu machen und die Handelsdefizite abzubauen. Andererseits erfordern die bisher durch Staatsverschuldung finanzierten Rüstungsausgaben drastische Steuererhöhungen mit unkalkulierbaren innenpolitischen Folgen.

Drittens fällt friedenspolitisch störend auf, dass Trump die Expansion des ohnehin aufgeblähten US-Rüstungssektors als Wachstumsmotor der US-Ökonomie betrachtet. In diesem Kontext erscheinen die von den USA den NATO-Staaten auferlegten 5 Prozent Rüstungsausgaben in einem neuen Licht. Mit großem Eifer hat Trump nach seiner ersten Amtseinführung bisher über 300 Milliarden Dollar Rüstungsabkommen mit den Ölstaaten am Persischen Golf geschlossen. In dieser Kategorie ist auch die Ankündigung Trumps Anfang Januar 2026 einzuordnen, das Militärbudget der USA von gegenwärtig 901 Milliarden Dollar – ohnehin mit Abstand das höchste in der Welt – 2027 um 50 Prozent auf 1,5 Billionen Dollar zu erhöhen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Trump auch diese gigantische Erhöhung der Rüstungsausgaben, wie die epochalen Erhöhungen in den letzten zwei Dekaden, von 200 auf 900 Milliarden Dollar durch neue Staatsanleihen und somit Steigerung der Staatsverschuldung finanzieren wird. »America First« bedeutet in diesem Sinne, dass die Welt auch in Zukunft die US-Kriege finanzieren muss.

Viertens: Mit der völkerrechtswidrigen Bombardierung Venezuelas und der Entführung des Präsidenten Nicolás Maduro und dessen Ehefrau haben die USA begonnen, ihre in der NSS formulierten Ziele Stück für Stück umzusetzen. Dabei verfolgen sie das Ziel, Venezuelas Ölvorräte (die größten der Welt) der US-Kontrolle zu unterwerfen und China (wichtigster Ölimporteur) von der US-Westhemisphäre fernzuhalten und die Dollardominanz im venezolanischen Ölhandel zurückzuholen. Das Beispiel Venezuela erinnert stark an ähnlich gelagerte Ereignisse wie den Sturz der Regierungen von Ölstaaten im Iran 1953, im Irak 2003 und in Libyen 2011, sämtlich durch die direkte Intervention der USA bewirkt. In Lateinamerika verfolgen die USA darüber hinaus ihren Dominanzanspruch gegenüber allen lateinamerikanischen Staaten wie Kuba, Kolumbien und Mexiko, die mit Russland und China kooperieren. Eine militärische Invasion in Kuba scheint daher nicht mehr ausgeschlossen zu sein. In diesem Kontext ist auch die offene Drohung Trumps (»we need Greenland for our national security«) einzuordnen, Grönland militärisch zu besetzen. Überträgt man das angeblich existenzielle Interesse der USA in der westlichen Hemisphäre auf den Mittleren Osten, so muss befürchtet werden, dass die USA alsbald auch den mit Venezuela verbündeten Iran aus ähnlichen ökonomischen und geopolitischen Erwägungen erneut militärisch ins Visier nehmen. Würde im Iran ein Regimewechsel durch die USA stattfinden, wäre der gesamte Mittlere Osten samt Ölstaaten erneut vollständig unter amerikanischer Kontrolle.

Wie man sieht, können Trumps Projekte zur Stärkung der US-Hegemonie Gegenkräfte hervorrufen und die multipolare Weltordnung beflügeln. Diese im Ansatz den Wettbewerb und die Demokratie in den internationalen Beziehungen fördernde Perspektive ist keine Utopie und auch nicht das Resultat von intellektuellen Schwärmereien, sie findet immer mehr bei den an der Zukunft orientierten Weltdenkern Zuspruch, wie bei dem renommierten US-Ökonomen Jeffrey Sachs, den ich an dieser Stelle ausführlich zitieren möchte und auf den ich mich im vorliegenden Buch oft beziehen werde. Auf die Fragen eines FR-Journalisten zur Gestaltung eines Europas, das sich nicht mehr an den USA orientiert, antwortete Sachs:

»Europa befindet sich in einer Wirtschaftskrise auf Grund des Krieges in der Ukraine, der Zerstörung von Nord Stream durch die USA, des wirtschaftlichen Bruchs mit Russland, das ein wichtiger Handelspartner war, der Spannungen mit China und der Verzögerung der deutschen Autoindustrie bei der Umstellung auf Elektrofahrzeuge. Die zunehmenden Spannungen mit China könnten zu einem starken Abschwung des Handels zwischen der EU und China führen, was auch Europa ernsthaft schaden würde. Kurzum, Europa befindet sich in keiner guten wirtschaftlichen Lage. Die Lösung liegt im Frieden in der Ukraine, in der Wiederaufnahme des Handels mit Russland, in der Aufrechterhaltung des Handels mit China, in der Beschleunigung des grünen Wandels in Europa.« In der Ablehnung der Idee »die Militärausgaben auf fünf Prozent des BIP zu erhöhen«, fügt Sachs hinzu: »Wie lächerlich. Diplomatie ist für Europa viel besser als ein Wettrüsten mit den US-amerikanischen Waffensystemen! Europa sollte die amerikanische Hardliner-Politik gegenüber China ablehnen.«

Und auf die Frage desselben FR-Journalisten, wie die gesellschaftliche Kluft in den USA und anderen westlichen Ländern überwunden werden könnte, antwortet Sachs: »Das bedeutet, dass die Regierung sich gleichzeitig auf die wirtschaftliche Entwicklung durch Innovation und Investitionen, auf soziale Gerechtigkeit durch allgemeinen Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, sozialen Wohnungsbau und andere Infrastruktur sowie auf ökologische Nachhaltigkeit konzentriert. Dies sollte mit Frieden und regionaler Zusammenarbeit kombiniert werden, einschließlich des Friedens zwischen der EU und Russland sowie der EU und China. Europa ist eigentlich die Region der Welt, die am ehesten mit der nachhaltigen Entwicklung übereinstimmt. Der Fehler Europas bestand jedoch darin, die Europäische Union mit der NATO zu verwechseln und sich der aggressiven Außenpolitik der USA gegenüber Russland und China anzuschließen. Europa braucht eine eigene Außenpolitik, die nicht auf der Nato, sondern auf der kollektiven Sicherheit in Europa wie in der OSZE beruht.«2 Dem Inhalt dieser Aussagen ist nichts hinzuzufügen. Sie bestimmt die Denkrichtung dieses Buches.

1 Davis Großmann, Krieg der 13 Milliardäre. Wie die Trump-Regierung den modernen Staat zerschlagen will. In: Telepolis vom 21. März 2025

2FrankfurterRundschau vom 29. Januar 2025

Kapitel 1: Monopol als unsichtbare Machtressource der Hegemonie

Einleitung

Die US-Hegemonie wird in der politischen und politikwissenschaftlichen Literatur ganz unterschiedlich interpretiert. Antonio Gramscis Theorie, die die Hegemonie als ein Zusammenspiel von Zwangs- und Konsenselementen auffasst, lässt sich für das Verständnis der Binnenbeziehungen von Staaten heranziehen, für die Analyse der zwischenstaatlichen Beziehungen jedoch nur bedingt anwenden. Die in den USA weitverbreitete neorealistische Schule, wie sie durch Charles Kindleberger vertreten wird, definiert Hegemonie lapidar als Vormachtstellung in den internationalen Beziehungen, die der Weltgemeinschaft hauptsächlich Vorteile beschert. Sie ist demnach ein Garant von »kollektiven Gütern wie Sicherheit und Wohlstand«.3 Nach klassischen Imperialismus-Theorien sind die USA ein imperialistischer Staat wie jeder andere imperialistische Staat auch. Sie alle verfolgen demnach das Ziel, die Arbeitskraft und die Ressourcen der Länder des Globalen Südens auszubeuten. Dabei entsteht auch die imperialistische Konkurrenz, um bei der Ausbeutung des Globalen Südens einen größeren Teil des Kuchens zu ergattern. Die imperialistische Konkurrenz führte Ende des 19. Jahrhunderts zu imperialistischen Kriegen und schließlich zu den beiden Weltkriegen. Aus dem Ersten Weltkrieg ist die mächtigste Kolonialmacht Großbritannien als Hegemonialmacht hervorgegangen. Im Zweiten Weltkrieg haben die USA als mächtigste Ökonomie der Welt Großbritannien als Hegemonialmacht abgelöst.

Die klassischen Imperialismus-Theorien liefern allerdings keine Handhabe zur Analyse der Hegemonialmächte. Immanuel Wallerstein, der Begründer der Weltsystem-Theorie, unterscheidet Weltreiche im Altertum von Hegemonie in der modernen Staatenwelt. »Ein Weltreich ist als Struktur definiert, die eine einzige umfassende politische Struktur und eine einzige umfassende Arbeitsteilung kennt.« Als zwei typische Beispiele nennt Wallerstein »China während der Han-Dynastie und das Römische Reich«. Demgegenüber bezieht sich »Hegemonie auf ein Attribut, über das ein Staat im zwischenstaatlichen System einer Weltwirtschaft verfügen kann«.4 Tatsächlich macht Wallersteins Unterscheidung Sinn, weil man bei einer oberflächlichen Wahrnehmung Weltreich und Hegemonialstaat aufgrund von Ähnlichkeiten gleichsetzen könnte. Als weitere typische Weltreiche in den letzten dreitausend Jahren könnte man auch das Persische Reich, das arabisch-islamische Kalifat, das Osmanische Reich, das russische Zarenreich hinzufügen. Das gemeinsame Merkmal aller dieser Weltreiche war, um es präziser zu nennen, die gewaltsame territoriale Expansion, um eroberte Gebiete abhängig zu machen, diese zu Tributzahlungen zu verpflichten oder einfach zu annektieren.

Im Unterschied zum Weltreich könnte man den Hegemonialstaat als ein Phänomen der Moderne in der kapitalistischen Entwicklungsgeschichte definieren. Wallerstein nennt in diesem Zusammenhang auch die Vereinigten Provinzen (Niederlande) von 1648 bis in die 1660er Jahre, das Vereinigte Königreich von 1815 bis 1848 und die USA von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis 1967/1973.5 Das sind somit Staaten im Zeitalter der kapitalistischen Entwicklung. Nach Wallerstein ist der Hegemonialstaat ein Staat, der das Ziel verfolgt, »im zwischenstaatlichen System seine Regeln durchzusetzen« und so »eine politische Weltordnung (zu) schaffen, (…) die ihm sinnvoll erscheint«. Dabei bietet »der hegemoniale Staat den Unternehmen, die sich auf seinem Gebiet befinden, oder die er schützt, gewisse Extravorteile, die ihnen der Markt nicht gewährt, sondern die sie auf Grund von politischem Druck erzielen«.6

Diese sehr zurückhaltende Definition der Hegemonie mag vielleicht auf die USA zwischen 1945 und 1953 zutreffen, als die USA sich nicht nur in den westlichen Staaten, sondern weit darüber hinaus einer allgemeinen Akzeptanz erfreuten. Die Akzeptanz geschah infolge des militärischen Beitrags der USA zum Sieg über das faschistische Deutschland. Auch der massive Ausbau der Konsumindustrie in den USA und Westeuropa, schließlich die kulturelle Ausstrahlung des AmericanWayofLife trugen gewissermaßen zu einer informellen Legitimation der US-Hegemonie bei. Diese Definition Wallersteins für die Hegemonie trifft jedoch für die Niederlande im 17. und für das Vereinigte Königreich im 19. Jahrhundert auf keinen Fall zu, weil die Hegemonie dieser Staaten nicht auf allgemeiner Zustimmung fußte, sondern auf kolonialistischer Gewalt und auf rassistischer Diskriminierung. Genauso irreführend ist diese Definition für die Hegemonie der USA nach dem CIA-Putsch im Jahr 1953 gegen die demokratisch gewählte Regierung Mossadegh im Iran7 und erst recht nach dem Vietnamkrieg (1964−1975).

Der Politikwissenschaftler Peter Wahl hat in einem bemerkenswerten Beitrag die Bedeutung der USA als der absolut dominierenden Macht im internationalen System anhand von deren Machtressourcen analysiert. Demnach verfügen die USA über fünf Machtquellen, die ihre Sonderrolle als Hegemonialmacht auszeichnen: 1. Mit Abstand größte Militärmacht, 2. Ökonomische Supermacht mit dem Dollar als Weltwährung, 3. Technologieführerschaft, 4. Globale Vernetzung und 5. Softpower.8

Die Vereinigten Staaten verfügen allerdings auch über vielfältige unsichtbare Machtressourcen, also Machtoptionen, die man – wie die atomaren und konventionellen Streitkräfte, die Flugzeugträger, die Militärstützpunkte und das Bruttosozialprodukt – nicht sehen und erfassen kann. Die sichtbaren Machtmittel allein können jedoch den vielfältigen Einfluss der USA auf die Politik anderer Staaten, wie auf die europäischen, und auf deren vielfältige globale Interventionsmöglichkeiten nicht erklären. Wie ist es überhaupt möglich, dass ein Land mit 4 Prozent der Weltbevölkerung seit beinahe einem Jahrhundert die Geschicke der Menschheit bestimmt? Vor dem Hintergrund langjähriger eigener Forschung9 geht es in diesem Kapitel um ein Forschungs- und Theoriekonzept, das erlaubt, möglichst umfassend außer den sichtbaren vor allem die unsichtbaren Macht- und Interventionspotenziale der US-Hegemonie zu eruieren.

Es geht um die Monopoltheorie: Denn grundlegende Wirkungsmechanismen der US-Hegemonie in der Welt weisen unverwechselbare Ähnlichkeiten mit den Wirkungsmechanismen monopolistischer Strukturen auf, die uns aus der Geschichte des Kapitalismus im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts hinreichend bekannt sind. Deshalb erscheint es sinnvoll, das Wesen, die sichtbaren und unsichtbaren Triebkräfte der US-Hegemonie mit Hilfe der Monopoltheorie und der Analyse der Monopolstrukturen herauszuarbeiten,10 wie man sie historisch auch in den meisten großen kapitalistischen Staaten um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert beobachten kann. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau der kapitalistischen Staaten treten oligopolistische Wettbewerbsbedingungen an die Stelle der streng monopolistischen Rahmenbedingungen am Ende des 19. Jahrhunderts. Im Folgenden wird der Versuch unternommen, die aus der Geschichte des Kapitalismus hinreichend bekannten und streng monopolistischen Wirkungsmechanismen und Strukturen als Folie zur Durchdringung der US-Hegemonie in ihrer Praxis und Realität heranzuziehen.

Monopol und Macht

Macht ist das gesellschaftliche Fundament des Monopols. Ohne Macht ist das Monopol nichts. Dem Monopol wohnt die Tendenz inne, die Macht auf ein absolutes Niveau zu steigern. Im Grunde handelt es sich um eine Symbiose. Macht und Monopol folgen auch derselben Logik, ihre existenzielle Triebkraft ist ihre Vermehrung. Macht kann in Anlehnung an Max Weber »als die Möglichkeit und Fähigkeit zur Monopolisierung gesellschaftlicher Ressourcen« verstanden werden, »um den eigenen Willen und eigene Interessen zu Lasten Dritter durchzusetzen«. Monopolisierung »bedeutet allerdings immer auch Ausgrenzung. Die Monopolisierung gesellschaftlicher Ressourcen wie Grund und Boden, Rohstoffe, Institutionen, Wissen und anderes mehr ist also die Ausgrenzung Dritter an der Teilhabe an den gesellschaftlichen Ressourcen.11 Die Ausgegrenzten und Ausgeschlossenen werden de facto oder de jure gezwungen, sich dem Diktat der Machthaber zu unterwerfen, sie sind so zur Ohnmacht verdammt.« Ergänzend kann konstatiert werden, dass »Macht der Logik des Monopols, der Logik des Beharrens und des Konservierens bestehender Verhältnisse« folgt. »Monopol ist ein Zustand, der nur mit Macht, einschließlich der militärischen, aufrechterhalten werden kann.« Und »umgekehrt wohnt der Macht die Eigenschaft inne, Ressourcen zu monopolisieren. Mächtige Individuen oder gesellschaftliche Gruppen, die mit Machtressourcen ausgestattet sind, neigen dazu, Monopole zu errichten. Und umgekehrt sind die Monopolisten gleichzeitig die Mächtigen. Macht ist also ein Instrument zur Privilegierung Weniger und zur Ausgrenzung und strukturellen Benachteiligung Vieler. Als solche ist sie so auch ein wirkungsmächtiger Hebel der Umverteilung (Nullsummenspiel), jedoch nicht ein Mittel zur Vermehrung gesellschaftlichen Reichtums (Plussummenspiel).« Da Monopol und Ausgrenzung zusammengehören, »mangelt es dem Monopolisten strukturell an der gesellschaftlichen Legitimation, noch mehr: er ist der permanenten Gefahr ausgesetzt, durch Ausgegrenzte beseitigt zu werden.« Die Selbstbehauptung lässt daher »dem Monopolisten nur eine Alternative übrig: die Machtvermehrung zwecks Sicherung des bereits geschaffenen Machtpotentials. Die grenzenlose Machtakkumulation wird also zur treibenden Kraft der Überwindung der Legitimationslücke.« Die akkumulierte Macht in materialisierter Form ist demnach »nichts weiter als quantitative Vermehrung der monopolisierten Ressourcen (z. B. Vermehrung von Eigentumsrechten, bzw. territoriale Ausdehnung des Besitzes) bei gleichzeitiger Vermehrung von Machtinstrumenten (Waffenarsenalen etc.).« Schöpferische Entwicklungen sind nur insofern mit der Reproduktion von Macht kompatibel, »wie sie zur Absicherung des Monopols (und des Herrschaftssystems) erforderlich sind«, das allerdings in seiner Gesamtheit »keine andere Perspektive als gesellschaftliche Stagnation zulässt.«12

Die hier zitierte Theorie über das Verhältnis von Monopol und Macht liefert eine brauchbare Folie zur Durchdringung der inneren Gesetzmäßigkeiten in der Geschichte und im Alltag der Hegemonialsysteme im Allgemeinen und des US-Hegemonialsystems im Besonderen: Die Aufblähung der Rüstungsindustrie in den USA resultiert demnach beispielsweise aus dem Bestreben der Hegemonialkräfte, ihr Machtpotenzial grenzenlos auszudehnen. Auch die Tendenz der USA, überall in der Welt, wo es sich anbietet, und nicht zuletzt nach jedem Regime Change, in einem Feindesland Militärstützpunkte aufzubauen. Die Einrichtung von über 800 Militärstützpunkten, darunter über 300 außerhalb der USA selbst, ist der Ausdruck der Machterweiterung um der Machterweiterung willen. Die schiere Angst, Macht zu verlieren, scheint offensichtlich die treibende Kraft dieser militärischen Expansion zu sein.

Auch die fast neurotische Suche der US-Sicherheitsexperten nach »Sicherheitslücken«, um sie beispielsweise in der Ära der Blockkonfrontation und ungeachtet des darauf folgenden Wettrüstens aufwendig zu schließen, sowie die völlig irrationale Ankurbelung der Nuklearindustrie und die Produktion und Lagerung von mehreren Tausend Atombomben, die für eine mehrfache Zerstörung der Erde ausreichen, könnten von der Angst der Hegemonialkräfte herrühren, Macht und Monopol auf die Gestaltung des Weltgeschehens zu verlieren. Ebenso scheint die Bestrebung derselben Kräfte, zielstrebig und ungeachtet der kriegerischen Reaktionen Russlands, die NATO-Osterweiterung an den Grenzen der Russischen Föderation zu betreiben, den gleichen offensichtlich unkontrollierbaren monopolistischen Trieben zu erliegen. Die beinahe hysterische Angst vor dem Machtverlust, angesichts der unaufhaltsam aufsteigenden Gegenmacht der VR China und dem riesigen und seit einigen Jahren spürbaren Aufwand für die antichinesische Propaganda muss der Kategorie des monopolistischen Erhaltungstriebs zugeordnet werden.

Die Machtakkumulation der USA geht gerade wegen ihrer Grenzenlosigkeit weit über den rein militärischen Bereich hinaus. Die unsichtbaren subversiven Umstürze in den letzten sieben Jahrzehnten und der unbändige Wille, möglichst die Totalkontrolle auch über nichtmilitärische Bereiche, wie z. B. den Weltenergiesektor, die globalen Finanzinstitutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF) und die Weltbank zu erlangen, sind nichts anderes als Ausdruck des Machthungers der US-Hegemonialkräfte, der nie gestillt werden kann. Folgte man den hier auf der Theorieebene formulierten triebhaften Eigenschaften des US-Hegemonialsystems, könnte dieses System als ein prinzipiell antidemokratisches bezeichnet werden, das am liebsten und ohne Skrupel mit antidemokratischen Herrschaftssystemen und rechtsradikalen bis faschistischen Kräften in der Welt paktiert und die Demokratie und ihre Errungenschaften bestenfalls als nützliches Übel duldet, die die Französische Revolution, die gewaltfreien antikolonialen Revolutionen und die globale Zivilgesellschaft in den letzten zwei Jahrhunderten hervorgebracht haben. Diesen allgemeinen Überlegungen folgend, kann schon an dieser Stelle geschlussfolgert werden, dass das US-Hegemonialsystem auf der gesellschaftlichen Stagnation der unterworfenen Staaten aufgebaut ist und dass Innovation, Entwicklung, Industrialisierung und Wohlstand nur insofern hingenommen werden, als sie zur Absicherung und Stabilität des Systems erforderlich sind.

Profitmaximierung durch Ausgrenzung der Konkurrenz

Auf nationaler Ebene erreicht der Monopolist in den großen kapitalistischen Staaten um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert dieses Ziel durch Konzentration des Angebots bzw. der Nachfrage in einer Hand. Der Mechanismus der monopolistischen Profitmaximierung beim Angebotsmonopol ist der überhöhte Preis, beim Nachfragemonopol der Dumpingpreis. Ähnliches Verhalten kann bei den USA als hegemonialer Staat in der Weltgemeinschaft beobachtet werden. Dank ihrer Technologieführerschaft und der Hightech-Konzerne wie Meta, X, Facebook, Apple und zahlreicher anderer Digitalkonzerne eignen sich die USA jährlich mehrere Tausend Milliarden US