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Gibt es eine Möglichkeit plötzlich einen riesigen Felsbrocken mit der Aufschrift: "dein Tod naht" aus einem bisher unbekümmerten Lebensweg zu räumen? Was fühlt eine Frau mit diesem gewaltigen Felsbrocken in ihrem Leben? Mathilda Sebertz hat es geschafft in den bisherigen zwölf Jahren nach ihrer Diagnose Brustkrebs und einem Verdacht der Ärzte, in dieser Zeit auch an Leberkrebs erkrankt zu sein, ihren Lebensmut und unabdingbare Freude am Leben wieder zurückzuerobern. In den vielen Phasen ihrer Erkrankung hat sie für sich einen Weg gefunden, diesen Brustkrebs anders anzupacken, zu verarbeiten und aus ihrem Leben zu jagen. Sie nimmt den Leser mit auf eine ungewöhnliche Reise, denn Ihr Buch "Mutausbrüche mit Brustkrebs" ist kein klassischer Erfahrungsbericht, sondern eine Einladung zu einem Ausflug, gepaart mit einer Herausforderung an die Leserin oder den Leser, sich auf verschiedene Ebenen einzulassen. Lebensnah, feinfühlig und auf wahren, sehr ungewöhnlichen Ereignissen basierend, offenbart diese Frau, was aus einem Sog an Abgründen in eine kämpferische Willensstärke umgewandelt werden kann. Doch gibt es auch ein Wechselspiel in den Gedanken, die einen tieferen Sinn hinterlassen können. Ein Buch nicht nur für Betroffene, sondern auch ein Wegweiser für manche Krisensituationen im Leben. Denn sie sind so vielfältig, wie das Schicksal selbst.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Die Autorin
Mathilda Sebertz 1965 in Trier geboren,
aufgewachsen in einem Vorort der Stadt, verheiratet
und Mutter zweier Töchter. Mitten in ihrer
Selbstständigkeit als Friseurmeisterin ertastete sie
mit 41 Jahren einen Knoten in ihrer Brust. Ihre
Existenz hatte sie dadurch verloren, doch das
überleben hat sie geschafft. Vor einigen Jahren
begab sie sich wieder in die Selbstständigkeit im
Friseurhandwerk. Sie lebt mit ihrer Familie in einem
Stadtteil von Trier.
Das Buch
Am Anfang stand für sie diese lähmende Angst mit dieser plötzlichen Diagnose Brustkrebs umgehen zu müssen. Dabei entschied sie sich im Laufe der Zeit aus eigener Kraft ihre Grenzen zu überschreiten und gleichzeitig mit der immerwährenden Unterstützung aus ihrem nahem Umfeld ihren Mut zu schöpfen.
Sie hat es geschafft, den Brustkrebs zu besiegen.
Ihr Buch „Mutausbrüche mit Brustkrebs“ beinhaltet persönliche Erfahrungsberichte, in welchen sie eindrucksvoll beschreibt, wie sie während dieser Zeit ihrer Brustkrebserkrankun,g in viele Situationen einen Grundlage für ihren Kampfgeist geschaffen hat.
Dabei setzt sie aber auch Impulse zwischen die einzelnen Kapitel mit ihren Geschichten zum nachdenken. Diese kurzen Nachdenkgeschichten zeigen dabei andere Situationen im Leben auf und können die Leserin oder den Leser plötzlich auffordern, die Sinnhaftigkeit zu verstehen, die aus jeder Geschichte hervortreten kann.
Vorwort
Die Diagnose
Der Chemoschlafanzug
Die Perücken Auswahl
Körperliche Entmachtung
Aufenthalt einer Stechfliege
Der Schleier
Die Beichte
Die Tätowierung
Der andere Freundeskreis
Die innere Reinigung
Ausbildung mit Port
Die Palliativstation
Wegbegrenzungen
Letzte Kräfte mobilisieren
Abschlusskapitel
Interview
Literaturhinweise
Die Farbe Grün
Das Supertalent
Der Baumblattleser
Auslese für ein Lächeln
Die Identitätskrise
Sinnsuche
Sekunden Spiegel
Die vergessenen Gräber
Veränderter Sinnesurlaub
Die Würfelsteine
Dem Himmel so nah
Bauklötze fürs Leben
Das Treppenhaus
Als ich dieses Buch anfing zu schreiben, wanderten meine Grundgedanken, was ich dem Leser mitteilen möchte, in eine ganz bestimmte Richtung. Meine Leidenszeit zu umschreiben war das eine Thema. Situationen, die sich auch währenddessen genau so ereigneten, manche für mich sehr außergewöhnliche, das andere. Dabei konnte ich auch durch zahlreiche Begegnungen während meiner Krebserkrankung erfahren, welche ungeahnte Energie ich daraus schöpfen konnte. Im Laufe der Zeit stellte ich fest, was man selbst und in der Zukunft mit einer veränderten Lebensweise erreichen kann. Warum sollte ich dem Leser nicht mitteilen, egal ob krank oder nicht, dass, wenn man genau hinschaut, man für sich selbst das finden kann, was in einer bestimmten Lebenssituation eine Stütze bieten kann, was man zuvor nicht sah. Natürlich ist dies kein Garant für ein langes, glückliches Leben aber es kann eine bessere Lebensqualität enthalten.
Ich erkannte in der Anfangszeit meiner Diagnose Brustkrebs: entweder versuche ich irgendwie meine Krebserkrankung einfach zu ignorieren, aber das wurde direkt im Versuch im Keim meiner Gedanken erstickt. Oder ich schaue direkt hinein in meine leidvolle Zeit, um sie zu durchdringen mit einer neuen Erfahrung von Achtsamkeit. Sie bezeugt doch im Grunde genommen auf das, was gerade in dem Jetzt vorgeht, zu reagieren. Diese genaue Betrachtung auf das eigene Leben, was so kostbar und doch nur von kurzer Dauer sein kann wenn die Diagnose Krebs eintritt, ergibt so plötzlich eine unvorstellbare sensible Ausnahmesituation im Hier und Jetzt.
Meine bisherige Achtsamkeit im Leben, die vor der Krebsdiagnose in meinem Leben bestand, wurde im Laufe der Zeit, als überhaupt nicht ausreichend, ja sogar im Laufe der damaligen Krebstherapie, als abwertend von mir wahrgenommen.
Durch meine damalige innere Einstellung und die vielen Begegnungen mit betroffenen Frauen hörte ich immer wieder heraus, dass wir alle nur nach dem Grund dieser lebensbedrohenden Erkrankung suchten. Manche verharrten auf der Suche nach den Gründen ihrer Brustkrebserkrankung regelrecht wie in einer Gefangenschaft. Wäre es nicht besser ein Bestreben nach Kraft zu finden, und sei sie noch so minimal, um einer Leidenszeit anders zu begegnen?
Ich beobachtete, hörte zu und stellte damals fest, dass uns diese Krebserkrankung schleichend einen anderen Blickwinkel auf das kostbare Leben eröffnet hatte. Dabei hielten mir viele Empfindungen mit der Erkrankung Brustkrebs Situationen bereit, die mich regelrecht dazu aufforderten, anders beurteilt zu werden. Immer wieder stellte ich für mich selbst fest, wie wichtig es ist, eine Sichtweise aufzuzeigen die dabei helfen kann, die Krankheit auch aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Egal wie unsensibel für mich manche Äußerungen in dieser Zeit wirkten, die ich total als unangemessen gegenüber meiner neuen, für mich zugleich unfassbaren Lebenssituation empfand. Ich lernte auch daraus. Es entstand im Laufe der Zeit eine tiefgreifende Art der Formulierung.
Das miteinander reden über Ängste und Sorgen, aber auch über eigene Bedürfnisse und Wünsche, bis zu den unweigerlichen Grenzen von Entscheidungen, die einen aufforderten zum tiefen Innehalten und Reflektieren, funktionierte.
Bei Krebs ist alles anders. Es gibt keine Helden, die einem diese riesigen, mächtigen Felsbrocken aus dem Lebensweg räumen können. Auch keine Zeilen, die Wunder bewirken beim Lesen, weil sie gefüllt sind mit einem exakt passenden Überlebensrezept, um ganz locker eine Brustkrebserkrankung zu überstehen.
Oder fernab eines Buches, die gutgemeinten Sprüche der Mitmenschen, die bestimmt stützend gemeint sind, aber in dieser plötzlich bedrohenden Zeit im Leben einem total oberflächlich erscheinen können. Sätze wie: „Du schaffst das schon, du musst kämpfen“ oder „Krebs bekommen nur die, die es auch verkraften können“ oder, oder… möchten sie dir als gutgemeinte Hilfe mitgeben auf deinen zukünftigen Weg mit Krebs.
Das Wort Schicksal, was aus dem griechischen stammt und „Anteil“ oder „Zugeteiltes“ bedeutet, stürzte 2006 auf mich ein, als mir in der Klinik in Trier nach zahlreichen Untersuchungen schließlich mitgeteilt wurde, ich sei an Brustkrebs erkrankt. Damals, kurz nach meinem 41. Geburtstag, ertastete ich zufällig unter der Dusche eine kleine Verhärtung in meiner rechten Brust nahe der Mamille. Ich begab mich trotz einer körperlichen hervorragenden Verfassung, aber wegen einer plötzlich sehr starken Unsicherheit wegen dieses sehr kleinen ertasteten Knotens in meiner Brust, in eine wahnsinnige Odyssee von Untersuchungen, um am Ende die Worte zu erhalten, die für mich auf einmal eine niederschmetternde Zukunftsprognose prophezeiten: Lebensgefahr! Krebs! Brustkrebs!
Es änderte sich plötzlich alles, was sich sonst in meinem Leben ereignen sollte, meine Ziele, diese doch Selbstverständlichen, wurden mir mit einem Schlag geraubt. All diese schönen Dinge im Leben hatten plötzlich keinen Sinn mehr. Urlaub demnächst planen oder einfach nur Bekleidung in der Stadt kaufen, mein Sport im Verein. Warum das alles, wenn ich ab jetzt sowieso zu den Glücklosen gehöre, in deren Reihe ich mich stellen muss, um jetzt an einem bestimmten Tag auf eine festgelegte Weise sterben zu müssen. Meine Vorstellung von einem glücklichen und zufriedenen Leben hatte plötzlich nur noch mein Krebs in der Hand.
Natürlich war mir bewusst, dass es im Leben nicht immer nur geradeaus geht, aber hier kam etwas vollkommen Unvorstellbares auf mich zu. In keinster Weise war es mir möglich gewesen, irgendeine akzeptable Lösung zu finden wie bei den alltäglichen Problemen, denen ich mich im bisherigem Leben stellen musste. Man bekommt plötzlich ein Gefühl für die Wichtigkeit der Dinge im Leben. Bedeutsame Augenblicke erhalten eine Tiefe, obgleich die Situationen auf den ersten Blick keine große Rolle spielen. Dabei steht doch das eigene Leben plötzlich an einer Klippe, der Körper neigt sich zum Abgrund hin. Die eigene Kraft reicht nicht aus, um diesen gefährlichen Ort zu verlassen. Ein immerwährendes Gefühl von Angstgedanken, dass einer starken Windböe gleicht, die sich nur eine „kurze Verzögerungen des eigenen Lebens“ nennt, wird in absehbarer Zeit eintreten und mich von der Klippe stürzen.
Man hadert mit sich, mit seinem Schicksal. Es war doch immer alles so weit weg, wenn man von einer schlimmen Erkrankung hörte. Dabei hatte ich nie daran gedacht, dass es mich selbst treffen könnte. Es ist doch immer ein gewisser Selbstschutz zu denken „Mich wird eine schwere Erkrankung wie dieser Krebs nicht treffen“. Aber diese Denkweise gab mir keine Sicherheit, das musste ich im Nachhinein als Naivität sehr schnell beiseite schieben. Dabei sind diese Fähigkeiten von positiven Denkmustern in uns verankert. Das ergibt auch einen Sinn, denn sonst würden wir alle nur an einer Klippe stehen und auf eine Windböe warten.
In dieser Welt gibt es wahnsinnig viele Schicksale, jede Situation, jedes Ereignis, egal wie schlimm das Schicksal zugeschlagen hat und sich plötzlich in den Vordergrund der einzelnen Betroffenen wirft, setzt eine Begegnung mit sich voraus, um in der Zukunft verschiedene Veränderungen im Leben beginnen zu müssen.
Im Laufe der vielen lebensbedrohenden Monate meiner Krebserkrankung versuchte ich auch immer wieder einen festen Halt irgendwo zu finden, auch im christlichen Glauben.
Meine Hoffnung, dass diese Zeit von einem Leben nach meiner Diagnose Krebs wiederkommen wird, versuchte ich immer und immer wieder in mir zu wecken. Halt finden, überall Ansatzpunkte suchen, die außerhalb greifbar vor mir liegen, damit ich eine, wenn auch noch so minimalistische, verträgliche Zukunftsprognose für mich im Laufe der Zeit irgendwie gestalten kann. Immer vereint im Wechselspiel von unbegreiflich lähmender Angst und einer plötzlichen Ohnmacht, dieser Krankheit machtlos ausgeliefert zu sein. Aber trotzdem begann ich mich immer wieder zu fordern, einen für mich lebenserhaltenden Kampfgeist zu finden.
Dabei ergab sich aus meiner Krebserkrankung im Laufe der Zeit ein sehr sensibler Zugang zu meinem Inneren, der eigenen inneren Sprache, wenn auch bei kurzer Betrachtung auf mein Temperament, ein für mich sehr langsames Voranschreiten, um für mich eine kämpferische, nährende, kräftigende und beruhigende oder auch eine ermutigende Situation, egal wie winzig sie mir doch damals vorkam, zu erkennen.
Ein sehr langer Prozess, der nichts mit Können oder erreichen müssen zu tun hat, sondern Annehmen bis zum Akzeptieren. Das musste ich mit sehr viel Geduld lernen.
Darum geht es auch in meinen Kapiteln. Diese Ereignisse, die ich im Laufe der vielen Begegnungen während meiner Erkrankung erlebt habe. Eine neue Sichtweise, der andere Blickwinkel, die durch meine Krebserkrankung entstandenen überraschenden Momente, die mir durchaus des Öfteren eine mir völlig unbekannte Willensstärke gaben, um auch weiter zu kämpfen.
Meine Geschichten zum Nachdenken zwischen den Kapiteln haben in keinster Weise einen Bezug zu meiner damaligen Erkrankung Brustkrebs. Es handelt sich um die reinen Projektionen meiner Gedanken, Fantasie, die sich als Geschichten zum Nachdenken zwischen den einzelnen Kapiteln befinden. Mit Zeit und Muße eine Situation in einer Geschichte betrachten, die auf einmal auch manches anders durchscheinen lässt, was doch zuvor im Grunde genommen hinter dem Vordergründigem offensichtlichem oder auch einfachem lag. Man kann in seinen Überlegungen noch tiefer graben, wenn man die innere Ruhe dazu findet. Vielleicht ergibt sich dann ein tieferer Sinn, um eine andere Erkenntnis zu sehen.
Geschichten können aber auch zum Nachdenken auffordern – lassen dabei aber auch einen gewissen Spielraum in den eigenen Gedanken und können dabei mitunter herausfordern.
In allen Begebenheiten von täglichen Situationen verbirgt sich doch meist eine Geschichte und manche davon bleibt dabei für einen einprägsam und prägnant.
Oder auch ein Schritt, eine Begegnung plötzlich mit anderen Augen sehen zu können. Gewiss, es gelingt nicht immer. Aber schon alleine sich auf diese Form einer außergewöhnlichen Reise seiner Gedanken zu begeben, kann etwas faszinierendes, beruhigendes beinhalten.
Mein Herz konnte ich bis zum Hals schlagen hören, als ich nur noch die erschreckenden Worte herausbekam „Nein, das kann doch nicht sein“. Es schoss mir durch den Kopf, sie hätten im Labor meine Gewebeprobe von der Stanzbiopsie vertauscht oder irgendetwas anderes wurde aus Versehen unter meinem Namen notiert. Der Professor saß mir in seinem Sprechzimmer gegenüber, schaute mich an und sagte: „Es steht leider außer Frage, ihre Untersuchungen haben mit hundertprozentiger Gewissheit ergeben, dass es Brustkrebs ist.“ Dabei schaute er wieder auf den Monitor seines PCs auf seinem Schreibtisch. Er fing an, mir irgendetwas fachlich zu erklären. „Alle Auswertungen von ihnen liegen mir jetzt vor“, sagte er monoton in seiner Stimmlage weiter, starrte dabei einige Male wieder auf den Bildschirm. Mit seiner rechten Hand bediente er seine PC-Maus und erklärte mir Weiteres.
Ich hatte auf einmal keine Möglichkeit mehr, seinen Worten zu folgen. Ich war schon längst aus dem Sprechzimmer gelaufen, weg, weit weg, nur weg hier. Vielleicht hätte ich nicht bei der Anamnese in dieser Klinik allen genau mitteilen sollen, dass Brustkrebs bei uns in der Familie vorliegt. Vielleicht war doch nur der unglückliche Sturz von der Trittleiter vor ein paar Wochen beim Renovieren zu Hause, auf die Kante vom Tisch, auf die ich aufprallte, Schuld an dieser kleinen Verhärtung in meiner Brust. Das hatte ich mir doch die ganze Zeit eingeredet. Alle hatten doch zu mir gesagt, „Du wirst sehen, da ist nichts, lass dich doch nicht durch diese vielen Untersuchungen in der Klinik verrückt machen“. Das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen, Brustkrebs in der Familie. Wissen die überhaupt von mir, dass ich von dieser Leiter gestürzt war? Wann hatte ich meine erste Periode? Wie alt war ich, als ich mein erstes Kind bekam, wann das zweite? Ob gestillt, wie lange überhaupt gestillt, haben sie auch beide Töchter gestillt? Erkrankungen in der Familie? Meine Körpergröße? Mein Gewicht? Raucher? Alkohol?
Alles wollten sie in der Klinik zum damaligen Zeitpunkt von mir wissen. Aber nicht, ob ich auch vor kurzem unglücklich stürzte und mir dabei die Luft wegblieb, weil der Sturz auf meinen Brustkorb so stark war. Danach hatte ich doch erst unter der Dusche ertastet oder war es doch davor? Ich wusste auf einmal nicht mehr, wann ich diesen Sturz hatte. Letzten Monat, letzte Woche, nein, das kann auch nicht sein, es war doch irgendwann bei mir zuhause. Ich konnte den genauen Zeitpunkt vom Sturz von dieser Trittleiter überhaupt nicht mehr zeitlich bestimmen.
Irgendwie hatte ich meine Jacke an, stand in dem kleinen Vorzimmer des Sprechzimmers vom Professor und bekam den ersten Kontakt mit einem anderen, außergewöhnlichen Blick von einer Frau, wenn man gerade als Patientin die Diagnose Brustkrebs erhalten hat. Es war die Sekretärin des Professors. Dabei war ihre Stimme so zart und einfühlsam, ich wollte am liebsten in ihre Arme fallen und anfangen zu weinen. Sie gab mir einen Zettel mit einem neuen Termin, fragte mich zuvor nach einem gewissen Datum, ob ich dann wieder hier sein könnte. Ohne zu überlegen, sagte ich einfach nur ja. Das kann nicht sein, ich fühle mich so fit, gar nichts schlimmes fühle ich, überhaupt keinen Schmerz irgendwo. Was ist das hier? Ich verlor plötzlich den Halt unter meinen Füßen. Noch bevor ich überhaupt den Ausgang der Klinik verlassen konnte, musste ich mich auf eine der Wartebänke im Eingangsbereich setzen. Weinen wollte ich, loslaufen wollte ich, aber wohin? Ja, ich hatte schon zuvor einen Anruf aus der Klinik erhalten, dass es sich um Brustkrebs handeln würde, aber ich hoffte immer noch bis heute, bis zu diesem Gespräch mit dem Professor, vor wenigen Minuten, dass sich alles als nichtig herausstellen würde.
Bis heute habe ich es überhaupt nicht mehr im Gedächtnis, wie ich mit meinem Fahrrad anschließend, in die wenige Meter entfernte Innenstadt kam. Dort irrte ich, mit meinem Fahrrad schiebend, durch die Einkaufsstraßen von Trier, sah viele Menschen nur hektisch mit Einkaufstüten umherlaufen, schreiende Kinder an der Hand ihrer jungen gestressten Mütter. Leute, die sich mit ihren Hunden an der Leine durch die Menschenmassen in Seitenstraßen schlängelten. Personen, die sich herzlich begrüßten, weil sie sich genau zu diesem Zeitpunkt auf meiner Augenhöhe zufällig trafen.
Ich traf niemanden, ich wollte auch niemanden treffen. Zu sehr war ich in mir gefangen, mit der einzigen Frage, wohin ich jetzt nach dieser niederschmetternden Diagnose gehen sollte. Zuhause war niemand, ein Handy besaß ich nicht, telefonieren an einer Telefonzelle, die es immerhin noch 2006 in der Innenstadt von Trier sehr oft gab, konnte ich jetzt nicht. Ich konnte nicht meinen Mann anrufen um ihm zu sagen „Wir haben uns alle geirrt, es ist doch Brustkrebs“. Meine Mutter konnte ich auch nicht anrufen. Sie würden bestimmt auf eine Nachricht von mir schon lange warten. „Nein, dafür brauchst du dir nicht extra einen Urlaubstag nehmen. Mama, dafür musst du nicht extra nach Trier kommen, wenn ich ein kurzes Gespräch mit dem Professor in der Klinik habe“, hatte ich meinem Mann und meiner Mutter noch felsenfest zugesichert. „Natürlich melde ich mich sofort, wenn ich zuhause bin“, hatte ich ihnen doch zuvor versprochen. Aber ich konnte es jetzt einfach nicht, nach Hause fahren, mit meinem Rad, um allen meine Krebsdiagnose mitzuteilen.
Mein Fahrrad stellte ich an eine Häuserfront neben einem kleinen Büchergeschäft ab. Die Tür stand offen, ich betrat das Geschäft. Dabei fühlten sich meine Schritte an, als ob ich mich wie über eine riesige Schwelle bewegen würde. „Kann ich ihnen behilflich sein“, sprach mich mit überaus freundlichen Worten eine etwas ältere Buchverkäuferin an, als ich kaum die ersten Ablagen von Büchern sah. „Ja, bitte“, sprach ich zu dieser Verkäuferin. „Was suchen sie denn, haben sie eine bestimmte Vorstellung wonach sie suchen, ein bestimmtes Buch?“, fragte sie freundlich nach. Wie sollte ich ihr jetzt erklären, was ich suchte? Was suchte ich hier überhaupt? Ich wollte gerade Hilfe in einem Büchergeschäft erhalten durch den Kauf eines Buches. „Ich suche...“, „Ja?“, fragte diese ältere Verkäuferin freundlich nach. „Ich suche ein Buch über Brustkrebs.“ Es war für mich gerade das erste Mal, dass ich überhaupt dieses Wort, was doch gar nicht in meinem Körper an irgendeiner Stelle schmerzen verursachte, in der Innenstadt aussprach. Dabei wechselte die Verkäuferin plötzlich ihren überaus freundlichen Ausdruck in ihren Gesichtszügen und sie nahmen für mich ganz schnell einen erschreckten Ausdruck an. Leise wurde sie, nachdenklich schaute sie mich auf einmal mit ganz anderen Augen an.
„Meinen sie ein bestimmtes Buch?“, fragte sie mich. „Nein“, antwortete ich ihr. „Das Buch ist für mich. Ich habe gerade eben erfahren, dass ich das habe“, sprach ich zu ihr, leise und voller Angst in meiner Stimme.
Ich ging mit ihr, ohne auch ein einziges Wort zu wechseln, ein paar Schritte weiter zu einer Ausstellungsfläche, über der ein großes Schild „Neuerscheinungen“ hing. „Ich habe leider momentan nur dieses einzige Buch vorrätig, geschrieben von einer jungen Frau, die ihre letzten Monate mit ihrer Diagnose Brustkrebs darin genau beschreibt, bevor sie stirbt, aber das trifft auf sie nicht zu.“
Ich hatte das Gefühl, dass sie mir dieses Buch auf keinen Fall verkaufen wollte. Kurze Zeit später verließ ich diese kleine Buchhandlung in der Innenstadt ohne auch ein einziges Buch käuflich erworben zu haben. Ich dachte aber erst als ich unterwegs war an die Worte dieser älteren Verkäuferin, die in ganz ruhiger Stimme zu mir sagte, das würde auf mich nicht zutreffen, sie meinte meine heutige mitgeteilte Diagnose Brustkrebs, an diesem Krebs, an dem ich nicht sterben würde. Aber woher wollte sie das denn überhaupt wissen? Zuhause brach ich in Weinkrämpfe zusammen.
An einem schönen sonnigen Frühlingstag bekam ein junger Pfarrer entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, das innere Verlangen, einen Waldspaziergang zu unternehmen. Er setzte sich in sein Fahrzeug, damit ihn niemand bei seiner Unternehmung beobachten würde und fuhr alleine einige Kilometer in einen nahegelegenen Wald.
Er genoss die Natur und freute sich über diesen heutigen ersten Frühlingstag den es in diesem Jahr gab. Betrachtete dabei genau die Vegetation, die ihm auf seinem Spazierpfad begegnete. Diese wunderschönen erwachenden Knospen, die von den Sonnenstrahlen dazu die Kraft erhielten. Er lauschte den zwitschernden Vögeln in den Bäumen und zur Krönung dieser Stimmung läuteten aus der Ferne die Kirchenglocken. Ein Gefühl von Friede und Glückseligkeit zog in seine Seele ein.
Als er zu einer Lichtung kam, ließ er sich auf einer Bank nieder und begann in seinem Mitgebrachten Buch zu lesen. Es war nicht eines dieser Bücher, die sich nur ausschließlich um seine Religion drehten. Auch nicht eines, was im entferntesten Gedanken mit seinem Beruf als Pfarrer zu tun hatte. Er erhielt dieses Buch beim letzten Besuch in seiner Heimat, als er vor kurzem seine Schwester besuchte, eine bekannte Kinesiologin. Sie schenkte ihm dieses Buch mit den Worten: „Es kann dich bereichern!“
