Andrea – Briefe aus dem Himmel - Karsten Kehr - E-Book

Andrea – Briefe aus dem Himmel E-Book

Karsten Kehr

0,0

Beschreibung

Eine Mutter nimmt Abschied – der Krebs ist stärker. Im Mai 2017 hat Andrea (31) ihren Kampf gegen die Krankheit verloren. Sie wusste: Sie hat nur noch ein Jahr. Unheilbar, der perfide Krebs. Andrea nutzte die wenige Zeit auf ihre Art und hinterließ zwei persönliche Vermächtnisse: Heimlich schrieb sie zum einen im Kinderzimmer ihrer Tochter Nele dutzende Briefe, bastelte liebevolle Geschenke. Jeder Brief eine Seite lang, adressiert an ihre beiden Töchter. Briefe, die weit in die Zukunft reichen: Bis zum 18. Lebensjahr zum Geburtstag ein paar liebe Zeilen. Mama Andrea schreibt darin über alles, was sie persönlich fühlte – in ihrer Kindheit, ihrer Jugend, als junge Mutter. Zum anderen wünschte sie sich einen Song, der ihren Namen trägt. Dutzende Briefe und ein Lied als Zeitraffer ihres viel zu kurzen Lebens. Andrea will damit bleiben, für immer. Sie starb am 7. Mai 2017.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 199

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

»Wo muss ich die Leiter hinstellen, um dich zurückzuholen?«

»Alles muss fertig sein, ehe ich nicht mehr da bin.«

»Krebs kündigt sich nicht an. Er kommt wie ein ungebetener Gast.«

»Meine Briefe sind eine Mischung aus Erinnerungen, Erfahrungen und Entscheidungen. Eine Autobiografie mit Ausblick.«

»Es sind oft die kleinen Dinge, die eine große Wirkung in meinen Briefen besitzen.«

»Meine Seele macht dann Waldspaziergänge.«

»Wer schreibt, der bleibt.«

»Wir sollten uns nicht länger voreinander verstecken.«

»Unglaublich, was hier an Briefen reinkommt – so viele liebe Menschen!«

»Ich bin organisiert und tollpatschig zugleich.«

»Ich bin ein Papakind – Papas Prinzessin.«

»Ich liebe alles, was von Herzen kommt.«

»Ich will nicht jammern, sondern kämpfen.«

»Ich bin doch schon so weit gekommen.«

»Zeit, ein Geschenk, das leider nicht übertragbar ist.«

»Nun werde ich von oben meine Hände über euch halten.«

»Man muss Kinder auch mal loslassen können.«

»Mein Herz ist eine Einbahnstraße – wer einmal drin ist, kommt nicht mehr raus.«

»Wenn dein letzter Tag im Mai beginnt, wenn das Schicksal dir die Jahre nimmt.«

»Meine wilden Jahre sind längst vorbei.«

»Ich liebe dich, meine Wunderschöne!«

»Das Einzigartige an Musik ist, dass jeder Song eine persönliche Stimmung wiedergibt. Musik ist Medizin.«

»Eine Freundschaft ist wie ein Netz, das uns auffängt, wenn wir mal die Balance verlieren.«

Nachwort

»Wo muss ich die Leiter hinstellen, um dich zurückzuholen?«

Der Moment des Abschieds ist gekommen. Ein beklommener Moment. Andrea hasst Abschiede. Und diesmal ist es ein Abschied für immer. Wir stehen uns am Valentinstag 2017 im schmalen Flur ihrer Wohnung in Röcken gegenüber. Nur spärlich dringen Sonnenstrahlen von draußen in den dunklen, ziegelrot gestrichenen Flur, in dem verstreut die Schuhe von Andreas kleinen Töchtern Nele und Mia liegen. Neben der Garderobe mit den Anoraks stehen der Schulranzen von Nele und die Kindergartentasche von Mia.

Ein vertrautes Gespräch geht nach zwei Stunden zu Ende. Und zu Ende gehen damit vierzehn Monate, die wir uns nun persönlich kennen. Der Journalist und die Totkranke. Wir schauen uns in die Augen. Eigentlich würde man jetzt »Auf Wiedersehen!« sagen oder »Tschüss!« oder auch »Bis zum nächsten Mal! Bleib gesund.« Doch jetzt und hier ist alles anders. Die Zeit friert für Sekunden ein. Nie mehr werde ich diese schlanke junge Mama, die lässig an der Flurwand lehnt, wiedersehen. Wie so häufig trägt sie ihr Halstuch mit den Schmetterlingen. Ausgerechnet der Schmetterling, habe ich einmal philosophiert, der frei sein kann und so unschuldig ist wie schön. Nie mehr, schießt es mir durch den Kopf, werde ich mit ihr in der gemütlichen Küche sitzen und beobachten, wie sie ihre Hände um die wärmende Tasse Tee schließt, während wir stundenlang reden – über sie, über ihre Krankheit, über ihre Ideen, über ihre Töchter, über Gott und die Welt.

An der Wand im Flur hängt ein liebevoll gemaltes Bild. Andrea hat es sich ausgedacht. Es zeigt die farbigen Fußabdrücke von ihr und Nele und Mia, es gleicht einer glücklichen und friedlichen Hasenfamilie, die immer zusammensteht, was auch kommen mag. »Die übergroße Hasenmama mit angeborenem Beschützerinstinkt, daneben die unschuldigen Hasenkinder, ganz eng an ihre Beschützerin gekuschelt. Welches Bild beschreibt uns besser?«, hat Andrea es einmal kommentiert.

Die Farben glitzern, so bunt wie das Leben in all seinen Facetten. Ein Regenbogen. Auf dem Bild steht: »Endless Love«. Andrea und Nele und Mia: eine endlose Liebe, die nie vergehen wird, was immer auch passiert.

»Weißt du, was Nele vorhin zu mir gesagt hat? Sie bat mich: ›Mami, nimm bitte ganz viele T-Shirts mit hinauf in den Himmel und wirf sie mir dann herunter. Denn dann weiß ich, dass du gut angekommen bist. Und ich weiß, wo ich die Leiter hinstellen muss, um dich zurückzuholen.‹«

Ein Satz, wie gemacht für eine Schlagzeile. Emphatisch und emotional. Andrea spricht viele solcher Sätze. Sie weiß: Ich bin Reporter. Einer, der beobachtet und fragt und aufschreibt. Doch längst spielt der Beruf keine Rolle mehr. Egal, ob Reporter oder Heilerziehungspflegerin – wenn die letzten Tage angebrochen sind, wird all das zur Nebensache. Andrea redet frei von der Leber weg, ohne Vorbehalte, ohne Schere im Kopf. Ohne sich zu fragen: Um Gotteswillen, was habe ich jetzt bloß gesagt? Und ich behalte mehr im Hinterkopf, als in mein rotes, quadratisches Büchlein passt. Da ist auch dieses gewachsene Vertrauen, das uns seit über einem Jahr verbindet. Ich bin nicht mehr nur der neugierige Journalist, sondern inzwischen ein guter Freund, ein Vertrauter, der zum »Schnattern« kommt, wie sie es immer salopp nennt, wenn wir uns treffen und reden.

»Ich werde mich umhören«, verspreche ich und breche das Schweigen. Sie hat mich zuvor noch einmal eindringlich gebeten, öffentlich nach weiteren Krebs-Spezialisten zu fahnden. Kliniken zu finden, die ihr noch eine Chance auf Weiterleben, auf ein bisschen Zeit geben können. Es geht ihr um Aufschub. Als sie mich darum bat, blitzten ihre Augen hellwach auf. Ein Aufflackern ihrer letzten Lebensenergie, die längst auf Sparflamme läuft. Damit es noch reicht für das Allernötigste.

Ich gebe ein Versprechen, das ich aber nicht werde halten können.

»Klasse, darüber freue ich mich! Abgemacht!«, sagt Andrea zufrieden. Als ginge es um eine Alltagsfrage, die wir besprochen und gemeinsam abgehakt hätten. Als könnten wir etwas ändern, was längst nicht mehr zu ändern ist.

»Es ist wieder lang geworden heute«, sage ich. »Jetzt kannst du dich ausruhen!«

»Ausruhen?«, erwidert sie und verzieht das Gesicht. »Ausruhen kann ich noch lang genug! Meine Uhr ist eingeschlafen.«

Wir umarmen uns zum Abschied. Sie gibt mir ihre Hand, ein zarter Händedruck. Ihr fehlt einfach die Kraft.

Ich schlucke und will schnell die Situation beenden, ehe mir die Tränen kommen. Ich drehe mich weg, eile die dreizehn steilen Stufen hinunter. Andrea folgt mir zwei Schritte und bleibt dann stehen. An der Haustür hebe ich kurz die rechte Hand zu einem letzten Gruß. Andrea winkt zurück. Sie ruft leise: »Bis bald!« Und: »Mach’s gut!«

Ich antworte knapp und verlegen: »Tschüss!« Und füge noch hinzu: »Du hörst von mir! Auf jeden Fall! Bis bald!«

Dann atme ich die kalte Februarluft ein und genieße kurz die Wintersonne, die schon beginnt zu wärmen. An der Hofeinfahrt blühen Schneeglöckchen. Der Frühling, merke ich, kann nicht mehr weit sein.

In meiner Fototasche ertaste ich die selbstge­brannte DVD. Mit Andreas Abschiedsvideo, vorgesehen für ihre Trauerfeier. Andrea hatte sie mir vorhin in der Küche noch zugesteckt.

»Alles muss fertig sein, ehe ich nicht mehr da bin.«

Ein ruhiger Morgen im März 2016. Meine journalistische Routinearbeit beginnt wie jeden Tag mit der Suche nach Geschichten, die anders sind: kurios, tragisch, aufregend, mit oder ohne Happy End. Die für eine bundesweite Leserschaft taugen. Und die aus meiner Region kommen – aus Thüringen, Sachsen oder Sachsen-Anhalt.

Jahrzehntelang als Boulevardreporter unterwegs zu sein hinterlässt jedoch seltsame Spuren. Nach Berichten über langweilige Vereinsfeste, Jubelkommentaren zu endlich schlaglochbefreiten Straßen und einem Porträt über einen ehemaligen, fünfundsechzigjährigen Kommunalpolitiker greife ich schließlich zu einem Trick auf Facebook, der mir in letzter Not schon oft weiterhalf. In die Suchleiste gebe ich ein: »Hilfe für …«. Und siehe da: »Hilfe für Familie Bendrick« erscheint. Betroffen wie angezogen lese ich weiter: Die junge Mutter Andrea aus Röcken in Sachsen-Anhalt ist schwer an Krebs erkrankt. Für sie gibt es keine Heilung mehr, die Schulmedizin ist an ihre Grenzen gestoßen, die Ärzte haben ihre Genesung ausgeschlossen.

»Ich ertappe mich, wie beherrscht ich trotz allem bin«, sagt Andrea, als wir uns später treffen.

Sie wolle ein Haus ausbauen für die ganze Familie und suche dafür Unterstützung. Eine Mammutaufgabe, ein finanzielles und logistisches Fass ohne Boden. Hilfe für die gründliche Sanierung eines ehemaligen Bauernhofes, für das Einrichten von Bad, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und zwei Kinderzimmern. Damit alle an einem Ort, unter einem Dach zusammenleben können: die kleinen Töchter Nele und Mia, der Onkel der Kinder, die Großeltern. Planen für den Ernstfall, wenn Andrea ihre Familie für immer verlassen muss. Andreas Töchter sollen sich weiter gut aufgehoben fühlen, in den Armen ihrer Familie.

Mehr als achthundert Unterstützer gehören der Seite inzwischen an – eine stattliche Zahl an Helfern. Ich weiß sofort: Das ist die richtige Geschichte für mich! Schon oft in der Vergangenheit konnte ich dank der Zeitschriften, für die ich als freier Journalist arbeite, tatsächlich helfen.

Ich klicke auf den Button »Nachricht senden« und schreibe ein paar kurze Zeilen, meinen Namen, für wen ich arbeite, meine konkrete Bitte.

Eine Antwort folgt prompt vom Administrator der Hilfe-­Seite. Er ist Andreas Cousin. Von ihm erfahre ich auch ihre Handynummer. Andreas Stimme klingt hocherfreut, hell und aufgeregt. Sie antwortet auf meine Bitte um einen Termin: »Ich freue mich riesig! Wir brauchen ja noch jede Menge Hilfe, jede Hand, jeden Cent, jede Idee, jeden Einfall. Vor einem knappen Monat erst, an Ostern, sind wir hier in Röcken eingezogen, eher notdürftig, auf eine offene Baustelle. Das hat mich für den Moment erst einmal beruhigt. Endlich ein Dach über dem Kopf an dem Ort, wo wir alle harmonisch miteinander auskommen wollen. Was wir uns alle wünschen. Denn diese erste Etappe wollte ich unbedingt schaffen, sie auf jeden Fall noch erleben. Meinen kleinen Prinzessinnen Nele und Mia eine Heimat geben, ein wohliges Nest für ihre Zukunft bauen, indem sie behütet erwachsen werden können, ohne Not. Ich weiß ja nicht, wie lange mein Körper die Strapazen noch erträgt. Alles muss fertig sein, ehe ich nicht mehr da bin.«

Der letzte Satz sitzt. Er frisst sich unter die Haut. Bei diesem Gespräch sagt sie ihn zum ersten Mal. Später wird ihn Andrea häufig wiederholen, in verschiedenen Zusammenhängen. Geradezu vor sich herbeten wie ein Mantra. Vielleicht, um damit genau das Gegenteil zu erreichen. Denn Andrea will bleiben. So aktiv sein, wie es ihr Zustand ermöglicht. Und vor allem darüber hinaus. Über ihren Tod hinaus. Sie wollte noch nicht gehen, so jung, in der Blüte ihres Lebens. Was sind denn dreißig Jahre! Mit der Verantwortung für zwei kleine Töchter, die sie abgöttisch liebt und die wiederum an ihrer Mama hängen, wie zwei Knospen an einer Blüte, und sie nicht gehen lassen wollen. Natürlich nicht.

»Hoffen wir, dass es mir zu unserem Termin gut geht und wir uns länger unterhalten können«, wünscht sie sich. »Du ahnst ja sicherlich, der verdammte Krebs, der ist unberechenbar und macht oft einen Strich durch die Rechnung. Jede Planung wird über den Haufen geworfen, es gibt keine Alltagsroutine mehr. Denn manchmal kann ich nicht aufstehen, kann mich nicht mehr bewegen, muss im Bett bleiben, weil mich die Schmerzen quälen. Mein ganzer Körper brennt, als sei er mit Benzin übergossen und angezündet.« Andrea berichtet das völlig unaufgeregt. Es ist ihr Alltag. Seit Monaten kennt sie es nicht mehr anders.

»Aber jetzt steht ja der Frühling vor der Tür. Wenn draußen die Vögel munter zwitschern und die Knospen knallen, haben wir doch alle bessere Laune. Eine gefühlte Verschnaufpause für trübe Tage.«

Unsere erste Verabredung steht – für den 14. April 2016, um 15.30 Uhr, Kaffeezeit. Ich bin gespannt und neugierig. Und bereits nach dem ersten Telefonat beschleicht mich ein Gefühl sonderbarer Vertrautheit. Ich bin mir sicher, hier steckt mehr dahinter als eine gewöhnliche Schicksalsgeschichte.

Andrea hingegen, die alle Möglichkeiten nutzt, um Hilfe zu erhalten, denkt nach unserem ersten Gespräch: Ich lasse ihn mal kommen. Mal sehen, was er erreichen kann. Mit der Presse muss man vorsichtig sein. Vielleicht gehört er auch zu denen, die mehr versprechen, als sie letztlich halten.

Ihre Gedanken vertraut sie mir aber erst viel später an.

»Krebs kündigt sich nicht an. Er kommt wie ein ungebetener Gast.«

Der 14. April 2016 ist ein grau-trüber Donnerstag. Nur ab und zu blitzt die Sonne durch die tiefliegenden Wolken. Ich fahre pünktlich mit meinem schwarzen VW Käfer aus dem Leipziger Südwesten los. Bis Röcken in Sachsen-Anhalt sind es zwanzig Autominuten. Ein kurzes Stück Autobahn, dann auf der Landstraße einmal links abbiegen.

Tatsächlich – da steht »Röcken« auf einem Wegweiser. Nie zuvor hatte ich von diesem kleinen Ort im südlichen Sachsen-Anhalt gehört. Nur wenige Meter nach dem Ortseingangsschild ist die »Friedrich-Nietzsche-Gedenkstätte« ausgeschildert. Nietzsche, der große Philosoph, er wurde in Röcken geboren und liegt hier auch begraben. Ich erinnere mich an Fragmente aus meinem Studium: Er bekämpfte den Pessimismus und war Verfechter einer lebensbejahenden Grundeinstellung. Lebensbejahend, denke ich, wie passend. Mir fällt ein alter Nietzsche-Spruch ein: »An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen.« Lieber nicht mehr helfen, wo man nicht mehr helfen kann? Aufgeben als einzige Alternative? Nietzsche, Röcken, Andrea. Ein Zeichen, ein Zufall?

Ich suche verzweifelt Andreas Adresse. Zwei Mal fahre ich daran vorbei, ohne sie zu entdecken. Es fehlt die Hausnummer. Schließlich finde ich einen kleinen Parkplatz vor einer Gaststätte, die seit langem geschlossen ist. Die Fenster sind mit Pappe verklebt, das vergilbte blauweiße Parkschild »Nur für Gäste« an der steinernen Außenwand wirkt absurd. Ich steige aus und hänge mir meine schwarze Fototasche um. Darin meine Kamera, mehrere Objektive, Notizblock und Stift. Mein Reporterbesteck.

Bis zur Hofeinfahrt von Andrea sind es keine hundert Meter. Es beginnt zu nieseln. Ich laufe schneller. Meine Tasche über der linken Schulter ist schwer, pendelt und schwenkt aus beim Gehen. Die Hofeinfahrt zu Andrea zieht sich, ein holpriger, unebener Weg. Die Kieselsteine unter meinen Schuhen knirschen. Schließlich sehe ich den alten Bauernhof. Andreas Vater Tilo hat ihn vor Jahren gekauft. Aus roten Backsteinen und mit spitzem Dach erbaut, ein mächtiges Gebäude. Die Vorderwand, der Giebel, sticht ins Auge – frisch hergerichtet und mit hellem Putz. Ein Foto davon habe ich auf der Hilfe-für-Familie-Bendrick-Seite gesehen. Autos nahezu aller Marken überschwemmen den Hof, eine Blechkarawane, so weit das Auge reicht. Von siebziger Oldie-Baujahren bis heute. Andreas jüngerer Bruder Matthias besitzt hier eine Autowerkstatt. Sie liegt Andreas Wohngebäude direkt gegenüber. Ich gehe deshalb nach links zur nagelneuen weißen Eingangstür. Sie ist unterteilt in sechs Glasscheiben und wirkt wie ein implantierter Fremdkörper mitten im uralten Gestein. Ich klingele und warte. Es dauert eine Weile, und als ich gerade überlege, noch einmal den namenlosen Klingelknopf zu drücken, höre ich Geräusche hinter der Tür. Jemand kommt eine knarrende Holztreppe hinab. Langsam, sehr langsam. Die Tür öffnet sich und Andrea steht vor mir.

»Hallo Andrea, ich bin Karsten Kehr«, stelle ich mich vor. Sie nickt, lächelt zurück und sagt knapp: »Komm bitte rein! Wir gehen nach oben, da haben wir es gemütlich!«

Wir steigen dreizehn Stufen hinauf zu ihrer Wohnung. Ich folge ihr, mein Blick streift gerahmte Familienfotos, die im schmalen Aufgang hängen.

Andrea trägt blaue Hauspantoffeln, eine rote Jeans, einen schwarzen Pullover. Ihre Haare sind kurz, ein frisch nachgewachsener zarter Flaum. Die Folgen der Chemotherapie, vermute ich. Das Laufen fällt ihr schwer, oben angekommen ist sie außer Atem. Sie nimmt sich dennoch zusammen, lehnt sich kurz an, schnauft tief durch und weist auf den Eingang zur Küche. »Die Küche ist der Mittelpunkt unserer Familie. Da können wir ungestört reden.« In den anderen Zimmern entlang des Flurs ist es lauter, denn Nele und Mia, ihre kleinen Töchter, sind zuhause.

Andrea macht für mich Kaffee, für sich Tee. »Mit Milch und Zucker?«, fragt sie.

»Ohne alles«, sage ich.

Es riecht frisch tapeziert. Durch die neuen Fenster überblickt man den weiten, geräumigen Hof. Alles wirkt nichtig und klein von hier oben, wie eine friedliche Spielzeugwelt. Ich schaue Andrea zu, einer jungen Frau, hager, drahtig, mit wachen blauen Augen, die jeden Handgriff bedächtig ausführt. Sie ist gezeichnet von ihrem dunklen Schatten, ihrer schweren Erkrankung.

»Wie bist du denn auf uns und unsere Situation gekommen?«, will sie noch einmal wissen und dreht ihren Kopf in meine Richtung. Das Wasser wird schnell heiß und brodelt. Sie übergießt ihren Teebeutel, es duftet nach Minze.

»Über eure Facebook-Seite«, antworte ich. »Ihr braucht doch Hilfe auf eurer Baustelle. Und vielleicht kann ich das durch meine Arbeit unterstützen. Öffentlichkeit hilft. Je mehr Menschen von dir erfahren, umso mehr sind in der Lage, dir zu helfen. Die beste Absicht verpufft, wenn sie keiner kennt. Wie ich es schon am Telefon sagte.«

Andrea gießt heißes Wasser in meine Kaffeetasse. Nun riecht es in der Küche nach einer Mischung aus Minze und Kaffee.

Wir sitzen uns am neuen stämmigen Küchentisch gegenüber, Andrea auf einem robusten Stuhl aus Holz, mit einer Maserung, die Jahresringen ähneln. Sie beobachtet, wie ich meinen Notizblock aufschlage und mit meiner rechten Hand die Seiten glattstreiche.

»Wie alt bist du jetzt, Andrea?«, beginne ich nüchtern zu fragen.

»Ich bin dreißig«, antwortet sie und wiederholt es zischend: »Dreißig! Dreißig Jahre!«

Sie macht eine kleine Pause. Dann sagt sie: »Ich weiß, für viele Frauen ist dreißig ein prekäres Alter. Die unbeschwerte Jugend, die Leichtigkeit des Seins, scheint vorüber. Für mich ist das okay. Drei Jahrzehnte sind doch eine lange Zeit. Wie viele Menschen werden im Zeitraum von dreißig Jahren geboren und wie viele sterben? Und wie viele müssen vor ihrer Zeit gehen? Wenn auch nicht jeder mit einer klaren Ansage wie bei mir.«

Sie wendet sich kurz ab, um mich danach wieder fest anzuschauen. »Am 21. Mai werde ich einunddreißig Jahre. In gut einem Monat. Für andere huscht das schnell vorüber, sie reden dann davon, mit flinken Schritten auf die Vierzig zuzugehen, ab sofort nur noch Ü-30-Partys besuchen zu können und sehen das als Alarmzeichen. Eine Freundin meinte mal: ›Weißt du, Andrea, bis zum dreißigsten Lebensjahr bauen dich deine kleinen Männchen im Körper auf und danach fällt der Startschuss für den langsamen Abbau. Sie legen den Schalter einfach um.‹ Das empfand ich damals als Witz. Es gibt Menschen, die merken nicht, wenn ihr Abbau beginnt. Ich habe nie meine ersten grauen Haare gezählt oder neue Falten unter einer Extraschicht Make-up versteckt. Ich gehöre zu jenen, denen ihr wahres Alter egal ist. Unser Körper ist eine Hülle, mehr nicht.«

Und nach einer nachdenklichen Pause: »Für mich hingegen bedeutet ein Monat eine unendlich lange Zeit. Meinen Geburtstag, und wenn es nur noch dieser eine sein sollte, den möchte ich unbedingt erleben.«

Mit diesem Hinweis lenkt Andrea das Gespräch selbst auf ihre schwere Krebs-Erkrankung, die inzwischen unheilbar und durch Chemotherapien höchstens noch zu lindern ist.

Ihr Leidensweg begann im sonnigen August 2013. »Zuvor hatte ich starke Kopf- und Halsschmerzen, ­fühlte mich antriebslos, niedergeschlagen, schlapp und abgespannt. Meine jüngste Tochter Mia war erst im Mai geboren worden. Auch während der Schwangerschaft fühlte ich Ungereimtheiten. Das wollte ich mir nicht eingestehen. Schwangere denken nicht an sich selbst, sie handeln nur für das ungeborene Leben. Meine eigene Gesundheit stand hintenan.«

Sie denkt kurz nach. »Weißt du, der Krebs kündigt sich nicht an. Er kommt auf leisen Sohlen. Wie ein ungebetener, aufdringlicher Gast, der auf einmal an deinem Tisch sitzt und trotz Aufforderung nicht mehr gehen will. Von diesem Moment an bist du nicht mehr allein. Die Krankheit hat sich dazugesellt und du musst verdammt aufpassen, dass sie nicht dein Leben bestimmt – wie eine lästige Sucht, der du irgendwann nicht mehr Herr wirst.«

Sie beschreibt ihre damalige Situation: »Meine Nele – sie ist sechs Jahre älter als ihre Schwester – kam gerade in die Schule. Ich sehe sie noch voller Stolz mit ihrer Zuckertüte, umringt von ihren Freundinnen, die sie aus dem Kindergarten kannte, auf dem Schulhof stehen. Also viel Freude, Trubel und Ablenkung um mich herum. Genau in dieser Phase mitten im August nach ausgiebigen Untersuchungen im Krankenhaus Weißenfels fiel meine Diagnose, die mich umwarf: Nasen-Rachen-Krebs. Auch mein mehrmaliges, erstauntes, ungläubiges Nachfragen änderte an dieser Diagnose nichts. Ich wollte es nicht wahrhaben. Dieses beklemmende Gefühl der Hilflosigkeit in diesem Moment, wenn die Worte des Arztes nur noch verzerrt ankommen – das werde ich niemals vergessen! Man möchte sich am liebsten die Ohren zuhalten, sich in den Arm zwicken, um aufzuwachen, damit der Albtraum endet. Doch er endet nicht, er nimmt erst seinen Anfang.«

Andrea schaut nach unten und umfasst ihre Tasse fester, während sie den Teebeutel in das heiße Wasser tunkt. Trotz und Verbitterung sprechen aus ihren Worten. Sie verzieht ihr Gesicht für eine Sekunde. Als würde sie sich ekeln vor sich selbst und dem gerade Gesagten. Der »Nasen-­Rachen-Krebs« geht ihr dennoch leicht und leise über die Lippen. Als spreche sie über eine lästige Erkältung, die vergessen und verschleppt wurde. Die eben zäh ist und nicht so leicht wieder verschwindet. Die aber wieder vergeht, weil alle Krankheiten in diesem jungen Alter vergehen, meistens von allein. Sie verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Jedem ist das klar, weil doch ein Organismus in den besten Jahren alles abwehrt. »Vielleicht reagierte ich ein bisschen naiv«, gibt sie heute zu.

Dann redet Andrea von einem Tumor. Als sei das eine unbedeutende Fußnote unseres Gesprächs. »Eine Geschwulst, nicht größer als mein Daumennagel, bösartig, in Nähe meines Kleinhirns«, erklärt sie. »Deshalb leider nicht operabel. Ein Herankommen war unmöglich. Meine Überlebenschance stand schlecht. Sie ging gegen Null. Die vielleicht einfachste Hilfsoption, eine Operation, fiel aus. Ich weiß, ich bin ein Pechvogel. Manchen stehen selbst in den aussichtslosesten Momenten das Glück und der Zufall zur Seite. Um mich haben beide einen großen Bogen gemacht. Das war schon immer so. Leider. Angst, Ohnmacht, das Gefühl des Alleinseins machten sich breit. Das war ich von meinem Leben davor nicht gewöhnt.«

Ausgerechnet jetzt wird es plötzlich laut. Mia steht in der Tür. Sie heult und schreit. Ein niedliches, quirliges Mädchen. »Nele hat mich geärgert«, stammelt sie und verzieht ihren Mund. »Und auch noch in den Arm geboxt!«

Andrea verstummt und blendet von einer Sekunde auf die andere die Geschichte ihrer Krankheit aus. Sie wird zur liebenden Übermutter, die alles um sich herum vergisst, außer dem Kind. »Nicht so schlimm, meine liebste Kleine«, sagt sie, während sie sich zu ihrer Tochter beugt. Schon rutscht Mia auf Andreas Schoß. Sie wird gestreichelt und liebkost, findet schnell Ruhe. Andrea küsst sie zärtlich auf die Stirn, auf die Wangen. Mia schaut ihr ins Gesicht und erwidert den Kuss ihrer Mama. Mit ihrer kleinen Hand fährt sie über Andreas ausgedünnte Augenbrauen.

»Alles ist gut!«, flüstert Andrea. Ich spüre, wie beruhigend ihre Worte wirken. Sie gehört zu den Mamas, die solche Situationen schnell regeln können, ausgleichend sind, Ruhe verordnen.

»Wenn ein Topf kurz vorm Überkochen ist, musst du ihn zügig von der Herdplatte holen. Keine Scheu haben, auch wenn man sich mal die Finger verbrennt. Das ist doch bei der Kindererziehung nicht anders?!«

Plötzlich betritt Nele die Küche, drückt sich an den Türrahmen, schämt sich ein bisschen. »Ich habe Mia nicht geboxt!«, verteidigt sie sich.

Mia wird für einen kurzen Moment lauter, ihrer Schwester wegen, beruhigt sich aber schnell. Der kleine Streit ist ruckzuck vergessen. »Das sind halt typische Schwestern«, sagt Andrea entschuldigend, während mich Nele mustert und mir, dem Fremden, ein keckes »Hallo« zuwirft.

»Wann musst du zum Tanztraining?«, wechselt Andrea geschickt das Thema.

»Erst in einer Stunde, Opa fährt mich«, antwortet Nele und wiegt sich hin und her. Sie sieht anders aus als Mia. Keine Schwestern, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Nele ist hochgeschossen, schmal, sportlich. Mit hellwachen Augen, die jede kleine Veränderung um sie herum erfassen und sofort auswerten. Sie besitzt Charisma. Unglaublich für eine Neunjährige, die mir überhaupt nicht wie ein neunjähriges Mädchen vorkommt.

Meinen Eindruck bestätigt mir Andrea wenig später – Nele ist längst wieder in ihrem Zimmer verschwunden –, als sie eine besondere Episode berichtet: »Nele spricht immer aus, was wir oft als Tabu ansehen. Uns Erwachsenen fehlt häufig der Mut, unangenehme Dinge unverblümt beim Namen zu nennen. Dabei darf man die Krankheit nicht verdrängen, man muss darüber sprechen, man muss das Unaussprechliche beim Namen nennen. Man muss sein Herz öffnen.

Ich erinnere mich genau, als ich im Februar 2014 von den abschließenden Untersuchungen an der Universitätsklinik Leipzig zurückkehrte. Die Ärzte hatten nach mehreren Chemotherapien, die eigentlich helfen sollten, meinen Krebs zu bekämpfen, neue Metastasen in meiner Lunge gefunden. Sie zerlegten mich quasi in Scheibchen, schoben mich durch Röhren und Apparate. Mein Krebs hatte erneut gestreut, ein riesiger Rückschlag. All die mühseligen, strapaziösen Behandlungen, das Gift der Chemos in meinem Körper, meine Kraft und mein Durchhaltevermögen, alles schien umsonst. Damals schüttelten die Ärzte den Kopf und waren am Ende ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten. Sie gaben mich auf. Als Lebenserwartung schätzten sie ein Jahr, vielleicht ein paar Monate mehr, eher ein paar Monate weniger. Das gaben sie mir mit auf den Weg.