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Vom Selbstverlust zur Selbstermächtigung
Wer bin ich wirklich? In unserer überkomplexen, stark von äußeren Einflüssen gesteuerten Welt wird es immer schwieriger, sich selbst zu kennen und den Kontakt zu sich zu behalten. Das Gefühl der Entfremdung, Ängste und eine tiefe Verunsicherung können die Folge sein. Doch wie können wir uns mit unserem Selbst nachhaltig rückverbinden? Die Psychologin Sara Kuburic stellt in ihrem ersten Buch ein umfassendes Fünf-Säulen-Programm vor:
•Authentisch und im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen leben,
•sich die Freiheit für autonome Entscheidungen nehmen, auch wenn sie unbequem sind,
•selbstverantwortlich handeln,
•Sinn finden und das Leben beseelen und
•anderen achtsam und offen begegnen.
Ein Manifest der Selbstermächtigung, das uns immer wieder an unsere wichtigste Kraftquelle erinnert: uns selbst.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2023
SARAKUBURIC
ANGEKOMMENBEIDIR
AKZEPTIERE, WASIST, ENTDECKEDICHSELBSTUNDÄNDEREDEINLEBEN
Aus dem Englischen von Christina Hackenberg und Ursula Pesch
Die amerikanische Originalausgabe ist 2023 unter dem Titel »It’s On Me: Embrace Hard Truths, Discover Your Self and Change Your Life« bei The Dial Press, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York erschienen.
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Deutsche Erstausgabe
© 2023 Arkana, München
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Originalausgabe: © 2023 by Sara Kuburic
Originally published in 2023 by The Dial Press, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York
Published by Arrangement with ONAFOUNDATIONPTY. LTD.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische AgenturThomas Schlück GmbH, 20161 Hannover
Lektorat: Doreen Fröhlich
Umschlaggestaltung: ki 36 Editorial Design, München, Daniela Hofner
Umschlagmotiv: © Daniela Hofner
Satz: Satzwerk Huber, Germering
ISBN 978-3-641-29322-2V003
www.arkana-verlag.de
Anmerkung der Autorin
Die Lebenserfahrungen, die wir alle haben und teilen, sind intim und heilig. Sie gehören uns und können von anderen nie ganz verstanden werden. Das Beste, was Lesende tun können, ist, sie zur Kenntnis zu nehmen, sie zu interpretieren und aus ihnen zu lernen. Sie sind eine Leihgabe, wobei der ursprüngliche Impuls im Inneren derjenigen zu finden ist, die diese Erfahrungen gemacht haben. Deswegen bin ich allen, die bereit waren, mir ihre Geschichten zu erzählen und mir kostbare Einblicke in ihr Leben zu gewähren, zutiefst dankbar.
Dieses Buch wurzelt in meinem theoretischen und klinischen Fachwissen, doch die Anregung dazu gaben mir meine eigenen Erfahrungen und meine Gespräche mit Menschen, die ich kenne und mit denen ich arbeite. Die Namen und identifizierenden Merkmale all meiner Klienten und Klientinnen, Freunde und Freundinnen sowie aller Forschungsteilnehmenden – wie auch die wiedergegebenen Gespräche – wurden in dem Bemühen geändert, die Privatsphäre zu schützen und Vertraulichkeit zu gewährleisten. Auch meine biografischen Details wurden hin und wieder leicht geändert, um meine eigene Privatsphäre zu schützen und mein Sicherheitsgefühl aufrechtzuerhalten, doch die Integrität meiner eigenen gelebten Erfahrung wurde gewahrt.
Schließlich ist die Philosophie eine schwierige Angelegenheit, und obwohl ich mein Bestes getan habe, um einige komplizierte Ideen vereinfacht darzustellen, möchte ich dich ermutigen, deine eigene Deutung vorzunehmen und deine eigene Wahrheit zu finden.
Für alle, die sich verloren fühlen
Inhalt
Anmerkung der Autorin
Ich weiß nicht, wer ich bin
TEIL I: Das Selbst
Was ist Selbstverlust?
Was ist das Selbst?
Was erwartet das Leben von mir?
TEILII: Dein verlorenes Selbst
Was verursacht den Selbstverlust?
Wie hält die Gesellschaft den Selbstverlust aufrecht?
Wo ende ich, und wo beginnen andere?
TEILIII: Das Selbst, das du auslebst
Mentales Entrümpeln
Der elektrische Körper
Alles fühlen
TEILIV: Das Selbst, das du bist
Die Kunst, du selbst zu sein
Danksagungen
Anmerkungen
Literaturempfehlungen
Sachregister
Ich weiß nicht, wer ich bin
»Bist du glücklich?«
Die Frage überrascht mich völlig, ebenso mein Drang zu antworten: Nein, überhaupt nicht. Ich ertrage einfach nur die Tatsache, dass ich am Leben bin.
Ich bin fassungslos.
Ich bin 24 Jahre alt, über das Wochenende in L.A. und sitze gerade mit einem engen Freund aus Collegezeiten zusammen, den ich seit unserem Abschluss nur selten gesehen habe. Die Unterhaltung war unbeschwert gewesen – wir hatten in Erinnerungen an unsere sorgenfreien Tage während des Studiums geschwelgt, Erinnerungen, die uns zusammenzucken ließen, über die wir aber auch lachen mussten. Doch dann hatte er mich mit der scheinbar harmlosen Frage umgehauen:
»Bist du glücklich?«
Ich sage es zwar nicht laut, erlaube es mir jedoch zum ersten Mal, der Tatsache ins Auge zu sehen, dass ich zutiefst unglücklich bin. Warum jetzt? An diesem Kreuzungspunkt von Wahrheit und roher Emotion – diesem Moment, den ich Jahre später bei meinen Klienten und Klientinnen erleben werde, wenn sie plötzlich und unwiderruflich erkennen, dass sich ein Aspekt ihres Lebens für sie nicht mehr ehrlich anfühlt – laufen mir mit einem Mal Tränen übers Gesicht. Verwirrt starrt mein Freund mich an.
Ich sitze da, fühle mich von meinem Körper aus dem Hinterhalt angegriffen und betrogen. Meine Brust hebt sich, während meine Lunge versucht, zwischen den einzelnen Schluchzern Luft zu bekommen. Ich sage nichts, sondern gerate in einen Strudel unzusammenhängender, dröhnender Gedanken.
Ich bin todunglücklich.
Ich weiß nicht mehr, wer ich bin – und ich kann mich nicht erinnern, wann ich es das letzte Mal wusste.
Ich fühle mich innerlich zerbrochen – kann mich aber nicht daran erinnern, zerbrochen zu sein.
Ich sage meinem Freund, dass ich zur Toilette muss. Schwankend erreiche ich das Waschbecken und umfasse den Rand, um Halt zu finden. In mir schwillt ein Schrei an, doch ich lasse ihn nicht heraus. Ich spritze mir Wasser ins Gesicht und auf den Hals und hoffe, dass die Kälte mich wieder in eine Realität zurückbringt, die ein bisschen weniger wehtut.
Als ich schließlich in den Spiegel schaue, blicken mir hohle, fremde Augen entgegen. Sie sind leer. Steckt da überhaupt jemand drin? Ich hebe den Arm, um mir das Gesicht abzuwischen, und die Fremde spiegelt mich. Die Frau, die meine Wangen berührt, bin ich, aber sie fühlt sich nicht an wie ich. Ich fühle mich vollkommen getrennt von der Person, die mich anstarrt. Ist sie es, die alle anderen sehen?
Mir ist schwindlig, aus unerklärlichen Gründen fühle ich mich total überwältigt.
Schließlich dämmert es mir: Ich HASSE die Frau im Spiegel. Ich bin verwirrt, frustriert und werde ständig von ihr verletzt. Sie kann mich mal! Ich leide, während sie einfach zuschaut, wie ich ein Leben lebe, das zu leben sich vielleicht nicht einmal lohnt.
Also, nein …
»Ich bin nicht glücklich«, sage ich schließlich laut, in einem leeren Toilettenraum, zu niemand Bestimmtem.
Heute, am Morgen danach, muss ich ein Flugzeug erwischen – meine Schwester und ich haben einen »Mädels-Ausflug« nach Los Angeles unternommen und fliegen zurück nach Hause, nach Vancouver. Gestern Abend in der Bar konnte ich mich zusammenreißen, aber jetzt ist meine Angst davor, in mein »wirkliches« Leben zurückzukehren, deutlich spürbar. Beim Packen fühle ich mich mit jedem Kleidungsstück, das ich in den Koffer lege, schwerer. Ich wundere mich über all die Menschen, Dinge und Rollen, die ich in mein Leben »hineingeholt« habe, obwohl sie nicht für mich bestimmt waren. Dann schelte ich mich schnell, fühle mich undankbar, ja, schäme mich sogar für meine Unzufriedenheit. Ich habe den Bosnien- und den Kosovokrieg überlebt, und die Tatsache, dass ich am Leben und gesund bin und seit meinem neunten Lebensjahr in Kanada lebe, ist ein großes, wunderbares Privileg. Ich habe zu essen, ein Dach über dem Kopf und frische Meeresluft. Alles ist gut!
Doch angesichts dieser erzwungenen Positivität fühle ich mich nur noch elender.
Die Wahrheit ist, dass es mir zurzeit schwerfällt, dankbar zu sein. Ich wohne in einer dunklen, beschissenen Einzimmererdgeschosswohnung, die mein Mann und ich uns kaum leisten können. Der ramponierte Van, den ich fahre, macht jedes Mal, wenn ich auf die Bremse trete, peinlich viel Lärm. Ich habe im Sommer vor Beginn der Graduiertenschule im zarten Alter von 22 geheiratet, und in der konservativen, christlichen Gemeinschaft, in der ich aufwuchs, ist niemand zusammengezuckt, als ich eine so enorme Verpflichtung eingegangen bin, noch bevor sich mein präfrontaler Cortex voll entwickelt hatte. Warum hat mich niemand davon abgehalten?, frage ich mich. Jetzt komme ich nach Hause zu einem Ehemann, den ich nicht liebe. Glücklicherweise bin ich tagsüber meist damit beschäftigt, Kurse zu besuchen und für meinen Masterstudiengang in Beratungspsychologie zu lernen – doch obwohl mich das ablenkt, ist mein Studium anstrengend und von Konkurrenz bestimmt. Mit jeder Aufgabe werden meine Schwachstellen und vergangenen Traumata überdeutlich. Neben den akademischen Anforderungen soll ich in Therapiesitzungen etwas über den emotionalen Schmerz anderer Menschen erfahren, ihnen helfen, damit umzugehen, während ich gleichzeitig versuche, mit meinem eigenen Schmerz zurechtzukommen. Um irgendwie mit meiner Realität fertigzuwerden, verbringe ich viel Zeit damit, von einem ganz anderen Leben tagzuträumen – über endlose Hätte-sein-Können zu fantasieren. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass meine Sinne abgestumpft sind und ich mich fast losgelöst von meiner eigenen Existenz fühle.
Ich fühle mich gedrängt, jemand zu sein, der ich nicht bin, und ein Leben zu leben, das ich nicht leben will. Die Leute nehmen an, dass mir das Leben Spaß macht, dass es super, ja, sogar idyllisch ist, und meine Aufgabe besteht nun darin, den Schein zu wahren – die perfekte Ehe, die schlanke Figur, die akademischen Leistungen. Doch sosehr ich es auch versuche, ich habe das Gefühl, dass ich mich selbst und die Menschen um mich herum enttäusche.
Ich ertrinke.
Man erwartet von mir, dass ich vieles bin: Ehefrau, Studentin, Therapeutin, Freundin, Tochter und Schwester. Doch niemand erwartet von mir, dass ich mich so zeige, wie ich wirklich bin – ich selbst bin –, und es würde auch keine Rolle spielen, wenn jemand es täte, denn selbst ich weiß nicht, wer ich wirklich bin. Mir fehlt der Raum, um meine Gedanken zu enträtseln oder meine Gefühle zu entschlüsseln, obwohl das vielleicht nur eine Entschuldigung ist, weil ich den heimlichen Verdacht habe, dass ich mich auflösen würde, wenn ich es täte. Ich fühle mich gefangen, habe Angst, dass all meine Entscheidungen – die kleinen wie die großen – mich zu einem Leben verurteilt haben, das ich nicht will, ohne Bewährung. Tief in meinem Inneren weiß ich, dass die einzige Möglichkeit, zu entkommen, die ist, das Leben, das ich lebe, zu zerschlagen.
Doch was, wenn ich dabei zerbreche? Wenn ich zerbreche, bevor ich mich befreien kann?
Im Taxi auf dem Weg zum Flughafen schwitze ich stark und grabe die Fingernägel in die Handflächen, um zu verhindern, dass ich mich übergebe. Mein Körper spielt verrückt, nichts fühlt sich mehr richtig an. Ich kann nicht einmal eine einfache Unterhaltung mit meiner Schwester führen; meine Gedanken rasen. Als wir am Flughafen ankommen, werden meine Sinne überflutet. Die Menschenmenge, der Geruch nach Fast Food und Kaffee und die Schwierigkeit, mich aufrechtzuhalten, während ich Schlange stehe, um das Flugzeug zu besteigen – es ist einfach alles zu viel.
Als das Unbehagen zunimmt, versuche ich noch angestrengter, es zu ignorieren. (Was ist das nur, dass wir Menschen eher Leid ertragen würden, als der Wahrheit ins Auge zu sehen?) Ich leugne meine Realität ziemlich erfolgreich, bis wir im Flugzeug sitzen und für den Start das Anschnallzeichen aufleuchtet. Als ich mich anschnalle, sehe ich mit einem Mal nur noch verschwommen. Ich kriege kaum noch Luft, und meine Haut fühlt sich viel zu eng an. Ich sehne mich verzweifelt danach, mir einen Weg herauszubahnen – heraus aus diesem Sitz, aus meinem Körper, aus meinem Leben. Die Blechwände des Flugzeugs kommen immer näher, und die Luft fühlt sich dicker an, abgestanden. Schweiß tropft mir den Nacken und die Brust hinab. Ich schnalle mich los, stehe auf und dränge mich nach vorne durch. Verwirrte Passagiere starren mich an, während die Flugbegleiterin mich wiederholt bittet, mich hinzusetzen.
»Ich muss aussteigen! Ich muss jetzt aussteigen!«, schreie ich. Irgendetwas geschieht. Nichts wird mich aufhalten.
Ich erinnere mich nicht einmal, das Flugzeug verlassen zu haben, doch plötzlich stehe ich an einem leeren Flughafen-Gate und sehe voller Panik meine Schwester an.
Meine Beine zittern. Dann verkrampft mein Oberkörper. Meine Arme verschränken sich, meine Hände ballen sich auf der Brust zu Fäusten, während sich meine Handgelenke verdrehen und meine Finger zu Klauen werden. Ich bin in meinem Körper gefangen. Meine Schwester läuft los, um medizinische Hilfe zu holen. Heilige Scheiße. Ich habe schreckliche Angst, als ich sie in der Ferne verschwinden sehe. Sie kommt wenige Minuten später (die sich wie Stunden anfühlen) zurück, gerade rechtzeitig, um zu beobachten, wie ich meine Sprachfähigkeit verliere. Ich kann meinen Unterkiefer und meine Lippen nicht mehr bewegen, und die Worte kommen als Geächze aus meinem Mund.
So plötzlich, wie die Symptome aufgetreten sind, bekomme ich wieder einen klaren Kopf. Ich bin fokussiert.
Es ist seltsam, wie frei wir werden, wenn wir glauben, mit dem Tod konfrontiert zu sein. In diesem Moment erkenne ich, dass ich bereit bin, alles zu tun, um mich zu schützen, weil nichts dieses Gefühl wert ist. Was ist, wenn ich sterbe, bevor ich überhaupt die Chance habe, wirklich zu leben?, frage ich mich.
Mich selbst offen anzuschauen und mein Leben zu ändern, fühlt sich nicht länger wie ein Vorschlag, sondern wie eine Notwendigkeit an. Ich bin bereit, alles in Ordnung zu bringen, zu verbrennen, wegzuwerfen, zu verlassen oder zu zerschlagen. Ein Gedanke übertönt alle anderen: Ich werde für mich selbst da sein. Ich werde keine passive Beobachterin mehr in meinen eigenen verdammten Leben sein.
Mehrere Minuten später treffen die Sanitäter ein. Ich sterbe nicht. Ich hatte meine erste Panikattacke. Sie geben mir eine Pille und fordern mich auf zu atmen. Sie sind ruhig, und ihre Nonchalance irritiert mich – ich habe gerade dem Tod ins Gesicht gesehen! Doch schon bald kehrt meine Sprachfähigkeit zurück, meine Arme lösen sich wieder, und ich kann stehen.
Heute verstehe ich, dass meine Panikattacke als Reaktion auf die Erkenntnis auftrat, unter einem tiefgreifenden Verlust zu leiden – der Tatsache, dass ich in einem Leben feststeckte, das nicht richtig für mich war, und dass ich darum kämpfte, ich selbst zu sein. Das Ereignis selbst änderte mein Leben nicht, doch es zwang mich zu erkennen, dass sich nichts ändern würde, solange ich keine Änderungen vornahm. Endlich die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, hieß unter anderem, zu erkennen, wann ich selbst das Problem war. Es hieß, nach innen zu schauen und einzusehen, dass letzten Endes meine Entscheidungen meine Realität geschaffen hatten, und dass ich die notwendigen Schritte unternehmen musste, die Dinge zu ändern.
Und so machte ich mich in den Monaten nach der Panikattacke am Flughafen ganz bewusst daran, Raum zu schaffen für die Version meines Selbst, die ich sein wollte – zu wachsen und mich zu entwickeln. Statt zu kontrollieren oder einzuschränken, wer ich war (oder zuzulassen, dass andere dies tun), lernte ich, es meinem Selbst zu erlauben, einfach zu sein. Und das gab mir nach und nach das Gefühl, mich besser zu kennen, zu sehen und zu verstehen als je zuvor. Ich lernte, wer ich war, und schließlich auch, als mein Selbst zu leben.
Ich beendete meine Ehe. Ich unterbrach für eine Weile mein Studium. Ich führte eine Zeitlang keine Sitzungen mehr mit Klienten und Klientinnen durch. Ich zog mich von den Menschen in meinem Freundeskreis zurück, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie nicht das Beste für mich wollten. Ich setzte Grenzen, wodurch viele der Beziehungen, die zu meinem Unbehagen oder meiner existenziellen Angst beitrugen, endeten oder sich auf einschneidende Weise veränderten. Ich begann, sehr genau auf meinen Körper zu hören. Ich gestand mir ein, dass ich in einem Käfig der Erwartungen gelebt hatte. Ich packte meinen Koffer, vergewisserte mich, dass 800 Dollar auf meinem Girokonto lagen, fragte eine Freundin, ob ich auf ihrem Sofa schlafen könne, und flog in die Stadt in Serbien, in der ich aufgewachsen war (ohne eine Vorstellung davon zu haben, was ich dort tun oder wann ich zurückkommen würde).
Ich schrieb Tagebuch. Ich erlaubte es mir, zu weinen. Ich begann, mich dem Trauma meiner vom Krieg beherrschten Vergangenheit zu stellen. Ich hatte nur noch dann Sex, wenn ich ihn wirklich wollte. Ich aß und bewegte mich auf eine Weise, die meinen Körper respektierte. Ich betrauerte die Selbstbeziehung, die ich nie hatte. Ich hörte zu, was ich zu sagen hatte, und hinterfragte es. Ich ruhte mich aus. Ich lernte, mir all dies zur Gewohnheit zu machen, zu einem fortlaufenden und wiederholten Bemühen, das mein Leben formte. Und das Wichtigste: Ich übernahm die Verantwortung für mein eigenes Leben. Als ich zum College zurückkehrte, machte ich meinen Master in Beratungspsychologie, an den sich ein Doktoratsstudium in Psychotherapiewissenschaft anschloss. Ich wurde eine Vertreterin der existenziellen Psychotherapie und half Klienten und Klientinnen mit Traumata sowie Identitäts-, Beziehungs- und ja, existenziellen Problemen (mehr hierzu später). Ich begann, mit Menschen zu arbeiten, die sich leer, abgeschnitten oder frustriert fühlten oder einfach unglücklich waren über das Leben, das sie führten, oder über das Selbst, das sie verkörperten.
In meinen Sitzungen kristallisierte sich ein roter Faden heraus:
Selbstverlust.
Selbstverlust ist, wie ich glaube, der Kern eines sehr großen Teils des menschlichen Leids. Obwohl die meisten von uns intuitiv verstehen, was »Selbstverlust« bedeutet, ist es gut möglich, dass sie diesen Begriff nie zuvor gehört haben oder dass er ihnen nie erklärt wurde. Selbstverlust erwächst aus unserer versäumten Verantwortung, wir selbst zu SEIN. Der Selbstverlust ist kein Konzept, über das du in einem Psychologie-Lehrbuch oder in der Mehrzahl der Therapiezimmer stolpern wirst, sondern eine grundsätzlich menschliche Erfahrung, die in Romanen, in der Kunst, der Musik und im Leben der meisten von uns zum Ausdruck gebracht wird.
Nachdem ich diesen Verlust erlebt hatte, war es leicht, ihn bei anderen zu erkennen, und es war faszinierend zu beobachten, dass ich meine eigene Erfahrung in den Geschichten wiederfand, die ich im Lauf der Jahre von meinen Klienten und Klientinnen, Forschungsteilnehmern und Forschungsteilnehmerinnen hörte. Und so habe ich mich aus folgendem Grund entschlossen, dieses Buch zu schreiben: um dir zu helfen, das Konzept des Selbstverlusts zu erforschen, damit du für dich die beiden wohl beunruhigendsten Fragen beantworten kannst:
Wer bin ich?
Warum bin ich hier?
Ich werde beziehungsweise kann dir die Antworten nicht geben. Stattdessen werde ich dir zeigen, wie du mit diesen Fragen leben kannst. Das Leben ist chaotisch und kompliziert. Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass das Menschsein leicht und mühelos ist. Wir müssen aufhören, so zu tun, als gäbe es auf alle Fragen des Lebens definitive Antworten oder als seien wir alle zu ein und demselben Ziel des Glücks oder Erfolgs unterwegs. Das ist nicht möglich, dieser Ort existiert nicht. Doch du wirst sehen, dass es unglaublich befreiend und zutiefst bedeutungsvoll ist, sich ein Leben zu erschaffen, in dem man ständig Fragen stellt und die Verantwortung dafür übernimmt, seine eigenen persönlichen und individuellen Antworten zu leben.
Der Schmerz, den viele von uns empfinden, rührt daher, dass sie sich dagegen wehren, wer sie sind und was sie wollen – dass sie nicht offen sind für die Absurdität der Existenz und die unbekannten Weisen, auf die das Leben sich entfaltet. Meine Panikattacke war zwar qualvoll, aber auch der entscheidende Moment, der mich dazu brachte, mich auf den bedeutsamen und beglückenden Weg zu machen, mein wahres Ich zu verkörpern. Heute empfinde ich bei dieser Erinnerung Dankbarkeit.a Ohne sie würde ich vielleicht noch immer herumirren und mich fragen, wer ich bin und warum ich überhaupt existiere. Oder schlimmer noch: Ich würde nach wie vor einfach weiterhin die Tatsache ertragen, dass ich am Leben bin.
Ich fühle mich endlich frei – frei, mich selbst zum Ausdruck zu bringen; den Wein zu schmecken, den ich trinke, das Meer vor meinem Fenster zu riechen. Die Menschen in meinem Leben sind aufrichtig und unterstützen mich. Meine »Rollen« stehen im Einklang damit, wer ich bin – ich lebe sie aus einem Gefühl der Zustimmung und nicht der Pflicht. Ich treffe Entscheidungen, die mich anerkennen, während ich bereitwillig die fortlaufende Aufgabe annehme, ich selbst zu sein. Wenn ich in den Spiegel schaue, erkenne ich die Person, die mir daraus entgegenblickt, und ich bin stolz auf sie.
Und so möchte ich dich bitten, dich mir auf dieser dynamischen, wunderbaren, lohnenden Lebensreise anzuschließen – in jedem Moment konsequent zu entscheiden, wer du bist, und Ja zu den Menschen, Orten und Dingen zu sagen, die deinem Leben Bedeutung verleihen. Ja dazu zu sagen, dich deinem wunderschönen Leben – dem einen Leben, das du hast – und, noch wichtiger, deinem Selbst zu stellen und es voll und ganz zu akzeptieren.
a Das heißt nicht, dass wir für schmerzliche Lebenserfahrungen immer »dankbar« sein sollten.
TEIL I
Das Selbst
»Etwas zu wagen bedeutet, vorübergehend den festen Halt zu verlieren. Nichts zu wagen bedeutet, sich selbst zu verlieren.«1
SØRENKIERKEGAARDZUGESCHRIEBEN
KAPITEL 1
Was ist Selbstverlust?
Folgende Visualisierung führe ich oft mit meinen Klienten und Klientinnen durch, um ihnen eine Vorstellung davon zu geben, wie sich der Selbstverlust anfühlt:
Stell dir vor, dass du allein bist und mitten in einem Raum in einem abgenutzten Ledersessel sitzt. Vor dir steht ein beschädigter Couchtisch, der droht, unter dem Gewicht der zahllosen staubigen Bücher zusammenzubrechen, die du lesen wolltest, wozu du aber nie die Zeit gefunden hast. Du trinkst einen Kaffee, der kalt geworden ist und auf dessen Oberfläche geronnene Milch schwimmt. Auf dem Beistelltisch neben dir steht eine klassische grüne Lampe, die nur noch einen dekorativen Zweck erfüllt, seit der Raum in Brand gesetzt wurde.
Die Flammen kriechen die Wände hoch, lösen die Tapeten und wirbeln Asche auf. Das Feuer kommt langsam auf dich zu; kleine Funken brennen Löcher in den Teppich zu deinen Füßen. Durch den Qualm hindurch kannst du kaum etwas sehen. Deine Lungen füllen sich mit Rauch, deine Augen tränen. Doch du bleibst einfach dort sitzen – bezahlst Rechnungen, checkst deine Mails, hältst Deadlines ein, versendest lange, verärgerte Textnachrichten oder postest inspirierende Zitate auf Instagram – und ignorierst deinen bevorstehenden Tod. Du hörst schwache, instinktive innere Schreie. Eine Stimme tief in deinem Inneren drängt dich, INDIEGÄNGEZUKOMMEN.
Doch stattdessen redest du dir ein, dass »alles in Ordnung ist«, dass es dir gut geht, ja, dass du die Kontrolle hast. Dass die von dir gewählte Art zu leben dir nicht wehtun wird. Dein Leben ist in Gefahr, doch aus dem einen oder anderen Grund siehst du es nicht. Du ignorierst es oder wartest vielleicht darauf, dass jemand anderer dich rettet. Du bist zu »eingespannt«, um dich selbst zu retten. Vielleicht bemerkst du aber auch die Flammen, bist jedoch stark damit beschäftigt, darüber nachzudenken, wer das Feuer gelegt hat – du würdest lieber herausbekommen, wem du die Schuld geben kannst, als einen Weg zu finden, wie du leben könntest. Wie dem auch sei, du entscheidest dich nicht dafür, die Flammen zu löschen, was letztlich heißt, dass du dich dafür entscheidest zu verbrennen.
Ich bitte meine Klienten und Klientinnen, sich Zeit zu nehmen, die Metapher zu erforschen und ihre Bedeutung zu erfassen. Wenn sie ihre eigene Interpretation vorgenommen haben, erkläre ich ihnen, was ich mit dieser Metapher sagen will:
Wir sind allein in diesem Raum, denn eines steht fest – niemand wird jemals wirklich wissen, wie es ist, wir zu sein. Der alte, abgenutzte Sessel repräsentiert das Wohlgefühl, das uns die Gewohnheiten und Muster vermitteln, die wir entwickelt haben. Er steht in der Mitte des Raums, weil wir oft – im Guten wie im Bösen – der Mittelpunkt unseres eigenen Lebens sind. Unsere angespannten Beziehungen (der Tisch) haben schwer zu tragen an unserem Mangel an Selbstwachstum und Heilung (die ungeöffneten Bücher). Der kalte Kaffee symbolisiert das Vergehen der Zeit und die einsetzende Selbstzufriedenheit. Die Lampe ist ein Symbol für unser getrübtes Bewusstsein; ihr Licht wird von den die Wände hochkriechenden Flammen (unserem Leugnen) bezwungen.
Die Tapete stellt unsere Grenzen dar. Im Lauf der Zeit blättert sie ab und gefährdet die Integrität des Raums, die Integrität dessen, wer wir sind. Der Teppich, unser Fundament – unsere Überzeugungen, Moralvorstellungen, Werte –, wird in Brand gesetzt, und wir haben Mühe, nicht den Halt zu verlieren. Die verschwommene Sicht steht für die schädlichen Geschichten, die wir uns selbst erzählen, und der Rauch, der unsere Lunge füllt, für all die Dinge, die wir konsumieren, weil wir glauben, dass sie uns »gesund« machen werden, was sie aber nicht tun. Wir ignorieren erfolgreich die Gefahrenzeichen und die Aufforderung, Verantwortung zu übernehmen. Wir geben unsere Freiheit preis und riskieren unser Leben, um die Wärme des Vertrauten zu genießen – unsere sogenannten Pflichten und alltäglichen Banalitäten. Wir wissen vielleicht nicht, warum wir uns in einem brennenden Raum wiederfinden oder wer schuld daran ist, doch letztlich zählt nur eins: Was wir dagegen unternehmen.
Es kann schwerfallen zu verstehen, dass jemand sich einer so klaren Gefahr gegenübersieht und weiter so lebt, als spiele dies keine Rolle. Man kann sich kaum vorstellen, dass jemand, der kurz davor ist, etwas so Wichtiges wie sein Selbst zu verlieren, die Warnzeichen ignorieren kann. Dieser Verlust – die drohende Gefahr, von der ich spreche – ist nicht physischer, sondern existenzieller Natur.
Und es ist die Gefahr, der die meisten von uns wegen ihrer Art, ihr Alltagsleben zu leben, ausgesetzt sind.
Lass uns einen Tag im Leben eines Mädchens namens Alex verbringen. Wenn morgens ihr Wecker klingelt, greift sie als Erstes nach ihrem Handy. Es dauert nur ein paar Sekunden, bevor sie mit dem Finger auf die erste App tippt. Während ihre Augen sich an die Helligkeit gewöhnen, blinzelt sie die Unschärfe ihres Bildschirms weg und checkt ihre Nachrichten, wobei sie überlegt, wann sie antworten oder ein Bild liken soll, ohne zu interessiert zu wirken. Sie wird ein paar oder zehn oder 25 Minuten gedankenlos herumscrollen, bewusst oder unbewusst das Leben, die Körperform oder die Erfolge anderer Menschen wahrnehmen und ihrem Unbewussten neue Unsicherheiten, Vergleiche oder Erwartungen hinzufügen. Schließlich wird sie in ihrer Wohnung herumeilen, um sich (für die Blicke anderer) fertigzumachen, und, wenn genug Zeit bleibt, an diesem Morgen eine Sache für sich selbst zu tun – sich einen Kaffee zu kochen. Immer. Alex wird ihn runterkippen, während sie in ihr erstes Online-Meeting einsteigt oder nach draußen eilt, um den Zug zu erwischen, wobei sie völlig vergisst, zu frühstücken, Wasser zu trinken … oder tief Luft zu holen.
Bei der Arbeit setzt sie ein leichtes Lächeln auf, während sie es mit Menschen zu tun hat, die unangenehm oder unfreundlich sind oder einfach schlechte Arbeit leisten. Sie lebt nach ihrem Online-Kalender, der ihr sagt, mit wem sie wann sprechen und welche Aufgaben sie anpacken muss. Während langer Telefonate checkt sie oft ihre E-Mails, wobei sie beidem wenig Beachtung schenkt. Wenn sie sich langweilt, schickt sie eine bissige Nachricht an einen an derselben Videokonferenz beteiligen Kollegen, um zu sehen, ob sie ihm ein Lächeln entlocken kann. Zum Mittagessen holt sie sich Koffein-Nachschub und etwas zu essen, wobei sie sich kaum einen Moment Zeit nimmt, den Geschmack ihrer Mahlzeit wahrzunehmen. Sie wird ein Foto von ihrem Outfit oder der Aussicht von ihrem Schreibtisch aus machen – und sich zum Wetter oder ihrer Arbeitsbelastung äußern oder einen selbstironischen Witz reißen. Alle zwei oder drei Minuten wird Alex checken, wer sich ihre Story angesehen hat und sie sich selbst ansehen – ihre Bilder stellen ihr Leben in der Regel besser dar, als sie es zu leben vermag, und sie anzuschauen, verhilft ihr zu dem Gefühl, viel mehr zu leben, als sie es tatsächlich tut.
Nach der Arbeit steigt sie vielleicht auf ihren Heimtrainer, nicht weil ihr ihre Gesundheit wichtig ist, sondern weil sie ihren Körper hasst. Danach trifft sie sich mit ihren Freunden und Freundinnen oder setzt sich aufs Sofa und schaut sich einen Film auf Netflix an, um sich davon abzulenken, dass sie erschöpft, verärgert, gelangweilt oder unerfüllt ist. Dabei schielt sie die meiste Zeit auf ihr Handy und fragt sich, ob diese Person, mit der sie ausgeht, ihr zurückschreiben wird. Schließlich kriecht sie ins Bett und schaut auf den Bildschirm, bis die Augenlider schwer werden.
Alex hat sich daran gewöhnt (manche würden vielleicht sogar sagen, fühlt sich wohl damit), in dem brennenden Zimmer zu leben.
Und mit jedem Tag nimmt der Selbstverlust zu.
Kommt dir irgendetwas davon bekannt vor?
Der Begriff »Selbstverlust« klingt fast so, als könnten wir unser Wesen verlegen wie unsere Autoschlüssel oder das Ladekabel für unser Mobiltelefon. Doch auch wenn es eine verlockende Erklärung sein mag, wäre es falsch, den Selbstverlust damit zu vergleichen, etwas anderes oder jemand anderen zu verlieren. Selbstverlust heißt, dass wir von unserem eigentlichen Selbst entfremdet sind und uns die Übereinstimmung, der Einklang und die Verbindung mit ihm fehlt. Es ist das Gefühl, dass wir widersprüchlich und nicht authentisch sind – dass unser Handeln, unsere Gefühle und unsere Entscheidungen nicht länger repräsentieren, wie wir unser »wahres« Ich verstehen und erfahren.
Die traurige Realität ist, dass zu viele von uns unbeeindruckt davon ihr Leben weiterleben, dass sie nicht wissen, wer sie sind. Als Vertreterin der existenziellen Psychotherapie bin ich zu der Einsicht gelangt, dass das menschliche Selbstgefühl den Urstoff unseres Wohlergehens, unserer Beziehungen und unseres Gefühls der Erfüllung bildet. Selbstverlust hingegen ist oft der Grund dafür, dass wir es nicht schaffen, zu kommunizieren und Grenzen zu setzen, dass wir an Überzeugungen festhalten, die uns nicht länger dienlich sind, dass wir mit unseren Beziehungen nicht klarkommen, dass wir überfordert sind oder Angst haben, Entscheidungen zu treffen, dass Selbstliebe so verdammt schwierig ist, und schließlich, dass es so vielen von uns nicht gelingt, einen Sinn und Zweck im Leben zu finden.
Wenn du dies liest, kann es gut sein, dass du dich die meiste Zeit wie der Tod auf Latschen, ja, nicht bei vollem Bewusstsein, lebensprühend oder frei fühlst. Dieser Seinszustand ist so üblich, dass ich es in diesem Augenblick sogar wagen würde zu sagen, dass der Selbstverlust Teil unseres Menschseins geworden ist. Er ist nicht pathologisch, er stellt keine Diagnose dar (obwohl er gleichzeitig mit anderen psychischen Problemen auftreten kann). Er ist etwas, das viele von uns erleben, und er ist das Hindernis, das der Authentizität, der Erfüllung und der sinnvollen Verbindung mit anderen im Wege steht.
Die Krux beim Selbstverlust ist, dass er es uns nicht erlaubt, zu existieren – nicht wirklich erlaubt. Nicht auf eine Weise, die wir als erfüllend oder vielleicht als der Mühe wert empfinden.
In den meisten Fällen ist unser Selbstverlust die Folge unserer Art und Weise, unser scheinbar gleichbleibendes und zuweilen banales Leben zu leben. Er manifestiert sich durch unsere täglichen Entscheidungen und Handlungen und führt uns letztlich – und oft fast unmerklich – zu dem Punkt, an dem wir unser Selbst nicht mehr erkennen oder uns nicht mehr mit ihm verbinden. Dieser Verlust fühlt sich an wie eine Trennung oder Entfremdung von unseren Gefühlen, unserem Körper, unseren Gedanken, Werten, Überzeugungen, Beziehungen, unserer Freiheit und unserem Lebenssinn. Diese Trennung macht es unmöglich, konsequent und im Einklang zu handeln (denn womit sollte man auch im Einklang sein?). Und nach einer Weile erzeugt diese Dissonanz ein unausgesprochenes, quälendes Gefühl der Leere, Zerrissenheit oder Nichtübereinstimmung, das wir ignorieren und leugnen, solange wir es ertragen können.
Søren Kierkegaard, ein dänischer Philosoph, hat in Bezug auf den Selbstverlust einmal gesagt: »Man macht in der Welt nicht viel Aufhebens von dergleichen; denn nach einem Selbst wird in der Welt am wenigsten gefragt, und es ist am gefährlichsten von allem, sich anmerken zu lassen, dass man es hat. Die größte Gefahr, jene, sich selbst zu verlieren, kann in der Welt so geräuschlos sein, als wäre es gar nichts. Kein Verlust kann so still geschehen; jeder andere, der eines Arms, eines Beins, von fünf Reichstalern, einer Gattin usw., wird doch bemerkt.«2
Das Paradoxe an diesem Verlust ist, dass er oft unbemerkt vonstattengeht, aber dennoch unseren Willen erfordert. Soll heißen: Letztlich kommt es zu diesem Verlust, weil wir es zulassen. Wir verlieren unser Selbst nicht ohne unsere Erlaubnis oder Mitwirkung. Wir entscheiden uns vielleicht nicht dafür, uns in einem brennenden Zimmer zu befinden, doch unser Nichthandeln, unser Versäumnis, die Flammen zu löschen, wird zu einer Entscheidung. Der Auslöser für die Entfremdung mag unser mangelndes Bewusstsein, ein besonders ungesundes Umfeld, eine besonders ungesunde Beziehung oder eine alte Wunde sein. Doch meistens wird der Selbstverlust – die vollkommene Trennung von uns selbst – letztlich durch den Prozess der Selbsttäuschung herbeigeführt. Die Gefahr ist so groß, dass unsere einzige Möglichkeit, mit ihr fertigzuwerden – außer tatsächlich etwas gegen sie zu unternehmen –, darin besteht, uns selbst anzulügen und zu leugnen, dass wir uns leer, unerfüllt und verwirrt fühlen. Das Leben ist zu einem Flickwerk geworden, das aus unseren fehlgeleiteten Bemühungen besteht, die Leere mit Beziehungen, Jobs, Besitztümern oder manchmal sogar Kindern zu füllen. Mit allem, was uns hilft, ein bisschen länger so tun zu können, als ob alles in Ordnung sei. Wir ignorieren fortwährend unsere Vergangenheit, unsere Schatten, unsere Wunden und wundern uns dann, warum wir Entscheidungen treffen, die uns nicht dienlich sind.
Unsere Neigung, uns selbst zu täuschen – die Wahrheit vor uns zu verbergen und trotz gegenteiliger Beweise nur zu sehen, was wir sehen wollen –, ist nicht einfach eine individuelle Marotte, sondern eine Einstellung zum Selbst, die für unsere Gesellschaft insgesamt gilt. Es ist in unserer Gesellschaft normal geworden, etwas anderes als wir selbst zu sein, und ehrlich gesagt wissen die meisten von uns nicht, dass es einen alternativen Weg gibt. Man hat uns beigebracht, unser Ich zu erfinden, es vorzutäuschen, zu verändern und umzuarbeiten, um »Anerkennung« und ein Gefühl der »Zugehörigkeit« zu erlangen, als würden diese äußeren Vorteile uns für die Leere im Inneren entschädigen.
Einige von uns wussten, wer sie waren, und verloren dann ihren Weg. Andere wurden erst gar nicht sie selbst. Wir wurden älter, wir wurden reifer, und unsere Rollen und Funktionen veränderten sich, doch wir verstanden nie unser Wesen (die intrinsische Qualität, die uns zu dem macht, wer wir sind, ein Konzept, das ich im nächsten Kapitel genauer erforschen werde). Wir wurden vieles – Experten und Expertinnen, Partner und Partnerinnen, Mentoren und Mentorinnen, Freunde und Freundinnen, Elternteile –, doch wir wurden nie wirklich wir selbst. Wir übernahmen nie wirklich die Verantwortung für die kostbare, begrenzte Zeit, die uns gegeben ist. Ehe wir uns versahen, machte es uns ein tiefes Gefühl der Orientierungslosigkeit schwierig, auch nur zu wissen, wo wir anfangen sollten.
In seiner grundlegendsten Funktion schränkt der Selbstverlust unsere Fähigkeit ein, wir selbst zu sein.
Er gehört zu den schmerzlichsten menschlichen Erfahrungen – ein unsichtbares Leiden, das sich auf jeden Aspekt unseres Lebens auswirkt. Als Folge davon, dass wir nicht wissen, wer wir sind:
Betreiben wir Selbstsabotage und tun uns ungewollt weh.
Haben wir Mühe, zu erkennen und zu verbalisieren, was wir brauchen, denken oder wie wir uns fühlen.
Ertappen wir uns dabei, ein Leben zu leben, das wir nicht wollen oder nicht erfüllend finden.
Geben wir anderen den Vorrang vor uns selbst.
Bleiben wir in Beziehungen, in denen wir nicht sein sollten.
Geraten wir in Kreisläufe, ungesunde Muster zu wiederholen.
Sind wir unfähig, unseren Sinn im Leben oder die Richtung, die wir einschlagen wollen, zu finden.
Gelingt es uns nicht, Grenzen zu setzen und aufrechtzuerhalten.
Sind wir mit einem tiefen Gefühl der Unzufriedenheit konfrontiert.
Haben wir mit unserer Selbstachtung zu kämpfen.
Fühlen wir uns ständig vom Leben überfordert oder enttäuscht.
Haben wir letztlich Schwierigkeiten, uns wirklich mit unserem Selbst zu verbinden, es zu akzeptieren und ihm zu vertrauen.
WIE ZEIGT SICH DER SELBSTVERLUST?
Ich habe mich lange Zeit nicht mit meinem eigenen Selbstverlust beschäftigt, hauptsächlich, weil ich nicht wusste, dass ich verloren war. Dass es so schwierig ist, den Selbstverlust genau festzustellen, liegt – abgesehen von unserer willentlichen oder unwillentlichen Ignoranz – unter anderem daran, dass er für viele von uns zutiefst verflochten ist mit der Erfahrung des Menschseins.
Bei mir zeigte sich der Selbstverlust in jedem Aspekt meines Lebens:
Ich unterdrückte meine Gefühle, bis sie mich überwältigten.
Ich ignorierte die Signale, die mein Körper sendete, bis er mich zwang, ihm zuzuhören.
Ich hatte die schlechte Angewohnheit, das Funktionieren von Beziehungen zu erzwingen, weil ich nicht wusste, wer ich ohne sie war.
Ich akzeptierte einen Großteil meines Lebens blind ein Glaubenssystem, das mein sittliches Verhalten steuerte. Das Problem war nicht die Weltanschauung an sich, sondern meine mangelnde Handlungsfähigkeit und die fehlende Einstimmung auf meine Bedürfnisse und Wünsche.
Und obwohl ich schließlich eins dieser langweiligen, stets verantwortungsvollen menschlichen Wesen zu sein schien, ging ich unbekümmert verantwortungslos mit meinem eigenen Leben um. Ich lebte, als hätte ich Zeit zu vergeuden und würde die Folgen meines Handelns nicht spüren. Ich redete mir ein, dass unerfüllt, traurig und verwirrt zu sein die Art von Leben war, das mir bestimmt war.
Ich wünschte, ich hätte meinen Verlust früher erkennen können, doch dazu hätte ich wissen müssen, wonach ich suchen sollte – und das wusste ich nicht. Lass mich dir also helfen, besser zu verstehen, wie der Selbstverlust sich in der Regel in allen Aspekten unseres Lebens manifestiert. Lass uns fünf wesentliche Kategorien betrachten:
1. Emotionen
Menschen, die einen Selbstverlust erleiden, haben oft Mühe, sich selbst zu regulieren, sich selbst zu beruhigen oder emotionale Bindungen einzugehen – ihnen fehlt die innere Stabilität. Und so greifen sie zu Bewältigungsmechanismen wie Vermeidung, Unterdrückung oder Realitätsflucht.
Einige Bewältigungsmechanismen sind offensichtlicher – sich zum Beispiel allabendlich zu betrinken oder Binge-Watching zu betreiben. Andere Bewältigungsmechanismen lassen sich nur schwer entdecken, weil sie vielleicht auf den ersten Blick bewundernswürdige Verhaltensweisen zu sein scheinen. So halten sich viele Menschen beschäftigt oder streben nach Erfolg (den Ehrenabzeichen der Gesellschaft). Wir sind beeindruckt von diesen Menschen, statt uns Sorgen um sie zu machen (was manchmal eine angemessenere Reaktion wäre). Sie schaffen es, während sie durchs Leben gehen, ihren Verlust auszublenden, indem sie ihre Gefühle betäuben oder sich von ihnen lösen, weil sie zu beschäftigt sind, um den Schmerz zu spüren.
Die emotionale Wirkung des Selbstverlusts zeigt sich oft in Extremen.
Einige Menschen werden gereizt, wenn andere viele Emotionen zeigen (oder genauer: werden durch sie getriggert). Sie bedauern andere für ihren »Mangel an Kontrolle« und klopfen sich selbst dafür auf die Schulter, sich derart beherrschen zu können, dass sie nichts fühlen. Sie halten ihre Lebenseinstellung für die bessere und bieten anderen keinen Raum, in ihrer Gegenwart ihre Emotionen zu zeigen. Ich war früher auch so.
Andere hingegen erleben ihren Selbstverlust vielleicht als das ständige Gefühl, von ihren Emotionen überwältigt zu sein (nicht zu wissen, was sie mit ihnen anfangen sollen). Möglicherweise erlauben sie es ihren Emotionen, ihr Handeln zu diktieren, und erwarten, dass andere ihnen helfen, mit diesen Emotionen fertigzuwerden, während sie darum ringen, zu verstehen, was sie bedeuten, oder versuchen, sie zu kommunizieren. So zerschlagen Mütter von Neugeborenen manchmal Gegenstände in ihrem Zuhause oder hämmern gegen Wände. Die Belastung und die Verletzung des Selbst, die damit einhergehen kann, ein Kind zu bekommen, führt gelegentlich zu übermächtiger Wut und selbstverletzendem Verhalten. Ja, dies können Symptome einer postpartalen Wut sein, aber auch die Folge der Auflösung des Selbst aufgrund der endlosen Anforderungen, die plötzlich an die frischgebackene Mutter gestellt werden.
2. Der Körper
Wir können unseren Körper nicht davon trennen, wer wir sind. Und so überrascht es nicht, dass der Selbstverlust es schwieriger macht, uns mit unserem Körper zu identifizieren und im Einklang zu fühlen – es also problematisch wird, in puncto Sex, Essen, Bewegung (Sport) und unseres Selbst zu Übereinstimmung, Harmonie und Vereinbarkeit zu gelangen. Wir verkennen oft unsere physischen Bedürfnisse, Wünsche, Vorlieben oder Erfahrungen. Wir nutzen unseren Körper eher als Werkzeug denn als Ausdrucksform oder als Erweiterung unseres Selbst.
Viele von uns erwarten zu viel von ihrem Körper, schenken ihm gleichzeitig jedoch sehr wenig Aufmerksamkeit (ein Rezept für jede ungesunde Beziehung). Wir treiben übermäßig Sport, regulieren Stress nicht, sagen grausame Dinge über bestimmte Körperteile (unsere Oberschenkel, unseren Bauch, unseren Hals), schlafen zu wenig, decken unseren Flüssigkeitsbedarf mit Kaffee statt mit Wasser, ignorieren Signale des Unbehagens oder der Erschöpfung, haben auf eine Weise Sex, wie wir es nicht wollen, unterdrücken unsere Tränen und nutzen unseren Körper als Köder oder Trophäe statt als lebendes, atmendes, sich änderndes Gebilde. Das liegt daran, dass die meisten von uns ihren Körper nicht als Teil ihres Kern-Selbst verstehen.
3. Beziehungen
Die Beziehung, die wir zu unserem Selbst haben, wird sich in unseren Beziehungen mit anderen spiegeln. Menschen, die einen Selbstverlust erleiden, werden eher Beziehungen eingehen und in Beziehungen bleiben, die 1) ungesund, 2) einseitig, 3) nicht erfüllend oder 4) alles zusammengenommen sind. Warum? Weil der Selbstverlust oft mit unserer Unfähigkeit oder Abneigung einhergeht, zu erkennen, welche Beziehungen mit unseren Gefühlen, unseren Bedürfnissen und unserem Selbst im Einklang stehen. Wenn wir uns selbst nicht verstehen, wählen wir eher einen Partner oder eine Beziehung als Reaktion auf unsere Wunden, unsere Unsicherheiten oder unser modelliertes Verhalten.
Der Selbstverlust raubt uns oft unser Selbstwertgefühl, was dazu führt, dass wir versuchen, es durch Bestätigung von außen zurückzubekommen. Viele von uns wissen, wie es sich anfühlt, wenn sie das Funktionieren von Beziehungen erzwingen wollen; sie reden sich ein, dass das, was der Partner oder die Partnerin will, das ist, was sie wollen, dass seine oder ihre Art, sie zu behandeln, »normal« ist, oder – mein persönlicher Favorit – dass »niemand perfekt ist«, um damit wiederholtes schlechtes Verhalten zu entschuldigen. Diese Haltung kann (gelinde gesagt) zu vielen nicht erfüllenden oder schmerzlichen Dynamiken führen und den Selbstverlust fördern, weil sie uns nicht den Raum oder die Erlaubnis gibt, wir selbst zu sein. Viele von uns wissen schließlich nicht mehr, wer sie außerhalb einer Beziehung sind. Wenn du jemals das Gefühl hattest, total auf jemanden fixiert zu sein, ist es gut möglich, dass du nicht wusstest, wer du ohne ihn oder sie warst.
4. Innere Zustimmung
