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Die angewandte Ethik unterscheidet nach einer auf den Einzelnen gerichteten Strebensethik und einer an der Gemeinschaft orientierten Sollensethik oder Moralphilosophie. Weil sie heute fast ausschließlich als angewandte Moralphilosophie auftritt, konzentriert sich Urs Thurnherrs Einführung auf diesen Bereich. Der einleitende Teil erläutert, was unter angewandter Ethik überhaupt zu verstehen ist, wozu man sie braucht und wie angewandte Ethiken zu entwerfen sind. Im Folgenden bietet Thurnherr einen Überblick über die verschiedenen Themenfelder der philosophischen Disziplin von der Bioethik bis zur Wirtschaftsethik.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2024
Urs Thurnherr
Junius Verlag GmbH
Stresemannstraße 375
22761 Hamburg
Im Internet: www.junius-verlag.de
© 2000 by Junius Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Covergestaltung: Florian Zietz
E-Book-Ausgabe September 2023
ISBN 978-3-96060-125-8
Basierend auf Printausgabe
ISBN 978-3-88506-322-3
2. ergänzte Auflage Juli 2010
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
1. Einleitung: Was versteht man unter angewandter Ethik?
Allgemeine Ethik
Angewandte Ethik
2. Warum braucht man heute angewandte Ethiken?
3. Wie sind angewandte Ethiken zu entwerfen?
Die reflektierende Urteilskraft
Philosophisch-ethische Beratung
Ethikkommissionen
4. Die Themenfelder der angewandten Ethik
Die Medizinethik und die Ethik der Resignation
Die Bioethik und das Scheitern des Konsequenzialismus
Die Tierethik und das Scheitern normativer Ethik
Die Ökologieethik und die Pluralität normativ-ethischer Theorien
Die Sozialethik oder das extensive Moment der Moral
Die politische Ethik oder die funktionierende Gemeinschaft
Die Rechtsethik und die so genannte Institutionsaporie
Die Wirtschaftsethik oder das intensive Moment der Moral
Die Medienethik oder die gemeinsame reflektierende Urteilskraft
Die Technikethik und die philosophische Begriffsarbeit
Die Wissenschaftsethik und der blinde Fleck
Die psychologische Ethik und die Beschreibung des Falles
Die Strebensethik und ihre Anwendung
Anhang
Anmerkungen
Literaturhinweise
Über den Autor
Angewandte Ethik als philosophische Spezialdisziplin lässt sich nur in Anlehnung an den Begriff der allgemeinen Ethik und im Gesamtkontext der Disziplin Ethik definieren. Den Gegenstand ethischer Untersuchungen und Erörterungen bilden diejenigen menschlichen Verhaltensweisen oder Handlungen, von denen behauptet wird, sie wären unverzichtbare Formen eines gelungenen oder guten Lebens. Ethik beschäftigt sich also unmittelbar mit Urteilen, Grundsätzen oder Regeln, in denen etwas über gutes menschliches Handeln ausgesagt oder festgeschrieben wird.
Weil eine Handlung oder eine Handlungsweise auch ausschließlich für das handelnde Individuum gut sein kann, ohne zugleich für die Gemeinschaft als Ganze gut zu sein, als deren Mitglied sich das Individuum begreift, und umgekehrt, müssen grundsätzlich zwei Bereiche ethischer Reflexion auseinander gehalten werden: die Strebensethik, die zur individuellen Glückssuche anleitet, und die Moralphilosophie oder Sollensethik, der es um das durch die Moral gesicherte gute Leben geht.1 In gewisser Weise kann die Strebensethik als eine theoretische Anleitung bei der Suche nach dem individuellen gelungenen Leben und die Sollensethik als eine Art Theorie der Moral angesehen werden. Als Formen theoretischer Anleitungen zum guten und gelungenen Leben zielen sowohl die Strebensethik als auch die Sollensethik auf ihre Anwendung. Bei dieser Differenzierung zwischen Strebens- und Sollensethik muss jedoch sogleich darauf aufmerksam gemacht werden, dass »Sollens- und Strebensethik nicht mechanisch, sondern nur idealtypisch getrennt werden können«2. Denn die beiden Ethikbereiche können zwar niemals restlos aufeinander zurückgeführt werden, sind aber untergründig in mannigfacher Art miteinander verwoben. Dieser Umstand und vor allem die betreffende Unterscheidung insgesamt erklären sich aus dem Vorhandensein zweier entsprechender menschlicher Fundamentalstrebungen, die nie vollkommen zur Deckung gebracht werden können: Zum einen verlangt es den Menschen danach, seine Individualität auszuformen und sich daran zu erfreuen, und gleichzeitig lässt ihn zum anderen das konträre Bedürfnis nicht los, sich mit anderen Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenzuschließen, um sich in ihr aufgehoben und geschützt zu fühlen. Die angewandte Ethik tritt heute noch fast ausschließlich als angewandte Moralphilosophie auf, weshalb ich mich zunächst ganz auf die Diskussionen im sollensethischen Bereich konzentrieren werde.
Aufgrund der verschiedenen Erkenntnisinteressen können im Bereich einer allgemeinen Ethik drei Ethiktypen unterschieden werden: die deskriptive Ethik, die normative Ethik und die Metaethik. Als deskriptiv bezeichnet man die Ethik, sofern sie frühere oder heutige Moralen aus einem explizit historischen, psychologischen, soziologischen, ethnologischen oder anderen einzelwissenschaftlichen Erkenntnisinteresse und von einem Standpunkt außerhalb der Moral zu beschreiben versucht. Soweit Ethik als eine philosophische Disziplin aufgefasst wird, stellt im Kontext solcher einzelwissenschaftlicher Unternehmungen der Ausdruck »Metamoral« allerdings eine treffendere Bezeichnung dar als der Titel »deskriptive Ethik«.3
Als einzige Subdisziplin der allgemeinen Ethik geht die normative Ethik ihr Geschäft von einem festen Standpunkt innerhalb der Moral aus an. Um normative oder präskriptive Ethik zu betreiben, muss man sich – wie schon Aristoteles im ersten Buch seiner Nikomachischen Ethik herausstreicht – bereits sicher auf dem Feld der Moral bewegen. Den Gegenstand, auf den sich die normativ-ethische Auseinandersetzung unmittelbar bezieht und auf dem das normativ-ethische Interesse überhaupt gründet, kann man lediglich besitzen, insoweit man ihn als eine internalisierte Forderung in Gemüt und Bewusstsein präsent hat, in jeder moralisch relevanten Situation das Schlechte vermeiden und das Gute realisieren zu sollen. Von daher gilt für die normative Ethik: »Ethische Reflexion macht [zwar] nicht gut; ethische Reflexion macht [aber] besser.«4 Einen Gewinn aus normativ-ethischen Erörterungen zieht mithin nur derjenige, dem es bereits darum geht, das Gute zu tun, und dieser Profit besteht sodann darin, dass er genauer zu erkennen vermag, was das Gute tatsächlich ist, und dass er es darum durch sein Handeln besser zu treffen vermag.
Die philosophische normative Ethik versteht sich als Begründerin und Kontrolleurin der Moral. Im Horizont dieser doppelten Funktion unternimmt sie den Versuch, grundlegende moralische Prinzipien und Kriterien zu bestimmen und zu verankern, damit die geltenden moralischen Normen sowie die mit ihnen verknüpften moralischen Urteile, was die Rechtmäßigkeit ihrer Geltungsansprüche anbelangt, überprüft und, wann immer notwendig, außer Kraft gesetzt oder korrigiert werden können. In einem engeren Verständnis ist es ihr Ziel, das formale Moralprinzip zu eruieren oder das höchste Gut zu bestimmen und rational zu begründen, damit diese im Leben eine Art Kompassfunktion übernehmen können. Hierbei werden allerdings unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf das Moralprinzip oder das höchste Gut vertreten und damit verschiedene Kompasse angeboten, beispielsweise die goldene Regel in der Bergpredigt nach dem Matthäus-Evangelium oder das utilitaristische Prinzip oder der kategorische Imperativ bei Kant. Zur Aufgabe der normativen Ethik gehört, wie die Tradition vielfältig belegt, außerdem eine spezifische Art der Anwendung des Moralprinzips auf die »allgemeinen Bedingungen menschlichen Lebens und Zusammenlebens«5 – eine Anwendung, deren Ergebnis »mittlere und sachbezogene Prinzipien«6 sind. So lässt sich aus fast allen Moralprinzipien mit Blick auf die Hilfsbedürftigkeit des Menschen, ein Signum der Conditio humana, das allgemeine Gebot ableiten, in Not geratenen Menschen zu helfen. Bereits hier handelt es sich um eine Form der Anwendung von Ethik. Was jene allgemeine Forderung in einer gegebenen Situation genau bedeutet, ist allerdings damit noch nicht ausgesprochen. Erst durch eine weitere Anwendung solcher mittleren Prinzipien gelangen wir »auf einer dritten Stufe [zu] zeitgerechten und situationsgemäßen Beurteilungskriterien«7. Diese zweite Anwendung bildet sodann das Geschäft der angewandten Ethik in der gängigen, engeren Bedeutung.
Eine normativ-ethische Theorie umfasst also stets zweierlei: eine klare Formulierung des Moralprinzips, die die Anwendung des Prinzips auf den unterschiedlichen Reflexionsebenen ermöglicht, und eine betreffende Begründung dieses Prinzips. Eine Sonderstellung hat hierbei allenfalls der so genannte Kohärentismus inne, der darauf verzichtet, das Prinzip der Moral zu begreifen, und sich darauf beschränkt, die größtmögliche Kohärenz mit den vorhandenen moralischen Intuitionen zu gebieten.8 Aber selbst der Kohärentismus kommt nicht ganz ohne ein prinzipielles Moment aus; soweit er die Herstellung der Kohärenz vorschreibt, beinhaltet er zumindest einen Orientierungsgrundsatz.
Die Metaethik untersucht ihrerseits wiederum von einem moralisch möglichst neutralen und normativ-ethisch unparteiischen Standpunkt aus die Logik moralischer Urteile, die Sprache der Moral, die Methoden normativ-ethischer Theorien und die Möglichkeit normativ-ethischer Begründung überhaupt. Ihre Funktion gegenüber der normativen Ethik ist – positiv ausgedrückt – die einer Art Controlling-Instanz. Besonders treffend bringt dies Jean-Claude Wolf auf den Punkt, wenn er gegenüber dem Missverständnis, die Metaethik sei absolut und in jeder Hinsicht neutral, dezidiert festhält: »Metaethik enthält […] auch reformierende Definitionen, welche den faktischen Sprachgebrauch teilweise verändern. Definieren, Präzisieren und Explizieren sind normative Tätigkeiten – ihre obersten Normen sind Klarheit, Nichtzirkularität und Fruchtbarkeit für Theorien. Dies sind […] methodologische Normen, die v. a. der besseren Verständigung dienen. Der Nutzen metaethischer Erörterungen bemißt sich nach diesen Normen. Die Neutralität der Metaethik kann nicht […] auf jegliche Normierung verzichten.«9
Ähnlich wie die allgemeine normative Ethik macht angewandte Ethik nur für denjenigen Sinn, den Moral unmittelbar etwas angeht. Den Ausgangspunkt, der zu normativ-ethischen Erörterungen und am Ende zu angewandt-ethischen Reflexionen führt, bildet ein spezifischer Handlungsbedarf, eine moralische Problemstellung, wobei diese als moralisch relevante Problemstellung allererst erkannt werden muss. Der Anstoß zu solchem Erkennen ist für gewöhnlich das Erwachen des moralischen Bewusstseins oder das Anschlagen des Gewissens, das einen bestimmten Konflikt zwischen den sich unmittelbar aufdrängenden Handlungsalternativen und der eigenen, internalisierten Moral signalisiert.
Unter dem Begriff der Moral subsumieren wir eine disparate Mannigfaltigkeit von Dingen. »Das Wort ›moralisch‹ charakterisiert Urteile, Regeln, Haltungen, Institutionen, die in einem noch näher zu bestimmenden Sinn das menschliche Verhalten leiten.«10 In der Beschreibung der Moral als Leiterin menschlichen Handelns ist bereits ein wesentliches Charakteristikum der Moral angesprochen: Allem Moralischen eignet ein präskriptives oder normatives Moment. »Eine Moral ist der Inbegriff jener Normen und Werte, die durch gemeinsame Anerkennung als verbindlich gesetzt worden sind und in der Form von Geboten (Du sollst … ; es ist deine Pflicht …) oder Verboten (Du sollst nicht …) an die Gemeinschaft der Handelnden appellieren.«11 Dabei wendet sich das jeweilige moralische Sollen nicht bloß an ausgewählte Individuen, sondern an alle, die sich in einer vergleichbaren Situation befinden. Die Moral erhebt einen Anspruch auf allgemeine Verbindlichkeit.
Die Inhalte der moralischen Normen sind im Verlauf der Zeit einem gewissen Wandel unterworfen. Sie werden gelegentlich modifiziert oder durch andere Inhalte ausgetauscht. Während zum Beispiel körperliche Züchtigung vor Jahrzehnten noch durch die Moral als ein probates Mittel der Kindererziehung gebilligt, von guten Eltern unter bestimmten Umständen als einzig richtiges moralisches Sanktionsmittel für Kinder gar eingefordert worden ist, gehören die Körperstrafen vom Standpunkt heutiger Moral aus in den Bereich des Kindesmissbrauchs. »Der Begriff der Moral bezieht sich auf etwas, das seinem Inhalt nach veränderlich, seinem Anspruch nach aber unveränderlich ist.«12 Durch diesen Umstand scheint der Moral gleichsam etwas Paradoxes anzuhaften. Obwohl wir wissen, dass die Inhalte der Moral sich wandeln können, verbinden wir mit dem, was wir moralisch für richtig erachten, einen Anspruch auf unbedingte Gültigkeit. »Moralische Urteile […] fordern, was sie fordern, kategorisch: unabhängig davon, ob der einzelne an dem letzten Ziel der geforderten Handlung ein Interesse verspürt oder nicht.«13 Dieses – neben den Momenten der Normativität und der allgemeinen Verbindlichkeit – dritte Wesensmerkmal der Moral verweist darauf, dass mit dem Moralischen immer ein Bezug zu letzten Orientierungen ins Spiel kommt. Moralische Forderungen sollen deshalb unbedingt eingehalten werden, weil durch sie dasjenige realisiert oder verteidigt wird, was am Ende als das Entscheidende oder das Wichtigste erscheint.
Die Moral bringt also über das Gewissen ihre Sollensansprüche ins Bewusstsein, die für sich allgemeine Verbindlichkeit bzw. kategorische Gültigkeit reklamieren. Soweit die moralischen Sollensforderungen unwidersprochen bleiben und sich das Gewissen in der Folge gegen widersprechende Neigungen und Privatinteressen durchsetzt, bedürfte es zunächst überhaupt keiner Ethik. Normativ-ethische und angewandt-ethische Überlegungen sind erst dort gefragt, wo die zunächst fraglos gültige Moral in ihrem Anspruch, die richtige Moral zu sein, fragwürdig wird.
Das Fragwürdigwerden14 von moralischen Verbindlichkeiten ist kein außergewöhnliches Phänomen. Moral verliert erstens ihre Selbstverständlichkeit, wo sie anderen Moralen begegnet. Moralische Normen werden zudem zweitens durch die Kollision mit anderen, gleichzeitig gültigen moralischen Normen problematisch. Drittens können moralische Inhalte im Lichte neuer Erfahrungen und Einsichten, in der Konsequenz neuer Erkenntnisse oder durch eine Änderung in der Lebens- und in der Weltanschauung fragwürdig werden.15 Die Moral kann viertens auch sozusagen willkürlich infrage gestellt werden, indem man aus einem rein praktischen Erkenntnisinteresse heraus prüfen möchte, ob ihre Sollensansprüche berechtigt sind. Solche Fragwürdigkeiten, Problematisierungen und Unsicherheiten bieten in der Geschichte der Moralphilosophie immer wieder Anlass, nach dem Prinzip der Moral zu fragen, um daraufhin dieses Prinzip nicht nur auf allgemein-anthropologische Gegebenheiten, sondern explizit auch auf bestimmte typisierte oder singuläre Fälle anzuwenden. In der weitesten Bedeutung meint angewandte Ethik nichts anderes als eine solche Bewegung der Reflexion vom moralischen Handlungsbedarf aus über den Rückgriff auf eine normativ-ethisch begründete Supernorm hin zur Anwendung des Moralprinzips auf die fragwürdig gewordenen Fälle des Lebens – mit dem Ziel, rational begründete spezielle Normen zu gewinnen. Angewandte Ethik ist folglich »als problembezogene Ethik«16 zuvorderst spezielle normative Ethik. Vom Standpunkt der angewandten Ethik aus sind schließlich die deskriptive Ethik, die normative Ethik und die Metaethik treffender als ethische Grundlagenwissenschaften zu bezeichnen, statt sie unter dem Titel einer allgemeinen Ethik zusammenzufassen.
Angewandte Ethik im heutigen Sinne hat eine doppelte Bedeutung: Als Terminus für eine philosophische Disziplin meint der Begriff zum einen die systematische Anwendung normativ-ethischer Prinzipien auf Handlungsräume, Berufsfelder und Sachgebiete, zum anderen bezieht er sich – im Plural verwendet – auf die Vielzahl der angewandt-ethischen Diskurse bzw. entsprechender Normenkataloge, denen die Fokussierung auf ein jeweils ganz bestimmtes Thema eigentümlich ist (Bioethik, Medizinethik, Friedensethik usw.). Das Ergebnis der angewandtethischen Anstrengungen insgesamt ist mithin »ein spezialisiertes Normen- und Regelpanorama für exemplarische Themenfelder«17. Wie Hans Krämer im Zusammenhang mit der Strebensethik spezifiziert, umfasst der Normenkatalog einer angewandten Ethik »Grundregeln für bestimmte Themen- und Aktionsfelder, Spezialregeln für einzelne Falltypen und Einzelregeln für besondere Fälle«18. Die Erarbeitung von angewandten Ethiken, die die fortwährende, ermüdende Anwendung des Moralprinzips überflüssig machen, erweist sich als ein Gebot der Zeitökonomie.19
Einem weit verbreiteten Vorurteil nach wird der angewandtethische Diskurs als eine Erfindung unserer Zeit angesehen. Dies mag daher rühren, dass einzelne spezielle Ethiken wie zum Beispiel die so genannte Bioethik tatsächlich erst seit etwa drei Jahrzehnten als Sonderdisziplinen existieren. Daneben wird indessen übersehen, dass gewisse angewandte Ethiken wie die Medizinethik, die Rechtsethik oder die politische Ethik auf eine Geschichte zurückblicken können, die ähnlich weit zurückreicht wie die Philosophiegeschichte insgesamt. Unbestritten bleibt allerdings, dass angewandte Ethik gegenwärtig Konjunktur hat wie nie zuvor, was sich hauptsächlich durch zwei Gründe erklären lässt.
Der rasante Fortschritt von Wissenschaft und Technik in diesem Jahrhundert hat völlig neuartige technologische Horizonte aufgeschlossen: die Technologien der Atomkraft, der Datenverarbeitung, der modernen Medien und der Kommunikationsmittel sowie der Genomanalyse bzw. der Genmanipulation. Schon Hans Jonas sprach vor zwei Jahrzehnten von »neuen Dimensionen der Verantwortung«20, mit denen der Mensch durch die Entwicklungen im Bereich der Wissenschaft und der Technik konfrontiert sei. Jonas führt drei Charakteristika an, die die Auswirkungen jener Technologien kennzeichnen und zugleich das Neue an den Problemen im Bereich der Moral begründen: (a) die jede bisherige Überschaubarkeit transzendierende »räumliche Ausbreitung und Zeitlänge der Kausalreihen«21, wie sie etwa bei der Atomkraftnutzung zu berücksichtigen sind; (b) die absolute »Unumkehrbarkeit«22 gewisser einmal ausgelöster Vorgänge, beispielsweise nach der Freisetzung genmanipulierter Pflanzen; und (c) der bis dahin kaum vorstellbare »kumulative Charakter«23 bestimmter Entwicklungen, wie die Computerisierung fast sämtlicher Lebensbereiche und deren Konsequenzen belegen. Für die moralischen Probleme, die die betreffenden neuen Möglichkeiten aufwerfen, hält die tradierte Moral keine Lösungen bereit, weil sie mit vergleichbaren Problemen nie konfrontiert worden ist. So vermag zum Beispiel ein Theologe den Dekalog oder die anderen moralischen Gebote, die die Schrift enthält, nur noch unter größten exegetischen Anstrengungen etwa auf moralische Fragen der Genmanipulation anzuwenden. Die angewandte Ethik soll und kann das betreffende moralische Vakuum ausfüllen, sie tritt heute gewissermaßen als Ersatz an die Stelle der traditionellen Moral.
Der zweite Grund hat mit dem sich gleichzeitig in den Industrienationen herausbildenden Individualismus zu tun, in dem sich das Programm d er Aufklärung zu erfüllen scheint, der es u. a. aber auch mit sich bringt, dass den die Gemeinschaft betreffenden, sollensethischen Fragen zunehmend eine quasi strebensethische Behandlung widerfährt. Ein Aspekt dieses so genannten Individualismus auf dem Feld der Moral kann zur Verdeutlichung als Sprung von einem eher autoritären zu einem autonomen Gewissen beschrieben werden.
Das Gewissen bezeichnet ein spezifisches Wissen um die Regeln und Grundsätze der Moral. »Unter Gewissen verstehen wir ein Selbstverständnis des Menschen, in dem er sich dem (unbedingten) Anspruch unterstellt weiß, das Gute zu tun.«24 Das Gewissen erweist sich aber keineswegs als ein abstraktes, rein theoretisches Wissen: »Vielmehr äußert es sich als begleitendes Wissen, als Mitwissen (lat. conscientia), d. h. der Anspruch des Gewissens wird gefühlt oder erlebt.«25 Neben dem kognitiven Moment, das sich durch die Stimme des Gewissens ausspricht, beinhaltet das Gewissen mithin auch ein emotionales Moment: Die Stimme hat gleichsam Zähne, sie macht »Gewissensbisse«. Immanuel Kant etwa vergleicht, in Anlehnung an Paulus, das Gewissen mit dem »Bewußtsein eines inneren Gerichtshofes im Menschen (›vor welchem sich seine Gedanken einander verklagen oder entschuldigen‹)«26. Vor diesem Gericht wird jeweils ein spezifischer Gewissenskonflikt verhandelt, womit – hier hat sich die Gewissenssprache zwischenzeitlich gewandelt – heute ein Konflikt zwischen einer ganz bestimmten, vom Gewissen vertretenen moralischen Sollensforderung und einem Anspruch der Außenwelt oder der eigenen Neigung gemeint ist.27 Die Richtigkeit sowie die Begründetheit des Gewissenskonflikts und die Legitimität der gefühlten Gewissensnot können vor der definitiven Gewissensentscheidung in einer Anhörung, der Gewissenserforschung oder Gewissensprüfung, untersucht werden. Während das autonome Gewissen die Berechtigung der moralischen Forderungen selbstständig reflektiert, bleibt im Falle des autoritären Gewissens bei der Frage nach dem Fundament der internalisierten Normen nur der Verweis auf die herrschende Moral und auf deren Stützpfeiler, die Autoritäten. »Das autoritäre Gewissen ist die Stimme einer nach innen verlegten äußeren Autorität, also der Eltern, des Staates oder was immer in einer bestimmten Kultur als Autorität gelten mag.«28 Der Unterschied zwischen dem autoritären und dem autonomen Gewissen lässt sich veranschaulichen anhand der Differenzierung zwischen dem zweiten und dem dritten Niveau in der Moralentwicklung, wie sie von Lawrence Kohlberg rekonstruiert worden ist. Das autoritäre Gewissen vertritt eine »Moral der konventionellen Rollenkonformität«, das autonome Gewissen eine »Moral der selbst-akzeptierten moralischen Prinzipien«29. Der emanzipatorische Prozess, der von einer fragwürdig gewordenen autoritären Moral zur Moral des autonomen Gewissens hinführt, ist seiner Struktur nach identisch mit der angewandtethischen Denkbewegung. Je mehr Menschen über moralische Belange autonom nachdenken und entscheiden, desto mehr Konjunktur hat die angewandte Ethik. In dem Zusammenhang wird schließlich auch die umgangssprachliche Vorliebe nachvollziehbar, moralische Urteile und Regeln – vom Blickwinkel der Fachterminologie aus etwas missverständlich – einfach allgemein als »ethische« Urteile zu bezeichnen, um sie gewissermaßen als Ergebnisse eines autonomen, angewandt-ethischen Nachdenkens auszuzeichnen.
Das Bedürfnis nach einer sprachlichen Kennzeichnung des Neuen mag durch einen weiteren Grund noch bestärkt werden. Leicht wird nämlich übersehen, dass am Übergang von der tradierten Moral zur angewandten Ethik auch ein Wechsel in Bezug auf die moralische Leitinstanz stattfindet. Sowohl der Moral wie auch einer spezifischen angewandten Ethik als Ersatzmoral eignen die Momente des Normativen und des Inhaltlich-Speziellen; sie unterscheiden sich allerdings in der Weise, wie sie für das Subjekt als begründet erscheinen. Psychoanalytisch gesprochen geht die moralische Kompetenz auf dem ethischen Feld vom Über-Ich, dem wir das autoritäre Gewissen zuordnen, an das Ich über, mit dem wir die Vorstellung eines autonomen Gewissens verbinden. Das heautonome Ich sieht sich sodann einerseits mit den fragwürdig gewordenen moralischen Lösungen oder den moralischen Problemlösungsdefiziten des Über-Ichs konfrontiert und muss andererseits zugleich mit den betreffenden Fragen und Problemen umgehen, die durch die explosionsartigen Entwicklungen in der Außenwelt entstanden sind. »Eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über-Ichs und der Realität genügt, also deren Ansprüche miteinander zu versöhnen weiß.«30 Das Ich, das mithin versuchen muss, einen Handlungsentwurf auszuarbeiten, der allen Forderungen gerecht wird, kann mit dem praktischen Verstand und der praktischen Vernunft in einem umfassenden Sinne identifiziert werden, die die Subjekte der angewandten Ethik sind.31 »Das Ich repräsentiert, was man Vernunft und Besonnenheit nennen kann […].«32 Indem das Ich vom Standpunkt seiner Vernünftigkeit aus die Forderung nach Moralität seinerseits mit der sich laufend verändernden Lebenswelt zu vermitteln sucht, emanzipiert es sich in einem gleichsam aufklärerischen Prozess von der moralischen Vorherrschaft des Über-Ichs. Die Resultate des angewandt-ethischen Nachdenkens lagern sich indessen über die Erziehung der nächsten Generation und über die Selbsterziehung letztlich als Sedimente wieder in der Moral des Über-Ichs ab.
Die Aufgabe der angewandten Ethik besteht also darin, normative Prinzipien und Regeln auf problematische Falltypen oder Einzelfälle anzuwenden, um diese moralisch zu beurteilen bzw. die entsprechenden Handlungsräume moralisch zu gestalten. Die Anwendung beinhaltet zwei miteinander verschränkte Handlungen. Zum einen müssen die Prinzipien und Regeln gefunden oder bestimmt werden, die zu den Falltypen und einzelnen Fällen passen; und zum anderen müssen nicht nur jene Prinzipien oder Regeln explizit begründet werden, sondern auch die ganze Reihe der vermittelnden Brückenelemente, welche die Prinzipien mit einem vorliegenden Fall verknüpfen.
Die Bestimmung der Regeln nun erfordert Urteilskraft. In einer viel zitierten Definition differenziert Kant zwischen zwei Formen der Urteilskraft: »Urtheilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu denken. Ist das Allgemeine (die Regel, das Princip, das Gesetz) gegeben, so ist die Urtheilskraft, welche das Besondere darunter subsumirt, […] bestimmend. Ist aber nur das Besondere gegeben, wozu sie das Allgemeine finden soll, so ist die Urtheilskraft bloß reflectirend.«33 Von dieser Begriffsbestimmung aus betrachtet scheint zunächst klar zu sein, dass die Anwendung des Moralprinzips auf abgegrenzte Themenfelder nur eine Angelegenheit der bestimmenden Urteilskraft sein kann.34 Das Modell, das dabei die Funktion der bestimmenden Urteilskraft am prägnantesten veranschaulicht, stammt aus der Jurisprudenz.35 Ein Richter muss die Tat eines Angeklagten im Lichte der geltenden Gesetze beurteilen. Diese Gesetze liegen in dokumentierter Form vor und an ihrer Gültigkeit kann kein Zweifel bestehen: Sie sind gegeben. Die Aufgabe für den Richter besteht darin, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die betreffende Tat unter ein spezifisches vorhandenes Gesetz fällt oder nicht. Und genau diese Aufgabe vermag er durch den Gebrauch seiner bestimmenden Urteilskraft zu erfüllen.
Sind bestimmte Regeln und Prinzipien erst einmal fraglos anerkannt, geht es auch im Bereich der angewandten Ethik um eine betreffende Subsumtion von Fällen unter gültige Normen. In diesem Sinne hält etwa Kurt Bayertz fest: »Der Begriff der ›Anwendung‹ und der angewandten Ethik‹ kann […] sich auf die Beurteilung eines singulären Falls im Lichte einer gegebenen generellen Norm beziehen; wir haben es dann mit einer kasuistischen Anwendung zu tun.«36 Die Kluft zwischen dem formalen Moralprinzip und den materialen Problemen, zwischen den abstrakteren Grundsätzen und den konkreteren Sachlagen, zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen oder Individuellen, zwischen festzusetzenden Normen und beschreibbaren Fällen darf indessen nicht unterschätzt werden. So können sich die angewandt-ethischen Bemühungen der Vermittlung und Übertragung keineswegs im Gebrauch der bestimmenden Urteilskraft erschöpfen.
Wie bereits erwähnt, besteht ja eine der hauptsächlichen Schwierigkeiten auf dem Feld des Moralischen gerade darin, dass für eine Vielzahl von Problemen ein adäquater moralischer Grundsatz oder eine angemessene moralische Regel gar nicht zu bestimmen ist. Aus diesem Grunde umfasst die Bestimmung der anzuwendenden moralischen Normen zunächst eine ganz andere Art von Arbeit: »Der Begriff der ›Anwendung‹ und der ›angewandten Ethik‹ kann […] auch die inhaltliche Fortschreibung genereller Normen im Hinblick auf die Bewertung ganzer Klassen von Handlungen bezeichnen; wir haben es dann mit einer normbildenden Anwendung zu tun.«37 So zeigt sich der gestaltende Umgang mit den besonderen Gegebenheiten moralischer Problemstellungen im Hinblick auf das allgemein gültige Moralprinzip oder auf einen mittleren moralischen Grundsatz in aller Regel auch eher als die Bewegung eines »Aufstiegs« und damit als eine Arbeit der reflektierenden Urteilskraft. Die vorgängige Redeweise einer Denkbewegung von der normativ-ethischen zur angewandt-ethischen Reflexionsebene hat denn auch nur idealtypischen Charakter.
Der Entwurf von angewandt-ethischen Regeln lässt sich mit jenem Vorgang vergleichen, den Immanuel Kant unter dem Titel der »Bestimmung der Maximen« abhandelt.38 Was die reflektierende Urteilskraft dabei durch ihre Arbeit hervorbringt, ist eine spezifische Weise der Zweckmäßigkeit. Kant identifiziert in dem Zusammenhang die reflektierende Urteilskraft als eine Art ästhetisch-praktische Urteilskraft mit dem gesunden Menschenverstand, mit dem praktischen Verstand, der im Zuge einer Reflexion, die sich gänzlich »im Dunkeln des Gemüths«39 vollzieht, subjektive Zweckmäßigkeit herstellt. Bei diesem Vorgang der Reflexion werden die Gegebenheiten und Anforderungen der Außenwelt, die Ansprüche und Wünsche der eigenen Neigungen sowie die Forderung des Gewissens bzw. das praktische Wissen bezüglich der moralischen Regeln und ethischen Prinzipien wie beim künstlerischen Schaffen einer Collage so lange aufeinander bezogen und miteinander vermittelt, bis eine stimmige Einheit, die subjektive Zweckmäßigkeit eines Handlungsentwurfes
