Angewandte Volkstumsideologie - James R. Dow - E-Book

Angewandte Volkstumsideologie E-Book

James R. Dow

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Beschreibung

Im Jahr 1939 wurde die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung Südtirols vor die Wahl gestellt, entweder in Hitlers Deutsches Reich auszuwandern oder in Mussolinis faschistischem Italien zu verbleiben. Viele wählten die "Option" für Deutschland, ehe das Projekt "Umsiedlung Südtirol" 1943 infolge der Kriegsereignisse zusammenbrach. In der überwiegend von Deutschsprachigen bewohnten Gottschee im heutigen Slowenien erfolgte ein ähnliches Umsiedlungsreferendum im Jahr 1941. Verantwortlich für die Umsiedlung sogenannter "Volksdeutscher" war Heinrich Himmler als "Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums". Ihm war auch die als nationalsozialistische Wissenschaftsorganisation etablierte Forschungs- und Lehrgemeinschaft das "Ahnenerbe" der SS unterstellt, deren Aufgabe laut Satzung darin bestand, "Raum, Geist und Tat des nordischen Indogermanentums zu erforschen" und "die Forschungsergebnisse lebendig zu gestalten und dem deutschen Volke zu vermitteln". Im Sinne dieses Mandats formierte das Ahnenerbe in Südtirol und der Gottschee sogenannte "Kulturkommissionen", die, untergliedert in volkskundliche und sprachwissenschaftliche Arbeitsgruppen, bis 1943 umfangreiche Dokumentationen und Auswertungen angeblich "nordisch-germanischer Kultur" in den Umsiedlungsgebieten vornahmen. James R. Dow liefert durch die vorliegende Monografie nicht nur eine erste zusammenfassende Darstellung und Evaluierung der Forschungsaktivitäten der Ahnenerbe-Kulturkommissionen anhand zahlreicher Fallbeispiele und Forscherbiografien, sondern zeigt auch eindringlich die auf sie einwirkenden "Schatten" einer pseudo- und populärwissenschaftlichen "Junk Science" auf, die ein buntes Spektrum von Hanns Hörbigers wirrer "Welteislehre" bis hin zu Hans F. K. Günthers NS-"Rassenlehre" umspannte.

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Seitenzahl: 446

Veröffentlichungsjahr: 2018

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James R. Dow

Angewandte Volkstumsideologie

James R. Dow

AngewandteVolkstumsideologie

Heinrich Himmlers Kulturkommissionenin Südtirol und der Gottschee

Textredaktion: Thomas Nußbaumer

StudienVerlag

InnsbruckWienBozen

 

 

Meinen verstorbenen FreundenHannjost Lixfeld (1937–1998) undPeter Assion (1941–1994)gewidmet.

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Einführung

Historischer Hintergrund

Südtirol unter dem Faschismus

Die Option

Ziele mit Schwierigkeiten

Kapitel 1 – 21. Oktober 1939

Kapitel 2 – Die intellektuelle Atmosphäre

Schatten

Populärwissenschaft überall

Akademische Pseudowissenschaft

Zur Kontextualisierung des SS-Ahnenerbes

Amalgam

Grundlegende Schatten

Längere Schatten

Lange Schatten

Zusammenfassung

Kapitel 3 – Wer ist wer?

Joseph Otto Plaßmann

Georg Innerebner

Martin Viktor Rudolph

Bruno Schweizer

Willi Mai

Alfred Quellmalz

Gertrud Pesendorfer

Richard Wolfram

Gisela Schmitz-Kahlmanns Bericht

Kapitel 4 – Viel Lärm um nichts?

Der Anfang aller Schwierigkeiten Ende 1939

Whack-a-Mole

Kunstgegenstände

Das wertvollste Kunstobjekt Südtirols

Museen

Archive

Haarspalterei: „Kultur“ versus „cultura“

Gestohlene Kunstgegenstände

Paragraph 27 redivivus

Transportfragen

Alto Adige: Alcuni documenti del passato

Plünderungen?

Kapitel 5 – Gottschee

Bauernhausaufnahmen

Die Arbeitsgruppe Brauchtum und Volksglauben: Wolframs Gottscheer Forschungen

Ein Film von der Umsiedlung

Laibach

Kapitel 6 – Damals und Heute

Das Mandat

Kriegswichtig

Psychologie

Karrierismus und Opportunismus

Gläubige

Abschließende Gedanken

Persönliche Anmerkungen

Postpartum

 

Literatur

Abkürzungen

Waffen-SS-Rangstufen

 

Anhang 1 – „Aufruf zur Sammlung der Volkserzählungen“

Anhang 2 – Flugblätter gegen die Option für Deutschland

Anhang 3 – Rede von Benito Mussolini an die „Dableiber“

Danksagung

Es ist mir eine Freude und ein wichtiges Anliegen zugleich, einige Worte des Dankes an jene Personen und Institutionen auszusprechen, die zur Entstehung der vorliegenden Arbeit beigetragen haben. Sie überspannt fast vier Jahrzehnte, zwei Kontinente und schließt zahlreiche Freunde und Kolleginnen und Kollegen in den Vereinigten Staaten und in mehreren Ländern Europas mit ein. Sie erinnert mich an unzählige Zusammenkünfte und Diskussionen. Mein Dank ergeht zunächst an die Verleger, die mich schon vor Beginn meiner Forschungen zur Niederschrift des Textes ermutigten.1 Mehrere Freunde wirkten direkt mit, indem sie Teile des Manuskripts in verschiedenen Varianten lasen und Korrekturen und Verbesserungsvorschläge einbrachten.

Ich bedanke mich ferner bei den Herausgebern des Journal of American Folklore, bei Ashgate Publishing und der Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik (ZDL), die mir die Erlaubnis erteilten, mich selbst zu ‚plagiieren‘, d.h. Passagen aus früheren Veröffentlichungen hier einzubauen. Mein Dank gilt auch zwei Institutionen, die mir die Ressourcen für die vielen und langen Aufenthalte in Europa zur Verfügung stellten, nämlich der Solomon R. Guggenheim Foundation und der American Philosophical Society.

Die beiden Bundesarchive in Berlin-Lichterfelde und Koblenz haben meine Arbeit wesentlich erleichtert. Die archivalischen Dokumente standen täglich bereit, die Kopiervorgänge erfolgten rasch und äußerst effizient und meine Erfahrungen mit dem Personal der beiden Archive ermutigten mich, immer wieder zurückzukehren.

Weiters will ich vier amerikanischen Kollegen danken: William (Bill) Clements von der Arkansas State University, der immer bereit war, meine Arbeiten zu lesen (und das schon seit fast einem halben Jahrhundert), Elliott Oring von der California State University in Los Angeles, der mich bei meinem Bestreben unterstützte, die Kulturkommissionen des SS-Ahnenerbes auch in psychologischer Hinsicht zu verstehen, Joseph Harris von der Harvard University, der mich für die Solomon R. Guggenheim Foundation im Jahr 2005 begutachtete und durch seine Kritik und Ermunterungen anspornte, und schließlich meinem Freund und Kollegen Simon Bronner von der Pennsylvania State University in Harrisburg für seine vielen Antworten auf zahlreiche Fragen. Seine Zuverlässigkeit und hilfreiche Kritik schätze ich seit vielen Jahren sehr.

In Deutschland half mir auf besonders zuvorkommende Weise Gisela Lixfeld, die Frau meines verstorbenen Freundes und Kollegen Hannjost Lixfeld. Sie stellte mir ihr persönliches Archiv, das ich des Öfteren benutzen durfte, und ihr enzyklopädisches Wissen über die Fachgeschichte der Volkskunde in Deutschland zur Verfügung. Unsere Freundschaft währt schon länger als vierzig Jahre.

Im wunderschönen Dorf Dießen am Ammersee luden Helgi-Jón Schweizer und seine Frau Wicki mich in ihr Haus ein und zeigten mir ihr privates Familienarchiv. In langen Gesprächen erfuhr ich viel Wissenswertes und viele Details aus dem Leben ihres Vaters bzw. Schwiegervaters Bruno Schweizer, eines äußerst aktiven Mitglieds der Südtiroler Kulturkommission. Viele Fotos, die ich zum Teil auch hier verwende, sah ich bei ihnen zum ersten Mal. Helgi-Jón Schweizer ist ein habilitierter Psychologe und las meinen Versuch, die Mentalität der Kommissionsmitglieder, unter anderem seines Vaters, aus psychologischer Sicht zu verstehen, kritisch.

In Italien danke ich besonders Christine Roilo, der Direktorin des Südtiroler Landesarchivs in Bozen, ferner Joachim Innerhofer vom Jüdischen Museum in Meran und einigen Südtiroler Freunden, die mit mir über meine Arbeit diskutierten, mir aber auch Fotos aus den 1930er- und 1940er-Jahren zur Verfügung stellten. Ein besonderer Dank gilt in diesem Zusammenhang Herrn Josef Rainer für das Foto einer mit einem Hakenkreuz-Blumenschmuck ausgestatteten Kuh aus seiner engeren Heimat, dem Schnalstal, weiters Hannes Obermair (Bozen) für das Foto vom Abtransport des Walther-von-der-Vogelweide-Denkmals und Franz Haller (Meran) für die Erlaubnis, einige Fotos aus seinem Buch über den Südtiroler Fotografen Arthur Scheler hier veröffentlichen zu dürfen. Auch danke ich meinem Freund und Berufskollegen Ermenegildo Bidese von der Università degli Studi di Trento. Wir arbeiten seit vielen Jahren gemeinsam am Nachlass von Bruno Schweizer und hielten darüber Vorträge in Deutschland, Italien und New York.

In Österreich bin ich meinem Freund und Kollegen Thomas Nußbaumer von der Innsbrucker Außenstelle der Universität Mozarteum Salzburg zu größtem Dank verpflichtet. Er leistete die Redaktion der hier vorliegenden deutschsprachigen Ausgabe meines Buchs und war mir schon beim Entstehungsprozess mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Er kennt das Thema Südtirol aufgrund seiner beruflichen Erfahrungen bestens und vieles von dem, was ich hier über Alfred Quellmalz schreibe, geht auf seinen Einfluss zurück.

In Innsbruck profitierte ich auch durch Freunde, die mir Zugang zu den Akten und Fotos des Tiroler Volkskunstmuseums gewährten. Ich danke herzlichst vor allem dem Direktor des Tiroler Volkskunstmuseums, Karl C. Berger, sowie dem am Museum beschäftigten Projektmitarbeiter Reinhard Bodner. Ferner danke ich Dirk Rupnow, dem Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, und seinem Mitarbeiter Nikolaus Hagen. Sie arrangierten im Frühjahr 2016 an der Universität Innsbruck einen Workshop mit all jenen Personen, die sich mit meinem Thema und dessen Aspekten beschäftigen. Wie nur kann ich ihnen danken?

Mein ‚ältester‘ Freund in Österreich seit nahezu vier Jahrzehnten ist Olaf Bockhorn von der Universität Wien. Er kennt die Geschichte der Wiener Volkskunde bestens, und ich wandte mich mit meinen Fragen oft an ihn und bat ihn auch um seinen kritischen Blick auf jene Passagen meiner Arbeit, in denen ich mich über sein Land, seine Stadt und seine Universität äußere. Er ist ein zuverlässiger Freund und Kollege im besten Sinn des Wortes.

An der Universität Wien erhielt ich auch von Konrad Köstlin, dem früheren Ordinarius für Europäische Ethnologie, Hilfe, Unterstützung und viele Inputs in zahlreichen Diskussionen an seinem Institut und bei ihm zu Hause. Gegen Ende meiner Arbeit und auf seinen Rat hin schärfte ich da und dort meinen kritischen Blick und veränderte einige Textpassagen. Er wird seine Einflüsse auf meine Arbeit erkennen.

In Salzburg danke ich Ulrike Kammerhofer-Aggermann vom Salzburger Landesinstitut für Volkskunde für die extra für mich vorbereiteten Dokumente aus dem Richard-Wolfram-Nachlass. In Wien bin ich Brigitta Schmidt-Lauber, der heutigen Ordinaria für Europäische Ethnologie an der Universität, zu großem Dank verpflichtet, denn sie half mir auf eine ganz besondere Weise: Sie stellte mir während meiner langen Aufenthalte in Wien einen Arbeitsplatz an ihrem Institut zur Verfügung und lud mich ein, den regelmäßig stattfindenden Institutskolloquien beizuwohnen.

Ein weiterer Wiener Kollege, dem ich sehr danken möchte, ist Herbert Nikitsch, ebenfalls am Institut für Europäische Ethnologie der Universität tätig. Ich danke ihm für viele anregende Diskussionen und die Hilfe beim Aussuchen von Fotos aus dem Institutsarchiv. Das Buch ist durch ihn viel interessanter geworden.

Ferner wurde mir größte Hilfe von der Instituts- und Universitätsbibliothekarin Susanne Wicha-Müller zuteil. Es ist erstaunlich, wie sie jede nur erdenkliche Literatur in den Datenbanken finden und rasch und unkompliziert liefern kann. Auch sie wird im vorliegenden Werk ihre Einflüsse, die nur durch ihre Hilfe möglich waren, erkennen.

Im Frühjahr 2011 besuchte ich viele europäische Freunde, um herauszufinden, ob es einen Sinn hat, die vorliegende Arbeit anzugehen. Helmut Eberhart von der Universität Graz, meinem ‚zweitältesten‘ Freund in Österreich (seit rund 30 Jahren), verdanke ich hierbei eine besonders gute Anregung: Er riet mir, meine Ideen in einem Aufsatz zu veröffentlichen, um festzustellen, ob ich dann nicht noch mehr zu sagen hätte. Dieser Aufsatz erschien dann 2014 im Journal of American Folklore. Die Forschungen dazu erfolgten im Jahr 2013 und wurden von der American Philosophical Society unterstützt, die mir einen sechswöchigen Forschungsaufenthalt am Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde ermöglichte. Die Reaktionen auf den Aufsatz zeigten mir, dass meine Arbeit über die Kulturkommissionen des SS-Ahnenerbes auch außerhalb des deutschen Sprachraums auf Widerhall stoßen.

Ich glaube, mit dem vorliegenden Werk einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Fachgeschichte der Disziplin Volkskunde/Ethnologie geleistet zu haben, auch wenn andere Themen noch ausstehen und andere Wissenschaftler(innen) das Thema meiner Arbeit wohl noch weiterführen werden.

In größter Dankbarkeit widme ich diesen Band meinen zwei verstorbenen deutschen Freunden Peter Assion (†1994) und Hannjost Lixfeld (†1998), mit denen mich unzählige Erinnerungen verbinden. Und nicht zuletzt danke ich meiner Familie, insbesondere meiner Frau Susan Diane Dow für ihre Unterstützung und ihren Glauben daran, dass ich mit dieser Arbeit etwas von dauerhafter Bedeutung leiste.

Wien, im Herbst 2017

James R. Dow

 

______________

1 Die englischsprachige Version der vorliegenden Studie erschien zeitgleich unter dem Titel Heinrich Himmler’s Cultural Commissions. Programmed Plunder in Italy and Yugoslavia, University of Wisconsin Press, Madison, WI 2018.

Einführung

Das vorliegende Buch handelt von einem einmaligen und beispiellosen Ereignis in den Annalen der Geistes- und Sozialwissenschaften. In den frühen Jahren des Zweiten Weltkrieges, zwischen 1940 und 1943, wurden mehr als ein Dutzend deutscher und österreichischer Volkskundler und Sprachwissenschaftler nach Südtirol in Italien und in die Gottschee in Jugoslawien entsandt, um Feldforschungen durchzuführen, ehe die dort beheimateten ‚Volksdeutschen‘2, die schon seit Jahrhunderten in diesen zwei Regionen lebten, ins Reich ‚umgevolkt‘ werden sollten. Diese Feldforscher zeichneten die ‚Volkstraditionen‘ der Ortsansässigen auf: ihre Erzählungen, Lieder, Glaubens- und Aberglaubensvorstellungen, ihre ‚Sitten‘, Bräuche, Tänze, Trachten, volkstümliche Architektur, und zugleich betrieben einige Sprachwissenschaftler in großem Stil volkssprachliche und dialektgeografische Forschungen. Noch vor kurzem hätte ich gesagt, dass diese Forschungsarbeiten das größte volkskundliche und sprachwissenschaftliche Feldforschungsunternehmen in der Geschichte darstellen (vgl. Dow 2014: 365), doch jetzt muss ich meine frühere Sichtweise nochmals hinterfragen, auch durch eine genauere Betrachtung dessen, was damals tatsächlich geschah.

Diese Forschungen wurden von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der so genannten Südtiroler Kulturkommission und Gottscheer Kulturkommission, rasch gegründeter Abteilungen der unter Heinrich Himmlers Führung stehenden Forschungs- und Lehrgemeinschaft „Das Ahnenerbe“ der SS, durchgeführt. Die Projektmitarbeiter(innen) stellten eine bunte Palette aus Akademikern, Ingenieuren, Sekretärinnen und Personen unterschiedlichster Profession und Ausbildung dar. Unterstützt wurden sie von Nebenfiguren im Umfeld des Ahnenerbes mit ähnlichen Hintergründen und Qualifikationen. Die Kulturkommissionen bestanden teils aus achtbaren Wissenschaftlern, von denen einige schon habilitiert waren oder kurz vor der Habilitation standen (auch mit politischer Unterstützung), und teils aus überzeugten Nationalsozialisten, die aufgrund ihrer Treue zur Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) oder ihrer Mitgliedschaft in der Schutzstaffel (SS) angestellt waren. Einige von ihnen waren absolut fachfremd und standen trotzdem in Leitungspositionen, wie etwa eine Sekretärin an der Spitze einer Forschungsstelle. Wie konnte das möglich sein? Bei vielen ist überhaupt ungeklärt, weshalb gerade sie für die Mitarbeit bei den Ahnenerbe-Forschungen in Südtirol und in der Gottschee auserkoren wurden. Mit Sicherheit kann gesagt werden, dass im Laufe der Zeit und vor dem Hintergrund der NS-Diktatur in Deutschland ein gewisser Nepotismus bei Stellenbesetzungen eine Rolle spielte.

Die Arbeiten in Südtirol begannen im Frühjahr 1940, intensivierten sich im Sommer und wurden größtenteils in den darauf folgenden eineinhalb Jahren durchgeführt. Im Herbst 1941, als die Forschung in Südtirol noch voll im Gange war, wurden einige Mitglieder der Südtiroler Kulturkommission in die Gottschee in Jugoslawien versetzt, wo eine wesentlich kleinere Gruppe von ‚Volksdeutschen‘ ebenfalls umgesiedelt werden sollte und die gleichen volkskundlichen und sprachwissenschaftlichen Feldexkursionen zu unternehmen waren. Bereits in den ersten Monaten des Jahres 1942 wurde diese Feldforschung weitgehend abgeschlossen. Mit dem Niedergang Benito Mussolinis im Sommer 1943 und nach der Errichtung der Operationszone Alpenvorland und Besetzung Italiens durch die Wehrmacht im September kehrten die meisten Mitarbeiter(innen) der Südtiroler Kulturkommission rasch wieder in ihre Heimat zurück oder wurden zum Kriegsdienst eingezogen.

Von den beiden Unternehmungen, sowohl in Italien als auch in Jugoslawien, blieb eine große Zahl an Akten und Daten erhalten. Viele Aufzeichnungen und Ergebnisse dieser Felderhebungen wurden im Laufe der nachfolgenden Jahrzehnte ausgewertet und publiziert, von Mitarbeiter(inne)n der Südtiroler Kulturkommission ebenso wie von Wissenschaftler(inne)n, die zur Südtiroler Kulturkommission in keiner Beziehung standen. Im Mittelpunkt des Interesses meiner Arbeit liegen nun genau jene Werke, die während des Krieges und danach veröffentlicht wurden. Die Auseinandersetzung mit ihnen trägt nicht nur zur Erklärung des Ausmaßes der beiden Kulturkommissionen Himmlers bei, sondern auch zum Verständnis ihrer reellen Bedeutung sowie der Wertigkeit und Resultate der Feldforschungen. Die Quantität der Sammlungen ist weitgehend bekannt, die treibende Ideologie ebenfalls, und die Kommissionsmitarbeiter(innen) und ihre Theorien wurden teilweise längst schon kritisch durchleuchtet. Ihre Erhebungen sind ebenso bedeutungsvoll wie fragwürdig, und wenn man ihr Verhalten, ihre Sichtweisen und Veröffentlichungen einer genaueren Analyse unterzieht, so ist alles, was sie hinterließen, letztendlich mit Vorsicht zu betrachten. Die Frage nach einem innewohnenden Wert der aus den Aktivitäten der Kulturkommissionen hervorgegangenen Sammlungen jedoch bleibt selbstverständlich primär und wird im gesamten Text intensiv untersucht, besonders im Schlusskapitel.

Historischer Hintergrund

Seit dem Ende der Antike findet man auf der italienischen Halbinsel Spuren des Germanischen. Infolge der großen Völkerwanderungen eroberten im Jahr 476 Goten die Stadt und das Imperium Rom und kurz darauf wurde das spätere Tirol Teil des Ostgotischen Königsreichs. Westgermanische Bajuwaren wanderten ca. 553 in den Süden bis zum heutigen Salurn. Im 11. Jahrhundert entstand die Grafschaft Tirol. Sie erhielt 1140 ihre Unabhängigkeit und befand sich ab 1363, bis auf kurze Unterbrechungen, im Besitz der Habsburger. Im Jahr 1804 wurde sie zu einem Kronland des Kaisertums Österreich bzw. ab 1867 Österreich-Ungarns. Die Region ist seit langem ein interethnischer und interkultureller Raum, wo sowohl deutsche als auch italienische Dialekte gesprochen werden und der germanische und romanische Kulturraum aufeinandertreffen.

Tirol wird in die drei Regionen Nordtirol, Südtirol und Osttirol unterteilt. Das österreichische Bundesland Tirol umfasst die Landesteile Nord- und Osttirol. Im Westen liegt das an die Schweiz, Liechtenstein und Deutschland angrenzende österreichische Bundesland Vorarlberg, wo der alemannisch-deutsche Dialekt gesprochen wird und nicht der bairisch-deutsche, wie sonst in ganz Tirol – außer im westlich gelegenen Bezirk Reutte, genannt „Außerfern“, wo man ebenfalls das Alemannische spricht. Die südliche Region, seit 1919 eine italienische Provinz, nennt man im heutigen Italienisch „Trentino-Alto Adige“, auf Deutsch „Trentino-Hochetsch“ (als Bezeichnung für Südtirol aus der Sicht des Südens) und „Trentin-Südtirol“ auf Ladinisch (eine von einer anderen größeren Minderheit gesprochene rätoromanische Sprache).3 Ihr amtlicher Name lautet „Autonome Provinz Bozen-Südtirol“. Diese dreisprachige alpine Provinz südlich des Brennerpasses weist bei einer Größe von 7.400 km2 einen Einwohnerstand von ca. 520.000 Personen auf sowie eine Einwohnerdichte von 77,62 Personen pro km2, die weit unter dem Durchschnitt der Einwohnerdichte Italiens mit 201,5 Personen pro km2 liegt.

Südtirol ist eine von mehreren deutschsprachigen Kulturregionen an einer politischen Grenze und auf eine gewisse Weise mit Elsass-Lothringen (Frankreich), Limburg und Brabant (Ostbelgien), dem ehemaligen Oberschlesien (Polen) und auch dem Sudetenland in der vormaligen Tschechoslowakei vergleichbar. Weit entfernt von Deutschland findet man seit Jahrhunderten auch beachtlich große Minderheiten deutscher Herkunft entlang der Baltischen See, in Mittel- und Südosteuropa und zum Teil an den Grenzen der ehemaligen Doppelmonarchie Österreich-Ungarn, in der Slowakei, in Serbien, Slowenien, Kroatien und Rumänien – und auch in den früheren sowjetischen Republiken Ukraine und Kasachstan; die bekanntesten davon sind die Wolgadeutschen. Früher verwendete man für die Gebiete dieser Minderheiten den Begriff „Sprachinseln“4 und viele der ‚Volksdeutschen‘ dieser ‚Inseln‘ wurden Opfer massiver Umsiedlungen sowohl im als auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Außerhalb von Europa bestehen beachtliche deutsche Siedlungen in Nordamerika, Südamerika und auch in Afrika, aber diese wurden nicht durch Umsiedlungen bedroht und werden deshalb hier nicht weiter erwähnt. Es ist sicherlich eine Binsenweisheit, dass sprachliche, ethnische und kulturelle Identitäten nicht auf Menschen innerhalb eines staatlichen Gebildes beschränkt sein müssen. Dies gilt im Hinblick auf Südtirol ebenso wie im Hinblick auf die Gottschee.

Südtirol unter dem Faschismus

Im Jahr 1915, bald nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurde Südtirol zum politischen Faustpfand. Für den Fall, dass Italien sein Bündnis mit den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn aufkündigen und zur Entente unter der Führung von Großbritannien, Russland und Frankreich überlaufen sollte, wurde ihm der Brennerpass als dauerhafte Grenze zu Österreich in Aussicht gestellt. Italien wechselte die Seiten und 1919 auf der Friedenskonferenz in Saint-Germain-en-Laye bestand der italienische Außenminister Baron Sidney Costantino Sonnino auf die Einhaltung des im Krieg geschlossenen Abkommens. Dabei erhielt er die Unterstützung der französischen Handelsdelegation. Die Engländer versuchten das Abkommen zu modifizieren, und zwar mit der Behauptung, eine permanente Brennergrenze wäre ein Hindernis für eine spätere Annäherung zwischen Deutschland und Italien. Der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson jedoch, der sich gerne als „moralist“ und „honest broker“ (ehrlicher Friedensvermittler) darstellte, dessen Grundprinzip das Recht auf Selbstbestimmung der Völker sei, handelte seinen eigenen Prinzipien zuwider und stellte sich auf die Seite Italiens. Punkt 9 seines 14-Punkte-Programms, das er am 8. Januar 1917 in einer Rede vor beiden Häusern des US-Kongresses präsentierte5, lautet zwar: „Berichtigung der Grenzen Italiens nach genau erkennbaren Abgrenzungen der Volkszugehörigkeit“, doch genau das geschah nicht.

Mit Beginn des Faschismus in Italien in den 1920er-Jahren und seiner Entwicklung in den dreißiger Jahren änderte sich das Leben der deutschsprachigen Gruppe in Südtirol gundlegend. Die Ausübung kultureller Traditionen, deutschsprachiger Schulunterricht und sogar kirchliche Feste in der Öffentlichkeit erlebten zum Teil große Einschränkungen und sogar gewaltsame Störungen. Niemand Geringerer als Il Duce selbst, Benito Mussolini, erklärte: „Wenn die Deutschen dies- und jenseits des Brenners sich nicht fügen, dann werden ihnen die Faschisten den Gehorsam beibringen“ (zit. nach Steininger 1997: 9). Der aus Rovereto stammende extreme Nationalist Senator Ettore Tolomei (1865–1952) legte im Juli 1923 einen 31 Punkte umfassenden Maßnahmenkatalog zur Italianisierung Südtirols vor. Vier davon lauten: „Einführung des Italienischen als Amtssprache“ (Punkt 7), „Errichtung italienischer Kindergärten und Volksschulen“ (Punkt 24), „Errichtung italienischer Mittelschulen“ (Punkt 25) und „Umfangreiche Programme für neue Eisenbahnknoten, um die Italianisierung des Alto Adige zu erleichtern (Bahnprojekte Mailand-Mals, Veltlin-Brenner, Agordo-Brixen)“ (Punkt 31).6

Im Oktober 1939 kam es zu einer ‚Berichtigung‘ der deutsch-italienischen Grenzfrage an der Südflanke des Großdeutschen Reiches, aber nicht, wie Wilson sich das vorgestellt hätte, sondern im Sinne Hitlers und Mussolinis. Das neue Abkommen beließ Südtirol im Status einer italienischen Provinz, sah aber vor, die Bevölkerung umzusiedeln. Mehr als eine Viertelmillion Einwohner(innen) deutscher und ladinischer Abstammung hatten sich rasch zwischen einer Emigration ins nationalsozialistische Deutsche Reich oder dem Verbleib in Italien unter der Partito Nazionale Fascista zu entscheiden. Bis zum 31. Dezember 1939 ‚optierte‘ die Mehrheit – ca. 86 % der zur Abstimmung aufgerufenen Südtiroler(innen) – für die Auswanderung nach Deutschland. Tausende wurden in den folgenden Jahren in der Tat ins Reich umgesiedelt mit dem Versprechen, dass sie später im deutschen Machtbereich, z.B. auf kriegerisch erobertem Territorium im Osten, in einem geschlossenen Siedlungsgebiet unterkämen.

Die Option

Von Deutschsprachigen bewohnte Gebiete außerhalb der politischen Grenzen Deutschlands, vor allem die so genannten ‚Sprachinseln‘, wurden während des Zweiten Weltkrieges Schauplätze massiver Umsiedlungen, wobei es sich hierbei vielfach um Zwangsumsiedlungen handelte.7 Die als ‚Rücksiedlungen‘ bezeichneten Migrationen standen unter dem Motto „Heim ins Reich“, einer NS-politischen Maßnahme, die bisweilen auch als „Blutauffrischung“ beschrieben wurde (Stuhlpfarrer 1985: 644). Die Betroffenen wurden weniger ‚umgesiedelt‘ als vielmehr disloziert, meistens mit nicht mehr als der Kleidung, die sie am Leibe trugen, und jenen Habseligkeiten, die sie rasch in einen Koffer einpacken konnten.8 Der Bedarf der Deutschen Wehrmacht an Soldaten zählte zu den Hauptgründen der Zwangsumsiedlungen.

Den Südtiroler(inne)n aber wurde im Gegensatz zu anderen ‚volksdeutschen‘ Minderheiten und auch zu den Bewohner(inne)n der Gottschee eine ungewöhnliche, sogar privilegierte Behandlung zuteil. Es gab mithin große Unterschiede in der Abwicklung der Umsiedlung von ethnischen Deutschen. Über die Südtiroler(innen) deutscher und ladinischer Herkunft ist festzuhalten:

1) Sie durften zwischen ihrer Umsiedlung ins Deutsche Reich oder den weiteren Verbleib in Italien wählen. Jene, die sich für die Umsiedlung entschieden, wurden „Optanten“ genannt, und die anderen, die für den Verbleib in ihrer Heimat stimmten, „Dableiber“. Infolge der Option emigrierten ca. 70.000–80.0009 Menschen ins Deutsche Reich. Es handelte sich um eine geplante und organisierte Umsiedlung der Bevölkerung mitsamt ihrem persönlichen Besitz in eine neue Heimat.

2) Anders als die meisten anderen ethnischen Deutschen in Europa, die zwangsweise verschoben wurden, sollten die Einwohner der Dörfer und Bergtäler in Südtirol beforscht werden. Ehe sie umsiedelten, wirkten zahlreiche Optanten und Optantinnen als Gewährsleute bei der Dokumentation ihrer eigenen Traditionen durch Ton- und Filmaufnahmen sowie Fragebögen mit. Arbeitsgruppen von deutschen (und ehemals österreichischen) Volkskundlern, Dialektologen, Fotografen und Filmkameraleuten, zum Teil ausgerüstet mit spitzentechnologischen Aufnahmegeräten, reisten nach Südtirol, um eine Vielfalt volkskundlicher Erscheinungsformen kennenzulernen und zu erforschen.

3) Ferner sollte im Zuge dieser Erhebungen das überlieferte Erbe Südtirols von allen ‚fremden Elementen‘ bereinigt und den Südtiroler Optant(inn)en zurückgegeben werden, nachdem diesen irgendwo im Osten eine neue Heimat zugewiesen worden war.

Diese drei Punkte deuten die Unterschiede zwischen der geplanten Umsiedlung Südtirol und anderen Umsiedlungsaktionen in Europa an. Die volkskulturellen ‚Forschungsarbeiten‘ bei den Südtiroler(inne)n und Gottscheer(inne)n durch ‚Kulturkommissionen‘ sind im Vergleich zu den Umsiedlungen in anderen Teilen des vom Krieg erschütterten Europa beispiellos. Wesentlich war hierbei das politisch-militärische Bündnis zwischen den ‚Achsenmächten‘ Deutschland und Italien im Krieg. Alle anderen Umsiedlungen bzw. Migrationen betrafen Menschen – und nicht nur ethnisch Deutsche – aus Ländern, die größtenteils vom deutschen Militär besetzt waren und nicht zur ‚Achse Berlin-Rom‘ gehörten. Von Bedeutung für die vorliegende Untersuchung sind die Punkte 2 (Erforschung von Volkstraditionen) und 3 (die für später geplante Anwendung dieser Forschungen in der ‚Kulturarbeit‘ in einer neuen Heimat). Sie bilden den Kern der Unternehmungen des Ahnenerbes in Italien und Jugoslawien.

Die Südtiroler Kulturkommission und die Gottscheer Kulturkommission wurden ins Leben gerufen, um ein Programm zur Sammlung von volkskundlichen und philologischen Daten aus zwei Regionen Mitteleuropas zu realisieren. Beide agierten außerhalb der politischen Grenzen des Deutschen Reichs. Deutsche und österreichische Feldforscher, Letztere seit dem ‚Anschluss‘ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 ebenfalls Bürger des Deutschen Reichs, wurden dafür ausgewählt. Ihre Felderhebungen ab Sommer 1940 führten zu enormen Sammlungen von Material und zu Veröffentlichungen über einen Zeitraum von mehr als sieben Jahrzehnten.

Ziele mit Schwierigkeiten

Um die Bedeutung dieses ungewöhnlichen Ahnenerbe-Feldforschungsunternehmens besser zu verstehen, ist es notwendig, seine Ziele zu beleuchten. Viele Studien gehen auf die dem Forschungsunternehmen zu Grunde liegende Ideologie ein und zwei Dissertationen befassen sich ausführlich mit Kulturkommissionsmitgliedern, nämlich Alfred Quellmalz und Willi Mai, auch wurden Forschungsmaterialien veröffentlicht, sogar in jüngerer Zeit.

Eine ganze Reihe von wichtigen Fragen bleibt jedoch unbeantwortet, darunter auch grundsätzliche: 1) Warum entschied sich Hitler, Südtirol Mussolini zu überlassen? War der Grund dafür seine Bewunderung für den ‚Duce‘ oder entsprang sein Verzicht auf Südtirol der realpolitischen Absicht, das Deutsche Reich im Süden abzusichern? Hitler lehnte wiederholt jeden Anspruch auf Südtirol ab, bereits 1923 in seiner Schrift Mein Kampf: „Da allerdings stehe ich nicht an zu erklären, daß ich nun, da die Würfel gefallen sind, eine Wiedergewinnung Südtirols durch Krieg nicht nur für unmöglich halte, sondern auch persönlich […] ablehnen würde […]“ (zit. nach Manheim 1999: 628). Wollte er die Region später annektieren? – 2) Wurde den umzusiedelnden Südtiroler(inne)n letztlich tatsächlich eine andere Behandlung zuteil als den anderen Massen an Umsiedler(inne)n? 3) Besitzen die Sammlungen der Südtiroler Kulturkommission einen innewohnenden objektiven Wert? 4) Worin lagen die Beweggründe der Feldforscher für die Mitarbeit, abgesehen von den Vorteilen einer Arbeitsstelle weit weg von der Kriegsfront? – Die bisherige Literatur bietet Anhaltspunkte zur Beantwortung mancher Fragen, jedoch keine befriedigenden Antworten. Einige Fragen werden im Text beantwortet, aber endgültige Antworten gibt es kaum.

Weiters fehlt noch eine detaillierte und fachgerechte Bewertung der ‚Forschungen‘ der Südtiroler Kulturkommission in wissenschaftlicher Hinsicht, nicht nur in Bezug auf die Disziplinen Volkskunde und Sprachwissenschaft. Sie setzt ein intensives Studium der in diversen Archiven aufbewahrten Dokumente sowie der publizierten wie auch unveröffentlichten Werke der wichtigsten Mitglieder der Südtiroler Kulturkommission voraus, und darin liegt die Methodologie der vorliegenden Arbeit. Weitere Antworten ergeben sich aus der Analyse psychologisch begründeter Motive und beziehen sich auf den Karrierismus mancher Kommissionsmitglieder oder die geplante Plünderung von materiellen Kulturwerten durch das Ahnenerbe. Der bereits umrissene geografische Kontext wird durch die Betrachtung von Forschungen in bestimmten Tälern, Dörfern und Städten vertieft. Zunächst sei die Aufmerksamkeit aber auf den zeithistorischen Kontext der Ahnenerbe-Forschungen sowie auf die problematische intellektuelle Atmosphäre gerichtet, in der diese Forschungen stattfanden.

 

______________

2 Der Begriff „volksdeutsch“ wird wegen seiner Nähe zur nationalsozialistischen Rassenideologie heute nicht mehr verwendet.

3 Ladinischsprachige findet man vor allem in den Tälern Badia/Gadertal, Gherdëina/Gröden (Südtirol), Fassa (Trentino), Livinallongo (auch bekannt als Buchenstein oder Fodom) und in Ampezzo (Belluno). Ladinisch ist eine rätoromanische Sprache und verwandt mit Romantsch in der Schweiz und Friulanisch in Italien. Die ladinische Sprachgruppe umfasst ca. 20.000 Menschen.

4 Der Begriff „Sprachinsel“ kam wegen seiner Verwendung in der völkischen NS-Forschung weitgehend außer Gebrauch.

5 Der amerikanische Diplomat Harold Nicolson schrieb später: „There is nothing to explain how the President could, at the very outset of the Conference, have agreed to place 230,000 Tyroleans under Italian rule in flagrant violation of the most central of all his principles. I prefer to accept the simple explanation that Woodrow Wilson was quite unaware at the time what his concession really implied“ (Nicolson 1965: 169 f.).

6 Vgl. Art. „Ettore Tolomei“, in URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Ettore_Tolomei (26.07.2017).

7 Zum Beispiel der Banat (Ungarn), Siebenbürgen (Rumänien), die Gottschee (Slowenien/Jugoslawien), Zips (Slowakei), Bessarabien und auch die Zillertaler Siedlungen in Ostpreußen. Es gibt sehr viel Literatur über diese ‚Migrationen‘, die im Internet unter dem Stichwort „Zwangsmigration“ (im Zweiten Weltkrieg) zu finden ist.

8 Von den „volksdeutschen Rücksiedlungen“ waren in Estland und Lettland 83.800, in Litauen 51.000, in Wolhynien und Galizien (Ostpolen) 135.000, in Bessarabien 93.000, in der Nord-Bukowina 43.000, in der Süd-Bukowina 52.500, in der Dobrudscha 14.000, in der Gottschee (Kočevje) und in Laibach (Jugoslawien) 15.000, in Bosnien 20.000 und in der Sowjetunion ca. 350.000 Personen betroffen (Alexander 1989: 241).

9 Fast alle Quellen nennen unterschiedliche Zahlen, aber es dürften mehr als 70.000 Menschen aus Südtirol ins Deutsche Reich (zumeist in die Gaue Tirol-Vorarlberg sowie Salzburg) oder in militärisch neu gewonnenes Territorium umgesiedelt worden sein.

Kapitel 1 – 21. Oktober 1939

Am 21. Oktober 1939 unterzeichneten die Delegationen des Deutschen Reichs und des faschistischen Italien in Rom ein Umsiedlungsabkommen mit schwerwiegenden Folgen für die Bevölkerung der italienischen Provinz Südtirol.10 Hitlers und Mussolinis Anliegen war primär politisch motiviert: Das Deutsche Reich beabsichtigte die Umsiedlung dieser ethnischen Deutschen aus Südtirol11 und Italien die endgültige Italianisierung dieser nordöstlichen Provinz. Jedenfalls zielte das Abkommen von Rom ausschließlich auf die Umsiedlung der deutsch- und ladinischsprachigen Bevölkerung ab und keineswegs auf Feldforschungen zur Erfassung ihrer kulturellen Überlieferung – darüber findet sich im Abkommen kein Wort.

Die Grundlagen für das Abkommen waren schon im Frühjahr 1938 in einem Treffen von Hitler und Mussolini und dann besonders in der ersten Hälfte des Jahres 1939 festgelegt worden. Im zweiten Kapitel seines Buchs Südtirol und die Achse Berlin-Rom 1938–1945 (1962) beschreibt Conrad F. Latour diese Sitzungen als ein „diplomatisches Vorspiel“ zur Unterzeichnung des Abkommens im Oktober 1939 und im dritten Kapitel zeigt er die Entwicklung der später so bezeichneten „ethnischen Radikallösung“ auf. Aus den Verhandlungsakten zitiert er einen äußerst zynischen Begriff für die geplante Umsiedlung: „Völkische Flurbereinigung“12 (Latour 1962: 51, Anm. 31). Latour bezieht sich des Öfteren auf seine Hauptquelle Otto Bene, den damaligen deutschen Generalkonsul in Mailand, und auch ich beziehe mich zur Skizzierung des historischen Kontextes teilweise auf sein unveröffentlichtes Manuskript (Bene 1951), wenngleich Bene natürlich insgesamt eine fragwürdige Quelle ist.

Im Anhang zum Abkommen finden sich die von Bene und Giuseppe Mastromattei, dem Präfekten von Bozen, erstellten Richtlinien zur Umsiedlung, die sich primär mit dem Abtransport von materiellen kulturellen Wertgegenständen der Südtiroler Bevölkerung ins Deutsche Reich befassen. Auf der Grundlage des Abkommens versprach Himmler selbst der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols eine Umsiedlung in neue deutsche Siedlungen „irgendwo auf seinem Machtgebiet, z.B. im Osten“.13 Für ein künftiges „geschlossenes Siedlungsgebiet“ aller umzusiedelnden Südtiroler(innen) wurden gleich mehrere Gebiete in Betracht gezogen: zunächst Mähren in der Tschechoslowakei, dann die Beskiden im Süden Polens, später die französischen Regionen Elsass-Lothringen und Burgund und schließlich die Krim in der Sowjetunion.14 Der bereits erwähnte italienische ultranationalistische Senator Ettore Tolomei schlug sogar vor, die deutschsprachige Südtiroler Bevölkerung in der italienischen Kolonie Abessinien (im heutigen Eritrea) anzusiedeln.15 Letztlich konnte man sich bezüglich eines neuen Siedlungsterrains nie einigen und der Plan blieb nicht mehr als eine wilde und wahnwitzige Fantasie, die aber immer wieder diskutiert wurde.

Zur organisatorischen Bewältigung der geplanten Massenumsiedlung wurde in Bozen von reichsdeutscher Seite ziemlich rasch eine Amtliche Deutsche Ein- und Rückwandererstelle (ADERSt) mit mehreren Unterabteilungen und zugeordneten Ämtern gegründet. Die dem Umsiedlungsabkommen vom Oktober 1939 beigefügten Richtlinien veranlassten Himmler, am 2. Januar 1940 eine Südtiroler Kulturkommission innerhalb des SS-Ahnenerbes zu gründen,16 die mit deutschen und ehemals österreichischen Wissenschaftlern und einer Reihe von assistierenden Einheimischen zu besetzen war. Bemerkenswert ist hierbei, dass die Südtiroler Kulturkommission, wenngleich sie als Unterabteilung des Ahnenerbes existierte und der Großteil der unter ihrer Ägide geplanten Feldforschungen in der Tat ausgeführt wurde, unter den vielen von Kater 1974 aufgezählten Ämtern des SS-Ahnenerbes nicht aufscheint. Bezeichnend dafür ist, dass kein Dokument der Südtiroler Kulturkommission einen offiziellen Briefkopf trägt. Alle Briefe, Memoranden, Vermerke und andere Akten sind mit der Bezeichnung und gelegentlich der Adresse der Kulturkommission in der oberen linken oder rechten Ecke maschinenschriftlich versehen. Erkennbar ist auch, dass die Südtiroler Kulturkommission nicht nur dem Ahnenerbe, sondern auch der ADERSt in Bozen unterstellt war (siehe Abb. 1). Ich fand lediglich ein einziges Dokument mit einem Stempel der Kulturkommission. In den Augen der Ahnenerbe-Geschäftsführung und der Kommissionsmitglieder war die Südtiroler Kulturkommission aber dennoch primär eine offizielle Abteilung des Ahnenerbes.

Es ist heute schwierig festzustellen, wer als erster auf die Idee kam, für das Umsiedlungsgebiet Südtirol ein großes volkskundliches Forschungsunternehmen zu planen. Dokumentiert ist lediglich, dass Hugo Hassinger, der Leiter des Südostdeutschen Forschungsinstituts in Wien, im Jahr 1939 detaillierte Vorschläge für die volkskundliche Erforschung des Optionsgebietes erarbeitete (Schwinn 1989: 86). Sein Hauptanliegen war aber die Umsiedlung der ethnischen Deutschen Südtirols in die polnischen Beskiden in Galizien. Am 18. November desselben Jahres unterbreitete sein Wiener Kollege und Leiter der Ahnenerbe-Lehr- und Forschungsstätte für germanisch-deutsche Volkskunde in Salzburg, Richard Wolfram, dem Reichsgeschäftsführer des Ahnenerbes, SS-Sturmbannführer Wolfram Sievers, folgenden Vorschlag:

Abb. 1: Provisorischer Briefkopf der „Südtiroler Kulturkommission“ auf einem ihrer in den Bundesarchiven Berlin und Koblenz aufbewahrten Dokumente.

„Bei der Umsiedlung müßte ferner darauf Bedacht genommen werden, daß die gesamten Kulturgüter (einschliesslich des Hausrates) mitgenommen werden, so weit dies nur irgend möglich ist. Die Höfe selbst aber wären noch vorher volkskundlich aufzunehmen. Ferner wären bei der Umsiedlung nach unserer Meinung erprobte und mit dem Volkstum dieser Gruppe vertraute Berater einzusetzen, die beim Wiederaufbau für eine möglichst artgemässe Gestaltung zu sorgen hätten“.17

Mit der Anordnung 12/II vom 2. Januar 1940 beauftragte Reichsführer-SS Himmler in seiner Eigenschaft als „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ das Ahnenerbe mit der „Aufnahme und Bearbeitung des gesamten geistigen und dinglichen Kulturgutes aller umsiedelnden Volksdeutschen“ (Menscheneinsatz 1940: 219), und damit waren die Grundvoraussetzungen für das Projekt in Südtirol geschaffen. Nur wenig später, im März 1940, unternahm Sievers eine längere Dienstreise nach Südtirol, „um in Vorbesprechungen Aufgabe und Umfang der Erfassung und Sicherstellung der gesamten geistigen und dinglichen Kulturwerte in Südtirol festzustellen“. In seinem anschließenden Bericht an Himmler schlägt er vor, „die Sachbearbeiter der einzelnen Arbeitsgruppen“ zu einer „Kommission“ zusammenzufassen und „eine einheitliche Arbeitsrichtung festzulegen“. Das groß angelegte, auf fünf Millionen Lire veranschlagte Forschungsvorhaben, um dessen Bewilligung er „nachdrücklich bitte[t]“, versucht er Himmler in superlativischer Übertreibung schmackhaft zu machen:

„Bei der Durchführung der kulturellen Aufgaben ist in besonderem zu berücksichtigen, dass Südtirol volkstumsmässig und volkskundlich bisher nur ungleichmässig erforscht18 wurde. Da Südtirol eine einmalige Erscheinung im deutschen Volksgebiet mit einem unerhörten Reichtum an Überlieferungen ist, ist für eine ganze Reihe von bedeutenden wissenschaftlichen Fragen eine Lösung gerade mit Hilfe des Südtiroler Materials zu erwarten. Vor der Auflösung dieser Stammessiedlung muss deshalb ihr Reichtum allseitig erfasst werden; deshalb gilt es jetzt, diese einzige und letzte Gelegenheit restlos auszuschöpfen“.19

Hier wurde möglicherweise zum ersten Mal der Begriff „Kommission“, und bald darauf „Kulturkommission“, verwendet, und ferner deuten zahlreiche Indizien darauf hin, dass Richard Wolfram die treibende Kraft bei der Bildung der Südtiroler Kulturkommission war. Viele Jahre später, 1987, versuchte Wolfram aber, sich von der Kulturkommission zu distanzieren: „In voller Verzweiflung [wegen der geplanten Umsiedlung Südtirol, der Verf.] suchte ich – soweit ich dazu beitragen konnte – auf meinem Wissensgebiet vom Südtiroler Kulturerbe zu retten was möglich war […] Es gelang mir, Aufnahme in die Kulturkommission für Südtirol zu finden“ (Wolfram 1987a: 6).

Den Kommissionsmitgliedern bot der Forschungsauftrag nicht unbeträchtliche Vorteile, insbesondere angesichts des sich ausweitenden Krieges. Während der Feldforschungen in einem landschaftlich schönen und lange Zeit sicheren Winkel Europas erhielten die meisten von ihnen die Uk-Stellung (Unabkömmlichkeitsstellung), d.h. sie waren vom Kriegsdienst freigestellt. Die Arbeitsgruppenleiter der Kulturkommission waren ausnahmslos uk-gestellt, weil ihre Aufgabe von Himmler selbst als „kriegswichtig“ eingestuft wurde. Hier konnten sie ihren beruflichen Interessen und ihrer Hauptaufgabe, „vom Südtiroler Kulturerbe zu retten was möglich war“, nachkommen.20 Es sei noch einmal betont, dass das deutsch-italienische Abkommen an keiner Stelle eine Kulturkommission erwähnt. Man findet darin lediglich den Hinweis, dass „Möbel, Hausrat, Wäsche, für den eigenen Bedarf bestimmte und selbsterzeugte Lebensmittel […] Inneneinrichtung wie Wandschränke, alte Wandtäfelungen, Kachelöfen usw.“ ins Deutsche Reich mitgenommen werden dürfen. Diese Formulierungen wurden später als Lizenz zur Plünderung verstanden.

Bis Juli 1940 waren die meisten Mitglieder der Arbeitsgruppen der Südtiroler Kulturkommission nominiert21 und die Zahl ihrer ‚kriegswichtigen‘ Abteilungen wurde zügig ausgebaut (Kater 1974: 145 f., 191–204). Nicht alle geplanten Personalbesetzungen der Arbeitsgruppen waren realisierbar, weshalb schon Mitte Oktober eine leicht veränderte Zusammensetzung der Kulturkommission präsentiert wurde; man beachte hierbei die prominente Stellung von Richard Wolfram:22

„Besetzung der Arbeitsgruppen der ‚Kulturkommission Südtirol‘23

I. Volkskunde und Volksforschung

1. Brauchtum, Volksglaube, Volkstanz/Bewegungsformen:Prof. Dr. Richard Wolfram, Wien

2. Geräte und Hausrat: Dr. Thiele24, Amt Rosenberg

3. Trachten: Gertrud Pesendorfer, Volkskunstmuseum Innsbruck

4. Volkserzählung, Märchen, Sage: Dr. Wilhelm Mai, Ahnenerbe

5. Sinnbilder, Hausmarken, Sippenzeichen:Dr. Otto Plaßmann, Ahnenerbe

II. Volksmusik, Volkslied, Volkstanz / musikalischer TeilDr. Alfred Quellmalz, Staatl. Inst. f. Dt. Musikforschung

III. Hausforschung und BauwesenDoz. Dr. Martin Rudolph, TH Braunschweig

IV. Aufbauplanung und SiedlungskulturProf. Sachs, Bozen

V. Mundarten, Flur- und FamiliennamenDr. Insam, München, Dr. Schweizer, Ahnenerbe

VI. ArchiveDr. Huter, Staatsarchiv Wien

VII. Kirchenbücher und SippenkundeDr. Kayser, Reichsstelle für Sippenforschung Berlin

VIII. VorgeschichteDr. Innerebner, Bozen

IX. Museen, Kunstschätze, bildende Kunst und VolkskunstDr. Posse, Leiter der Gemäldegalerie Dresden,Dr. Graf Trapp – Innsbruck, Landeskonservator von Tirol,Dr. Frodl – Klagenfurt, Landeskonservator von Kärnten,Dr. Ringler, Innsbruck

X. FilmSS-Hauptsturmführer Bousset, Berlin

XI. Volksgeschichte, Stammeskunde[unleserlich: Karl Felix Wolff25?]“

Die Bezeichnungen der einzelnen Arbeitsgruppen änderten sich wiederholt, hauptsächlich zur Klärung von Forschungskompetenzen, aber oft auch infolge von Streitigkeiten und Konkurrenzkämpfen innerhalb der Kulturkommission. Im Falle von Heinrich Harmjanz flüchtete ein Mitglied der Kulturkommission unter den Schirm einer anderen NS-ideologischen Wissenschaftsorganisation, nämlich zu dem mit dem Ahnenerbe konkurrierenden Amt Rosenberg. Harmjanz’ Fall ist wohl ein Paradebeispiel dafür, wie man von Himmlers ‚schwarzer‘ SS-Organisation in Rosenbergs ‚braune‘ SA-Organisation wechseln konnte.26

Einige Arbeitsgruppen waren sehr aktiv, besonders jene von Richard Wolfram, Alfred Quellmalz, Bruno Schweizer und Willi Mai. Zu den aktivsten Mitarbeiter(inne)n zählten auch Matthias Insam, Georg Innerebner, Gertrud Pesendorfer, Martin Rudolph und Hellmut Bousset. Andere Mitglieder wiederum schienen für rein bürokratische Aufgaben zuständig gewesen zu sein, wie Franz Huter, Joseph Ringler und Joseph Otto Plaßmann, und einige wenige leisteten keine erkennbare Forschung für die Kulturkommission, wie beispielsweise Karl Felix Wolff.

Sämtliche Arbeitsgruppen und Mitglieder der Südtiroler Kulturkommission standen mehr oder weniger unter dem Einfluss einer auf alles Nordische fixierten Ideologie, wie ich, ebenso wie Peter Assion, Peter Schwinn und Konrad Köstlin, an anderer Stelle bereits ausgeführt habe (Dow 2014a: 365–399). Alle diese Feldforscher erhielten mit den Richtlinien die klare Ansage – und nicht bloß These –, dass die aufzuzeichnenden und aufzunehmenden ‚kulturellen Güter‘ primär als Relikte urtümlicher germanischer Traditionen und Äußerungen aufzufassen seien. Ihre Bestimmung lag darin, diese kulturellen Relikte der Südtiroler zu registrieren und zu sammeln und sie im Hinblick auf eine ideologische ‚Reinigung‘ (im nationalsozialistischen Sinn) aufzubereiten. Alle folgten diesem Auftrag – oder besser: Mandat –, und einige glaubten sogar daran. Zum besseren Verständnis der Ideologie der Südtiroler Kulturkommission sei nachfolgend die ihr zu Grunde liegende intellektuelle Atmosphäre des Ahnenerbes und ihre wissenschaftsideologische Vorgeschichte dargestellt.

 

______________

10 Ich bedanke mich herzlich bei Herrn Jonas Eberhardt vom Deutschen Auswärtigen Amt (Politisches Archiv und Historischer Dienst) für die Übersendung einer kompletten Kopie des Abkommens. Viele meinen, das Abkommen sei in Berlin unterzeichnet worden, aber anhand des Originals wird ersichtlich, dass es von den deutschen und italienischen Delegationen in Rom unterzeichnet wurde.

11 Ich versuche, konsequent zwei Begriffe voneinander zu unterscheiden: „Umsiedlung“ und „Übersiedlung“. In den Archiven fand ich auch die Termini „Umvolkung“ und „Völkische Flurbereinigung“. In der wissenschaftlichen Literatur über die Südtiroler Option wird am häufigsten der Begriff „Umsiedlung“ gebraucht.

12 In der internationalen Presse findet man heute als adäquaten Begriff jenen der „ethnischen Säuberung“ für Vertreibungen im Rahmen nationalistisch-ethnischer Konflikte.

13 „Die Südtirol-Frage. Aufzeichnungen von Himmler am 30. Mai 1939“, zit. nach Gruber 1978: 226.

14 Ostgoten ließen sich im Jahr 257 auf der Krim nieder. Adolf Bach behauptet in seiner Geschichte der deutschen Sprache, dass Überreste ihrer Sprache auf der Krim bis ins 17. Jahrhundert nachweisbar waren (Bach 1938: § 44). Heather Pringle berichtet über Himmlers Interesse an der Idee, auf der Krim eine SS-Siedlung „Gotengau“ zu gründen, und zwar im Gebiet der 356 Höhlen und Wehrtürme der Festungsruine Eski-Kermen (Pringle 2006: 32–37).

15 Vgl. (den allerdings propagandistischen Artikel) „Ettore Tolomei – Der Totengräber Süd-Tirols“, in URL: http://freeweb.dnet.it/ahmeran/ettore_tolomei.htm (06.05.2016).

16 Bericht über die Tätigkeit der Kommission zur Aufnahme und Bearbeitung des geistigen und dinglichen Kulturgutes (Kulturkommission) der umsiedelnden Volksdeutschen in Südtirol vom 2.1.1940 bis zum 1.3.1941 (BA NS 21/164). – BA ist die Abkürzung für „Bundesarchiv“ (Berlin-Lichterfelde und/oder Koblenz), NS 21 kennzeichnet die Signatur der Archivalien betreffend die Südtiroler Kulturkommission und die Zahl 164 den Ordner in NS 21.

17 Wolfram an Sievers, 18.11.1939 (28 Tage nach der Unterzeichnung des Abkommens in Rom) (BA, Personalunterlagen Richard Wolfram). Assion/Schwinn (1988: 222) beschreiben Wolfram als „den wichtigsten Ratgeber“ unter jenen, die mit der Konzeption der Arbeitsgruppen der Südtiroler Kulturkommission betraut wurden (vgl. auch Jacobeit/Lixfeld/Bockhorn 1994: 567).

18 Alle Hervorhebungen durch den Verf.

19 Sievers an Himmler, 10.04.1940, „Aufnahme und Erfassung der kulturellen Werte in Südtirol“ (BA NS 21/410). Sievers sprach mit den Verantwortlichen vor Ort: Dr. Wilhelm Luig, Leiter der Amtlichen deutschen Ein- und Rückwandererstelle (ADERSt), Dr. Helmut Altpeter, Leiter der Kulturabteilung der ADERSt, Peter Hofer, Chef der Arbeitsgemeinschaft der Optanten für Deutschland (AdO), sowie dessen Sachbearbeitern und mit der Leitung des Gaues Tirol-Vorarlberg; vgl. auch Kater 1974: 159 f., Schwinn 1989: 85–87.

20 Protokoll des ersten Treffens der Südtiroler Kulturkommission am 1. Juli 1940 in Bozen (BA NS 21/433).

21 Siehe die Gruppenlisten in Stuhlpfarrer 1985: 399–401.

22 Siehe auch Kater 1974: 161, Schwinn 1989: 89, Anm. 16. Zur Auflistung vom 31. Oktober 1942 siehe Kater 1974: 401, Anm. 144, und Lixfeld G. 1994: 222, 226 f., 239 und 243 f.

23 Siehe Oesterle 1994: 194–200.

24 In den Akten werden selten die Vornamen angeführt.

25 Karl Felix Wolff (1879–1966) war Journalist, Dichter und Heimatkundler in Südtirol. Als pangermanischer Nationalist behauptete er in seinen Schriften, dass die Deutschen die ‚Ur-Indogermanen‘ seien.

26 Siehe Lixfeld/Dow 1994: 115 und Bockhorn 1994a.

Kapitel 2 – Die intellektuelle Atmosphäre

Ein Viertelmillion Südtiroler sollten im Deutschen Reich, „irgendwo auf seinem Machtgebiet, z.B. im Osten“27, angesiedelt werden und einige Tausend wurden tatsächlich umgesiedelt, zum größten Teil in den nördlich an Südtirol angrenzenden (Reichs-)Gau Tirol-Vorarlberg. Eine kleine Gruppe von 566 Mocheni, deren Vorfahren im 13. und 14. Jahrhundert aus verschiedenen Tälern Nord- und Südtirols in das Fersental im Trentino eingewandert waren, musste sich 1942/43 in Budweis und Aussig in Böhmen (Tschechoslowakei) niederlassen. In Vorbereitung auf diese ‚angewandte Umvolkung‘ einer geschlossenen Gruppe hatten die deutschen Besatzer 28.000 Hektar fremdes Land konfisziert. Das neue ‚Menschenmaterial‘ war dazu bestimmt, in Böhmen ein fast schon verschwundenes deutsches Element zu stärken und dabei zu helfen, die „alte deutsche, beinahe schon ‚erloschene‘ Sprachinsel in Südböhmen ‚wieder zu beleben‘“ (Lozoviuk 2002: 167).

Was in Bezug auf dieses „einmalige und beispiellose Ereignis“ in Südtirol, wie ich es einleitend euphemistisch genannt habe, noch nicht ausreichend thematisiert wurde, sind die Feldforschungen der Südtiroler Kulturkommission im Detail und ganz besonders die intellektuelle Atmosphäre im Umfeld und innerhalb ihres Mitgliederkreises. Wissenschaftler aller Art, einige sogar bestens ausgebildet an renommierten Universitäten und Hochschulen in Deutschland und Österreich, sollten den Forschungsauftrag der Kulturkommission erfüllen. Von den neun hier zu behandelnden Kommissionsmitgliedern waren drei habilitiert und drei promoviert, einer war promovierter Ingenieur und zwei waren Sekretärinnen, davon eine ohne Abschluss einer Ausbildung. Ich versuche im Folgenden, dieses denkwürdige Forschungsunternehmen vor dem Hintergrund des deutschen Wissenschaftsbetriebes, in dessen Rahmen die meisten der Genannten bereits Positionen besetzten oder erreichen wollten, darzustellen und beginne zunächst – sozusagen kontrastierend – mit der Spitze der Wissenschaft in Deutschland, mit den deutschen Nobelpreisträgern.

Schatten

Von 1901, dem ersten Jahr der Nobelpreisvergabe, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde dieser Preis 46 Mal an deutsche Wissenschaftler vergeben: 17 Mal für Chemie, zwölf Mal für Physik, neun Mal für Physiologie/Medizin, fünf Mal für Literatur und drei Mal für besondere Verdienste in der Friedensarbeit. Die Preisträger – z.B. der Chemiker Otto Hahn, die Physiker Wilhelm Conrad Röntgen, Werner Heisenberg, Albert Einstein und Max Planck, der Schriftsteller Thomas Mann oder Gustav Stresemann als Friedensnobelpreisträger – wurden international bekannt und ihre Leistungen wirken heute noch nach. Rechnet man, da diese Phase ja auch die NS-Zeit umfasst, Österreich mit ein, kommen weitere 13 Nobelpreisträger hinzu: drei in Chemie, je vier in Physik und Medizin/Physiologie und zwei für Friedensarbeit. Insgesamt ergingen 59 Nobelpreise an Wissenschaftler aus deutschsprachigen Universitäten, wobei etwa 30 Prozent der Preisträger Juden waren.28 Gemessen nur an der Zahl der Nobelpreis-Auszeichnungen kann man für diese Phase zweifellos von Exzellenz an deutschen Wissenschaftseinrichtungen sprechen, Studenten aus aller Welt strömten an die deutschen und österreichischen Universitäten, um bei anerkannten Wissenschaftlern zu studieren. Einer von ihnen war beispielsweise der Amerikaner Stith Thompson (1885–1976), der im Studienjahr 1926/27 in Europa Kontakte knüpfte und später das „Folklore Program“ an der Indiana University begründete. Er benannte es mit Folklore Institute, wobei er die europäische bzw. deutsche Bezeichnung „Institut“ verwendete und nicht, wie sonst üblich an amerikanischen Universitäten, den Begriff „Department“.

In unserem Betrachtungszeitraum (Jahrhundertwende bis Ende Zweiter Weltkrieg) waren somit international bedeutende wissenschaftliche Projekte im Gange, und einige Forscher erlangten auch für den Krieg Bedeutung.29 Doch parallel zum seriösen akademischen Betrieb existierte ebenso eine umtriebige pseudowissenschaftliche akademische Szene, die zahlreiche populärwissenschaftliche Veröffentlichungen produzierte. Ich verwende die höflichen Termini „Populärwissenschaft“ und „Pseudowissenschaft“, man möge aber verstehen, dass es sich hierbei um „Junk Science“ bzw. „Kramwissenschaft“30 im wahrsten Wortsinn handelte. Zu Beginn meiner Forschungen glaubte ich noch, dass die Vertreter der Junk Science und ihre Vorläufer, Wegbereiter, Einrichtungen und Publikationen bloß schwache Schatten auf die hier zu untersuchende ‚Volkstumswissenschaft‘ warfen, doch allmählich wurde mir klar, dass Populär- und Pseudowissenschaften auch an den Forschungsinstituten renommierter Universitäten oder an lose mit ihnen in Verbindung stehenden geisteswissenschaftlichen Forschungseinrichtungen ihren Platz gefunden hatten. Quasi im Windschatten legitimer wissenschaftlicher, auch nobelpreiswürdiger Errungenschaften konnte pure und unverfälschte Pseudowissenschaft aufblühen. Pseudowissenschaftliche ‚Studien‘ entstanden zwar meist in nicht-akademischem Umfeld, doch vor allem in der NS-Zeit und auch schon früher strömten sie, rezipiert und verbreitet selbst von Professoren und Habilitierten an Deutschlands und Österreichs besten Universitäten, besonders in Berlin und Wien, an die Öffentlichkeit, gleichsam umgeben von legitimer Wissenschaft. Wenn pseudowissenschaftliche Schatten faktisch aus der Sphäre redlicher und renommierter Wissenschaft fielen, erhielten sie den Anschein von wissenschaftlicher Legitimität. Ich behaupte und versuche zu beweisen, dass den Arbeiten der Mitglieder der Kulturkommissionen des SS-Ahnenerbes weitgehend unwissenschaftliche, nämlich populär- bzw. pseudowissenschaftliche Konzepte und Methoden zu Grunde lagen – selbst bei differenzierter Betrachtung der Einzelfälle. In der Tat wohl ein hartes Urteil über so viele akademisch ausgebildete Personen und ihre Arbeiten.

Indem ich das Wort „Schatten“ verwende, beschränke ich mich bewusst nicht auf den Begriff „Zeitgeist“ für dieses ‚einmalige und beispiellose Ereignis‘ in Südtirol und der Gottschee. Mir geht es um eine breiter angelegte Untersuchung der wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklung und ihrer gesellschaftlichen Rahmenbedingungen über einen längeren Zeitraum hinweg, der mit den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts beginnt und ganz besonders die ersten vier Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts umfasst. Ich bin mir dessen bewusst, dass jene spezifische Art von Populär- und Pseudowissenschaft, die Gegenstand meiner Abhandlung ist, keineswegs nur auf Deutschland beschränkt war. Man braucht sich beispielsweise nur zahlreiche amerikanische Studien anzusehen, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auf dem Gebiet der damals neuen Wissenschaft „Eugenik“ bzw. „Eugenetik“ (auch „Erbgesundheitslehre“) erschienen. Besonders erschreckende Beispiele dafür sind die Veröffentlichungen des Mediziners William Duncan McKim (1855–1935), der in seinem Buch Heredity and Human Progress (1900) die staatlich zu veranlassende Ermordung („liquidation“) der „very weak and […] very vicious“ (der sehr Schwachen und sehr Bösartigen) durch Kohlensäuregas vorschlug, oder Madison Grant (1865–1937) mit seinem Buch The Passing of the Great Race (1916), ein ausgefeiltes Werk über „Rassenhygiene“. Das 1910 in Cold Spring Harbor in New York gegründete Eugenics Record Office produzierte Berichte, Aufsätze und Tabellen, die damals als wissenschaftlich galten. Es ist bekannt, dass vieles an ‚Wissenschaft‘ dieser Art im frühen 20. Jahrhundert im Umfeld von renommierten amerikanischen Universitäten aufkam. Ein Paradebeispiel sind die Forschungen des Harvard-Professors Alexander Hamilton Rice (1875–1956), der in den 1920er-Jahren Expeditionen ins Amazonasgebiet unternahm, um dort nach den Spuren einer mythischen hochentwickelten Zivilisation von Menschen weißer Hautfarbe zu suchen, die angeblich eine prachtvolle Stadt hinterließen.31 Professor Rice finanzierte seine fragwürdigen Exkursionen mit dem Geld seiner reichen Ehefrau Eleanor Elkins Widener, die wiederum 1915 den Bau der Widener Library in Harvard als Andenken an ihren ältesten Sohn Harry Elkins Widener, der 1912 zusammen mit seinem Vater George Dunton Widener beim Untergang der Titanic ums Leben gekommen war, gestiftet hatte.

Da sich mein Thema auf die oben skizzierte Zeitperiode bezieht, behandle ich hier frühere und spätere Erscheinungsformen von Populär- oder Pseudowissenschaft nicht, sondern beschränke mich auf die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum.

Populärwissenschaft überall

Die Glazialkosmogonie oder Welteislehre: Der österreichische Ingenieur Hanns Hörbiger (1860–1931) entdeckte seine Theorien eines schönen Abends 1894 bei der Betrachtung des nächtlichen Himmels. Als er über die vielen Berge, Meere, Krater und Rillen auf dem Mond sinnierte, hatte er eine Erleuchtung: Diese Landschaften waren das Endergebnis des Widerstreits zwischen den Mächten Glut und Eis und es war ein dicker Eismantel, der da zu sehen war, und kein Mondstaub. Bald entwickelte sich bei ihm ein alles verzehrendes Interesse daran, was man heute als seine „Welteislehre“ beschreibt, auf die eine eigene „Weltallslehre“ über die Entstehung des Universums aufbaut.

Hörbigers Opus magnum ist ein 800 Seiten dickes Buch, das er 1913 zusammen mit seinem ‚Jünger‘ Philipp Fauth unter dem Titel Glazial-Kosmogonie. Eine neue Entwicklungsgeschichte des Weltalls und des Sonnensystems auf Grund der Erkenntnis des Widerstreites eines kosmischen Neptunismus mit einem ebenso universellen Plutonismus herausbrachte. Hörbigers und Fauths Buch ist derart langatmig und repetitiv, dass einige ihrer Anhänger sich bemüßigt fühlten, Zusammenfassungen und Kurzdarstellungen des Inhalts anzubieten.32 Eine davon wurde 1926 von Hans Wolfgang Behm veröffentlicht. Zwar umfasst sie bloß 47 Seiten, kann aber in puncto Länge des Titels durchaus mit dem Vorbild konkurrieren: Welteis und Weltentwicklung. Gemeinverständliche Einführung in die Grundlagen der Welteislehre (siehe Abb. 2).

Nach Hörbiger besteht das Weltall aus riesigen „Heißgestirnen“ und „Eisgestirnen“. Irgendwann in grauer Vorzeit geriet ein kleiner, von Wasser durchdrungener, aber toter „Eisstern“ in das Gravitationsfeld eines Riesengestirns nahe der Konstellation Columba (Hörbigers „Taube“) und stürzte hinein. Der kleine Stern verglühte aber trotz der hohen Temperatur nicht sofort, sondern baute eine poröse Schlackenhülle auf und erhitzte sich weiter, bis eine Deferveszenz33, eine Siedeverzugshöhe, erreicht war. Es folgte eine gigantische Explosion, im Sinne Hörbigers eine Art ‚Urknall‘. Zu den Sonnensystemen, die aus dieser Explosion entstanden, gehört laut Hörbiger auch unser Sonnensystem, das jedoch ursprünglich aus viel mehr Planeten bestanden habe als heute bekannt.

Abb. 2: Titelblatt von Behm 1926.

Abb. 3: Hanns Hörbigers Grabstätte am Friedhof Mauer in Wien – quasi ein Denkmal mit einem Urbogen und einem kleinen Grabstein darunter. Foto: Daniel Buck.

Bezugnehmend auf diese Weltallslehre liest man bei Behm: „Aus ursprünglichen Kreisen als Umlaufslinien um den Sonnenball werden feingewickelte, dem Stiftwege auf der Grammophonplatte vergleichbare, nach innen sich verengernde Kreisspiralen“ (Behm 1931: 14). Eisblöcke von verschiedener Größe würden auch im Weltall umherkreisen und die äußeren Planeten des Sonnensystems seien deshalb größer als die inneren, weil auf sie mehr Eisblöcke einstürzten; man könne diese Blöcke als Meteoren am Nachthimmel sehen. Wenn einer von ihnen auf die Erde stürze, entstehen Gebirge oder es kommt zu Erdbeben, Hagelstürmen und Überschwemmungen. Die Anhänger dieser Kosmogonie beschreiben die biblische Sintflut und auch das Versinken von Atlantis als Folge herabstürzender Satellitenmonde.

Ein anderer Hörbiger-Jünger, Hans Schindler Bellamy, erweiterte die Theorie 1936, indem er behauptete, ein Neozoikum-Mond34, nämlich der Vorgänger unseres Mondes, sei auf die Erde herabgekreist und habe die Ozeane so gegen den Äquator gedrängt, dass sich, vergleichbar mit einem Reservereifen, „Gürtelflutwasser“ um den Äquator angesammelt habe (Pringle 2006: 180), während der Rest der Erde in eine Eiszeit versank. Flora und Fauna und angeblich auch Menschen seien dadurch gezwungen worden, in gebirgiges Hochland auszuweichen, nämlich in die Anden Boliviens, in den Himalaya von Tibet, auf äthiopische Hochebenen und in so gut wie alle nordischen Länder.35 Laut derartigen unbewiesenen Spekulationen besteht also eine direkte Verbindungslinie zwischen dem Kosmos, der Erde und der ‚nordischen Urheimat‘ der Menschen.

Mondmythologie: Das Interesse am Mond wuchs, als Georg Hüsing (1869–1930), ein österreichischer Privatgelehrter und außerordentlicher Professor für Geschichte der alten Völker Vorderasiens an der Universität Wien, im Jahre 1927 ein Büchlein mit dem Titel Die deutschen Hochgezeiten veröffentlichte. Zwei Themen werden darin behandelt, und zwar Hüsings spezielle Betrachtungsweise des Mondes und ein auf den Mondphasen beruhendes Zeitrechnungskonzept. Im Gegensatz zu bekannten Solarmythologen des 19. und 20. Jahrhunderts wie Friedrich Max Müller oder George William Cox deutete Hüsing den Einfluss des Mondes – und nicht jenen der Sonne – als inspirierend für einen Großteil der Figuren, Handlungen und Strukturen der arischen Mythologie. Solaristen interpretierten die Mythen ja als symbolische Repräsentationen der Sonne, ihres Aufgangs, Untergangs, ihrer Wärme usw., während Lunarmythologen die Veränderungen des Mondes als Grundlage für die Entstehung von Mythen betrachteten. Sie verwiesen darauf, dass die Sonne sich nie verändere und bloß auf- und untergehe, während der Mond täglich zu- oder abnehme, sogar verschwinde und auf eine ‚magische Weise‘ wiederkehre. Hüsing spekuliert, dass es unter den germanischen Stämmen so genannte „Hochgezeiten“ im Sinne von hohen Festzeiten gab, die eigentlich aus Mythen zur Verklärung der Mondphasen herrührten. Die Verehrung der Sonne als Ursache für Feste und Feiern sei erst nach der Einführung der Sonnenzeitrechnung aufgekommen, die „Hochgezeiten“ jedoch seien Ausdruck einer viel älteren, ursprünglicheren Mondorientierung und einer nach Mondphasen ausgerichteten Zeitrechnung. Auch die gegenwärtigen deutschen Festzeiten lassen sich laut Hüsing aus der Mondmythologie ableiten.

Georg Hüsing, nie Ordinarius, sondern nur „Professor Extra-Ordinarius ad personam“ an der Universität Wien, brachte sein Denken auf Linie mit der Arbeit seines Kollegen Wolfgang Schultz vom Wiener Forschungsinstitut für Osten und Orient. Er bezog einen Großteil seines Zeitrechnungskonzeptes aus Schultz’ Buch Zeitrechnung und Weltordnung in ihren übereinstimmenden Grundzügen bei den Indern, Iraniern, Hellenen, Italikern, Kelten, Germanen, Litauern und Slaven (1924), das als Habilitationsschrift eingereicht worden war (Vacano 1936: 193). Der Kern dieser Zeitrechnung war der Mondmonat von 30 Tagen. Die „Nachtrechnung“, d.h. die Zeitrechnung nach Mondphasen, sowie die angeblich „auffällige Häufigkeit der 3 und 9 Zahl im arischen Überlieferungsgute“ bildeten die ersten Ansätze zur Entschlüsselung angeblich altertümlicher arischer Zeiteinheiten. Man liest hier über einen „Weißmond“ und einen „Schwarzmond“ und über drei Neun-Tage-Wochen, während welcher der Mond sichtbar ist, und eine Drei-Tagesphase, während welcher er nicht zu sehen ist. Jeder Teil des Kalenders sei durch 3 teilbar, selbst die Trinität der germanischen Schicksalsgöttinnen („Nornen“, „Märgen“) würden sich aus den drei hellen Wochen ableiten lassen und die dunkle „Tarnzeit“ rühre von einer „vierten Märge“ her. Schultz behauptet:

„Kaum an einem anderen Stoff wird man wieder so deutlich sehen können, wie der Mythos nichts Anderes ist als eine Geschichte von den Schicksalen des Kalendergestirnes, gewonnen aus den als selbständige Wesen aufgefaßten Gestalten des Mondes, deren Schicksale, Gegnerschaften und wechselseitige Beziehungen eben durch den Ablauf dieser Gestalten, durch den himmlischen Vorgang selbst, bestimmt sind“. [Schultz 1924: 41]

Noch spezifischer äußerte er sich über den Sinn von Mythen:

„Wir können uns auch bereits deutlicher als früher darüber aussprechen, was der Mythos ist: nichts anderes als ein von Masken im Tanz dargestellter, gesungener Kalender, ein Stück der arischen Urzeit, das außer im Drama, im Epos und anderen Teilen des Schrifttumes auch in den Festspielen, im Kinderspiele, im Volksliede und im Märchen nachwirkt“. [Schultz 1924: 6]

Hüsing übernimmt diese Theorie und schmückt sie aus:

„In alten Zeiten, als noch die arischen Völker nur nach dem Monde rechneten und den Begriff unseres ‚Jahres‘ nicht kannten, da galt der leuchtende Mond als Herrscher nicht nur der Nacht sondern auch der Zeit, die des Menschen Schicksal ist, als Kenner und Beherrscher, vor allem aber als Bewahrer und Hüter der göttlichen Weltordnung. Ihr zu Folge war ja er selbst 27 Nächte hindurch am Himmel zu sehen, um dann am Ende des ‚Monats‘ für drei Nächte nieder zu fahren in die Tiefe aines [sic]36 finsteren Brunnens, des Durchgangsrohres zur Außenwelt, zur Welt der Toten. Diese drei Nächte hindurch war er tot, um dann in der vierten wieder auf zu erstehen. Da war seine Seele nicht in ihm, die dann in den neu erstehenden Leib eingieng [sic]. So lange war er auch kain Herrscher am Himmel und über die Welt, als der ‚Schwarze‘