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Der Weg zu neuem Mut, Stärke und mehr Lebensfreude Angst – wer kennt sie nicht? Sie kann uns überall begegnen, im Alltag, in der Arbeit oder in Beziehungen. Oft lähmt sie uns und hält uns davon ab glücklich zu sein. Nutzen Sie die Chance ihrer Angst ins Gesicht zu sehen und wieder mehr Mut und Lebensenergie zu gewinnen. Anhand von Erfahrungsberichten können Sie Betroffene auf ihrem Weg begleiten, auf der Suche nach dem Ursprung der Angst sowie deren Sichtbarmachung und Bewältigung. • Wissen, Erfahrungsberichte sowie Übungen zur Selbsthilfe erstmals in einem Buch • Berichte von Betroffenen für einen offenen Zugang zum Thema Angst • mentale und körperliche Übungen für die Anwendung im Alltag
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2019
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © 2019 maudrich Verlag
Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Wien, Austria
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und der Verbreitung sowie der
Übersetzung, sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Facultas Verlags- und Buchhandels AG, Marcus Balogh
Umschlagbild: © AnthonyJess, AdobeStock.com
Lektorat: Astrid Fischer, Berlin, www.astridfischer.eu
Typographie und Satz: Hannes Strobl, Neunkirchen/NÖ
Druck: Finidr, Tschechien
ISBN 978-3-99002-101-9
Auch als ebook erhältlich: ISBN 978-3-99030-775-5 (epub)
Dieses Buch widme ich als ein Zeichen der Dankbarkeit meinem Sohn Andreas und seiner Frau Eveline, für alles was wir zusammen erreicht und durchgestanden haben.
Mit großer Dankbarkeit und Erfüllung blicke ich auch auf mein bisheriges Leben und meine Erfolge zurück, auf alle meine überwundenen Ängste und Hindernisse.
Angst verleiht Flügel, heißt es.
Wie, das beschreibt Majda Moser in diesem Ratgeber.
Vorwort
Angst, wer kennt sie nicht? Wir alle haben sie schon erlebt. Sie steht eng in Zusammenhang mit den Erfahrungen, welche wir im Laufe unserer Kindheit oder im späteren Leben gemacht haben. Gleichzeitig liegen Studien vor, dass Ängste, in Verbindung mit Depressionen, zu den häufigsten Todesursachen in den westlichen Industrieländern zählen – Tendenz steigend. Angesichts dieser Erkenntnis ist es unvermeidbar, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen.
Obwohl bereits eine große Anzahl an Büchern und Ratgebern zum Thema Angst existiert, werden diese im Stillen, also alleine, gelesen. Offen über Ängste zu sprechen, stellt eher die Ausnahme dar, denn meist wird dies mit Schwäche verbunden. Sie ist nicht salonfähig, was uns auch von Kindestagen an vermittelt wird: „Du Angsthase“, „Du brauchst doch keine Angst zu haben“ oder „Nur (kleine) Mädchen haben Angst“ sind Sätze, die wohl jede/jeder von uns irgendwann gehört hat. Doch in meiner Praxis arbeite ich tagtäglich mit Menschen, die eine Vielzahl an Ängsten empfinden und in sich tragen. Sie zeigen es mir durch ihre Körpersprache oder ihren Gesichtsausdruck, sobald ich sie aber nach ihren Ängsten frage, meinen sie, keine zu haben. Sie erlauben es sich nicht, Angst zu haben, da sie es als etwas Negatives empfinden.
Wer jedoch lange Zeit unter starken Ängsten leidet, wird nicht nur unzufriedener mit sich selbst, sondern riskiert auch seine Gesundheit. Denn durch die körperliche Anspannung bekommen unsere Organe immer weniger Energie und dies kann zur Entstehung von Krankheiten führen. Die bioenergetische Lehre geht davon aus, dass alles, was uns im Leben widerfährt, muskulär und bindegewebsmäßig abgespeichert wird. Jeder Muskel ist wiederum mit den Organen verbunden. Wenn diese aber verspannt und verhärtet sind, kann keine Energie mehr fließen und die Entwicklung einer Krankheit wird dadurch begünstigt oder sogar ausgelöst.
Dies beschreibt in vereinfachter Weise den Vorgang, wie aus unseren Ängsten körperliche Krankheiten werden können. In der Regel handelt es sich dabei um einen längeren Prozess. Für die Genesung bzw. die Heilung dieser Krankheiten stellt Angst jedoch eine zusätzliche Herausforderung dar. Daher ist es wichtig, die eigenen Ängste zu analysieren, sie zu erkennen, anzunehmen und nicht weiter zu verdrängen. Indem wir uns unseren Ängsten stellen, bekommen wir wieder Energie und werden selbstbewusster. Unser Selbstwert steigt, da wir die Erfahrung machen, dass wir dazu fähig sind, unser eigenes Leben zu bewältigen und sogar ein gutes Leben in Liebe, Vertrauen und Zuneigung zu führen.
Wir müssen uns bewusstmachen, dass die Angst das Gegenteil von Liebe ist. Und wo Angst ist, hat Liebe keinen Platz. Wenn wir Angst haben, können wir uns selbst nicht lieben, da wir uns als schwach und ungenügend empfinden – aber wie sollen wir dann eine liebevolle Beziehung eingehen können? Das ist nicht möglich, dabei stellt dies doch ein Grundbedürfnis des Menschen dar. Je mehr wir uns vertrauen und lieben lernen, desto mehr und intensiver werden wir auch Liebe von außen erfahren. Indem wir lernen, uns selbst zu lieben, lernen wir gleichzeitig, unser Herz, unseren Körper und unseren Geist zu stärken.
Deshalb ist es notwendig, eine Methode und einen Weg zu finden, unseren unterdrückten Ängsten und Gefühlen Raum zu geben und dadurch wieder zu mehr Lebensenergie und Lebensfreude zu finden. Mit diesem Buch möchte ich Ihnen dabei helfen. Durch praktische Übungen und Methoden können Sie lernen, Ihre Ängste zu erkennen und diese nicht länger zu verdrängen. Lernen Sie außerdem von ausgewählten Erfahrungsberichten meiner Klientinnen und Klienten, in welchen diese selbst ihre Geschichte erzählen. Seien Sie versichert, dass Sie nicht alleine sind. Jeder Mensch kennt das Gefühl der Angst – trauen Sie sich, darüber zu sprechen, und merken Sie, wie es Sie befreien kann.
Wien, im März 2019 Ihre Majda Moser
Der Mensch und seine Emotionen
Als Grundlage für die Auseinandersetzung mit dem Angstgefühl muss zunächst der Emotions- bzw. Gefühlsbegriff erläutert werden. Hierfür wird auf folgende Fragen genauer eingegangen: Was sind Gefühle? Welche Rolle spielen sie in unserem Leben? In welchem Zusammenhang stehen sie mit unserem Selbstwert? Und was kann die Bioenergetik für den Menschen, seinen Körper und seine Emotionen tun?
Jede/jeder von uns hat es schon einmal erlebt: Es kribbelt im Bauch, wenn wir verliebt sind, es schnürt uns vor Traurigkeit die Kehle zu, unser Herz möchte aus der Brust springen, wenn wir nervös sind oder wenn wir vor Freude kaum stillsitzen oder tanzen können: Durch unsere Gefühle spüren wir unser Leben.
Aufgrund der inflationären Verwendung des Gefühlsbegriffes soll zunächst eine Abgrenzung zwischen Empfindung, Emotion und Gefühl erfolgen, die häufig synonym verwendet werden.
Empfindung: Wir erfahren sie aufgrund unserer menschlichen Sinne, indem wir beispielsweise mit unseren Ohren etwas als laut oder leise hören, mit unseren Augen etwas als grell oder verschwommen wahrnehmen, mit unserer Nase einen Geruch oder Duft erkennen, mit unserem Mund etwas Süßes oder Salziges schmecken und mit Hilfe unseres Tastsinns etwas als weich oder hart empfinden.
Biologische Empfindungen: Hierbei handelt es sich um Empfindungen, welche wir aufgrund unserer Menschlichkeit in uns tragen. Freud bezeichnete sie als Triebe, andere sprechen von der Natur des Menschen. Diese Gruppe umfasst Durst, Hunger, Aggression, den Geschlechtstrieb, den Mutterinstinkt, die biologische Angst oder auch das Verliebtsein.
Emotionen und Gefühle: Die dritte Gruppe beinhaltet menschliche Empfindungen wie Trauer, Liebe, Überraschung, Freude, Wut, erlernte Angst, Ekel, Hass, Vertrauen und Verachtung. In der Neurowissenschaft wird noch zusätzlich zwischen Emotionen und Gefühlen differenziert: Emotionen stellen die Reaktion auf einen wahrgenommenen Reiz dar, Gefühle wiederum entstehen erst, wenn dieser wahrgenommene Reiz und unsere körperliche Reaktion auch in unserem Hirn verarbeitet und erkannt werden. Um die Verständlichkeit zu erleichtern, wird in diesem Buch jedoch gleichermaßen von Emotionen und Gefühlen gesprochen, ohne eine Unterscheidung vorzunehmen.
Unsere Gefühle sind vielschichtig und uns größtenteils aus Urzeiten mitgegeben. Sie steuern mit großer Macht unser Erleben und Verhalten. Dabei richten sich unsere Gefühle vorwiegend auf das, was uns umgibt, was wir unmittelbar wahrnehmen, vor allem aber auf unsere Mitmenschen. Gefühle geben uns Orientierung und ermöglichen uns eine spontane Bewertung von Menschen und Ereignissen. Gefühle lassen uns spüren, dass wir mit dem Leben verbunden sind, und steigern dadurch unseren Selbstwert. Wenn wir unsere Gefühle nicht wahrnehmen und ihnen nicht erlauben, sich in uns auszubreiten und sich nach außen hin auszudrücken, können wir uns auch nicht als spontan, lebendig und selbstsicher erleben.
Gefühle sind Zustände, in welchen wir ein verstärktes Erleben, eine gewisse Erregung oder zumindest eine innere Bewegung verspüren. Sie drängen uns dazu, etwas zu tun oder zu unterlassen – unabhängig davon, ob es sich dabei um Freude, Liebe, Angst, Trauer oder Wut handelt. Je mehr wir uns spüren, desto lebendiger und mit dem Leben verbunden können wir uns fühlen. Denn in unserem inneren Erleben drückt sich unser Selbstwert mit Hilfe von Gefühlen aus. Mangelt es uns an Selbstwert, sind diese Gefühle gedämpft oder gar nicht vorhanden.
Der Mensch und sein Selbstwert
Unser Selbstwert ist definiert durch die Vorstellungen, Bilder und Gefühle, welche wir über uns selbst haben. Im besten Fall sind diese durch Selbstachtung und Wertschätzung der eigenen Person gegenüber geprägt. Selbstwert entsteht, wenn wir positive Erfahrungen und Erlebnisse von Harmonie und Anerkennung in zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch mit uns selbst erfahren. Unseren Selbstwert nehmen wir anhand unseres Selbstwertgefühls wahr. Die beiden Begriffe werden in diesem Buch synonym verwendet.
Die Vorstellung vom eigenen Wert trägt jeder Mensch in sich und kann bildlich als innerer Selbstwerttopf beschrieben werden. Dieser kann voll, halb leer oder leer sein, das heißt, der Selbstwert kann hoch, stabil, niedrig oder wackelig sein. Ist der Selbstwerttopf voll, dann strömen Integrität, Ehrlichkeit, Verantwortlichkeit, Leidenschaft und Liebe frei aus dem Menschen hervor. Der glückliche Mensch mit einem vollen Selbstwerttopf weiß, dass er etwas bedeutet und dass die Welt durch seine Existenz ein bisschen reicher ist. Ist unser Selbstwerttopf weniger voll, so macht sich dies durch Selbstzweifel, Unsicherheit und Ängste bemerkbar.
Wie bereits zuvor erwähnt, entsteht unser Selbstwert mit Hilfe von positiven Erlebnissen und Anerkennung, welche wir unter anderem in zwischenmenschlichen Beziehungen machen bzw. erfahren können. Vor allem frühkindliche und kindliche Erfahrungen legen hier einen Grundstein für einen positiven Selbstwert. Wenn Kinder durch ihre Bezugspersonen die Erfahrung machen, dass sie geliebt und anerkannt werden, dass sie in Ordnung sind, so wie sie sind, wenn sie Zuwendung und Liebe erfahren und in ihren Bedürfnissen und Gefühlen wahr- und ernstgenommen werden, führt dies zur Entstehung und zum Wachstum ihres Selbstwerts.
Sind diese Erfahrungen jedoch negativ und wird uns das Gefühl vermittelt, dass wir nicht so angenommen und geliebt werden, wie wir sind, dann nimmt dies wiederum ebenfalls Einfluss auf unseren Selbstwert. Wertschätzung und Selbstachtung nehmen ab, wir beginnen abwertend und negativ über uns selbst zu denken. Die daraus entstehenden negativen Gefühle sind verbunden mit Schmerz und nicht selten versuchen wir, diese negativen Emotionen aus Selbstschutz zu verdrängen und zu unterdrücken.
Der bioenergetischen Lehre zufolge werden alle Erfahrungen und Erlebnisse, welche wir im Laufe unseres Lebens machen, auch körperlich abgespeichert. Für uns Menschen bedeutet dies, dass ein Verdrängen und ein Unterdrücken von negativen Emotionen nicht dazu führen, dass sie verschwinden. Vielmehr suchen sie sich einen anderen Weg, um sich bemerkbar zu machen. Nicht selten geschieht dies in Form von Ängsten, Süchten und körperlichen Beschwerden.
Die Bioenergetik
Die Bioenergetik basiert in ihren Ursprüngen auf der Arbeit des österreichischen Psychoanalytikers Wilhelm Reich. Er war unter anderem Entwickler der Psychoanalyse und Lehrer von Alexander Lowen, welcher wiederum als Begründer der Bioenergetik gilt. Alexander Lowen ging davon aus, dass alle körperlichen und seelischen Vorgänge nur verschiedene Ausdrucksformen unserer Lebensprozesse (Wahrnehmungen) sind. Diese Annahme entspricht der Auffassung einer Strömung der modernen Physik, welche die Materie als Form der Energie begreift. Der wesentliche Lehrsatz der Bioenergetik lautet also, dass alles, was uns im Leben widerfährt, im Bindegewebe und in der Muskulatur unseres Körpers abgespeichert wird.
Dr. Alexander Lowen wurde in New York geboren und war ein Schüler des Psychoanalytikers Wilhelm Reich. Reich befasste sich mit den Inhalten der Körperpsychotherapie, welche den menschlichen Organismus als Einheit sieht und besonderes Augenmerk auf dessen Muskulatur legt. Im Anschluss an Lowens therapeutische Tätigkeit und sein Medizinstudium in der Schweiz kehrte er in die USA zurück und war dort Mitbegründer des „International Institute for Bioenergetic Analysis“. Er entwickelte gemeinsam mit seinem Partner John Pierrakos, ebenfalls ein Schüler von Reich, die Bioenergetische Analyse und gilt als Begründer der Bioenergetik. Ihrem Ansatz, welcher den Körper als Einheit anerkennt, wird in unserer heutigen Gesellschaft verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt, da die kognitive Psychologie an ihre Grenzen zu stoßen scheint und verstärkt der gesamte Körper in die Behandlung psychischer Probleme miteinbezogen werden muss.
Um dies zu verdeutlichen und anschaulich zu machen, bitte ich Sie darum, sich nun eine Stresssituation vorzustellen. Sie werden merken, wie Ihr Körper beginnt sich anzuspannen. Vielleicht spüren Sie auch einen Druck oder ein Engegefühl an verschiedenen Stellen. Nun stellen Sie sich wiederum eine angenehme Situation vor. Wahrscheinlich merken Sie bald, dass Ihre Anspannung nachlässt, Ihre Körperhaltung sich verändert und Enge bzw. Druck abnehmen. Sie sehen, Ihr Körper reagiert auf Ihre Wahrnehmungen.
Ein natürliches Gleichgewicht von Anspannung und Entspannung ist dann gegeben, wenn wir unseren Gefühlen Raum geben und sie ausleben. Denn nur in einem flexiblen Körper kann ein lebendiger und kreativer Geist leben. Haben wir jedoch gelernt, unsere Gefühle zu unterdrücken, weil sie beispielsweise mit Scham oder Angst verbunden waren, bleibt die überschüssige Anspannung im Körper erhalten, welche wiederum eine Schicht in unserem Körper bildet und mit der Zeit zu einem Panzer wird. Deshalb wird in der Bioenergetik auch von der Panzerung des Körpers gesprochen, welche uns irgendwann davon abhält, auch positive Gefühle des Lebens zu empfinden, da unser Emotions- und Lebensfluss durch sie blockiert wird. Infolgedessen sucht sich der Körper eine andere Möglichkeit, um diese wahrnehmbar werden zu lassen.
Ängste, Fehlhaltungen, Schmerz und Krankheit werden in der Bioenergetik somit als Signale und Hilferuf des Körpers verstanden. Mit Hilfe dieser Sichtweise können alte, eingefahrene, die Lebenssituation blockierende emotionale Muster und Einstellungen aus dem verspannten Körper gelöst und bewusst gemacht werden. Dies stellt die Vorgehensweise der Bioenergetik dar. Sie wird bereits seit Jahren sehr erfolgreich bei jenen körperlichen Erkrankungen eingesetzt, welche eigentlich auf seelischen Problemen beruhen. In der Medizin wird dabei von Psychosomatik gesprochen. Dieser Zusammenhang zwischen seelischer Befindlichkeit und körperlicher Gesundheit kann wie folgt beschrieben werden:
Befindet sich eine betroffene Person beispielsweise über längere Zeit in einer schlechten gefühlsmäßigen Verfassung, z. B. wenn sie sich immer wieder ängstlich, gestresst oder traurig fühlt, wird ihr Körper durch das menschliche Hormonsystem permanent in einen Ausnahmezustand versetzt. Zwar können die Organe für längere Zeit mit dieser zusätzlichen Belastung fertigwerden, irgendwann werden sich jedoch körperliche Beschwerden bemerkbar machen – in Form von Verspannungen, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen oder Rückenproblemen. Zwar können diese durch bewusst herbeigeführte Ruhe und Entspannung wieder verschwinden, da unser Körper jedoch, wie zuvor bereits erwähnt, nichts vergisst, setzen diese Beschwerden in jenem Moment sofort wieder ein, wenn es zur Rückkehr der negativen Empfindung (z. B. Angst, Einsamkeit oder Trauer) kommt. Solche wiederkehrenden Beschwerden werden in der Bioenergetik als funktionelle Beschwerden bezeichnet, da sie eine wichtige Aufgabe erfüllen: Sie vermitteln uns durch unseren Körper, dass mit unserer Psyche gerade etwas nicht in Ordnung ist.
Werden diese Informationen nicht wahrgenommen, sondern etwa verdrängt, unterdrückt oder irrational begründet (das liegt am Wetter, der Jahreszeit oder Ähnlichem), kann dies durch die Daueranspannung zu massiven körperlichen Erkrankungen führen. Da die Bioenergetik den Menschen als Einheit sieht, wird seine psychische Verfassung genauso wie der physische Ausdruck seiner psychischen Verfassung berücksichtigt. Das bedeutet in der Praxis, dass Betroffene lernen müssen, sich auf die Wünsche und Bedürfnisse ihres Körpers einzulassen und herauszufinden, welche psychischen Ursachen ihre körperlichen Leiden haben.
Ein wesentliches Ziel der Bioenergetik besteht darin, unsere wahren Gefühle anzunehmen und sie nicht durch Trugbilder zu verändern oder zu ersetzen. Trugbilder können einen Rettungsanker für uns darstellen, indem sie uns davor schützen, negative Gefühle empfinden zu müssen. Dies soll anhand zweier Beispiele verdeutlicht werden: Eine Klientin berichtete über den immer wieder aufkommenden Wunsch, abends in eine Bar zu gehen. Sie klagte allerdings, stets so müde zu sein und daher nicht gehen zu können. Auf meine Frage, ob sie dorthin auch alleine gehen würde, meinte sie, dass sie dies durchaus täte. Als ich sie dann jedoch darum bat, sich in die Situation hineinzuversetzen und sich vorzustellen, wie sie sich dort alleine an der Bar fühlen würde, meinte sie: „Ich würde mich wohl schämen und nicht so gut fühlen.“ Ihre Müdigkeit wurde somit zu einem Trugbild bzw. einem Rettungsanker, um sich nicht den negativen Gefühlen von Scham und Einsamkeit aussetzen zu müssen.
Ein anderes Beispiel für solch ein Trugbild ist die Geschichte einer Freundin. Sie klagte seit Jahren immer wieder über Blasenentzündungen. In unserer Arbeit erkannte sie, dass es sich dabei jedoch nur um eine Schutzfunktion des Körpers handelte, da sie sich in einer unglücklichen Beziehung befand und keinen Geschlechtsverkehr mehr mit ihrem Partner haben wollte. Durch die ständigen Blasenentzündungen kommunizierte sie ihm, dass sie nicht konnte, obwohl sie in Wirklichkeit nicht mehr wollte.
Wenn wir lernen, unsere Trugbilder zu lösen und die dahinterliegenden Gefühle und vor allem Ängste (denn meist handelt es sich dabei um solche) zu erkennen, können wir alt eingefahrene Muster, welche uns in unserer Lebendigkeit und unserem Lebensfluss eingeschränkt haben, aufbrechen. Somit gelangen wir zu mehr Lebensfreude und Lebenslust. Auch auf andere wirken wir dadurch lebendiger und lebensfroher und wir ziehen ebenso positive und lebensfrohe Menschen an. Das bedeutet nicht, dass negative Gefühle nicht aufkommen, schließlich ist unser Leben ein Weg, der manchmal holpriger und manchmal glatter verläuft. Jedoch erkennen wir so den Unterschied zwischen alten Ängsten und der Realität und lernen, dass negative Gefühle ebenso eine Berechtigung besitzen und ausgelebt werden dürfen. Wir übernehmen damit die Verantwortung für unsere Emotionen, unseren Körper und unser Leben. Wir sind körperlich und seelisch frei, äußerlich und innerlich bewegt.
Ab Seite 103 stelle ich Ihnen Methoden und Lösungsansätze vor, wie Sie mit einfachen Übungen genau zu diesem Ziel gelangen können, wie Sie dies in Ihren Alltag integrieren und dadurch schrittweise zu mehr Lebensfreude gelangen können. Zunächst wird jedoch auf das Angstgefühl genauer eingegangen, da dieses uns oft am stärksten im Empfinden und Ausleben unserer anderen Gefühle einschränkt.
Was ist Angst?
Bereits in der Antike haben sich Philosophen wie Aristoteles und Platon mit dem Gefühl der Angst beschäftigt. Beide betrachteten Angst als physische Reaktion auf ein konkretes Objekt. Auch sprachwissenschaftlich bezieht sich Angst auf eine physische Reaktion. Der Begriff kommt vom lateinischen Wort „angustus“, was so viel bedeutet wie Beengtheit beziehungsweise Enge, „angor“ heißt Würgen, Beklemmung und „angere“ die Kehle zuschnüren, das Herz beklemmen. Auch im Griechischen findet sich dieser Bezug: „Agchein“ bedeutet würgen oder drosseln.
Die Angst ist also ein emotionaler Zustand des Organismus: Der Körper ist es, der Angst hat. Die Angst stellt sich daher als biologisches Reaktionsmuster dar. Angst kann real, aber auch völlig irreal, ohne jede nachvollziehbare Grundlage auftreten, was jedoch für den von ihr Betroffenen nicht den geringsten Unterschied macht.
Begriffe wie Angst oder Furcht sind im allgemeinen Sprachgebrauch häufig bedeutungsgleich. Obwohl Angst und Furcht im Körper ähnliche Reaktionen hervorrufen, unterscheiden sich die beiden in ihrem Ursprung. Eine Differenzierung der beiden Begriffe ermöglicht eine klare Abgrenzung und somit auch Definition des Angstbegriffs.
Angst
Wie bereits zuvor erwähnt, handelt es sich beim Angstgefühl um eine Reaktion auf ein Ereignis, welches in der Realität nicht unbedingt stattfinden muss, sondern auch nur vom Betroffenen erwartet werden kann. Es entsteht somit im Inneren einer Person aufgrund ihrer Vorstellung, Einbildung oder Erwartungen. Es ist die Vorstellung von etwas, das Angst und Angstzustände auslöst.
Furcht
Die Furcht stellt wiederum eine klare Reaktion auf einen in der Realität wahrgenommenen Reiz dar. Wenn wir zum Beispiel einen freilaufenden Hund entdecken, der uns auch noch anknurrt, entwickeln wir mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit ein Gefühl der Furcht. Furcht ist somit ein reales Betroffensein von einem bevorstehenden Übel, eine Reaktion auf eine tatsächliche äußere Bedrohung. Mit ihr ist ein Fluchtreflex verbunden.
Laufen wir abends durch eine Straße und stellen uns vor, dass jeden Moment ein Hund aus einer Seitengasse springen könnte, hat diese Vorstellung noch nichts mit der Realität zu tun. In diesem Fall wird von Angst gesprochen, denn wir erwarten, dass es zum Eintreten einer Gefahr kommt. Durch dieses „Warten“ sind wir wachsamer und unser Körper kann die Anspannung meist länger aufrechterhalten als im Zuge eines Furchtgefühls. Die Furcht tritt plötzlich und unerwartet auf, wir haben sie wahrscheinlich gar nicht kommen sehen bzw. erwartet. Daher lassen ihre körperlichen Reaktionen meist auch schneller nach, in der Regel dann, wenn der Furcht auslösende Reiz wieder verschwindet.
Die Funktionen der Angst
