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• Der Ratgeber liefert fundierte Information über die Krankheit und ist ein ermutigendes Selbsthilfebuch für Betroffene und Angehörige
• Mit praxiserprobten Tests, Übungen und Techniken zur Bewältigung der Angst, u.a. einer Gedankenstopptechnik, Umlenkung der Aufmerksamkeit, Atemtechniken, einer Anleitung zur Selbsthypnose und Notfallinstrumenten
• Mit einem Vorwort von TV-Arzt Doc Esser
Emetophobie – die Angst vor Übelkeit und Erbrechen
Emetophobie schränkt die Lebensqualität erheblich ein und stößt oft auf Unverständnis. Betroffene müssen meist einen langen Leidensweg gehen, bis endlich die richtige Diagnose gestellt wird. Dabei kann die Krankheit mit all ihren Facetten und Besonderheiten gut und nachhaltig behandelt werden. In diesem Ratgeber erklärt die Therapeutin und Expertin Martina Effmert die Entstehung der Symptome, ihre Behandlung und die Möglichkeiten der Selbsttherapie zu Hause. Viele erprobte Übungen helfen dabei, die Emetophobie in den Griff zu bekommen und zu besiegen – von der Hypnosetherapie über Selbstfürsorge und Atemübungen bis hin zu Notfallmaßnahmen wie Akupressur, Massage oder Zentrierungsübungen.
Aus dem Inhalt:
Gegen Emetophobie lässt sich etwas tun
Wie Ängste entstehen
Was ist Emetophobie – und was nicht?
Ursachen der Emetophobie
Emetophobie heilen: Therapie und die Kraft der Hypnose
Selbstfürsorge und Selbsthilfe wirken
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Vorwort
Gegen die Emetophobie lässt sich etwas tun
Emetophobie, die unbekannte Krankheit
Schleichender Verlauf
Wenn Angst zu Panik wird, sollte gehandelt werden
Behandlungsziel: ein guter Umgang mit der Krankheit
Merkmale einer Emetophobie
Warum Emetophobie so unbekannt ist
Die Heilungschancen
Für wen dieses Buch ist
Wie dieses Buch Ihnen hilft
Test: Leiden Sie unter Emetophobie?
Wie Ängste und Angststörungen entstehen
Angst gehört zum Leben dazu
Wenn aus normaler Angst krankhafte Angst wird
Typische Angstsymptome
Wie sich die Angst vor Übelkeit entwickelt
Emetophobie bei Erwachsenen
Emetophobie bei Kindern
Die Verursacher: das vegetative Nervensystem
Die körperliche Kettenreaktion setzt sich in Gang
Die Angst ist im Gehirn programmiert
Ein Teil der Lösung: das Gehirn wieder umprogrammieren
Was ist Emetophobie – und was nicht?
Anorexie – die Magersucht
Phagophobie – die Angst vor dem Essen
Hypochondrie – die Angst vor Erkrankungen
Zwangsstörungen
Schulangst und Schulphobie
Sozialphobie – soziale Ängste
Klaustrophobie – die Platzangst
Zukunftsängste – die Angst vor der Angst
Spurensuche 1: Ursachen der Emetophobie
Traumatisches Erlebnis
Trigger holen Körpererinnerungen zurück
Welche Trigger-Auslöser gibt es?
Angstauslösende Gedanken
Verstärkung und Generalisierung der Angst
Durch besondere Zuwendung
Durch erhoffe Heilung mittels Medikamenten
Durch gefühlte Ohnmacht
Durch Vermeidung und Ablenkung
Durch Katastrophisieren
Durch körperliche Begleiterscheinungen
Spurensuche 2: Kann man ein Typ für eine Emetophobie sein?
Grunddisposition: unsere Persönlichkeitsmerkmale
Offenheit – aktiv nach Neuem suchen
Gewissenhaftigkeit – ergebnisorientiert sein
Extraversion – auf Reize von außen reagieren
Anpassungsbereitschaft – die eigenen Interessen wahren
Neurotizismus – auf Rückschläge reagieren
Glaubenssätze: unsere inneren Antreiber
Sei stark! – der Kämpfer und Konkurrent
Sei perfekt! – der Perfektionist
Mach es allen recht! – der nette, liebenswerte Mensch
Streng dich an! – der Selbstausbeuter
Beeil dich! – der Hektiker
Die inneren Antreiber in der Emetophobie
Was tun?
Schüchtern, introvertiert, hochsensibel
Was bedeutet Hochsensibilität?
Hochsensibiliät und Emetophobie
Emetophobie heilen: Therapie und die Kraft der Hypnose
Am Anfang steht die Einsicht
Die verschiedenen Therapieformen
Analytische Psychotherapie
Tiefenpsychologische Psychotherapie
Gesprächspsychotherapie
Verhaltenstherapie
Systemische Ansätze – Familientherapie
Therapie bei Kindern
Die geeignete Therapie finden
Hypnosetherapie – Ursachen finden und Konditionierungen verändern
Medizinische Hypnoseformen
Hypnosetechniken
Hypnose wirkt bei Emetophobie
Mit der Klopfakupressur seelische Blockaden lösen
Mit der EMDR-Methode von Belastungen befreien
Die Hypnosesitzung in der Praxis
Selbsthypnose
Durchführung der Selbsthypnose
Übungen für die Selbsthypnose
Selbstfürsorge und Selbsthilfe wirken
So können Sie sich selbst helfen
Selbstfürsorge
Das Tagesprotokoll
Das Score-Modell
Ökologie-Check
Das Gedankensystem verändern mit der Effmert®Methode
Atemübungen
Einfach ein- und ausatmen
3-Minuten-Meditation
Pica-Pica-Atmung
Notfallinstrumente
Ein Song, ein Gedicht
Klopfakupressur
Fingermassagen
Akupressur gegen Übelkeit
Zentrierungsübung „Love and Peace“
Spezielle Übungen – nicht nur für Kinder
Das Tagesprotokoll – Kinderversion
Entspannungshypnose „Der sichere Ort“
Fragebogen: Mit Fragen aus der Angst
ABC-Technik
5-4-3-2-1-Technik
Ein Bonbonglas voller guter Dinge
Dank
Lesetipps und Quellen
Die Autorin
Liebe Leserinnen und Leser,
jeder Mensch kennt das Gefühl von Angst. Egal wie mutig man sich gibt oder wie heldenhaft man wirkt, keiner ist gefeit vor dieser Empfindung, und das ist auch gut so. Die Angst als eine der ältesten Emotionen war und ist wichtig für den Fortbestand der Menschheit, da sie uns dabei unterstützt, Gefahren richtig einzuschätzen, und in uns Kräfte mobilisiert, zu denen wir sonst nicht fähig wären. Angst zeigt uns aber auch auf erschreckende Art und Weise unsere Verletzbarkeit und unsere Endlichkeit.
Umso schlimmer ist es, wenn sich Ängste in unserem Kopf festsetzen und unser Leben bestimmen. Handelt es sich um Ängste, die durch bestimmte Situationen ausgelöst werden, die an sich gar kein Gefahrenpotential beinhalten, spricht man von Angststörungen beziehungsweise Phobien. Obwohl den Betroffenen völlig klar ist, dass es sich um eine irrationale Angst handelt, versuchen sie die Situation mit allen Mitteln zu vermeiden.
Abgesehen davon, dass der Alltag durch solche Phobien extrem eingeschränkt wird, kommt es bei vielen zu emotionalen Dauerschäden und psychischen Folgeerkrankungen. Um diese langfristigen Schäden zu vermeiden und Ihnen als Betroffene wieder Lebensqualität zu ermöglichen, ist eine kognitive Verhaltenstherapie Mittel der Wahl und absolut notwendig, denn Sie erarbeiten sich Erklärungsmodelle und entwickeln daraus Therapiemöglichkeiten.
Die Grundvorrausetzung für eine erfolgreiche Therapie besteht aber in der Ermittlung der exakten Diagnose. Und leider hapert es da in vielen Bereichen der Medizin – und damit auch der Phobien.
Viele Menschen leiden an einer Phobie mit unterschiedlicher Ausprägung. Zu den bekanntesten gehören die Platzangst, die Angst vor Spinnen und die Angst vor Höhe. Diese sind so verbreitet, dass wir sogar die genauen Fachbezeichnungen dafür kennen wie Arachnophobie oder Klaustrophobie. Aber es gibt eben auch Phobien, die sehr speziell sind. Dazu gehört die Emetophobie, die Angst vor Übelkeit und Erbrechen. Einer von 1000 Menschen ist laut der Dresden Mental Health Studie betroffen, dabei sind es überproportional mehr Mädchen und Frauen. Der Leidensweg der zum Teil noch sehr jungen Patientinnen und Patienten zieht sich oft qualvoll in die Länge, da die Symptome falsch gedeutet und damit auch falsch therapiert werden, oder sie werden in der Familie, im Freundeskreis oder von Medizinerinnen und Psychologen nicht ernst genommen.
Wenn man sich dann noch bewusst macht, wie lebenseinschränkend die Emetophobie sein kann – angefangen bei Angst vor schlechtem Essen bis hin zum nicht gelebten Kinderwunsch aus Angst vor der Schwangerschaftsübelkeit –, wird deutlich, wie wichtig eine Sensibilisierung der Gesellschaft, der Ärzte, Psychotherapeutinnen, Familie und Freunde ist, um eine schnelle, richtige Diagnose mit nachfolgender Therapie zu realisieren.
Hier leistet die Autorin Martina Effmert einen sehr wichtigen Beitrag. In ihrem Buch beleuchte sie die Erkrankung aus verschiedensten Blickwinkeln und gibt Denkanstöße und praktische Tipps für Betroffene und ihre Familien. Sie klärt umfassend über mögliche Ursachen der Erkrankung auf und weist auf Fallstricke bei der Diagnosefindung hin.
Ich würde mir wünschen, dass Sie bei der Lektüre dieses Buches einen „Aha-Moment“ erleben und erfahren, dass Sie mit Ihrer Erkrankung nicht alleingelassen werden. So haben Sie die Möglichkeit, in ein normales Leben zurückzufinden.
Heinz-Wilhelm Esser
Doc Esser – Der Gesundheits-Check
Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie und Kardiologie mit der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin
„Das glaube ich jetzt nicht! Es gibt eine Angst vor dem Erbrechen?“
Diese Reaktion erlebe ich häufig, wenn ich von meinem Schwerpunkt innerhalb der Phobien in der Praxis spreche. Angstbehandlung ist mein zentrales Thema. Das können ganz unterschiedliche Ängste oder Phobien sein, z. B. Flugangst, allgemeine Ängste, Schulangst, Hypochondrie, die Angst vor Spinnen, die Angst vor der Zukunft, Panikattacken und viele mehr. Den weitaus überwiegenden Teil meiner Arbeit widme ich seit vielen Jahren Patienten, die an einer Emetophobie erkrankt sind – das ist der Fachbegriff für die Angst vor dem Erbrechen.
Wahrscheinlich halten Sie das Buch in den Händen, weil Sie selbst oder ein Angehöriger an dieser Krankheit leiden oder weil Sie vermuten, dass Ihre bisher unerklärlichen Symptome mit dieser Krankheit endlich einen Namen bekommen und damit auch der erste Schritt zu einer Genesung getan werden kann. Vielleicht haben Sie oder Ihr Kind aber auch längst andere Diagnosen gestellt bekommen und sind schon lange in Behandlung, aber irgendwie geht es nicht weiter …
Dieses Buch wird Ihnen helfen, die Emetophobie auch in Abgrenzung zu vielen anderen Ängsten und Krankheiten zu erkennen und zu verstehen. Der Ratgeber enthält viele praktische Anleitungen zur Selbsthilfe und unterstützt Sie dabei, Ihren Weg zu finden und die Emetophobie zu überwinden.
Das Gemeine an dieser Krankheit ist, dass sie häufig so unspektakulär anfängt. Meistens beginnt es mit Übelkeit. „Mir ist schlecht“ ist ein Satz, den die Betroffenen bis zur Ausprägung der Phobie wahrscheinlich schon viele Tausend Mal gesagt haben – und den Sie sicherlich auch kennen!
Die Übelkeit mutiert mit der Zeit zu einer ungeliebten Dauerbegleiterin. Jeden Morgen beim Aufwachen oder einfach zwischendurch ist sie da. Immer wieder wird den Betroffenen aus unerklärlichen Gründen schlecht und sie sind deshalb häufig beim Arzt. Mütter klagen bei Kinderärzten über ständige Bauchschmerzen des Kindes und Erwachsene wissen häufig nicht, was sie überhaupt noch kochen oder essen sollen. Nichts vertragen sie mehr, ständig ist ihnen einfach nur schlecht. Die Tests bei den Ärzten sind negativ und die Verzweiflung steigt. Schulmedizinisch wurde mehrfach alles abgeklärt und die Ergebnisse von diversen Untersuchungen waren ohne Befund. So oder ähnlich beginnt Emetophobie, und der Verlauf zieht sich häufig über Jahre und Jahrzehnte – ohne Behandlungserfolg.
Wenn ich mit Freunden und Bekannten über diese Krankheit spreche, dann erlebe ich meistens eine große Ungläubigkeit und stoße auf Unverständnis. Das zeigt mir jedes Mal, dass Emetophobie noch wenig bekannt und in der Gesellschaft noch nicht richtig angekommen ist. Hinter vielen Patienten liegt ein langer Leidensweg und sie haben den Fachbegriff für ihre Krankheit oftmals erst aus dem Internet erfahren. Überhaupt, dass es sich tatsächlich um eine Krankheit handelt, das war vielen Betroffenen vorher nicht klar.
Eine meiner Patientinnen hat 55 Jahre ihres Lebens mit dieser Krankheit verbracht. Erst ihre Tochter fand heraus, dass es für die Erkrankung der Mutter Hilfe gibt. Vielleicht haben auch Sie bereits eine jahrelange Odyssee durch Arztpraxen und unterschiedlichste Therapien hinter sich und waren schon wegen verschiedenster Diagnosen im Krankenhaus – nur die Diagnose der Emetophobie ist selten darunter zu finden.
So wechseln sich im Laufe der Krankheit erst Hoffnung, dann Zweifel und Enttäuschung ab. Die Emetophobie gewinnt einen zentralen Stellenwert im eigenen Leben und im sozialen Umfeld. Das Unverständnis in der eigenen Familie oder im Freundeskreis, die körperlichen Folgen durch Gewichtsabnahme und der damit verbundene Verlust an Lebensfreude, Lebenskraft und Lebensmut führen zu einer als immer schlechter empfundenen Lebensqualität.
Vielfach zweifeln Betroffene dann auch an ihrer eigenen Wahrnehmung: Ist ihnen nun wirklich schlecht oder bilden sie sich diese Übelkeit nur ein? Denn wenn sie sich die Übelkeit nur einbilden, dann müssten sie ja theoretisch keine Angst davor haben, sich zu übergeben. Auf der körperlichen Ebene ist ärztlich irgendwann auch alles abgeklärt: Magen-Darm-Spiegelungen, Ultraschall, MRT, die Schilddrüsenfunktion, HNO-Untersuchungen … Diese Liste lässt sich schier unendlich fortsetzen, und wenn der Arzt keine körperliche Ursache finden kann, dann ist das sehr frustrierend. Hinzu kommt, dass Emetophobiker von ihrer Umgebung häufig nicht ernst genommen und als Simulanten eingestuft werden.
Vielleicht gehören Sie zu den jungen Müttern, die wegen ihrer Emetophobie große Schwierigkeiten haben, ihre kranken Kinder zu versorgen. Es gibt auch viele junge Frauen, die sich wegen der Emetophobie den Kinderwunsch vollständig verwehren. Auch Eltern erkrankter Kinder kommen zu mir, da sie im Umfeld und auch beim Kinderarzt auf Unverständnis stoßen und mit ihren Erlebnissen und Erfahrungen nicht ernst genommen werden.
So verschleppt sich diese Krankheit manchmal über Jahre oder Jahrzehnte, zum Leidwesen der Erkrankten, der Angehörigen und des Freundeskreises – und aus fachlicher Sicht völlig unnötig. Denn es gibt eine gute Nachricht: Man kann diese Krankheit mit all ihren Ausprägungen, Facetten und Besonderheiten gut behandeln.
Wir werden uns im Laufe des Ratgebers die einzelnen Bausteine der Emetophobie anschauen und sie genau beleuchten. So können Sie für sich selbst entscheiden, welche Bausteine für Sie relevant sind und wie Sie am besten mit ihnen umgehen können. Das hilft Ihnen dabei, sich selbst oder einen anderen Betroffenen besser zu verstehen und die einzelnen Bereiche der Behandlung anzugehen.
Katharina, 61 Jahre
Nicht zu fassen, dass diese namenlose Angst, die mich schon mein Leben lang begleitet, einen Namen hat: Emetophobie – und dass nicht nur ich davon betroffen bin!
Seit ich denken kann, war diese Angst Teil meines Lebens – nicht immer präsent, doch die Möglichkeit, dass irgendetwas diesen lauernden Schatten im Hintergrund aufwecken könnte, war immer latent vorhanden. Und wenn es mich ‚erwischt‘ hat, war ich diesem Schrecken, dieser alles überragenden Angst, hilflos ausgeliefert. Flucht nach draußen – am liebsten in die Natur –, ‚Notfallmedikamente‘, viel Disziplin und ein komplettes Verschweigen meiner immensen inneren Not: Das waren meine Möglichkeiten der Angst- und auch der Schambewältigung.
Durch das Wissen, dass auch andere Menschen davon betroffen sind, durch das mir nun zugängliche Rüstzeug, durch die Arbeit mit meinem inneren Kind, durch das Löschen vergangener Erfahrungen, die mit dem Krankheitsbild verbunden waren, sowie durch die Erschaffung neuer innerer Realitäten bin ich zutiefst erleichtert und kann zukunftsfroh weitergehen.
Ich kenne niemanden, der es schön findet, sich zu übergeben. Dennoch ist es für die meisten Menschen irgendwie erträglich, und meistens geht es einem danach ja auch tatsächlich besser. Im Unterschied dazu erlebt der Emetophobiker jedoch mehr als Ekel und Furcht: Er erlebt diese Angst als existenziell bedrohlich. Es geht für ihn um Leben und Tod. Kommt Ihnen dieses Gefühl bekannt vor?
Spätestens dann, wenn die Vorstellung des Übergebens zu einer Panikattacke führt, oder ein Magenknurren bzw. ein kurzes Husten ausreicht, um eine Angstkaskade bis hin zur Panik auszulösen – allerspätestens dann sollte gehandelt werden. Je früher, desto besser.
Auf der rationalen Ebene ist eine solche Angst oder Phobie selten zu lösen. Sie können Ihre Phobie vermutlich bis ins kleinste Detail beschreiben, vielleicht liegen auch schon langjährige Verhaltenstherapien hinter Ihnen – und dennoch beherrscht die Angst den Alltag. Höchstwahrscheinlich ahnen Sie, dass diese Angst unverhältnismäßig und übertrieben ist. Das macht das Ganze allerdings nicht besser, sondern führt ergänzend zu einer gewissen Scham.
Die meisten Betroffenen erwarten von einer Behandlungstherapie eine hundertprozentige Angstfreiheit. Doch hier ist die Enttäuschung im Grunde genommen vorprogrammiert, denn die Bandbreite der Ergebnisse reicht von:
1. Sie denken nicht mehr an Ihre Angst. Das wäre eine einhundertprozentige Lösung.
2. Sie können mit Ihrer Krankheit sehr viel besser umgehen und denken im Alltag fast gar nicht mehr daran. Das ist ein realistisches Ziel und eigentlich fast immer zu erreichen.
Die Akzeptanz von verbleibenden Ängsten ist wahrscheinlich die größte Herausforderung für Menschen mit Emetophobie. Und genau das ist der erste Schritt auf dem Weg hin zur Überwindung der Krankheit.
Ängste werden vom Unterbewusstsein angetrieben, und die Macht des Unbewussten ist groß. Gegen diese Stärke kommt der Verstand oft nicht an. Das ist ein Grund, weshalb Verhaltenstherapien – trotz allgemein guter Resultate – bei der Emetophobie nicht immer zum gewünschten Ergebnis führen.
Die Verzweiflung der Patienten nach langjährigen Therapien und meine Erfahrungen in der Behandlung haben mich dazu gebracht, ein eigenes Konzept zu entwickeln, im dem auch die Hypnosetherapie eine Rolle spielt. In der Hypnosetrance begegnen wir der Angst dort, wo sie entsteht: im Unterbewusstsein.
Im vorliegenden Buch werde ich Ihnen eine Reihe sehr wirksamer Techniken erklären und genaue Anleitungen zur Durchführung aufzeigen (mehr dazu ab Seite 139). Auch wenn Sie zu den Menschen gehören, die nicht an die Wirksamkeit mancher Methoden glauben, dann seien Sie offen und machen Sie die Übungen trotzdem – ganz oft stellt sich der Erfolg überraschend schnell ein. Lassen Sie sich von den positiven Ergebnissen überzeugen.
Worüber reden wir, wenn wir über eine Emetophobie sprechen? Die Emetophobie ist eine sehr stark in den Alltag eingreifende und das Leben verändernde Phobie. Betroffene haben hauptsächlich Angst davor, sich zu übergeben. Sie wachen häufig bereits mit dieser Angst auf.
Vielleicht kommt Ihnen das bekannt vor: Sie fühlen bereits morgens direkt nach dem Aufstehen in sich hinein und überprüfen gedanklich die einzelnen Organsysteme im Körper, ob alles in Ordnung ist oder ob sich vielleicht eine leichte Übelkeit einstellt. Sie denken rund um die Uhr an Ihre Angst und lassen von ihr weitestgehend Ihren Alltag bestimmen, da Sie sich selbst gewisse Unternehmungen oder Lebensmittel verwehren, um sich nicht mit Ihren schlimmsten Befürchtungen konfrontieren zu müssen. Somit schränken Sie sich in vielen Bereichen stark ein.
Die Krankheit sorgt zudem bei vielen dafür, dass nur bestimmte, als „ungefährlich“ eingestufte Lebensmittel verzehrt werden. Wenn Nahrungsmittel abgelaufen sind, steigt wiederum die Panik. Es wird alles versucht, um triggernde Situationen zu vermeiden. Dabei spielt auch die Hygiene eine große Rolle. Betroffene neigen dazu, ihre Umgebung zu kontrollieren sowie sich und andere (z. B. ihre Kinder) regelmäßig zu desinfizieren – aus Angst, sich mit einem Magen- Darm-Virus anzustecken. Auch Restaurantbesuche werden vermieden, da die hygienischen Verhältnisse vor Ort nicht bekannt sind, geschweige denn eigenmächtig kontrolliert werden können.
Nicht nur die Angst vor der eigenen Übelkeit steht bei der Emetophobie im Vordergrund – auch andere Menschen oder sogar Tiere zu sehen, die sich übergeben, ist mit starker Panik verbunden. Aus diesem Grund werden soziale Kontakte und auch Großveranstaltungen wie z. B. Jahrmärkte, Betriebsfeiern, aber auch Partys, Silvesteroder Karnevalsfeiern bewusst gemieden – zum einen, um nicht auf speiende Betrunkene zu treffen, und zum anderen, um das Risiko einer eventuellen Ansteckung mit einem Magen-Darm-Virus zu minimieren.
Dies ist für viele ebenfalls der Anlass, um öffentliche Verkehrsmittel so wenig wie möglich in Anspruch zu nehmen und nach Möglichkeit mit dem eigenen Auto in den Urlaub zu fahren, anstatt den Flieger zu wählen. Selbst die Wahl des Fernsehprogramms unterliegt der alles bestimmenden Phobie, denn selbst fiktive Bilder einer sich übergebenden Person können die Angst ins Unermessliche triggern.
Besonders schwierig ist die Situation für junge Frauen, die sich aufgrund ihrer Krankheit den Kinderwunsch verwehren. Dies geschieht aus Angst vor einem möglichen Schwangerschaftserbrechen oder auch, weil Kinder sich generell häufiger übergeben als Erwachsene und die Patientinnen Sorge haben, damit nicht zurechtzukommen. In meiner Praxis sitzen nicht selten weinende Mütter vor mir, weil ihnen die Betreuung ihrer Kinder schier unmöglich erscheint.
Ich könnte diese Liste problemlos fortführen. Es sind tatsächlich nur Beispiele, um Ihnen zu veranschaulichen, wie vielfältig sich diese Phobie im Alltag durchsetzt. Wenn Sie selbst betroffen sind oder jemanden in Ihrem näheren Umfeld haben, der unter dieser Krankheit leidet, kommen Ihnen sicherlich einige dieser Punkte bekannt vor.
Theodora, 30 Jahre
Es kommt schleichend und beherrscht Schritt für Schritt dein Leben. Mit vier Jahren habe ich mich das letzte Mal erbrochen. Jetzt bin ich 30 Jahre alt, und das damalige Ereignis hat sich tief in meine Erinnerungen eingebrannt: das Cordon Bleu, das ich zuvor gegessen hatte, die Farbe des Erbrochenen, die beruhigenden Worte meines Vaters, das verschmutzte Handtuch.
Damals habe ich mir geschworen, mich nie wieder zu übergeben. Es hat funktioniert, aber zu welchem Preis?
All meine Gedanken drehen sich darum, wie ich es vermeiden kann, mich übergeben zu müssen. Diese Zwangsgedanken rund um das Thema Übelkeit führen dazu, dass ich im Alltag sehr gestresst bin. Ich überlege mir Taktiken, wie ich jeder „gefährlichen“ Situation aus dem Weg gehen kann. Diese ständige Anspannung in Verbindung mit den Zwangsgedanken führt zu einer stetigen latenten Übelkeit, die meine Gedanken und die Anspannung wiederum verstärkt. Ein ewiger Teufelskreis.
Jahrelang ging ich zu verschiedenen Therapeuten und Psychologen. Ich kannte das Wort ‚Emetophobie‘ zwar nicht, wusste aber, dass meine Ängste, Zwänge, Depressionen und Selbstverletzungen dort ihren Ursprung haben mussten. Ich wurde von Ärzten und Therapeuten häufig belächelt: ‚Jeder muss sich übergeben. Niemand macht das gerne. Sie sind da keine Ausnahme.‘
Ich bekam Psychopharmaka verschrieben und verbrachte viel Zeit in Psychiatrien, mit den Diagnosen Borderline Persönlichkeitsstörung, generalisierte Angststörung, Depressionen und Essstörung. Mit 21 Jahren war ich für zwei Jahre arbeitsunfähig, konnte mein Studium nicht fortsetzen und mein Zimmer nicht verlassen. Ich wog nur noch 45 Kilo und hatte alle Hoffnung verloren.
Heute bin ich Erzieherin, verlobt und genieße mein Leben so weit, wie es die letzten Reste der Phobie zulassen. Die Hypnosetherapie hat vieles positiv verändert. Die Worte ‚Erbrechen‘ und ‚Kotzen‘ erschüttern mich nicht mehr bis ins Mark, und im Fernsehen kann ich Szenen von Erbrechen häufiger ertragen. Ich lebe wieder gerne und ich bin dankbar, dass ich Martina Effmert kennengelernt habe und mit ihr gemeinsam den Weg meiner Genesung gehen darf.
Diese vielseitigen und vor allem unterschiedlichen Symptome erklären zumindest zum Teil das Nichterkennen der Phobie bzw. die häufigen Fehldiagnosen – wie z. B. Anorexie, Soziale Phobie oder auch Klaustrophobie (mehr dazu ab Seite 44). Diese Fehldiagnosen führen dann schlussendlich zu entsprechend falschen Behandlungen, und das manchmal über Jahre bzw. Jahrzehnte hinweg.
Ein weiterer Grund dafür, weshalb die Emetophobie immer noch so unbekannt ist, könnten zudem die Abrechnungsformen der Ärzte und Therapeuten sein, die nach einem bestimmten Diagnoseschlüssel abrechnen. Es gibt zwei Systeme zur Verschlüsselung von Diagnosen, und in beiden wird die Emetophobie nicht explizit aufgeführt. Dabei würde es positiv zum Bekanntheitsgrad dieser Krankheit beitragen, wenn diese Phobie dort konkret verzeichnet wäre.
Zurzeit ist die Emetophobie in dem Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5), einem Klassifikationssystem, an dem sich Therapeuten für ihre Diagnosen orientieren, im Kapitel der Angststörungen eingeordnet. Die WHO (World Health Organisation) gibt ein noch viel größeres und umfassenderes Klassifikationsschema für Krankheiten heraus: die ICD-10 (International Classification of Disease). Hier fällt die Emetophobie in das Kapitel der psychischen Störungen, genauer gesagt unter die spezifischen (isolierten) Phobien. Tatsächlich ist die Angst vor dem Erbrechen aber nirgendwo explizit aufgeführt. Aktuell sind dort folgende Phobien notiert: Tiere, Höhen, Dunkelheit, Fliegen, geschlossene Räume, Urinieren oder Defäzieren auf öffentlichen Toiletten, Verzehr bestimmter Speisen, Zahnarztbesuch, Anblick von Blut oder Verletzungen.
Es ist also nicht überraschend, dass nur wenige von der Existenz dieser Krankheit wissen, wenn sie selbst in den offiziellen Werken nur schwer zu finden ist.
Ist Emetophobie heilbar? Auf diese Frage habe ich eine sehr klare Antwort, und die lautet: „Ja – eine Heilung ist möglich!“
Viele meiner Patienten fragen mich, wie es sich anfühlt, wenn die Krankheit geheilt ist. Im besten Fall ist es so, dass Sie nicht mehr daran denken. Bestimmt hatten Sie schon einmal Kopfschmerzen oder eine Erkältung. Wenn man unter Kopfschmerzen leidet oder eine Erkältung hat, dann ist das sehr nervig und man denkt vielleicht, das geht nie vorbei. Wenn die Erkältung dann doch endlich überstanden ist, dann ist die Erkrankung in der Regel „aus dem Sinn“, und man erinnert sich nicht mehr daran, wie sehr man ursprünglich darunter gelitten hat.
Bei der Emetophobie wird es wahrscheinlich nie so sein, dass Sie „Hurra“ rufen, wenn Sie an einem Magen-Darm-Infekt erkrankt sind – das tut vermutlich niemand. Dennoch wird das Ganze für Sie generell handhabbarer sein, es wird Sie weniger belasten und Sie nicht mehr aus der Bahn werfen. Mütter können ihre Kinder im Krankheitsfall ohne Angstgefühle betreuen und verspüren auch keine Fluchtgedanken mehr.
Das bedeutet dennoch nicht automatisch, dass Sie nie mehr in Ihrem Leben eine Panikattacke bekommen werden. Aber selbst wenn es zu einer solchen Attacke kommen sollte, dann geht diese erfahrungsgemäß schneller vorbei, ist weniger bedrohlich und Sie werden damit besser umgehen können.
Sie dürfen sich das so vorstellen: Jeder Mensch hat eine individuelle Art, auf Belastungen zu reagieren. Da gibt es die Kopfschmerzpatienten und diejenigen, denen alles auf den Magen schlägt, ebenso wie Menschen, die bei hoher Belastung schlecht schlafen etc. Der Emetophobiker reagiert bei Stress und Belastungssituationen mit einer Angst- oder Panikattacke. Das ist seine „Schwachstelle“ – und diese bleibt vorerst auch erst einmal als solche vorhanden.
Aber: Umfang, Bedeutung und Ausmaß der Attacken werden sich verändern. Sollten Sie im Anschluss an Ihre (Selbst-)Therapie eine Attacke erleben, dann ist es wichtig, diese nicht als Rückfall zu bewerten. Verstehen Sie sie stattdessen als Botschaft und sagen Sie sich liebevoll: „Ich habe verstanden. Ich darf mich wieder etwas mehr um mein seelisches Gleichgewicht kümmern.“ Die Attacke ist zwar nach wie vor unangenehm – aber das Katastrophisieren, das bleibt aus. Manchmal sofort, aber auf jeden Fall mit der Zeit verschwinden auch diese Symptome vollständig.
Dieses Buch ist hauptsächlich für Betroffene, die darin viel über ihre Erkrankung erfahren und wirkungsvolle Maßnahmen der Selbsthilfe an die Hand bekommen. Natürlich ersetzt dieses Buch keine professionelle Therapie. Dennoch habe ich in der Praxis über die Jahre eine Vielzahl von Übungen entwickelt, vielfach erprobt und in diesem Buch sinnvoll zusammengestellt. Diese Übungen ermöglichen es Ihnen, Ihre Emetophobie im Alltag besser zu bewältigen und sie im besten Fall eigenständig in den Griff zu bekommen.
Außerdem wurde dieses Buch für Eltern, Verwandte, Partner und Freunde von Emetophobikern geschrieben, die sich über die Erkrankung informieren möchten. Ehe und Partnerschaften sind durch die Erkrankung oft sehr belastet und stehen im Laufe der Zeit vor einer schweren Probe, weil sich das Verhalten des Partners verändert – meist in Form von sozialem Rückzug und Veränderungen im Alltag. Ehepartner sind oft verzweifelt, weil sie sich die Verhaltensweisen der Betroffenen weder erklären noch diese nachvollziehen können. Da insgesamt so wenig über diese Krankheit bekannt ist, kommen manchmal Paare zu mir, deren Ehe im Laufe der Zeit so schwer belastet wurde, dass die Scheidung bereits eingereicht war.
All diesen Bezugspersonen – sozusagen den „sekundär Betroffenen“ – soll dieses Buch dabei helfen, die Krankheit als solche zu verstehen, zu akzeptieren und ihren Partner, ihren Freund oder ihr Familienmitglied sinnvoll zu unterstützen.
Insbesondere Eltern junger Kinder oder Jugendlicher soll dieses Buch dazu dienen, diese besondere Lebenssituation mit ihren Kindern zu meistern. Meistens leiden die Eltern und das ganze familiäre Umfeld sehr unter der Erkrankung, weil diese für Außenstehende sehr verwirrend sein kann und die Eltern nie genau wissen, wie sie sich dem Kind gegenüber verhalten sollen. Sollen sie eher streng sein, über die Symptome hinweggucken, oder lieber verständnisvoll reagieren? Wie gehen sie mit dem erweiterten Umfeld, also z. B. der Schule um? Und wie genau passen eigene Gefühle wie Ohnmacht, Wut und Verzweiflung in die Situation?
Außerdem möchte ich interessierte Therapeuten weiter aufklären. In meiner Praxis habe ich mit vielen Patienten zu tun, die mit einer langen Therapieerfahrung zu mir kommen und mit anderen Diagnosen behandelt wurden, weil die Emetophobie nicht erkannt wurde. Das liegt mitunter daran, dass diese Phobie auch unter Therapeuten noch nicht allzu bekannt ist – das möchte ich mit diesem Buch ändern.
Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Sie über die Krankheit zu informieren und aufzuklären. Die Erkrankung besser zu verstehen und die Anteile an der Entstehung zu erkennen, ist ein wichtiger Schritt hin zur richtigen Behandlung und wirksamen Heilung. Der Ratgeber soll Ihnen eine gute Orientierung über angrenzende und überschneidende Krankheiten geben und die Möglichkeiten der verschiedenen Behandlungsmethoden aufzeigen. Viele praktische Übungen aus
