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Wenn sich das Essverhalten bei Kindern oder Jugendlichen ändert, sind Eltern oft die ersten, die das bemerken. Wenn ihr Kind sich weigert, auswärts zu essen oder seine Lieblingsspeisen plötzlich ablehnt, kann die beängstigende Frage auftauchen: Hat mein Kind eine Essstörung? Gerade in der Pubertät verlieren viele Jugendlichen den Bezug zur gesunden Ernährung – auch durch Schönheitsideale aus den Sozialen Medien. Was können Eltern tun, wenn ihr Kind nicht mehr richtig isst, sich zurückzieht und seinen Körper negativ wahrnimmt? Martina Effmert beschreibt die Ursachen und Risikofaktoren für Essstörungen wie Magersucht, Bulimie oder Binge Eating. Sie gibt Eltern Tipps, wie sie die Anzeichen erkennen, am besten darauf reagieren und ihrem Kind helfen können.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Geleitwort
So hilft dir dieses Buch
Wirksame Hilfe für dich und dein Kind
Niemand von euch ist schuld
Möglichst früh behandeln
Bei Essstörungen geht es um mehr als Essen
Verschiedene Formen von Essstörungen
Magersucht (Anorexia nervosa)
Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa)
Essattacken mit Kontrollverlust (Binge-Eating)
Emetophobie und seltenere Essstörungen
Heilungschancen
Phasen einer Essstörung
1. Die prä-erkrankte Phase
2. Die Einstiegsphase
3. Die akute Krankheitsphase
4. Die chronische Phase
5. Die Heilungs- und Rückfall-Präventionsphase
Viele mögliche Gesundheitsrisiken
Untergewicht und Mangelernährung
Verdauungsprobleme
Elektrolyt-Ungleichgewicht
Hormonelle Störungen
Psychische Gesundheit
Folgen im Gehirn
Suizidalität, also Selbstmordgedanken
Warum is(s)t mein Kind so?
Viele Faktoren statt einer Ursache
Biologische Faktoren
Psychologische Faktoren
Soziokulturelle Faktoren und Familie
Das sind mögliche Auslöser
Stress spielt immer mit
Pubertät ist häufig ein Auslöser
Mythen und Risikofaktoren
Mythen sind nutzlos und schädlich
Merkmale und Risikofaktoren
So erkennst du die Erkrankung deines Kindes
Anzeichen, auf die du achten solltest
Auffällige Veränderung im Essverhalten
Checkliste für körperliche Anzeichen
Checklisten für Verhaltensmuster und soziale Hinweise
Kann dein Kind ein Typ für eine Essstörung sein?
Grunddisposition: Die Persönlichkeitsmerkmale
Glaubenssätze: Die inneren Antreiber
Welche Rolle spielt Hochsensibilität?
Wie fühlt sich eine Essstörung an?
Das Gefühl, gestresst zu sein
Überwältigende Emotionen
Widerstand und Ablehnung
Unlogisches Denken
Körperbild und Körperschema
So verhältst du dich richtig
5 goldene Regeln für den Umgang mit deinem Kind
Die wichtigste Regel für euch als Eltern
Das kannst du tun
Hilf deinem Kind bei Stressbewältigung
Ein Teil der Lösung: Das Gehirn reprogrammieren
Fördere die positive Selbstwahrnehmung
Schaffe ein unterstützendes und liebevolles Umfeld
Das Fundament jeder Beziehung: Respekt
… und konkret bei Anorexie
… und konkret bei Bulimie
… und konkret bei Binge-Eating und Grazing
Fördere angemessenes Verhalten
Das Thema Essen und Mahlzeiten
… bei Untergewicht und Anorexie
… bei Binge-Eating und Grazing
… bei Bulimie
Nahrungsergänzungsmittel gegen den Mangel
Wie hältst du mit deinem Kind vereinbarte Ziele ein?
Panik, Meltdowns und Widerstand
Selbstverletzung und Wegrennen
Vorsichtsmaßnahmen, die du überdenken solltest
Im selben Zimmer übernachten
Gegenstände sicher verwahren
Auf unzerbrechliches Geschirr umsteigen
Fenster und Türen sichern
Umgang mit dir selbst und deiner Familie
Beziehe Geschwister aktiv ein
So holt ihr euch Hilfe von außen
Schulungen und Foren für Eltern
Erste Steps: Soforthilfe
Empfehlenswerte Therapieformen
Ambulante Therapie
Interview: Ernährungsberatung
Family Based Treatment (FBT)
Tagesklinik
Stationärer Aufenthalt
Interview: Stationäre Therapie
Nachsorge
Wohngruppen
Abschied von der Essstörung: Der Neustart
Anhang
Beratungsstellen und spezialisierte Fachstellen
Quellen- und Literaturverzeichnis
Thomas Neubner ist Kommunikationswissenschaftler, PR-Experte und Lehrbeauftragter. Die Themen negatives Körperbild und Essstörungen begegnen dem Experten für Medien und Prominenz der Populärkultur in seinen Forschungen und in vielen Gesprächen mit seinen Studierenden. Thomas Neubner ist regelmäßiger Gast in namhaften TV- und Printmedien.
Liebe Leserinnen und Leser,
Fashion-Influencer, die eine hohe Reichweite aufweisen, bestimmen maßgeblich den modischen Trend und setzen dabei konkrete Wunschvorstellungen in der jungen Zielgruppe fest. Die prominente Aura von Influencern ist immer mit einem spezifischen Schön- und oftmals auch einem konkreten Schlankheitsideal aufgeladen, in das sich der junge Medienkonsument förmlich einzukleiden versucht.
In Sozialen Medien ist diese modische Einkleidung omnipräsent, sie ist sowohl der unermüdliche Motor jener Selbstinszenierung als auch ihre größte Gefahr, wenn Adoleszente beginnen, ihr Körperbild kritisch zu definieren.
Während noch vor zwei Jahrzehnten der Medienkonsum hauptsächlich passiv verlief, werden Medienkonsumenten der jungen Generation ebenso zu Produzenten. Über das Smartphone erscheint ihr Körper makellos, im Design bewusst angelehnt an eben jene prominenten Vorbilder aus der Influencer-Szene. Je perfekter ihr Körper hier erscheint, desto höher ist der Zuspruch in der Community.
In meinen Lehrveranstaltungen an der Hochschule sind diese Themenwelten in den vergangenen Jahren fester Bestandteil des Social-Media-Diskurses und seinen gesellschaftlichen Risiken geworden. Studierende fordern von sich aus eine kritische Betrachtung der Neuen Medien ein und machen aktiv Themenvorschläge, die sich eben auch in den negativen Auswirkungen auf das eigene Körperbild verorten. Gerade in Studienschwerpunkten wie Modemanagement sprechen betroffene Studierende ganz offen mit ihren Kommilitonen über eigene Erfahrungen mit Essstörungen und heben damit den Themenkomplex selbstbewusst aus der Tabuzone in die Öffentlichkeit.
Für Eltern bedeutet diese Entwicklung eine Hinwendung zu achtsamem Medienkonsum, im Speziellen in der kompetenten Verwendung Sozialer Medien, damit sie sich in der digitalen Lebenswelt ihrer Kinder orientieren lernen – um Brücken zu bilden, die generations-übergreifend wirken, den Themenkomplex der Essstörung aus der gesellschaftlichen Isolation selektieren und damit signifikant zu einer Enttabuisierung auch in der Angehörigengruppe beitragen. Im Überbau dieses Diskurses liegt allzu oft die Schuld, die Angehörige sich zuschreiben oder aus dem Umfeld leidvoll erfahren. Diskursen um Essstörungen achtsam zu begegnen, bedeutet in Konsequenz auch, diese Schuldfragen in Diskurse der Chancen umzuwandeln.
Martina Effmert leistet einen wertvollen Beitrag zu dieser Wandlung, indem sie Brücken zwischen Angehörigen und Betroffenen baut. Ihr Bestreben, psychotherapeutische Ansätze dahingehend neu zu interpretieren und Behandlungsstrategien kreativ umzudenken, verdeutlicht sich in praktischen Beispielen aus der Beratung, denen ich zahlreiche, fruchtbare Anschlüsse wünsche.
Herzlichst
Ihr
Thomas Neubner
Wahrscheinlich hältst du dieses Buch in Händen, weil dein Kind, Enkelkind, deine Nichte oder dein Neffe von einer Essstörung betroffen ist. Es ist wichtig, dass du dich über die Erkrankung informierst und alles an Hilfe aktivierst, was geht. Ich möchte dich mit diesem Buch dabei unterstützen. Du findest hier umfassende Informationen und praktische Tipps, um dein Kind bestmöglich zu begleiten.
Als Elternteil bist du oft die erste Person, die bemerkt, wenn dein Kind sich anders verhält als sonst. Möglicherweise weigert es sich, mit anderen Familienmitgliedern auswärts zu essen oder es lehnt plötzlich seine Lieblingsspeisen ab. Oder du bemerkst, dass Vorräte verschwinden. Alle diese Verhaltensänderungen könnten ein Anzeichen dafür sein, dass dein Kind an einer Essstörung leidet, was dich als Elternteil sehr verunsichern kann.
Die Krankheit entsteht oft unbemerkt, langsam und schleichend. Die Kinder und Jugendlichen reduzieren oder erhöhen je nach Essstörung ihre Nahrungsaufnahme Stück für Stück und verfallen einem gefährlichen Kreislauf aus extremer sportlicher Betätigung oder anderen kompensatorischen Verhaltensweisen und krankhaftem Essverhalten. Ihre Gedanken kreisen nur noch um das Thema Essen und Kalorien, die Essstörung wird zum 24-Stunden-Job. Dabei verlieren sie allmählich den Bezug zu ihrem eigenen Körper.
Wenn bei deinem Kind eine Essstörung diagnostiziert wurde, war das sicherlich ein großer Schock für die ganze Familie. Du fühlst dich möglicherweise nervös, ängstlich oder verunsichert. Die Diagnose ist verwirrend und es gibt viele unterschiedliche Informationen über Essstörungen – auch im Internet. Um dieses Problem anzugehen, ist es wichtig, dass du die Ursachen für die Essstörung deines Kindes verstehst und entsprechend handeln kannst. Hierbei möchte ich dir mit diesem Ratgeber helfen.
Dieser Ratgeber bietet dir praktische Tipps und sofort umsetzbare Strategien, damit du dein Kind wirksam unterstützen kannst. Er zeigt dir auch, wie du möglicherweise zur Essstörung deines Kindes beigetragen hast und wie du wie du deinem Kind helfen kannst.
Dieses Buch wird dir helfen, die Essstörung deines Kindes auch in Abgrenzung zu anderen Erkrankungen zu erkennen und zu verstehen. Du findest hier praktische Anleitungen zur Selbsthilfe in eurer Familie, die ich dir aus meiner langjährigen Praxiserfahrung zusammengestellt habe. Ich möchte dich dabei unterstützen, mit deinem Kind einen Ausweg zu finden und die Essstörung zu überwinden.
Du findest hier wertvolle Informationen über die verschiedenen Arten von Essstörungen und wie du ihnen entgegenwirken kannst. Ich gebe dir viele Tipps, wie du mit deinem Kind offen über seine Probleme sprechen und ihm gezielte Unterstützung bieten kannst.
Ich spreche in diesem Ratgeber speziell über Kinder, die sich trotz deutlich erkennbarem Untergewicht als viel zu dick empfinden. Ich spreche über Kinder, die in unkontrollierten Essanfällen mehr als 3.000 Kalorien in sich hineinstopfen und sich als Kompensation übergeben. Kinder, die nachts heimlich essen, sogenannte Night-Eater (Binge Eating Disorder). Und Kinder, die nichts mehr essen, aus Angst davor, sich zu übergeben (Emetophobie).
Die Sehnsucht nach einem perfekten Körper hat in unserer Gesellschaft eine bedrohliche Größe angenommen, und längst sind davon nicht nur Mädchen und Frauen betroffen. Ich spreche auch über Jungen, die sich als zu schmal und zu schmächtig empfinden und in eine Essstörung durch spezielle Diäten mit exzessivem Sport geraten. Für viele ist es schwer, aus diesem Teufelskreis auszubrechen.
Arbeitskollegin der Mutter von Patientin Alina mit Magersucht, 12 Jahre: „Was ist denn bei dir schiefgelaufen, dass dein Kind in der Psychiatrie gelandet ist?“
Die Vermutung oder die bereits vorliegende Diagnose der Essstörungen sind für dich und deine Familie sicherlich sehr belastend. Es ist wichtig für dich zu wissen, dass niemand eine Essstörung bewusst entwickelt: Dein Kind hat sich nicht bewusst dafür entschieden.
Es ist keine Schuldfrage und auch nicht die Schuld der Eltern. Du solltest dich nicht dafür verurteilen. Wenn du als Elternteil verstehst, dass Essstörungen keine Entscheidung sind, kannst du bei der Heilung deines Kindes helfen – ohne Vorwürfe oder Schuldgefühle. Es ist okay, wenn du frustriert bist, aber ich bitte dich, dein Mitgefühl und die Fürsprache für dein Kind mit Essstörung in den Vordergrund zu stellen. Du bist nicht allein und es gibt Hilfe und Unterstützung für dich und deine Lieben.
WAS SIND ESSSTÖRUNGEN NICHT?
Keine selbst auferlegte Diät, keine persönliche Schwäche, keine Faulheit, kein Mangel an Selbstbeherrschung, keine Phase, die einfach so wieder vorübergeht – nichts, das du ganz allein bewältigen musst!
Fakt ist: Essstörungen haben seit 2020 aufgrund der Corona-Pandemie massiv zugenommen. Die Welt ist in dieser Zeit aus den Fugen geraten, das Geschehen war nicht kontrollierbar. Die Auswirkungen der Pandemie und ihre einschränkenden Maßnahmen wie Quarantäne und Lockdowns haben zu erhöhtem Stress und Isolation bei Kindern und Jugendlichen geführt – gleichbedeutend mit einem erhöhten Risiko für Essstörungen. Die Pandemie war eine besondere Herausforderung und die Zahlen sprechen für sich. Ich möchte allerdings betonen, dass Essstörungen nicht nur durch die Pandemie ausgelöst wurden und ihr Auftreten viele unterschiedliche Ursachen haben kann. Dazu kommen wir später.
ESSSTÖRUNGEN IN ZAHLEN
Essstörungen sind ein Problem unter Kindern und Jugendlichen, das leider zunimmt: 2021 litten 17,6 von 1000 Menschen im Alter von 12 bis 17 Jahren an einer Essstörung, ein Jahr zuvor waren es 13,4 und im Vor-Corona-Jahr 2019 noch 12,9 von 1000 Jugendlichen (Bericht der KKH Hannover). 2011 waren es „nur“ 11 von 1000.
Traurigerweise dürften laut Hochrechnung bundesweit etwa 50000 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren von einer Essstörung betroffen sein. Die meisten davon sind Mädchen und junge Frauen. (Die Zeit, Ausgabe vom 4.5.2023).
Besonders betroffen sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die vermehrt auf soziale Medien und Online-Inhalte zugreifen. Das kann zu Unsicherheiten mit dem eigenen Körperbild beitragen. Das Thema der Essstörungen betrifft mehr Mädchen als Jungen, allerdings haben die Jungen in den letzten Jahren zahlenmäßig leider „aufgeholt“.
SCHLANK UND DURCHTRAINIERT – MEDIEN BEFÖRDERN RISIKO
Laut Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts besteht für circa ein Fünftel aller 11- bis 17-jährigen Deutschen der Verdacht auf eine Essstörung: Jugendliche suchen nach Orientierung und Vorbildern und finden sie immer häufiger in den Medien. Dort werden vor allem Menschen mit schlanken, durchtrainierten Körpern präsentiert, was ihr Risiko für Essstörungen erhöhen kann.
In unserer Gesellschaft ist das Thema Essstörungen also aktueller denn je und die Zahlen steigen rasant an. Kurzfristig einen Therapieplatz zu erhalten, ist fast wie ein Sechser im Lotto. Die Kliniken sind hoffnungslos überfüllt, hier sind die Wartezeiten oftmals (beinahe) unverantwortlich. Dabei ist klar: Eine frühe Behandlung und Prävention sind von großer Bedeutung, damit sich die Essstörung nicht verfestigen kann! Der Schlüssel zur Bekämpfung dieses ernsten Gesundheitsproblems ist, dass dein Kind möglichst frühzeitig behandelt wird. Deshalb ist es so wichtig, dass du die Anzeichen für eine mögliche Essstörung bei deinem Kind oder Jugendlichen erkennst, sie verstehst und euch bei Bedarf so früh wie möglich professionelle Hilfe holst.
Du spielst als Elternteil eine wichtige Rolle bei der Behandlung der Essstörung. Lass im ersten Schritt die Idee los, dass die Essstörung deines Kindes nur eine vorübergehende Phase, eine bewusste Entscheidung oder eine Verhaltensweise ist, die irgendwie verursacht wurde. Wenn du dir darüber im Klaren bist, kannst du ein wirksamer Fürsprecher und eine gute Unterstützerin deines erkrankten Kindes sein.
Konzentriere dich stattdessen darauf, was du tun kannst, um deinem Kind zu helfen. Biete ihm Unterstützung und Hilfe an, ohne dich mit Schuldgefühlen zu plagen oder dir Vorwürfe zu machen. Es braucht Mut, Zeit und Geduld, um eine Essstörung zu überwinden. Hilf deinem Kind dabei, indem du Informationen sammelst, professionelle Hilfe suchst und ein unterstützendes Umfeld schaffst. Du bist die erste Bezugsperson und eine wichtige Stütze für dein Kind auf dem Weg zur Genesung!
Magersucht, Bulimie, Binge-Eating – egal welche Essstörung, die Zahlen steigen. Das ist alarmierend, denn hinter jeder Zahl steht das Schicksal eines Kindes und einer gesamten Familie. In diesem Kapitel schauen wir uns verschiedene Formen der Erkrankung an und wie du sie erkennen kannst.
Essstörungen sind in der Regel komplexe Erkrankungen, die nicht durch einen einzelnen Risikofaktor ausgelöst werden. Die Forschung geht von mehreren Faktoren aus, darunter biologische Faktoren, Persönlichkeitsmerkmale, familiäre, soziale und gesellschaftliche Umstände sowie belastende Lebensereignisse. Du siehst, es geht bei Essstörungen um sehr viel mehr als „nur“ ums Essen.
Sie sind vielmehr ein Kampf mit Unsicherheit, emotionaler Stabilität, Kontrolle, Selbstwert, Körperbild, Perfektionismus, Dysbalancen im Nervensystem und Trauma. Mach dir bewusst, dass es bei der Erkrankung deines Kindes nicht nur um Nahrungsaufnahme geht, sondern um eine komplexe emotionale Herausforderung.
EINE ESSSTÖRUNG HAT (EHER) NICHTS MIT ESSEN ZU TUN
Bei einer Essstörung geht es um: Unsicherheit, Perfektionismus, Kontrolle, Körperbild, Emotionale Stabilität, Selbstwert, Selbstvertrauen, Dysbalancen im Nervensystem und Trauma.
Die gute Nachricht lautet: Obwohl sie ernste Störungen darstellen, sind Essstörungen behandelbar. Doch es ist wichtig, dass dein Kind frühzeitig diagnostiziert und behandelt wird, denn eine schnelle Behandlung verbessert seine Chancen auf eine vollständige Genesung.
Essstörungen betreffen nicht nur den Körper deines Kindes, sondern auch seine psychische Gesundheit und können schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben deines Kindes und deiner Familie haben.
Essstörungen sind Erkrankungen mit vielen Gesichtern und können verschiedene Formen annehmen. Sie können jeden Menschen betreffen, egal in welchem Alter. Insgesamt gibt es viele verschiedene Arten von Essstörungen, die sowohl den Körper als auch die Seele beeinträchtigen. Zunächst möchte ich dir einen kurzen Gesamtüberblick über die häufigsten Essstörungen geben.
Anorexia nervosa ist die wohl bekannteste Form von Essstörung und wahrscheinlich auch eine der am frühesten dokumentierten. Über sie wurde bereits im Mittelalter berichtet.
OFFIZIELLE DIAGNOSTIK DER ANOREXIE
Magersucht wird offiziell wie folgt definiert:
• selbst herbeigeführter Gewichtsverlust
• Körpergewicht mindestens 15 % unter der Norm (nach Alter und Körpergröße)
• oder BMI kleiner 18,5 kg/m bei Erwachsenen
• Unterschreiten der alters- und geschlechstabhängigen 5. BMI-Perzentile bei Kindern und Jugendlichen (siehe unten)
• Bei einem rapiden Gewichtsverlust innerhalb von 6 Monaten von mehr als 20 % des gesamten Körpergewichts
• Körperbildstörung
Bei einem Gewichtsverlust von 40 % unter dem Normalgewicht wird die Erkrankung als besonders bedrohlich eingestuft.
(Quelle: *ICD-11)
Ich bin der Meinung, dass die Diagnose Anorexie nicht nur auf den Aspekt des Gewichts beschränkt sein sollte, denn damit betrachtet man nur die Spitze des Eisbergs. Und Achtung! Es gibt auch Formen von Anorexie, die sich anders äußern als durch Gewichtsverlust. Diese Formen können bei Kindern und Jugendlichen auftreten, die normaloder übergewichtig sind. Diese Form der Anorexie wird als atypisch bezeichnet. Bei betroffenen Kindern und Jugendlichen kommt sogar oft noch ein Schamgefühl und das Gefühl des Versagens hinzu, da sie sich möglicherweise nicht als „richtig magersüchtig“ betrachten.
DER BMI – MASSEINHEIT FÜR DIE DIAGNOSE
Body-Mass-Index (BMI) – das Maß zur Einschätzung des Körpergewichts
Magersucht ist eine sehr komplexe Krankheit. Ihr Ursprung ist vermutlich eine Kombination aus verschiedenen sich ergänzenden und wechselseitig beeinflussenden Faktoren. Nach neuester Studienlage gilt es als erwiesen, dass Menschen, die an einer Magersucht erkranken, eine genetische Grundlage dafür haben. Diese „Anorexie-Gene“ werden durch ein Nahrungsdefizit z. B. während einer Diät angestoßen und getriggert. Doch dazu später mehr (ab Seite xx).
Magersucht beginnt häufig in der Pubertät und betrifft überwiegend Mädchen, wobei die Jungen in den letzten Jahren hier „aufholen“. Die Auslöser für diese Erkrankung können dabei ganz unterschiedlich sein. Vielleicht ist es die erste große Liebe, vielleicht sind es familiäre Konflikte wie eine Scheidung, der Verlust eines nahestehenden Menschen oder auch der Tod eines geliebten Tieres. Ebenso können die entwicklungsbedingten körperlichen Veränderungen sowie Hänseleien oder Mobbing in der Schule mögliche Auslöser sein. Das in unserer Gesellschaft vorherrschende Idealbild von Schlankheit und scheinbarer Perfektion in den sozialen Medien als große Challenge für Kinder und Jugendliche kommt als deutlicher Risikofaktor noch dazu.
Kontrolle über Gewicht und Körper
Viele magersüchtige Mädchen lehnen unbewusst das eigene Frauwerden bzw. Frausein ab. Sie kontrollieren ihre Ernährungsgewohnheiten, hungern und erleben diese Form der Mangelernährung als entlastend und durchweg positiv. Das Hungern gibt ihnen das Gefühl der Kontrolle und damit auch ein gewisses Gefühl der Macht. Überhaupt ist Kontrolle bei dieser Krankheit ein sehr großes Thema: Über den Verzicht bekommen die betroffenen Kinder und Jugendlichen das Gefühl, mit der Kontrolle über ihr Gewicht auch wieder die Kontrolle über das eigene Leben zu erhalten. Das gibt ihnen eine Form von Sicherheit. Sie können sich so sehr disziplinieren, dass sie am Ende so gut wie gar nichts mehr essen. Zudem betreiben Betroffene häufig exzessiv Sport, um den Effekt der Gewichtsreduktion noch zu verstärken.
Eleni, 19 Jahre: „Das Beste an der Magersucht war, dass ich mich wirklich als etwas Besonderes fühlte. Ich war stärker und besser als all die anderen, die einfach nur Mittelmaß waren. Die Magersucht war mein Lebensinhalt.“
Es gibt Persönlichkeitsmerkmale, die bei Magersüchtigen häufiger anzutreffen sind, z. B. ein geringes Selbstbewusstsein. Viele Betroffene sind unsichere und eher schüchterne Menschen. Sie haben einen gewissen Hang zum Perfektionismus und zu zwanghaftem Handeln. Manche haben zudem unbewusst Angst davor, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Bei einem Teil der Erkrankten gibt es schwerwiegende Traumata, z. B. sexuelle Übergriffe in der Vergangenheit.
Oftmals beginnt eine Magersucht mit einem harmlos wirkenden Diätverhalten, wie z. B. dem (eigentlich sogar gesunden) Verzicht auf Süßigkeiten. Umwelt, Eltern und Freunde bewerten dieses Essverhalten meist erst einmal positiv. Diese Rückmeldungen und die gewünschte Gewichtsabnahme können dann das Diätverhalten verstärken – das Essverhalten wird mehr und mehr kontrolliert.
Maja, 14 Jahre: „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, mit 45 kg glücklicher zu sein als jetzt mit meinen 28 kg.“
Anorexie heißt wörtlich übersetzt „Appetitlosigkeit“. Das ist jedoch nicht ganz richtig, denn zu Beginn haben viele Magersüchtige ein ganz normales Hungergefühl und sogar einen besonders großen Appetit. Es gibt Theorien von Neurologen darüber, dass das Gehirn von einem an Anorexie erkrankten Menschen anders arbeitet als bei einem Gesunden. Dieser Ansatz geht davon aus, dass das Belohnungssystem aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wenn ein gesunder Mensch Hunger verspürt und daraufhin Nahrung zu sich nimmt, dann sendet sein Gehirn ein positives Signal aus. Anders beim Anorektiker, also an Magersucht Erkrankten: Hier hat das Hungern einen positiven Effekt auf das Gehirn.
Es gibt also eine interne Kommunikation zwischen Neuronen, Hungergefühl und Körperwahrnehmung. Und genau da ist bei Betroffenen etwas im Ungleichgewicht, was langfristig zu einem tatsächlichen Verlust des Hungergefühls führen kann. (Es ist aktuell noch völlig unklar, ob es sich bei dieser Veränderung im Gehirn um eine Ursache für die Anorexie oder um eine Folge der Krankheit handelt.)
Fakt ist allerdings auch: Die Krankheit ist ein Hilferuf des Unterbewusstseins. Es geht im Grunde genommen nicht um den Verzicht auf das Essen und auch nicht darum, dünn zu sein. Hinter der Krankheit verbergen sich neben der womöglich genetischen Veranlagung auch Probleme, Unsicherheiten, Schmerz, Zorn, Wut oder Traurigkeit.
Kriterien für Anorexia nervosa
1. Restriktive Nahrungsaufnahme: Betroffene Kinder und Jugendliche nehmen über einen längeren Zeitraum hinweg weniger Nahrung zu sich, als für ihr Körpergewicht und ihre Größe angemessen wäre.
2. Intensiver Fokus auf das eigene Körpergewicht oder die Körperform: Erkrankte Kinder haben eine verzerrte Wahrnehmung ihres Körpers und sind sehr besorgt über Gewicht oder Figur.
3. Körperliche Symptome: Es kann zu verschiedenen körperlichen Symptomen kommen, wie beispielsweise Unterernährung, Gewichtsabnahme, ausbleibende oder unregelmäßige Menstruation bei Mädchen, Verstopfung, kaltes Empfinden, Schwindel, Schwäche und Organschäden.
4. Verzerrtes Selbstbild: Die von Anorexie Betroffenen sehen sich selbst als zu dick, obwohl sie bereits ein niedriges Gewicht erreicht haben.
5. Kontrolle und Perfektionismus: Erkrankte Kinder haben oft ein hohes Bedürfnis nach Kontrolle, Perfektionismus und ein geringes Selbstwertgefühl.
Häufigkeit von Essstörungen
Binge
Mädchen/Frauen 28 von 1.000
Jungen/Männer 10 von 1000
Bulimie
Mädchen/Frauen 19 von 1.000
Jungen/Männer 6 von 1.000
Magersucht
Mädchen/Frauen 14 von 1.000
Jungen/Männer 2 von 1.000
Quelle: Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, BZGA.de
Eine andere Form von Essstörungen ist Bulimie. Hier leidet das betroffene Kind unter regelmäßigen Essanfällen, die es unmittelbar danach mit (meist heimlich) selbst herbeigeführtem Erbrechen beendet. Tückisch dabei ist: In der Regel sind die von Bulimie betroffenen Kinder und Jugendlichen eher normalgewichtig. Eine Gewichtszunahme verhindern sie außerdem oft durch den Missbrauch von Abführmitteln und Entwässerungstabletten (Diuretika) sowie exzessive körperliche Aktivität.
Bulimie kann körperliche Symptome wie Karies oder Magen-Darm-Probleme hervorrufen wie auch psychische Symptome wie Schuldgefühle und Scham. Aus diesem Grund unternehmen erkrankte Kinder meist große Anstrengungen, um ihr Verhalten vor Familie und Freundeskreis zu verbergen.
Janine, 16 Jahre: „Pflanzliche Abführmittel sind keine richtigen Abführmittel und Entschlackung ist gesund.“
Dadurch, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen eher normalgewichtig sind und ihr Verhalten verschleiern, übersehen Familienmitglieder häufig die Anzeichen für diese Erkrankung oder erkennen sie erst sehr spät. Bulimie tritt selten vor der Pubertät auf und belastet viele Jugendliche oft unentdeckt über viele Jahre bis Jahrzehnte.
Nicole, 22 Jahre: „Meistens stopfte ich mich mit Süßigkeiten und Chips voll. Meistens aß ich so lange, bis mir übel wurde. Dann habe ich mich übergeben. Danach fühlte ich mich immer ziemlich gut. Nicht mehr voll, sondern leer. Das war der Beginn meines Kotzens. Am häufigsten fraß ich nachts, wenn alle schliefen. Ich habe sogar Salzwasser getrunken, dann geht das Kotzen leichter. Ich drehte dann nachts den Wasserhahn auf, dann hört das niemand.“
OFFIZIELLE DIAGNOSTIK DER BULIMIE
Seit mindestens einem Monat und durchschnittlich einmal pro Woche …
• wiederholte Essattacken,
• zeitweilige Hungerperioden,
• kompensatorisches Verhalten (Erbrechen, Abführmittel, Diuretika, exzessiver Sport) und/oder
• krankhafte Furcht, dick zu sein.
Aus meiner Praxis: Nina, 28 JahreAls ich sieben Jahren alt war, fragte eine Freundin meine Mutter, ob ich nicht ein bisschen zugenommen hätte. Meine Mutter stellte mich fortan täglich auf die Waage. Im Badezimmer wurde ein Plan aufgehängt, auf dem wir mein Gewicht eintrugen und so meinen Fortschritt dokumentierten. Zum Frühstück gab es nur noch Smoothies – rückblickend natürlich nährstoffreicher als Brot mit Käse. Das Problem war aber, dass ich als Kind das Ganze nicht verstand. Was ich verstand, war, dass etwas mit mir nicht stimmte. Ich hatte zugenommen, das war schlecht und musste korrigiert werden. Ich musste perfekt sein, damit Mama mich liebt.
Meine Mutter hatte sowohl nach meiner als auch nach der Geburt meiner Schwester sehr schnell wieder angefangen zu arbeiten und war beruflich viel unterwegs. Ich hatte ohnehin schon das Gefühl, um ihre Aufmerksamkeit und Zeit kämpfen zu müssen, nun kam noch der Kampf um ihre Liebe und Gunst dazu. Dann ließen sich meine Eltern scheiden, wir zogen um. Neue Umgebung, neue Schule, neue Freunde und mein Papa war plötzlich 600 km entfernt. In der Zeit fing ich an, heimlich und zu viel zu essen, wenn ich traurig war. Ich nahm zu, und der Plan im Bad war vergessen – zumindest hatte Mama ihn vergessen, in meinem Kopf ist er bis heute geblieben.
Nach zwei Jahren zogen wir erneut um und Mama heiratete neu. In der Schule war ich lange eher ein Außenseiter. Die Mädels, die unsportlich und nicht superdünn waren, kamen eben nicht gut an. Als ich 17 war, wechselte ich auf ein Gymnasium mit Schwerpunkt für Gesundheit und Soziales. Kurz zuvor übergab ich mich zum ersten Mal nach dem Essen. Leider funktionierte es ganz einfach und ich fing an, es regelmäßig zu machen. Wenn ich alleine war, kaufte ich sogar extra dafür ein und kochte alles, was ich wollte und so viel wie ich wollte.
Das mache ich jetzt seit elf Jahren, phasenweise mehrfach die Woche, täglich oder sogar öfter am Tag. Wenn ich nicht alleine bin und mich nicht übergeben kann, schränke ich meine Kaloriengehalte extrem ein. Ich habe Angst, dass ich gar nicht mehr weiß, wie „normal essen“ überhaupt geht. Ich befinde mich aktuell in Therapie und hoffe, während der Sitzungen zu lernen, dass ich wertvoll bin und es verdient habe, zu essen.
Essstörungen wie Anorexie und Bulimie sind inzwischen fast jedem bekannt. Über Binge-Eating oder Binge Eating Disorder wird weniger berichtet, und tatsächlich ist sie erst seit Kurzem eine anerkannte eigenständige psychiatrische Störung – interessanterweise die heutzutage am häufigsten diagnostizierte. Ebenfalls besonders ist, dass sie zu 40 % Jungen und Männer betrifft. Was musst du als Elternteil wissen, wenn dein Kind an dieser Störung leidet?
Sie ist genauso wie die Bulimie gekennzeichnet durch regelmäßige Episoden von Essanfällen, bei denen Betroffene große Mengen an Nahrungsmitteln konsumieren und sich außer Kontrolle fühlen. Dies geschieht häufig heimlich, oft nachts. Es ist eine totale Fresssucht – Binge –, ein Gelage ohne Kompensation. Das heißt, anders als bei Bulimie betreiben Betroffene keine Gegenmaßnahmen gegen Gewichtszunahme wie Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch.
Henry, 13 Jahre: „Oft wusste ich einfach nicht, was ich machen sollte. Mir war langweilig. Dann habe ich gegessen. Ich aß einfach alles, was da war, was ich finden konnte und was ich gut verstecken konnte.“
OFFIZIELLE DIAGNOSTIK BINGE-EATING
Mindestens drei Monate im Schnitt einmal pro Woche wiederholte Essattacken ohne Kompensation (also keine Gegenmaßnahmen, um eine Gewichtszunahme zu verhindern).
