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Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Doch es kommt vor, dass sie sich einfach ungefragt in ein Leben drängt, von ihm Besitz nimmt, es beherrscht und nichts mehr so sein lässt, wie es war. Dies ist die Geschichte eines solchen Lebens. Sehr offen, unsentimental und manchmal auch mit einer Prise Selbstironie erzählt die Autorin von ihrem täglichen Kampf mit der Angst, von ihren kleinen und großen Erfolgen und Niederlagen. Anderen Angstkranken dürfte vieles davon bekannt vorkommen, weil sie es so oder ähnlich selbst erlebt haben. Angstfreie Menschen werden sich glücklich schätzen, dass ihnen so etwas erspart geblieben ist und trotzdem erkennen, dass auch ein Leben mit Angst nicht nur eine Katastrophe sein muss.
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Seitenzahl: 111
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Sonja Schöning
Angstkind
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Morgens ist es am schlimmsten. Ich mache die Augen auf und schon ist sie da, die Angst – meine Angst, meine treueste und zuverlässigste Lebensbegleiterin. Ich verabscheue sie, ich lehne mich gegen sie auf, ich versuche sie niederzuringen. Doch sie scheint fest entschlossen, mich nie mehr zu verlassen.
Im Dunkeln taste ich nach meiner Tablette auf dem Nachttischchen, dem Viertel einer Fünf-Milligramm-Valium, und schiebe es unter meine Zunge. Ein Viertel habe ich vor dem Schlafengehen genommen. Das geht schon über viele Jahre so. Ich bin stolz darauf, dass ich es geschafft habe, die Dosis nie zu erhöhen. Die Tabletten verschreibt mir einer unserer Freunde, ein Arzt im Ruhestand. Er ist nicht zimperlich mit dem Verschreiben und Selbstschlucken von allerlei Medikamenten. Ich bin heilfroh darüber, denn bei einem praktizierenden Arzt war ich schon jahrelang nicht mehr: zu viel Angst.
Ich liege in meinem Bett und spüre, wie mein Herz anfängt zu rennen. Ich kann nicht mehr ruhig liegen. Trotzdem versuche ich, langsam und bewusst zu atmen und dabei an etwas Schönes zu denken. Es gelingt mir nicht. Ich springe aus dem Bett, schlüpfe in meine Anziehsachen, die auf dem Fußboden bereit liegen und renne treppab hinunter in die Küche. Die Kaffeemaschine ist schon präpariert, ich muss nur noch den Knopf drücken. Der Frühstückstisch ist gedeckt, das erledigt mein Mann jeden Abend.
Ich mache Katzenwäsche im Gäste-WC. Mein Herz schlägt schneller, die Angst wird größer. Ich möchte nach draußen laufen, ich brauche dringend eine Zigarette. Stattdessen bestreiche ich mir ein Toastbrot mit Butter und warte, dass der Kaffee endlich durchgelaufen ist. Ich horche nach oben, ob mein Mann schon aufgestanden ist. Ihn wach zu wissen, das beruhigt mich ein wenig.
Ich ziehe die Rollläden im Wohnzimmer und in der Küche nach oben. In unserer Wohnstraße ist schon Leben. Schulkinder sind unterwegs, Hundehalter, die ihre erste Runde drehen. Und immer frage ich mich, wie all diese Menschen so entspannt und selbstverständlich, so ganz und gar angstbefreit ihre Aufgaben erledigen können. Alles, was für die meisten Menschen so leicht und selbstverständlich ist, kostet mich große Anstrengung und Überwindung. Oder ich schaffe es gar nicht. Vieles probiere ich heute einfach gar nicht mehr. Im Laufe der Jahre sind mir der Antrieb, der Ehrgeiz und wohl auch die Kraft für all die großen und kleinen Kämpfe abhanden gekommen.
Ich stopfe mir den Toast in den Mund, spüle mit Kaffee nach und zünde mir die erste Zigarette an. Trotz meiner großen Angst um mein Herz habe ich es nie geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Irgendwann ist auch mein Mann startklar für das immer gleiche Ritual. Wir steigen ins Auto mitsamt unserem Hund. Das Auto bedeutet für mich Sicherheit. Schließlich komme ich damit ganz schnell zum nächsten Krankenhaus. Dass unser Auto jetzt alt ist, macht mir große Sorgen. Andererseits hat es noch nicht viele Kilometer hinter sich. In den letzten Jahren sind wir kaum aus unserem Wohnort hinausgekommen. An unserem Kiosk kauft mein Mann die Zeitung und Brötchen. Danach läuft er mit dem Hund nach Hause, ich fahre. Morgens kann ich nicht allein im Haus sein. In meinem Zustand finde ich das viel zu gefährlich. Was, wenn ich einfach umfalle, so ganz allein und unbemerkt? Nach diesem morgendlichen Ausflug werde ich meist ruhiger. Mein Mann frühstückt ausgiebig und entspannt, ich löse das Kreuzworträtsel in der Zeitung.
Seit einigen Jahren ist mein Mann Rentner. Ich habe mir immer vorgestellt, dass alles besser wird, wenn wir den ganzen Tag zusammen sind. Leider ist das nicht so. Nach dem Frühstück zieht sich mein Mann in sein Arbeitszimmer zurück. Und ich versuche, mich irgendwie zusammenzusuchen. Am liebsten sind mir die Tage, an denen ich voraussichtlich mit nichts behelligt werde: keine Termine, keine Besucher, keine Anforderungen. Nur Gleichförmigkeit.
In der letzten Zeit ängstigen mich alle Besuche, selbst die der eigenen Kinder. Wenn sie dennoch kommen, bin ich so aufgeregt, dass ich fürchte, jeden Moment einfach umzufallen. Und genau das möchte ich ihnen und mir ersparen. Ich möchte nicht, dass sie sich ängstigen oder gar Sorgen um mich machen. Es reicht schon, dass ich meinen Mann verunsichere, zuweilen wütend und aggressiv mache. Meine, unsere Tage verlaufen eintönig und eigentlich immer gleich. Ich koche, ich wasche, ich kaufe ein. Und immer lauert die Angst. Die Gewissheit um sie ist immer präsent. Wann und wo schlägt sie das nächste Mal zu?
Am liebsten sind mir die Abende. Wir gehen nicht mehr oft aus. Auch mein einstmals großer Freundeskreis ist nicht mehr da. Mittlerweile ist mir das egal. Ich habe keine Lust und keine Energie mehr, mich ständig zu entschuldigen und zu rechtfertigen. Trotz aller Aufklärung habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen denken, bei einer Angsterkrankung trage der Betroffene zumindest doch ein bisschen Schuld. Ich verbringe die meisten Abende also auf dem Sofa vor dem Fernseher. Und genieße die halbwegs entspannten Stunden. Bis dann am nächsten Morgen alles von vorn beginnt.
Meine erste Angstattacke überfiel mich mit dreizehn Jahren - so brutal und unverhofft wie der sprichwörtliche Blitz aus heiterem Himmel. Ich stand in der überfüllten Straßenbahn auf dem Nachhauseweg von der Schule. An den Wochentag kann ich mich nicht mehr erinnern, auch nicht an die Jahreszeit. Aber wahrscheinlich war es Frühling. Ich weiß nur, dass es ein Mittag war wie jeder andere auch. Ich alberte mit meinen Klassenkameradinnen herum, vielleicht sprachen wir über Lehrer, Klassenarbeiten und Nachmittagsverabredungen. Vor allem aber wollten wir nach Hause zum Mittagessen.
Und dann war da plötzlich dieses Gefühl: Ich sterbe! Jetzt, sofort, auf der Stelle bin ich tot! Die Bahn hielt gerade an, noch vier Stationen bis nach Hause. Mein einziger Gedanke: Nur weg hier! Wie wild kämpfte ich mich durch den Pulk von Kindern und sprang hinaus auf die Straße. Und dann rannte ich los. Ich rannte, die Hände in die Gurte des schweren Tornisters gekrampft, der auf meinem Rücken auf und nieder hüpfte. Ich rannte vorbei an der Feuerwache, am Friedhof, am Spielplatz, an Häuserfronten. Tatsächlich bin ich lebend zu Hause angekommen. Später, als die große Angst um mein Herz begann, habe ich mir immer klarzumachen versucht: Wenn das die ersten Anzeichen einer schweren Herzerkrankung gewesen wären, hätte ich diesen Lauf nicht überlebt.
Meine Mutter war ratlos, schien aber nicht besonders besorgt. War ich nicht immer schon, verglichen mit meinen Schwestern, ein leicht hysterisches und überängstliches Kind gewesen? Wir sprachen am Nachmittag nicht mehr über den Vorfall. Ich weiß nicht mehr, ob sie oder ich es abends meinem Vater erzählte. Für mich allerdings war von diesem Tag an nichts mehr so wie es war. Am nächsten Morgen wollte ich nicht aufstehen. Der Gedanke, in die Straßenbahn zu steigen, erschien mir unerträglich und nicht zu bewältigen. Ich weinte und bettelte, zu Hause bleiben zu dürfen, auch am nächsten und übernächsten Tag.
Dann befanden meine Eltern, dass etwas unternommen werden müsse. Gutes Zureden, Besänftigungen und schließlich Drohungen fruchteten nichts. Unser Hausarzt kam. Er war ein gutmütiger, vertrauenerweckender, dicker Mann, der stets schnaufend und schwer mit seinem großen braunen Doktorkoffer die Treppen zu unserer Wohnung hinaufstieg. Ich mochte ihn sehr. Bei all unseren Kinderkrankheiten hat er uns betreut. Und immer ging es uns besser, wenn er nach uns geschaut hatte.
Doch diesmal schien auch er ratlos. Er fühlte mir den Puls, er horchte auf der Brust, er klopfte hier und klopfte da. Er konnte nichts Beunruhigendes finden. Was sollte man bloß mit einem Kind machen, das einfach nur schreckliche Angst hatte? Später, in der Praxis, wurde mir Blut abgenommen, ein EKG geschrieben. Nichts. Das Mädchen war also gesund.
Aber ich fühlte mich krank, schwach, hilflos. So konnte ich nicht Straßenbahn fahren, zehn Kilometer zur Schule, zehn Kilometer zurück. So konnte ich keine einzige Schulstunde überstehen. Doch ich musste. Meine Eltern wollten, wie sie es nannten, „dieses Theater“ nicht länger mitmachen. Es reichte ihnen. Die nächsten zwei, drei Wochen wurden zu einer furchtbaren Quälerei. Ich merkte, dass ich so anders war, ich distanzierte mich von meinen Schulfreundinnen, sprach nur noch wenig, mied ihre Gesellschaft. Ich konnte mich kaum auf den Unterricht konzentrieren. Ich wollte nur nach Hause. Vor der Angst sind meine Freundinnen und ich immer gemeinsam an der Endstation der Bahnlinie eingestiegen. Das war ein ziemlicher Umweg, aber es gab dort einen kleinen Kiosk, an dem wir uns Kaugummi oder Süßigkeiten kauften. Jetzt rannte ich allein los, zur nächstgelegenen Haltestelle.
Der einzige Mensch, dem ich mich damals anvertraute, war meine Handarbeitslehrerin. Sie hieß Fräulein Neumann, war mittleren Alters und unverheiratet. Sie mochte mich gern. Und sie konnte mir Verständnis und Mitgefühl zeigen. Vielleicht, weil auch sie Herzrasen, Beklemmungen und Angst kannte. Wann immer es sich ergab, nahm sie mich nach Schulschluss in ihrem VW-Käfer mit und brachte mich nach Hause. Wahrscheinlich lebt sie längst nicht mehr. Aber ich bin ihr bis heute dankbar.
Nebenbei bemerkt: Angst ist eine ausnehmend undankbare Krankheit, auch heute noch, und erst recht war sie es Mitte der 1960er Jahre, als sie mich erwischte und niemand etwas anfangen konnte mit diesem merkwürdigen Phänomen. Bei fast jeder x-beliebigen Krankheit dürfen Betroffene mit Hilfe, Verständnis und Zuwendung rechnen. Als angstkranker Mensch jedoch stößt man oft auf Aggression und Ablehnung.
Ich habe viele Jahre sehr darunter gelitten, ich habe mich gegrämt, war wütend, traurig oder verletzt. Heute bin ich erheblich nachsichtiger mit meinen verständnislosen Mitmenschen. Wie auch soll jemand diese Angst verstehen. Diese Angst ohne konkreten Grund. Man kann Angst vor und um tausend Dinge haben. Aber doch nicht einfach so, scheinbar grundlos. Diese Angst ist nicht zu vermitteln. Lange Zeit wäre ich dankbar für eine anständige Krankheit gewesen, die man ohne Scham und weitere Erklärung jedermann mitteilen kann. Natürlich nichts wirklich Ernsthaftes. Aber eine Schilddrüsenüberfunktion, die hätte ich gerne genommen. So eine Krankheit ist mit den richtigen Medikamenten gut in den Griff zu bekommen und sie erklärt viele Symptome, mit denen sich auch Angstkranke quälen. Ich hätte also freudig rufen können: „Hey, all Ihr Leute, ich bin nicht meschugge, ich kann überhaupt nichts dafür, ich habe lediglich eine Schilddrüsenüberfunktion!“
Doch meine Schilddrüse funktioniert so normal, wie es normaler nicht geht.
Der Rest des Schuljahrs war ein dauerndes Auf und Ab und ich habe erfahren, wie anstrengend, kräftezehrend und zerstörerisch Angst ist. Mal ging ich in die Schule, dann wieder nicht. All die unbeschwerten Selbstverständlichkeiten wie Freundinnen treffen, ins Schwimmbad gehen, einen Einkaufsbummel zu machen – nichts ging mehr. Die Angst hätte mich überall packen können. Ich hatte Angst vor der Angst.
Am Sonntag konnte ich nicht mehr zur Kirche gehen, Familienausflüge fanden ohne mich statt. Ich wurde derweil bei Verwandten abgesetzt. Schon längst blieb ich nicht mehr allein zu Hause. Ich erinnere mich, dass meine Mutter eines Vormittags zum Einkaufen ging und mich allein zurückließ. Die Panik kam umgehend, ich geriet förmlich außer mir, meine Angst zog alle Register mit Zittern, Herzrasen, Atemnot. Ich wusste genau, gleich würde ich umfallen. Zum Glück hatten wir schon ein Telefon und irgendwie schaffte ich es, eine Nachbarin im Nebenhaus anzurufen. Sie kam sofort und blieb bei so lange mir, bis meine Mutter zurück war. Ich war damals sicher, dass sie mir das Leben gerettet hat.
Mittlerweile bekam ich Calcium-Spritzen und ab und zu ein Beruhigungsmittel. Beides änderte nichts. Meist saß ich auf der Küchenfensterbank und beobachtete die Leute auf unserer Straße. Wie erstaunlich gesund und normal sie alle waren. Schon damals fragte ich mich, warum bloß sie keine Angst hatten, ins Auto zu steigen, zur Arbeit zu fahren, Einkäufe zu erledigen, den Hund auszuführen, womöglich in eine Straßenbahn zu steigen, in Kaufhäuser zu gehen, in Aufzüge zu steigen, die doch so leicht steckenbleiben konnten. Kaufhäuser sind mir auch heute noch ein Graus. Nur an guten Tagen schaffe ich es in die oberen Etagen, mit viel Disziplin und nur in Begleitung.
Meine Schwestern nahmen von meinen „Zuständen“ wenig Notiz. Sie hatten mich schon immer als Unruhestifterin in dieser Familie empfunden. Ich glaube, meine Angst sahen sie als eine Art neuer Variante an, mich in den Mittelpunkt allen Familiengeschehens zu stellen.
Auch später konnte ich nicht auf ihre Hilfe oder ihr Verständnis zählen. „Reiß dich zusammen! Mach dich nicht lächerlich! Denk an die Kinder und an deinen Mann!“ Das sind die Standardsätze, die ich immer wieder zu hören bekam. Sie sind alle so klug und aufgeklärt, sie haben ihr Leben voll im Griff. Ich bin in ihren Augen die Einzige, die nichts zuwege gebracht hat. Wie man sich nur von etwas so Banalem wie Angst ausbremsen lassen könne, sagen sie. Schließlich lebten wir hier in Mitteleuropa, in einem Land mit optimaler medizinischer Versorgung. Es gebe Therapien, es gebe Tabletten. Wenn die eine nicht helfe, probiere man halt eine andere aus. Und dann funktioniere man wieder perfekt. So einfach ist das für sie. Heute haben sie den Kontakt zu mir ganz abgebrochen.
