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Aus Angst wird Mut
Mehr Kinder denn je leiden heute unter extremer Ängstlichkeit. Sie sind besonders schüchtern oder fürchten sich vor dem Kindergarten, sie spielen nicht gern, schließen kaum Freundschaften, klammern sich an die Eltern oder wollen am liebsten gar nicht aus dem Haus gehen. Für die Eltern ist das belastend, weil sie ihr Kind natürlich glücklich und unbeschwert sehen möchten.
Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist lebensverändernd – dabei hilft die positive Psychologie sowie die Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Mit einfachen Methoden, die Sie mit Ihrem Kind gemeinsam anwenden, unterstützen Sie es dabei:
- Sein Selbstbewusstsein zu stärken
- Ängste zu akzeptieren und daran zu wachsen
- Emotionale Intelligenz, Achtsamkeit und Belastbarkeit zu entwickeln
So eröffnen Sie Ihrem Kind eine ganz neue Welt voller Möglichkeiten!
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 439
Veröffentlichungsjahr: 2021
Dr. Jodi Richardson, Michael Grose
1. Auflage 2021
Michael:
Für Astrid, Max, Ruby, Harry und Grace
Jodi:
An Peter, ich schätze unsere Liebe und unser gemeinsames Leben sehr.
An Hunter und Mackinley, die mich mit Glück erfüllen, und an meine Eltern Cheryl und Rick und meinen Bruder Adam für ihre lebenslange Liebe, Unterstützung und Ermutigung.
Sie sind dabei, das Leben Ihres an Angst leidenden Kindes entscheidend zu verändern. Wie genau diese Veränderungen aussehen, wird Ihnen immer klarer werden, wenn Sie weiterlesen. Zu diesem Zeitpunkt möchten wir Ihnen nur so viel sagen: Dieses Buch wird Ihnen Einsichten schenken sowie Wissen und Strategien vermitteln, mit deren Hilfe Sie das Leben Ihres Kindes jetzt und in Zukunft nachhaltig beeinflussen können.
Kinder, die Angst empfinden, haben das Gefühl, anders zu sein. Manchmal denken sie, dass mit ihnen etwas nicht stimme. Wir wissen natürlich, dass das ganz und gar nicht zutrifft. Manchmal fühlen sie sich sehr einsam und denken, kein Mensch werde jemals in der Lage sein zu begreifen, was sie durchmachen – geschweige denn, ihnen zu helfen.
Diese Kinder sind unglaublich erleichtert, wenn sie begreifen, dass ihre Angst eine gut erforschte und kontrollierbare Krankheit ist. Wir hoffen, dass auch Sie gerade beim Lesen einen Seufzer der Erleichterung ausgestoßen haben und Ihre Schultern nun wieder ein kleines bisschen weiter von den Ohren entfernt sind. Denn eines wissen wir mit Sicherheit: Angst liegt oft in der Familie, weshalb es möglich ist, dass auch Sie (oder der andere Elternteil) nur zu gut wissen, was Angst ist. Außerdem gibt es kaum etwas, das Eltern mehr Angst einjagt, als zu erleben, dass ihre Kinder sich quälen – besonders, wenn ihre eigene psychische Gesundheit der Grund dafür ist.
Wir verstehen Sie gut: Angst ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Auch wir beide leben mit Angst, solange wir denken können. Wir wissen, was es heißt, das ängstliche Kind zu sein, das sich über alles Mögliche Gedanken macht. Das manchmal nicht richtig atmen kann, das sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet und weiß, dass irgendetwas nicht stimmt. Das aber keine Ahnung hat, was man dagegen tun kann. Wir sind beide mit mindestens einem Elternteil aufgewachsen, der an Angst litt. Unsere Eltern hatten von Angst als Krankheit aber noch nie etwas gehört. Geschweige denn, dass sie begreifen konnten oder wussten, wie sie sich selbst oder uns als Kindern helfen konnten.
Wir haben dieses Buch geschrieben, damit Sie jene Art von Verständnis erlangen, das unsere Eltern niemals hatten; damit Sie Ihrem Kind* seine Angst ansehen und es dabei unterstützen können, diese Angst so zu begreifen und in den Griff zu bekommen, dass sie nicht länger die erste Geige spielt, sondern zu einem bloßen Hintergrundrauschen wird.
Angst muss nicht unbedingt der dunkle Schatten sein, der Kinder und Jugendliche auf Schritt und Tritt begleitet. Sprechen Sie mit ihnen altersgerecht über alles, was Sie beim Lesen gelernt haben (auch dabei werden wir Sie unterstützen). So werden Sie selbst weniger Angst davor haben, zu einer der wichtigsten Stützen Ihres Kindes oder Teenagers zu werden. Sie werden sich zuversichtlicher fühlen, ihm oder ihr die Fähigkeiten zu vermitteln, sich selbst zu verstehen und die Angst als bloßes Hintergrundrauschen zu betrachten. Als etwas, das man wahrnehmen und akzeptieren kann, um sich anschließend den wirklich wichtigen Dingen zu widmen: das Leben in all seinen Farben zu genießen.
* Überall im Buch ist von »Kindern«, »Ihrem Kind« und »Teenagern« die Rede. Diese Bezeichnungen schließen alle Kinder in Familien und Klassenzimmern vom Vorschulalter bis zur Volljährigkeit mit ein.
Titelei
Danksagung
Einleitung
Angst ist ein Problem
Die Angst-Epidemie
Die Angst verstehen lernen
Wir können Kinder nicht vor allem beschützen
Wie verbreitet ist Angst?
Wie hat sich Angst im Kindesalter verändert?
Wie Angst missverstanden wird
Angst hat viele Gesichter
Angst geht nicht von allein weg
Warum ist Angst so schwer zu erkennen?
Metakognition: Gedanken bewusst wahrnehmen
Gedanken kontrollieren – geht das?
Alles wird gut: leere Floskeln helfen wenig
Der »Angsttanz«
Angstmuster durchbrechen
Gedanken betrachten, statt den Blick abzuwenden
Geheime Gedanken
Reden reicht nicht, wir müssen es vormachen
Wer früh Bescheid weiß, kann früh helfen
Angst ist ansteckend
Wie wird Angst übertragen?
Plötzlich ergibt alles Sinn
Stresstreiber Kortisol
Beide Seiten können sich anstecken
Wie reagiere ich emotional angepasst
Angst ist für unser Überleben essenziell
Vermeidung verstetigt die Angst
Positive Psychologie – ein neues Zeitalter
Keine Familie ist immun
Was steckt hinter der Epidemie?
Was haben Bildschirme damit zu tun?
Bildschirmzeit – ein zweischneidiges Schwert
Erste Schwertschneide – Zeit an technischen Geräten
Blaues Licht raubt uns den Schlaf
Warum ist das bei Jugendlichen anders?
Sonnenlicht, Serotonin und Schlaf
Müde und emotional – die Rolle der Amygdala
Potenzielle Risiken der sozialen Medien
FOMO oder die Angst, etwas zu verpassen
Ständig verbunden, aber noch nie so allein
Die Angst vor der Antwort
Das Bedürfnis nach »Likes«
Zweite Schwertschneide – fernab anderer Aktivitäten
Zum Schluss ein paar gute Nachrichten
Vollgepackte Leben, gestresste Eltern
Immer geringere »geistige Bandbreite«
Auch Vollzeiteltern können es schwer haben
Ist »beschäftigt sein« eine Auszeichnung?
Wenn man Kindern zu viel abnimmt
Verplante Kinder
Meiden Sie die Nachrichten
Angst verstehen
Das Einmaleins der Angst
Können Sie sich hineinversetzen?
Ganz und gar nicht »kaputt«
Das Alarmsystem des Körpers
Emotions-Akteur: die Amygdala
Die Kampf-oder-Flucht-Reaktion
Kurzfristig ausgebootet: der präfrontale Kortex
Wie denkt ein angsterfülltes Gehirn?
Schlimme Gedanken
Der präfrontale Kortex hilft
Wie wirkt sich Angst körperlich aus?
Warum beeinträchtigt Angst das Verhalten?
Liebe Kinder! Das ist in eurem Kopf los ...
Wie man Kindern Angst erklärt
Weitere Ideen zur Erklärung
Wie man Angst bei einem Kind erkennt
Sie haben die besten Voraussetzungen
Angst und Ausgeglichenheit – ein Kontinuum
Verhaltensspezifische Anzeichen
Wann gilt Angst als normal?
Wann wird aus normaler Angst eine Angststörung?
Wann sollte ich mir Sorgen machen?
Anzeichen und Symptome von Angst
Emotionale und physische Anzeichen
Anzeichen im Verhalten
Anzeichen im Denken
Abhängigsein von Bestätigung
Übertrieben oder extrem?
Handlungsfähig bleiben
Verbreitete Formen der Angst
Generalisierte Angststörung
Trennungsangst
Phobien
Soziale Angststörung
Zwangsstörungen
Wie äußert sich Angst in der Schule?
Wie man Kinder erzieht, die an Angst leiden
Lernen am Modell
Wie Vorbilder wirken
Psychologie der Erlaubnis positiv einsetzen
Was diese Erlaubnis für die Eltern bedeutet
Positives Verhalten zeigen
1. Empathisch reagieren
2. Laut artikuliertes Bewältigen
3. Gesunder Lebensstil
Auf den Angstmoment eines Kindes reagieren
Innehalten
Beobachten
Atmen
Erweitern
Antworten
Das große Ganze im Auge behalten
Planen Sie Ihre Reaktion
Erkennen
Anerkennen
Atmen
Aufmerksam sein
Handeln
Was es heißt, Unannehmlichkeiten zu ertragen
Wie kann »Social Storytelling« die Angst lindern?
Bereit, einen Teil der Last zu schultern?
Zu guter Letzt
Wie Sie unabhängige, resiliente Kinder erziehen
Was uns nicht umhaut, macht uns stärker
Warum Zweitgeborene resilienter sind
Kinder auf die Flexibilitätsschiene holen
Graduelle Konfrontation sorgt für Dynamik
Alles eine Frage der Gruppe ...
Erziehung zu Unabhängigkeit – pädagogisch wertvoll
Unabhängigkeit hilft, die Angst zu lindern
Wie man Unabhängigkeit entwickelt
Übertragen Sie Kindern Verantwortung
Wie mit Fehlern und Durcheinander umgehen?
Aus Fehlern lernt man
Wie Kinder ihren Horizont erweitern
Unterstützen Sie emotionale Selbstregulation
Wie Sie Ihren Erziehungsstil verfeinern
Sind Sie Hund oder Katze?
Was Katzen von Hunden unterscheidet
Warme Katze, strenger Hund
Bringen Sie beides nicht durcheinander
Trennen Sie beide Ansätze klar voneinander
Wie man den Hund von der Leine lässt
Wie man die Katze aus dem Sack lässt
Arbeiten Sie mit Ihrem Partner, Ihrer Partnerin zusammen
Alleinerziehende Eltern – Hund und Katze
Ein letzter Satz über Hunde und Katzen
Instrumente, um Angst zu bewältigen
Nach-innen-Hören – ein Instrument emotionaler Intelligenz
Emotionen sind Informationen
Gefühle sind weder gut noch schlecht
Gefühle und Stimmungen unterscheiden sich
Nach-innen-Hören
Wie man Kindern beibringt, in sich hineinzuhören
Lassen Sie Kinder ein Tagebuch führen
Tiefe Atmung
Wie man tief atmet
Wie eine tiefe Atmung hilft
Tiefe Atmung löst Anspannung
Tiefe Atmung beruhigt die Angst
Tiefe Atmung gibt mehr Energie
Tiefe Atmung holt Kinder in die Gegenwart zurück
Tiefe Atmung ist nicht jedermanns Sache
Wie man Kindern beibringt, tief zu atmen
Wie man Kindern hilft, die tiefe Atmung zu üben
Den eigenen Atem spüren
Gemeinsam zehnmal langsam und tief atmen
Bauchatmung
Tiefe Atmung als Teil der Lebensweise
Der beste Zeitpunkt ist jetzt
Üben Sie selbst zehn Minuten täglich
Wie man auf einen Angstmoment reagiert
Achtsamkeit
Achtsamkeit – Meditation und Lebensstil
Wie Achtsamkeit bei Angst hilft
Die beruhigende Anwesenheit eines Erwachsenen
So gelingt es Ihnen
Seien Sie tatsächlich da ...
Familienzeit – Finger weg von digitalen Endgeräten
Erst Geist entgiften, dann heimfahren
Eins nach dem anderen erledigen
Zeit für gemeinsame Momente freihalten
Wie man junge Menschen an Achtsamkeit heranführt
Achtsamkeit im Angstmoment einsetzen
Achtsamkeitsübungen
5–4–3–2–1-Achtsamkeit
Achtsames Gehen
Wechseln Sie das Thema
Ermutigen Sie Kinder, freundlich zu sich selbst zu sein
Körperliche Bewegung
Wie (körperliche) Bewegung hilft
Körperliche Bewegung bringt die Endorphine in Wallung
Sie schafft Achtsamkeit in Bewegung
Sie löst Muskelspannung
Sie lässt uns besser schlafen
Sie lindert die Angst
Körperliche Bewegung als Bestandteil der Familienkultur
Runter von der Couch
Machen Sie mit
Entwickeln Sie ein Mindset für Bewegung
Sieben Vorschläge zum Beinemachen
1. Schritte zählen mit einem Schrittzähler
2. Ein Blick über den sportlichen Tellerrand
3. Pausen bei den Hausaufgaben
4. Das eine gegen das andere tauschen
5. Kurse mit dem gewissen Coolness-Faktor
6. Vielleicht will Ihr Kind lieber etwas aufführen?
7. Klein anfangen
Kinder in Angstmomenten zu Bewegung animieren
Defusion (Entschärfung)
Gedanken sind nicht immer Tatsachen
Die eigenen Gedanken wahrnehmen, was ist das?
Stock und Stein
Kinder von ihren eigenen Gedanken distanzieren
Schon wieder die alte Leier
Such dir eine Stimme aus
Ist das hilfreich oder nicht?
Kinder mit einer Angststörung denken (zu) viel
Angstmindernde Faktoren der Lebensführung
Jede Menge schlafen
Angst und Schlafmangel
Dem Schlaf Priorität einräumen
Die optimalen Rahmenbedingungen für Schlaf
1. Finden Sie die optimale Schlafenszeit
2. Führen Sie ein entspannendes Einschlafritual ein
3. Zur richtigen Zeit essen und toben
4. Schaffen Sie einen geschützten Ort zum Schlafen
5. Stehen Sie zu regelmäßigen Zeiten auf
Gut essen
Wie hängen Darm und Psyche zusammen?
Wie sich der Darm auf Angst auswirkt
Warum zu viel Zucker Angst verursacht
Viele Kinder ernähren sich schlecht
Ein Leitfaden für gesundes Essen
1. Real Food – naturbelassene Nahrungsmittel
2. Essen Sie regelmäßig und ausgeglichen
3. Mit einem ausgewogenen Frühstück in den Tag
4. Trinken Sie jede Menge Wasser
5. Halten Sie Kinder von Koffein fern
Spielen gehen
Der Rückgang des Spiels
Kontrollüberzeugung
Spielen ist Therapie
Mehr Spiel ins Leben von Kindern bringen
1. Geben Sie Kindern die Erlaubnis zu spielen
2. Lassen Sie Zeit und Raum für Spiel
3. Lassen Sie Kinder auch einmal unbeaufsichtigt spielen
4. Fördern Sie das Spiel mit sich selbst
5. Holen Sie andere Erwachsene mit ins Boot
Auch Sie können verspielt sein
Zeit im Grünen genießen
Die Technologie ist das Zugpferd
Die Opportunitätskosten von Bildschirmzeit
Die Zeit im Grünen ist das, was zählt
Kinder motivieren, »grüne« Zeit zu verbringen
Wie Kinder ihre Bildschirmzeit steuern können
Bringen Sie Kinder mit der Natur in Kontakt
Verlegen Sie Drinnen nach draußen
Machen Sie es den Skandinaviern nach
Gehen Sie im Wald spielen
Wissen, was zählt
Sich von Werten leiten lassen
Wissen, was zählt
Verbinden Sie Kinder mit ihren eigenen Werten
Zwei Seiten der Medaille
Ehrenamtlich tätig werden
Ehrenamtliche Arbeit hilft angstvollen Kindern
Wirkung
Bindung
Empathie
Ehrenamtliches Engagement ins Blickfeld rücken
Mit Kindern gemeinsam ehrenamtlich arbeiten
Kinder ohne Bezahlung mit anpacken lassen
Beziehungen ausbauen
Wie sehen positive Beziehungen aus?
Positive familiäre Beziehungen
Positive Peerbeziehungen
Wie man positive Beziehungen pflegt
Fördern Sie eine Esskultur in Ihrer Familie
Zeigen Sie Ihre eigene Verletzlichkeit
Sprechen Sie offen über Freundschaften
Ermutigen Sie zu einem breiten Freundeskreis
Mit erheblichen Angstproblemen umgehen
Wenn Kinder mehr Beistand benötigen
Wenn angstvolle Eltern mit angstvollen Kindern reden
Der Beginn eines fortwährenden Dialogs
Ihr Hausarzt – der beste Freund ihres Kindes
Allein oder zusammen hingehen?
Wie können Allgemeinärzte helfen?
Psychotherapeuten suchen ist wie Jeans kaufen
Wie Sie einen Psychotherapeuten finden
Dem Kind erklären, wie ein Psychotherapeut hilft
Wie eine Diagnose helfen kann
Ihr Kind ist mehr als seine Angst
Methoden, mit Angst und ihrer Behandlung umzugehen
Was eine Therapie ist (und was nicht)
Die kognitive Verhaltenstherapie
Gestufte Konfrontationstherapie (ERP)
Was ist mit Medikamenten?
Wenn die Lösung zum Problem wird
Die Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT)
Die Prinzipien der ACT
Ein echter Kampf
Wie die Schule helfen kann
Welche Maßnahmen Schulen ergreifen können
Angst verstehen und normalisieren
Ein alltäglicher Umgang mit der Angst
Anerkennen ist besser als Beruhigen
Stufe für Stufe aus Angstzuständen herausklettern
Erklären Sie Schülern, wie Angst funktioniert
Das Klassenzimmer als psychisch sicherer Ort
Autoritativer Führungsstil
Struktur, Regelmäßigkeit und Routine
Social Storytelling
Individuelle Förderpläne für Schüler
Angstbewältigung in den Unterricht integrieren
Die Gefühlsampel
Den eigenen Worten Taten folgen lassen
Nachwort
Akzeptieren und engagiert handeln
Das Gelernte anwenden
Sprechen Sie darüber
Veränderungen überschaubar halten
Nehmen Sie Kinder mit
Schmieden Sie das Eisen erst, wenn es kalt ist
Bleiben Sie bei uns
Service
Bleiben Sie mit Michael und Jodi in Kontakt
Danksagung
Literatur
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
Als Mutter oder Vater eines Kindes, das an Angst leidet, sind Sie ganz sicher nicht allein. Millionen Familien auf der ganzen Welt teilen dieses Los mit Ihnen. Uns ist klar, dass dieses Wissen zwar hilfreich ist, aber nichts an der anspruchsvollen Aufgabe ändert, ein Kind zu erziehen, das an Angst leidet. Was das Ganze aber leichter macht: wenn Sie Ihr eigenes Verständnis des Themas Angst in der Kindheit entwickeln und vertiefen, genau wie das Verständnis Ihrer eigenen wichtigen Rolle, indem Sie Ihrem Kind beim Umgang mit seiner Angst helfen.
Das Kind ist Teil einer Familie. Seine Angst wirkt sich auf das Kind selbst, seine Eltern und seine Geschwister aus. Es ist verständlich, wenn Sie sich als Eltern eines solchen Kindes frustriert, betrübt, besorgt und unsicher fühlen. In manchen Momenten kann die Angst des Kindes die gesamte Familie schier unerträglich beeinträchtigen: Mal kommen die Kinder zu spät zur Schule oder wollen gar nicht erst hingehen, mal schaffen es die Eltern nicht zur Arbeit oder bringen vor lauter Sorge kaum etwas zustande – in einigen Fällen kann die Störung so weit gehen, dass Verbitterung und Erschöpfung die Folge sind.
Dieser Abschnitt des Buches wird Ihnen helfen, Schritt für Schritt ein tieferes Verständnis der Angst zu entwickeln. Sie werden erfahren, wie weit verbreitet Angst wirklich ist, welche Faktoren sie begünstigen und wie man sie missverstehen oder mit etwas anderem verwechseln kann. Und Sie werden lernen, warum Angst nicht von allein verschwindet, wie es dazu kommt, dass Ihre Familie ihren ganz eigenen ▶ Angsttanz entwickelt hat und vieles andere mehr.
Wir begleiten Sie auf dieser Reise, ja, wir sitzen im selben Boot. Mit jedem Schritt wird Ihr Wissen zunehmen und damit, Kapitel für Kapitel, das belebende Gefühl, dass Sie Ihr angstgeplagtes Kind sinnvoll und nützlich unterstützen und in die Lage versetzen können, ein reiches und erfülltes Leben anzustreben.
Das Wichtigste zuerst.
Noch nie sah die Zukunft für Kinder, die an Angst leiden, so rosig aus wie heute. Die Welt der psychischen Gesundheit, einst eine dürre, leere und unwirtliche Einöde, ist heute eine saftig grüne Landschaft. Sie ist erfüllt von Hoffnung und dem Versprechen von Anerkennung. Sie ist voller Verständnis, Akzeptanz, Mitgefühl und Mitleid und zudem reich an Ressourcen, Unterstützung und Hilfe.
Auch wenn es sich im ersten Moment überwältigend und schwierig anfühlen kann, ein Kind großzuziehen, das an Angst leidet, möchten wir, dass Sie die Situation mit anderen Augen betrachten.
Wir bitten Sie: Nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, um zu erkennen, dass sich Ihnen, Ihrem Kind und Ihrer ganzen Familie eine Gelegenheit bietet.
Angst zu haben heißt Mensch zu sein. Jeder von uns macht Bekanntschaft mit Angst. Sie kann in Stressmomenten zu einem vorübergehenden Begleiter werden oder unser gesamtes Wesen wie ein roter Faden durchziehen. Jeder vierte Erwachsene erlebt im Laufe seines Lebens eine Angststörung, wobei die ersten Symptome bei der Hälfte dieser Menschen schon vor dem 16. Lebensjahr auftreten(1). Viele dieser Störungen bleiben über Jahre hinweg unentdeckt. Falls auch Sie an Angst leiden, ist die Chance deshalb groß, dass diese Angst viel zu lange unentdeckt blieb. Bei uns beiden war es definitiv so.
Wenn Sie feststellen, dass Ihr Kind gewisse Anzeichen oder Symptome von Angst zeigt, ist das wie ein Geschenk. Wir können zwar nichts an dem ändern, was direkt vor unseren Augen geschieht, und wir können es auch nicht ungeschehen machen. Es wird Ihrem Kind aber helfen, seiner Angst zum Trotz aufzublühen: Da ist jemand, der seine Hilfsbedürftigkeit überhaupt erst einmal erkennt.
Von diesem Punkt an können betroffene Kinder jede Art von Verständnis, Unterstützung, Fähigkeiten, Strategien und – falls nötig – Behandlung erhalten, die ihnen helfen werden, ihre Angst jetzt und für den Rest ihres Lebens in den Griff zu bekommen. Weder für Ihr Kind noch für Sie als Eltern ist diese Diagnose ein Grund, um die Hoffnung auf ein beschwingtes, sinnerfülltes und erfüllendes Leben fahren zu lassen. Angst ist ein psychisches Leiden, das man behandeln kann – je früher, desto besser.
Angst veranlasst Teile des Gehirns dazu, die Kampf-oder-Flucht-Reaktion(2) in Gang zu setzen, um uns vor Gefahr zu schützen. Manche nennen sie auch treffend »Fight-flight-freeze-or-freak-out«-Reaktion(3). Angst ist eine Emotion. Und genau wie andere Emotionen hat sie einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.
Das Problem ist, dass die Angst bei manchen Menschen kein Ende nimmt.
Das ist die Erfahrung von schätzungsweise mehr als einer halben Million Kindern in Australien und rund 117 Millionen weltweit mit einer Angststörung(4). Diese Zahlen belegen, wie weitreichend und verbreitet Angst mittlerweile ist.
Für all diese Kinder hört das Angstgefühl nicht einfach auf, wenn die Bedrohung, die Gefahr oder der Stressmoment vorüber ist. Die Angst, die sie empfinden, kann ihren Alltag und ihr Familienleben auf vorhersehbare wie unvorhersehbare Weise erschüttern. Angst hat das Potenzial, Kinder daran zu hindern, wirklich Kind zu sein. Angst kann ihrer Fähigkeit im Weg stehen, alles was zu einer glücklichen, entspannten, sorglosen und verspielten Kindheit gehört, zu genießen. Das muss aber nicht so sein.
Kinder mit Angststörungen haben ein Gehirn, das auf Hochtouren arbeitet, um sie vor Gefahren zu schützen. Ein bestimmter Teil ihres Gehirns verhält sich beinahe so wie jene Wächter bei den Erdmännchen, die sich ständig auf Zehenspitzen in die Höhe recken und die Umgebung wachsam nach Bedrohungen absuchen. Kinder mit einer Angststörung verbringen also unglaublich viel Zeit in dem Zustand, in dem ihre Kampf-oder-Flucht-Reaktion in vollem Gang ist.
Sie können nichts dafür, und dieser Zustand ist ziemlich anstrengend – nicht nur für die Kinder selbst. Egal, ob es sich um eine echte oder um eine eingebildete Gefahr handelt, ihr Gehirn und ihr Körper zeigen die gleichen Reaktionen. Ein überempfindliches Gehirn will selbst dann permanent beschützen, beschützen und nochmals beschützen, wenn die »Gefahr« allen anderen harmlos erscheint oder womöglich noch nicht einmal für andere wahrnehmbar ist. Sobald die Sinne dem Gehirn eine drohende Gefahr anzeigen, ist das so, als öffne sich eine Schleuse: Die Flutwelle der Angst setzt sich in Bewegung und mit ihr all die negativen Folgen. Das bedeutet für die Eltern eines Kindes mit Angststörung, dass eine ohnehin schon schwierige Aufgabe noch anstrengender wird.
#härtesterjobderwelt
Im Jahr 2015 veröffentlichte der US-amerikanische Grußkartenhersteller American Greetings in Zeitungen und im Internet eine Stellenanzeige. Bei den Bewerbungsgesprächen für den Posten der »Geschäftsführung« kamen immer mehr Einzelheiten über die freie Stelle ans Licht: Es handele sich um eine körperlich anstrengende Arbeit, bei der der Stelleninhaber voraussichtlich die meiste Zeit auf den Beinen sein würde. Eine der Einstellungsvoraussetzung lautete: Bewerber müssten zwischen 135 und einer unbegrenzten Zahl von Stunden pro Woche verfügbar sein. Weitere wichtige Eigenschaften für die Position waren: hervorragendes Verhandlungsgeschick, herausragende zwischenmenschliche Fähigkeiten sowie Abschlüsse in den Bereichen Medizin, Finanzwesen und Kochkunst.
Zudem hieß es, das Arbeitsumfeld der Geschäftsführung sei chaotisch und die Arbeit müsse oft ohne Pause erledigt werden. Wolle der Chef zu Mittag essen, müsse er zunächst warten, bis seine Kollegen gegessen hätten. Darüber hinaus werde man die Bewerber auffordern, so der Gesprächsleiter, ihr eigenes Leben aufzugeben – sofern sie eines hätten. Es gebe keinen Urlaub und keine Auszeit an Feiertagen wie Weihnachten oder Neujahr – ja, tatsächlich werde sich das Arbeitspensum an diesen Tagen sogar erhöhen. Die Stelle entsprach einer Sieben-Tage-Woche, rund um die Uhr und an 365 Tagen im Jahr – und das alles ohne Bezahlung.
Das Video der Bewerbungsgespräche verbreitete sich viral und zählt inzwischen über 28 Millionen Aufrufe. Die Reaktionen der Bewerber waren köstlich, als sie herausfanden, dass die Stellenanzeige eine Fälschung war. In Wahrheit beschrieb sie die Rolle der Mütter in aller Welt und war Teil der cleveren Werbekampagne #worldstoughestjob (#härtesterjobderwelt, Anm. d. Übers.) von American Greetings zum Muttertag. Väter sind im Leben ihrer Kinder natürlich genauso wichtig.
Kinder zu erziehen, ist eine anstrengende Sache, das kann niemand leugnen. Es ist aber auch belebend, emotional, herzerwärmend, anspruchsvoll, wunderbar, kräftezehrend, bedeutsam, frustrierend, herzzerreißend, beeindruckend und unglaublich erfüllend. Erziehung ist der wichtigste und tiefgründigste »Job«, den wir jemals machen werden und der für jeden von uns ebenso verschieden wie gleich ist: Es gibt keine Gebrauchsanleitung, und keiner von uns weiß je, was der nächste Tag bringen wird. Und wenn unsere Kinder leiden, dann zerreißt uns das in einer Weise das Herz, auf die wir uns niemals hätten vorbereiten können.
Wir tragen schwer daran, wenn wir das Leid unserer Kinder miterleben, ganz egal, wie alt sie sind. Deshalb sollten wir uns eher ins Gedächtnis rufen, dass unsere Aufgabe als Eltern nicht darin besteht, sie vor den Mühen des Lebens zu beschützen, sondern sie zu führen, zu lenken und ihnen wieder auf die Füße zu helfen, wenn das Leben sie mit einem Schlag zu Boden wirft. Diese Erkenntnis kommt unserer eigenen Gesundheit ebenso zugute wie der Resilienz unserer Kinder.
Um bei dem Bild zu bleiben: Angst zählt zu jenen Nackenschlägen, von denen sich unsere Kinder wieder erholen können. Unsere nicht zu unterschätzende Rolle als Eltern dabei ist, unsere Kinder genau dabei zu unterstützen. Sie lernen von uns so viele Dinge, die ihr Selbstvertrauen stärken, sie widerstandsfähiger machen und ihnen helfen, mit ihrer Angst umzugehen, wenn diese wie aus dem Nichts auftaucht oder sich leise anschleicht. Entscheidungen über die eigene Lebensweise, über Denkweisen, Bewältigungsstrategien, Wertvorstellungen, Spiel, Selbstfürsorge, Mitgefühl, Empathie, Dankbarkeit, Freundlichkeit, zwischenmenschliche Beziehungen und die Fähigkeit, das große Ganze zu erkennen – all diese Dinge spielen eine Rolle, wenn es darum geht, Ihrem Kind behilflich zu sein, mit seiner Angst umzugehen.
Das sind nur einige unserer vielen eindrucksvollen Möglichkeiten, unseren Kindern durch unsere Lehren und unser Vorbild zu helfen, die Angst aus dem Rampenlicht zu verdrängen. Sie selbst haben die Möglichkeit, ihnen zu helfen, ja, Sie helfen ihnen bereits! Je mehr Sie über Angst lernen, woher sie kommt und wie Sie Ihrem Kind helfen können, sie in den Griff zu bekommen, desto entscheidender werden Sie zur Entfaltung Ihres Kindes beitragen.
Überall auf der Welt haben Eltern Kinder, die an Angst leiden. Im Durchschnitt wird bei jedem siebten Kind in Australien im zarten Alter von vier Jahren bis zur Schwelle des Erwachsenseins (17 Jahre) eine psychische Erkrankung diagnostiziert(5).
Bei der Hälfte all dieser Kinder wird eine Angststörung festgestellt. Das entspricht ungefähr zwei Kindern pro Schulklasse in ganz Australien, obwohl es manche davon oft gar nicht erst in die Schule schaffen, etwa wenn Trennungsängste da sind. Bei Mädchen und Frauen zwischen fünf und 44 Jahren sind Angststörungen die häufigsten Erkrankungen, während bei den Jungen und jungen Männern Selbstmord und Selbstverletzung am schwersten wiegen(6). Die männlichen Betroffenen sind für die Daten von entscheidender Bedeutung, doch ihre persönlichen Erfahrungen sind alles andere als reflektiert: Die meisten von ihnen verstehen nicht, warum sie so denken und fühlen, wie sie es tun – weshalb es ihnen nicht gut geht. Viele haben das Gefühl, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, und das wirkt sich auf die gesamte Familie aus.
Als Australien im Jahr 1998 seine erste »Child and Adolescent Survey of Mental Health and Wellbeing«(7) durchführte, waren Angststörungen darin gar nicht enthalten. Sie standen nicht so sehr im Mittelpunkt wie die schwere Depression und die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Zu Recht hat man sie heute auf dem Schirm. Die zweite und jüngste Umfrage dieser Art wurde 2015 veröffentlicht. Sie zeichnet ein Bild der psychischen Gesundheit der Kinder in Australien, das gar nicht schön ist.
Zu den Kindern mit diagnostizierter Angststörung zählten alle, die an ▶ Trennungsangst, einer ▶ Sozialphobie, einer ▶ generalisierten Angststörung oder an einer ▶ Zwangsstörung litten. Bestimmte Angststörungen wie die spezifischen ▶ Phobien (z.B. Angst vor Spinnen, Panikstörung oder Agoraphobie/Platzangst) wurden bei der Untersuchung gar nicht erfasst. Darüber hinaus bleiben die Angststörungen vieler Kindern unerkannt. Wir halten es deshalb für angemessen, ja sogar vernünftig, zu behaupten, dass die aktuellen Statistiken das enorme Ausmaß des Problems unterschätzen.
Die Forscherin Jean Twenge, Professorin an der staatlichen Universität San Diego, will erfassen, wie sich die psychische Gesundheit junger Menschen über Generationen hinweg verändert. Für den Zeitraum von 1937 bis 2007 haben Twenge und ihre Kollegen Daten über psychische Erkrankungen von über 77000 US-amerikanischen Highschool-Schülern und Studenten ausgewertet: In den 1930er- und 1940er-Jahren erzielte durchschnittlich die Hälfte der Schüler und Studenten vergleichsweise hohe Werte bei psychischen Störungen. Inzwischen liegt die Zahl bei 85 von 100: Das entspricht einem 70-prozentigen Anstieg der Zahl von Schülern und Studenten, die Symptome psychischer Erkrankungen zeigen(8).
Ähnliche Untersuchungen in den USA, die sich speziell mit Angst befassten, konnten belegen, dass das Durchschnittskind der 1980er-Jahre über mehr Angst klagte als Patienten der Kinderpsychiatrie in den 1950er-Jahren(9). Eine solche Zunahme der Angst in den folgenden Generationen wurde auch in China und Großbritannien festgestellt(10).
Die Kinder stecken mittendrin in einer Angst-Epidemie, und die Rolle der Eltern ist von entscheidender Bedeutung.
So erschütternd die Zahlen sind, sie sagen nicht die ganze Wahrheit. Jedes einzelne Kind, das in einer dieser Statistiken auftaucht, ist eine Person – ein junger Mensch, dessen Leben eine unerwartete Richtung genommen hat.
Der Kampf eines Kindes mit einer Angststörung wird in seinem Ausmaß oft missverstanden und bleibt in einigen Fällen unerkannt. Besorgte Eltern tauchen im Krankenhaus auf, ohne zu erkennen, dass es sich bei den von ihnen beobachteten Symptomen tatsächlich um Anzeichen einer psychischen Erkrankung handelt.
Genau das hat auch Aisha Dow in ihrem Sonderbeitrag »The Worrying Mental Health Trend Affecting Australians«(11) für die Tageszeitung »The Age« enthüllt. In diesem Artikel berichtete Harriet Hiscock, Professorin am Murdoch Children’s Research Institute in Melbourne(12), dass Eltern mit ihren Kindern ins Krankenhaus kämen, ohne zu wissen, dass diese an Angst oder einer Depression litten: »Sie dachten, dass die Panikattacken Anfälle wären oder die wiederkehrenden Bauchschmerzen eine physische Ursache hätten, obwohl in Wahrheit Angst der Grund war.«
Hiscock und ihr Team analysierten, wie häufig Kinder im Alter bis zu 19 Jahren im Lauf von sieben Jahren die Notaufnahmen des Bundesstaates Victoria besucht hatten. Das Ergebnis: die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die aufgrund stressbedingter Störungen (vor allem Angst), Hilfe aufgesucht hatten, war um 46 Prozent gestiegen(13).
Kinder erleben Angst sehr unterschiedlich. Die einen können nach außen hin die meiste Zeit glücklich erscheinen, dabei aber mit ihrer Angst ringen, die ihr Leben nur teilweise beeinträchtigt oder nur zeitweilig aufkommt. Die anderen können lediglich ein einzelnes oder eine Kombination aus allen möglichen Symptomen mit sich herumtragen: beängstigende Gedanken, eine unerklärliche Furcht oder ein namenloses Grauen, unrealistische bis katastrophale Sorgen oder auch körperlichen Anzeichen, die von Bauchschmerzen über Schwindel und Kurzatmigkeit bis hin zu einer verschwommenen Sicht reichen.
In jungen Jahren ist Angst leicht zu übersehen. Sie wird oft fälschlicherweise als kleine Abweichung im Verhalten und Selbstvertrauen der Kinder, in ihrer Aufmerksamkeit, Widerstandsfähigkeit oder körperlichen Gesundheit interpretiert. Ihr Kleiner will auf dem Spielplatz nicht mit den anderen Kindern spielen? Er ist halt ein bisschen schüchtern. Ihrer Grundschülerin brennen beim Einkaufen die Sicherungen durch? Sie ist einfach müde und hat einen ihrer Wutanfälle. Dem Viertklässler ist zu übel, um zur Schule zu gehen? Das könnte wieder mit dieser Lebensmittelunverträglichkeit zu tun haben. Ein Teenager, der in der Schule nicht stillsitzen und sich nicht konzentrieren kann? Dieser rastlose Unruhestifter!
Überall auf der Welt geben Eltern ihr Bestes, um ihre Kinder großzuziehen und sie im Umgang mit ihrer Schüchternheit, ihren Wutausbrüchen und ihrem unruhigen Wesen zu unterstützen. Daran ist nichts Besonderes – nur einer von vielen Tagen im Leben von Eltern. Doch es gibt jene Kinder, denen es schwerfällt, zu anderen Kontakt aufzunehmen, die nicht einmal einen kurzen Moment in einer Menschenmenge auf offenen Plätzen verbringen können oder denen schon bei dem Gedanken, von ihrer Mutter oder ihrem Vater getrennt zu sein, vor lauter Sorge schlecht wird.
Diese Kinder können sich nur schwer konzentrieren, weil sie permanent im Kampf-oder-Flucht-Modus sind.
Das Zusammenspiel der entwicklungstypischen Ängste, Sorgen und Stressreaktionen eines Kindes mit dessen Persönlichkeit, Verhalten, Temperament, Umfeld, Lebenssituation und Erziehung kann es für uns als Eltern schwierig machen zu erkennen, wann unsere Kinder es vielleicht tatsächlich mit der Angst zu tun bekommen und zusätzliche Hilfe brauchen könnten. Deshalb gilt: Wenn auch nur die geringste Chance besteht, dass es sich dabei um Ihr Kind handeln könnte, machen Sie einen Termin mit Ihrem Haus- oder Kinderarzt, um ein paar Fragen zu stellen. Es ist durchaus möglich, dass einige der häufigsten Angstsymptome (z.B. eine Magenverstimmung) tatsächlich eine körperliche Ursache haben, für die es eine einfache Erklärung gibt.
Bleibt Angst unerkannt, dann bleibt sie auch unbehandelt – und im Normalfall wird Angst ohne Behandlung mit der Zeit eher schlimmer als besser. Angst kann sich bei Kindern auf vielerlei Weise äußern. Ein typisches Merkmal ist die Sorge. Verständlicherweise fällt es schwer, sich zu konzentrieren, wenn man sich Sorgen macht. Kinder mit einer Angststörung denken oft über Vergangenes nach oder ahnen das Kommende voraus, ihre Gedanken sind andauernd überall, nur nicht im Hier und Jetzt. Kein Wunder, dass sich das auf ihre Lernfähigkeit auswirkt.
Sie haben mehr Probleme beim Lesen und in der Schule allgemein(14). Zudem gilt es als erwiesen, dass Kinder, die mit Angst kämpfen, als Erwachsene ein höheres Risiko haben, eine schwere Depression oder eine Angststörung zu erleiden(15).
Einer von vier Erwachsenen lebt mit einer Angststörung. Wenn Sie dazugehören, werden Sie sich dessen womöglich gerade erst bewusst. Vielleicht können Sie sich aber auch gar nicht mehr an ein Leben ohne Angst erinnern. Wie sich herausgestellt hat, tritt Angst viel früher in Erscheinung als andere psychische Erkrankungen, kann aber auch leicht übersehen werden(16).
Die Angst geht zwar nicht von allein weg, ist aber dennoch eine gründlich erforschte, gut verstandene und behandelbare Krankheit.
Annes Geschichte
Anne kann sich an Zeiten ihrer Kindheit erinnern, in denen sie von ihrer Angst völlig übermannt wurde. Sie liebte Netball und spielte schon in jungen Jahren auf einem relativ hohen Niveau. Schon mit 16 spielte sie bei den Seniorinnen mit und gegen Frauen, die doppelt so alt waren wie sie selbst. Anne fand die Zeit ihrer aktiven Netball-Karriere ebenso großartig wie anstrengend. Sie setzte sich selbst immer stärker unter Druck als alle anderen. Irgendwann bekam sie beim Spielen Atemprobleme, und es schien, als könne sie ihre Lungen nicht mehr richtig füllen. Ihre Eltern begleiteten sie zum Arzt, der die Angstattacken mit Asthma verwechselte und ihr ein Bronchialspray verschrieb.
Die Anzeichen für Angststörungen und ihre Symptome gleichen sich häufig, können flüchtig sein und sind bei den meisten Kindern eine normale Erfahrung während ihrer Entwicklung. Deshalb überrascht nicht, dass Angst bei Kindern monate-, jahre- oder manchmal sogar jahrzehntelang unentdeckt bleiben kann. Anhand von Annes Geschichte lässt sich leicht verstehen, dass ihre Angst übersehen oder mit anderen Problemen verwechselt werden konnte.
Angst bei Kindern bleibt aus vielen Gründen unentdeckt. Im Gegensatz zu Schmerzen im Fuß, einem eingeklemmten Finger oder einer Erkältung ist sie kein offensichtliches Leiden. Angst ist etwas Innerliches. Es liegt also in der Natur der Sache, dass Eltern Mühe haben können, die Qualen ihres Kindes zu erkennen. Das trifft natürlich nur so lange zu, bis Ihr Kind in der Lage ist, seine eigenen Ängste und Sorgen zu erkennen (statt nur von ihnen verzehrt zu werden) und sie anschließend mit Ihnen zu teilen.
Eine wichtige Grundkompetenz von uns Menschen besteht darin, den Inhalt von Gedanken wahrzunehmen – etwas, das wir als Erwachsene tagtäglich tun, ironischerweise oft aber gar nicht merken. Wenn man einmal darüber nachdenkt, denken wir ständig darüber nach, was wir denken und wissen. Jedes Mal, wenn wir zum Smartphone greifen, um im Internet die Antwort auf eine Frage nachzulesen, tun wir das in dem Wissen, dass wir etwas nicht wissen.
Der wissenschaftliche Begriff für das bewusste Wahrnehmen der eigenen Gedanken lautet »Metakognition«, oft umschrieben als »Denken über das Denken«. Es ist eine einzigartige Fähigkeit von uns Menschen. Sie trägt unser Denken über alles hinaus, was wir lernen und wissen, und lässt uns über die Inhalte unserer Gedanken nachdenken. Diese fundamentale Fähigkeit gilt es bei Kindern mit einer Angststörung zu schärfen.
Gedanken können über jeden von uns eine schwer zu beherrschende Macht ausüben. Das gilt besonders für Kinder, die noch kein Geschick darin haben, den Inhalt ihrer Gedanken bewusst wahrzunehmen.
Es ist normal, wenn hinreißende kleine Dreijährige (auch bekannt als Trotzköpfe) in Wut ausbrechen, als gäbe es kein Morgen mehr. Der für die Regulierung von Emotionen zuständige Teil ihres Gehirns muss sich erst noch entwickeln. Doch gleichzeitig verändern sich in solchen Momenten andere Hirnregionen ganz erstaunlich. Denn tatsächlich ist es genau das Alter, in dem manche Kinder erste Anzeichen von Metakognition zeigen(17).
Professor John H. Flavell von der Stanford-Universität gilt als Koryphäe, wenn es darum geht, die Entwicklung der Fähigkeit von Kindern zu verstehen, über ihre eigenen Gedanken nachzudenken. In einer seiner Studien bat er Fünfjährige, Achtjährige und Erwachsene, an etwas zu denken, das sie gern und nicht gern taten. Dann sollten sie ihre Gedanken, während sie diese dachten, in Worte fassen. Die Erwachsenen und die Achtjährigen waren dazu in der Lage, doch nur einige der Fünfjährigen konnten diese Aufgabe erfüllen(18).
Bei Kindern entwickelt sich die Fähigkeit, die eigenen Gedanken bewusst wahrzunehmen und anderen mitzuteilen, etwa zwischen sieben und zwölf Jahren(19). Für Kinder mit einer Angststörung ist das ein riesiger Schritt in ihrer Entwicklung. Diese Kinder brauchen Empathie und ein offenes Ohr, um sich wohlzufühlen und ihre Gedanken mit einem vertrauten Menschen zu teilen. Meist wenden sie sich an ihre Mutter. Es kommt auch vor, dass diese Kinder sich Sorgen machen oder ihre Gedanken sogar als »schlecht« bezeichnen. Von einem schlechten Gedanken zu dem Gefühl, ein schlechter Mensch zu sein, ist es für manche von ihnen nicht weit.
Doch Wahrnehmen ist nur der erste Schritt. Später kommen die Denkfähigkeiten für den Umgang mit schwierigen Gedanken hinzu – wobei es nicht darum geht, mehr Kontrolle über sie zu haben. Wir werden später in diesem Buch genauer darauf eingehen, wie Sie das bewusste Wahrnehmen von Gedanken als Instrument einsetzen können, um die Angst Ihres Kindes positiv zu beeinflussen.
Kontrolle hat etwas Beruhigendes, nicht wahr? Die Fähigkeit, unsere Gedanken und Gefühle zu kontrollieren, ist verlockend, auch wenn es tatsächlich nicht möglich ist – zumindest nicht über längere Zeit. Die meisten von uns wachsen in dem Glauben auf, dass wir mehr Einfluss auf unsere Gedanken haben, als es wirklich der Fall ist. Wer versucht, an irgendetwas nicht zu denken, kann sich sicher sein, dass er es stets vor Augen hat, schließlich muss sich das Gehirn permanent daran erinnern, worüber es nicht nachdenken darf!
In diesem Zusammenhang führte Professor Flavell aus Stanford weitere Untersuchungen durch. Er wollte genauer verstehen, wann Kinder feststellen, dass sie nur wenig Einfluss auf den Inhalt ihrer Gedanken haben. Das passiert etwa im Alter von acht Jahren(20). Spätestens mit 13 Jahren wissen die meisten Kinder, dass Gedanken kommen und gehen können und sie, was ihren Inhalt angeht, nicht immer das letzte Wort haben – ob es ihnen gefällt oder nicht.
Wenn Kinder an Angst leiden, hören sie oft Sätze wie: »Mach dir keine Sorgen«. Besorgte Kinder suchen dauernd die Bestätigung ihrer Eltern. Dieses permanente Bedürfnis ist eines der Markenzeichen von Angst: Die Kinder möchten einfach nur hören, dass alles wieder ins Lot kommen wird. Und natürlich möchten Eltern ihre angstgeplagten Kinder beruhigen: »Nein, unter dem Bett lauert kein Monster!«, »Du wirst den Test mit Bravour bestehen« oder »Ach, die Klassenfahrt wird großartig werden«.
Das Problem ist nur – und Ihre eigenen Erfahrungen werden das wahrscheinlich bestätigen –, das alles hilft nichts. Suggestive Andeutungen wie »Keine Angst, alles wird gut« fordern das Kind dazu auf, seine Gedanken unter Kontrolle zu bringen, was aber (wie wir wissen) gar nicht möglich ist. Niemand von uns kann das.
Das ständige Sich-Sorgen-Machen ist für die Kleinen schwer auszuhalten, und deshalb wundert es nicht, wenn sie sich an ihre Eltern wenden und die Bestätigung suchen, dass alles gut werden wird. So wird ihnen eine schwere Last von den Schultern genommen – jedoch nicht für lange. Denn leider macht sich ihr ängstlicher Verstand schon bald über etwas anderes Sorgen, womit auch das Verlangen nach Bestätigung zurückkehrt.
Daraus wird zwangsläufig ein Kreis. Ein Kreis, den der Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Christopher McCurry den »Angsttanz« nennt und den er mithilfe seines ABCD-Modells wunderbar erläutert. Dieser Tanz ist zugleich das Produkt und der Höhepunkt von drei entscheidenden »Beweggründen«, die McCurry »Auslöser«, »Verhalten« und »Konsequenzen« nennt(21):
A: Auslöser (activator)
B: Verhalten (behaviour)
C: Konsequenzen (consequences)
D: Tanz (dance)
Auslöser: Der Auslöser ist das Ereignis, das das Kind herausfordert – man könnte ihn auch das auslösende Ereignis nennen. Bei einem Kind mit Trennungsangst könnte der Aktivator z.B. der Abschied von einem Elternteil am Beginn eines Schultages sein.
Verhalten: Wie drückt das Kind seine Angst aus? Das kann jedes Anzeichen dafür sein, dass Ihr Kind gerade Angst hat – der äußere Ausdruck seiner Gefühle. Das Verhalten kann viele Gesichter haben: Klammern, Tränen, die Weigerung, sich zu verabschieden, oder Bauchschmerzen bei dem Kind, das es nicht ertragen kann, von seinen Eltern getrennt zu werden.
Konsequenzen: Hier geht es voll und ganz darum, wie Sie sich als Mutter oder Vater fühlen und was Sie denken. Oft passiert Folgendes: Eltern von Kindern mit Angststörungen fühlen sich besorgt, aufgebracht, ängstlich, frustriert, wütend – alles auf einmal oder irgendetwas dazwischen. Auch quälende oder schuldgeplagte Gedanken sind verbreitet, z.B.: »Das wird nie aufhören!«, »Ist das peinlich«, »Warum kriegen es alle anderen Kinder hin, nur meins nicht?«, »Ich halt’ das nicht mehr lange aus!«.
Der Kreis schließt sich (Tanz): Dann folgt der Tanz, bei dem alles Erdenkliche dafür getan wird, den Auslöser zu beseitigen, damit die Angst des Kindes aufhört. Für das Kind, dass wegen der bevorstehenden Trennung von den Eltern vor dem Klassenzimmer völlig aufgelöst ist, könnte dieser Tanz so aussehen: Die Eltern schließen ihr Kind in die Arme, drücken es immer wieder fest an sich und nehmen es am Ende doch wieder mit nach Hause, um dem Leid ein Ende zu machen. Dieser Tanz wird schnell zum Verhaltensmuster.
Das Kind lernt, dass es das verzweifelte Bedürfnis nach einem Ende seines Angstgefühls mithilfe seiner Eltern stillen kann. Den Auslöser zu vermeiden hilft angsterfüllten Kindern, ihre eigenen Qualen zu mindern. Je öfter sie aber ein solches Vermeidungsverhalten an den Tag legen, desto schwerer wird es ihnen fallen, ihre Angst in den Griff zu bekommen und den wirklich wichtigen Schritt nach vorn zu wagen – in diesem Fall, sich von Mama oder Papa zu verabschieden und in die Schule zu gehen.
Mit jeder Vermeidungserfahrung verfestigt sich das Verhaltensmuster, gewinnt die Angst an Stärke. Ein Verlangen, das unter diesen Umständen mehr als verständlich ist. Das ist der Angsttanz. Er lindert die Angst kurzfristig, hilft den Kindern aber nicht, die nötigen Fähigkeiten zu entwickeln, mit ihrer Angst zurechtzukommen. Ihre Wahl fällt immer darauf, jeder Form von Leid ein Ende zu setzen. »Mach dir darüber keine Sorgen«, oder »Denk’ nicht darüber nach« – all diese Beschwichtigungsversuche werden zu Elementen des Tanzes. So kommt es, dass liebevolle Eltern einerseits die Not ihres Kindes (und ihre eigene, was oft dringend nötig ist) zeitweilig minimieren und andererseits eine ganze Reihe von Tanzschritten trainieren, die wenig hilfreich sind.
Dieses Vorgehen ist unter besorgten Eltern ziemlich verbreitet. Auch deshalb, weil nur etwa die Hälfte der Erwachsenen versteht, dass es unmöglich ist, nicht zu denken(22). Von Kindern mit einer Angststörung zu verlangen, sie sollten sich »keine Sorgen darüber machen«, ist keine Lösung. Unser Verstand bringt, während wir wach sind, eine ununterbrochene Flut von Inhalten hervor, die als »Bewusstseinsstrom« bekannt sind.
Wie sieht also die Alternative aus, wenn Nichtdenken unmöglich ist?
Man kann Kindern helfen, ihre Angst zu kontrollieren. Ein wirkungsvoller Weg ist, sie zu ermutigen – und zwar dazu, schwierige Gedanken zu betrachten, statt den Blick von ihnen abzuwenden. Dieses Konzept geht auf Professor Steven Hayes zurück, einen hoch angesehenen Psychologen, der als Entwickler der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) gilt. Das ist eine weit verbreitete, evidenzbasierte (auf wissenschaftlichen Beweisen beruhende) Therapie für Angst und andere psychische Erkrankungen.
Wenn angstgeplagte Kinder ihre Gedanken betrachten, ist das so, als würden sie von einer heftigen Strömung flussabwärts gerissen. Für solche Kinder ist die Fähigkeit, schwierige und aufdringliche Gedanken zu bemerken und zu erkennen, vergleichbar mit der Möglichkeit, am Ufer zu stehen und den Fluss vorbeiziehen zu sehen.
Mithilfe solcher Fähigkeiten können Kinder uns Eltern signalisieren, dass sie mit dem Inhalt ihrer Gedanken gerade nicht klarkommen – und wir können erkennen, dass sie Hilfe benötigen.
Wie gut, dass unsere Gedanken geheim sind. Uns allen gehen Dinge durch den Kopf, die dem Kern unseres Wesens widersprechen oder so irrational sein können, dass es peinlich wäre, sie anderen zu erklären. Diese Gedanken können wertend, vorwurfsvoll oder gemein sein, auch wenn sie noch so flüchtig sind.
Als Erwachsene lernen wir, dass Gedanken keine Tatsachen sind, und wir schieben sie beiseite, ohne es überhaupt zu merken. Wenn Kinder Angst haben, kann es aber sein, dass ihre Gedanken länger verweilen und ihre Angst noch stärker anfachen: »Warum denke ich das gerade?«, »Ich will so nicht denken, aber ich kann nicht aufhören«, »Was stimmt mit mir nicht?«, »Was würden die Leute von mir halten, wenn sie wüssten, was mir durch den Kopf geht?«, »Was werden Mama und Papa von mir denken, wenn ich es ihnen sage?«.
Angsterfüllte Kinder schämen sich manchmal für ihre Gedanken. Deren Inhalt kann sie derart verwirren und in Verlegenheit bringen, dass sie sich dagegen wehren, sie laut auszusprechen. Das trifft umso mehr zu, wenn sie im Teenageralter sind oder darauf zugehen. Mitunter fällt es ihnen schwer, schräge oder beunruhigende Gedanken mit anderen zu teilen, selbst mit ihren engsten Vertrauten.
Für viele, wenn auch nicht alle Kinder sind Sorgen ebenso Teil des Angst-Puzzles wie schmerzhafte oder schwierige Gedanken. Sie brauchen jemanden zum Reden. Wir können unseren Kindern zwar sagen, dass wir für sie da sind, doch unsere Worte reichen nicht: Wir müssen es ihnen zeigen.
Aus Kindersicht buchstabiert man Liebe so: Z-E-I-T. Die Idee ist ein bisschen abgedroschen, aber wahr. Eine liebevolle, fürsorgliche Beziehung zu unseren Kindern, die auf Zeit fußt, die man bewusst miteinander verbringt, hilft ihnen, ihre Gedanken mit gutem Gefühl mit uns zu teilen.
Zeigen Sie Ihren Kindern Liebe. Seien Sie nicht nur für sie da, wenn sie Ihre Unterstützung brauchen, sondern auch zwischendurch. Zeigen wir es ihnen, indem wir bei dem, was wir in diesem Augenblick tun, innehalten – das Telefon, das Gemüsemesser oder unsere Arbeit weglegen, ihnen in die Augen schauen und präsent sind. Wenn wir das tun, gewinnen wir ihr Vertrauen, indem wir ihnen signalisieren, dass wir verfügbar sind. Sie werden nicht zu uns kommen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie uns ständig bei irgendetwas stören oder dass uns andere Dinge wichtiger sind. Hier und jetzt mit unseren Kindern präsent zu sein, ist die wichtigste Zeit, die wir jemals als Eltern verbringen werden.
Angst kann aus vielerlei Gründen übersehen werden. Oft wirken die Kinder im Alltag nicht merklich beeinträchtigt, und sie können im Allgemeinen sogar glücklich sein. Angst muss nicht jeden ihrer Atemzüge begleiten, doch es wird Anzeichen für sie geben, wenn man weiß, wonach man suchen muss.
Entscheidend ist, Angst frühzeitig festzustellen. Die erste Aufgabe besteht darin, Angst bei Kindern zu erkennen. Allein das Bewusstsein, dass das, was sie durchmachen, einen Namen hat, dass auch andere Kinder vor dieser Herausforderung stehen, kann sie schon erleichtern. Ganz zu schweigen davon, dass das Erkennen der erste Schritt hin zu professioneller Hilfe ist. Sie fühlen sich gehört, verstanden und optimistisch – ein ausgezeichneter Anfang.
Kennen auch Sie diese Last-minute-Anfragen, die manchmal morgens kurz vor dem Aufbruch zur Schule aufkommen? Die Taschen sind gepackt, die Haare gekämmt, die Zähne geputzt, die Schuhe angezogen und das Auto startklar, doch dann heißt es: »Kannst du bitte mein Hausaufgabenheft unterschreiben?«, »Ich hab’ den Geschirrspüler nicht ausgeräumt«, »Meine Schuhe standen draußen im Regen und sind nass« oder »Ich schulde Ben fünf Euro, er hat gestern mein Mittagessen bezahlt«.
Bald schon läutet die Schulglocke.
Die Hoffnung, rechtzeitig zur Arbeit oder zu einem Termin zu kommen, schwindet.
Ihr Stresspegel steigt, Sie werden immer unruhiger und alle spüren es.
Stress und Angst sind ansteckend. Die Kinder können sich bei uns und wir uns bei ihnen »anstecken«.
Getrieben von dem Wunsch, mehr über diese Ansteckung zu erfahren, entwickelte ein von Wendy Mendes geleitetes Forscherteam der Universität von Kalifornien ein faszinierendes Experiment. Die Wissenschaftler wollten messen, ob der Stress, den eine Mutter empfindet, von deren Kleinkind »eingefangen« wird.
Jede Mutter, die an der Studie teilnahm, brachte eine befreundete oder verwandte Person sowie ihren 12–14 Monate alten Nachwuchs mit. Wenn das Kind einmal nicht bei seiner Mutter war, blieb es bei einem bekannten und vertrauten Menschen, bei dem es sich wohlfühlte. Am Anfang des Experiments verbrachte jede Mutter Zeit mit ihrem Kind, damit sich beide entspannt und behaglich fühlten. In diesem Zustand nahmen die Forscher stressbezogene Messungen bei den Müttern vor, um Vergleichswerte zu gewinnen, bevor die Frauen einen Fragebogen ausfüllten. Dann begann das Experiment, wobei der Stresspegel kontinuierlich überwacht wurde.
Nach und nach erledigte jede am Experiment teilnehmende Mutter einzeln exakt dieselbe Aufgabe. Dazu zählte eine fünfminütige Rede vor zwei Gutachtern, in der die Frauen ihre eigenen Stärken und Schwächen darlegen sollten. Anschließend hatten die Gutachter fünf Minuten Zeit, Fragen zu stellen.
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben gerade fünf Minuten lang vor zwei Fremden über Ihre Stärken und Schwächen referiert und beantworten jetzt die Fragen der beiden. Die Gutachter nicken, lächeln und lehnen sich in ihrem Stuhl nach vorn. Fühlt sich gut an, oder? So sieht positives Feedback aus. Sie wissen, dass sie Ihnen gern zuhören und Ihre Antworten gutheißen, und Sie sind sicher, alles richtig zu machen.
Einige der Mütter machten genau diese Erfahrung. Für andere war sie dagegen nicht ganz so schön.
Die Eltern, die sich zur Teilnahme an der Untersuchung bereit erklärt hatten, wurden in drei Gruppen eingeteilt. Frauen der ersten Gruppe bekamen positives Feedback, die der zweiten wurden nicht von den Gutachtern befragt, sondern mussten jeweils nur ein paar Fragen beantworten, die der dritten Gruppe bekamen negatives Feedback. Als diese Frauen vorsprachen und auf die Fragen der Gutachter antworteten, zeigten sich diese durch Stirnrunzeln, Kopfschütteln, verschränkte Arme und Im-Stuhl-Zurücklehnen zunehmend negativ.
Nach ihrem Vortrag und der Frage-Antwort-Runde füllte jede Mutter einen weiteren Fragebogen aus, bevor sie wieder mit ihrem Nachwuchs vereint wurde. Sie dürfen dreimal raten, welche Gruppe den meisten Stress empfunden hatte! Vor wildfremden Menschen eine Rede über sich selbst zu halten, ist allein schon stressig genug, dazu muss man nicht erst zum Ziel finsterer Blicke und negativer Körpersprache werden.
Es war faszinierend, wie sich der Stress der Mütter unmittelbar auf ihre Kleinkinder übertrug. Obwohl diese zu keiner Zeit irgendwelchem Stress ausgesetzt gewesen waren, machten sie sich die Angstgefühle ihrer Mütter zu eigen. Die Anspannung der Kinder, die sich an den Veränderungen ihrer Herzfrequenz ablesen ließ, spiegelte augenblicklich den Stress ihrer Mütter wider. Das Forscherteam vermutet, dass der Stress der Mutter durch ihre Gesichtsausdrücke, ihre Körperhaltung und Berührung, ihren Tonfall und ihre Tonfolge sowie durch ihren Geruch an das Kind weitergegeben wurde(23). Faszinierend!
Erinnern Sie sich noch, wie es sich anfühlte, ein schreiendes Baby zu beruhigen, wenn Sie selbst müde und genervt waren? Als Eltern versuchten wir, uns nach außen hin ruhig zu geben, obwohl es im Inneren brodelte und wir inständig baten: »Schlaf doch bitte einfach ein!« Diese Monologe waren unter Umständen nicht immer jugendfrei! Mit zunehmendem Stress stieg unser Bedürfnis, dass sich unser Baby beruhigte – aber es tat genau das Gegenteil. Unser Stress war ansteckend. Kein Wunder, dass das Kleine sich so reinsteigerte! Ruhig zu bleiben kann schwierig sein, wenn man die ganze Zeit kaum ein Auge zutut und jede freie Minute mit der Betreuung von kleinen Kindern verbringt. Wir erzählen Ihnen da nichts Neues. Manchmal reden wir mit unseren Kindern ungeduldig, überreagieren oder schreien sie sogar an. Meist haben wir es in diesen Momenten sowohl mit unserer eigenen Angst als auch mit der der aufgelösten Kindern zu tun.
Andrews Geschichte
In der Vorschule hatte Andrew zwei gestresste Lehrer, die andauernd schrien. Ihr Schreien richtete sich nicht an ihn direkt, sondern gehörte zu jener Sorte wahllosen Herumbrüllens im Klassenzimmer, das sich irgendwann auf alle auswirkt. Am Ende hatte Andrew Bauchschmerzen und wollte nicht mehr zur Vorschule gehen. Er war erst vier Jahre alt, und der Stress und die Ängstlichkeit seiner Lehrer hatten ihn schrecklich aufgewühlt.
Er klagte täglich über Bauchschmerzen und wurde trotzdem weiter zur Schule geschickt. Seine Eltern wussten, dass er nicht krank war, zumindest nicht in körperlicher Hinsicht. Er hatte einen gesunden Appetit, kein Fieber und übergab sich nicht. Bis zu jenem Tag, an dem er sich von oben bis unten über das Kind vor ihm erbrach, während die Klasse im Schneidersitz auf dem Boden saß und ihre Lehrer die Anwesenheitsliste ausfüllten. Andrews tägliche Klagen darüber, dass er sich unwohl fühle, wurden beiseitegewischt, und als er wirklich krank war, glaubte es ihm niemand.
Schüler, die von angespannten Lehrern unterrichtet werden, haben einen erhöhten Pegel des Stresshormons Kortisol(24). Für Kinder wie Andrew sind solche Umgebungen anstrengend, weil sie sich die Ängstlichkeit ihrer Lehrer ganz leicht »einfangen« können.
Wenn Sie auf dem Weg zur Schule und zur Arbeit spät dran sind, dauert die Ängstlichkeit (das aufkommende Angstgefühl) oft nur kurz. Das ist eine normale menschliche Emotion, die wir alle kennen. Den Stressor (in diesem Fall das Zu-spät-Kommen) interpretiert unser Gehirn als Gefahr. Plötzlich befinden wir uns in höchster Alarmbereitschaft und die Kampf-oder-Flucht-Reaktion setzt ein. Wenn sich alles wieder beruhigt hat, wenn wir endlich unterwegs sind und die Kinder merken, dass es keinen Eintrag fürs Zu-spät-Kommen geben wird, entspannen sich alle und die Aufregung vergeht. Bei Menschen mit einer Angststörung geht die Angst aber erst wieder, nachdem die Party längst vorüber ist.
